Gichener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, öen 6. März Nummer zy Trübes Wetter. Don Gottfried Keller. Es ist ein stiller Regentag. So weich, so ernst, und doch so klar, Wo durch den Stimmer brechen mag Die Sonne weiß und sonderbar. Ein wunderliches Zwielicht spielt Beschaulich über Bwg und Dal: Ratur, halb warm und halb verkühlt. Sie lächelt noch und weint zumal. Die Hoffnung, das Derlovensein Sind gleicher Stärke in mir wach; Die Lebenslust, die Todespein, Sie zishn auf meinem Herzen Schach. Ich aber, mein bewußtes Ich, Beschau das Spiel in stiller Ruh, älnd meine Seele rüstet sich Zum Kampfe mit dem Schicksal zu. Spiegel, das Kätzchen. Ein Märchen von Gottfried Keller. Wenn ein Seldwyler einen schlechten Handel gemüdjt hat oder angeführt worden ist, so sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmer abgekauft! Dies Sprichwort ist zwar auch anderwärts gebräuchlich, aber nirgends hört man es so ost tote dort, was vielleicht daher rühren mag, daß es in dieser Stadt eine alte Sage gibt über den Ursprung und die Bedeutung dieses Sprichwortes. Dor mehreren hundert Jahren, heißt eS, wohnte zu Seld- toyla eine ältliche Person allein mit einem schönen, grau und schwarzen Kätzchen, welches in aller Vergnügtheit und Klugheit mit ihr lebte und niemandem, der es ruhig ließ, etwas zuleid« tat. Seine einzige Leidenschaft war die Jagd, welche es jedoch mit Vernunft und Mäßigung befriedigte, ohne sich durch den Umstand, daß diese Leidenschaft zugleich einen nützlichen Zweck hatte und seiner Herrin wohlgefiel, beschönigen zu wollen und allzusehr zur Grausamkeit ha.reißen zu lassen. Es fing und tötete daher nur die zudringlichsten und frechsten Mäuse, welche sich in einem gewissen älmkreise des Hauses Betreten ließen, aber diese Dann mit zuverlässiger Geschicklichkeit; nur selten verfolgte es eine besonders pfiffige Maus, welche seinen Zorn gereizt hatte, über diesen Llmkveis hinaus und erbat fich in diesem Falle mit vieler Höflichkeit von den Herren Nachbaren die Erlaubnis, in ihren Häusern ein wenig mausen zu dürfen, was ihm gerne gewährt wurde, da es die Milchtöpfe stehen lieh, nicht an die Schinken hinaufsprang, welche etwa an den Wänden hingen, sondern seinem Geschäfte still und aufmerksam oblag und. nachdem es dieses verrichtet, sich mit dem Maus lein im Maule anständig entfernte. Auch war das Kätzchen gar nicht scheu und unartig, sondern zutraulich gegen jedermann, und floh nicht v»r vernünftigen Leuten; vielmehr ließ es sich von solchen einen guten Spaß gefallen und selbst ein bißchen an den Ohren zupfen, ohne zu kratzen; dagegen ließ es sich von einer Art dummer Menschen, von welchen es behauptete, daß die Dummheit aus einem unreifen und nichtsnutzigen Herzen käme, nicht das mindeste gefallen und ging ihnen entweder aus dem Wege, oder versetzte ihnen einen ausreichenden Hieb über die Hand, wenn sie es mit einer Plumpheit molestierten. Spiegel, so war der Name des Kätzchens wegen seines glatten und glänzenden Pelzes, lebte so seine Tage heiter, zierlich und beschaulich dahin, in anständiger Wohlhabenheit und ohne -Ueberhebung. Er saß nicht zu ost auf der Schulter seiner freundlichen Gebieterin, um ihr die Bissen von der Gabel weg» zufangen, sondern nur, wenn er merkte, daß ihr dieser Spaß angenehm war; auch lag und schlief er den Tag über selten auf /seinem warmen Kissen hinter dem Ofen, sondern hielt sich munter und liebte es eher, auf einem schmalen Treppengeländer oder in der Dachrinne zu Hegen und sich philosophischen Betrachtungen und der Beobachtung der Well zu überlassen. Nur jeden Frühling und Herbst einmal wurde dies ruhige Leben eine Woche lang unterbrochen, wenn die Veilchen blühten oder die nttlde Wärme des Alteweibersommers die Dellchsnzeit nachäffte. Alsdann ging Spiegel seine eigenen Wege, streifte in verlebter Begeisterung über die fernsten Dächer und sang die allerschönsten Lieder. Als ein rechter Don Juan bestand er bei Tag und Nacht die bedenklichsten Abenteuer, und wenn er sich zur Seltenheit einmal im Hause sehen ließ, so erschien er mit einem so verwegenem burschikosen, ja llsderlichen und zerzausten Arrssehen, daß die stelle Person, seine Gebieterin, fast unwillig ausrief: Aber Spiegel! Schämst du dich denn nicht, ein solches Leben zu führen?" Wer sich aber nicht schämte, war Spiegel; als ein Mann von Grundsätzen, der wohl wußte, was er sich zur wohltätigen Ab- toechslung erlauben durfte, beschäftigte er fich ganz ruhig damit, die Glätte feines Pelzes und die unschuldige Munterkeit seines Aussehens wrederherzustellen, und er fuhr sich so unbefanger, mrt dem feuchten Pfötchen über die Nase, als ob gar nichts geschehen wäre. Allein dies gleichmäßige Leben nahm plötzlich ein trauriges Ende. Als das Kätzchen Spiegel eben in der Blüte seiner Jahrs stand, starb die Herrin unversehens an Altersschwäche und ließ das schöne Kätzchen herrenlos und verwaist zurück. Es war das erste Unglück, welches ihm widerfuhr, und mit jenen Klagetönen, welchs so schneidend den bangen Zweifel an der wirklichen und rechtmäßigen Ursache eines großen Schmerzes ausdrücken, begleitete es die Leiche bis auf die Straße und strich den ganzen übrigen Tag ratlos im Hause und rings um dasselbe her. Doch seine gute Natur, seine Dernunst und Philosophie geboten ihm bald, sich zu fassen, das Unabänderliche zu tragen und seine dankbare Anhänglichkeit an das Haus seiner toten Gebieterin dadurch zu beweisen, daß er ihren lachende!: Erben seine Dien5te anbot und sich bereit machte, denselben mit Rat und Tat Bei- zustehen, die Mäuse ferner im Zaume zu halten und überdies ihnen manche gute Mitteilung zu machen, welche die Törichten! nicht verschmäht hätten, wenn sie eben rächt unvernünftige Menschen gewesen wären. Aber diese Leute ließen Spiegel gar nicht zu Worte kommen, sondern warfen ihm die Pantoffeln und das artige Fußschemelchsn der Seligen an den Kopf, so oft er sich blicken lieh, zankten sich acht Tage lang untereinander, begannen endlich einen Prozeß und schlossen das Haus bis auf weiteres zu, so daß nun gar niemand darin wohnte Da sah nun der arme Spiegel traurig und verlassen auf der steinernen Stufe vor der Hanstüre und hatte niemand, der ihn hineinließ. Des Nachts begab er sich wohl auf Amwegsn unter das Dach des Hauses, und im Anfang hielt er sich einen großen! Teil des Tages dort verborgen und suchte seinen Kummer zu verschlafen; doch der Hunger trieb ihn bald an das Licht und nötigte ihm an der warmen Sonne und unter den Leuten zu erscheinen, um Bei der Hand zu fein und zu gewärtigen, wo fich etwa ein Maul voll geringer Nahrung zeigen möchte. Je seltener dies geschah, desto aufmerksamer wurde der gute Spiegel, und alle seine moralischen Eigenschaften gingen in dieser Aufmerksamkeit auf, so daß er sehr bald sich selber nicht ntehr gleichsah. Er machte zahlreiche Ausflüge von seiner Haustüre aus imd stahl sich scheu und flüchtig über die Straße, um manchmal mit einem schlechten unappetitlichen Bissen, dergleichen er früher nie angesehen, manchmal mit gar nichts znrückzuWren. Er wurde von Tag zu Tag magerer und zerzauster, dabei gierig, kriechend and feig; all sein Mut, seine zierliche Katzenwürde, seine Verminst und Philosophie waren dahin. Weim die Buben aus der Schalle tarnen so kroch er in einen verborgenen Winkel, sobald er sie komme» hörte, und guckte nur hervor, um aufznpasfen, welcher von ihn«, etwa eine Brotrinde toegtoürfe und merkte sich den Ort, tu» sie hinftel. Wenn der schlechteste Köter von weitem ankam, so sprang er hastig fort, während ex früher gelassen der Gefahr ins Auge geschaut und böse Hurrde oft tapfer gezüchtigt hatte. Dur wenn ein grober und einfältiger Mensch daherkam, bet» gleichen er sonst klüglich gemieden, BlieB er sitzen, obgleich das arme Kätzchen mit dem Reste seiner Menschenkenntnis den Lümmel recht gut erkannte: allein die Not zwang Spisgelchen, sich zu täuschen und zu hoffen, daß der Schllmme ausnahmsweise einmal eS fvrundsich streicheln und ihm einen Bissen darveichen werde. iln& selbst wenn er statt Beffest nun doch geschlagen oder t» ben Schwanz gekneift wurde, so kratzte er nicht, sondern duckte sich lautlos zur Seite and sah dann noch verlangend nach der Hand, die «s geschlagen und gekneift, und welche noch Wurst ober Hering rödg. Als der edle und kluge Spiegel so heruntergekommen war. sah er eines Tages ganz mager und traurig auf feinem Steinl und blinzelte in der Sonne. Da kam der Dtadthexeinneister Pineitz des WegeS, sah das Kätzchen und stand vor ihm still. Etwas Gutes hoffend, obgleich eS den Unheimlichen wohl kannte, saß Spiegelchen demüttg auf dem Stein und erwartete, was der Herr Pineiß etwa tun oder sagen würde. Als dieser aber begann und sagte: »Da, Katze! Soll ich dir deinen Schmer aBfaufen?“ 74 — frt verlor es ine Hoffnung, denn es glaubte, der StzrdtHe^en- meister wolle es seiner Magerkeit wegen verhöhnen. Doch erwiderte er bescheiden und lächelnd, um «-8 mit niemand zu verderben: „Ach, der Herr Pinei h belieben zu scherzen!" — »Mitnichten!" ries P meist, »es ist mir voller Ernst! Ich brauche Katzenschmer vorzüglich zur Hexerei: aber er muh mir vertragsmäßig und freiwillig von den werten Herreir Katzen abgetreten werden, sonst ist er unwirksam. Ich denke, toerm je ein wackeres Kätzlein in der Lage war, einen vorteilhaften Handel abzu- schlietzen, so bist es du! Begib dich in meinen Dienst; ich füttere dich herrlich Heraus,, mache dich fett und kugelrund mit Würstchen und gebratenen Wachteln. Auf dem ungeheuer hohen alten Dache meines Hauses, welches nebenbei gesagt das köstlichste Dach von der Welt ist für eine Katze, voll interessanter Gegenden und Winkel, wächst auf den sonnigen Hoheit treffliches Spitzgras, grün wie Smaragd, schlank und fein in den Lüften schwankend, dich einladend, die zartesten Spitz«: abzubeißen und zu geniesten, wenn tot dir an meinen Leckerbissen eine leichte Änverdaülichkeit zugezogen hast. So wirst du bei trefflicher Gesundheit bleiben und mir dereinst einen kräftigen brauchbaren Schmer liefern!" Spiegel hotte schon längst die Ohren gespitzt und mit wässerndem Mäulchen gelauscht; doch war seinen: geschwächten Verstände die Sache noch nicht klar und er versetzte daher: »Das ist soweit nicht übel, Herr Pmeiß! Wenn ich nur wüßte, wie ich alsdann, wenn ich doch, um Euch meinen Schmer abzutreteir, mein Leben lass«: must, des verabredete:: Preises habhaft werden und ihn geniesten soll, da ich nicht mehr bin?" — „Des Preises habhaft werden?" sagte der Hexenmeister verwundert, „den Preis genießest du ja eben in den reichlichen und üppigen Speisen, womit ich dich fett mache, das versteht sich von selber! doch wifl ich dich zu dem Handel nicht zwingen!" lind er machte Miene, sich von dannen begeben zu wollen. Aber Spiegel sagte hastig und ängstlich: „Ihr müht mir wenigstens eine mäßige Frist gewähren über die Zeit meiner höchsten erreichten Rrmdheit und Fettigkeit hinaus, daß ich nicht so jählings von hinnen gehen mutz, wenn jener angenehme und ach! so traurige Zeitpunkt herangekommen mrd entdeckt ist!" „Es sei!" sagte Herr Pineist mit anscheinender Gutmütigkeit, »bis zun: nächsten Boflmond sollst du dich alsdann deines angenehmen Zustandes erfreuen dürfen, aber nicht länger! Denn in den abnehmenden Mond hinein darf es nicht gehen, weil dieser einen vermindernden Einfluß auf mein wohlerworbenes Eigentum ausüben würde." Das Kätzchen beeilte ftH zuzuschlagen und unterzeichnete einen Vertrag, welchen der Hexer:meister im Vorrat bei sich führte, mit seiner scharfen Handschrift, welche sein letztes Besitztum und Zeichen besserer Tage war. „Du kannst dich mm zum Mittagessen bei mir einfiitden, Kater!" sagte der Hexer, „Punkt zwölf Uhr wird gegessen!" — „Ich werde so frei sein, wenn Ihrs erlaubt!" sagte Spiegel und fand sich pünktlich um die Mittagsstunde bei Herrn Pineiß ein. Dort begann nun während einiger Monate ein höchst angenehmes Leben für das Kätzchen; denn es hatte auf der Welt weiter nichts zu tun, als die guten Mnge zu verzehren, die man ihm vorsetzte, den: Meister Bei der Hexerei.zuzuschauen, wenn es tnochte, und auf dem Dach: spazieren zu gehen. Dies Dach glich einem ungeheuren schwarzen Nebelspalter oder Dreiröhrenhut, wie man die großen Hüte der schwäbischen Bauen: nennt, (Fortsetzung folgt.) AlLe und neue VölkerbundsplLns. Von Friedrich v. Oppeln-Dronikvwski. Der Völkerbundsgedanke, der jetzt durch Deutschlands Beitritt zum Völkerbutch in ein neues Stadium tritt, ist keineswegs so neu, wie man vielfach glaubt. Er ist weder in den Köpfen Wilsons und Erzbrrgers entstanden, noch selbst in denen Kants und seines gekrönte:: Schülers, des Zaren Nikolai II., sondern er blickt auf eine Ahnenreihe zurück, auf die manches alte Geschlecht stolz fein könnte. Dur seine praktische Verwirklichung ist nagelneu wie ein Dricfadel, der alte Verdienste endlich offiziell abstempelt. Hätten nicht viele Geschlechter an ihm gearbeitet, sein Für und Wider debattiert, er wäre heute keine übernationale geistige Macht. Ein ideengeschichtlicher Rückblick auf fein Werden ist also heute am Platze. Die für wenige Jahrhunderte in der Fax romana, dem Römischen Weltreich, verwirllichte politische Einheit der antiken Welt wurde durch das Ehristentum und die Germane:: zerstört. Auf den Trümmern Roms erhob sich die Civitas dei, Augustins Gottesstaat, und das Heilige Römische Reich Deutscher Ration. Aber die erstere hat sich immer nur religiös und kulturell aus- gewirkt, :rnd die Weltherrschaft des Kaisertums hat nur in seinem Schöpfer, Karl dem Großen, für kurze Zeit tatsächlich bestanden. Das ganze Mittelalter ist von dem Kampf dieser beiden Mächte erfüllt, und die geistige blieb schließlich Sieger. Aber selbst als die Kaisermacht schon zmn Schatten verflüchtigt war, hat sie noch an der Idee der Weltherrschaft festgehalten. Auf den: geistige:: und politisch.ru Trümmerfeld des Mittelalters erhoben sich lebenskräitige souveräne Rationalstaaten, die ihre Prägung durch den fürstlichen Absolutismus, dairn durch die französisch: Revolution erhielten. Aber der alte Einheitsgedanke Europas war auch jetzt «och nicht tot. Papst und Kaiser bestanden mit geschmälerter Wacht fort; die Glaubensspaltungen erweckten neue übernationale Solidaritätsgefühle; der Handel schuf gemeinsame Bande; der Humanismus und das römische Recht, später die Aufklärung, gaben der europäischen Kultureinheit eine neue Grundlage. Auf diesem Boden mtwickelte sich ein neuer Begriff der Societas gentium. Völkerbunidspläne waren schon im Mittelaller entstanden, aber ihr Anlaß oder Vorwand war religiös gewesen. So befürwortete schon 1326 der französische Kronanwalt Pierre Dubois einen richtigen Völkerbund der Christenheit zur Wiedereroberung des soeben verlorenen Palästina, und später zeitigte die Türkengefahr zahllose Kreuzzugspläne bis ins 18. Jahrhundert hinein. Daneben konstruierten die Katholiken, besonders die spanischen Jesuiten, seit dem 16. Jahrhundert den Begriff einer Völkergemeinschaft, stellten die Idee eines gerechten Krieges im Gegensatz zum ungerechte:: und forderten die Einberufung internationaler Kongresse zur Schlichtung politischer Streitigkeiten. Reben diesen religiös-geistige:: Strönmngen, von ihnen befruchtet und teils mit ihnen verquickt, wirkte das neue weltliche Element immer stärker auf den Dölkerbundsgedanken ein. Hugo Grotius, der Begründer des Völkerrechts, ^zweckte mit seinem klassischen Buche „De jure belli et pacis" (1625) nicht nur eine Milderung der barbarischen Kriegsbräuche seiner Zeit, sondern er erhob gleichfalls die Forderung nach der Einberufung von Kongressen zur Schlichtung internationaler Streitigkeiten. So ist er der eigentliche Großvater des Völkerbundes geworden. Er steht an der Wiege der rechtlich-sittlichen Völkerbundsidee, die später in den Lehre:: des Aaturrechts eine mächtige Stütze fand und in Kants Traktat „Zum ewigen Frieden" (1798) gipfelt, auf den sich dann wieder Zar Aikostms II. bei der Einladung zur erst«: Friedenskonferenz im Haag berufen hat. Die Zwischenglieder bilden die weltbürgerlichen Aufllärungsidsen, die der „Welt- republik" in der frar^ösischen Revolution und der Pazifismus des 19. Jahrhrmderts. Aber Grotius ist auch her geistige Vater der zahlreichen europäischen Kongresse des 18. und 19. Jahrhunderts zur Schlichtung oder Verhütung von Streitigkeiten, die mit dem .Friedenskongreß in ältrecht (1712/13) begannen und mit den obengenannten Haager Friedenskongressen endeten. Cs ist kein Zufall, daß Holland dabei stets eine Rolle gespielt hat. Aus das freie Meer und den Welthandel angewiesen, hatte dies Land von jeher ein Lebensinteresse an dem europäischen Frieden. Dnrnoch war es kein Holländer, sondern ein französischer Mönch, kein Kaufmcrm:, sondern ein Gelehrter, Emeric Cruce, bei- in seine::: kürzlich wieder ausgegrabene:: „Nouveau Cynee“ die gemeinsamen Handelsinteresfen als ein neues Band der Völker zuerst betont hat. Gr träumte von einem merkantilen Weltbürgertum, lange bevor die Aufklärung em geistiges hinzufügte. Seine Bekanntschaft mit Grotius ist möglich, und wahrscheinlich hat sowohl Sullh wie Saint-Pierre (von denen gleich die Rede fein wird), sein Buch gekannt. Jedenfalls fuhrt von ihm eine Entwick-- llmgsreihe bis zu den merkantilen Dölkerbundsideen der Gng- länder Hume, Adan: Smith und Deniham. Jdeengeschichtlich höchst eigenartig ist der Völkerbundsplan, den der Herzog von Sully, der bekannte Fincmzmimster Heinrichs IV. von Frankreich, in seinen Memoiren (1638) entwirft. Für diesen Plan soll der König bereits die Mehrzahl der europäischen Mächte gewönne:: haben, als er 1610 ermordet wurde. Erst die neuere Geschichtsforschung hat diese Behauptung als dreiste Mhstiftkation der Nachwelt entlarvt: Heinrich IV. plante nichts weniger als eine „allerchristlichste Republik Europa", sondern die Niederwerfung Habsburgs und die Aufrichtung der französischsn Vorherrschaft, wie seine lliachsvlger sie bis zu Napoleon I. und Poincare unentwegt angestrebt haben Aber das 18. Jahrhundert schenkte Sullys Fabeln Glauben, so besonders der Abbe Casiel de Saint-Pierre, der in seinem „Traktat vom ewige:: Frieden" (1713) den ersten wohldurchdachten und genau formulierten Völkerbundsplan entworfen hat. älebrigens war er der letzte, der ihn mit einer christlichen Spitze gegen die Türkei versah. Davon abgesehen, ist er für die Zukunft grundlegend geworden. „Er grenzt auch", wie ein neuerer Forscher sagt, „tatsächlich den Boden ab, auf dem sich nach ihn: die Diskussion über die Möglichkeit des ewigen Friedens bewegt hat." So ist Saint- Pierre der geistige Vater der Völkerbundsakte von 1919 geworden*). Saint-Pierre war kein Stubengelehrter, sondern ein Mann der großen Welt und Teilnehmer an dem Atrechter Friedenskongreß, der den Spanischen Erbfolgekrieg beschloß. And es waren die bitteren Lehren dieses damaligen Weltkrieges, die ihn zu feinem Traktat bestimmten, genau wie die furchtbaren Erfahrungen des letzten Weltkrieges die Völkerbunds alte von 1919 gezeitigt haben. Zur Verwirklichung ist sein Plan freilich nicht gelangt: dazu waren die Geleise der europäischen Politik zu tief ausgefahren, die Wirkung«: der Kriege noch nicht so verheerend wie bei dem heutigen Aufgebot vonMillionenheeren und raffinierten Zerstörungsmitteln, Weltwirtschaft und Weltverkehr noch nicht sv entwickelt, daß ein Weltkrieg die ganze wirtschaftliche und geistige Struktur Europas in Frage stellte und die halbe Welt in Revolutionen sttirzte. *) Ich habe dies grundlegende Werk 1922 in den „Klassikern der Politik" (Berlin, R. Hobbing) gekürzt verdeutscht. Der den Staatsmännern Frankreichs begegnete Saint-Pierres Projekt nur Hohn und Spott; Friedrich der Gröhe lieh es später mit beißender Ironie abfertigen. Aber selbst Philosophen Wie Leibniz und Voltaire, ja noch Rousseau, der es in einer Neu- bearbeitung herausgab, schüttelten den Kopf darüber. Das lag indes weniger an dem Grundgedaickn als an der Starrheit und den inneren Schwächen von Saint-Pierres System, das die Methode eines mathematischen Lehrbuches auf die Politik an- wandte und die Großmächte zum Spielball der Kleinstaaten machte, also das oberste Gesetz der Politik, das der Macht, einfach ausstrich. Für den heutigen Staatsmann hat es noch den besonderen Mangel, daß es die seit der französischen Revolution! entscheidende Nationalitäten frage überhaupt nicht berücksichtigt. Um die damaligen Herrscher für seinen Plan zu gewinnen, stellte Saint-Pierre ihn rein dynastisch ein. Aach ihm hätte das Haus Habsburg in alle Ewigkeit über Deutsche, Wallonen, Italiener, Ängarn und Slawen geherrscht, hätten Deutschland und Italien ewig bunte Konglomerate von Kleinstaaten gebildet, hätten Schweden, Polen und Engländer in deutschen Ländern geboten. Selbst die polnische Anarchie wäre verewigt worden. Keine Vereinigten Staaten von Amerika, kein Mexiko, keine südamerikanischen Freistaaten wären entstanden! Der Völkerbund schützte den Status quo mit allen Machtmitteln der Dundesexekutive. Die Ruhe eines Kirchhofes hätte geherrscht: nicht mit Olrrrecht erinnerte Leibniz angesichts dieses Planes an die Aufschrift einer Kirchhofs- Pforte: Pax perpetua. Trotz digser offenkundigen Mängel seines Systems enthält Saint-Pierres Plan einen lebensfähigen Grundgedanken, und dieser hat nachhaltig weitergewirkt: das beweisen schon die mehrfachen Auflagen und Umarbeitungen seines Buches. „Die ganze Welt kannte es", sagt Lessing 1769 von ihm. In der Folgezeit haben sich die Friedensprojekte und Bölker- bundspläne geradezu überstürzt, vornehmlich in Deutschland und Frankreich, wo die Aufklärungsideen und die Lehren des Naturrechts ihnen förderlich waren, And mit all den Einschränkungen, die Menschemratur und praktische Staatsweisheit erforderte, ist daraus schließlich die Dölkerbundsakte von 1919 geworden, mit der die Dölkerbundsidee nach 600 Jahren aus der Sphäre der Ideologie in die der praktischen Politik getreten ist. Vielleicht wird es noch eines weiteren Jahrhunderts voller Enttäuschungen,. Rückschläge und Machtkämpfe bedürfen, um ihr eine endgültige Gestalt zu geben, aber der erste entscheidende Schritt in die Wirklichkeit ist getan, und Deutschlands Beitritt zum Völkerbund bildet den zweiten. Friedrich Ludwig Knapp der Vater Georg Friedrich Knapps. Don Amtsgerichtsrat Jäckel in Gießen. Dor einigen Tagen hat Herr Professor Dr. Mombert (im zweiten Blatte des Gießener Anzeigers vom 25. Februar) einiges über den am 20. Februar verstorbenen Georg Friedrich Knapp mitgefeilt und dabei erwähnt, daß er der Sohn des früheren Gießener Professors der chemischen Technologie Friedrich Ludwig Knapp gewesen sei Zum besseren Verständnis des Nachstehenden sei darauf verwiesen, was Meyers Konversationslexikon von letzterem sagt: er war am 22. Februar 1814 in Michelstadt geboren und. starb am 9. Juni 1904 in Braunschweig. Er erlernte 1832—35 die Pharmazie, studierte in Gießen und Paris, habilitierte sich dann in Gießen, erhielt 1841 die außerordentliche und 1847 die ordentliche Professur der Technologie daselbst, ging 1853 als Professor der technischen Chemie und Betriebsbeamter der Königlicher Porzellanmanufaktur nach München und 1863 als Professor der technischen Chemie an das Carolinum nach Braunschweig, 1889 trat er in den Ruhestand. K. hat mehrere Untersuchungen auf dem Gebiet der chemischen Technologie wie über die Schnellessigfabrikation, über antike Bronzen, hydraulischen Mörtel, Zinnbleilegierungen, namentlich aber sehr wichtige Arbeiten über die Lederbereitung geliefert; feine Hauptleistung war das vortreffliche .Lehrbuch der chemischen Technologie" (Braunschweig 1847, 2 Böe.; 3. Aufl. 1865—1875), das in bisher unübertroffener Weise Wissenschaft unö Praxis miteinander verknüpfte. Ein Zufallsfund hat mir auf dem Speicher meiner Großeltern mütterlicherseits eine Reihe von Briefen des Vaters Justus Liebigs, auch einen Brief seiner Mutter, ein Schreiben Liebigs und viele andere Briefe aus der Liebigschen Familie in die Hände gespielt, die an meinen Großvater Johannes Jakob Hilß in Ortenberg und feine Frau, Luise geb. Liebig, die am 6. Juli 1814 in Darmstadt geborene, um 11 Jahre jüngere Schwester Justus Liebigs gerichtet sind. Der wunderbare Humor, den Herr Professor Dr. Mombert an Georg Friedrich Knapp hervorhebt, scheint ein Erbteil von Vaters Seite her zu sein, wie er auch in den nachstehenden Briefen, die ich im Wortlaut wiedergebe, in die Erscheinung tritt: Am 9ten Nvbr. 1842. Hochwohlgeborene Hochzuverehrende Insonderheit geschätzte Madame! Mit wieviel Anrecht habe ich Zweifel in die Sicherheit Ihrer Zusage gesetzt. Wir haben das Fuder Wein (Johannes Jakob Hilß war Eigentümer einer Bierbrauerei, Destillation, Essigfabrik und Weinhandlung) richtig und wohleonditioniert erhalten. Ich will mir als Tischwein keinen besseren wünschen, auch Elisen scheint er zu munden. Von wegen der Bezahlung erlaube ich mir Ihnen zwei Wege vorzuschlagen: einmal könnten Sie uns erlauben, uns den Betrag von unserem gemeinschaftlichen Papa Liebig anrechnen zu lassen; zum andern könnten Sie Ihren Herrn Gema! vermögen, mich um meinen schriftlichen Rath in Sachen der Essigfabrik zu bitten, welcher stets 2 Friedrichsd'vr kostet. In diesem Fall hätten Sie nur nötig, die 9 fl„ welche ich herausbekomme, mit nächster Gelegenheit hierher zu senden. Aebrigens wie Die es am liebsten sehen; im Fall keine besondre Ordre von Ihrer ebeiffo lieben als weißen Hand eintreff eit sollte, werden wir solches als eine Billigung des ersteren Vorschlags betrachten und durch Vater Liebig zahlen. — Die Kinderchen werden zusehends groß und stark und stolzieren in den neuen Kleiderchen wie Pfauen einher. Leider können wir sie wegen der herrschenden Kälte vor der Hand nicht in die Schule schicken. Die Kleinen sind Ihrer Frau Tante noch immer so zugethan und zum Zeichen, daß sie sie nicht vergessen haben, rufen sie immer „Hilß", wenn sie niesten müssen. Hier ist alles sündhimmeltheuer. Die Kartoffeln gelten Stück für Stück 3 fl„ die Maltersäcke voll nemlich. Unterschrift fehlt. Knapps Frau schreibt auf den folgenden Seiten (wobei rein familiäre Mitteilungen an die Schwester der Briefschreiberin weggelassen werden): Liebe Louise! Was wirst Du denken, daß wir so lange mit dem Schreiben gezögert? Der Vater war hier und noch vieles andere, was Arsache war, uns davon abzuhalten. Nach Deiner Abreise lachten wir noch oft über HilßenS desperaten Brief um seine verlorene Frau. Dem Vater erzählten wir davon und er wollte sich krank lachen. Das war ein schlagender Beweis;, wie lieb Dich Dein Mann hat. Was sagtest Du denn zu Karls glänzendem Examen mit Note I? Jettchen kam vergnügt von der Reise, ebenso Agnes und Justus. Justus brachte mir von England eine herrliche gewirkte Shawl mit, auch habe ich von einem bekannten Fabrikanten zwei Kleider für mich und zwei für die Kinder, Woll- mousseline und Jakonett. Ich hatte einen glücklichen Herbst. Die Kleidchen von Dir sind gar zu nett und stehen den Bündeln so gut! Der Wein ist köstlich und ich möchte keinen besseren Tischwein wünschen. Ich würde gerne P. einladen, aber so lange ich die Amme habe'), kam ich nicht dran denken. Ich schlafe eben mit den Kindern und der Amme oben wo Karst) gewohnt hat. Adieu Louise, grüße Alles und behalte lieb Deine Am 10. Nov. 42. S(lise), Im Jahre 1846 war Friedrich Ludwig Knapp mit Frau und Kindern offenbar zu längerem Besuche bei den Ortenberger Verwandten, worüber ein Dankbrief der Elise Knapp an ihre Schwester Luise Auskunft gibt. Es heißt darin weiter: „Von der Dürre und dem Mangel an Kartoffeln und Salat habt Ihr keinen Begriff; selbst mit Geld in der Hand ist nichts zu haben. Heute essen wir Dohnen für 6 Kr., und weil dies nur zwei Hände voll kleiner harter Schoten sind, muhte Lisbeth noch für 6 Kr. Kartoffeln dazu holen, um nur knapp genug zu haben. Die Gurken sind klein und krumm und kosten Steinen Batzen, dafür haben sie die halbe Länge von Euren Salat- gurten. Von Häuptern oder gar Wirsing wissen selbst Liebigs nichts. Ihr wißt nicht, wie gut Ihrs habt. Fritz ist schon in voller Thätigkeit an seinem Buch")." Diesem Briefe fügt Friedrich Ludwig Knapp folgende Zeilen bei: Hochverehrteste Frau Oekonomieräthin und Schwägerin! Derselben nehme Gelegenheit sofort pflichtschuldigst zu melden, daß ich mit der sämmtlichen Bagage hier unbescholten ange- kommen bin und untertoegS mehr Staub, als sonstwas gegessen habe, ©rahtlfere Ihnen von Herzen zur Ruhe, die mit unserer Jlbfahrt bei Ihnen eingetreten fein mag. Dankbarst für so viele genossene Freundschaft mb stets bereit Ihnen nebst Gemahl (ist zu grüßen!) mit jeder Summe«) darleihungsweise unter die Arme zu greifen empfiehlt sich zu geneigtem Zuspruch Ich. i) für den am 7. März geborenen Georg Friedrich. i) der Bruder, als. er sich zu dem Examen vorbereitete, von welchem im Briefe die Rede ist. ’) offenbar dem oben erwähnten Lehrbuch der chemischen Technologie. , r «) Das Humoristische liegt besonders in dieser Stelle: der damalige Extraordinarius, dem es pekuniär fo ging, wie fein ominöser Name sagt, bietet dein wohlhabenden Schwager em unbegrenztes Darlehen an! Wie oben erwähnt, erhielt Knapp erst im folgenden Jahre die ordentliche Professur. Es wird vielleicht für manchem von Interesse sein. Sah Friedrich Ludwig Knapp im Juli des Jahres 1849 gemeinschaftlich mit Justus Liebig sich in Ortenberg einfand, wo auch Liebigs Mutter aus Darmstadt und Elise Knapp zur Pflege der kränklichen Tochter bzw. Schwester sich aufhielten, und datz sie die am Fuhr der jetzigen Domäne Konradsdorf gelegene, von Alters her bekannte Solquelle „Klosterbrunnen" einer Besichtigung unterzogen wegen etwaiger gewerblicher Verwertbarkeit. Heber das Ergebnis der chemischen Analyse, die damals zweifellos hinterher vorgenommen wurde, ist mir nichts bekannt geworben. Dis zur Erbohrung der nicht sehr weit vom „Klosterbrunnen" entfernten Selterser Quelle vergingen, wie bekannt, einige Jahrzehnte. Auch bis zur Eröffnung des „Bades Selters" ist noch mancher Tropfen Wasser durchs Aiddertal geflossen. Jedenfalls war es in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nicht möglich, das Kapital zur Gründung eine» Bades zusammenzubringen. Der Goldkäfer. Von Edgar Allan Poe. t Schluß.) „Aber wie hast du das fertiggebracht?" Ich überlegte, dah der Schreiber dies sicher mit Absicht so gemacht habe, um das Verstehen, noch zu erschweren. Aun wird jeder nicht Allzuscharfsichtige bei solcher Gelegenheit die Sache übertreiben, wie zum Beispiel hier, an einer Stelle, wo eine Jnterpunttion notwendig wäre, die Zeichen besonders dicht zusammendrängen. Prüfe unser Manuskript genau und du wirst fünf solche Stellen finden, wo die Zeichen in besonders dicht- gedrängten Gruppen beieinander stehen. Auf diese Beobachtung hin machte ich folgende Einteilung: „Ein gutes GlaS im Dischofshotel in des Teufels Sitz — ein- undvierzig Grad und dreizehn Minuten — nordöstlich und nördlich - Hauptast, siebenter Ast Ostseite — schieße von dem linken Auge des Totenkopfes — eine kerzengerade Linie von dem Baume durch den Schutz fünfzig Futz hinaus." „Aber," sagte ich, „durch diese Einteilung tappe ich auch noch immer im Dunkel." „Auch ich tappte noch einige Tage im Dunkel." antwortete mir Legrand, „während welcher ich eifrige Aachforschungen in der Nachbarschaft von Sullivans-Jnsel, nach einem Gebäude „Bischofshotel" genannt, trieb. Ms ich jedoch nicht das geringste in Erfahrung bringen konnte, war ich schon nahe daran, meine Nachforschungen weiter auszüdehnen, als mir noch gerade rechtzeitig einfiel, der Name könnte mit einer alten Familie Namens Bessop in Zusammenhang stehen, deren Vorfahren ein großes Farmhaus ungefähr vier Meilen nördlich auf der Insel besessen hatten. Ich ging auf die Plantage hinüber und fragte bei den alten Negern herum, die dort arbeiteten. Endlich sagte mir eine der ältesten Frauen, daß sie Wohl mal etwas von einem Dischofs- oder Dessopskastell gehört habe und mich gern dahin führen wolle, doch sei es weder ein Schloß noch ein Wirtshaus, sondern ein hoher Felsen. Ich versprach ihr eine gute Entschädigung für ihre Mühen, und nach einiger Zeit willigte sie auch ein, mich dorthin zu führen. Wir fanden den Ort ohne jede Schwierigkeit und nachdem ich sie entlassen hatte, begann ich die Gegend in genaueren Augenschein zu nehmen. Das Kastell bestand aus unregelmäßig aufe inanb erg e türmten Felsblöcken, von denen der eine sowohl durch seine Höhe als auch durch seine beinahe künstliche Form auffiel. Ich erkletterte seine höchste Spitze und wußte nun nicht recht, was ich anfangen sollte. Während ich noch überlegte, fiel mir em schmaler Vorsprung. an der Ostseite des Felsens, ungefähr eine Elle unter dem Felsen, auf dem ich mich befand, auf. Dieser Vorsprung stand etwa achtzehn Zoll vom Felsen ab, war nicht mehr als ein Futz breit und sine Nische gerade über ihm machte ihn einem jener Armstühle mit hohler Rückenlehne ähnlich, wie sie bei unseren Vorfahren beliebt waren. Ich zweifelte nicht, dah dies hier der Teufelssitz des Manuskriptes fei, und schien nun die Lösung des ganzen Rätsels in Händen zu haben. Das „gute Glas", wußte ich, konnte nur ein Teleskop bedeuten; denn das Wort Glas wird von Seeleuten kaum je in einem anderen Sinne angewendet. Ich mußte mir nun ein gutes Teleskop verschaffen und dann einen Standpunkt für meine Beobachtungen ausfindig zu nrachen, der keinerlei Veränderung unterlag. Auch zweifelte ich nicht im geringsten, datz die Bezeichnung „einundvierzig Grad und dreizehn Minuten" und „nordöstlich und nördlich" die Richtung angaben, in der ich mein Fernglas einzustellen hatte. Durch diese Entdeckungen äußerst erregt, lief ich heim, holte mein Glas und kehrte sofort wieder zum Felsen zurück. Ich ließ nach sofort auf den Vorsprung unter mir nieder und mußte dabei feststellen, datz man nur in einer einzigen Stellung absolut sicher darauf sitzen konnte. Diese Tatsache bestärkt« mich nur in meiner vorgefaßten Meinung. Nun nahm ich das Glas. Natürlich konnten die „einundvierzig Grad und dreizehn Minuten" sich nur auf die Einstellung der Höhe über den sichtbaren Horizont beziehen, da ja die wagrechte Lage durch „nordöstlich und nördlich" genau angegeben war. Diese Richtung stellte ich durch meinen Taschenkvmpaß fest, stellte daS Fernglas, so gut ich es nach Augenmaß konnte, auf einen Winkel von einundvierzig Grad ein und bewegte es dann be» huffam auf und ab, bis meine Aufmerksamkeit durch den kreisrunden Ausschnitt im Laubwerk eines Baumes, der alle seine Nachbarn überragte, gefesselt wurde. Im Mittelpunkt dieser Oeffirung gewahre ich einen weihen Punkt, konnte aber zuerst nicht unterscheiden, was es war. Ich verschärfte das Teleskops schaute wieder und fmmte jetzt deutlich einen menschlichen Schädel erkennen. Nach dieser Entdeckung hielt ich in meiner Begeisterung das ganze Rätsel schon für gelöst; dann die Worte „Hauptast, siebenter Äst, Ostseite" konnten sich nur au? die Lage des Schädels auf dem Baume beziehen, und die weitere Bemerkung „schieß von dem linken Auge des Totenkopfes" ließ doch nur die eine Auslegung zu, daß sie den Versteck des Schatzes bezeichnen mußte. Ich entnahm den Worten, datz aus dem linken Auge DÄ Schädels eine Kugel hinabgelassen oder hinabgeschossen werden sollte, und eine „kerzengerade Linie" von dem nächsten Punkte des Baumes durch den Punkt oder „Schuß", auf den die Kugel fiel, gezogen und bis auf fünfzig Schritt verlängert werden müsse, um den Platz zu finden, wo meiner Meinung nach höchstwahrscheinlich Gegenstände von Wert vergraben liegen mußten." „All dies ist sehr klar," sagte ich, „sinnreich und doch einfach. Was tatest du dann, als du das Dischofskastell verließest?" „Nachdem ich mir den Baum genau gemerkt hatte, ging ich nach Hause. Im Augenblick aber, als ich vom Teufelssitz herunterstieg, verschwand der Ausschnitt im Daum, ich konnte nicht das geringste mehr davon sehen, wie ich mich auch wendete und Drehte. Was mir als das Genialste an der ganzen Sache erscheint, ist, daß, wie mich Wiederhalte Versuche überzeugt haben, sie tatsächlich einzig und allein von dem schmalen Felsvorsprung vorne an dem Felsen ans sichtbar ist. Auf diesem Ausflug nach dem Dischofshotel hatte mich auch Jupiter begleitet, dem natürlich meine Zerstreutheit und Nachdenklichkeit während der letzten Wochen aufgefällen war, und der besonders darauf bedacht war, mich nicht allein zu lassen. Am nächsten Morgen aber wachte ich so früh auf, daß eS mir gelang, ihm zu entwischen, ich ging sofort in die Berge, den! Baum zu suchen. Nach vielen Mühen fand ich ihn endlich Ms ich am Abend nach Hause kam, wollte mich mein Diener verprügeln. Der Rest der Geschichte dürfte dir ebenso bekannt sein wie mir." „Ich vermute, wir verfehlten beim ersten Llmgraben die Stells durch Jupiters Dunnnheit, der den Käser durch das recht« Auge des Schädels statt durch das linke hinabgelassen hatte." „Ganz recht. Dieser Irrtum verlegte den Schutz um zweieinhalb Zoll, das heißt den Punkt, wo der Pfahl nächst des Baumes eingeschlagen worden war. Wäre der Schatz direkt unter dem „Schuh" gelegen, so hätte der Irrtum nicht viel geschadet. Da nun aber der Schuß und der nächstliegends Punkt des Baumes nur eine Andeutung der weiteren Richtung waren, bei deren Verlängerung wir von der richtigen Stells immer weiter abrücktsn, mußten wir in einer Entfernung von fünfzig Fuß dann die Spur ganz und gar verlieren. Wäre ich nicht so felsenfest überzeugt gewesen, daß der Schatz hier irgendwo vergraben sein mußte, so wäre unsere ganze Arbeit umsonst gewesen." „Aber was sollte dein vieles Gerede und das Herumschwingen des Käfers bezwecken? Ich dachte sicher, du wärst verrückt geworden. Warum bestandest du darauf, daß der Käfer und nicht etwas anderes durch den Schädel hinuntergeworfen werde?" „Am die Wahrheit zu gestehen, war ich durch dein so offensichtliches Mißtrauen gegen meinen gesunden Verstand doch etwas beleidigt und hatte beschlossen, dich auf meine Art, durch Mystifikafion stillvergnügt zu bestrafen. Deshalb schwang ich 'den Käfer hin und her, und deshalb ließ ich gerade ihn vom Baume herunterwerfen. Deine Bemerkung über sein Gewicht hat mich auf diesen letzten Gedanken gebracht." „Nun wird mir alles klar! Nur noch eine Frage: Was bedeuten Die Skelette in der Grube?" „Diese Frage kann ich ebensowenig beantworte wie du selbst. Dafür gibt es jedoch anscheinend nur eine Erklärung — und doch fällt es mir schwer, an eine solche Grausamkeit zu glauben, wie sie mir vorschwebt. Es ist sicher, dah Kidd — wenn «S wirllich Kidd war, der den Schatz vergrabsn hat — was ich nicht bezweifle — baß Kidd Helfershelfer bei seiner Arbeit hatte. Nachdem aber die Arbeit vollbracht war, mochte er es für ratsam halten, keine Mitwisser seines Geheimnisses zu haben. Vielleicht genügten einige Schläge mit Der Hacke, während feine Kameraden noch ahnungslos bei der Arbeit in der Grube waren, vielleicht waren auch einige Dutzend nötig — wer kann das totff en?“ vchristleitung: Dr. Frisör. Wich. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.