Eichener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, den s. Januar Nummer 2 Auerbach. Don Max von Sehdel. Es steht ein Schloß im Odenwald, dem ist ein Zauber eigen. Steigst du hinauf mit der rechten Maid, dann mutz sie sich dir neigen. .Und küssest du sie auf den roten Münd und auf die roten Wangen, dann ist sie dein auf immerdar, Waldvöglein ist gefangen. Doch Eines mutzt du merken dabei, soll dir der Zauber gelingen: Die Liebe müssen im Herzen die Zwei selbst mit zum Schlosse bringen. Die heiligen drei Könige. Novelle von Clara Prietz. Kriegsweihnacht in den Vogesen! Weitz heben sich die hohen Berge um das Dorf, das sich am vereisten Bach talaufwärts zieht. Im Pfarrhaus ist des Hauptmanns Quartier. Seit Kriegsausbruch liegt sein Regiment hier im Tal und hat harte Not, die Franzosen vom Grenzeinbruch abzuhalten. Dabei ist er selbst Hart geworden, — wenigstens schaut er so aus, wie er jetzt im frühen Dämmern vor der Tür des Pfarrhauses mit seinem Feldwebel redet. „Also das Licht hat sich gestern abend Mieder oben im Forsthaus gezeigt? Scheinen doch Signale zu sein, — alles Spionenpack hier rundum. Haben Sie sich nach den Leuten erkundigt?" „3u Beseh!, Herr Hauptmann. Sie gelten als ordentlich. Der Förster ist damals gleich von den Franzosen mitgenommen worden. Es ist nur die junge Frau dort oben. Und die Witwe Brisson hier aus dem Dorf Mvhnt schon feit ein paar Wochen bei ihr. Es heißt, daß die junge Frau bald ihre Hilfe brauche." „Die Brisson? Solche Weiber sind die schlimmsten. Also heute abend noch Patrouille schicken und das ganze Nest ausheben und was gefunden wird, hier herunterbringen. Suchen Sie zuverlässige Leute zwischen den unfern aus. Zur Kompagniebescherung um acht Uhr werden sie zurück sein können." Der Hauptmann trat ins Haus. Der Feldwebel brummte vor sich hin: „Auch eine Manier, die Leuts so am Heiligabend in die Kälte hinauszujagen." — Dann tat er einen kräftigen Fluch und seine Pflicht. Die Patrouille war rasch zusammengestellt. Der Unteroffizier Melchior war brauchbar, und in seiner Stube wohnten auch die beiden andern, der stattliche Mecklenburger Landwehrmann Matthiessen und der kleine rheinische Kriegsfreiwillige Schmidt mit den dunklen Augen und kurzen Kraushaaren, der sich durch- aus das eiserne Kreuz verdienen wollte. Die drei ungleichen Menschen hielten gute Kameradschaft, hausten immer zusammen, und hatten schon manches miteinander erlebt und ausgefochten. Jetzt gingen sie im Abenddämmer den Dorfweg hinan und bogen gleich hinter den letzten Häusern links in den Fußpfad ein, der, im Schnee schmal und unregel- mätzig ausgetreten, durch den Wald bergauf führte. Darüber kam die Nacht und ein Schneetreiben setzte ein, das alles dunkel und unwegsam machte, so, daß die drei ihre Not beim Steigen Hakten. , Nach einer Stunde traten sie aus dein Bergwald heraus. Ein eisiger Wind kam ihnen entgegen und trieb ihnen den Schnee ins Gesicht. Immerhin lieh sich erkennen, datz der Weg hiertalab führte und jenfeits steil in die Höhe stieg, einer dunkeln Wald- zu. „Das Licht, — ich seh' das Licht", rief der kleine Kriegsfreiwillige, dessen Augen am flinksten waren. Er wieS aus einen hell« Schein, der auf halber Höhe vor ihnen ausleuchtete. „Denn man zu, Kinder", sagte der Mecklenburger, „datz totr nachher zur rechten Zeit zur Kompagniebescherung wieder herunter finö. Es gibt Grog und Berliner Pfannkuchen." „Nimm dir nichts vor, dann schlagt dir nichts fehl," meinte der .Unteroffizier. „Wenn's so weiter weht und schneit, kaun's ein netter Schneesturm werden im& unS den Rückweg sau« machen." , Sie stiegen eilig talab und suchten dann wieder ihren Weg bergan. Darüber war schon so viel Schnee gefallen, datz kein Pfad mehr zu finden war. Auch das Licht war von hi« aus nicht mehr zu sehen, — so hietz es auf gut Glück durch denWint«- wald bergan klettern. Es war harte Arbeit, die unsere drei schweigsam machte. Nur d« Landsturmmann leistete sich zuweilen einen derben, Mecklenburg« Fluch D« Kriegsfreiwillige stieg flink voran. Die Lust am Abenteuer lag ihm im Blut. D« Unt«ofsizi« machte seinen Weg stetig und bedächtig und hatte seine Gedanken dabei. Er war Schullehrer in einem Thüringer Dorf gewesen und wutzte eine, die heute abend an ihn dachte. Der Wald schien endlos und undurchdringlich. Aber sie hatten die Richtung gehalten und standen so auf einmal auf halb« Höhe auf d« Lichtung vor dem gesuchten Hause. Es war ein einfaches Giebelhäuschen, das da so recht verwunschen still in der Winterwaldeinsamkeit vor ihnen lag. Das Schneien hatte ein wenig nachgelassen — so konnten sie das Haus «kennen und den Lichtschein, d« aus dem Giebelfenster in die Nacht hinausleuchtete. Da »«gaffen die drei alles andere und dachten nur noch an das Licht und ihren Auftrag und for» d«ten h«risch Einlatz an der kleinen Haustür, die gerade unter dem Giebelfenster lag. D« Wald hallte wider von ihren Rufen und den Kolbenschlägen. Ab« eS kam keine Antwort, und die Haustür hielt stand und sp«rte ihnen den Eintritt. D« Kriegsfreiwillige schlich ums Haus und kam bald zurück: „Das Nest ist le«. Die Hintertür steht offen und frische Fußspuren gehen in den Wald. Ab« da such' einer ein altes Weib in solcher Schneenacht!" Die drei sanden ihren Weg ins Haus durch die offene Hintertür. Sie traten in einen dunklen Raum, der die Küche zu fein schien. Es war warm und heimelig hier, das Herdseu« gab einen Lichtschein unö d« Teekessel brodelte. Der Unteroffizier schaltete seine elektrische Tischenlaterne ein und leuchtete die Winkel und Nebengelasse ab, — es war nichts zu finden. So stieg « voran die Treppe hinauf in den Oberstock. Aus der offenen Tür der Giebelkammer kam ihm d« Lichtschein entgegen. Er tat ein paar laute, herrische Schritte hinein in das Zimmer, aber dann wich er zurück and lehnte draußen am Treppengeländer und wartete, bis die andern beiden kamen. Und auch die blieben stumm an der Schwelle stehen und wagten sich nicht weiter. Drinnen auf dem Bette lag ein totes Weib. Rundum sah's wüst und traurig aus. Ab« die Tote war rein und sorglich gebettet, und auf dem jungen, stillen Gesicht lag ein groß« Frieden. Das Haar war der Toten in zwei dunklen Zöpfen über die Schultern gelegt, — so kinderjung sah das schmale Gesicht dazwischen aus. Und doch war jene Majestät auf ihrer Stirn, die der Tod den Seinen gibt. Die Mann« standen stumm in der Tür. Keiner wagte mjt einem Wort die Stille zu stören. Da kam ein schrill«, fremd« Ton aus der Totenkamm« zu ihnen und lieh sie zusammenfahren. Der Mecklenburger, der Frau und Kinder daheim hatte, lehnte sein Gewehr an die Flurwand und ging ins Zimmer. Am Fußeirde des Bettes fand «, in eine dicke wollene Decke gewickelt, etwas Zappelndes, Lebendiges, Schreiendes. Er wies es den beiden andern: „Ein Neugeborenes, — ein Junge!" Die kamen näh« und sahen staunend des lebendige Kind und das tote Weib, und stand«, ehrfürchtig vor diesem Wund« von Tod und Gefreit. Dann trug der Landwehrmann vorsichtig feinen Fund treppab und die Kameraden folgten ihm. Anten berieten sie miteinander, was zu tun sei, aber immer noch sprachen sie halblaut, um die Tote nicht zu stören. „An die Spionagegefchichte glaube ich nicht", sagte fret Mecklenburg«. „Es ist wohl eine schwere Sache gewesen für die kleine Frau, und fie hafs nicht durchhalten können. And die Brisson ist in ihrer Not in den letzten Nächten mit dem Licht treppauf und treppab gegangen. Und als wir dann anklopften, hat fie die Courage v«loren und ist fortgelaufen." Der Unteroffizier nickte. „Wir wollen abwarten, ob fie nicht wiederckommt und sich um das Kind kümmert, — was sollen wir sonst mit dem Wurm anfangen?“ _ „Es friert", sagte d« kleine Kriegsfreiwillige .und faßte tue winzigen Händchen. „Ich hab' einmal so eine kleine Schwester gehabt. Die kleinen Geschöpfe müssen ganz warm gehalten werden, — ob sie hier keine Küh haben, daß wir ihm zu trinken gebe» können?" „Milch braucht es vor«st nicht", entschied der sachverständige Landwehrmann, „alter einheizen mutzt du, Junge, wenn wir s am Leben «halten sollen.“ 6 — Er setzte stch vor den Herd und hielt das Bändel sorglich tn die Wärme. Der kleine Schmidt hatte trockenes Holz gv» ftrnden und warf es aufs Feuer, und der Unteroffizier hi«ü Ausschau, wie's mit dein Wetter und dem Rückmarsch sei. Frierend und mit Schnee bedeckt kam ec zurück zu den beiden andern. „Keine Möglichkeit, einen Weg zu finden, — der schönst« Schneesturm! Wir schaffen's kaum allein, — viel weniger mit dein lebendigen Gepäck da. — Denn mitnehmen müssen wir daS Dübel doch aus alle Fälle?" „Natürlich muß es mit! Wer weiß, ob die Drisson wieder» kommt. Und wir könnens doch nicht allein bei der Toten bassen." „So warten wir hier, bis das schlimmste Wetter vorüber ist", sagte der Unteroffizier. „Morgen fttih läßt sich der Weg schon finden." „Und derweil feiert die Kompagnie da unten und schnappt uns alle Liebesgaben fort", meinte der Mecklenburger. „So feiern wir drei eben hier — ein Christkinde! haben wir ja schon." Des lleinen Kriegsfreiwilligen Augen glänzten, als er das sagte, und sie wurden alle drei froh und zufrieden. Es fand sich Landwein, Tee und Zucker, und der Mecklenburger mischte sachverständig einen Weihnachtspunsch Derweil hielt der Unteroffizier vorsichtig mit den ungeschulten Händen das Kind in die Wärme, und der kleine Schmidt heizte gewallig ein und faßte inrmer wieder prüfend die kleinen Fäuste und vev- kündete stolz, daß sie sich nun schon ganz warm anfühlten. So verlebten die drei ihre Christnacht. Einer saß immer vor dem Feuer und hielt das schlafende Kind warm, einer legte Holz nach und sorgte für die Wärine; der dritte schlief, in seinen Mantel gepackt, auf dem Steinboden neben dem Herd. Am Christmorgen fanden sie bei klarem, sonnigem Frostwetter den Weg bergab und hielten mit ihrer Beute ihren Einzug ins Dorf. Der Unteroffizier trug das Wollbündel, die beiden andern marschierten stolz nebenher. Es gab ein Hallo, als die drei so ankamen. Der Kompagnie- fchreiber, der in seinem bürgerlichen Verhältnis Theologe im zweiten Semester war, prägte das Wort von den „Heiligen drei Königen", und nannte den kleinen Ghmidt den „Mohrenkönig", und die andern alle deuteten diesen Witz nach Kräften aus. Der Feldwebel machte seine Meldung, und der Hauptmann befahl, daß die drei das Kind ins Pfarrhaus bringen sollten. Dort beriet er eingehend mit dem Pfarrherrn über das weitere Schicksal des Findlings und wie die junge Mutter ihre letzte Ruhestätte finden sollte. Die heiligen drei Königs aber lietzsn's sich nicht nehmen, das Kind selbst in gute Hut zu bringen, — zu den grauen Nonnen ins Marienllösterchen, die es aufnehmen, hegen und pflegen und zu einem Christenmenschen erziehen sollten. Der Unteroffizier suchte sein bestes Französisch hervor und legte den Nonnen das Bübchen noch ganz besonders ans Herz und bat, daß man ihn und seine Kameraden zur Taufe als Gevatter heranholen und ein Patengeschenk für das Kind annehmen möge. Und seine beiden Kameraden standen ernsthaft und tüchtig daüi, und allen dreien wars höchst verwunderlich, als sie dann mit leeren Händen ins Quartier zurückgingen. Das Schicksal hat dann die drei sehr verschiedene Wege geführt. Dem kleinen Schmidt brachte eine französische Kugel einen jungen, schmerzlosen Tod. Der Melchior trägt schwer am Leben rmd seinen Enttäuschungen und kranrt oft in den alten Erinnerungen. Der Mecklenburger hat nicht viel Zeit, daran zu denken. Sein« eigenen sechs Kinder und die Sorge um Acker und Vieh lassen ihm keine Zeit und Ruhe. Aber am Heiligabend nach der Bescherung gehen auch seine Gedanken den alten Weg, und dann erzählt er seinen Kindern von dem fremden Kind imt> möchte wissen, was aus dem Bübchen geworden ist. — Halifax und Biwifax. Von Fritz Müller-Partenkirchen. Zu Weihnachten bekam der Max Stadelmann Schlittschuhe. Und dabei hatte er sie gar nicht auf den Wunschzettel geschrieben, wie er uns nachher erzählte. Während ich mir extra Schlittschuhe gewünscht hatte und anstatt dessen drei Paar wollens Strümpfe und sechs Hemden bekam. Einen guerigen Sinn hat oft dieses Christkindl. Aber es hilft nichts, sich zu beschweren. Die Entscheidungen des Christ kindels sind unanfechtbar, sagte man uns damals. Das heißt, nur für Kinder. Die Erwachsenen untereinander schlleßen mit dem Warenhaus Christkinde! auch Geschäfte mit der Klausel „Umtausch nach Belieben" ab. Meine Strümpfe und Hemden hatten diese Klausel nicht. Betrübten Sinnes fuhr mein junger Kops durch eines dieser Hemden, das ich anprobieren mußte. Widerwillig schlüpste mein schlittschuhsehnsüchtiger Fuß in diese neuen Strümpfe. Fünfhundert Hemden und fünftausend Strümpfe hätte ich drangegeben für ein Paar Halifax. Ein Paar Halifax, wie der Max Stadelmann sie hatte. Kreuzteufel, glänzten diese Halifax verführerisch. Und natürlich hatte sie der Max Stadclmann schon am zweiten Weihnachtsfeiertage an einem Riemen am Arme hängen, als wir ihn auf der Straße trafen. .Wie, laß sehen, Stadelmairn." »Von mir aus." »Das sind feine Schlittschuhe." »Hch krieg überhaupt nur feine Sachen zu Weihnachten." - »Jegerlnern, andre Leut' auch!" . •®°‘? W° sind denn dann deine Schlittschuh?" Das war «w bösartige Senge von Max Stadelmann an meine Eigen- £eb^?Q;,toeron keine Zeugen gehabt hätte. Aber da standen bk Schulkameraden herum und patzten auf, was ich jetzt sagen wuwe. „Meine Schlittschuhe?" sagte ich so gleichmütig, als ich konnte, .meine Schlittschuhe sind daheim." 8 ? „Warum nimmst du 's nicht mit?“ ,__ „Meinst d' vielleicht, ich lauf mit meinen Schlittschuhen auf Der Straße umeinander, wenn es gar kein Eis gibt?" Die Kameraden lachten. Der Stadelmann war ausgestochen. Für den Augenblick wenigstens. „Mm, ich hab's euch ja nur zeigen wollen", lenkte er ein, »sind die deinigen auch Hallfax?" Letzt war ich schon im Lügen. Halifax oder andere Faxen — letzt war's gleich Rein", sagte ich ehern, „ich habe Diwifax-Schlittschuhe be- tommen. N „Biwifax? Was foll'n denn das für welche fein?" „Was, du kennst nicht mal die Diwifax-Schlittschuhe? Gelt, Gruber, du kennst sie aber?" Der Gruber schrieb von mir immer alle Rechenaufgaben ab. Also kannte er die Diwifax-Schlittschuhe. . „Natürlich", sagte er geschwollen, „natürlich ke-n' ich die Biwifax. Aber selten sind sie. Sn einem jeden Laden hängen's nicht, mein Lieber." Ich sah den Gruber zweifelnd an. Hatte er die Schemen- Safttgkeit meiner Biwifax-Schlittschuhe durchschaut? Nein, nein, ich sah es ihm ja an: er glaubte daran. Nur, daß er mich ein wenig unterstützen wollte. Nun glauben auch die anderen daran. Sogar der Stadelmann. Änd, wenn ich mich recht erinnere, auch für mich bekamen sie jetzt Leben, meine Diwifax. „Aber deine Diwifax haben doch keinen Hohlschliff wie die meinigen," wagte der Stadelmann noch einzuwerfen. „Was? Meine Diwifax hätten keinen Hohlschliff? Zweimal so lang wie bei dir ist der Hohlschliff bei meinen Biwifax, mein Lieber." „Aber dann kann man sie doch nicht mit einer Schraube, auf einmal anschrauben wie meine Halifax." „Was? Meine Diwifax brauchen überhaupt keine Schrauben. Die halten ganz von selber." Das war sogar dem Gruber ein wenig zu viel. Wenigstens sagte er: „So? Von selber? Aber es kann schon sein. Anghabt hab' ich sie noch nicht." „Aber die meinigen sind in einer Fabrik gemacht, hat mein Dater g'sagt, wo fünftausend Arbeiter beschäftigt sind, sind es ist in England, hat mein Vater g'sagt." „So? sind meine Diwifax sind aus einer Fabrck mit zehntausend Arbeitern, und die liegt in Amerika." „sind das hat ihm sein Vater nicht erst z'fag'n brauchen", stand mir der Gruber bei, „das weiß er — das wissen wir selber, mein Lieber!" Der Stadelmann wußte nichts mehr zu erwidern. Er lieh die Schlittschuhe imd die Ohren hängen. Die Sach« war erledigt. Mein« Diwifax hatten glänzend gesiegt über die Halifax. Der Stadelmami kehrte um. Auf einmal fiel ihm noch etwas ein: „Du, ich möchte deine Biwifax einmal anfchau'n?" Ich fühlte, das war die Nagelprobe meiner Lügnerei. Allen meinen Mut nahm ich zusammen und sagt«: „Wenn's Eis gibt, siehst du ?' I« sowieso." sind dann gingen wir auseinander. Ich war den ganzen Tag nicht fröhlich. Die Lügen-Ditvifax lagen schwer auf meiner Seele. Wie hatte ich mich auch nur so in die Lügerei hiireinreiteil Wunen? Aber da war nur der Stadel- mann schuld mit seiner Hallfax-P rotzerei, so dachte ich und versuchte mich, so gut es ging, zu absolvieren. AVer auf einmal durchfuhr es mich wieder siedeheiß: sind wenn es nun morgen frieren würde? Aber es fror nicht am nächsten Tag. Auch nicht am übernächsten Tag. Die ganzen Weihnachtsferien fror es nicht. Warum fror es nicht? Vielleicht deshalb, weil da ein Bub war, ein lügnerischer Bub, der jeden Ferienabend, ehe er ins Bett ging, ein stummes, inbrünstiges Gebet zum Himmel schickte: Lieber Gott, bitte, bitte, laß es doch nicht frieren. Aber wenn schon Gebete erhört wurden, wie kam es bann, daß das Gebet eines lügnerischen Buben erhört wurde, während der liebe Sott an den ebenso inbrünstigen Gebeten all der Tausende von braven Jungen achtlos vorübersah, die genau das Gegenteil erflehten: Lieber Gott, bitte, bitte, laß es morgen frieren. So habe ich damals gedacht, älnd deshalb war es damals auch, daß mein Glaube in eine sittliche Weltordnung den ersten Stoß zu erhalten drohte. Das war ausgangs der Ferien. Aber als die Schule wieder anfing, und das Thermometer scharf auf Aull herunterzielte, wurde mein Glaube in eine sittliche Welt- 7 ordinmg wieder fest. Denn ich errichtete einen Gegenwert dafür, wenn mir der liebe Gott Weiterhelsen wollte, daß eS nicht fror: Ich versprach dem lieben Gott lauter gute Laten, die ich bisher unterlassen hatte. Lind so kam eS, daß sich mein jüngerer Bruder nicht genug Wundern konnte, warum ich ihm plötzlich bei den Schulaufgaben half. Daß meine ältere Schwester sehr überrascht über mein freiwilliges Angebot war, ihr di« Bücher aus der Bibliothek *u holen und wieder hinzutragen. Daß meine Mutter zum Vater sagte: „Du glaubst gar nicht, wie günstig sich der Fritz vmandert hat. Bor Weihnachten war er noch so wild, und jetzt ist er so nett und kommt alle Augenblicke in die Küche, um zu fragen, ob er was für mich besorgen könne." „Vielleicht haben ihn die Weihnachtsstrümpfe und die Weihnachtshemden so sanft gemacht?" hört« ich durch die halbossene Türe Vater lustig sagen. Wenn er eine Ahnung gehabt hätte, daß es die Biwifax-Schlittschuhe toaten, die ich erlogen hatte. Lind, um es wahrheitsgemäß zu berichten, ich bekam durch das Gegengeschäft mit dem lieben Gott wirklich mit der Seit bas gute Gewissen wieder. Lind wenn es am Tische noch gegen Ende Januar verwundert hieß: „Wie merkwürdig, daß es in diesem Winter gar nicht frieren will, solchen Winter haben tote doch seit vielen Jahren nicht mehr gehabt," so hörte ich das mit einer überlegenen Miene an und fühlte mich sehr wichtig. .Fast selber als ein kleiner Sott, der das Wetter in der Hand hatte: Ich brauchte nur morgen mit meiner Gegenleistung aufhören, so war der Frost da. Einmal aber gingen meine logischen Kinderüberlegungen noch ein Stücklein weiter, und da kam das Merkwürdige heraus, daß eigentlich nicht ich sondern meine Biwifax-Schlittschuhe der Drehpunkt der ganzen Wetterlage waren. Sonderbar, dachte ich, Schlittschuhe, die gar nicht existieren...? Einmal aber ■>— ich muß in meiner Gegenleistung' nachgelassen haben, scheint es — fror es dennoch. „Morgen ist die Decke dick genug", erklärte der Gruber am Heimweg von der Schule, „morgen können wir lausen." „Dann weih doch der Stadelmann endlich", sagte ein anderer, „warum er seine Halifax zu Weihnachten bekommen hat." „Ja", setzte wieder einer hinzu, „und der Müller seine Biwisax." Ich hörte es beklommen. Denn meine Biwisax hatten sich inzwischen in der Schule herumgesprochen. Lind, wie das immer geht, jeder hatte was dazugemacht. So dah jetzt die wildesten Gerüchte über meine Biwisax umliefen. Vicht nur, dah sie einen Diesenhohlschliff hatten, nein, auch aus Nickel waren sie, und die geheimnisvoll gebogene Spitze war vergoldet. Llnd eine selbsttätige Feder hatten sie, vermöge deren sie den Fahrer blitzschnell fortbewegten, so dah man selbst sich diese Mühe sparen konnte... Llnd zu jeder neuen Wunderzutat wurde meine Bestätigung eingeholt. Was sollte ich tun? Ich muhte nicken, nicken — wie ein Vater aufkommen muh für die immer ver- wegsneren Streiche seines schlechtgeratenen Jungen. Denn die Biwisax, die waren nun einmal meine Kinder. „And dann können wir auch dem Stadelmann seine Halifax mit dein Müller seine Biwifax vergleichen," sagte noch der Gruber, ehe wir uns trennten. Am anderen Tage stand es in der Zeitung: „Heute Eislauf auf dem Kleinhesseloher See". Lind in der Nacht auf diesen Tag fuhr ich Schlittschuhe. Auf meinen Biwifax aus der amemka- nischen Fabrik mit den zehntausend Arbeitern. Im Traum natürlich. Aber so lebendig sah ich meine Biwifax im Traum mit allen aufgelogenen Eigenschaften, daß ich mir im Traume überlegte: „Also ist doch alles wahr, also habe ich doch die Biwifax zu Weihnachten bekommen und keine Hemden und keine Strümpfe, und es ist gerade umgekehrt: Die Hemden und die Strümpfe sind erlogen." Dann fuhr ich mit denr Finger über den wunderbaren Hohlschliff. Au, beinahe hätte ich mich daran geschnitten. And der Gruber stand dabei und zeigt« auf das glänzende Nickel und die vergoldete Spitze, und sagte zu den anderen, die im Kreise standen: • . _, „Nun, seht ihrs jetzt. Was hab ich euch gesagt! Schaut, auch keine Schraube ist da. Jetzt Paht erst auf, wenn er sie anlegt. Das gibt einen Knacks, dann sitzen sie von selber." And siehe da, als ich die Schlittschuhe nur leicht an meine Sohle hielt, da gab es wirklich einen Knacks — schon saßen sie wie angegossen. „And habt ihr die Feder nicht gesehen? "fuhr der Gruber fort, „ganz von selber fahren die Biwifax." Vrr — schon fuhren sie mit mir davon. O, war das schön! „Kommt mit! Kommt mit!" rief ich Aber meine Biwifax fuhren zu schnell. Sie konnten mich nicht mehr einholen. Auseinander kamen wir. Im Nebel sah ich meine Freunde verschwinden. Meine Biwifax trugen mich mit Windeseile und auf Nimmerwiedersehen von ihnen fort. „Halt!" rief ich, aber meine Biwifax kehrten sich nicht daran. „Halt, um Gotteswillen, halt!" Aber meine Biwifax fuhren nur noch schneller. Das blaue Eis flitzt« unter mir weg. Die Bäume am Wasserrande schossen tote Telegraphenstangen am Zuge an mir vorbei. Jetzt kam ein Eishügel — darüber gings mit And jetzt — Knirschen und Gestiebe. Jetzt kam eine Mulde — wie tollgewordene Hunde hetzten mich meine Biwifax hinunter und hinauf. Weit«, einsame Flächen kamen. Kein Mensch mehr weit und breit. Nur ich mit meinen Biwifax, die mit mit machten, was st« wollten. Die mich jagten. Deren fürchterlicher, unaufhaltsamer Laus mir jetzt alle Schauer der Vereisung über den Dücken lausen ließ. Di« mir gleich daraus so heiß machten, daß tch boenmende Lohe tn mir emporschlagen fühlte. And jetzt — „Herr im Himmel, halt, halt!" Dwrl drüben gähnte ein Spall im Eis, nein, ein großes Loch And meine Biwifax zielten haargenau daraus. Ich zerbog mir meine Knie — nicht einen Zoll hinüber oder herüber lenll« ich die Biwifax. Das Loch das Loch, sie wollten mein Verderben. And jetzt hörte ich sie lachen. Meine Biwisax lachten unter meinen Füßen hämisch herauf, schadenfroh. And jetzt blleben sie mit einem Ruck knapp vor dem Loche stehen und schleuderten mich mit einem hohen Schwung hinein in den Tod — „Nein, Sie dürfen ihn nicht aufstehen lassen", hörte ich Me Stimme unseres Arztes, „er hat Fieber, aber ich hoffe, dah «6 nicht gefährlich ist." Dann ging er. And dann spürte ich meiner Mutter Hand aus der glühenden ©time. Es wurde mir so sonderbar. Ein Geständnis hatte sich da drunten in meiner Brust gelockert. Es wollte heraus. „Mutter", sagte ich, „gell, heut ist Eislauf auf dem Klein- hesselohersee?" „Nein, Kind, eben waren deine Kameraden da, um dir mitzuteilen, dah «s getaut hätte, und dah grobe Löcher aufge- brochen wären." „And was haben sie noch gesagt, Mutter?" fragte ich angstvoll. „Daß es fo fchade wäre, denn sie hätten sich so sehr auf dein« neuen Schlittschuh« gefreut — auf deine — deine Biwifax, f flöten fie " „And Mutter, was — was sagtest du, Mutter?" stieß ich hervor. „ „Ich? Ich sagte, daß tote deine — deine Biwisax unserem Vetter nach Stettin geschickt hätten, wo es dieses Jähr besser friere als bei uns." „O. Mutter, das sagtest du?" „3a, mein Sohn, das sagte ich, und nun mutzt du bald wieder gesund werden," sprach sie ruhig und ließ ihr« Hand nicht von meiner Stirne. Ich aber drückte diese Hand und sagte leise: „Mutter, ich mutz dir noch meinen Traum erzählen, meinen Traum von den Biwifax." „Ja." nickte sie. And wie ich meinen Traum erzählt hatte, lächelte sie, und ich war. ehe noch das Fieber von mir ging, geheilt von meinen Biwisax und gewarnt vor manchen anderen Viwifaxen, deren Hohlschlisi und vergoldete Spitze und selbsttätige Fortbewegung am Horizonte meines Lebens sichtbar wurden... Wie Christen eine Frau gewinnt. Von Jeremias Gotthelf (Fortteyung.) So etwas braucht man wilden Buben nicht zweimal zu sagen, st« lassen eS sich gesagt sein; sie schlugen, datz Fetzen davon- fuhren, daß es manchmal nicht bloß tausend, sondern zweitausend Pfund kostete, Schmerzengeld und Kosten, die Hälfte der Söhn« immer banifiert (verbannt) war und da ebenfalls ein Höllengeld verputzte. Nein, Grit, da wollte ich das Vermögen nicht mchr teuer; das ist ein aus gedrückter Schwamm, es scheint noch der gleiche Schwamm, aber es ist nichts mehr darin, wenn man genauer luegt.“ „3a", sagte Grit, „von den Buben habe ich wohl schon gehört. denn solche Sachen kommen weit herum, aber etwas Schlech- tis ist das nicht; es heißt ja, das gebe die bravsten Bauern, wo die tollsten Schläger gewesen. Aber von den Meiilene, da habe ich gar nichts gehört. Es ist möglich, dah sie nicht so reich werden, wie ich geglaubt; aber werchbar sind sie, und bsunderöar wohl verstehn sie alles, das ist am Ende für eine Bäuerin doch die Hauptsache. Wenn man einen großen Kohlwagen voll Dublonen hätte, was Hilfs einem, wenn man ein Dabi zur Frau hat, die vom Halben nichts versteht und das andere Halbe lätz macht, keine Suppe, keine Rösti (geröstete Erdäpfel), nicht einmal einen Sier- tätsch machen kann. And werchbar sind die auf dem Kabisgrat, bfunberbar anschlägig; von ihnen habe ich immer nur Gutes g^ hört, und dah sie solche Brüder haben, dessen vermögen sich doch die arme More (Tröpfe) von Meitlene nichts." „Jetzt, Grit, schwyg, jetzt hab ichs satt, schäm dich! Hast nicht «in besser Herz für mich, gönnst mir solche Menscher zu Söhnis- wybern! Wenn selb ist, so kann ich es auch machen ohne dich: öppe Schwamm hat man allenthalben." „Nein aber, Anni, wird mir nicht bös, bin Wäger aufrichtig wie ein untauft Kind gegen dich, und im Himmel und auf Erden habe ich nichts ßieberaS, Wäger hab ich nicht! Aber was ich nicht weih, weih ich nicht, und was ich nicht gehört habe, habe ich nicht gehört.1 „Sei das, wie «S wolle, Grit, so schweig mir von den Menschern!" sagte di« Wirtin. „Wenn ich ein Söhniswyb kriegen sollte, 8 das auf allen Tanzplätzen bsGspött ist, hier betrunken war und wie eine Sau sich im Kote wälzte, dort den Buben im Schoße sah oder sie um den Hals nahm, ich drehte ihr den ersten Tag den Hals um, und wenn ichs nicht vermöchte, so drehte ich mir selbst ihn ab." „Olein, aber", sagte Grit, „sövli schlecht, und hab ich das nicht gewußt! Aber bist nit lätz beichtet, Anni? Man sagt gar viel in der Welt, die Leute sind gar schlecht heutzutage." „3a, Grit", sagte Anni, „selb ist wahr, und wer einem einen T für einen U machen kann, hat seine Freude dran, die besten Geilte nicht ausgenommen; aber was ich weih, ist wahr, selber gesehen hab ichs nicht, aber Leute haben es mir gesagt, die nicht lugen, und selbst Christen hat nichts dawidergehabt, als ich es ihm vorgehalten, und der Lausbub hat keinen Abscheu an solchen Dirnen, das ist, was mich am taubsten macht" „Das ist das best Zeichen," sagte Grit, „daß er nur den Narren mit ihnen treibt, darum hab nicht Kummer, Ernst macht er nicht aus der Sach." „Das weiht du nicht, Grit", sagte die Wirtin, „solch drNarretreiben hasse ich ver- slümert, zuletzt muh doch der der Narr sein, welcher andere dafür halten will; wie oft auch der Fuchs der Falle entrinnt, zuletzt gibt es ihn doch, es ist keiner so schlau, er findet am Ende eine noch Schlauere." „Weißt was, Anni," sagte Grit, „weis ihn an eilte andere hin im Ernst, so vergehn ihm die Flause mit Eisi auf dem Kabisgrat." „Weißt öppe eine Anständige, ein braves Meitli, wo Geld hat und eine Hausmutter gibt? Es sollte dein Schade nicht fein, Grit", sagte die Wirtin, „'s ist bös", sagte Grit, „es sind ihrer viele, die mannen möchten, und wo man meinen sollte, wie gut man es mache, wenn man sie anstelle, und hat mans getan, so kömmt einem das Rechte erst in die Obigen, und man möchte sich die Finger abbethen. Ängfraget mische ich mich in solche Sachen niemals, aber schon manchmal habe ich gemeint, ich wolle auch nicht mehr Bscheid und Antwort geben, wenn man mich fragt. Wie gut man es meint, so solle man doch immer alleine schuld sein, Wenns nicht gut geht, und dann kann man auch öppis Lützes meine, Habs ja grab erst erfahren. Aber weil du es bist, so will ich dir in Gottsname sagen, was mir gerade jetzt in Sinn gekommen ist; ich zweifle zwar, daß es viel abtragen wird." „Olnni, Anni!" schallte es um des Hauses Ecke. „Wirst wohl warten, bis ich komme!" sagte unwillig die Wirtin. „Was ist dir in Sinn gekommen, Grit? Sags geschwind!" „Anni, Anni, komm doch recht, 's isch jemand da, sie wollen öppis z'esse", rief es. „Die können warten, werden wohl Weile haben, und aus der Haut ist noch niemand gefahren, toemt nicht gleich dagestanden ist, woran sie gedacht haben." Da kam der Stimme nach ein rüstiges Mädchen und sagte: „Dr tusig Gottswille komm! Es ist einer da, ich glaube, es sei der Amtsschreiber, und noch einer ist bei ihm, e Wüste, aber grufam so e Stolze und Herrschelige, vielleicht ists gar der Landvogt, die wollen was essen und Zapfenwein, sie seien pressiert, sagen sie, komm doch recht auf der Stelle!" „Ich wollte, sie wären an dsTüfels Kilbi! Was ich doch das Donnstigs Herrengeschmäus hasse, wo nichts kann als befehle und grämte über alles, was man ihne aufstellt. Sie haben die Olrt, immer das zu sein, wo sie nicht fein sollen, und kommen immer, wenn es einem am unbequemsten ist, wenn man sonst alle Hände voll zu tun hat, die Donnstige! Aber sag nnr nur noch geschwind, Grit, wen meinst?" fragte die Wirtin, indem sie ihren breiten Schoß von Bohnen und Bohnenfaden säuberte. „Guten Abend, Frau Wirtin, guten Abend!" kam es um die Ecke, „ich muß sehen, wo Ihr stecket; wir möchten was essen, ein Fischlein oder sonst was Gutes, wie man es bei Euch findet, aber wir find pressiert, der Bruder von unferm Junker Landvogt ist bei mir, er ißt gern was Gutes. Was lebet Ihr geng, my liebt Frau Wirtin?" So sprach eine kleine, säbelbeinige Figur, blätter» natbichi und schwarzgelb im Gesicht und eine Schnupstrucke (Dose) in der Hand. „Soso, Herr Amtsschreiber", sagte die Wirtin, „so wie wir es gewohnt sind; es geht immer, wie es will, und nie, wie wir vollen", und machte dazu ein Gesicht, wie wenn fie des Herrn Amtsschreibers Schnupstrucke schlucken sollte. „Pardieu“, sagte der Herr Amtsschreiber, „klaget nicht! Wem die Fische in die Bahre (Netze) laufen ungejagt wie Euch, soll nicht klagen. Wollte wohl gerne mit Euch tauschen." „Ihr vexieret, wurdet Euch wohl noch besinnen, und von wegen den Fischen hat der Herr Amtsschreiber nicht zu klagen, die fettsten unb größten jagt man In seine Bahre, und wenn schon hie und da ein Hürlig (Seiner Fisch) sich zu uns verirrt, so ists ebe nume e Hürlig. e klyni Krott (Kröte), und nume Grät statt Fleisch Olber von wegen den Fischen, wie wollt ihr sie, gebacken oder an einer Sauce?" setzte die Wirtin rasch hinzu, um der Antwort auf ihren Hieb zuvorzukommen. „Beider Gattig, Frau Wirtin", sagte der Amtsschreiber, indem er eine Prise nahm, „wenn Ihr nämlich schöne große Flotellen habt und nicht nur Hürlig. Zuerst etwa ein halb Dutzend bon den schönsten — habt ihr pfundige? — an der Sauce und nachher eine Platte voll gebacken. Ihr macht sie ganz vortrefflich man ißt sie nirgends so, nur waren sie das letztemal etwas zu wenig gebacken, ein bißchen röster diesmal also; der Oberst ist ein Gourmand, und ich habe ihn expreß hierhergeführt. Er hatte hauptet, wir essen hier wie die Schweine, ich habe ihm gesagt, iS wolle ihn an einen Ort führen, wo man was kriege, was er weder en Holland noch in Frarckreich gefunden, darum wendet an. <5rauOßttiiit! älitd apropos! In die Fischsauce vergesset nicht ein gut Glas Wein, das Brot brav geröstet und brav Zwiebelen; so einer alten Kriegsgurgel muß man die Sache stark machen, von wegen die sind von starkem Leder, älnd apropos! Das letztemal haben die Fische noch geblutet bei den Köpfen, eine Idee zu wenig waren sie, gebt also etwas weniges zu, von wegen die großen muß man etwas langer über dem Feuer haben als die kleinen." „Wißt Ihr was, Herr Amtsschreiber," sagte die Wirtin, „kommt und kocht selbst, Ihr verficht das sicher viel besser als ich, Ihr könnt eS dann Punktum machen, wie es Euch recht ist. nüt für ungut!" „Potz, Frau Wirtin, potz, schon höhn! Ihr müßt mir da« nicht übel nehmen, es ist mir nicht wegen mir, und wenn ich nicht wüßte, wie Ihr eine vortreffliche Köchin wäret, so hätte ich den Oberst nicht hieherbringen dürfen. Aber eben wegen ihm möchte ich, daß alles perfekt wäre, daß er gar nichts auszusetzen fände, nicht ein Körnlein Salz zu viel, keins zu wenig. Es ist mir wegen der Ehre, daß er mir bekennen muß, man esse hier nicht wie die Schweine, sondern exquisit, Holland und Frankreich zTrotz. And schicket uns doch zwei Flaschen 1795ger Lacote, Ihr wißt wohl, von welchem ich meine, der Wein ist noch jung, aber er macht sich vortrefflich; zu den gebackenen bann schickt uns zwei Flaschen Neuenburger vorn ältern, er ist besser zu gebackenen Fischen als der Lacöte. Es ist mir daran gelegen, daß der Oberst heute eingesteht, wie einseitig und ungerecht er gewesen. Nicht wahr, Frau Wirttn, Ihr helft mir dazu und wendet an, was möglich ist? Es ist wegen der Ehre!" „Scheiße auf die Ehre!" dachte die Wirtin bei sich, sagte es aber nicht, sondern fragte nur: „Also nichts als Fische?" „Olein, gar nichts", sagte der Amtsschreiber, „möglich, daß bann später noch ein Stück guter Emmentaler nicht bös ist zu besserer OJerbauung.“ „älerfi, bring mir daS Schlüsselt zum Fischtrog und den Herren zwei Flaschen 1795ger!“ „Excusez, Frau Wirtin, wir wollen kommen und sehen, wie Ihr die Fische aus dem Tröge nehmt, das ist immer eine Sache, die mich sehr interessiert, Ihr glaubt es nicht." „Oberst", rief er. zum Fenster hinein, „kommt zum Fischtrog, sie wollen die Fische herausnehmen!" Der Wirtin Gesicht ward wie eine glühende Kugel. „Jetzt glaube ich bald auch es sei kein Teufel mehr, oder er sei afe alte und nichts mehr nutz, sonst hätte er das Herregschmäus genomme, ehe es hiehergegabelt," brummte sie bei sich und schoß mit Schlüssel und Bährli fort, wie es ihr bei ihrer Dicke niemand zugetraut hätte. Der Herr Oberst, eine steife Figur, aber glatt rasiert, wie sie damals noch waren, und der Amtsschreiber vermochten ihr nicht nachzubeinlen, schon war der Trog offen und das erste Opfer gefallen, als sie ihre Olafen in das Dunkel des hoffnungsreichM Troges stoßen konnten, in welchem die Wirtin wieder mit kundiger Hand ihr Dährchen spazieren ließ; ein schöner Fisch lag schon im großem Teller, den Uerfi nachgebracht hatte nebst einem kleinem Teller für die Backfische. „Das sind miserable Fische," sagte der Oberst, als die Wirtin das Bährli mit mehreren Fischen herauö- zog, vor sich h'.ilegte, während sie nach einer mächtigen Forelle griff und mit starkem Daumen ihr das Genick brach, „miserable Fische sinds! In Holland hat man sie ganz anders, zwei Schich lang hat man sie und zwanzig Pfund schwer, solche miserable Kreaturen sieht niemand an. Das werden die fürs Backen sein?" „Au contraire," sagte der Amtsschreiber, „das sind die für en sauce, Ihr glaubt nicht, was die für zartes Fleisch haben, Colonel, ganz anders als so zwanzigpfündige Klötze. Ich war auch in Holland und Weitz, was das für grobes Fleisch ist bei solchen Fischen, es Hat Faden wie bei uns das gröbste Stierest- sleisch" „Gerade das ist das beste," sagte der Oberst, „es scheint nur grob auf dem Teller, im Munde aber ists fein unb zart wie ein blanc-manger.“ „Du tout, Colonel, probiert erst das Fleisch, bann werdet Ihr anders reden. Aber, Frau Wirtin, Ihr leset wirllich nicht gut aus," sagte der Olmtsschreiber. dem es angst ward, „seht dort die zwei in jener Ecke, das sind zwei prächtige Stück, die nehmt, das sind wahrhaftig pfundige oder nz«hr!" Olber kurios wars, die Wirtin konnte diese Prachtstücke nicht fangen. Sie fuhr wie wild im Tröge hemm, zog heraus, sagte: „Das ward ihn fein!“, brach einer stattlichen Forelle das Genick, ehe der Amtsschreiber rufen konnte: „Wartet, wartet, das ist keiner von den zweien, dort find fie ja noch!" So ging es, während bet Oberst über die Miserabilltawn schimpfte und erst Holland rühmte, dann Frarckreich noch mehr, bis wirklich schon sechs Opfer auf dem Deller lagen und der AmÄ- schreiber noch immer rief: „Da, da, Frau Wirttn, da find sie noch, die rechten, gebt mir doch die Dähre, es nimmt mich doch wunder, ob die nicht zu fangen feien." „Olber, Herr Amtsschreiber, es find schon sechs da," antwortete die Wirtin. „Alnb wären es zwölfe, >as ist jetzt gleich," sagte der Amtsschreiber, „gebt mir die Bahre!", griff darauf und fuhr damit rasch ins Wasser, wild darin herum, aber von seinen zwei Fischen konnte er keinen fangen, sie fuhren herum wie Blitze, und Blitzen nachzufahren, lehrt man befannt» ich in Schreibstuben nicht. Der Herr Amtsschreiber kam in Gusel (Eifer, Hitze), spritzte sich, achtete es nicht, da fiel ihm die Parücke ins OBaffer; wie das zuging, konnte er nie begreifen, aber im Eifer, wie er war, drückte er sie erst recht hinein, ehe er sie hec- ausfischte mit dem Bährli. l Fortsetzung folgt.) Vchtistleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Derlag der Brühlfchen Aniv^Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießen,