Eichener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang $926 Dienstag, den 6. Juli Kummer 5< Stunde vor dem Schlaf. Von Anton Schnack. Ein Geheimnis überall, Unerkenntlich rauschen Quellen. Dunkel liegt im Tal. Wie aus Schlafverlorenheit ruft Vogellaut, . kommt Hundebelten. Bor des Hauses Tür Geht ein Wind Zaghaft, traumhaft: schier Wie ein Kind . . . Dann ist reine Stille, 'Nichts stört ihren Hauch, Bis die Grille Anfängt zag zu zirpen unterm Rosenstrauch. Ich will einmal sehen, Ob der Abendstern schon ganz am Himmel steht; O du schönes Kindheitsnachtgebet Mit dir will ich schlafen gehen . . . MerkrsrÄrdiges von der Osterinsel. Ueber die Osterinsel, die ein wahres Knäuel von Problemen, vielleicht das verfchlungenste und verwirrteste der ozeanischen Vorgeschichte überhaupt darbietet, ist soeben im Änselverlag zu Leipzig ein Buch von F r i e d r i ch E ch u l z e- Maizier erschienen, das auf den vom März 1014 bis August 1915 angestellten Forschungen von Mrs. Katherine Scoresby Routledge beruht, aber durch Verwertung anderen von ihr nicht benutzten Materials als Fazit und synthetllche Verarbeitung der gesamten Osterinsel-Literatur über ihr nach Beendigung des Krieges veröffentlichtes Werk ..The mystery of Taster Island“ hinausführt. In den Weiten des östlichen Pazifik, viertausend Kilometer westlich Valparaiso, ragt eine kleine, kaum über drei deutsche Meilen sich ausdehnende Basaltinsel kahl und einsam aus tiefen Fluten, — ein fern nach Osten versprengter, letzter Ausläufer der polynesischen Welt. „Paasch-Eiland", Osterinsel, nannte sie „zum Gedächtnis der Auferstehung unseres Herrn" ihr europäischer Entdecker, der holländische Admiral Jakob Roggeween, der Ostern 1722 als erster Weißer die steilen Küsten betrat. Dürftig ist Fauna und Flora, alles fließende Wasser fehlt auf dem porösen Boden, kein Baum belebt die steinerne Physiognomie der durchaus vulkanischen Landschaft. Doch etwas Seltsames, Rätselhaftes überraschte schon die ersten Europäer, die vor zweihundert Jahren dieses noch heute ganz abseits der großen Schiffahrtslinien liegende Eiland betraten: Hunderte von mächtigen Steinstatuen, meist mehrere Meter übern: Boden ragend, unter ihnen Kolosse von 23 Meter Gesamtlänge, sind über die Insel verstreut, liegen zu Dutzenden in Trümmern auf riesigen, halb verfallenen Terrassen, stehen einsam an öden Plätze», auf Strand und Hügel, und starren in ganzen Scharen an den Abhängen, ja selbst an den inneren Kraterwünden eines auf der Osthälfte sich erhebenden erloschenen Vulkans. Manche dieser Figuren, obwohl fast sämtlich nach demselben Typus gestaltet, zeigen eine urwüchsige, drohende Wucht des Ausdrucks und bei aller oft fast rohen Primitivität eine von verblüffendem Stilgefühl zeugende Sicherheit der Gestaltung. Noch liegen in den verlassenen Stein- hrüchen die steinernen Meißel und harten Obsidianspitzen, mit denen die Bildhauer entschwundener Zeiten diese Legion steinerner Giganten aus dem weichen Laoatuff herausmeißelten, während aus dem grasigen Boden nach allen Richtungen hin die wunderlichen Riesenköpfe herausstarren, mit schmalen Stirnen, tiefen, dunklen Augenhöhlen, langen Ohre», großen konkaven Rasen und strengen, fest zusammengepreßten Lipvenwülsten, — eine fremdartige, verwunschene Welt. Um dem Problem der Steinfiguren näherzukommen, sollen zuerst diejenigen Kultstätten betrachtet werden, bei denen die ältesten, am unverkennbarsten archaischen und prähistorischen Idole gefunden werden. Die Steinplastiken der Insel zeigen nämlich, wie schon angedeutet, bei genauerer Betrachtung verschiedene Typen: einen älteren, massiveren, ungeschlachteren — die mit riesigen Tuffsteingylindem gekrönten Statuen auf den Bestattungsterrassen, den „Ahu" —; und einen unverkennbar jüngeren, besser erhaltenen, feiner gearbeiteten, wie er sich am eindrucksvollsten darbietet in den Scharen hutloser Figuren, welche die Abhänge und Steinbrüche des Rano Raraku so geisterhaft beleben. Das Wort „Ahu" behalten wir am besten bei, da uns Europäern für das Objekt, das es bezeichnen soll, kein Aeauivalent zur Verfügung steht. Die alten Osterinsulaner pflegten ihre Tote» lm allgemeinen weder zu begraben noch zu verbrennen, sondern folgendermaßen zu bestatten: Die Leiche, der man mitunter Meißel, Angelhaken und andere Geräte mitgab, wurde vom Kopf bis zu den Füßen vollständig in Tnpadecken und Schilfmatten eingewickelt und als ein fest verschnürtes längliches Bündel auf einem niedrigen Stabgerüst, das auf den, Ahu stand, der scharfen Seeluft ausgesetzt, bis das Fleisch verwest war. Solange dec Tote aut dem Gerüst lag. war die Nachbarschaft des Ahu streng tabu- Pera" hieß dieses Toten-Tabu. Wir wissen jetzt, warum die Mannschaft des Spaniers Gonzalez von den Eingeborenen so dringend gebeten wurde, an bestimmten Stellen nicht zu rauchen; alles Feuermachen und Kochen, auch alles Fische» war innerhalb des Perabezirkes verboten, vier Verwandte des Toten hielten Wache, und jeder, der den Ort entweihte, müßte gewärtig sein, daß ihm der Schädel ein- geschlagsn wurde. Die Trauer dauerte oft mehrere Jahre. Waren Leiche und Gestell in Stücke zerfallen, dann wurden die Gebeine auf dem Ahu beigesetzt (mitunter wohl auch anderwärts begrabens und das Ende der Trauer durch eines jener großen Gedenkfeste gefeiert, in deren Begehung man auf der Osterinsel allezeit wahrhaft virtuos gewesen zu sein scheint. Mit diesem Schmaus aber, so schloß ein Insulaner, von dem Mrs. Routledge, sich informieren lieh, „war Papa erledigt". Das Ahu selbst nun, auf dem die so zurechtqemachte Leiche ausgesetzt wurde, konnte in ziemlich wechselreichen Formen gehalten sem. 2(n der Bucht von Tongariki im Südosten der Insel, einer dec ältesten und wichtigsten Kultstätten, erhob sich zu Füßen des Rano Raraku ein gewaltiges Ahu, vielleicht das imposanteste von alten - an seinem Beispiel läßt sich der Haupttypus dieser Bestattungsstätten am eindrucksvollsten verdeutlichen. Parallel zur Strand- linie ragte dicht am Gestade eine schmale, aus derben Basaltquadern gefügte, mauerartige Terrasse, die nach der See zu senkrecht abfiel und fünfzig Meter lang und etwa drei Meter hoch war. Auf ihr standen in einer Reihe, durch regelmäßige Zwischenräume getrennt, nicht weniger als fiinszehn mächtige, mit rötlichen Stein« zylmdern gekrönte Figuren; sie wandten alle dem Meer ihren Rücken zu und starrten mit ihren schwarzen Augenhöhlen nach dem Toten, der weiter landeinwärts auf seinem Gerüst lag. Rechts und links schlossen sich an die Terrassenmauer flügelartige Fortsätze an, die etwas weiter rückwärts liefen; zusammen mit diesen Flügeln war die gesamte Anlage hundertsechzig Meter lang. Nach hinten zu fiel die Terrasse zunächst in steiler, dann aber in ganz sanfter Senkung ab, bis sie schließlich das Niveau des Erdbodens erreichte. Diese schiefe Ebene hatte offenbar den Zweck, den Transport der Statuen zu erleichtern. Mit ein wenig Phantasie läßt sich der ursprüngliche Eindruck solch eines Ahu wohl ausdenken: der ganze Platz in der streng bewahrten Einsamkeit des Pera. Hoch oben über den Wächtern die Front der Steingiganten, deren dunkle Silhouetten sich scharf vom Himmel ab- heben. Im Hintergründe, unsichtbar den Trauernden, der Ozean uns der ewige Laut seiner Wellen. Am besten unterrichtet sind wir über die Gebräuche, welche bei der Bestattung eines „Tangata-Jka", eines erschlagenen Mannes, ausgeübt wurden. Während die Nachbarn das Geschäft der Rache aufnahmen, hielten die Hinterbliebene» tags und nachts die Totenwache. Noch heute steht auf einem Ahu der Nordküste ein aus Steinen roh gefügter Stuhl. Hier hatte der nackte Leichnam eines Mannes namens Kota-vari-vari der zu Akähanga an der Siidkiiste erschlagen worden war. Ein Mann hielt den toten Körper fest, während hinter ihm zwei andere saßen, welche Zaubersprüche fangen, nm der Arbeit der Rächer zum Erfolg zu verhelfen. Auch diese Wächter waren nackt, ihre Leiber hatten sie mit schwarzer Asche bestrichen, sie trugen Federhüte auf dem Kopf und Tanzruder in ihren Händen. Der Leiter der düsteren Zeremonie wurde der „Timo" genannt. Gerade mit diesen Riten war offenbar eine Anzahl der Schrifttafeln verknüpft; für jedes Ahu wurde ein Kohau angelegt, welches die daselbst beigesetzten ermordeten Männer verzeichnete. Halfen die beim Ahu vollzogenen Rache-Riten nichts, so grub der Zauberer die Kleider des Ermordeten heimlich unterm Herde des Widersachers in die Erde; aß jener dann von der Speise, die auf einer derart verzauberten Feuerstelle zubereitet wurde, so starb er gewiß die Nacht darauf. Jede Bestattung endete in einer große» Schmauserei und war ein willkommener Anlaß zu einem Fest. * Auf Rapanui feierte man eigentlich immer Feste, zu einer Bestattung erschien oft die ganze Insel; denn „wenn Ne sich nicht gerade die Schädel einschlngen, waren sie alle 'Settern7', meinte ein In- - 214 - fulnner. In dieser Beziehung hatte der Missionar Eugene Eyraud, der 1864 gelandet war, um ganz allein die Missionsarbeit auszunehmen, richtig beobachtet. „In der Tat", so schreibt er, „haben die guten Leute während der zwölf Monate des Jahres nichts zu tun. Ein einziger Arbeitstag sichert ihnen eine überreiche Kartoffelernte für ein ganzes Jahr; während der übrigen 364 Tage geht man spazieren, schläft oder macht Besuche. Fortwährend gibt es Versamm- Ningen und Feste. Hören sie an einer stelle der Insel auf, so beginnen sie von neuem an einer anderen." Psychologie und Verbrechertum. Don Dr. O. K l e m in, Professor an der Universität Leipzig. Don einem gehenimnisvollen Reize ist immer die Aufgabe umgeben gewesen, in die Seele eines anderen Menschen gegen dessen eigenen Willen einzudringen, und das Wissen um einen Tatbestand, das jener absichtlich verbirgt, ans Licht zu ziehen: Die Mitwirkung bei solchen Entlarvungen! ist, eines der frühesten Anwendungsgebiete geworden, auf das sich die im Laboratorium erstarke Methotik der experimentellen Psychologie hinausgewagt hat. Freilich hat sie hierbei an den angeblichen Leistungen der Gedankenleser und anderer okkulter Persönlichkeiten keinerlei Unterstützung gefunden. Das beinahe völlige Versagen der Gedankenleser bei kriminellen Ernstfällen sollte jedem zu denken geben, der sich leichtgläubig den Lockungen solcher okkulter Psychologie! in. die Arme werfen möchte! Vielmehr blieb die Psychologie streng und exak bei den erfahrungsmäßigen! Zusammenhängen; jeder seelisch!- Vorgang, also auch das.„QSiffen uni einen Sachverhalt", die „Täterschaft eines Verbrechens", das der Beschul- digte verheimlicht, ist von Ausdrucksbewegungen irgendwelcher Art begleitet. Wir kennen aus der alltäglichen Erfahrung solche Ausdrucksbewegungen, die den Ablauf starker Affekte begleiten; das Erröten und Erblassen, das uns den Wechsel in der Dluk- iülle der feinsten unsere Haut durchziehenden Blutgefäße anzeigt, die Veränderungen der Atmung, die Mitbewegung von Muskelpartien, besonders im Antlitz, die wechselnde Färbung unserer Stimme, die Schwankungen im Zeitablauf unserer Sprachlaute. Manche solcher Nusdrucksbewegungen sind unserer Willkür untertan, so die Bewegungen unserer Hände, manche sind ihr normalerweise entzogen, so die Stgentümlichkeiten des Blutkreislaufes, andere wiederum sind halbwillkürlich, so die Atmungsbewegungen!. Die Psychologie hat mit besonderen Methoden, den_ sog. Ausdrucksmethoden, diese körperlichen Veränderungen, in ihrer Zuordnung zu bestimmten Arten von Bewuhtseinsvorgängen bis in ihre seinsten Verzweigungen hinein verfolgt, sie hat auch solche Symptome kennengelernt, die sich der außerexperimentellen Erfahrung gänzlich entziehen, wie die Veränderung in dem elektrischen Leitungswiderstand des Körpers, oder in den zartesten elektromotorischen Erregungen, die jederzeit den lebendigen^ Organismus umspielen, und besonders von der Tätigkeit des Herzmuskels ausgehen. Darüber hinaus hat sie es gelernt, die, Spuren früherer Erlebnisse, die jemand verheimlichen möchte, in ihrer rein psychischen Wirkung auf den augenblicklichen Bewußtseins- znstaird zu erfassen; man stellt in dem sog. „Assoziationsversuch" die Ausgabe, auf ein zugerufenes Reizwort hin mit dem, ersten einfallenden Worte zu antworten; die Art und die Zeitdauer solcher Assoziationen unterscheidet sich, je nachdem, ob das Reizwort ein gleichgültiges ist, oder ob es ein kritisches ist, d. h., ob es zu einem Sachverhalt gehört, den die Versuchsperson erlebt hat, und von dem interessenbetonte Spuren in ihr hinterlassen! worden sind. Bei einer Entwendung von Geld aus einem Geldbeutel aus einem offenen Küchenschrank betrug im Durchschnitt die Dauer der Assoziation bei den kritischen Wörtern („Geld", „Köchin", „Schrank" uff.) 5,1 Sekunden, während sie im 'Durchschnitt aller Versuche, einschließlich der gleichgültigen Reizwörter („Himmel", „grün", „spazieren" usf.) nur 3,9 Sekunden betrug. Der genauerem Zusehen zeigen sich mancherlei Verwickelungen, und es bedarf der ganzen Kunst des erfahrenen ^Psychologen, um aus einer solchen Reihe von Assoziationsversuchen mit Mischung kritischer und gleichgültiger Reizwörter ein Urteil darüber abzugeben, ob die Versuchsperson durch eigenes Erleben mit dem Tatbestand zusammenhängt. Die Ausarbeitung solcher Methoden! muh sich vor ihrer Erprobung int 'Ernstfall mit künstlich herbeigeführten Versuchssituationen bescheiden. Man richtet einen Laboratoriumsversuch ein, in dem die eine Gruppe von Teilnehmern, die „schuldig" einen Tatbestand erlebt hat, der als der verbrecherische gilt, während eine andere ihn nicht kennt; dann lassen sich auf alle Teilnehmer in vergleichbarer Weise die au- gedeuteten Methoden anwenden. Die Ergebnisse werden durch einen Dritten ausgewertet, der die -Unterscheidung in „Täter" und „Richttäter" nicht kennt, und nun läßt sich der Aussall seiner Diagnose aus Grund der psychologischen Methoden sehr scharf an dem wirklichen Verhalten der Versuchspersonen prüfen. 'Oder man kann in anderen Fällen eine Versuchsperson einem zusammenhängenden Verhör unterwerfen, das sie zum Teil mit aufrichtigen, zum Teil mit lügnerischen Anworten begleitet und wiederum versuchen, an der Hand der 'Ausdruckssymptome die einzelnen Antworten nach Wahrheit und Lüge zu trennen. Mögen sich hierbei noch so große Sicherheiten in der Tragweite einzelner Methoden ergeben, die Uebertragung auf den Ernstfall stiftet doch eine wesentlich veränderte Situation. Zunächst sind alle solche Methoden, die eine willkürliche Teilnahme der Versuchspersonen verlangen, wie die angedeutete Assv- ziationsmethode, jederzeit der Möglichkeit ausgesetzt, daß sich der Beschuldigte ihr entzieht, indem er eben den Anweisungen des pintersuchenden einfach ausweicht. Vor allem aber haben wir im Ernstfälle mit einer so gewaltigen Ilmstellung des Gesamterlebens zu rechnen, daß manche der Symptome, die wir im Laboratoriumsversuch sauber zu trennen vermögen, sich überdecken, und so die Diagnose vieldeutig machen. Die bloße Verdächtigung, und erst recht die Beschuldigung, vermag das Gefühlsleben so zu erschüttern, daß auch die unbeteiligten! Vor-, stellungen in die allgemeine Aufregung hineiitgerisfen werdens Etwa die Veränderung in der elektrischen Leitfähigkeit des Körpers tritt dann bei allen Vorstellungen auf und greift weit über die kritische hinaus. Es scheint, daß Noch am ehesten solche Gnt- larvungsmet'hoden zum Ziele führen, die sich entweder auf das kritische Verhalten stützen, noch auf das _ ganz reflektorische, sondern auf die halbwillkürlichen , Funktionen, wie die Atmung. Tatsächlich kennt die Psychologie schon seit Jahren aus sorgsältigen Laboratoriumsversuchen die Atmungssymptome der Lüge. Freilich sind diese nicht mit dem bloßen Auge sichtbar. Man muß die Atmung registrieren, und dann die erhaltenen Kurvenbilder ausmessen. Hierbei ergeben sich Veränderungen in der Atmung, die der Lüge und der Nusrichtigkeit in der Aussage einer Versuchsperson so sicher zu- geordnet sind, daß der Kundige mit einer ziemlichen Wahrschem- lichkeit aus dem Kurveribild den Eharakter der Aussagen diagnostizieren kann. Selbstverständlich hat die, Psychologie den schwierigen 'Versuch gemacht, die'se Verfahren 'in der kriminellen Praxis zu erproben. Oft genug scheiterte es an dem Widerstände der Beschuldigten. Die Meinung, daß der zu Unrecht Beschuldigte besonders willig eine solche Methode über sich ergehen lassen werde, um sich zu rechtfertigen, erwies sich als allzu einfach gegenüber den wirklichen Verwickelungen, die sich bei dem Verhör innerhalb der Gefängnismauern ereignen. Vielmehr fand sich in den meisten Fällen eine ablehnende Haltung gegen das Verfahren, die sich oft zu Abwehrfällen steigerte, und nicht nur die Beobachtung jener Symptome, sondern überhaupt die Fortsetzung eines Verhörs unmöglich machte. Immerhin sind in meiner Beobachtung einige Fälle zutage getreten, die ein Weitergehen auf diesem Wege nicht ganz, aussichtslos erscheinen 'lassen. Es ist ja kein Zufall, daß die im Laboratorium entdeckten Symptome der Lüge gerade Atmungssymptome waren. Denn die Atmung hat sich in zahlreichen Untersuchungen als ein besonders feines Reagenz für Verlängerungen im Gefühlslauf und darüber hinaus in der inneren Haltung einer Versuchsperson überhaupt erwiesen. Wir kennen auch den Einfluß, den die Beobachtung der Atmungsbewegungen Bei manchen Leistungen der Gedankenleser spielt, und kein geringerer, äks Wilhelm Wundt, der zuerst die ällgemÄn psychologische Bedeutung der Ausdrucksbewegungen erkannte, hat immer wieder die 'Atmung als einen Träger von besonders vielen und femgegileüerten solcher Ausdrucksbewegungen kn 'Anspruch genommen. Die Psychologie vermag der Kriminalistik nicht eine fertige Methode in die Hand zu geben, aber sie steht zur Mitarbeit bereit, wenn es gilt, dem Rechtsbrecher die Larve herunterzureihen, und kann kein Zweifel darüber bestehen, daß aus den bisherigen Ansätzen sich wichtige Hilfsmittel für den Unter« suchungsrichter ergeben werden. Der Flugmotor der Zukunft. Von Diplom-Ingenieur Walter Fischer. Vor kurzem brachten die Tageszeitungen die Nachricht, daß der vom deutschen Rundflug 1925 her bekannte Flugzeugführer Billik beim Einfliegen einer neuen Maschine auf dem Flugplatz Staaken bei Berlin tätlich verunglückt sei. Der Anfall hatte sich dadurch ereignet, daß das Flugzeug beim Beschreiben einer scharfen Kurve in geringer Löhe abrutschte, und beim Aufschlagen auf den Boden infolge Erplosion des Benzintanks Feuer fing. Billik, der im Führersitz festgeschnallt war, und sich nicht schnell genug zu befreien vermochte, konnte nur als verkohlte Leiche unter den Trümmern hervorgezogen werden. c Dieser Anfall beweist aufs neue, welche Gefahren die Verwendung des leichtexplosiblen, hoch feuergefährlichen Benzins im Flugbetriebe mit sich bringt. Billik wäre in Anbetracht der relativ geringen Höhe, aus welcher der Sturz erfolgte, sehr wahrscheinlich mit dem Leben, wenn auch nicht ohne mehr oder minder schweren Verletzungen davongekommen, wenn nicht die Explosion des Benzintanks jede Hoffnung auf Rettung vereitelt hätte. Aehuliche Fälle ließen sich aus der Geschichte der Fliegerei zu Dutzenden anführen. Die Gefährlichkeit des Benzins beschränkt sich jedoch nicht nur auf die Gefahr einer Tankexplosion bei event. Bruchlandungen oder Stürzen. Größer noch ist die Zahl der Fälle, in denen Flugzeuge hoch in der Lust plötzlich in Brand gerieten und brennend zu Boden stürzten. Auch hier ist die leichte Entflammbarkeit des Benzins fast immer der Anlaß für die Katastrophe gewesen. Besonders die berüchtigten „Vergaserbrände", ans deren Arsachen hier nicht näher eingegangen werden kann, die jedoch selbst beim best- konstruierten Flugmotor sich nicht mit absoluter Sicherheit ver- meiden lassen, haben zum Tode so manches tüchtigen Piloten geführt. Es fei hier nur an die beiden bedauerlichen Anfälle während des deutschen Rundflugs 1925 erinnert, bei denen die Flugzeugführer Heck und von der Linde infolge Vergaserbrandes mit brennende^ 215 — Maschine abstürzten und schwer verletzt wurden. Auch der kürzlich gemeldete, brennende Absturz eines französischen Farman-„Goliath"° Großverkehrfluazeuges, bei dem der größte Teil der Insassen den Tod fand, dürfte auf einen Vergaserbrand zurückzuführen gewesen fein. In neuerer Zeit ist man nun bestrebt, die Brandgefahr durch Einbau eines sog. „Brandspants", der den Motorraum hermetisch von den übrigen Räumen des Flugzeugs abschließt, zu verringern. Besonders aber die Anwendung der Ganzme.tallbauart (Junkers, Dornier), sowie die Mitführung von Feuerlöschern schränkt die Gefahr eines Flugzeugbrandes außerordentlich stark ein. Der Jdealfall wäre natürlich, wenn man das leicht entzündliche Benzin durch einen anderen, ungleich schwerer entflanunbaren Betriebsstoff ersehen könnte, was wie später erwähnt, auch erhebliche wirtschaftliche Vorteile für den Flugbetrieb mit sich bringen würde. Brennstoffe dieser Art stehen uns in den sog. „Schwerölen" zur Verfügung. Wie schon der Name sagt, unterscheiden sich die Schweröle von den Leichtölen, deren wichtigste Vertreter das Benzin und das Benzol sind, durch höheres spezifisches Gewicht, höheren Siedepunkt, größere Zähflüsstgkeit (Viskosität) und schwerere Entflammbarkeit. Alles in allein übertrifft die Weltproduktion an Schwerölen diejenigen an Leichtölen um ein Vielfaches. Dementsprechend ist auch der Preis der Schweröle ein sehr viel niedrigerer und beträgt im Durchschnitt nur etwa % bis 7s des Benzin- oder Benzolpreises. Die Einführung des Schwerölbetriebes würde also nicht nur für die Sicherheit, sondern auch für die Rentabilität des Luftverkehrs von größter Bedeutung sein. An geeigneten Brennstoffen herrscht sonach kein Mange!. Was dagegen bisher fehlte, war ein Flugmotor, der diese Ole wirtschaftlich und betriebssicher zu verarbeiten gestattet. Der normale Vergaser- Explosionsmotor versagt Schwerölen gegenüber vollkommen, da von einer „Vergasung" so hoch siedender Betriebsstoffe natürlich keine Rede sein kann. Man hat zwar wiederholt versucht, durch Konstruktion besonderer Schwerölvergascr oder Schwerölzünder beit gewöhnlichen Leichtölmotor auch für den Betrieb mit Schwerölen brauchbar zu machen, doch haben diese Apparate die auf sie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt. Amso größeres Interesse bcanfpruchen die Versuche, dem Dieselmotor eine für Flugzwecke geeignete Gestalt zu geben. Der Dieselmotor verarbeitet bekanntlich selbst die schwersten und hochsiedendsten Brennstoffe, denen gegenüber jeder andere Motor glatt versagen Würde. Abgesehen davon besitzt er den Vorzug, die thermisch hochwertigste aller zur Zeit existierenden Verbrennungsmaschinen zu sein, was sich nach außen hin durch seinen unerreicht sparsamen Brennstoffverbrauch bemerkbar macht. Der Gedanke, einen Äiesel- Flugmotor zu konstruieren, ist an sich nicht neu. Schon vor Jahren sind Versuche in dieser Richtung unternommen worden, doch wurden sie nach kurzer Zeit ergebnislos wieder abgebrochen, da die, auftretenden Schwierigkeiten von ungeahnter Größe waren. Schwierigkeiten bereitete einmal die Gewichtsfrage. Bekanntlich arbeitet der Dieselmotor mit Verdichtungs- und Verbrennungsdrücken, die ein Vielfaches der im normalen Beuzin-Flugmotor auftretenden betragen. Das zwingt zu einer entfprechend stärkeren und schwereren Bemessung aller Teile, was wiederum im Gegensatz zu der an einen Flugmotor zu stellenden Forderung nach größtmöglicher Leichtigkeit steht. Im engen Zusammenhang damit steht die Frage der Tourenzahl. Ein Flugmotor muß aus Gründen der Gewichts- und Raumersparnis notwendig mit sehr hoher Tourenzahl lausen. Die Drehzahl der heutigen Benzm-Flugmotoren liegt denn auch zwischen 1400 und 3000 Amdr./min. Demgegenüber betrug bei Dieselmotoren die übliche Tourenzahl bis vor wenigen Jahren allgemein nur wenige hundert Amläuse in der Minute, und überstieg selbst bei den während des Krieges für A-Boote gebauten sog. Schnelläufer-Dieselmaschinen nicht die Grenze von zirka 650 Amdr./min. Man war also, wollte man sich ernsthaft mit der Konstruktion eines Diefel-Flugmotors beschäftigen, gezwungen, mit der Tourenzahl einen ganz gewaltigen Sprung nach oben zu machen, und stieß dabei anfänglich auf fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Erst die Erfindung der sog. „kompressvrlofen" Dieselmotoren, bei denen der Brennstoff nicht, wie früher, mittels hochgespannter Druckluft, sondern durch eine kleine Pumpe unmittelbar an die Zylinder eingespritzt wurde, ermöglichte die Steigerung der Tourenzahl auf das erforderliche Maß. Heute sind wir soweit, daß die Konstruktion eines brauchbaren Diesel-Flugmotors nicht mehr in das Reich der Atopie, sondern, in das Reich der realen Wirklichkeit gehört. In einer ganzen Reihe von Ländern wird zur Zeit fieberhaft an diesem Problem gearbeitet. Am weitesten fortgeschritten scheinen die Versuche der englischen Firma Beardmore zu fein, die sich bereits feit vielen Jahren mit der Konstruktion eines Diefel-Flngmotors befchäftigt. Ihr neuestesM odell ist ein Sechszylindermotor, der bei 1220 Amdr./ ntin. 800 P. S. leistet, und nicht mehr als 820 Kilogramm, also nur 1,02 Kilogramm-P.S. wiegen soll, womit er sich gleichwertig der Mehrzahl der heutigen Benzin-Flugmotoren zur Seite stellt. Einzelheiten über die Konstruktion dürfen auf Anordnung der eng- fischen Regierung nicht bekannt gegeben werden. Der Motor hat seine Probeläufe auf dem Prüfstand angeblich zur Zuftiedenheit erledigt und foll demnächst in ein Flugzeug zwecks weiterer Erprobung in der Lust eingebaut werden. Auch Italien wendet der Frage des Diefel-Flngmotors neuerdings erhöhte Aufmerksamkeit zu. Ein nach dem Namen des Konstrukteurs „Garuffa-Motor" genannter Diesel-Flugmotor italienischer Herkunft erregte vor einiger Zeit auf einer französischen Ausstellung berechtigtes Aussehen. Der Motor wird in zwei Ausführungen gebaut, von denen die eine sternförmige, die andere V-förmig zueinanderstehende Zylinder besitzt. Im Fluge fcheint er noch nicht erprobt zu.fein. Dies wird jedoch von einem anderen italienischen Schwerölflugmotor, dem „Bagnula-Mokor" behauptet, von dem angeblich bereits einige Exemplare in Flugzeuge der italienischen Heeresfliegerwuppe eingebaut sind. Lieber ihre Bewährung ist bisher nichts näheres bekannt geworden. Der Bagnula-Motor arbeitet übrigens nicht nach dem Diesel-Verfahren, fondern besitzt eine sehr geistvoll durchgebildete Glühkopfzündung. Ob er sich fteilich dem „reinen" Diefel-Flugmotor gegenüber wird behaupten können, auf die Dauer, muß die Zukunft lehren. Endlich fei erwähnt, daß auch in Nordamarika augenblicklich Versuche mit einem Diesel- Flugmotor im Gange find. Es handelt sich um einen Zweizylinder- Zweitaktmotor Castern Engineering Corp., Montreal, der bei 1800 Touren./min. 125 P.S. entwickelt und nicht mehr als 1,58 Kilogramm-P.S. wiegen soll. Die Versuche haben bisher einen sehr günstigen Verlauf genommen, so daß mit der sehr baldigen Flugerprobung zu rechnen sein dürste. Es ist bedauerlich, daß wir in Deutschland den ausländischen Arbeiten zur Zeit nichts Gleichwertiges gegenüberzustellen haben. Zwar beschäftigen sich, dem Vernehmen nach, verschiedene große Motorfabriken mit der Konstruktion bzw. der Erprobung von Diesel- Flugmotoren, doch scheinen die Versuche noch nicht zu greifbaren Resultaten geführt zu haben. Man kann nur hoffen, daß dies bald der Fall sein wird, damit Deutschland, dessen Verkehrsflugzeuge in der ganzen Welt als führend anerkannt find, auch int Flugmotoren- bau die führende Position zurüekerobert, die es durch den Krieg und seine Folgen leider an andere Länder hat abtreten müssen. Die Sage von Sankt Julianus dem Gastfreien. Von Gustave Flaubert (Fortsetzung.) lieber die Aussicht auf ein derartiges Gemetzel in wenigen Minuten erstickte er fast vor Freude. Dann stieg er vom Pferd, trampelte seine Aermel auf und begann zu schießen. Beim Zischen des ersten Pfeiles drehten alle Hirsche auf einmal den Kopf. Lucken bildeten sich in ihrer Masse, klagende Stimmen erhoben sich, und eine große Erregung bemächtigte sich des Rudels. Der Rand des Tales war zu hoch, um übersprungen zu werden. Sie bäumten sich in der Umfriedigung und versuchten zu entkommen. Julian zielte, schoß, und die Pfeile hagelten wie die Streifen eines Gewitterregens nieder. Die rasend gemachten Hirsche stießen sich, bäumten sich, kletterten einer über den anderen, und ihre Körper mit ihren verhakten Geweihen bildeten einen kleinen Berg, der zusammenstürzte, indem er sich verschob. Endlich verendeten sie, auf den Sand gelagert, Geiser an den Nüstern, die Eingeweide herausgequollen, und das Wogen ihrer Leiber wurde schwächer und schwächer. Zuletzt war alles still. Die Nacht brach herein, und hinter dem Walde war der Himmel zwischen den Zweigen rot wie ein blutiges Tuch. Julian lehnte sich gegen einen Baum. Er betrachtete mit auf« gerissenen Augen die Ungeheuerlichkeit des Gemetzels und begriff nicht, wie er es hatte zustande bringen können. Da gewahrte er auf der anderen Seite des Tales am Waldesrande einen Hirsch, eine Hindin und ihr Junges. Der Hirsch, welcher schwarz und ungeheuer groß von Gestalt war, trug sechzehn Enden und einen weißen Bart. Die Hindin, braun wie die trockenen Blätter, äste das Gras, und das gefleckte Junge sog, ohne sie in ihrem Gange zu hindern, an ihrer Zitze. Noch einmal schwirrte die Sehne. Das Junge war sofort tot. Da klagte seine Mutter zum Himmel blickend, mit einer tiefen herzzerreißenden menschlichen Stimme. Julian streckte sie, außer sich, durch einen Schuß mitten in die Brust zu Boden. Der große Hirsch hatte ihn gesehen und machte einen Satz. Julian schickte ihm seinen letzten Pfeil entgegen. Er traf ihn in die Stirn und blieb dort stecken. Der große Hirsch schien ihn nicht zu fühlen, er sprang über die Toten und näherte sich zusehends Julian, um sich auf ihn zu stürzen und ihn zu spießen. In unsagbarer Schreckensangst wich Julian zurück. Das wunderbare Tier blieb stehen, und mit flammenden Augen wiederholte es wie ein Patriarch und Richter, während im Fernen eine Glocke erklang zu dreien Malen: „Sie verflucht, verflucht, verflucht! Eines Tages, blutgieriges Herz, wirst du deinen Vater und deine Mutter morden!" Er beugte die Knie, schloß sanft seine Lider und verschied. Julian war bestürzt, dann wurde er von einer plötzlichen Müdigkeit überfallen, und Ekel und eine unendliche Traurigkeit erfüllten ihn. Den Kopf in beiden Händen, meinte er lange. Sein Pferd war fort, seine Hunde hatten ihn verlassen, die Einsamkeit, die ihn umgab, erschien ihm drohend ungefüllt mit unbestimmten Gefahren. Da begann er, von Entsetzen gepackt, zu laufen, wählte im Feld den ersten besten Pfad und gelangte fast sofort vor das Tor des Schlosses. In der Nacht schlief er nicht. Beim Flackern der hängenden Lampe sah er immer wieder den großen schwarzen Hirsch vor sich. Die Prophezeiung marterte ihn, und er wehrte sich gegen sie. „Nein! nein! nein! ich kann sie nicht töten"; bann dachte er: „Wenn ich — 216 — es aber wollte? . . und er hatte Furcht, der Teufel möchte ihm den Wunsch eingeben. Drei Monate betete seine Mutter in Bangen und Aengsten um Kopfende seines Bettes, und fein Vater ging unaufhörlich und seufzend in den Hausfluren umher. Er entbot die'berühmtesten Aerzte, welche eine Menge Arzneien verschrieben. Das liebel Julians, sagten sie, hätte einen verderblichen Wind zur Ursache oder eine Liebesfehnsucht. Aber der junge Mann schüttelte auf alle Fragen den Kopf. Die Kräfte kamen ihm wieder, und man führte ihn im Hof spazieren, der alle Mönch und der mackere Burgherr stützten ihn jeder unter einem Arm. Als er vollkommen wiederhergestellt war, weigerte er sich hartnäckig, zu jagen. Sein Baker machte ihm, in der Absicht ihn zu erfreuen, einen großen sarazenischen Sabel zum Geschenk. Er hing inmitten einer Waffensammlung oben an einem Pfeiler. Um ihn zu erreichen, bedurfte es einer Leiter. Julian stieg hinaus. Der zu schwere Säbel entglitt seinen Fingern und streifte nieder- fallend den guten Herrn so dicht, daß er seinen Ueberrrock zerschnitt. Julian glaubte seinen Baier getötet zu haben und siel in Ohnmacht. Von da an scheute er die Waffen. Der Anblick eines bloßen Eifens ließ ihn erbleichen. Diese Schwäche wurde ein Kummer für feine Familie. Endlich befahl ihm der alte Mönch im Namen Gottes, ■im Namen der Ehre und im Namen feiner Vorfahren, feine ritterlichen Hebungen wieder aufzunehmen. Die Knappen vergnügten sich alle Tage mit der Handhabung des Wurfspießes. Julian zeichnete sich gar bald darin aus. Er sandte den seinen in die Hälfe von Flaschen, zerbrach die Zacken der Wetterfahnen und traf auf hundert Schritte die Nägel in den Türen. Sin einem Sommerabend, um die Stunde, wo der Nebel die Dinge undeutlich macht, war er unter dem Weingelander des Gartens und bemerkte ganz hinten zwei weihe Flügel, welche in der Höhe des Spaliers flatterten. Er glaubte, es fei ein Storch, und schleuderte seinen Speer. Ein gellender Schrei ertönte. Es mar seine Mutter, deren tnngbäübrige Haube an die Mauer genagelt blieb. Julian floh aus dem Schloß und kam nicht wieder. Er nahm Dienste in einer vorüberziehenden Abenteurertruvpe. Er lernte Hunger, Durst, Seuchen und Ungeziefer kennen. Er gewöhnte sich an das Getöse der Handgemenge und an den Anblick der Sterbenden. Der Wind beizte seine Haut. Seine Glieder stählten sich unter bem Druck der Gemässen, und da er sehr stark, mutig, mäßig und verschlagen war, erhielt er ohne Mühe den Befehl über eine '«char. Beim Beginn der Schlachten führte er feine Soldaten mit einer großen Gebärde seines Schwertes an. Vermittelst eines geknoteten Strickes erklomm er nachts, vom Sturm geschaukelt, die Mauern der Festen, mährend die Funken des griechischen Feuers auf feinen Panzer fielen und kochendes Pech und geschmolzenes Blei von den Sinnen floß. Oft zerschmetterte der Stoß eines Steines feinen Schild. Brücken, die zu überfüllt mit Menschen waren, brachen unter ihnen zusammen. Seinen Streitkolben schwingend, hielt er sich vierzehn Ritter vom Leib. In den Schranken warf er alle nieder, die sich stellten. Mehr als zmanzigmal hielt inan ihn für tot. Dank der göttlichen Gnade kam er immer wieder davon, denn er beschützte die Geistlichen, die Waisen, die Witwen und hauptsächlich die Gre^e. Wenn er einen Kaufmann vor sich herziehen sah, rief er ihn an, um fein Gesicht gu sehen, wie als ob er Furcht gehabt hätte, ihn aus Versehen zu töten. Fliehende Sklaven, aufständische Bauern, Bastarde ohne Ver- mögen, alle 2(rten Unerschrockener scharten sich unter seine Fahne, und so sammelte er ein Heer. Es wuchs. Er wurde berühmt. Man bemühte sich um ihn. Nacheinander leistete er dem Kronprinzen von Frankreich und dem Könige non Engfand Beistand, den Tempelrittern Jerusalems, dem Surena der Parther, dem Regus von Abyssinien und dem Kaiser von Kalkutta. Er kämpfte gegen Skandinavier, die mit Fisch- schuppen bedeckt waren, gegen Reger, welche Rundfchilde aus Nil- pferdhant hatten und auf roten Eseln ritten, und gegen goldfarbene Inder, welche über ihren Diadem breite Säbel schwangen, die Monter waren als Spiegel. Er besiegte die Troglobrsten und die Anthropophagen. Er durchzog so heiße Gegenden, daß die Haare in der Sonnenglut Feuer fingen wie Fackeln, und andere, die so kalt waren, daß die 2(rme, sich vom Körper lösend, zu Boden fielen, und Länder, wo es so viel Nebel gab, daß man wie von Gespenstern umgeben marschierte. Bedrängte Republiken befragten ihn um Rat. Bei den Unterhandlungen erlangte er ungehoffte Bedingungen. Wenn sich ein - Herrscher zu schlecht aufführte, erschien er plötzlich und machte ihm Vorstellungen. Er befreite Völker. Er erlöste Königinnen, die in Türmen gefangen waren. Er und kein anderer hat die Mailänder Schlange und den Drachen von Oberbirbach erschlagen. Nun hatte sich der Kaiser von Dccitanien, nachdem er die spanischen Muselmanen besiegt, mit der Schwester des Kalifen von Kordooa in ungesetzlicher Che verbunden und besaß von ihr eine Tochter, die christlich erzogen worden war. Aber der Kalif, welcher so lat, als ob er sich bekehren wolle, besuchte ihn mit einem zahlreichen Geleit, metzelte feine ganze Besatzung nieder und warf ihn in ein dunkles Burgverlies, wo er ihn hart behandelte, um Schütze von ihm zu erpressen. Julian eilte ihm zur Hilfe, zerstreute das Heer der Ungläubigen, belagerte die Stadt, tötete den Kalifen, schnitt ihm den Kopf ab und warf ihn wie eine Kegelkugel über die Wälle. Dann holte er den Kaiser aus seinem Gefängnis und fetzte ihn in Gegenwart des ganzen Hofes wieder auf feinen Thron. Der Kaiser ließ als Belohnung für einen solchen Dienst in Kör», den viel Geld vor'ihn bringen, aber Julian wollte es nicht. In dem Glauben, daß er mehr verlange, bot er ihm drei Viertel feiner Reichtümer an,- neue Weigerung: bann die Hälfte feines Konigs- reiches, Julian dankte, und der Kaiser weinte darüber vor Kummer, da er nicht wußte, auf welche Weife er ihm seine Erkenntlichkeit bezeugen sollte. Plötzlich schlug er sich vor die Stirn, sagte einem Höflinge ein Wort ins Ohr, die Vorhänge einer Wandverkleidung gingen auseinander, und eine Jungfrau trat hervor. Ähre großen schwarzen Singen glänzten wie zwei sehr milde Leuchten. Ein reizendes Lächeln bog ihre Lippen auseinander. Die Ringeln ihrer Haare verfingen sich an den Edelsteinen ihres halbgeöffneten Gewandes, und unter dem Schimmer ihrer Tunika erriet man die Jugend ihres Leibes Sie war ganz allerliebst und rundlich, trotz ihres schlanken Rumpfes. Julian wurde von Liebe ergriffen und dies um jo mehr, als er bisher ein sehr keusches Leben geführt hatte. Er erhielt also die Tochter des Kaisers mit einem Schloß, das sie von ihrer Mutter her besaß, in die Che, und man schied nach vollzogener Hochzeit unter unendlichen Höflichkeitsbezeugungen auf beiden Seiten. Das Schloß war in maurischem Stil aus weißem Marmor erbaut und stand auf einer Anhöhe in einem Apfelsinenwäldchen. Blumenterraffen führten bis an das Ufer einer Bucht hinunter, wo rofenfarbene Muscheln unter den Tritten flirrten. Hinter dem Palast breitete sich ein Wald, der die Form eines Fächers hatte Der Himmel war ewig blau, und die Bäume neigten sich abwechselnd unter der Brise des Meeres und dem Winde der Berge, welche im Fernen den Himmelsrand schlossen. Die dämmerigen Gemächer wurden durch die Wandverkleidungen erhellt. Hohe Säulchen, schlant wie Schilfrohr, stützten die Wölbungen der Kuppeln, welche mit plastischen Verzierungen in Gestalt von Tropfsteinbildungen geschmückt waren. In den Sälen waren Springbrunnen, in den Höfen Mosaiken, verzierte Wände, tausend baukünstlerische Feinheiten und überall eine solche Stille, daß man das Knistern eines Gewandes ober das Echo eines Seufzers vernahm. Julian führte nicht mehr Krieg.' Er ruhte sich aus, umgeben von einem ruhigen Bolt, und täglich zog eine Menge mit Kniebeugungen und Handküßen auf morgenlänbische Weise an ihm vorüber. In Purpur gekleidet, lehnte er versonnen in einer Fensteröfstiunq und gedachte seiner Jagden von ehemals und sehnte sich, den Gazellen und den Straußen in der Wüste nachzuhetzen, hinter Bambusrohren verborgen den Leoparden aufzulauern, Wälder voller Rino- zerosse zu durchstreifen, die Gipfel der unzulänglichsten Berge zu erklimmen, um die Adler besser zu sehen, und auf den Eisschollen im Meere gegen weiße Bären zu kämpfen. Manchmal im Traume sah er sich wie unser Vater Adam inmitten des Paradieses zwischen allen Tieren: den Arm ausstreckend, gab er ihnen den Tod, ober sie zogen auch, der Große nach, von beit Elefanten unb ben Löwen bis zu den Hermelinen und Enten, paarweise wie an dem Tage, da sie in die Arche Noahs wanderten, an ihm vorüber. Er schleuderte aus dem Dunkel eine Höhle niemals fehlende Wurfspieße nach ihnen, und immer andere tarnen, es nahm kein Ende, und er erwachte mit wilden, rollenden Augen. Befreundete Fürsten luden ihn zur Jagd. Er lehnte immer ab, in dem Glauben, durch diese 2lrt Buße fein Verhängnis zu wenden, denn es schien ihm, als hinge vom Mord der Tiere das Schicksal seiner Eltern ab. Aber er litt darunter, daß er sie nicht sah, und auch sein Jagdgelüst wurde schließlich unerträglich. Um ihn zu erheitern, ließ seine Fran Spielleute unb Tänzerinnen kommen. Sie durchstreifte mit ihm in offener Sänfte die Flur, und zu anderen Malen sahen sie, auf den Rand eines Kahns gelagert, bett Fischen zu, die sich im himmelsklaren Wasser tummelten. Ost warf sie mit Blumen nach seinem Gesicht, an seine Füße geschmiegt, spielte sie Weisen auf einer dreisaitigen Laute, unb bann legte sie ihm ihre gefalteten Hänbe auf bie Schulter unb fragte mit zager Stimme: „Was hast du nur, lieber Herr?" Er antwortete nicht aber brach in Schluchzen aus, unb eines Tages endlich gestand er seinen grauenhaften Gebauten. Sie bekämpfte ihn, indem sie sehr vernünftig sprach: sein Vater und seine Mutier seien wahrscheinlich tot, wenn er sie aber jemals Wiedersehen würde, durch welchen Zufall unb zu welchem Zwecke sollte er bann biete Greuel begehen? Seine Furcht sei also grund- los, unb er müsse bie Jagb tuieber ausnehmen. Julian lächelte, währenb er zuhörte, aber er konnte sich nicht entschließen, seine Sehnsucht zu befriebigen. Eines Abenbs im Monat August, währenb sie in ihrem Zimmer waren, sie hatte sich gerabe zu Bett gelegt, unb er kniete zum Gebet nieder, vernahm er bas Bellen eines Fuchses, bann leise Tritte unter bem Fenster unb sah im Dunkeln etwas wie Tiergeftalten auftauchen. Die Versuchung war zu stark. Er nahm seinen Köcher von der Wand. (Fortsetzung fotzt.) Hchristlettung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Bruhl'schen Univ.»Birch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.