Gießener jamilienblätter Unlerhaltungrbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang ^926 " vienslag, -en 6. April Nummer 28 Ein preußischer Husar. (Fliegendes Blatt anno 1757.) Ein preußischer Husar siel in Franzosenhände, Prinz Clermont sah ihn kaum, so fragt er ihn behende: Sag an, mein Freund, wie stark ist deines Königs Macht? Wie Stahl und Eisen! sprach der Preuße mit Bedacht, Der Prinz war ganz bestürzt, was dieser Preuße sagte, und unter anderm mehr mit diesen Worten fragte: Freund, hat der König mehr dergleichen Leut wie du? Jawohl! sprach der Husar, viel bessere noch dazu! Ich bin der schlechteste von seinen Leuten allen, sonst wär ich euch gewiß nicht in die Händ' gefallen!... Darauf reicht ihm der Prinz wohl einen Louis blank, der Preuße nahm ihn an, und ging dann seinen Gang! Da sieht er ungefähr > ein' Schildwach, die ganz mager und im Gesichte fast als wie der Tod so hager, derselben gab er flugs den blanken Taler hin und sprach: mein guter Freund, so wahr ich Preuße bin: Du brauchst ihn nötiger als ich und meine Brüder, drum geb ich dir das Geld von deinem Prinzen wieder, denn unser Friederich versorgt uns alle gut... drum lassen wir für ihn den letzten Tropfen Blut! König Friedrich und die Musik. Legenden von Friedrich Freksa. Der Torgauer Marsch. Das Tageslicht verblich hinter den Dunstschleiern. — Grau und schattenhaft erschienen die Waldzüge und Hohen, dichte Bebet quollen aus dem feuchten Movrgrund, aber dumpf scholl aus dem Ungewissen immer noch das Brüllen der Feldkanonen,.riefen Hörner und Trommeln zum Sammeln, zum Angriff, schnitt oas Peletvnfeuer durch die dicke Luft. Groß und geisterhaft glitten Schatten von Reitern über die Ebene, fern verklang das Hammern von Hufen, über den vereisten Boden quoll ein Rufen: Vivat Fridericus, Vivat imperatrix! übers Feld. Der blutige fünfte Novembertag des Jahres 1760 war zu Ende. Keine Feldherrnkunst vermochte einen Erfolg mehr zu erringen, große Teile der beiden ineinander verbißenen Armeen blieben auf dem Dlachfeld. Mensch und Tier waren zu erschöpft, um sich auf Höhen, in Dörfer zurückzuziehen. Deiwachtfeuer loderten auf, deren blutiges Licht, purpurnen Tüchern gleich, durch den Nebel den frierenden und verwundeten Soldaten wintte, und heranschleppte sich alles, was nicht mehr weiter konnte oder mochte. Husaren, Kürassiere, Linieninfanterie, Oesterreiche^ Preußen, Panduren, Kroaten. Die harte Kälte zwang die Manner, sich aneinander zu kauern. Sie versprachen einander auf Handschlag, gefangen sollte am anderen Tage bleiben, wessen Armee die t>a- taille verloren. Die kleine Kirche zu Elsnig war in ein großes Lazarett um- gewandelt worden. Stroh war aus die Kirchenbänke und den Boden geschüttet, und durch die Reihen der Verwundeten gingen Feldscherer und verbanden, suchten nach Kugeln oder amputierten zerschmetterte Glieder. Drei große Feuer 6rannten und verbreiteten neben der Wärme dicken, beizenden Raiich, der seinen Abzug durch die von Kanonenkugeln zerschmetterte Decke des Chores einem kargen Schlummer. . Ein kalter, llarer Morgen brach an. Der König hatte sich erhoben und ließ sich von zwei Mann die starren Glieder reiben. Da drang von außen Getümmel herauf, Rufe wurden taut, Huf« hämmerten Über dem Boden, und endlich brach sich dauernd der Ruf Bahn: „Vivat Fridericus! Victoria! Vivat! Vivat! Offiziere, Generale eilten mit freudigen Gesichtern durch di« Kirche die Verwundeten richteten sich auf. Schon wußte ein ledor, daß dem General Sieten die Umgehung geglückt war, daß DaunS Armee geschlagen und in Auflösung die so tapfer Derteibigtert Süptitzer Höhen verlassen hatte Der König gab Desthl. Kurz, klar freudig. Der Bann der Nacht war gebrochen. Als er sich vor der Kirche aufs Pferd schwingen wollte, meldete der Kornett vom Regiment Garde, die Noten wären parat. Der Komg griff Über den Estrich ausbreitete. „Laß Er sich nicht ärgern, Haake", bemertte der König ruhig zu dem sich Über die Ordonnanz erregenden Kürassierobersten, „es schadet der Kirche auch dieser Tintenfleck nicht mehr viel!" Die Generale zogen sich zurück, und der König blieb allein. Er hüllte sich in seinen Pelz, denn ein starker Luftzug brach durch das zertrümmerte Dach Sein linker Arm ruhte auf der zweiten Pauke. Aus der Kirche herauf drang leise das Schnarchen der Schläfer und das Auf- und Abwandeln der wachhabendem Husaren. Der Wind rieb sich an den zerschmetterten Dachsparren, sing sich in den Wölbungen und drückte auf die Pfeifen der Orgel. Seltsame Laute durchwoben den Raum. Der in Gedanken versunkene König trommelte einen Rhythmus zu diesen Töne«. Seltsam abgewandt von dieser Umgebung erschienen die scharfen ' Weichheit nahm dem Gesicht die Härte. kam, hatte die Flüssigkeit den Fluß, den sie haben Mite. Der König machte sich daran, musikalische Themen auf den Notenlinien zu entwickeln, ruhig, als säße er daheim zu Sanssouci t* der Bibliothek und stände nicht nach unentschiedener Schlacht vor einem zweiten, vielleicht härteren Tage. Endlich hatte er btt Arbeit beendet. Er wintte dem Lubhusaren. „Trag Gr das zu» Kornettbläser des Regiments Garde. Nehm' Er die Tinte mtt. Morgen, wenn ich das Regiment dem General Zielen vorsiihrt, sollen seine Kerle das blasen!" „ ... Danach verschränkte der König die Arme und uberueß sich Züge, eine vergeistigte -----... Plötzlich wandte er sich um und wintte dem Leibhusaren. „Schaff' Er mir Notenpapier und etwas Tinte", befahl et. Der grauköpfige Husar schritt sporenklirrend in die Sakristei und kam nach einiger Zeit mit altem, stockfleckigem Notenpapier, dessen eine Seite beschrieben war, zurück. Tinte hatte er nicht gefunden! „Krüger, Er ist Husar. Er schafft mir etwas tote Tinte", sagt« der König. „Gr wird etwas finden!" Der Husar schlug die Hacken zusammen und kam bald mtt gefülltem Tintenfaß zurück. Der König probierte: „Zu dick, Krüge?', enffchied er. . Abermals begab sich der Husar auf die Suche. Als er wieder- kam, hatte die Flüssigkeit den Fluß, den sie haben sollte Der suchte. Die Kerzen des Altars brannten. Eine Gruppe von Generalen stand zusammengedrängt beisammen und flüsterte leise miteinander, während sie Blicke auf eine dunkle, in einen Pelzmantel gehüllte Gestalt sandte, die auf einer silbernen Kesselpauke des Regiments Gardedukorps saß und die andere Pauke al» Schreibtisch benutzte. Ein Tintenfaß stand zur Rechten des Schreibers, der rastlos und schnell den leise knirschenden Gänsekiel üb« das rauhe Papier gleiten ließ. Endlich legte der Schreiber di« Feder aus der Hand und wandte den Kopf den wartenden Offizieren zu. Große, strahlende, blaue Augen aus einem harten, abgearbeiteten Gesicht zielten nacheinander forschend auf einen jeden der wartenden Herren, die getroffen verstummten: „Messieurs, Ordre de Bataille für morgen, lautet wie heute", sagte eine klare Stimme. Unter den Generalen erhob sich ein Murmeln, und ein« ließ verlauten: „Euer Majestät, noch keine Nachricht von Zielen!" „War auch zu provohieren, da der Nebel dick ist tote Milchsuppe. Lassen Sie die Majore und Hauptleute sammeln, wozu sammeln ist, und vergessen Sie selbst den Schlaf nicht. Bor neuer Datallle ist Schlaf Pflicht für den Soldaten, tote Bravour In der Bataille selbst. Da, meine Herren, nehmen Sie Einzel- instruktion! Ordonanz, such' Er auf Torgau zu diese Ordre dem Obersten Schulenburg zu Überbringen, und wenn Er ihn bis zum Morgen sucht. Bon soir!“ Der König schüttelte, ohne auf* zustehen, seinen einzelnen Heerführern die Hand. „Kerl, was stampft Er ins Gelag hinein", begann eine Stimme zu wettern. ®ie Ordonanz war Dorgetreten, hatte das Schreiben an Schulenburg in Empfang genommen und mit den Reiierfporen da- Tintenfaß umgerissen, so daß sich ein dicker, schwarzer Streifen, 110 - nach den ersten Stimmen und seinem Manuskript. Feurig rot glänzten die Zeichen. „WaS ist das für Tinte, Krüger?" fragte er den Leibhusaren. „Euer Majestät befahlen, ich sollte mir helfen. Da sammelte ich Blut imb goß Wein dazu, damit es dünner würde." Das freudig erregte Gesicht des Königs wurde ernst, fast schwermütig. „Es ist gut", sagte er, „uird Er, Kornett, laß Er das blasen, wenn der General remarquable ist." Dor dem Torgauer Tore hatte der König mit Gefolge Posto gefaßt. Gegenüber stand das Regiment Garde aufmarschiert in Paradehaltung. Eine Reiterschar kam heran. An der Spitze Zielen, ein alter Mann mit eingezogenem Kopfe, grauem Gesicht und vorgeschobeneni, breitem Mund. Er hatte das Tigerfell umgelegt, das ihm als Husarengeneral zukam. Als die Musiker ihn erkannten, begannen sie den neuen Marsch zu blasen. Schwer, fast feierlich erklang die Musik. Der König sprang vom Pferde. Der General tat das gleiche. Da streckte der König feine beiden Arme aus, er umarmte den alten Husaren und küßte ihn. Das Trio setzte ein. Hans Joachim von Zielen begann mit dem Handschuh die Augen zu reiben und brummte: „Was spielen die Kerle? Butterweich macht es!" „Schäm Er sich seiner Tränen nicht, Zieten", sagte der König. „Der Marsch wurde mit Blut und Wein für ihn geschrieben, wie seine victoire." Friede. Der König war nach den Hubertusburger Verträgen wieder nach Potsdam zurückgekehrt. Die Musiker und Sänger des Dom- chores hatten Weisungen erhalten, zu einem Dankgottesdienst sich des Morgens um sieben Ähr in der Kirche einzufinden. Alle waren vollzählig zur Stelle, aber vom Hofe war kein Mensch zugegen. Da öffnete sich die Pforte der Kirche, und herein kam der König, allein in abgetragener, blauer Felduniform mit roten Aufschlägen, den Stern des Schwarzen Adlerordens auf der Brust. Den Kopf hatte er entblößt, Hut und Krückstock hielt er auf dem Rücken. — Langsam ging er nach vorn, nahm in der Mitte einer Bank Platz, wandte sein Gesicht den Sängern zu und gab das Zeichen. Das Dedeum begann. Voll und klar klangen die Töne durch den weiten, leeren Raum. Der König stützte seinen Kopf auf die Faust, die den Kriickstock umspannt hielt. Das Dedeum ward beendet. Friedrich gab das Zeichen zum zweiten Stück. Es war die Matthäus-Passion Johann Sebastian Bachs. Jene Steigerung kam, wo Trompeten und Bässe sich einigen in der Melodie beS Ein' feste Burg ist unser Gott! Da sahen die Sänger, daß der König die Hände faltete wie zum Gebet, Tränen drangen aus feinen Augen. Die Musiker vermochten nicht mehr weiterzuspielen, sie brachen ab, Mann um Mann. Da erhob sich der König und ging hinaus, still und einsam. Das war der Gottesdienst nach dem großen Kriege, der Preußen erhielt und schuf. Abschied von den Flöten. Im Jahre 1776 brachen die Dämme der Oder beim Eisgang, und vieler Menschen Leben wurde vernichtet. Den König betraf diese Nachricht doppelt schwer, weil die Kultivierung des Oderbruches eine seiner Lieblingsaufgaben war. Wie es feine Gewohnheit war, suchte er seiner schweren Stimmung dadurch Herr zu werden, daß er auf der Flöte phantasierte. Aber er brach das Spiel bald ab und gab Befehl, daß die Flöten für immer in einem der Potsdamer Bibliothekschiränke verschlossen würden. „Ich werde zahnlos", klagte er, „kann nicht mehr blasen. So beraubt mich das Alter meiner letzten Freude. Es ist Zeit, das abgenutzte Futteral dieses Leibes abzustreifen." Ein Leutnant.... Don Hans Franck. Ein Leutnant war in der Schlacht bei Leuthen auf den Tod verwundet. Albrecht von Köckritz hieß er. War der einzige Sohn seiner verwitweten Mutter. And zählte zweiundzwanzig Jahre. Di« Generalin von Köckritz, der im Brandenburgischen mehr als ein Dutzend Güter erb- und eigentümlich gehörten, hatte alle Kräfte daran gesetzt, ihrem Jungen vor dem Geschick seiner Däter zu bewahren. Denn die Köckritzer hatten — durch Jahrhunderte hin — einer um den andern für ihr Land das Leben gelassen. Als letzter, bei Mollwih im ersten Schlesischen Kriege, ihr Gatte. Aber das unermeßliche Mühen des Mutterherzens war umsonst gewesen. Der Traum von Ruhm, das Gebot der Pflicht, das Blut der Däter. die Bewunderung des Königs erwiesen sich mächtiger als die Bande der Kindesliebe. Da Friedrich der Große die Trommel zum dritten der Schlesischen Kriege rühren ließ, eilte Albrecht von Köckritz — alles Flehens, alles Händeringens, alles Weinens der Mutter ungeachtet — zu den knatternden Fahnen seines Königs. Der Flaumbärtige hielt sich gut. Früher als einer seiner Väter erkämpfte er das Leutnantspatent. Der „Generalfeldmarschall", den noch kein Köckritz sich ersiegt hatte — ihm, Albrecht von Köckritz, war er gewiß! And nun lag er mit seinen zweiundzwanzig Jahren tödlich verwundet inmitten einer Schar Hingemähter auf einer Kuppe des Schlachtfeldes bei Leuthen. Rur noch nach Minuten zählte sein Leben. Eine Kartätsche hatte ihm den Leib der Länge nach aufgerissen. So unsäglich waren seine Schmerzen, daß davor das Bewußffein um das eigene Selbst, um sein Fühlen und fein Tun, verlosch Aus der Macht des Richtwissens aber drang noch immer Gestöhn, Schreien, Rufen herauf. Wenn sich die wirren Schmerzlaute Bod) noch zwischenhin zu verständlichen Menschensilben ballten, dann war es Wied« und Wied« dasselbe Wort, das die ineinander verkrainpften Lippen des Leutnants hindurchließen: „Mutt«!" Bald klang es wie wehmütiges Bedauern, wie ein Vorwurf gegen ihn selbst, wie ein: „Warum habe ich dir nicht gehorcht?" das „Mutter!" Bald war es unsinnig« Schrei; gleichviel, wem « rief, gleichviel, zu wem « schrie, nur rufen, nur schreien: „Mutter!" Am häufigsten ab« war es wie das Bitten eines schlafenden Kindes aus tiefem Traum herauf, das von einem Alb gequält wird und dennoch weiß: nur den Mund auftun, dann kommt eine streichelnde Hand — alle Angst ist mit dem Herumwerfen fort — nicht nötig, die Augen zu öffn« — nur Eines muh geschehen — die Lippen auftun — und dem Wort, dem einen, den Weg freigeben, welches das Herz schon lange ruft: „Mutt«!" Rach und nach wurde das Schreien, das Stöhnen des Verwundeten schwächer, spärlich«. Mit letztem: „Mut—t« —" fiel « in einen so tiefen, schwarzen Schacht hinab, daß nun kein Laut mehr zum Land d« Lebendigen empordrang. Es schien, als werde d« v«wundete Leutnant schmerzlos in das Jenseits hinüberfchlummern, wo seine Vät« b«eits mit anerkennendem Händedruck, ausgerichtet, auf den jüngsten Sproß ihres Geschlechtes warteten, der den gemeinsamen Ramen mit Ehren dem Tode entgegengetragen hatte, d« allein für einen Köckritz sich geziemte. Da kam König Friedrich mit seinem Gefolge zu der Kuppe heeangesprengt. Er sah an ihrem Fuh hastig ab und begab sich auf ihre Spitze. Keiner wagte, ihm zu folgen. Denn niemand getraute sich, mit seinen Augen zu sehen, was jeder von ihnen! wußte: Es stand schlecht um die Schlacht! Es stand verzweifelt! Stand hoffnungslos! Neunzigtausend Mann mit dveihigtausend angreifen — Wahnsinn! Auch wenn man — mit Recht — nicht einen Feind einem Preußen gleich achtete. Dazu von der ohnehin! zu geringen Schar noch! den linken Flügel eigensinnig im Nichtstun zurückhalten — Wahnsinn! Wahnsinn! Es muhte ein Anglück geben! Hatte ein Anglück gegeben! Anten bleiben! Nicht sehen! Nicht sehen! König Friedrich stapfte die Kuppe hinan. Wenige Schritte vor dem verwundeten Albrecht von Köckritz — den er für tot halten mußte — stieß er, daß er ihn besser stütze, seinen Krückstock ttef in das blutzerweichte Erdreich. Dann übersah er das Kampfgelände zu seinen Füßen und dachte an seine Schlacht. Es stand schlecht um die Sache d« Preußen! Stand verzweifelt! Der verstärkte rechte Flügel trug den Angriff zu langsam vorwärts. Erkannten die zwar verblüfften, aber nicht weichenden, Oesterreich« den Schlachtplan, schöpften sie aus solch« Erkenntnis Mut, schwenkten sie ein, lagen die Neunzigtausend mit den Dreißigtausend der Länge nach Front an Front: dann war die Schlacht, war Schlesien, war der Krieg v«loren. Es stand schlecht! Stand verzweifelt! Aber nicht hoffnungslos. Der rechte Flügel muhte schneller vorgetrieben werden. Diel schnell«. Die Mitte die Fühlung nicht verlieren. Der linke Flügel, ob er auch! vor Kampfbegier brannte, sich weiter abgelöst vom Feinde halten. Bis zu der Minute, bis zu der Sekunde, in welcher er schrie: „Drauf!" Befehle hetzten zu dem Gefolge hin, den Hügel abwärts: anfeuernde, zurückhaltende, mahnende, fluchende, zustimmende. Gin« nach dem andern d« Wartenden sprengte davon. Tausends rangen mit Tausenden um den Sieg. Aber nicht dort draußen entschied sich die Schlacht. Eine falsch!« Order, eine rechte Order zur falschen Zeit — zu früh, zu spät: sie war trotz d« Dapfeickeit Tausender verloren! Nicht dort draußen auf den Feldern um Leuthen entschied sich die Schlacht! Sondern auf dem Kampffeld im Hirn des einen, von seinem Krückstock gestützten Menschen. Durch die Befehle des Königs wurde der besinnungslose Leutnant Albrecht von Köckritz auf die Erde zurückgestoßen. Nein, nicht zum Festen hinauf! In die Brandung der Schmerzen hinunter! Die rissen ihn, wohin es sie gelüstete. Ab« wo immer er sich auch in dem Auf und Ab, dem Hin und Her befand, allüberall war, was « durch sie erlitt, so unerträglich, daß « zu schreien, zu heulen anhub. And wieder gipfelten die Qualen des Zerfetzten in dem einen Wort: „Mutter — Mutt« —!" Friedrich — von dem Geschrei des Halbbewußten im Denken sein« Schlacht gehindert — Friedrich ruft — wider Willen gezwungen, seine Blicke von dem Stand 6« Heere wegzuwenden — ruft dem vor seinen Füßen sich Wälzenden zu: „Stirb « anständig, Junker!" Albrecht von Köckritz — nun mit einem Wellenwurf der Schmerzen wieder auf festem Erdboden — weih : Diese Worte kann nur einer aller Sterblichen sprechen! Dieses Tones ist nur einer hienieden mächttg! Solches zu befehlen hat nur einer das Recht! 2m nächsten Nu steht er, strack aufgerichtet, hebt die Rechte falutterend und ruft: „Es lebe der König!" And rundum auf der Kuppe reißen die Verwundeten sich aus ihren Schmerzen empor. Einige wenige vermögen es, ihre Beine zu zwingen, sie noch einmal für Minuten zu tragen. Andere knieen vor dem König. Auf die Hände stützen sich die Deinl.sen. Mit den Armstümpfen wuchten sich die Handlvsen hoch. Die auch das nicht vermögen, erheben, wenden ihre Köpfe. 111 — »Es lebe der König!" flammt Albrecht von Köckritz noch einmal auf. Uni) von der Kuppe hallt aus vielen Kehlen der Ruf zu dem Schlachtfeld hinab: «Es lebe der König!" Schon finken, fallen, torkeln die Verwundeten zur Erde zurück. Albrecht von Köckritz aber steht — zerfetzten Leibes — noch immer mit salutierender Rechten aufrecht vor seinem höchsten Herrn. Dann läuft ein Zittern durch seinen Körper. Von den Füßen bis zum Scheitel. Sv zittert ein Daum, in dessen Stamm die Axt fich verbissen hat. Stundenlang hat er ihrer Schläger gelächelt, gespottet. Plötzlich aber ist das Zittern da und durchschüttelt von den fernsten Wurzeln bis zum himmelnächsten Dlättchen jede seiner Fasern. And wie der Daum — tiefer noch von dem Schreck, daß solches sich begeben kann, denn von den Schlägen der wütenden Axt verwundet — dann doch früher und schneller niederbricht, als sechst sein triumphierender Widersacher es zu vermuten wagte: so fällt Albrecht von Köckritz aus seiner Hochgerecktheit in den Tod hinein. Der König tritt auf den Niedergefallenen zu, beugt sich zu ihm herab und streichelt ihm die Stirn. Mbrecht von Köckritz will, ihn zum Munde zu führen, nach dem Rock seines Königs greifen und vermag es nicht. Will, die Füße seines Königs zu Ässen, den Kopf heben und bringt ihn nicht vom Doden hoch. Will, durch Jubeln seinem König das Streicheln zu danken, den Mund auftun und zwingt die Lippen nicht auseinander. Seine Augen aber sind ihm noch gehorsam. Mit ihnen dankt, mit ihnen jubelt er: „Mein König!" Schlieht die Augen und ist verschieben. Als der König sich aufreckt, sieht er, dah der rechte Flügel seines Heeres die Oesterreicher überrannt hat. Run gilt es: Einschwenken! Aachrücken! Die Wankenden zur Flucht drängen. Mitte und rechten Flügel des Feindes in den Strudel hinein- reifjen! Auf den Fersen der Flüchtenden bleiben! Friedrich eilt den Hügel hinunter. And jagt davon, dah keiner seines Gefolges sich bei ihm zu halten vermag. Auf der Kuppe des Schlachtfeldes bei Leuthen liegt, des Todes lächelnd — ein Leutnant. . . Ian Bermeer van Delft. Der Maler des Alltags. Don ReinholdLindeman n, München. Abgesehen von der ganzen Summe zeitlicher und rassemähiger Bedingtheiten, die in jedem echten Kunstwerk mit hoher Nvt- wendigkeit zum Ausdruck kommen, fchliehen sich die Kunstwerke verschiedenster Zeiten und Völker wieder zu Gruppen zusammen, die Wer die dahinterstehenden Künstler und ihre Einstellung zur Welt Entscheidendes aussagen. Jeder Künstler bildet zwar nur eine ganz bestimmte, eben seine Ansicht der Aatur zum Kunstwerk um. Wer was er der Natur entnimmt, mehr noch tote er es der Natur entnimmt, wiederholt sich im Laufe der Geschichte mit gewisser Thpik. Am Ende besteht ja alles künstlerisch-geistige Dasein nur aus immer neuen Verwandlungen weniger typischer Möglichkeiten: was wir als Zeitstil oft so über- und als Persönlichkeitsausdruck meist zu hoch schätzen, ist vielleicht das Anwesenhafteste und Gleichgültigste an einer genialen Künstlererscheinung. And mag auch, historisch gesehen, jeder dieser künstlerischen Typen nur einmal klassisch reinste Form werden, so stirbt doch nie 6te •Urform einer künstlerischen Grundhaltung, sondern immer wieder blitzt irgendwo in einer flüchtigen Scherbe ihr erhabenes Abbild auf. . .. Es erscheint verwegen, ja gezwungen und gewollt, tue intime und bescheidene Kunst eines holländischen Malers des 17. Jahrhunderts mit der „edlen Einfalt und stillen Gröhe" antiker Kunsp schöpfungen auch nur von ferne vergleichen zu wollen. And doch — als künstlerisch-geistiger Typus steht Jan Vermeer van Delft derartig singulär da, und zwar nicht nur innerhalb ferner Zeit, sondern letztlich im Dilde der nachklassisch-abendländischen Kunst Werhaupt, dah bei der Sichtbarmachung seines künstlerischen Typus jedes andere Mah versagt und zeitgeschichtliche Grenzen ober das zufällige persönliche Format keine Rolle spielen dürfen, vorausgesetzt, dah man Wer die spärlich überlieferten kunsthistorischen Daten hinaus ein bleibendes Wesensbild des Künstlers vermitteln will, las immer im Aeberhistorischen, Aeberperson- lichen, im Typischen wurzelt. , . . Die antike Kunst sah ihre höchste Aufgabe darin, den Leib der täglich sichtbaren Welt in den seltenen Augenblicken ihrer flüchtig aufblitzenden Schönheit mit dem ungetrübten Spiegel eines kindhaft-klaren Künstlerauges aufzufangen. Im Gegensatz zum Mittelalter etwa, dem die im Kunstwerk gevffeWarte Schönheit nur als Sinnbild der ewigen Ordnung wertvoll _ war, glaubte der antike Mensch an einen festlichen Moment in jedmii Wesen und Geschehen, einen verklärten Augenblick, in dem gerade das Einfachste, Mltäglichste, Flüchtigste seine verborgene Schönheit offenbare, um hierin, wie die Nymphen des Waldes vom Spiegel des glautten Sees, vom Künstler heimlich belauscht und dann im Dilde verewigt zu werden. Denn was sind sie anders als flüchtige, aber verklärte Augenblicke ans einem durchaus alltäglichen Sein — jene unvergleichlichen Marmorwerke der Antike: Der opfernde Jdolino z. B., der mit dem fchmetchelnd- zögernden Fluh seiner Glieder dem niederrinnenden Opfernah so lässig nachfolgt, als ob er sich selber verströmen wolle, oder der Diadumenos des Polyklet, der die Siegerbiiide gerade um die schöne Stirn fich windet und mit den beiden hochgereckten Armen die Schönheit seines Leibes gleichsam ins Bewuhtsein des Sieges emporhebt, oder auch die sandalenlösende Rike von der Ballustrade des Athena-Nike-Tempels. in der klingenden Beugung ihrer schlanken Gestalt und der leibenthüllenden Pracht des rieselnden Gewandes — und nicht zuletzt jene attischen Grabreliefs, auf denen der Grieche noch im Angesicht des Todes der flüchtigem Anmut einer Armbewegung nachsinnt, mit der die Dienerin der Herrin ein Schmuckkästchen reicht oder niederknieend an ihrer Sandale nestelt. AW diese homerische Angetrübtheit, diese gradezu kindhafte Reinheit des Auges, mit der die Antike noch das Alltäglichste sah und sehend üerflärte, ist sie nicht Signum zugleich der stillen Kunst des Delfter Meisters, der als der einzigste im Norden darum gewußt hat, dah gerade das Alltäglich« oft das eigentlich Sakrale ist, dah das Geheimnis der Schönheit in einem stummen Beieinander toter Dinge, einer zufälligen Handreichung, einer plötzlichen Wendung des Kopfes, dem schlichten Tun einer Magd sich überwältigend offenbaren könne? Die Singularität der historischen Stellung Vermeers van Delft ist, wie gesagt, eine doppelte. Einmal steht er innerhalb unserer christlich-abendländischen Kunstära — besonders der des Nordens — völlig einzigartig da. Denn der größten nachklassischen Kunstepoche, der des Mittelalters, fehlte das ungetrübte Auge für die geheime Schönheit alltäglicher Dinge, und wo fie ihren stillen Zauber einmal sah, da wußte fie ihn nur vor den alles- Werstrahlenden Goldgrund des Absoluten zu stellen. Die beiden gewaltigsten nachmittelalterlichen Künstlerpersönlichkeiten, Michelangelo und RembraWt, erlebten zwar die selbständige Schönheit wirklicher, taggeborener Formen, aber beide nur in barocker Aebersteigerung, der eine sie in eine höhere, überwirkliche Schicht dynamischer Lebendigkeit versetzend, der andere alles eintauchend in das Dämmer einer magisch entstellten Welt. AW die Kunst der italienischen Renaissance — die Raffaels etwa —, mit welcher der inneren Gelassenheit nach Vermeers Künstlertum sich noch am ehesten vergleichen liehe, lebte letztlich doch in kühler dünner Höhenluft, ein stiller Feiergesang über allem Alltag. Ansre neuzeitlichen Naturalisten und Impressionisten aber, die Wer ihrer teils kleinlichen, teils eilfertigen Malerliebe zum schönen Schein der Dinge die Seele der Dinge vergaßen, was hätten sie vom Sinn einer Kunst als Heiligung des Alltags auch nur ahnend begreifen können! In das Gefamtbild der allgemeinen Kunstentwicklung eingeordnet, erscheint Dermeer als künstlerischer Typus mit der wundervollen „Wind- und Meeresstille" seines Wesens, die aus seinen reifsten Schöpfungen spricht, in der Lat wie ein in den Norden versprengtes Druchstück jenes Geistes, Den wir feiner einmalig-reinsten Verkörperung nach „klassisch-antir zu nennen pflegen. , „ Nicht minder einsam uW einzigartig ist Vermeers Stellung innerhalb seiner Zeit. Gewiß — er ist einmal Holland, aber dann wieder mehr als Holland, nämlich — mit einer Formel Hausensteins — „die Sublimation Hollands ins Klassische", wie auch Rembrandt mehr als ein Hofländer war, aber nicht mit feinem Lande, sondern „Hofländer wider Hofland". Damit erweist sich Rembrandt zugleich als Vermeers unbeblngtefter Antipode, antipodisch in der dämonischen Art, wie er das Afl- fäglichste in die Sphäre des Mystischen zu rüden,_ das Realistische bis zum Legendarischen zu steigern weiß, während Franz Hals — dem anderen zeitgenössischen GegeWvl des Delfter Meisters und seinerseits wieder von Rembrandt durch eine Welt getrennt — der Leib der Wirklichkeit immer nur „durch ein Temperament gesehen" etwas bedeutet, durch sein Temperameick, das in jedem Pinselhieb von triebmäßiger Lebendigkeit sprüht und pulsiert. Aber wie antipodisch auch immer — innerhalb der Geschichte der holländischen Kunst gehören die Meister von Haarlem, Amsterdam und Delft wie ein Sreigeftirn zusammen, gehört Vermeer van Delft zu Rembrandt uW Franz Hals als der dritteGroß meist er seines JahrhuWerts und seines Landes. And das hat man meistens verkannt, da ja feine andere Werteinordnung so becruem erschien, wie Vermeer ganz einfach mit den populären Kleinmeistern des holländischen Genrenaturalismus und Genremanierismus in einen Tops zu werfen. Allerdings gibt es Dinge in feinem Werk — das soll nicht verschwiegen werden —, die dem Pieter de Hooch, dem Jan Steern dem Franz van Mieris allzu benachbart schönen, Wider, auf denen sich das billig Anekdotische, das oberflächlich Genrehafte oder auch das vordergründlich Kulisfenhafte allzu breit macht, man denke etwa an die beiden Silber „Herr und Dame beim Wein in der Draunfchweiger Galerie und im Berliner Kaiser-Friedrich- Museum, an den „Astronomen" im Städelschen Institut zu Frankfurt, an den Asterdamer „Liebesbrief" ober Die berühmte . Atelierszene" in Wien. Mer schon in seinem bekanntesten und allein datierten Werke, der „Kupplerin" von 1656 in Dresden, ist die genrehafte Bewegtheit einer alltäglichen Szene zu einem fast feierlichen Tonfall machtvoller Formen beruhigt, die habet an fachlicher Wirklichkeitstreue doch nichts vermissen lassen. AW dann Die kleine Reihe feiner Meisterwerke, die erst den einen, den eigentlichen Vermeer uns zeigen, die hohe Eiiizigartigkeit seiner Kunst, alltägliches Sein in den festlichen Augenblicken offenbarer Schönheit, gebanfenentbunben unb zweckerlöst, mit reuten Augen zu spiegeln. „Die Dame mit dem PerlenhalsbaW in Berlin, ganz in seidiges Licht gebadet, ober jene frauliche Amsterdamer Driefleserin" im gleitenden Lichtschimmerblau der schlichten Jacke, zusammen mit ihrer jüngeren Schwester in Dresden, 1 Deren zartes Köpfchen ein zweitesmal wie ein blasser Traum in - 112 der Spiegelung des geöffneten Fensters erscheint, und schließlich — als sicherlich schönstes — jenes .Milchmädchen" in Amsterdam, wo das volle Safrangelb des Mieders in Brot, Geflechten, Messingkorb schon spielt und Antwort findet im Grün des Tischtuches und im satten Blau vom Schurz, während sie selbst die schwere Milch aus der dunklen Höhlung des irdenen Kruges so lautlos feierlich zur ziegelroten Schcke niederrinnen läßt, als ob es die kostbarste Flüssigkeit wäre. Sn diesen reifsten Schöpfungen Vermeers ist jedes erzählerische Beiwerk ausgeschaltet, alles Zeitliche möglichst unfühlbar gemacht, der eine flüchtige Augenblick der Schönheit zwar erfaßt, aber sogleich zu beruhigtem Sein geklärt und entzeitlicht; es sind reine Monumente des Seins, nicht anders als bie besten Werke der Antike. Auch rein malerisch betrachtet, behält Vermeers Werk den gleichen Sinn eines in sich vollbefriedigten schönen Seins, einer wahrhaft klassischen „Wind- und Meeresstille" der Seele. Denn seine Bilder verkörpern die vollkommenste Stillebenkunst, die sich denken läßt, jedes seiner reifen Werke ist ein Skstll-Leben in des Wortes eigentlicher Tiefenbedeutung; eine Suwelenmalevei, welche die Amwelt als ein Gewirk aus lauter Kostbarkeiten darstellt und selbst noch das Bild der freien Natur („Ansicht der Stadt Delft", Haag) stillebenhaft wie aus geschliffenen Edelsteinen aufbaut. Schon einmal hatte im Verlaufe der niederländischen Kunst, wenngleich aus völlig andersartigen Bedingungen heraus, eine ähnliche Stillebenkunst zauberhafte Blüten getrieben. Es war damals, als San van Ehck sichnicht scheute, in die Bische, welche dis äckerheil.gste Mutter ausnahm, eine blinkende Schale, einen Messingleuchter und zwei goldschimmernde Aepfel zu legen. Nun ist die Madonna zwar aus der Nische entschwunden, aber unversehens hat Vermeer den Alltag hineingestellt, And siehe — auch er ist voll Heiligkeit und Schönheit. (Benno Reifenberg.) Sst das malerische Werk des Delfter Meisters in ziemlicher Reichhaltigkeit, wenn auch keineswegs vollständig auf uns gekommen, so ist von seinem Leben fast gar nichts überliefert und über seine Persönlichkeit schweigt die Geschichte ganz. Und auch in den Zügen der von ihm dargestellten Menschen forscht man vergebens nach dem Seelengeheimnis des Künstlers, denn seine Geschöpfe haben, lautlos in sich selbst versunken, ihr Snneres in ihr leibliches Dasein wie in einen kostbaren Schrein verschlossen Nur jener unvergleichliche Haager Mädchenkopf mit dem Turban und der milchigen Perle im Ohr schaut uns mit fragendem Herausblick voll stummer Wehmut an. Warum diese verhaltene Trauer grade über diesem Bilde, das zu den schönsten Schöpfungen des Delfters gehört und das man „ein Geschenk Griechenlands an den Norden" zu nennen vermocht hat? Vielleicht gibt die unbeschreiblich kostbare Malerei dieses Kopfes hierauf Antwort, die von einer Art ist, wie man sie eher einer geschliffenen Schale als wahrem Fleisch und Blut zukommen lassen würde. And die wehmütig fragenden Augen find genau gemalt wie das schimmernde Ohrgehänge, wie — Perlen, milchig verschleierte Perlen, die der Vvlksmund versteinerte Tränen nennt. Wie, wäre diese stumme Wehmut eines seiner Geschöpfe vielleicht als letztes Wissen in der Seele des Künstlers selbst gewesen, wehmütiges Wissen dessen, der als ein anderer Midas — über der Liebe zum schönen Schein der Welt alles Leben schließlich zu toten Kostbarkeiten, zum seelenlosen Sphinxblick des Edelsteins erstarren sah? Wäre selbst das entwölkte Schweigen dieses Künstlertums nicht frei von jener unnennbaren Trauer, die um alle jene „klassisch" gesinnten Künstler ist, die ihre Seele zu unbedingter Schönheit verschrieben haben und zu spät erkennen, daß alles sinnlich Schöne nur das irdische „Spiegelfragment" der Herrlichkeit eines Reiches ist, das nicht von dieser Welt? Wir können nur fragen, aber wissen es nicht. Küster Randers. _ Bon Hans Blunck-Oldemaren. Als der Organist zum ersten Male die Karte des Totgeglaubten in den Händen hatte, hatte er's nicht zu Ende lesen können, so sehr tanzten die Buchstaben nach der ersten Zeile. Kaum das Datum und die Aeberschrift hatte er gefunden und mühevoll entziffert, daß sein Sung irgendwo in Amerika war, und daß es ihm wohl ging. Dann hatte er zu dem jungen Weib laufen wollen, das um den Verschollenen trauerte, und erst auf dem Weg war ihm eingefallen, wie's zwischen ihnen beiden stand, daß Organist Randers und seine Schwiegertochter seit bald zwei Sahren nicht mehr miteinander sprachen. Der Sung lebte! War's nicht, als hätte der Lenz für ihn eingesetzt, rein für ihn, Küster Randers, weil er wußte, daß solches Wetter zu solcher Neuigkeit gehörte. All der singende Lenz! Der Organist horchte, blieb stehen und sah sich verwundert um nach dem Klingen, das aus den jugenden Wolken kam. Oder war's von dem Gotteshaus? Er begann eifersüchtig den Weg zur Kirche hinaufzulaufen, aber die Töne blieben nicht vorn, sie kamen aus allen Bäumen und Winden. Ein feierliches Lied war's, das sie sangen, eins, das Randers seit Sahren nicht mehr gespielt hatte aus lauter Trotz. Ein altes Kirchenlied, das er einst zur Hochzeit seines Sungens umgeschaffen und vorgetrags« hatte, und dos er vergessen wollte, seit er Marie Randers nicht mehr sah, feit dem Tag, da der Streit über sie beide gekommen war. Der Organist blieb plötzlich stehen. Er wäre am liebsten inS Dorf hinabgegangen und hätte all seinen Zorn fahren lassem um's dem jungen Weib zu sagen. Ob's nicht seine Pflicht war? Was würde Ehler sagen, wenn er heimkam und hörte, daß fein Vater Marie seinen Brief voventhalten hatte. Dann nahm der Trotz wieder überhand. Was wollte er den« hinabgehen? Hätte sie nicht hundertmal kommen können während all der Zeit, die der Sung weg war? Aber sie wollte ja nicht, wollte ihm nicht ein Wort geben und er, Randers, wollt« auch nicht. Der Wind trug auf einmal eine Herbe, die er beim Atmen fühlte, fast kalt war der Frühling geworden, feucht und frostig. Dem Alten fiel ein, daß er Marie Randers ja doch noch nicht treffen würde. Gr tröstete sich, daß sie mit den anderen Frauen des Dorfes drübe'N auf dem Gut war. Würd' noch eine halbe Stunde dauern bis sie kam, — oder nicht mehr so lange. Warum quälte er sich damit? Randers wandte sich wieder und schritt langsam zur Kirche, er wußte kaum warum. Aber all feine Dankbarkeit und fein Glück zwangen ihn wie selbstverständlich zu dem altgewohnten Gang. Was wollte er da oben? Beten? Natürlich, das wollte er auch, aber spielen mußte er, das war's, was ihm auf dem Herzen lag. Srgend etwas spielen, was ihn entlastete und freier machte. Einmal dachte er, daß er Marie treffen könnte; sie kam bald von der Arbeit, ungefähr um die gleiche Stunde täglich. Dann ging sie bei der Kirche vorbei. Er kam auf die Höhe und sah die Frauen vom Kirchhügel von der Arbeit unten im Grunde kommen. Langsam und müde sckegen sie den Berg hinan. Randers schlug mit dem Arm durch die Luft. Was ging'- ihn an? Mochte Marie zu ihm kommen, wenn sie's hören wollte. Sonst war's immer noch früh genug, wenn sie's oben im Dorf erfuhr. Er stapfte langsam in die hallenden Gewölbe und begann! über die knarrenden Stiegen zu steigen. Die schwere eiserne Tür hatte er offen gelassen. Als er daran dachte, wollte er zurück, aber dann war's ihm recht, daß der Frühlingswind eine Weile in die Kirche führ — und sein Spiel in den Lenz hinaus. * Die Kirche war voll von dem brausenden jubelnden Widerhall der alten Orgelstimmen. So stark und gewaltig hatte sie'S selten gehört. All die Bilder und geschnitzten Gestalten um den Altar lauschten und schienen sich zu bewegen zu dem rauschende« starken Spiel. And die alten Bogen und Pfeiler, die seit Sahr» hunderten in ihren Fugen ruhten, zitterten leise und die Domren» strahlen, die gläsern in die Gewölbe fielen, wirbelten und drehten den Staub wunderlich Ein alter Hochzeitsmarsch war's, den der Alte spielte, festlich und getragen, so wie die alten niederländischen Melodie« schwellen und steigen. Gr hatte den grauen Kopf dicht über di« Tasten gebeugt, sein Leib arbeitete mit dem Spiel, aber sein« feenen Ohren fingen alle Töne und einten sie im Herzen zu einem einzigen glückseligen Subel. Die Frauen waren vor der Kirche stehen geblieben und horchten. Sie waren müde und verstaubt, taten, als wollten sie nur Atem holen nach dem langen Steigen auf den Berg. 2Cbee sie lauschten alle noch eine Weile weiter. Es geschah nicht oft. daß sie etwas anderes hörten, als eines der Lieder, die sie von Kind auf kannten. Einzelne Frauen gingen weiter. Marie Randers blieb noch, trat ein paar Schritt in die Kirche und lauschte mit eigentümlichen Widerstreben. Sie suchte nach einer Erinnerung, ohne sie finden zu können. Shre Hochzeit stand wie ein großes buntes Bild vor ihr, die Menschen lachten und die Orgel brauste. Shv« Augen wurden wieder feucht, fie dachte an ben Verschollenen, wollte gehen und blieb doch noch und lehnte sich lauschend