Eichener ZamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 Dienstag, den Z. Oktober "" Nummer 80 Liebeslied. Bon Carl Ferdinands. Alle Tag ist kein Sonntag, Alle Tag gibt's keinen Wein, Aber dir sollst alle Tage Recht lieb mit mir sein. Und wenn ich mal tot bin, Söllst du denken an mich! Auch am Abend, eh' du einfchläfst. Aber weinen darfst du nicht. Die Probeschwester. Novelle von Alfred Bock. Ueber dem Freihof webte der Friede des Feiertags. In den saüber gehn. aen, luftigen Ställen stand das Vieh behaglich kauend vor den gefüllten Raufen. Knechte und Mägde waren eben vom Kirchgang aus dem nahen Dorf zurückgekehrt. Trost der rauhen Oktoberluft hatten die Burschen ihre Tuchjacken abgelegt und schlenderten, ihre Pfeifen rauchend, in Hemdärmeln über den Hof. Seitwärts, wo Gefährte, Pflüge und Eggen standen, plauderten die Mädchen. Gleich würde es zum Essen schellen. Heut, am wonntag, gab's Sauerkraut und Schweinefleisch, danach gedämpfte Zwetschen. Alle kannten die Speisefolge. Schon lief ihnen das Wasser im Mund zusammen. Sie hatten einen gesegneten Appetit, in ihrem ausgepichten Magen war Plast für sauer und süß. Auch Hans Weckerling, der Gutsherr, hatte stch's in feinem Zimmer bequem gemacht. Er hatte die Woche über bärenmäßig geschafft. Gleich nachdem die Ernte eingebracht war, hatte er die Trockenlegung neu gekaufter versumpfter Ländereien in 'Angriff genommen. Da er mit dem Wesen der Entwässerung völlig vertraut war, hatte er auf den Beistand eines Kulturingenieurs verzichtet und dadurch viel Geld gespart. Nun mar das Werk zum glücklichen Ende geführt. Bald würde es sich zeigen, ob man dem trockenen, besser durchlüfteten Boden ein gutes Erträgnis abgewann. In diesem Jahr hatte eine reichliche Ernte erhöhte Ausgaben wett gemacht. Reichtümer konnte man als Landwirt nicht mehr erwerben. Der Rusten war müßig, dach ständig und sicher. In den Städten mit ihren Fabrikbetrieben mochte es leicht geschehen, daß alles ins Stocken und Wanken geriet. Vor derlei Krisen blieb der Landwirt behütet. Die miitterlirf)e Erde ließ ihn nie ganz im Stich. Der Gutsherr erhob sich und schritt in seinem ohne Prunk, ober mit Geschmack eingerichteten Arbeitszimmer auf und ab. In den letzten Tagen hatte er öfter beim Atmen Schmerzen im Rucken und in der Brust verspürt, doch waren die Beschwerden wieder verschwunden. Nun stellten sie sich aufs neue ein. Auch durchschauerte ihn ein Frostgefühl. Er mußte sich wohl erkältet haben. Frau Dick, die Haushälterin, kam und meldete: „Der Herr Braubach!" Gleich darauf trat, den breittrüinpigen Hut in der Hand, ein hageres Männlein herein: Auf feinem wohlgebildeten Köpfchen gedieh eine Fülle gelockten Haares, das der Lebenswinter weiß gefärbt hatte. Er trug eine Brille, die sich auf dem winzigen Näschen wunderlich ausnahm. Hinter den großen Gläsern schauten ein Paar rehbraune Augen hervor. Cs war der Agent und Gastwirt Friedrich Braubach. Er hatte auf der nahen Felsenburg die Wirtschaft gepachtet. Die überließ er Frau und Tochter und lief die Dörfer und Städtchen des Kreises ab. Er arbeitete, wie er sich ausdrückte, in Feuer und Leben. Das wollte besagen, er war Vertreter einer Feuer- und Lebensversiche- rungsgesellfchaft. Er machte auch Gedichte, die er vertrauten Freunden vortrug. Sie handelten von Menschenwürde und Menschenrechten, waren von philosophischem Geist durchweht. Auf dem Freihof ging er feit vielen Jahren ein und aus. Er mar dem Gutsherrn gefällig, und da er Verstand hatte bis in die Fingerspitzen, ward manchmal sein Rat begehrt und befolgt. , ... „Guten Tag, Herr Weckerling!" begrüßte er den Gutsbesitzer. „Ich war auf dem Hessischer Grund: die Arbeit soll den Werkmann loben. Das tut sie. Ich gratuliere!" „Danke", sagte Weckerling und bot Braubach, Platz zu nehmen. Der redete weiter. . ,, „Ich mußte heut an Ihren Vater denken. Sie waren em Bürschchen von vier oder fünf Jahren, da wollte er die Aecker am ~tefen= weg trocken legen. Ich riet ihm zu Tonröhren. Er scheute die Kosten und meinte, offene Gräben täten'? auch. Ich stellte ihm vor, wie unzweckmäßig das alte Verfahren war, vor allem, wieviel Kulturflächen die Gräben verschlangen, ’s war nicht möglich, ihn mnzu- stimmen." Weckerling lächelte. „Er hat's halt auf seine Weise gut machen wollen. Da fällt mir was ein. Sie waren in alles hier eingeweiht und können mir vielleicht Auskunft geben. Ich habe in diesen Tagen einen Stoß Akten aus den siebziger Jahren gefunden. Mein Vater hat damals eine Menge Prozesse geführt. Wie kam er dazu?" Braubach nahm seine Brille ab und begann mit dem Taschentuch die Gläser zu putzen. „Ja, wie kam er'dazu! Wer mit ihm geschäftlich zu tun hatte und sich als Biedermann aufspielte, dem glaubte er. Merkte er, daß er betrogen war, wollte er fein Recht und ging ans Gericht. Hie und da mag er gewonnen haben, meist zog er den Kürzeren. Nun sollte man meinen, daß er nach mancherlei trüben Erfahrungen nicht mehr so vertrauensselig war. Er blieb der alte, ließ sich immer wieder etwas vorfackeln und mußte hinterher den Schaden bezahlen. Ich hab auf Ihren Vater große Stücke gehalten, ober darüber war ich mir klar, ein rechter Landwirt und gar ein Geschäftsmann mar er nicht." Braubach fetzte seine Brille wieder auf und steckte das Taschentuch ein. Da der Gutsherr schwieg, fuhr er fort: „Ich vergeß es nicht, in Friedberg hatten die Landwirte aus dem Kreis eine Versammlung. Es sollen wichtige Beschlüsse gefaßt werden. Ich hatte damals in Muschenheim zu tun. Wie ich heimging, guckt' ich auf dem Freihof herein. Der Herr Weckerling, dacht' ich, wird in Friedberg fein. Da rief er mir zu: „Braubächelchen, wohin?" „Was," jagt ich, „Sie find nicht in Friedberg?" „Nein," sagt er, „treten Sie doch näher!" Er ging mit mir in die blaue Stube droben. „Der Pfarrer Müller in Staden," sagt er, „hat mir seine neueste Violinsonate geschickt. Die wollen wir heul' probieren. Es sind verteufelt schwere Figuren darin, aber ich krieg sie heraus." Nun holte er feine Geige herbei und fing an zu spielen. Er war wie verwandelt. Seine Muskeln spannten sich, die Finger packten das Griffbrett wie Bänder von Eisen. Der Bogen flitzte über die Saiten. Der da spielte, war ein Künstler!" „Ja, er war ein Künstler", wiederholte der Gutsherr. „Und daß er sich nicht ausbilden konnte, daran war die Engherzigkeit meiner Großeltern schuld." Der Agent senkte den Blick und seufzte. „Ich will mich mit Ihrem Vater nicht vergleichen, aber ich kann auch ein Lied davon fingen, was es heißt, in der Tagesfron stehen und inwendig spüren, daß man zu was Besserem geschaffen ist!" Er stand auf, trat ans Fenster und nahm dann seinen Platz wieder ein. „Sie waren noch zu jung, Herr Weckerling, Sie wissen's nicht, wie Ihr Baier unter dem Zwiespalt gelitten hat. der ihm das Leben zerriß. Eine Zeitlang ist er wie gemütskrank gewesen. Er bildete sich ein, er könnte das Gut nicht mehr halten, wollte es verkaufen. Daß Sie jetzt als Herr auf dem Freihofe fisten, verdanken Sie Ihrer Mutter. Das roar eine tapfere, finge Frau. Sie hot tnir’s einmal anvertraut, was sie durchgemacht hat. Sie war schon leidend, sie hat's unterdrückt, hüt alles'daran gesetzt, ihren Mann aufrecht zer erhalten. Sie tat’s mit blutendem Herzen und hat's gezwungen. Ihresgleichen gab's und gibt’s nicht wieder. Daß ich einen Stein bei ihr im Brett hakte, darauf bin ich heut noch stolz!" Der Gutsherr preßte des Alten Hand und sagte: „Wahre Freundschaft ist nur unter guten Menschen. Bleiben Sie mir, was Sie den Eltern waren: ein treuer Freund!" Draußen rief bie Schelle zum Mittagbrot. Weckerling lud Braubach ein, mit ihm zu speisen. Der Agent lehnte ab, er müsse weiter. Dem Gutsberrn mundete das Essen nicht, kaum, daß er die Gerichte berührte, die seine Haushälterin auftrug. ,Jch dachte, der Appetit käme, wenn Sie die guten Sachen vor sich sähen", sagte sie mit betrübter Miene. „Sie müssen sich verdorben haben," . _. Nach Tisch streckte sich Weckerling auf feinem Liegesessel aus. Die Unterhaltung, bie er mit. bem Freund gepflogen, hatte viele iveh- mütiqe Erinnerungen in ihm wachgerufen. Zu jener Zeit, da fein Bister in schwere Krankheit verfallen war, besuchte er mit seinem um drei Jahre jüngeren Bruder bas Gymnasium in Friedberg. An einem stürmischen Dezembertag hielt der Peter vom Frechos mit der Halbchaise vor der Schule und holte sie beide. Der Mebizmalrak Lorenz, faate er, fei schon seit Mittag draußen, es stände schlecht mit dem Herrn. Sie trafen den Vater noch lebend, er kämpfte den leisten Kampf. Um Mitternacht hätte er ausgelitten. Sie führten die Mutter in bie Fremdenstube und drangen darauf, daß sie dem ermatteten Körver Ruhe gönnte. Dann gingen fie wieder in das Sterbezimmer Und gelobten einander, in brüderlicher Liebe zufammenzuhalten und - 318 der Mutter beizustehn. Während der Tod des Vaters an der starken Natur seines Bruders ohne merkbare Erschütterung vorüberging, suhlte er selbst sich so elend, daß er nur mit Mühe und Not seiner Schulpflicht Genüge tat. Ein Jahr später bestand er sein Maturi- tätsexamen uiid bezog die Universität, Landwirtschast 31t studieren. Im nächsten Semester wurde er nach Haifte berufen. Das Leiden seiner Mutter hatte sich verschlimmert, sie wußte, daß es keine Rettung mehr für sic gab. Ihm, als dem Aeltesten, dein künftigen Gutsherrn, legte sie die Verhältnisse dar. Er sah, daß dank ihrer Tüchtigkeit alles wohlgeordnet, war. Wie eine Heldin schied sie von hinnen. Ihre letzten Worte waren: „Ich hab mein Haus beschickt, nun mach' ich ruhig die Augen zui" Er war noch reichlich jung, als er das Gut übernahm, aber er legte die Hand an den Pflug, vom festen Willen getragen, vorwärts zu kommen. Heute durfte er sagen, er sah seine Arbeit vom Erfolg belohnt, toein Bruder hatte sich für den Beruf des Kaufmanns entschieden. Er machte in Frankfurt seine Lehrzeit durch, ging dann nach Köln, von dort nach -Liirin. Mit zweiunddreißig Jahren wurde er in Berlin als Direktor eines großen industriellen Unternehmens verpflichtet. Ein stattlicher Mann, dem der Körper Kraft und Gewandtheit verlieh, gefiel's ihm, sich mit Ueberfeincrung zu kleiden. Mochten andere darüber lächeln, bei ihm gehörten solche Aeußerlichkeiten zum vollkommenen Lebensgenuß. Vor einiger Zeit hatte er gemeldet, der Aufsichtsrat seiner Aktiengesellschaft habe seinen Reformvorschlägen einen im- begreiflichcn Widerstand entgegengesetzt. Im Bewußtsein dessen, was er wolle und leiste, habe er kurzerhand seine Stellung gekündigt. Daraufhin hätten die Herren sich nicht nur zu seiner Ansicht bekehrt, sie hätten ihm auch sein Gehalt erhöht. Er schrieb weiter, er habe die Absicht gehabt, sich zu verloben, bod) sei er in letzter Stunde vor der Dame gewarnt worden, von der er sein Wohl und Wehe erwartete, und habe die Beziehungen zu ihr abgebrochen. Was die holde Weiblichkeit anlange, habe er ein ganzes Register erlebt, gemischt aus schlauer Berechnung, Liebreiz und Verstellungskünsten. Allmählid) gewinne der Grundsatz bei ihm die Oberhand: er liebe sie alle und heirate keine. Ihn, den Gutsbesitzer, hatten die Auslassungen seines Bruders verdrossen. Er hatte von den Frauen eine bessere Meinung. Hatte er es bod) int Elternhaus empfunden, daß das wahrhaft beglückende nnb erhaltende Element darin eine Frau war — seine Mutter. Zuerst wollte er dein Bruder eine derbe Abfertigung erteilen, dann hatte er sid) eines anderen besonnen, hatte in seiner Antwort die Dinge übergangen. All die Jahre war kein Mißklang unter ihnen ausgekommen. Das gute Verhältnis sollte keinen Wandel erfahren. Dietrick) stand in Großstadtgewühl, betrachtete die Welt auf seine Weise. Ihm, den Landwirt, war das Leben auf dem Freihof zum Quell geworden, daraus ihm ein ruhiges Glück entsprang. Wenn er bis dahin gezögert hatte, eine Frau in sein Haus zu führen, mar's einzig aus dem Bedenken heraus geschehen, ob er die rechte wähle, die ländliche Stille und Arbeit mit ihm zu teilen. Den Nachmittag über verließ Hans Weckerling seine Wohnung nicht unb legte sich am Abend früher zu Bett, als dies gewöhnlich der Fall war. In der 'Nacht nahmen ihm starker Husten und Stiche in der Brust den Schlaf. Er war der letzte, aus einer Erkältung viel Wesens zu machen. Da aber sein Zustand trotz aller Hausmittel, die er anwnndte, eher schlechter beim besser wurde, befahl er am anderen Morgen dem Kutscher, in die Stadt zu fahren und den Arzt zu holen. Der kam, behorchte und beklopfte den Kranken, stellte die Körpertemperatur fest und sagte: „Sie haben Bronchialkatarrh, Hans. Sie bleiben nalürlid) im Bett. Die Sache hat weiter nichts zu bedeuten. Wir wollen aber vorsichtig sein. Sie brauchen in der nächsten Zeit eine fortgesetzte, aufmerksame Pflege. Dazu reichen die Kräfte der alten Frau Dick nicht aus. Ick) werde Ihnen eine Schwester schicken. Bis sie kommt und mitbringt, was ich Ihnen verschreibe, machen Sie feuchte Umschläge auf die Brust und erneuern sie alle zwei Stunden. Id) werde morgen früh wieder nack) Ihnen sehen." Er gab dem Gutsherrn die Hand und ging. Auf dem Flur erwartete ihn die Haushälterin. Der eröffnete er: „Herr Weckerling hat Lungenentzündung. Er weiß es aber nicht. Er hat beträchtliches Fieber, und ick) fürdjfe, es wird noch steigen. Lassen Sie niemand zu ihm. Ich besorge eine Schwester. Das Herz ist in Ordnung. Id) hoffe, die Krankheit nimmt einen normalen Verlauf." Nachdem der Doktor in die Stadt zurückgekehrt war, begab er sicki sofort ins Schwesternhaus, für Weckerling eine PflegeAn zu bestellen. „In den letzten Wochen," gab ihm die Oberin Bescheid, „seit die Grippe so bösartig auftritt, bin id) ständig in Verlegenheit, wie ich ollen Ansprüchen gerecht werden soll. In diesem Augenblick kann ich Ihnen nur nod) die Probeschwester Luise zur Verfügung stellen. Sw hat einen Kursus in der Krankenpflege durchgemacht, ist'oewmidt und zuverlässig." „Ich möchte sie sprechen", sagte der Doktor. Sie Schwester Luise ward herbeiqerufen. Sie mochte zwanzig n' <£ud) ein PE Jahre mehr. Sie hatte eine schöngerundete Stirn. Ihre großen dunklen Augen hatten einen eignen Glanz. Um feinen Lippen prägte sid) ein Zug von Güte aus. Unter ihren Mitschwestern waren alle Stände und Bildungsgrade vertreten, bei ihr verrieten Gang und Haltung sofort die Tochter aus gutem Hause. , ^rgt händigte ihr die Rezepte ein, die er dem Patienten ver- Kbrieben hatte, gab ihr die nötigen Anweisungen und bat sie, so rasck) als moglick) auf den Freihof zu fahren. Eins Stunde später war Schwester Luise unterwegs. Auf dem Gefilde lag voller Sonnenglanz. Die fernen Berge umspielte nn[- diger Duft. Schwester Luise verglick) die Landschaft, durck) die sie der Wagen führte, mit ihrer ostpreußischen Heimat. An Wasserläufen war in 6er gesegneten Wetterau fein Mangel, aber die Seen fehlten, die das Landschaftsbild im Osten so herrlich belebten. Es fehlte nod) mehr Man konnte die Fremde liebgewinnen, in der Stille wanderten die Gedanken sehnsuchtsvoll in die Heimat zurück. Schwester Luise entstammte einer alten Ossiziersfamilie. Ihr Vater, als junger Leutnant ein lockerer Zeisig, war aus dem fröhlichen Rheinland nach Ostpreußen strafversetzt worden. In Bruuiis- berg, wo er während eines Manövers im Quartier lag, lernte er die Tochter eines Rechtsanwalts kennen und führte sie als seine Gattin heim. Sie ertrug mit Langmut ihres Mannes große und kleine Eigenheiten. Der Ehe entsprossen ein Junge und ein Mädchen. Der Sohn verließ mit zwölf Jahren das Elternhaus, um sick) in der Kadettenanstalt zu Köslin für die Laufbahn des Offiziers vorzubereiten. Luise, die Tochter, wuchs in einer kleinen Garnisonstadt heran. Ihr Bruder hatte eben sein Leutnantspatent erhalten, als ihr Vater, der Major, bei einer Felddienstübung mit seinem Pferde stürzte, daß er besinnungslos vom Platz getragen wurde und ein paar Stunden später verschied. Die Witwe blieb mit kärglichen Mitteln zurück. Es fiel ihr schwer, den Zuschuß aufzubringen, dessen ihr Sahn, wenn er standesgemäß leben wollte, bedurfte. Obwohl kein Wort der Klage über ihre Lippen kam, fühlte sid) Luise, die Tochter, wie die Verhältnisse einmal lagen, in ihrer Untätigkeit bedruckt. Sie hatte die Kraft und den Willen, etwas zu leisten. Als Pflegerin der Frau eines entfernten Verwandten, der nahe bei Wiesbaden eine Pfarrei inne hatte, trat sie die erste Stelle an. Der Entschluß reifte in ihr, sich ganz dem Dienste der barmherzigen Liebe zu weihen. Seit fünf Monaten war sie dem Diakonissenhaus einer heNtzcyen Kreisstadt zugefeilt. Die Welt, der sie angehörte, lag wie nn Dammer hinter ihr. Nur zuweilen in langen Nächten wurde die Vergangenheit in ihr wach. Allerlei Bilder fauchten vor ihr auf Die kamen und zerrannen. Nicht sich selbst, sondern für andere leben, ranr jetzt heiliges Gebot. Aus der Tiefe ihres Herzens brach ein Schatz verborgener Liebe hervor. Opfermutig Tag und Nackt Kranken und Elenden eine treue Helferin zu fein, erfüllte sie mit friedvoller Freudigkeit. Gegen Abend traf Schwester Luise auf dem Freihof ein und übernahm sogleich die Wartung des Kranken. Der lag mit fieber- glänzenden Augen, klagte über Atemnot und Schmerzen im Kopf. Ju der Nacht phanfafierfe er. Die Schwester kam nicht von seinem Bett. Frühmorgens schon war der Arzt zur Stelle. Er nahm die Schwester beiseite und sagte: „Es ist eine Lungenentzündung der schwersten Form. Es bleibt bet meinen Anordnungen. Ick) lege Gewicht darauf, daß der Patient viel frische Luft erhält. Ich komme heut noch einmal wieder." In den nächsten Tagen hing das Leben des Gutsherrn an einem Fcidchem Die ganze Kunst des Arztes war barauf gerichtet, bösartige Nebenkrankheiten zu bekämpfen. Die Schwester ging ihm voll Eifer unb Geschick zur Hanb. Das Fieber wollte und wollte nicht weichen. Endlich nach sechs langen bangen Wochen trat eine Wendung zum Besseren ein. Der Kranke selbst hafte die Empfindung, daß das Sdjmcrfte überstanden fei. l Fortsetzung folgt.) Herbit in Finnland. Von Dr. Hans Paul R 0 l o f f, Hamburg. A b 0 (Turku), im Oktober. 1. Bahnfahrt durch Finnland. Jin 40-Kilomefer-Tempo zuckelt der Schnellzug Helsinki — Tampere (Helsingfors — Tainmerfors) mit leinen breiten russischen Wagen durch die sonnige Landschaft. Diese Landschaft ist merfroürbig. Man fährt bauernb in einer nicht sehr breiten Walblichfung durch ein recht „buckliges" Land. Ueberall, besonders wenn der Wald einmal an die Bahnlinie heranfrilf, die charakteristischen Rundhöcker des Granits, glatt gefd)liffen durch die Gletscher der Eiszeit. Und in der Waldlichtung auf sehr dünner Humusdecke Wiesen und Felder in kleinen Stücken mit vielen einzelnen Holzhäusern, rot oder silbergrau verwittert. Anfangs wartet man noch darauf, daß man endlich einmal aus dem Walde heraus- kommf, aber schließlich geht es einem auf: Finnland ist heute noch nichts anderes als ein einziger, riesiger, 340 000 Quadratkilometer großer Wald, ein Wald, breiöicrtel fo groß wie Deutschland, und das bebaute Land, Aecker und Wiesen, liegt in dem riesigen Wald verstreut als kleine Lichtungen, die nod) nicht ein Zwölftel feiner Fläche ausmachen. 2. Tampere (Tainmerfors), Finnlands Industriestadt, inmitten zahlloser Seen unb enblojer Wälder. Aber eine sehr eigenartige Jndu- ftrieftabt, eine Fabrikstadt ohne Mietskasernen und rauschende Schornsteine. Die Fabriken treiben die unendlichen Wasserkräfte des Landes, die „weiße" Kohle der unzähligen „forfe" und „kofkis" der Strom- schnellen, und die Straßen strecken sich wie in jeder echt siinischcn Stadt breit unb licht unb schnurgerade über Tal unb Hügel, besetzt mit schönen, eingeschossigen, hellfarbigen Holzhäusern, die sich so gleidjen wie ein Ei dem andern. Hier war im Kriege 1918 der Haupfsitz der Roten Garden, im der alte Stationsvorsteher aus Mm kleinen Nest hinten beim Ladogasee, der mit mir nach lammerfoxs zum Kongreß der „christlichen jungen Männer" fuhr und mir soviel 319 — von dem „gamle kulturland Tyskland" vorschwärmte, erzählte mir Schauergeschichten, wie die Roten mit Mord und Brand in Tammer- sors gehaust hatten. Heute deutet nur noch ein unscheinbares Zeichen darauf hin, daß auch jetzt noch in Tammerfors scharfe politische Spannungen bestehen: Das schöne Denkmal für die 1918 auf bürgerlicher Seite Gefallen — auf hoher Granitsäule eine schlanke nackte Jünglingsgestalt mit erhobenem Schwert — trägt weder Namen noch Inschrift. 3. Im Zuge zwischen Tammerfors und Abo. Jeder finnische Zug, auch ieder Schnellzug, macht alle paar Stunden einen halbstündigen Aufenthalt, damit die Fahrgäste im stets sehr großen, sehr hohen und sehr sauberen Wartesaal des hübschen einstöckigen und natürlich aus Holz gebauten Stationsgebäudes eine Mahlzeit einnehmen können. Viole kalte und warme Gerichte find fertig am Büfett zu haben, zu einem für unsere Begriffe ganz erstaunlich billigen Preise. Und draußen auf dem Bahnsteig stets das gleiche Bild: Hinter einer niedrigen Bank in langer Reihe aufmarjchiert 20 bis 30 Blondköpfe von fünf bis zehn Jahren, Jungens und Mädels, jeder setzt den rechten Fuß auf die Bank, hält auf beiden Armen ausgestreckt ein großes Tablett mit vielen kleinen Schalen voll Himbeeren oder Johannisbeeren nnb schreit aus Leibeskräften: „Ms mark! Ms mark!" (Eine Finnmark find 10,6 Pfennig.) In Abo, jetzt Ttirku, der alten Hauptstadt Finnlands, der „Wiege der finnischen Kultur". Sechs Jahrhunderte lag hier das Zentrum des Landes, bis im Jahre 1809 der russische Eroberer das kleine Heisingfors zum Range der Hauptstadt erhob, weil Abo zu weit von Petersburg lag — und zu nahe an Stockholm. Wer aber mm erwartet, im Stadtbild von Abo etwa wie in dem von Lübeck oder Nürnberg auf Schritt und Tritt auf Denkmäler der Vergangenheit zu stoßen, der wird schwer enttäuscht: Die Stätte des Nordens find aus Holz erbaut, und bis tief ins 19. Jahrhundert wurde Abo — rote alle Nordlandstädte — mit der Regelmäßigkeit eines naturgesetzlich bedingten Verhängnisses durchschnittlich alle 30 Jahre durch Feuer vollkommen vernichtet. So macht denn das heutige Abo, das trotz seiner 70 000 Einwohner zu neun Zehntel noch aus nur eingeschossigen, hellfarbigen, schönen Holzhäusern besteht, einen funkelnagelneuen Eindruck. In der granithügelbedeckten Uferlandschaft zu beiden Seiten des Auraslusses haben die Stadtarchitekten nach dem letzten großen Brande von 1826 ein mathematisch vollkommen einwandfreies Rechteck von 4 mal 2 Kilometer Seitenlänge abgesteckt und ohne jede Rücksicht auf die Bodengestaltung schachbrettartig aufgeteilt. Was in der Ebene ein Stadtbild von überwältigender Langweiligkeit erzeugt habe» würde, hat hier im Tal des Auraslusses ein städtebauliches Gebilde von höchst eigenartigen Wirkungen geschaffen. In mächtige!» Zuge schwingen diese breiten, geraden, lichten Straßen von Hügel zu Hügel quer durch das tiefe Tal, und ein Blick über die Aurabrücke hinweg in die in gewaltiger Steigung schnurgerade zum hochliegende» Kimstmuseum aufstrebende Au- rankatu zeigt, daß eme einfache von eingeschossigen uniformen Holzhäusern eingefaßte Straße eine in ihrer Art geradezu monumentale Raumgestaltung erzielen kann. Wo die beiden Granitfelsen jede Straßenanlage verhindern, lagern sich schöne weite Parks mit wunderbaren Fernblicken in das rechtwinklige Netzwerk der Straßen ein. Leider dringen auch schon in Abo Steinbaute» in immer größerer Zahl ein und zerstören seinen heute noch so schön bewahrte» finnische» Charakter. So eine vereinzelte, fünfstöckige, steinerne Mietskaserne mit hohe» leeren Seitenwände» wirkt in einer Straße von lauter schöne» vollkomme» stileinheitlichen eingeschossige» Holzhäusern doppelt scheußlich. 5. Wissenschaft und Bildung stehen in diesem schwachbevölkerte» armen Bauernland des Nordens in einem 'Ansehen, das den Ausländer immer wieder in Erstaunen setzt. Finnland ist arm, sehr arm, und dem Staat stehen nicht die Mittel zur Berfügung, alle seine Bildungsziele durchzuführe». Da greifen sofort private Vereinigungen unterstützend ein und stellen die notwendigen Mittel bereit. So verfügt Abo über einen Reichtum an Bildungsanstalten, der kam» seinesgleichen hat. Wo findet sich eine andere Stadt von 70000 Einwohnern, die wie 21 bo nicht weniger als sechs überfüllte Gymnasien und zwei Universitäten aufweisen kann? Beide Universitäten, eine für finnisch Sprechende und eine für schwedisch Sprechende, werden rein aus private» Mitteln unterhalten: Die finnische Staatsumversität ist in Heisingfors. 6. Wie Granitblöcke in einem Meer von Streichholzschachtel» liegen in diesem modernen Abo die beiden einzigen noch erhaltenen mittelalterlichen Bauten der Stadt: Dom und Schloß. Der Bischof von Finnland und der König von Schweden baute» hier in der Landeshauptstadt schon um 1300 ihre mächtigen Bauten aus dem unvergängliche» Baumaterial, das alle Brände überdauerte, aus Granit, und so haben wir hier neben der Sandstein- und Backsteingotik des mitteleuropäische» Kulturgebietes die Gotik in einer dritten Ausprägung als „Granitgotik". Das Dominnere wird feit drei Jahren restauriert, und unter der liebenswürdigen Führung des Restaurators Dr. Rinne klettere ich über die wüsten Trümmerhaufen der aufgeriffenen Grabgewölbe des Kirchenschiffes. Zu Hunderten liegen hier enggereiht die schlanken, langbeinigen Skelette der vornehmsten Geschlechter Finnlands aus vielen Jahrhunderten in ihren offenen verfallenen Särgen. Sie müssen ihren Platz, an dem sie einst ruhig und gesichert den jüngsten Tag abwarten zu können glaubten, dem neuen Vetonfußboden opfern, werden sorgfältig anthropometnsch vermegen (fie sind übrigens zum überwiegenden Teil reine nordische Rasse) und in einem großen Sammelgewölbe beigesetzt. Das Langhaus des Domes — die ursprüngliche Kirchenanlage — ift übrigens nicht anders als die ins Riesenhafte übersetzte Form der frühmittelalterlichen, finnischen Dorfkirche: Ein mächtiger recht- eckiger Raum ohne Apsis, die granitenen Seitenwände von schmalen Fensteröffnungen durchbrochen, die schweren Spitzbogengewölbe, getragen von einer Doppelreihe dicker, quadratischer Granitpfeiler. Aber an dies von schwerem nordischen Geist erfüllte Langhaus icyließt sich dann ein jüngerer Backsteinchor in Edelster Hochgotik, der nur von einem Baumeister der großen norddeutschen Backsteindome erbaut sein kann (wahrscheinlich dem Erbauer des Chores der Marienkirche zu Stargard in Pommern, dem er, wie mir mein Führer mitteilt, fast bis ins einzelne gleicht). 7. Am entgegengesetzten Ende der Stadt, wo der Aurafluß in den „Schärengarten" der Ostsee mündet, liegt das Schloß, die Zwingburg Finnlands. Von den schwedische» Königen um 1300 zum Schutz ihrer finnischen Kolonie angelegt, hat cs unzerstört die Jahrhunderte überdauert: Bis 40 Meter hoch ragen die Granitwände der beiden kolossale» Langhäuser und quadratischen Türme des „alten Baues" von 1300 empor, während der östlich vorgelagerte „neue Bau" von 1500 sich mit dicke» niedriaen Rundtünnen wuchtig in die Breite dehnt. Abo Stott ist die steingewordene Geschichte Finnlands. Die mächtigen Schloßhauptleute, die hier residierte!!, die Raroe Jngevaldsson, Bo Jonsson Grip, Klas Flemming und wie sie sonst hießen, waren die eigentlichen Herren Finnlands. Hier war es, wo einer von ihnen 1521 die Anführer des von Gustav Wasa gegen ihn gesandten Be- lagerimgsheeres bei einem Ausfall gefangen nahm und angesichts ihrer Leute draußen oben an der Mauer des Schlaffes aufhängen ließ. Heute birgt Abo Slott in 70 Räumen eine wundervolle Sammlung vollständiger Zimmereinrichtungen von der Renaissance bis zum Biedermeier. 8. Langsam wandere ich durch den warme» Abend über breite lichte Straßen zu meinem Quartier, dem schönen Hotel „Hamburger Börs" am riesengroßen quadratischen Alexanderstarg, dem Haupt- marktplatz von Abo. Im schattigen Hotelgarten spielt schon die abendliche Jazzmusik und draußen aus der Köpmansgatan promenieren zu de» Klängen in dichten Reihen schlank, blond und blauäugig, aber die schmalen Gesichter merkwürdig ernst und kühl, die Backfische von Abo. Das Windmühlsnflugzeug. Von Harry F. H. Schmidt. Auf dem Berliner Zentralflughafen wurde zum erste» Male in der deutschen Oeffentlichkeit ein neuer, für die Flugpraxis sehr aussichtsreicher Flugzeugtyp vorgeführt. Es handelt sich um den Autogyro, das Windmühlenslugzeug, das von einem spanischen Ingenieur Don Juan de la Cierva vor einem Jahre konstruiert wurde. Um die Bedeutung dieser Erfindung erfassen zu können, müssen wir uns kurz die Vorteile und Nachteile unserer heutigen Flugzeuge vergegenwärtigen. Der Hauptvorteil des modernen Flugzeuges ift feine hohe Geschwindigkeit, worauf seine sich stets steigernde Verwendung als Verkehrsmittel beruht. Es ist heute durchaus möglich, mit einem Flugzeuge Geschwindigkeiten bis zu 400 Km. in der Stunde zu erzielen. Diesem Vorzug steht der Nachteil gegenüber, daß derartige Apparate eine gewisse Mindestgeschwindigkeit aufweifen müssen, um sich überhaupt in der Lust halte» zu könne», da ja der Auftrieb von der Geschwindigkeit abhängig ist. Diese Geschwindigkeit beträgt je nach dem Flugzeugtyp 60 bis 100 Km./Stde. und mehr und macht sich besonders beim Landen unangenehm bemerkbar, da das Flugzeug mit dieser hohen Landegeschwindigkeit aus den Boden aufsetzt. Würde der Pilot diese Geschwindigkeit unterschreiten, so würde das Flugzeug einfach durchsacken. Diese sogenannten „Differenzen der Geschwindigkeiten" also bei hoher Fahrgeschwindigkeit eine möglichst geringe Landegeschwindigkeit, recht groß zu gestalten, ist das Ziel des Flugzeugkonstrukteurs. Es kommt also vor alle» Dingen darauf an, die Landegeschwindigkeit auf den dritten oder vierten Teil des heute übliche» Wertes herabzudrücken durch Anwendung der sog. Schlitzflügel und des Fleitner-Rotorprinzips und anderer Einrichtungen, die aber alle noch in den Anfängen stecken. Ei» gänzlich neuer Typ ist in den Hubschraubern geschaffen, die außer der Zugschraube über dem Flugzeug eine oder mehrere horizontal liegende Hubschrauben besitzen, die es ermöglichen, senkrecht zu starten. Derartige Flugzeuge haben schon größere Flüge gemacht, doch läßt ihre Betriebssicherheit und ihre Betriebswirtschaftlichkeit recht viel zu wünschen übrig. Ein Mittelding zwischen dem bekannten Flugzeugtyp und einem Hubschrauber ist das neue Windmühlenflugzeug. Wie das erste hat es Fahrgestell, Rumpf, Leitwerk, Motor und Zugschraube, wie der letztere erhält es seinen Auftrieb durch eine rotierende Tragfläche. Diese hat die Form von vier großen Windmühlenflügeln, die an einer leicht nach hinten geneigten senkrechten Achse gelenkig befestigt sind und auf Kugellager ruhen. Infolge der Zentrifugalkraft nehmen die Flügel eine horizontale Stellung ein. Mit dem Motor des Flugzeuges stehen diese Flügel in keinerlei Verbindung. Das - 320 — Flugzeug Hai also teilte Tragdecks in gewohntem Sinne. Seitlich vom Rumpf sind nur ^wei kurze Querruder eingebaut, die allerdings vom Laien meist für Tragdeckrudimente gehalten werden. Der Start bzw. der Flug vollzieht sich folgendennaßen: Die durch den Motor angetricbene Zugschraube gibt dem Autogyro die Vorwärtsbewegung. Der hierdurch entstehende Fahrwind setzt die horizontalen Flügel in Bewegung, und bereits bei 100 bis 120 Umdrehungen wird der Apparat von der Erde abgehoben. Es sind schon bei geringen Fahrgeschwindigkeiten erhebliche Auftriebskräfte vorhanden, während andererseits der Luftwiderstand des rotierenden Flügels sehr gering ist. Bei der Landung zieht der Pilot die Maschine kurz vor der Landestelle hoch, so daß sie sich aufbäumt, ein starker Geschwindigkeitsverlust entsteht, und bei stetig weiter rotierenden Flügeln erfolgt eine fast senkrechte sanfte 'Landung. Im folgenden sind noch einige technische Daten zusammengestellt. 'Das Fluggewicht des gesamten Apparates beträgt 800 Kg., der Durchmesser des rotierenden Flügels 11 Meter. Mit einem Motor von 120 P. 8. hatte das Flugzeug eine Höchstgeschwindigkeit von 150 Km., eine geringste Fluggeschwindigkeit von 50 Km. und eine Landegeschwindigkeit zwischen 17 und 20 Km. Beim Landen kam der Apparat je nach dem Winde nach 1 bis 10 Meter zum Stehen. In London landete er nach dem Fluge senkrecht auf einer ausgelegten Zeitung. Sternhimmel. Don Johannes Schlaf. Lieber der Welt steht der vollentsachte Sternhimmel. Wir wissen, man bezeichnet sein Gebilde, benennt sie und hat sie mit Damen benannt, die ehrwürdig und geheimnisvoll durch die Jahrtausende gehen und bis auf den Heuligen immer beibehalten worden sind, man beobachtet und berechnet ihre Bewegungen, stellt Vermutungen an über ihre stoffliche Beschaffenheit, beschreibt die Bildungen und Vorgänge ihrer Oberflächen, bis hinaus zur fernsten, hauchgleich verglimmenden Milchstraße, man lotet diese Tiefen aus, und es ist das ein no-wendiger und gerechtfertigter Drang unseres Geistes: doch schließlich ist es wohl nichts gegen den Eindruck feines unmittelbaren, durch kein Wort zu bezeichnenden Anblickes. Schau zu ihm hinauf, wenn er sich in der Klarheit eines späten, trocknen Herbsttages bietet. Hohe Bäume in der Nähe des Hauses stehen in einem großen, eintönig gleichmäßigem, fernen Brausen. And in ihm auch die endlosen Wälder auf den Bergen draußen, und in die Weiten hinein die Gefilde und Landbreiten, und eine gehiemnisvoll geisterhafte Gegenwart der Ozeane über den Erdball hin, und ist doch eine große Stille. Vielleicht ist die tiefste Stille das über alle Sinne hinaus gewaltige Braufen eines hohen Ein- und Ewigkeitstvnes, die Unmaßen ungeheure Ausschwingung eines göttlichen Punktes hinter den Dingen. Aber es ist dir wohl, es fei der Akkord seiner übersinnlich erhabenen Harfe. * Das diamanten in sich vibrierende zuckende Gewimmel da-oben scheint wohl ein Ehaos, in welchem du zu vergehen meinst. Aber dein Blick verweilt ja, es hält, hält dich, du vergehst nicht, in deiner Andacht ist etwas, das dich hält, es muh wohl ein Gemäßes, ihm Gewachsenes fein. Hier ist das zujammenfaffende Bindend einer groß und ruhig gewölbten Flache. Du gewahrst den Unterschied von großen und kleinen Sternen, siehst die bestimmten, abgestuften Amlaufsbewe- gungen des Mondes und der Planeten, siehst nah beim Himmelspol vorbei mitten hindurchgezogen, das Band der Milchstraße, siehst, wie die Ansammlungen gegen sie hin an Dichte zu-, und in beiden entgegengesetzten Dichtungen abnehmen; siehst Figuren: die herrliche, funkelnde Gestalt des Orion, die Siebengestirne des großen und des kleinen Wagens, das der Plejaden, den Winkel, den die Htz atzen machen, das W der Kassiopeia, den Sternhaufen des Haares der Berenika, die Spange der nördlichen Krone mit Stern Gemma in ihrer Mitte, das Gebilde der Seiet, die hingekniete Gestalt des Herkules. Du siehst das Gesetz der waltenden, geistig dynamischen Grundmathematik. Dichte das Dohr hinauf und steh hinein. Hier ist der seinem ersten Viertel nahe Mond. Du gewahrst, als schwebtest du weit draußen einsam im nächtlichen Daum über ihr, die große Halbfcheibe, siehst, wie sie vor dir langsam und ruhig gleitet. Du siehst hier und da bis zum weißen lichten Gelb in vielerlei Sorten von Grau schattiert große und kleinere Dundflecke, siehst die Dinggebirge mit ihren schwarzen Schlagschatten und ihrer.rau- hen Profilation, siehst geheimnisvolle Rinnen, Rillen und Runen, seltsame weiße hauchzarteFlockungen und arabeskenhaft ausgezweigte Ränder von'Hochlandmaffen, starre, weitausfchiehende, weihe Strahlungsgebilde. Du siehst im Schwarz des Raumes, mit seinen zu beiden Seiten in einer Linie hingereihten gelben Srabantenpünktchen die große, weißlich gelbe Scheibe Jupiters, mit hauchfeinen Tönungen von Lichtbraun, Dötlichbraun, Rosa, Blau, Violett, siehst einander parallel in bestimmtem Abstand von feinem Aequator hinge- zvgen seine beiden zart spinnwebgraueu Aequatorbänder, mit feinen, wie mit zartestem Bleistiftstrich hingehauchten Linien, Flecken, Buchtungen, Riffen drin, und gegen die beiden dunkleren Polkappen hin viele, einander parallel gehende, graue Linien, siehst wie diese Gebilde leise, langsam sich von dem einen Rand der Scheibe zum anderen Hinbewegen. Du siehst wie eine große Lichtorange Mars mit dem weihen Segment seiner Polkappe, mit weihen und grauen Flecken. Du siehst in der Mitte seines Ringes den sahlglimmenden Saturn, siehst im Schwert des Orion, einen gehaucht phosphoreszierenden Fleck, den großen Orionnebel, in der Andromeda den glimmenden Linsenfleck des Andromedanebels, als einen talergroßen runden, bleich verschimmelnden Fleck den Ringnebel in der Leier, die krastblitzenden, in köstlichen Schnüren und Figuren gruppierten größeren, kleineren und feinsten Lichtpünktchen des Sternhaufens der Plejaden. And tauche hinein in die Geheirnniffe der Sternbilder und der großen Lichtwolken der Milchstrahe, sieh endlos unabzählbar Gewimmel von goldnen Pünktchen sich entfachen, jedes haarscharf licht eingezeichnet ins tiefe Schwarz des Raumes, steh es bestickt mit zartesten goldenen und diamantenen, grünen, blauen, roten orangefarbenen, lebendigen Edelsteinchen, sieh Winkel, Dreiecke, Trapezchen, Vierecke, Parallelogramme, Häkchen, zierlichste Per- lenschnürchen; sieh bleiche Fleckchen fernst verglimmender Nebelchen. Oder nimm einen Krimstecher zur Hand und richte ihn auf Arktur oder Sirius, oder Prokhon. Antares, Spika, lah ihn ein wenig in der Hand hin und her zittern, oder bewege ihn mit kurzen Zuckungen in der Form der liegenden Acht, schwanke ihn ein wenig, und du siehst in den unbeschreiblichsten Spektralfarben die herrlichsten Edelsteinschnüre sich vor deinem Auge bewegen. * Die Sterne sprechen. Lah weiße Kumuluswolken zwischen ihnen hinziehen, so ists ein besonderes und anderes, als wenn du sie zwischen Flockengewölk erblickst, und ein anderes ists, wenn sie zwischen zeriffenem Sturmgewvlk hervorzittern. Immer sagen sie dann ein besonderes Wort, das du fühlst, das etwas in dir genau zu unterscheiden weiß. Immer hat der abnehmende Mond, selbst bei klarem Himmel, etwas Tränenverschwommenes, Trübsinniges, manchmal Anheimliches. And ein anderes ists, wenn er als eine haarfeine Silbersichel lieblich in einem apfelgrünen Abendhimmel steht. And immer anders sind die Spiele des zunehmenden, oder der vollgerundeten Scheibe bei Auf- und Niedergang, über Baum- maffen, über Häusern, oder wenn sie groß und golden zwischen Sturmwolken dahinjagt; und ein anderes sind die krokusfarbenen, gelben, weinrötlichen, perlmutterfarben opalisierenden Farben, die er hinter Flvckengewölk stehend weckt. Ein anderes ist Saturn, wenn er weit nach Mitternacht in einsamer Nachtstille plötzlich sich fahlglimmend über dem First eines Hausdaches heraufschiebt, ein anderes der schöne, strahlende Jupiter über feierlich massig geballten Baumwipfeln, oder der rote Mars, wenn er, bei seinem Aufgang, groß und rund und fast erschreckend, wie ein fünfter, kleiner Mond dem fernen Horizontrand aufsteht. Hehr und freundlich am Sommerabendhimmel über wogenden, in ihrer Reife knisternden Getreidefeldern die weiße Spika mit ihrem blauweißem Wechsellicht. Oder der blutrot und grün, bös zuckende Antares im Skorpion. Oder das Wort des kraftfunkelnden Orion mit feinen drei Gürtelsternen, feiner Keule und seinem Schwert, in seiner strahlenden Pracht. And ein anderes das Wort der Zirkumpolarsterne: des Großen Bären des Orpheus, der Kassiopeia. Ein anderes das Wort der wenigen großen Sterne des Sommerhimmels, ein anderes das der Sterne des Herbst- und das der Sterne des Winterhimmels. Ein anderes das der Sterne der noch hellen Abenddämmerung, wenn sie, einer nach dem anderen, hervortauchen aus dem sich verdunkelnden Blau: ein anderes das, mit welchem sie, einer nach dein anderen bleich und fröstelnd im Zwielicht des Sonnenaufgangs erlöschen, und das des allerletzten großen Sternes, der, wenn im Morgentau der erste Sang der Droffel und des Kuckucks sich erhebt, im Glast ertrinkt. * Wie das ist, wenn sich plötzlich, unversehens, aus der großen kraftblitzenden Ruhe da oben, die man ewig regungslos meint, mit einer Bewegung, im schönen lichten Dogen, groß, leicht, sicher, eine Sternschnuppe, ein Meteor, loslöst, für Sekunden dahinfährt, lautlos wieder erlischt! Der Eindruck der Stille, man ist versucht zu sagen: Diskretion, mit der sich die unermeßlichen Dorgänge da oben vollziehen! Oder das plötzliche Auftauchen eines Kometen aus der unergründlichen, stillen Tiefe gegen uns daher. Zu beobachten, wie sich ein nur im Fernrohr wahrnehmbarer, noch schweifloser Komet als eine dunstverschwommene, hauchfeine Ballung merkbar durch ein Sternbild dahinbewegt. Es ist ein Eindruck, der einem ganz unwillkürlich, wenn man ihn so im Rohr verfolgt, mit seinem unheimlich fahl in sich glimmenden Licht unterm Herzen ein etwas unbehagliches, feines Kribbeln verursacht. Die Rosen blühen, es singt eine Droffel. Zu Feierabend sitzen wir auf der Bank vor der Haustür. Die Dämmerung ist herein- gebrochen, die Kronen der Obstbäume hinten im Grasgartsn zeichnen sich als fast schon schwarze Silhouetten gegen den blaßblauen Himmel ab. Ein Heimchen schrillt. An den Rosenbüschen hin ziehen grüngol&ige Pünktchen wunderliche im Zickzack gehende Bvgen- linien. lieber den Bäumen aber steht wie ein weißgolgider kleiner Mond einsam sunkelnd die Abendstern gewordene Venus. Es gibt nichts Schöneres, als so dazusihen und gestillten Herzens zu ihr hinaufzusehen. Bis dann ein Stern nach dem anderen aus der blauen Tiefe hervortritt und sie nun aus dem großen Himmelsheer mit goldener Herrlichkeit hervorstrahlt. Verantwortlich: vr. Hans Thyriot. — Druck der BrüHl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.