Eichener Kmilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, -en H. Dezember Nummer 97 Furchtbar schlimm. Von Richard Dehmel. Vater, Vater, der Weihnachtsmann! Eben hat er ganz laut geblasen, Viel lauter als der Postwagenmann. Er ist gleich wieder weitergegangen Und hat zwei furchtbar lange Nasen, Die waren ganz mit Eis behangen. Und die eine war wie ein Schornstein, Die andre ganz klein wie'n Fliegenbein, Darauf ritten lauter, lauter Engelein. Die hielten eine großmächtige Leine, Und seine Stiefel waren wie deine. Und an der Leine, da ging ein Herr. Ja wirklich, Vater, wie'n alter Vär, Und die Engelein machten hottehott; Ich glaube, das war der liebe Gott. Denn er brummte furchtbar mit dem Mund. Ganz furchtbar schlimm, ja wirklich; und — „Aber Delta, du schwindelst ja. Das sind ja wieder lauter Lügen!" Na, was schad't denn das, Papa? Das macht mir doch so viel Vergnügen. „So? — Na, ja." Von der Königin, die keine Pfeffernüsse dKüren, und dem König, der nicht das Brummeisen spielen konnte. Von Richard Bolkmann-Leander. Der König von Makronien, der sich schon seit einiger Zeit gerade in seinen besten Jahren befand, war eben aufgestanden und saß unangezogen auf dem Stuhl neben dem Bett. Vor ihm stand sein Hausminister und hielt ihm die Strümpfe hin, von denen der eine ein großes Loch an der Verse hatte. Aber obwohl er den Strumpf mit großer Sorgfalt so gedreht hatte, daß der König das Loch nicht merken sollte, uno obschon der König sonst mehr auf hübsche Stiefel als auf ganze Strümpfe zu achten pflegte, war das Loch dem königlichen Scharfblicke diesmal doch nicht entgangen. Entsetzt nahm er dem Minister den Strumpf aus der Hand, fuhr mit dem Zeigefinger durch das Loch, so daß er bis zum Knöchel herausguckte, und sagte dann seufzend: . „Was hilft mir's, daß ich König bin, ivenn ich keine Königin habe! Was meinst du, wenn ich mir eine Frau nähme?" „Majestät," antwortete der Minister, „das ist ein sublimer Gedanke, der gewiß auch mir ganz unteriänigst aufgestieaen wäre, rvenn ich nicht gefühlt hätte, daß ihn Ew. Majestät jedenfalls heute selbst noch zu äußern geruhen würden!" „Schön!" erwiderte der König, „aber glaiibst du, daß ich so leicht eine Frau finden werde, die für mich paßt?" „Pah!" sagte der Minister. „Zehn für eine!" „Vergiß nicht, daß ich große Ansprüche mache. Wenn mir eine Prinzessin gefallen soll, muß sie klug und schön sein! Und dann ist noch ein Punkt, auf den ich ganz besonderes Gewicht lege: du weißt, wie gern ich Pfeffernüsse esse. In meinem ganzen Reiche ist kein einziger Mensch, der sie zu backen versteht, wenigstens richtig zu backem nicht zu hart und nicht zu weich, sondern gerade knusperig: sie muß durchaus Pfeffernüsse backen können!" Als der Minister dies hörte, bekam er einen heftigen Schreck. Doch sammelte er sich rasch wieder und entgegnete: „Ein König wie Ew. Majestät werden ohne Zweifel auch eine Prinzessin finden, die Pfeffernüsse zu backen versteht." „Nun, dann wollen wir uns zusammen umsehen!" versetzte der König; und noch an demselben Tage begann er in Begleitung des Ministers die Rundreise zu denjenigen seiner verschiedenen Nachbarn, von denen er wußte, daß sie Prinzessinnen zu vergeben hatten. Abe^ es fanden sich nur drei Prinzessinnen, die gleichzeitig so schon uiid klug waren, daß sie dem Könige gefielen, und von diesen konnte keine Pfeffernüsse backen. „Pfeffernüsse kann ich freilich keine backen," sagte die erste Prinzessin, als der König sie danach fragte, „aber hübsche kleine Mandelkuchen. Bist du damit nicht zufrieden?" „Nein!" erwiderte der König, „es müssen partout Pfeffernüsse fein!" Die zweite Prinzessin, als er die nämliche Frage an sie richtete, schnalzte mit der Zunge und sagte ärgerlich: „Laßt mich mit euren Albernheiten zufrieden! Prinzessinnen, welche Pfeffernüsse backen können, gibt es nicht." Am schlimmsten ging es aber dem König bei der dritten, obwohl ie die schönste und klügste war. Denn sie ließ ihn gar nicht bis zu einer Frage kommen, sondern ehe er sie noch hatte tun können, ragte sie selbst, ob er wohl auch das Brumrnsisen zu spielen verkünde? Und als er dies verneinte, gab sie ihm einen Korb und meinte, es tue ihr herzlich leid. Er gefalle ihr sonst ganz gut; aber sie höre das Brummeisen für ihr Leben gern und habe sich vorgenommen, keinen Mann zu nehmen, der es nicht spielen könne. Da fuhr der König mit dem Minister wieder nach Haus, und als er aus dem Wagen stieg, sagte er recht niedergeschlagen: „Das wäre also nichts gewesen! Aber ein König muß durchaus eine Königin haben, und nach längerer Zeit ließ er daher den Minister noch einmal, gu sich kommen und eröffnete ihm, er habe es aufgegeben., eine Frau zu finden, die Pfeffernüsse backen könne, und beschlossen, die Prinzessin zu heiraten, welche sie damals zuerst besucht hätten. „Es ist die, weiche die - kleinen Mandelkuchen zu backen versteht," fügte er hinzu. „Gehe hin und frage, ob sie meine Frau werden will."" Am nächsten Tage kam der Minister zurück und erzählte, daß die Prinzessin nicht mehr zu haben sei. Sie hätte den König aus dem Lande, wo die Kapern wachsen, geheiratet. „Nun, dann gehe zur zweiten Prinzessin!" Allein der Minister kam auch dieses Mal wieder unverrichteter Dinge zu Hause: Der alte König habe gesagt, er bebaure unendlich, aber seine Tochter sei leider gestorben, und so könne er sie ihm nicht geben. Da besann sich der König lange; weil er aber durchaus eine Königin haben wollte, so befahl er dem Minister, er solle doch auch noch einmal zur dritten Prinzessin gehen, vielleicht habe sie sich inzwischen anders besonnen. Und der Minister muhte gehorchen, obgleich er sehr wenig Lust verspürte, und obschon ihm auch seine Frau sagte, daß es gewiß recht unnütz wäre. Der König aber wartete ängstlich auf feine Rückkunft. Denn er gedachte der Frage wegen des Brummeisens, und die Erinnerung daran war ihm ärgerlich.' Die dritte Prinzessin empfing jedoch den Minister sehr freundlich und sagte zu ihm, Eigentlich hätte sie sich ganz bestimmt vor- genommen, nur einen Mann zu nehmen, der das Brummeisen zu spielen verstünde. Aber Träume seien Schäume und besoders Jugend- träume! Sie sähe ein, daß sich ihr Wunsch nicht erfüllen ließe, und da der König ihr sonst sehr gut gefalle, so wolle sie ihn schon zum Manne nehmen. Da fuhr der Minister zurück, was die Pferde jagen wollten, und der König umarmte ihn und gab ihm den großen Schranzenorden mit Brettern, den Orden am Hals und die Bretter noch höher zu tragen. Bunte Fahnen wurden in der Stadt ausgehangen, Girlanden von einem Haus zum andern quer über die Straße gezogen und die Hochzeit so herrlich gefeiert, daß die Leute vierzehn Tage von weiter nichts sprachen. Der König und die junge Königin aber lebten in Lust und Freude ein ganzes Jahr lang. Der König hatte die Pfeffernüsse und die Königin das Brummeisen gänzlich vergessen. Eines Tages jedoch stand der König früh mit dem falschen Beine zuerst aus dem Bette auf, und alles ging verkehrt. Es regnete den ganzen Tag; der Reichsapfel fiel hin, und das kleine Kreuz, was oben drauf ist, brach ab; bann kam der Hofmaler und brachte dis neue Karte vom Königreiche, unb als der König sie besah, war bas Land rot angestrichen statt blau, wie er befohlen; und endlich: die Königin hatte Kopfschmerzen. Da geschah es, daß bas Ehepaar sich zum ersten Male zankte; warum," wußten sie am anbern Morgen selbst nicht mehr, ober wenn sie es wußten, wollten sie es wenigstens nicht sagen. Kurz, der König war brummig und die Königin schnippisch ub behielt stets das letzte Wort. Nachdem sie sich beide lange Zeit hin und her gestritten, zuckte die Königin endlich verächtlich mit den Achseln ub sagte: „Ich dächte, du wärest nun endlich still und hörtest auf, alles zu tadeln, was dir vor die Augen kommt! Du selbst kannst ja nicht einmal das Brummeisen spielen." Aber kaum war ihr dies noch entschlüpft, als der König ihr schon ins Wort fiel und giftig antwortete: „Unb du kannst nicht einmal Pieffernüffe backen!" — 386 Da blieb die Königin zum ersten Male die Antwort schuldig und wurde ganz still, und beide gingen, ohne weiter ein Wort zu wechseln, auseinander, jedes in seine Stube. Hier setzte sich die Königin in die Sofaecks und weinte und dachte: „Was du doch für eine törichte Frau bist! Wo hast du nur deinen Verstand gehabt? Dummer hättest du es gor nicht ansangen können!" Der König aber ging in seinem Zimmer auf und ab, rieb sich die Hände und jagte: „Es ist doch ein wahres Glück, daß meine Frau keine Pfeffernüsse backen kann! Was hätte ich ihr sonst erwidern sollen, als sie mir vorwarf, daß ich das Brummeisen nicht zb spielen »erstünde!" Nachdem er dies wenigstens drei- oder viermal wiederholt hatte, wurde er immer vergnügter. Er sing an, seine Lieulingsmslodie zu pfeifen, besah sich dann das große Bild der Königin, welches in feinem Zimmer hing, stieg auf einen Stuhl, um mit dem Taschentuch einen Spinnenfaden abzuwifchcii, der der Königin gerade über die Nase herabhing, und sagte endlich: „Sie hat sich gewiß recht geärgert, die gute, kleine Frau! Ich werde einmal sehen, was sie macht!" Damit ging er zur Tur hinaus auf den langen Gang, auf welchen alle Zimmer mündeten. Weil aber an diesem Tage alles verkehrt ging, so hatte der Kammerdiener vergessen, die Lampen anzuzünden. obgleich es schon acht Uhr abends und stockdunkel war. Daher streckte der König die Hände vor sich, um sich nicht zu stoßen, und tappte vorsichtig an der Wand hin. Plötzlich fühlte er etwas Weiches. „Wer ist da?" fragte er. „Ich bin es", antwortete die Königin. „Was fuchst du, mein Schatz?" „Ich wollte dich um Verzeihung bitten," erwiderte die Königin, „weil ich dich so gekränkt habe." „Das brauchst du gar nicht!" sagte der König und siel ihr um den Hals. , Ich habe mehr Schuld als du und längst alles vergessen. Aber weißt du, zwei Worte wollen wir in unserem Königreiche bei Todesstrafe verbieten lasfen, Brummeisen und —" „Und Pfefferüsse", fiel die Königin lachend ein, indem sie sich heimlich nach ein paar Tränen aus den Augen wischte — und damit hat die Geschichte ein Ende. — VerkünLlgungsLaesteklungen in der mMelrMsrUchen Kunst. Bon Wilhelm B o e ck. Ein Stoff, der in den Werken des Spätmittelalters immer wiederkehrt und wohl bei keinem bedeutenden Künstler fehlt, ist die Verkündigung Christi. Woher stammt diese Vorliebe für ein Thema, das uns heute in den christlichen Bilderzyklen eine untergeordnete, nebensächliche Rolle zu spielen scheint? Für Len mittelalterlichen Menschen bedeutet es einen der wichtigsten Punkte im Programm der göttlichen Heiislehre. Gott tut den ersten Schritt zur Erlösung der sündigen Menschheit. Der Engel verkündet der Jungfrau die Geburt eines Sohnes durch die Kraft des heiligen Geistes. Ein übernatürlicher Vorgang, ein mystisches Wunder allerersten Ranges! Die äußeren Umstände, wie sie die Legende übernommen hat, sind kurz folgende: Maria, schon in früher Kindheit unter die Tempeljung- frar.cn ausgenommen, wird durch himmlische Wahl dem betagten Joseph zum Gemahl bestimmt. Der Greis will sie einem seiner Söhne vermählen, fügt sich aber schließlich dem göttlichen Gebote. Er verspricht seiner Verlobten, ihr Gelübde ewiger Jungfräulichkeit stets zu achten. Während Joseph, der Zimmermann, berufen wird, ein bei Kapernaum gescheitertes Schiff auszubefsern, reift Maria mit fünf ihrer Tempelgespielinnen, die sie sich beim Bischof ausgebeten hat, nach Nazareth. Dort erscheint ihr, als sie am Brunnen Wasser schöpfen will, der Erzengel Gabriel zum erstenmal. Nach drei Tagen, da sie in ihrem Gemach mit Seidespinnen beschäftigt ist, erscheint er abermals und entledigt sich dieses Ma! seines Auftrages. Marias Verhältnis zu Joseph entspricht durchaus dem im Lukasevangelium angedeuteten. _ Es ist bezeichnend für das tiefe Empfinden des Mittelalters diesem Stoff gegenüber, daß es sich trotz der Vorliebe im allgemeinen für Verwertung legendarischer Züge, in der bildenden Kunst fast ausnahmslos an die schlichte Fassung bei Lukas gehalten hat. Die deutsche Mystik, die gerade auf die Auffassung dieser Szene besonders befruchtend eingewirkt hat, erblickt in ihr die Offenbarung des Geheimnisses von der Menschwerdmig des Heilandes und somit den Kristallisationspunkt der ganzen Heilsgeschichte. In diesem Sinne spricht auch die Gegenüberstellung von Verkündigung und Auferstehung an Matthias Grünewalds Jfenheimer Altar. Das will auch die Ver- heibung Adams und Evas ans dem Paradies, die häufig in Zusammenhang mit der,Verkündigungsszene auftritt, besagen; Eva ist Marias Antitypus. So ist es sehr sinnvoll, wenn die Verkündigung wie beim Genter Altar der Brüder van Eyck oder Stephan Lochners Kölner Domdild die Außenseiten der Altarflügel schmückt, dem gedanklichen Inhalt des Schreines derart zugleich eine Uederschrift gibt und, solange er geschlossen bleibt, eine vollwertige Umschreibung.' Der religiösen Wertschätzung des Vorgangs kam die Eignung für künstlerische Gestaltung entgegen. Was den bildenden Künstler zur Darstellung des Vorgangs herausforderte — soweit man bei den engen Grenzen, die ihm der Auftraggeber zog, davon sprechen kann—, war die jungfräuliche Gestalt der Maria, war die überirdische Erscheinung des Himmelsboten und waren die zarten Fäden, die beide Gestalten in Mienenspiel und Geste, linearer und farbiger Komposition zu einer Einheit verwoben Doch wie kommt es, daß durchweg dis lyrisch-epische Verschmelzung der Person vorherrscht? Warum 1 kein angstdurchbebtes Entsetzen der Maria beim Erscheinen Gabriels? Auf diese Frage mag die Legende antworten, die berichtet, das die Jungsrau während ihres Aufenthaltes im Tempel täglich von Engeln besucht wurde und von ihnen Himmelsbrot empfing, während sie ihre irdische Nahrung den Armen schenkte. Solcher Besuch bedeutete also für sie nichts Ungewöhnliches. Das Wunderbare bestand nur in der Botschaft. Wenn sich auch für die Ausführung der Szene natürlich kein Schema feststellen läßt, fo kann man bod) eine große Lime der bildinhaltlichen Anordnung erkennen. Zunächst mutz es ausfallen, daß bei der großen Mehrzahl aller Darstellungen Maria rechts, der Engel links Aufstellung findet. Erklären läßt sich das wohl nicht. Ader man mag annehmen, da auch der Fluchtpunkt der Architektur meist rechts liegt, daß ein natürlicher physiologischer Zwang im Innern des Künstlers ihn das Bild gerade in dieser Rechtsperspektive schauen läßt. Sollte hier ein noch viel seiner organisiertes Analogon zu dem überwiegenden Gebrauch unserer rechten Hand und der Rechtsschräge unserer Schriftzüge vorliegen? Meist kniet Maria, mit dem Lesen heiliger Bücher beschäftigt, vor einem Lesepult. Ein engärmeliges, hochgegürtetes Gewand deutet die jugendlichen Formen ihres Körpers an. Um die Schultern ist lose ein weiter Rückenmantel gelegt. Sie trägt ihr langes Haar glatt gescheitelt. — Der Engel hat bald mehr männliche oder weibliche Züge und ist mit einem wallenden Schleppgewande mit tiefer (Sürtelung bekleidet. Sein schwerer Schultermantel wird 0011 einer reichen, oft riesigen Broschen zusammengehalten. Ein Stirnband mit Kleinod umspannt das lockige Haar. Seine mächtigen Flügel sind entfaltet, feine Gewandung flattert noch vom eiligen Flugs. Noch steht er nicht. Er berührt gerade den Boden, denn seine Knie sind noch beide gebogen. In dieser Haltung gibt er gleichzeitig Ehrfurcht zu erkennen. Mitunter ist er, der Page im himmlischen Hofstaat, auch prächtig aufgeputzt, wie beim sog. Meister von Hohenfurt, der der höfischen Sphäre Kaiser Karls IV. angehört. Dort nimmt Maria, eine lieb liche Königin mit Krone und Kopstuch, auf geschnitztem Thron unter Baldachin, die zierlich vorgetragene Botschaft huldvoll entgegen. Doch wurde dieser zeremoniöse Typus von dem vorher besprochenen allmählich verdrängt. Wie veranschaulicht nun der mittelalterliche Künstler in seinem Hang zur Belehrung die Botschaft selbst? Ein billiges Mittel sind die beliebten Spruchbänder, die sich in weicher 8-Kurve aus Gabriels Hand zur Jungfrau hinüberschmiegen oder in krausen Spiralen um das Zepter in der Hand des himmlischen Herolds winden. Auch Marias Antwort wird mitunter in solcher Weise sinnfällig gemacht. Den geschmackvolleren Weg dürste mit anderen Stephan Lochner gegangen fein; der Engel des Kölner Dombildes überreicht Maria eine Urkunde mit Siegel. Am ungetrübtesten ist der ästhetische Eindruck auf den Beschauer von heute, wenn auf solche Hilfe des Buchstabens ganz verzichtet ist und nur der verkündend erhobene Zeigefinger oder die Führung des Zepters, kurz das ganze Gebaren des Boten eine lebendige Sprache redet. Eine fachliche Erläuterung des Wortlauts bedeutet dann schließlich das Vorhandensein des heiligen Geistes, der das Wunder wirken soll in Gestalt einer weißen Taube, die sich mit gespreizten Flügeln auf die Jungfrau herabsenkt oder aus dem geöffneten Himmel in der Richtung ihrer Stirne — eine Betonung des Geistigen dieser Vcr mählung — herabstöht. Spielt sich der Vorgang, wie das die deutsche Kunst bevorzugt, vor neutralem Goldgrund, also im grenzenlosen Raume, ab, so fehlt wohl nie in der linken oberen Ecke das Brust bild Gottvaters. In Norddeutschland liebt man es, die Dreifaltigkeit zu vervollständigen, indem man zwischen der Hand Gottvaters und der Taube das kleine nackte Jesuskindlein, das nun Mensch werden soll, einreiht. Ohne Flügel, in einer Art schwimmender Bewegung, schwebt es auf der Linie, die von des Vaters Hand zum Haupt der Maria führt. Im Sinne der Heilsvorstellung zeichnet der Hamburger Meister Bertram schon den Weg von Bethlehem nach Golgatha vor, wenn er dem Kinde ein kleines, schmuckloses Kreuz aufschultert. Ein fast unumgängliches Requisit der Verkündigungsbilder ist die Lilie, das Sinnbild der Reinheit. Wenn sie der Engel nicht als Zepter trägt, so ist sie irgendwo in einer Vase aufgestellt ober in einen Topf gepflanzt. Der Schauplatz ist, sofern es fidj nicht um einen neutralen Grund handelt, die Kammer der Maria, ein Jnnenraum mit einfach schönem gotischen Mobiliar. Außer dem Pult ist meist das Bett vorhanden, dessen Himmel bei geschickter Komposition zugleich einen Baldachin für Maria ab gibt. (Rogier van der Weyden.) Nicht allzu groß« Fenster erhellen dieses reizvolle Interieur. Ein Fensterflügel Ist gerne geöffnet und ruft bann mit vernehmbarer Stimme: Hier ist die Taube hereingekommen. Eine sonderbare Bühne hat sich Matthias Grünewald geschaffen. Er unterstreicht die Heiligkeit des Vorgangs durch einen Ausblick in zwei spätgotische Kapellen. Bedeutungsvoll füllt er einen Zwickel mit der Prophetengestalt des Jesaja, des Künders der jungfräulichen Geburt des Heilskindes. Das Muster der Fliesen des Fußbodens zeigt ein vierblättriges Kleeblatt. Das dreiblättrige Kleeblatt ist ober ein Sinnbild der hl. Dreieinigkeit; vielleicht dürfen mir hier eine versteckte Anspielung auf die Vierfaltigkeit, wie Meister Bertram sie uns in ununterbrochener Kette (Gottvater, Sohn, Taube, Maria) gab, sehen. Grünewald neigt zweifellos zur Farbensymbolik. So könnten wir auch in der Röte der Fütterung von Marias Mantel einen Fingerzeig -auf Blut und Leiden des Heilandes erkennen. Hat der Meister sich in jeder Hinsicht von konventioneller Aussassung des Vor 387 — !langes befreit, so gab er auch di« erwähnte lyrisch-epische Grund- timmung auf und formte ein Drama von rauschendem Pathos. Der Engel als Verkörperung des göttlichen Machtspruchs. Maria ringend mit dem furchtbaren Gebot, das an sie herantritt. Ist die Verkündigung dem mystisch empfindenden Germanen eine religiöse Offenbarung, ein integrierender Bestandteil der Erlösungsgeschichte, so bedeutet sie dem Italiener eine reizvolle und wunderbare Episode des Marienlebens, wie überhaupt der Gekreuzigte und die Madonna geradezu für nordische und italische Kunst symbolisch sind. Die Legende von der Christrose. Von Selma Lagerlö . (Schlich.) Welle um Welle kam, und jetzt war die Luft so von Licht durchtränkt, daß sie glltzerte. And alle Luft und aller Glanz und alles Glück des Sommers lächelte rings um Abt Johannes. Es war ihm, als könnte die Erde keine größere Freude bringen als die, die ihn über den plötzlichen Anbruch der schönen Jahreszeit erfüllte, und er sagte zu sich selbst: „Jetzt weiß ich nicht, was die nächste Welle, die kommt, noch an Herrlichkeit bringen kann." Aber das Licht strömte noch immer zu, und jetzt deuchte es Abt Johannes, daß es etwas aus einer unendlichen Ferne bringe. Er fühlte, wie überirdische Luft ihn umwehte, und er begann zitternd zu erwarten, es würde nun, nachdem die Freude der Erde gekommen war, des Lümmels Lerrlichkeit mrbrechen. Abt Johannes merkte, wie alles still wurde: die Vögel ver- stmnmten, die jungen Füchslein spielten nicht mehr, und die Blumen ließen ab, zu wachsen. Die Seligkeit, die nahte, war von der Art, daß einein das Lerz stillstehen wollte; das Auge weinte, ohne, daß es darunr ivußte, die Seele sehnte sich, in die Ewigkeit hinüberzufliegen. Aus weiter, weiter Ferne hörte rnan leise Larsentöne und überirdischen Gesang. Abt Johaimes faltete die Lände und sank in die Knie. Seiir Gesicht strahlte von Seligkeit. Nie hatte er envartet, daß es ihm beschiede» sein würde, schon in diesem Leben des Limmels Wonne zu kosten inid die Eitgel Weihnachtslieder singen zu hören. Aber neben Abt Johannes stand der Gärtnergehilfe, der ihn begleitet hatte. Er sah den Räuberwald voll Grün und Blmnen und er wurde zornig in seinem Lerzen, weil er sah, daß er einen solchen Lustgarten nie und nimmer schaffen könnte, wie er sich auch mit Lacke und Spaten mühte. And er verinochte nicht zu begreifen, warum Gott solche Lerrlichkeit an das Räubergeflndel verschwende, das seine Gebote mißachtete. Gar dunkle Gedanken zogen durch seinen Kopf. „Das kann kein rechtes Wunder sein," dachte er, „das sich bösen Missetätern zeigt. Das kann nicht von Gott stammen, das ist aus Zauberei entsprungen. Es ist von des Teufels arger List hierher gesandt. Es ist die Macht des bösen Feindes, die uns verhext und uns zwingt, das zu sehen, was nicht ist." In der Ferire hörte inan Engelsharfe» klingen, und Eiigelgesang ertönte, aber der Laienbruder glaubte, daß es die böse Macht der Anholde sei, die nahe. ),Sie tvollen uns locken und verführen," seufzte er, „nie kommen wir mit heiler Laut davon, wir werden betört und dem Abgrund verkauft." Jetzt waren die Engelscharen so nahe, daß Abt Johannes ihre Lichtgestalten zwischen den (Stämmen des Waldes schimmern sah. And der Laienbruder sah dasselbe wie er, aber er dachte nur, welche Arglist darin läge, daß die bösen Geister ihre Künste gerade in der Nacht betrieben, in der der Leiland geboren war. Dies geschah ja nur, um die Christen umso sicherer ins Verderben zu stürzen. Die ganze Zeit über hatten die Vögel Abt Johannes Laupt umschwärmt, und er hatte sie zwischen seine Lände nehmen können. Aber vor dem Laienbruder hatten sich die Tiere gefürchtet: kein Vogel hatte sich auf seine Schulter gesetzt, und keine Schlange spielte zu fehlen Füßen. Nun war da eine kleine Waldtaube. Als sie merkte, daß die Engel nahe ivaren, nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und flog dem Laienbruder auf die Schulter und schmiegte das Köpfchen an seine Wange. Da vermeinte er, daß der Zauber ihm nun völlig auf den Leib rücke, ihn in Versuchung zu führen und zu verderben. Er schlug mit der Land nach der Waldtaube und rief mit lauter Stimme, so daß es durch den Wald hallte: „Zeuch du zur Lölle, von wannen du kommen bist!" Gerade da waren die Engel so nahe, daß 916t Johannes den Lauch ihrer mächtigen Fittiche fühlte, und er hatte sich zur Erde geneigt, sie zu grüßen. Aber als die Worte des Laienbruders ertönten, da verstummte urplötzlich ihr Gesang, und die heiligen Gäste wendeten sich zur Flucht. And ebenso floh das Licht und die milde Wärme in unsäglichem Schreck vor der Kälte und Finsternis in einem Menschenherzen. Die Dunkelheit sank auf die Erde hinab wie eine Decke, die Kälte kam, die Pflanzen auf dem Boden schrumpften zusammen, die Tiere enteilten, das Rauschen der Wasserfälle verstummte, das Laub fiel von den Baumen, prasselnd wie Regen. Abt Johannes fühlte, tote fein Lerz, das eben vor Seligkeit gezittert hatte, sich jetzt in unsäglichem Schmerz zusammenkrampfte. Niemals kann ich das überleben, dachte er, daß die Engel des Limmels mir so nahe waren und vertrieben wurden, daß sie mir Weihnachtslieder singen wollten und in die Flucht gejagt wurden. In demselben 91ugenblick erinnerte er sich an die Blume, die er Bischof Absalon versprochen hatte, und er beugte sich zur Erde nieder und tastete unter dem Moos und Laub, um noch im letzten Augenblick MontenegrosechrL 1926. Von * * * Wir saßen im Palmengarten des Hotel Imperial in Ragusa beim Morgenkaffee und besprachen die morgige Fahrt über den -.ovzen nach Cetinje, der Hauptstadt des ehemaligen Königreichs Montenegro. Da zog einer der Herren ein Zeitungsblatt heraus, in dem etwas zu'finden. Aber er fühlte, wie die Erde unter seinen Fingern gefror, und wie der weiße Schnee über den Boden geglitten kam. Da ward sein Lerzeleid noch größer. Er konnte sich nicht erheben, sondern mußte auf dem Boden liegen bleiben. Aber als die Räubersleute und der Laienbruder sich in der tiefen Dunkelheit zur Räuberhöhle zurückgetappt hatten, da vermißten sie Abt Johannes. Sie nahmen glühende Scheite aus dem Feuer und zogen ans, ihn zu suchen, und sie sanden ihn tot auf der Schneedecke liegen. And der Laienbruder Hub an zu meinen und zu klagen, denn er erkannte, daß er es war, der Abt Johannes getötet hatte, weil er ihm den Freudenbecher enttissen, nach dem er gelechzt hatte, -st Aber als Abt Johannes nach Oeved hinuntergebracht worden toar, sahen die, die sich des Toten annahmen, daß er seine rechte Land hart um etwas geschloffen hielt, was er in seiner Todesstund e umklammert haben mußte. And als sie die Land endlich öffnen konnten, fanden sie, daß, was er mit solcher Stärke festhielt, ein paar weiße Wurzelknollen waren, die er ans Moos und Laub hervorgerissen hatte. And als der Laienbruder, der Abt Johannes geleitet hatte, diese Wurzeln sah, nahm er sie und pflanzte sie in des Abtes Garten in die Erde. Erpslegte sie und wartete das ganze Jahr, daß eine Blume daraus erblühe, doch er mattete vergebens den ganzen Frühling und Sommer und Äerbst. Als endlich der Winter anbrach, und alle Blätter und Blumen tot waren, hörte er auf zu warten. Als aber der Weihnachtsabend kam, da überkam ihn die Erinnerung an Abt Johannes so mächtig, daß er in den Lustgarten hinausging, feiner zu gedenken. And siehe, wie er nun an der Stelle vorbeikam, wo er die kahlen Wurzelknvllen eingepflanzt hatte, da sah er, daß üppige grüne Stengel daraus emporgesproßt waren, die schöne Blumen mit silberweißen Blättern trugen. Da rief er alle Mönche von Oeved zusammen; und als sie sahen, daß die Pflanze am Weihnachtsabend blühte, wo alle andern Blumen tot waren, da erkannten sie, daß sie wirklich vonBbt Johannes aus dem Weihnachtsluftgarten im Göinger Wald gepflückt war. Aber der Laienbruder sagte den Mönchen, nun ein so großes Wunder geschehen sei, sollten sie einige von den Blumen dem Bischof Absalon schicken. ,. Als nun der Laienbruder vor Bischof Absalon hiutrat, reichte er ihm die Blumen und sagte: „Dies schickt dir Abt Johannes. Es sind die Blmnen, die er dir aus dem Weihnachtslustgarten im Göinger Walde zu pflücken versprochen hat." __ And als Bischof Absalon die Blmnensah, die mdunkler Winter- nacht der Erde entsprossen waren, und als er die Worte horte, wurde er so bleich, als wäre er einem Toten begegnet. Eine Weue saß er schweigend da, dann sagte er: „Abt Johannes Hal sein Wort gut gehalten; so will ich auch das meine halten." And er ließ einen ,yrev brief für den wilden Räuber ansfiellen, der von Jugend an friedlos im Walde gelebt hatte. . ., Er übergab dem Laienbruder den Bries, und bte,er zog Damit von bannen, hinauf in den Wald und suchte den Weg zur Räuberhöhle. Als er am Weihnachtstage dort eintrat, da eilte chm der Räuber mit erhobener Axt entgegen. — „Ich will euch Mönche Niederschlagen, so viele euer auch sind!" rief er. „Sicherlich hat sich um euretwillen der Göinger Wald in diefer Nacht nicht m fern Weihnachtskleid gehüllt." u n . „Es ist einzig und allein meine Schuld,", sagte ber Catetibruber, „und ich will gern dafür sterben. Aber zuerst muß ich dir eine Botschaft von Abt Johannes bringen." And er zog den Brief oes Bischofs heraus und verkündete ihm, daß er nicht mehr vogelfrei fei, und zeigte ihm das Siegel Absalons, das an dem tyvcQtimmte hing. — „Fortab sollst du mit deinen Kindern tm Weihnachtsstroh spielen, und ihr sollt das Christfest unter den Menschen retern, wie es der Wunsch des 91btes Johannes war," sagte er.. Da blieb der Räubervater stumm und bleich stehen, aber die Räubermutter sagte in seinem Namen: „Abt Johannes yat lern Wort getreulich gehalten, fo wird auch der Räubervater das lerne ^Doch als der Räubervater und die Räubermutter ans der Räuber- höhle fortzogen, da zog der Laienbruder hinein und hauste dort E.sam im Walde unter unablässigem Gebet, daß sein hartes Lerz ihm verziehen werde. And niemand darf ein strenges Wort über einen fas®1', bereut und der sich bekehrt hat, wohl aber kann matt wünschen, daß seine bösen Worte ungesagt geblieben wären, denn me meyr ya der Göinger Wald die Geburtsstunde des Leilands gefeiert, und von feiner ganzen Lerrlichkeit lebt nur noch die Pflanze, i11 Johannes dereinst gepflückt hat. Man bat sie Christrose genannt, und jedes Jahr läßt sie ihre weißen Blüten und ihre grünen St'mgel um die Weihnachtszeit aus dem Erdreich sprießen, als turnte ,ie nie und nimmer vergess en, daß sie einmal in dem großen We .1-ia luffgarten erwachsen ist. 388 —' Absturz ein artige, wilde Gebirgswelt umfängt Felsabstürzen eingeschlossenen Wck Deraniwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck der Brühl'schsn Llniversitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. alten Mauern und Forts, zu Häupten eine Zitadelle aus dem 16. Jahrhundert, zwei durch Erdbeben fast zerstörte Forts zwischen den jetzigen Häusern, präsentiert sich malerisch in südlich-üppiger Vegetation das alte bosnische Städtchen Castelnuovo. Im nächsten Ort in prächtigem Lorbeerhain ein altes, guterhaltenes Kloster, Sommerresidenz des serbisch-orthodoxen Bischofs; später die Endstation der dalmatinischen Eisenbahn (Zelenika). Kleine Inselchen spiegeln sich in der blauen Flut, und Wasserflugzeuge, von jugoslawischem Militär gelenkt, schwimmen auf dem Wasser ober suchen in der Luft mit unferm Auto einen Wettslug zu machen. Unsere Augen aber laufen dem Auto voran, denn nun treten die Ufer zusammen zu einem schmalen Kanal, „le Catene“, die Ketten, genannt, weil in früherer Zeit dieser Eingang zur inneren Bocche mit Ketten gesperrt wurde; und jetzt — ein einzigartiges Seebild liegt vor unfern Äugen — drei Landzungen treten hart zueinander und bilden zwei Wasiertore, die in drei ganz verschieden geartete Becken führen. In der Mitte zwei Inselchen, deren eines eine vielbesuchte Wallfahrtskirche, die andere ein berühmtes Benediktinerkloster trägt. Unsere Straße windet sich um die Landzunge links. Eine großartige, wilde Gebirgswelt umfängt uns. Hier in diesem, von weißen Felsabstürzen eingeschlostenen Wasserwinkel haben im Krieg die österreichische und Teile der deutschen Unterfeebootflotte gelegen, sicher vor plötzlichen Ueberrafchungen durch die Feinde. Hier liegen die ältesten bekannten Ansiedlungen Dalmatiens, hier findet man noch Reste aus römischer Zeit, hier waren die Hauptschlupfwinkel illyrischer Piraten, hier führt die Zickzackstraße über uns in die Wildnisse der Knvosie, deren unbotmäßige Bewohner den Oesterreichern so viel zu schaffen machten. Unter steilen, zerrissenen Felshängen liegt jetzt an unserem Weg eine verfallene, nur spärlich bewohnte alte Venezianerstadt, Perasto. Prächtige, jetzt verwahrloste Paläste, überall in Stein gehauen den geflügelten Markuslöwen zeigend, alte Byzantinische Kapitelle, die, cmsgehöhltz schwatzenden Frauen als Waschtrog dienen, vor einem altrömischen Tempel, der zur christlichen Kirche mngewan- delt wurde, eine italienische Renaissancefasfade mit Glockenturm, alte Säulenhallen von Myrthen und Lorbeer umwuchert, von spielenden Kindern belebt, eine alte Befestigung darüber am Felsen hängend und darunter wir — Fremde —, weder der serbisch-kroatischen Sprache noch der dortigen merkwürdigen Kyrillischen Schrift kundig, im modernen Fortbewegungsmitte!, staunend, ein Märchen aus alten packt und rückwärts ein Stück dem Abgrund zu rollen muß, aber das volle Bewußtsein schweift mit tausend Augen über Klippen und Inseln und das weite Meer hinaus zur fernen süditalienischen Küste. Alles früher Gesehene schwindet vor der Größe dieses Anblicks. Zeiten erlebend. Nun sind mir im zweiten Seebecken. Rach vielen Windungen der schroffe Felsen und durch graue Olivenhaine liegt im stand, daß die Fahrt dorthin iiicht ungefährlich sei, daß erst kürzlich ein Arzt in einem mit fünf Personen besetzten Auto von Banditen ermordet worden sei, daß die Straße auf den Lovzen etwa 30 Haarnadelkurven habe, die nur geübteste Fahrer richtig nehmen könnten usw. Uns störte das weiter nicht, und im Laufe des Tages erfuhren auch diese Aengstlichen, daß der Ermordete ein einheimischer Montenegriner war, der der Blutrache zum Opfer fiel, und fanden einen Chauffeur, der in dieser Woche schon dreimal die Fahrt auf den Lovzen gemacht hatte, so daß sie sich ihm wohl an» vertrauen konnten. Ain nächsten Morgen früh uin fünf Uhr lief unser Auto schon hoch über der Küste die prachtvolle Straße entlang, die in den südlichsten Zipfel von Dalmarien führt. Die weißen Küstenstädtchen schliefen noch in ihren Meeeresbuchten unter Palmen und Pinien, die blaue Adria reckte sich lautlos zu fernen Felfeninfeln und träumte Straße um schroffe Festen und durch graue Olivenhaine liegt im tiefsten Innern der Bocche Cattaro mit feiner belebten Riva, von alten Stadtmauern eingefaßt. Wir fahren durch das Seetor ein und machen etwas Rast. Zum Glück versteht jeder Deutsch, haben ja die Männer früher alle in der österreichischen Armee gedient, und die Akademiker auf deutschen und österreichischen Hochschulen studiert. Äuf dem von buntesten Trachten wimmelnden Markt werden Melonen, Feigen und Trauben eingekauft, mit Kaffee der Lebensmut angefeuert, denn ängstlich schweift das Auge hinauf, wo an senkrechter Felswand sich ein helles Band hin und her zur schroffen Höhe zieht, die Straße nach dem Lovzenpaß. Unvergeßlich für immer ist diese Fahrt. Wir steigen und steigen, bei jeder Biegung weitet sich der Blick. Zuerst sind noch die engen Gäßchen von Cattaro zwischen grünem Weingelände deutlich zu erkennen. Daun sind wir hoch über den einzelnen Landzungen und Inseln. Zerrissene Felsen stürzen jäh ins Meer. Ein grüner Saum umzieht die blauen Buchten. Zwar im Unterbewußtsein greift jedesmal bei den spitzen Haarnadelkurven eine Angst ans Herz, "wenn das lange Auto die knappe Wendung nicht Und immer weiter geht es bergan. Vorbei an finsteren Höhlen; die unergründlich in die Tiefen der Berge führen, vorbei an veo fallenen Steinhütten, vorbei an Fleckchen guter Erde, eingefaßt mit alten Stacheldrahtverhauen. Hier haben ja die Oeslerreicher — untei sich das Meer, über sich die Prallwände des kahlen Lovzen — um Montenegro im Weltkriege gekämpft und es bezwungen. Nun herrscht der König der Serben, dessen Volk einst die furchtbare Fackel oes Weltkrieges entzündete, über dieses schöne Land weit und breit, über Bosnien, die Herzegowina, Dalmatien, Montenegro und den Südwesten von Oesterreich bis zu den Karawanken. Das ist die Ge rechtigkeit der Weltgeschichte! Wir stehen auf dem Lovzenpaß — von der Tiefe des Meeresspiegels 1300 Meter gestiegen — und blicken schaudernd umher; Steinmassen, die sich zum Himmel türmen, Steinmassen, die die Erde bedecken, eine Steinwüste, soweit das Auge reicht — herzbeklemmende Gebe. Alles Pflanzen- und Tierleben scheint hier erloschen, nur der augenlose Grottenolm wohnt im Dunkel der zerrissenen Felsen. Stumm gleiten wir durch bas Steinmeer bie Straße hinab. Ein dürf- tiges Hochtal tut sich auf, am anderen Ende, wo die Felsrnassen wieder ansteigen, eine Ortschaft mit niedrigen Steinhäusern. „Soll das Laufenest dahinten Cetinje fein," sagt der Berliner hinter mir; „ich hätte mir die Heimat der „Lustigen Witwe" und ihres noch lebenslustigeren Partners anders vorgeftellt." Ich auch — und dabei scheint dies die einzige Straße weit und breit zu sein, die zur Hauptstadt des früheren Königreichs Montenegro führt. Keine Eisenbahn, kein Wasser, nur Stein-' — pardon — einige Kartoffel- und Matsfelder, aiich einige verdorrte Gärten breiten sich längs der Straße aus. Wir landen an einem Schutthaufen — das Theater, in der Größe höchstens für ein Kino geeignet, wird hier neu hergerichtet. Die Sonne glüht wahnsinnig, man empfindet nur noch Hitze und Stein, selbst das Huhn, das zum Mittagessen serviert wird, ist mehr Stein als Huhn. Wir folgen dem uns feit Ankunft des Autos belagernden Führer, der Deutsch — aber wie — spricht und einige nötige Schlüssel hat, um bie Sehenswürdigkeiten der stolzen Kapitale in Augenschein zu nehmen. Am Hauptplatz das neue Königspalais, eine Schöpsung des Königs Nikolaus, eines der wenigen mehrstöckigen Häuser. Nikita der Letzte weilt ja leider nicht mehr hier; er wäre jedenfalls die größte Sehenswürdigkeit gewesen; ein der Heiligen Mutter Gottes geweihtes Kloster mit schönen Bildern und altem Goldschatz, dahinter zwei Türme, aus deren kleinerem in früheren Zeiten die Köpfe der im Kampf erschlagenen Feinde aufgesteckt wurden, die Gesandtschaftshäuser, bie jetzt zu Banken ober Basaren umgeroanbelt sind, eine Bretterbube, deren Fußboden eine Reliefkarte der Umgebung zeigt, ein Denkmal des Königs Peter — das alles wurde mit einem Stolz »orgeführt, der im umgekehrten Verhältnis zu unserem Interesse dafür stand. Südlich von Cetinje zieht die Straße weiter nach dem Skutari- See, und auf der Paßhöhe oben genießt man einen herrlichen Blick auf dieses schöne belebende Element des ganzen Landes dort. Weit gen Süden schweift das Auge, nm am Ende des Sees Skutari, die größte Stadt des Freistaates Albanien, zu entdecken, aber nur die hohen, finsteren albanischen Berge ragen am Horizont dräuend gen Himmel. Rückwärts windet sich unser 2luto wieder lange durch die Steinwüste bergan, fährt durch bie Hochebene von Njegus, wo in einer der Steinhütten König Nikolaus von Montenegro geboren ist. Bald tut sich wieder die Märchenpracht der Bocche auf; wieder drängt die Adria ihr unendliches Blau in die innersten Winkel der Berge, und das Auge genießt nach der Oede doppelt bie Herrlichkeit bes prangenden Küstenstrichs. Langsam senken wir uns in bebautes Land und fahren nun den kürzeren Weg auf der Landzunge, bie an bcr Westseite bie innere Bocche von ber äußeren trennt. Iohannisbrot- bäume hängen ihre langen braunen Schoten ins Auto, die weiße Myrte mit ihren vielen zarten Staubgefäßen, an einem Zweiglein Früchte, Blüten und Knospen tragend, nickt uns zu, der rote Granat apfet lacht aus dem Gebüsch, und den kleinen Bach säumt ber Oleander in buntester Farbenpracht. In einem kleinen Städtchen hält das Auto, wir sind wieder an der Catene, ber engen Stelle, wo sich die drei Landzungen nah kommen, aber am jenseitigen Ufer, und müssen hier übersetzen. Ich frage erstaunt nach der Fähre, von ber ich nichts sehe, auch auf dem Hinweg nichts bemerkt habe. Man weist mir zwei Ruderboote, bie burch Bretterbohlen verbunden sind. Etwas bänglich gucke ich zu, wie das Auto auf die Bohle rollt, und in jedem ber zwei Kähne ein Mann bas Ruder ergreift, um uns hinüber zu bringen. Nun noch eine Raft im schönen Castelnuovo; hinunter ins Meer, um bie blaue Flut etwas um die heißen Glieder spielen lassen; in ber Wirtschaft mit schöner Terrasse über dem Meer einen Maraschino, dalmatinisches Landesprodukt. mit Gründlichkeit genossen; einem bcr hier ansässigen, vor den Bolfchewiki geslüchteten Rusten der weißen Armee' ein handgeflochtenes Basttäschck)en abgetauft — dann lebe wohl, du wunderliebliche Bocche di Cattaro, die du uns heute deine ganze Schönheit erschlosten hast. Im langen Bal di Canali überfiel uns plötzlich die Dunkelheit, und als wir auf die hohe Küstenstraße herauskamen, glitzerten schon die Sterne über uns. Die Inseln hoben sich schwarz aus dem Meer, ein Leuchtturm auf hohem Felseiland blitzte seine Lichtsianole in die Weile, seltsam standen bie langen Blütenstengel ber Agaven am nächtlichen Himmel, und bas weit ins Meer hinaus gebaute Ragnsa mit seinen vielen Lichtern schwamm wie eine funkelnde Krone aus dem dunkeln Wasser. der Sonne entgegen. Nach 14 Stunden verläßt bie Straße bas Meer und tritt in das lange Canalital ein, den bestbebauten und dichtbevölkertsten Landstrich Dalmatiens. Weingärten, Maisfelder, Olivenhaine dehnen sich an den Bergwänden hinauf. Die süßen Dalmatinertrauben, bie häufig längliche, bobnenähnliche Beeren tragen, werben schon von ben dalmatinischen Bauern in ihren malerischen Trachten in Bütten gelesen, und geduldige Maulesel mit je zwei Bütten, einer rechts und einer links, traben die Straße entlang zur Kelter. Auf ber Pah- höhe öffnet sich plötzlich wieder der Blick aufs Meer, auf bie lieblichen Ufer der äußeren Bocche (Bucht, Mündung) von Cattaro mit ihren vielen Buchten, Halbinseln und Inseln; im Hintergrund auf steilem ' Sperrfort, am Ausgang der Bocche ins offene Meer. Mit :rn und Forts, zu Häupten eine Zitadelle aus dem