Eichener jamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang l92b Samstag, -en 6. Februar Nummer \\ Geübtes Herz. Voir Gottfried Keller. Weise nicht von dir mein schlichtes Herz, Weil es schon so viel geliebet! Einer Geige gleicht es, die genbet Lang ein Meister unter Lust und Schmerz. And je länger er darauf gespielt. Stieg ihr Wert zum höchsten Preise! Denn sie tönt mit sicherer Kraft die Weise, Die ein Kundiger ihren Saiten stiehlt. Also spielte manche Meisterin In mein Herz die rechte Seele, Nun ist's wert, daß man es dir empfehle, Lasse nicht den köstlichen Gewinn! Am alten romantischen Ufer. Novelle von Alfred Dock. (Nachdruck verboten.) Seit 'einer halben Stunde wanderte Doktor Hermann Hettner, Dozent an der Nuperto-Carola zu Heidelberg, in seinem Studierzimmer auf und ab, das eine geniale Anordnung offen-» barte, und hielt dem jungen Dichter Gottfried Keller aus Zürich ein Privatissimum über das Wesen der Novelle. Nach seiner Gewohnheit strich er zuweilen das widerspenstige nußbraune Haar zurück. Seine Augen leuchteten. Das ganze Gesicht war in Bewegung. „Im Leben des einzelnen gewinnt die scheinbare Macht des Zufalls nicht selten eine dämonische Bedeutung. Aeber» raschende Wendungen und Verknüpfungen drängen den Schwankenden zur Entscheidung. Verwicklungen lösen sich in einer Weise, die man zuerst für unmöglich gehalten, hinterdrein als wahrhaft logisch erkennt. Die Novelle liebt es, auffallende Wendungen zum Vorwurf zu nehmen. Ihr Wert hängt davon ab, ob sie das Wunderbare, das Anerhörte, das sie durchwebt, den Charakteren der Menschen anzugleichen vermag, dergestalt, daß ein Gemälde von zwingender Plastik entsteht." Quellfrisch sprangen die Worte über des Vortragenden Lippen. Plötzlich brach er ab und blieb vor Gottfried Keller stehen, der, die Hände auf den kurzen Beinchen, den großen Kopf vornübergebeugt, nahe dem Fenster sah. „Herr Keller, wo sind Sie denn mit Ihren Gedanken? Ich glaube, Sie hören gar nicht zu?" Keller schaute auf, rückte ein wenig verlegen an seiner Brille und sagte: „Aber gewih, Herr Doktor, höre ich zu!" Seine Miene überführte ihn des Gegenteils. Hettner zog die Brauen hoch. „Sie waren gestern abend beim Oechsle?" „Allerdings!" „Also ein Jubiläumskater!" „Keineswegs!" Hettner lachte. „Gottfried Keller, Freund und Musensohn, schlafen Sie sich ordentlich aus und »erheben Sie sich dann frisch ermannt!" Keller, ohne ein Wort zu erwidern, stand auf, brückte Hettner die Hand und ging. Drunten auf der Dreikönigsstrahe sprach er zu sich: „Der Hettner ist ein prachtvoller Kerl! Ich gehör' zu seinen begeisterten Jüngern. Leider ist mir der Glanz seiner Rebe heut in nebelhaftem Dunst zerflossen." Jubiläumskater! Ach, wie der gute Hettner sich täuschte! Kellers Anachtsamkeit hatte einen gewichtigeren Grund. Drüben über dem Neckar im „Waldhorn" hatte der Hofrat Christian Kapp sich seßhaft gemacht. Gottfried Keller war dort ein häufiger und, wie er glaubte, gern gesehener Gast. Johanna, des Hofrats geistreiche, viel umschwärmte Tochter, hatte des Dichters Herz gefangen genommen. Gemeinsam besuchten sie die Vorlesungen Ludwig Feuerbachs, der im Rathaus las. In ihrer Bewunderung für den Philosophen, für seine tiessittliche Persönlichkeit und seinen schrankenlosen Wahrheitssirm hatten sie einen Einklang gefunden. Johanna, der die Gabe verliebens war, ihr innerstes Erleben in schwungvolle Verse zu Neiden, hatte sich als feinfühlende Deurteilerin der Poesien Gottfried Kellers gezeigt. Der Strauch ihrer Freundschaft trug rote Rosen. Keller, von der neugewonnenen Kameradin entzückt, hatte ihr in emem leidenschaftlich bewegten Brief seine Liebe gestandm. Nm» harrte er erregt, brennend vor Angeduld, ihrer Antwort. Zweifel fielen ihn an. Er hatte es »des öfteren erfahren: er war zu stachlicht, zu rauh, auf ein Frauenherz Eindruck zu machen. Den Schmachtenden, den Geleckten zu spielen, war ihm zuwider. Die Süßholzraspler stachen ihn aus. Verflucht, daß alles bei ihm so schroff heransfahren mußte! And doch, Johaima Kapp war viel zu klug, als daß sie nach derlei Aeußerlichkeiten den Wert eines Menschen bemaß. Vielleicht, daß sie's ahnte, wie ihn die Sehnsucht nach einem Wesen erfüllte, das mit ihm das seltsame Leben durchpflügte und mit seinem reinsten Wollen verschmolz. Er wiederholte sich, was er dem angebeteten Mädchen geschrieben. Ein Ausspruch Rousseaus fiel ihm ein: „Am einen guten Liebesbrief zu schreiben, muht Du anfangen, ohne zu wissen, was Du sagen willst, und endigen, ohne zu wissen, was Du gesagt hast." Beides traf bei Keller nicht zu. Er hatte in ledes Wort feine Seele gelegt. Es war keine flüchtige Neigung, die ihn überglühte, es war eine Liebe, die wurzeltief saß, eine Liebe, die keine Dornen scheute, die für die Geliebte alles tat. Anter solchen Gedanken war Keller in der Hirschgasse angelangt, wo er hart am Neckar beim Kutscher Guland ein dürftig eingerichtetes, aber sauber gehaltenes Stübchen gemietet hatte. Guland, ein Wann in den Dreißigern, mit starkem viereckigem Kinn und einer Denkersalte zwischen den Augen, war nicht nur Kutscher, sondern auch Philosoph, der aus seinem grüblerischen Geist heraus das Leben als eine problematische Angelegenheit betrachtete und bei seinen Kollegen für einen Sonderling galt. Seine Frau, eine schlanke Blondine mit schönem Kopf und vollen Lippen, hatte sich des jungen Schweizers angenommen. Sie flickte seine Sachen, hatte erst kürzlich, da er äußerst unpraktisch war, auf feine Ditte hin ihm baumwollene Hemden und einen grauen Strapazieranzug zu verhältnismäßig billigem Preis besorgt. Keller erkannte ihre Bemühungen dankbar an. „In der Fremde", sagte er, „fließt das Wasser bergauf. Hier, Frau Guland, fühl' ich mich wie daheim!" „Ordnung", erwiderte sie lächelnd, „ist Ihre schwache Seite. Ich will sie aber deshalb nicht verkreischen. 's kann doch noch was Rechtes aus Ihnen werden!" Kinder waren Frau Guland versagt. Fuhr ihr Mann mit seinen beiden Schimmeln über Land, saß sie in der Küche, strickte und sang. Sie sang mit klangvoller Stimme sich selbst zur Freude. Kehrte Keller aus dem Kolleg zurück, hielt sie einen Schwatz mit ihm, foppte ihn wohl auch. „Ist's wahr, Herr Keller, was die Leut' sprechen? Wenn die Schweizer drei Schritt vorwärts machen, machen sie zwei wieder retour!" „Nicht alle", gab er belustigt zurück, „das sehen Sie an mir!“ Sie beneidete den Dichter, weil er schon weit herumgekommen war. Heidelberg war gewih nicht zu verachten. Hockte man aber immer hier, schlich die Zeit im Schneckengang. Sie seufzte, fuhr mit der Hand über die Stirn, als wollte sie trübe Gedanken verscheuchen. Ihr Verkehr beschränkte sich auf die Nachbarsleute. Die hielten große Stücke auf sie. Hatte sie am Sonntag ihre Pflicht als Hausfrau erfüllt, erstieg sie mit federnden Schritten den Königsstuhl. Geschah es, daß sie droben, sich an der Rundsicht erlabend, bei klarem Wetter die Am» fchanzung von Straßburg und das Münster erblickte, breitete sie die Arme aus, und das Herz hüpfte ihr in der Brust. Als Keller heute die Schwelle des Gulandschen Häuschens betrat, überreichte ihm »der Kutscher einen Brief. Der kam von Johanna Kapp. Der Dichter eilte in sein Stübchen, riß hastig »den Amschlag auf und las: „Lieber, guter Freund! Ich bin so tief erschüttert, daß ich kaum weih, wie ich Ihnen schreiben soll, und doch drängt mich's dazu. Ihr lieber Brief hat mich furchtbar traurig gemacht. Ich möchte Ihnen danken und tu's aus vollem Herzen. Aber es kommt mir schrecklich vor, daß ich so viel Anheil anrichte. Es ist mir oft ganz unbegreiflich. In den letzten Tagen hab' ich wohl gefühlt, daß Sie mich gern haben, aber ich hielt es für eine schöne menschliche Teilnahme und hätte mich auch gefürchtet, etwas mehr zu glauben. Nun aber liegt der Reichtum Ihres schönen Herzens plötzlich vor mir in neuem Glanze, und ich hab' tief aufseufzen müssen. Ich hab' es Ihnen schon gestern gesagt, daß ich ebenso glücklich wie unglücklich, weil ich getrennt bin. aber geliebt! Als ich Ihnen vor acht Tagen meine Gedichte gab, da nahm ich mir innerlich vor, Ihnen nie den Namen dessen zu sagen, in dem mein Wesen aufgegangen ist. Es schien mir selbst Ihnen gegenüber eine Profan akion. Aber heut fühl' ich anders, auch anders wie gestern, da ich es Ihnen gegönnt hätte, aber doch um keinen Preis hätte sagen können. Jetzt aber sind Sie's gewiß wert, und ich fühl's, ich bin's Ihnen schuldig, damit Sie mich ganz begreifen und auch verstehn, wie nach so bitteren Herzen squaken mir doch noch ein Leben übrig blieb, das bisher nur auf kurze Zeit mich mit meinem Geliebten vereinte. Es ist allerdings ein tieftragisches Gluck, wenn Augenblicke lange Trennungen aufwiegen müssen, aber selbst, wenn meine letzte Hoffnung noch schwinden sollte, ein dauerndes Vereintsein zu erringen, glaube ich dennoch, Kraft zu behalten, um die kurzen Momente zu erfassen und zu genießen, die mein vielbewegtes Leben erhellen. Sie haben in Ihrem schönen Brief den geliebten Namen selbst ausgesprochen. Der Mann, der Ihrem Kopf war, was Ihr edles Herz in mir fand, dieser herrliche Mann ist eS, und der wundersame Zufall, der Sie uns beide zusammenstellen ließ, hat mich mit stürmischer Freude ergriffen. So mag Ihnen denn das Rätsel gelöst erscheinen, das meine in Schmerzen erblühte Liebe Ihnen sein mußte. Wie verwickelt dieses tragische Verhältnis ist, können Sie nicht ahnen, doch glaube ich noch an eine Möglichkeit, die aber mit saurem Kampf errungen werden muß und nach meinem Gefühl die einzige Versöhnung wäre für das herbe Leid, darunter viele leiden, am meisten die arme edle Frau, deren Glück ich zerstören mußte. Erstaunen Sie nicht ob der ■Untiefe, die das Leben hinter anscheinend glücklichen Verhältnissen birgt, verkennen Sie weder mich noch ihn! Wo Sie nicht alles begreifen, glauben Sie das Gute doch und lassen Sie mich für immer glauben, daß Sie nie irre an mir werden! Mein Herz ist unwandelbar, aber es ist nicht bloß dem Geliebten treu, es bewahrt auch seinen Freunden eine ivahre Zuneigung und -Innigkeit. Och werde Sie nie vergessen!" Dem Brief war ein Gedicht von Johanna beigeschlossen: Mir ist, als sei ein Zauber Wohl über mich gesprochen, Und wer ihn lösen wolle, Des Herz sei bald gebrochen. Mir ist, ich sei verwünschet, Wein armer Leib verfluchet, Ich könne nimmer finden Die Ruh', die ich gesuchet. Und müsse rastlos wandern Mit einem toten Herzen, Und dürfe keiner Seele Vertrauen meine Schmerzen. Denn wer mir Liebe biete. Der sei dem Gram verfallen Und müsse ohne Friede Wie ich durchs Leben wallen! Keller, der den Brief und das Gedicht mit Seelenspannung überflogen, stand zuerst wie erstarrt, dann warf er sich, von feinen Empfindungen überwältigt, aufs Bett, vergrub den Kopf in die Kissen und weinte wie ein Kind. Johannas dichterisches Schauen machte die Wahrheit offenbar: wer, wie er, das herrliche Mädchen hoffnungslos liebte, war dem Gram verfallen, mußte friedlos durchs Leben wallen. Und nun dies tragische Zusammentreffen: sie liebte Ludwig Feuerbach, den wundervollen Mann, dessen forschendem Geist er so unendlich viel verdankte, der ihn gelehrt, Menschen und Dinge in ihrer vollen Bestimmtheit zu fassen, der ihn zu geregeltem Denken geführt. Daß er sich's irur eingestand, er hatte vor Johanna Kapp stolziert wie ein Pfau. Und war viel zu unbedeutend, viel zu gering, die holde Mädchenblüte an sich zu fesseln. Immer wieder warf sein Hochmut Blasen auf. Wie hatte der Rektor in Zürich, der ihn aus der Industrieschule jagte, gesprochen: „Gib acht, Keller, du wirst noch einen Stein finden, der dir eine Beule in dein Gesicht drückt." Solche Steine hatte er seitdem viele gefunden, aber keinen, der ihn so niederschmetterte wie heut'. Das Unglück heftete sich an seine Sohlen. Ihm war befchieöen, statt Lilien und Rosen Disteln und Krötenblumen zu pflücken. Er sprang auf. Schmerz prägte sich in seinen Zügen aus. Er preßte die Hände gegen die Augen. Sein Atem stockte. In dem Stübchen war's zum Ersticken heiß. Er hielt's hier nicht aus. Er mußte ins Freie. Plötzlichem Antrieb folgend, zog er die Schelle. Der Kutscher erschien. „Herr Keller wünschen?" „Güland", stieß der Dichter heraus, „sind Sie heute nachmittag schon bestellt?" „Noch nicht", erwiderte der Kutscher, bah verwundert über des Hausgenossen verstörtes Gesicht. „Gut", entschied Keller, „wir fahren nach Neckargemünd!" „Gleich?" „Jawohl, gleich!" Guland nickte. Entfernte sich. Keller, nachdem er den schweren grauen Rock mit einer bequemen grünen Joppe vertauscht, begab sich in den Hof hinunter und schaute dem Kutscher zu, wie der die Schimmel vor die Halbchaise spannte. Alsbald fuhren sie fort, flußaufwärts, am alten romantischen User entlang. Zur Rechten auf dem Jettenbühel stieg die deutsche Alhambra empor. In den Mauerritzen blühten späte Blumen. Immergrüner Efeu kletterte am roten Gestein hinauf. Der Himmel strahlte in hellem Blau. Aus weiter Ferne tönte Glockenklang. Die Schimmel trabten lustig dahin. Das Handpferd, voller Uebermut, schlug hinten aus. „Den Racker sticht der Hafer," sagte der Kutscher und machte ton seiner Peitsche Gebrauch Bald kam der Talkessel von Neckergemünd in Sicht. Ringsum die Waldberge standen in leuchtendem Rot. In glitzernden! Wellen trieb die Elsenz ihr Wasser dem Neckar zu. Im Städtchen vor dem Gasthof zum Anker machte der Wagen halt. Keller stieg aus, grüßte den 'Wirt, der in der Torfahrt stand, und ließ sich ins Herrenstübchen eine Flasche Roten bringen. Die stellte ein dralles Bauernmädchen mit einem „Wohl bekomm's!" auf den Tisch. Ger Dichter saß in sich zusammengesünken, grübelte vor sich hin. In seiner Mutter Haus der asten Grittli Krebser Leib- spruch war: „Potz Blumenherz, vergiß den Schmerz!" Es gab große und kleine Schmerzen. Der Schmerz, der ihm daS Herz zerriß, erschöpfte sich nie. Weinen? Nein. Seine Gedanken sollten nicht in Tränen ersticken. Es war klar, seine Eitelkeit hatte ihm wieder einen Possen gespielt. Johannas Lob war ihm in den Kopf gestiegen. Loben und Lieben war zweierlei. Worauf hatte er sich denn etwas einzubilden? Auf seine Gedichte, mit denen er selber unzufrieden war? Auf seinen Roman, der nicht fertig wurde? Und wie grenzenlos bescheiden war der große Mann, dem Johanna Kapp ihre Liebe geschenkt! Krampfhaft hob sich des Dichters Brust. Er fühlte sich elend und matt. Aller Mut hatte ihn verlassen. Sonst erfrischte der Wein ihm das Blut. Heute kostete es ihn Ueberwinöung, sein Glas zu leeren. Es war ihm, als ob er Gespenster sähe. Unruhig rief er dem Kutscher, der nebenan in der Wirtsstube am Schanliisch^ stand-. „Kommen Sie, Guland, trinken Sie ein Glas Wein mit mir!“ Der Kutscher kam, ließ sich Keller gegenüber nieder. „Mit Verlaub!" Der Dichter schenkte ihm ein. Güland nahm einen Schluck und sagte: „'s wird mtit bald kalt! Ich hab' Ihnen um sechs Gulden ein halb Klafter Holz gekauft, 's ist Ihnen doch recht?" „Ja, 's ist mir recht," versetzte Keller. „Sie werden entschuldigen," redete Guland weiter, „wenn's bei mir im Haus in den nächsten Tagen ein bißchen durcheinander geht. Ich hab' meiner Schwester nach Laudenbach geschrieben. Ich denk', sie wird Donnerstag hier sein. Bis ich eine Hilfe hab', soll sie mir die Wirtschaft führen." „Ihre Schwester soll Ihnen die Wirtschaft führen?" rief Keller. „Und Ihre Frau?" „Meine Frau ist gestern abend nach Straßburg gefahren." „Das erste, was ich höre. Sie hat mir ja gar nicht Adieu gesagt." „Mir auch nicht, Herr Keller!" Des Dichters Brauen zuckten in die Höhe. Er schlug, mit der geballten Faust auf den Tisch. „Donner und Wetter! Was hat sie denn für Spinnhuinpeln! im Kops?" Der Kutscher senkte den Blick. „Das ist eine eigne Geschichte, Herr Keller!" „Erzählen Sie!" „Ich weiß wirklich nicht, ob's den Herrn Keller interessieren tut!" „Erzählen Sie!" drang der Dichter in seinen Hauswirt. Guland nippte nachdenksam an seinem Glas. Dann hob er an: „Ich muß neun Jahr zurücklangen. Wir haben schon einmal darüber gesprochen, daß ich in Straßburg Aufsichter über das Fuhrwesen in den Herknerschen Tuchfabriken war. Dadurch, daß mein Jugendfreund Weinand das Restaurant Mesange in der Meisengah' gekauft halt', bin ich nach Straßburg gekommen. Ich hatt' an zwanzig Leut' unter mir. Mein Prinzipal war ein gerechter Mann. Ich hatt' mich nicht zu beklagen. Mein Freund hatt' eine Frau aus Kandern, 's war eine brave Frau und eine gute grau. Wie ihre Eltern starben, nahm mein Freund feine Schwägerin zu sich. Und 's dauert' nicht lang, da brannt' er lichterloh. Gr litt drunter. Sie können sich's vorste-llen: seine grau noch mehr. Damals kam er zu mir und sagt': „Hermann, wir zwei haben immer treue Freundschaft gehalten. Ich hab' kein Geheimnis vor dir. Ich steck' in einem Schwirbel, ich weiß mir nicht mehr zu helfen." Und da hat er mir die Sach' mit seiner Schwägerin erzählt. „Hast du was mit ihr angestellt?" fragt' ich ihn. „Nein," spricht er, „ich hab' nichts mit ihr ange- siellt, so wahr ich hier vor dir steh!" „Das ist mir lieb," sagt' ich, „ein schlecht Leben rächt sich!" „Meine Schwägerin," spricht er, „hat kein's daheim. Hier darf sie nicht bleiben, sonst könnt' doch noch ein Unglück passieren. Mensch ist Mensch-, Wo soll sie hin! Nu hab' ich mir'S überlegt. Du hast im Sinn, nach Heidelberg zu gehn, kommst in ein gemacht Bett. Nimm meine Schwägerin mit!" „Philipp," sagt' ich, „ich glaub', bei dir rappelt's im Oberstübchen. Als was soll ich dann deine Schwägerin mitnehmen?" „Sie ist tüchtig," spricht er, „und gescheit. Du kannst dir keine bessere grau wünschen!" „So," sagt' ich, „da liegt der Has' im Pfeffer. Auf den Stupp kann ich dir feine Antwort geben. Ich weih ja auch gar nicht, ob mich die Luise will." „'s kommt auf eine grag’ an,“ spricht mein Freund. Ich red' nicht aus dem Weg, Herr Keller, 's war nicht nur, daß ich - 43 meinem Freund gern einen ®efallen tat, ich halt' auch die Luise s^r gern!" Er hielt inne, nahm wieder einen Schluck Wein. Darauf fuhr er fort. „Ein Büchsenschuß weit von Straßburg liegt Ruprechtsau. Da war ein Fest. Gin großer Spektakel. Ich ging mit der Luise hin. Es war französisch Militär drunten. Ein Korporal würd' zudringlich gegen die Luise. LH gab ihm eine Watsch', daß er nur so torkeln tat. Mel Volk lief zusammen. Um ein Haar und sie hätten mich eingelocht, 's ging aber noch gut ab. Auf dem Heimweg hing sich die Luise in meinen Arm und war wunder- nett. Au fing ich an, mein Pate, der Gottlieb Süpfle in Heidelberg, hätt' sich zur Ruh gesetzt, und ich sollt' sein Fuhrgeschäst übernehmen. Ich wär' allein und bräucht' eine Frau. Ob sie's mit mir riskieren macht'. Und da sagt' sie „Ja!" Ich war froh bis in die Fingerspitzen. Sechs Wochen danach haben wir Hochzeit gehalten. Sie können mir's glauben, Herr Keller, solang Mr verheiratet sind, haben wir nichts miteinander vorgehabt, ist kein bös Wort zwischen uns gefallen. Aber ich hatt's bald heraus, unsere Eheschaft war eine Glock' ohne Hammer. Der Luise ihre Gedanken sind nach Straßburg gegangen zu ihrem Schwager, meinem Freund. Ich schätz', sie hat sich alle Mühe gegeben, ihr Herz auszuräumen. Sie konnt's nicht. Der Weinand sah drin. Und 's hätten ihn keine zehn Gaul' heraus gebracht. Seine Frau hat gekränkelt, hat lang im Bürgerhospital in Straßburg gelegen und ist ausgegangen wie ein Licht. Das ist ein halb Jahr her. Der Luise sah keiner nichts an. Ich hab's aber gemerkt, wie's in ihr würgen tat. Und ich war still. In so Sachen ist jed' Wort zuviel. Sie mußt's mit sich selber ausmachen. Wie ich gestern nacht von Schwetzingen kam, lag ein Brief von ihr da. Sie schrieb mir, sie tät’ mir für alles danken. Ich sollt' ihr ver- zeihen. Sie wär' zu ihrem Schwager nach Straßburg gemacht. Und käm' nicht wieder!" So erzählte der Kutscher in seiner gehaltenerr Weise, ohne daß ihn auch Nur einen Augenblick seine philosophische Ruhe verließ. „Und was gedenken Sie zu tun?" fragte Keller, der den Worten seines Hauswirts mit wachsender Spannung gefolgt war. „'s ist ein harter Knoten, Herr Keller," antwortete Guland, „und er tut weh. Aber ich sag' mir, ich muß drüber weg. Das Leben ruft nicht allegar eijuchhei, es ruft auch oha! Man muß nicht zuviel davon verlangen. In so einer Lag', wie ich bin, ist's am besten, man guckt nicht rechts un& nicht links und geht feinen geraden Weg weiter!" Keller, in dessen Gesicht sich seine Bewegung spiegelte, «eichte dem Kutscher über den Disch schweigend die Hand. Bei Sonnenuntergang brach der Dichter aus. Indes der Kutscher die Pferde an die Tränke führte und danach vor die Ehaise spannte, schritt Keller vor dem „Anker" hin und her.^ Bewundernswert, sprach er zu sich, mit welcher Seelen grüße Guland sein Mißgeschick trug. Der konnte vielen ein Beispiel geben. Auch ihm, dem Dichter, der die Flügel hängen ließ. An solch gesundem Gemüt richtete man sich auf. Wie famos hatte der Wann sich ausgedrückt: „Das Leben ruft nicht allegar eijuchhei, es ruft auch oha! man darf nicht zuviel davon verlangen!" Uni) Keller setzte hinzu: „Das Leben schlägt Wunden, aber es Heist sie auch!" Abends in seiner Stube sah der Dichter über dem Neckar im Zimmer des geliebten Mädchens einen Lichtstrahl blitzen. Er las noch einmal ihren Brief, und er meinte, daß er dessen Sinn erst jetzt recht erfasse. Wenn Johanna Kapp, die sich in solch tragische Liebe verwickelt sah, etwas verdiente, war's Mitgefühl, inniges Mitgefühl. Und schrieb sie's nicht? Ihr Herz war unwandelbar, sie würde ihm ihre Zuneigung bewahren, würde ihn nie vergessen. Dank schuldete er ihr für so viele reiche Stunden, ewigen Dank! In Gedanken wandelte er über die aste Brücke. Und die Verse strömten ihm aus der Seele: Schöne Brücke, hast mich oft getragen, Wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen Und mit ihr den Strom ich überschritt. Und mich dünkte, deine stolzen Bogen Sind in kühnerm Schwünge mitgezogen, Und sie fühlten meine Freude mit. Weh' der Täuschung, da ich jetzo sehe, Wenn ich schweren Leids vorübergehe, Daß der Last kein Joch sich fühlend biegt! Soll ich einsam in die Berge gehen Und nach einem schwachen Stege spähen, Der sich meinem Kummer zitternd fügt? Aber sie mit andern: Weh und Leiden Und im Herzen andre Seligkeiten Trage leicht, die blühende Gestalt! Schöne Brücke, magst du ewig stehen: Ewig wird es aber nie geschehen. Daß ein bessres Weib hinüberwallt! Da er das Gedicht niedergeschrieben, fühlte er sich wie befreit. Er hatte sich selber wiedergefunden. Es war etwas Großes, einsam zu sein und im Herzen die heilige Flamme zu Hüten. Er zündete sein Lämpchen an, trat an den Wandschrank und langte das Manuskript des „Grünen Heinrich" hervor. Dann setzte er sich hin und arbeitete bis in die tiefe Nacht hinein mit Macht an seinem Roman. In der Trauer. Don Gottfried Keller. Ich kenne dich, o Unglück, ganz und gar und sehe jedes Glied an deiner Kette. Du bist vernünftig, zum Bewundern klar, als ob ein Denker dich geordnet hätte. Nicht mehr noch weniger hat mir gebührt, mir ist gerecht die Schale zugemessen: und dennoch hab' ich Bittrer sie verspürt, als niemals ich getrunken noch gegessen. Jetzt aber bring ich leichter sie zum Muni als einst die müde Seele noch wird wissen: der quellenklare Perltrank ist gesund, ich lieb ihn drum mit dürstendem Gewissen. Aus launigen Briefen des Züricher Staatsschreibers. Wer den ganzen Menschen Gottfried Keller in allen seinen Wesenszügen kennen lernen will, muß neben seinen Werken auch zu seinem Briefwechsel greifen, der den Dichter Zelt: seines Lebens mit den intereffanteften seiner Zeitgenoßen innig verband. Albert Köster, der uns in seinen Keller-Vorlesungen (bei Teubner in Leipzig) vielleicht das schönste und schlichteste Bild des Dichters gezeichnet hat, schreibt über Keller als Brref- schreiber: „In einer Zeit, die so kurzsichtig ist, die Kunst deS brieflichen Austausches, diesen unmittelbarsten Ausdruck der Persönlichkeit, verkümmern zu lassen, hat Keller sich noch als Plauderer alten Stils bewährt. Er schrieb nicht aus Pfücht- gefühl, nicht dutzendweise und geschäftsmäßig, sondern wartete für den Brief wie für ein Kunstwerk gern die gute Stunde ab. Und jedem Empfänger dieser Briefe gab er einen eigenen Ton an. Das alte „Schreibe, wie du sprichst", hat er, wie jeder gute Briefschreiber, verfeinert zu einem „Schreibe, wie du zu diesem einen Menschen sprechen würdest" .... In seinen Briefen war er bei sich selbst zu Hause und konnte schon einmal ein freimütiges Wort wagen in der Zuversicht, daß der Empfänger des Briefes es nicht gleich unter die Leute bringe. . . . In die Briefe Gottfried Kellers muh Einkehr halten, wer die Arlstela dieses Mannes verkünden will." . Eine der köstlichsten Perlen aus dem reichen schätz, den uns der Züricher Staatsschreiber in seinem Briefwechsel hinterlassen hat, sind seine Briese, die er mit Bem jungen Wiener- Professor Exner und seiner Schwester Anfang der siebziger Jahre ausgetauscht hat. In einem der neuen „Bücher der Rose des Verlages Wilhelm Langewiesche-Brandt (Ebenhausen bei München) hat Ernst Hartung die schönsten Briefe Gottfried Kellers zu einer packenden Lebensgeschichte des Meisters zusammengestellt. Auch die Briefe an (Spier haben hier ihren gebührenden Platz erhalten. Kemien gelernt haben sich die beiden auf dem Kommers, mit dem am 19. Juli 1869 die Arv gehörigen der Universität und des Polytechnikums in Zürich unter lebhafter Beteiligung weiter Kreise Kellers SO Geburtstag geziemend feierten. Ein junger Professor von 28 -wahren war der Mann damals, mit dem Keller bis zu seinem Lode eine besonders nahe Freundschaft verbinden sollte. Exner war als Sohn eines Philosophiepvofessors in Prag geboren unb, nach kurzer Ausbildungszeit in Wien, Heidelberg und Berlin, 1867, also als Siebenundzwanzigjähriger, als ordentlicher ^ro- fessor für römisches Recht nach Zürich berufen worden. Schon 1872 folgte er einem Rufe nach Wien, und nun entspann sich ein Briefwechsel, dem wir die reizvollsten Briefe des Dichters verdanken. Zu einer wirklichen Freundschaft wurde die Bekanntschaft mit (Spier, als im Sommer 1872, kurz vor der Ueberfieölung des Professors nach Wien, seine Schwester Mar t e, die nachmalige Frau von Frisch, sich zu kurzem Besuche in Zurich aufhielt. Im Januar 1873 schreibt der Dichter an feinen gelehrten Freund: Zürich, 31. Januar 1873. Verehrter Herr Professor! Ich habe nun Ihre »Kritik des Pfandbegriffes" durchgelesen und komme, Ihnen meinen pflichtschuldigen und eifrigen Dank abzustatten für die freundliche Zusendung. Aufs neue hab' ich die Weisheit Gottes bewundert, der alles so schön und mannigfaltig geschaffen und die verschiedensten Dinge in die Welt gesetzt hat, an denen sich die guten Gaben der Menschen, Scharfsinn, Fleiß, logisches Ingenium usw erproben können. Ueber die wissenschaftliche Sette ^chres Wertes will ich mich an anderer Stelle aussprechen, in einer gelehrten Abhandlung oder Rezension. Dazu bin ich folgendermaßen gekommen: Als ich mich eines Abends nicht von dem Buche trennen konnte, nahm ich es mit ins Wirtshaus und las dort mit solcher Begeisterung, daß ich unversehens eine ungeheure Zeche und zu wenig Geld hatte: da verpfändete ich dem Wirt Ihren „Pfandbegriff" und das Honorar eines Aufsatzes, den ich darüber zu schreiben versprach. Weil er aber zu der Große dieses — 44 - Honorars kein rechtes Vertrauen besah, der Barbar, so mutzte ich eventuell noch den Ertrag der ersten, dritten, fünften ufto. Auflage des zu veranstaltenden Separatabdruckes verschreiben, während die zweite, vierte, sechste usw. Auflage mir resp. meinen Erben. zugut kommen sollen, zu billiger Alimentation. Punkto Alimentation: Es war nicht so gefährlich mit dem Fretzkörbchen, und Ihr habt meiner Prahlhanserei zu leicht geglaubt; auch hatte ich Dilthey in guter Vorahnung schon vorher eingeladen, mir zu helfen, und er ist dann auch gekommen, hat aber nicht der Mühe wert verzehrt. Jene Krebsbüchse ist jetzt noch nicht aufgegessen, soviel steckt darin. Ihre beinah geschenkte singende Flasche, Fräulein Marie, hat niich sehr gefreut. Das ist eine allerliebste Art zu schenken uni> unterhält die Freundschaft. Ich toüt’s auch gleich erwidern, und ich schenk' Ihnen in gleicher Weife: a) ein Paar hundertjährige Ohrenringe meiner Grohmutter, die ich aus meinem Schreibtisch liegen habe und mit denen ich beim Aovellenschreiben spiele, damit die Finger gelenk werden nach dem Aktenschreiben; sehr zierlich. b) 1 Quart von meiner zu erwartenden ewigen Seligkeit, die um so grötzer sein wird, je mehr Seelenmessen Sie für mich lesen lassen. c) 30 Photographien der Rottmannschen Landschaften in den Arkaden zu München, die ich neulich gekauft; kosten 120 Frank. d) Eine große Rembraudtsche Radierung, der Tod Marias, gilt auf Auktionen über 100 Gulden, habe vor dreißig Jahren geschenkt bekommen. e) Ein Exemplar des Trauerspieles „Savonarola" von Gottfried Keller, auf Pergament gedruckst, aus seiner, des Verfassers, eigener Haut. Das tönnen Sie natürlich erst nach meinem Tode bekommen . . . Zürich, 22. Mai 1873. Dilthey sehe ich nur etwa alle acht Tage, weil er gerade an spätem Abeird, wenn ich ausgehe, arbeitet. Er ist immer ein bißchen malkontent und unglücklich, weil er nicht genug Gipse (Abgüsse für die Sammlung) anschaffen kann, sich im „Rinder- knecht" ärgert oder ärgern läßt und tausend Sachen. Hat man ihn aber einmal beim Gläschen, so mutz er doch wieder lachen. Klein, der Gottesmann, zieht mit ungeheurem Pomp nach Gießen und jammert täglich im „Gambrinus" über die Formlosigkeit, mit der man ihn ziehen lasse. Er Weitz auchi noch nicht, ob er den Arnheimfchen Geldschrank, den er für seine Manuskripte und Hefte angeschasft, besser hier verkauft oder mitnimmt nach Gießen. Ich sagte gedankenlos, ich würde beides tun, worauf er mich schnöde ansah und wütend schwieg. . . Im Herbst desselben Jahres besuchte der Dichter feine Freunde in Wien und machte auf der Rückreise einen Abstecher in das herrliche Salzburger Land und an die stillen, lieblichen Wasser des Mondsees, wo er eine Reihe interessanter Persönlichkeiten kennen lernte, darunter auch Frau Henriette Eller aus München. An sie, die ihn dort zu sehr als „alten Herrn" behandelt hatte, schrieb er am 15. November 1873 von Zürich aus folgende launigen Zeilen: Zürich, 15. Rovember 1873. Hochverehrte Frau Eller! Fräulein Exner ist so gut gewesen, mir Nachricht aus Wien zu geben und hat mich hierbei angestiftet, auch einmal an Sie zu schreiben. Wenn ich Ihnen damit lästig falle, so halten Sie sich an die schlimme Urheberin des Attentats. Ich habe auch Ihnen für erfahrene Freundlichkeit angelegentlich und herzlich zu danken und bitte auch die Fräulein Marie, meine siegreiche Rivalin im Kegelspielen, bestens zu grüßen. Ich habe die schöne schwarze Geldbörse, die sie mir geschenkt, sorglich aufbewahrt; das undeutliche Lorbeerkränzchen entspricht immer köstlicher der Undeutlichkeit meines Renommee; kurz, alles ist in bester Ordnung. Aber wie geht es Ihnen? haben Sie den Winter wohl und wacker angetreten? Hoffentlich, wie wir als vernünftige ältere Leute tun wollen. Was mich betrifft, so habe ich mich reichlich mit guten Flanellsachen versehen, auch ein Paar dicke Pelzhausstiefel machen lassen und huste und geifere bis jetzt nut mäßig. Ein schönes schweres Schwein ist geschlachtet, auch ein hinlängliches Sauerkraut eingetan, so daß ich auf Weihnachten die Schar meiner Enkelkinder mutig erwarten kann. Ist so das Leibliche nach Umständen leidlich bestellt, so fehlt es auch dem moralischen Dasein, nach Maßgabe der Jahre und unwürdigen Verdienstes, nicht an mancherlei aufmunternder Förderung. Es ist mir die Präsidentschaft des Dchutz- aufsichtsvereins für entlassene Sträflinge übertragen worden, ferner habe ich das Quästorat des Vereins gegen Tierquälerei übernommen, fürchte aber, ich werde die Kosten selbst tragen müssen bei der Nachlässigkeit der Mitglieder; und doch sollte gerade dieser Verein seine Wirksamkeit nicht aufgeben, namentlich im Hinblick auf das um sich greifende Schinden wehrloser alter Esel. Aber nicht nur Vorsteher, sondern auch Gegenstand der Tätigkeit rühmlicher Vereine bin ich geworden. Nachdem ich der Gesellschaft für Belohnung alter treuer Dienstboten den seligen Hinscheid meiner Herrschaft, der Leidenschaft, angezeigt, dm ich für vlerundfünfzigjährige treue Knechtesdienste mit einer Tubemen Sabotiere prämiiert worden, mit welch«: ich mich jetzt in die Beschaulichkeit zurückziehe. Ich habe auch bereits ein gutes Schnupftabakrezept, welches ich Ihnen mitteile: zwei Drittteile Makuba, ein Drittel rap’S double fin de Versailles und drei frische Kakaobohnen (aber nicht mehr!) dazwischen gelegt — ich jag’ Ihnen! Den Tabakvorrat konserviert man jetzt nicht mehr in alten Bierkrügen, sondern in hermetischen engllfchen Teebüchsen, und man stellt diese am besten in einem kühlen Zimmer hinter das Fenster, ja nicht in den Keller. Statt der Kakaobohnen können Sie auch ein bißchen Vanille nehmen als Dame, aber mit höchster Vorsicht.. An Marie Exner, der Schwester des Wiener Freundes, schreibt er über seine neue Bekanntschaft vorn Mondsee: „Der Frau Eller habe ich wirklich geschrieben, und zwar aus Rache dafür, daß sie mich bei jenem gloriosen Maskensest am Mondsee »als ältere Leut" vor der Zeit ins Bett spedieren wollte, als Alter an eine Alte und habe sie dabei mir im Alter gleichgestellt und von Sauerkraut, Schnupftabak und bergt, geplaudert. Allein ich fürchte, solche Burnmelspätze klebt sie nicht, und am Ende hat sie es jenes Mal noch gut mit mir gemeint Ich toill ihr dafür gelegentlich einen ätherischen, hochgestimmten Brief schreiben. Schicken Sie ihr aber diesen gegenwärtigen Brief nicht wieder; dergleichen kann einem leicht abhanden kommen und als Autograph usw. unter fremden Menschen herumgeboten werden und Hierfür schreibt man nicht an gute Freunde. Sie kennen die böse Welt noch nicht. . .“ Köstlich schildert der Dichter einen Besuch bei zwei wohl nicht mehr ganz jugendlichen Damen in einem Briefe an Marie Syrier. „Der Frau T. habe ich ihre Sünden für einmal ausgelöscht, da so artig für sie gebeten wird. Ich habe ihr auch vor acht Tagen Ihren Gruß gebracht, was mir aber fast übel ^kommen wäre. Ich erhielt schwarzen Kaffee und starken Kognak vorgesetzt, alles ganz gut, bald jedoch kam Fräulein QJ-, die Sie gewiß kennen, und nun war ich mutterseelenallein mit den beiden Tigerkatzen eingeschlosfen und keine menschliche Hilfe in der Nähe. Nur in einem entlegenen Zimmer lag der alte kranke Vater, der mir natürlich nicht beispringen konnte, wenn mein Jammergeschrei ertönte. Zum Glück verfielen sie zunächst auf bas Kognaksaufen. Frau B. goß als Nenommistin gleich ein Gläschen hinunter; Fräulein P. dagegen lehnte sich in ihrem Stuhle zurück, schlug die Deine übereinander und hielt, auf den einen Arm gestützt, mit dem gebogenen andern Arm und zwei Fingern bas Glas in der Höhe ißrer Augen vor sich hin, famos! Sie sah akkurat aus wie eine etrurische Dame auf dem Wandgemälde einer antiken Grab- kammer, wo die Toten als in schönem Lebensgenüsse sitzend, aogebildet sind. Es war nun eine Weile ganz still; bald aber erschienen mir die Damen wie zwei Schatten aus der Unter* weit, welche warmes Hammelblut trinken müssen, um zu etwas AU kommen. Ihre Blicke schienen sich glühend und gierig auf meine unglückliche Korpulenz zu richten, ich begann zu ahnen, daß sie mich für einen fetten Schöps hielten, der zum Abschlachten gut fei. Frau 3C. näherte sich ihrem Spiegeltischchen, wo sie ein elegantes Kästchen stehen hatte. Als ich neulich einen Blick hineingeworfen, hatte ich bemerkt, daß 10 scharfe stählerne Klauen dann find, scheinbar 10 Fingerhüte, zu jedem Finger einen. Diesem Kästchen trat sie nahe und mir der Schweiß auf öer Stirne. In dieser Not ertönte plötzlich die Stimme ihres Mannes, der nach Hause kam, und ich war gerettet und echappierte augenblicklich, werde auch nie mehr allein hingehen, Sie mögen sagen, was Sie wollen. . .“ -3m Sommer 1875 bezog Keller eine neue Wohnung auf dem „Bürgli", über die er den Wiener Freunden folgende anschauliche Schilderung macht: »3n meine Wohnung lebe ich wie ein König, weiteste Aussichten und Wolken, ganze Heerscharen. Das Haus hat großes Ausgelände, Bäume, Riesenlinden, die mir dicht vor dem Fenster stehen. Wenn ich nur darin zu Hause bleiben könnte den ganzen Tag. Aber ich muß rennen wie ein Jagdhund, es fehlt nur, daß ich noch belle unterwegs! Abends aber bleibe ich fast immer zu Hause und schreibe am offenen Fenster, während der weiße See im Mondschein schimmert, wenn's nämlich Vollmond ist. Aber auch wenn nur einzelne Sterne über dem See oder Gebirge stehen, ist es schon, und alles so still ist und nur meine Torheit wach und laut ..." Wie glänzt der helle Mond. Von Gottfried Keller. Wie glänzt der Helle Mond so kalt und fern, Doch ferner schimmert meiner Schönheit Stern! Wohl rauschet weit von mir des Meeres Strand, Doch weiterhin liegt meiner Jugend Land! Ohn' Rad und Deichsel gibt's ein Wägelein, Drin fahr' ich bald zum Paradies hinein. Dort sitzt die Mutter Gottes auf dem Thron, Auf ihren Knien schläft ihr fel’ger Sohn. Dort sitzt Gott Vater, der den hell'gen Geist Aus seiner Hand mit Himmelskörnern speist. In einem Silberschleier sitz’ ich dann llnd schaue meine weißen Finger an. Sankt Petrus aber gönnt sich keine Ruh’, Hockt vor der Tür und flickt die alten Schuh'. Schriftleitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag öer Brühl'schen Univ.-Buch» und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.