Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1926 Samstag, den 4. September Nummer Ern Schnitter ... Von Ludwig F i n ck h Ich weiß nicht, wie alles kam. Du warst so stolz und so voller Scham, Und ich war so versonnen. Um Halme rauschte Sommerwind. Nun wird es Herbst. Das Leben verrinnt Und ist so bald zerronnen. Ein Schnitter seine Sense nahm Und dengelte und wischte den Rahm — Ich weiß nicht, wie alles so kann Snuderland. Von Hans Franck, Als es der anhalt-zerbster Prinzessin Sophia Augusta gelungen war, sich zu Katharina II., der Kaiserin aller Reußen, emporzulieben, befiel auch sie sehr bald die Krankheit, an welcher nahezu alle gekrönten Häupter nicht nur ihres Zeitalters litten: die Schuldensucht. Wenn dieses Potentatenleiden seines chronischen Charakters wegen auch in den allermeisten Fällen sich als unheilbar erwies, so waren doch sehr wohl, bei ergiebiger Anwendung geeigneter Heilmittel, vorübergehend Besserungen zu erzielen. Da die indessen mehr oder minder schnell wieder hinzuschwinden pflegten, erwies sich die ständige Bereitschaft eines Finanzarztes in den allermeisten Fällen nm sehr vieles dringlicher denn die eines Leibarztes. Das traf in besonderem Maße auf Katharina H. zu. Während sie, ihres mächtigen Körpers wegen, die Doktoren der Medizin mitleidig belächelte, rief sie zur Linderung ihrer Herrscherkrankheit ununterbrochen fachkundige Helfer herbei. Jahre hindurch war der oberste Doktor unter ihnen der deutsche Bankier Sauderland. Lind dieser wußte nicht nur die schlimmsten Bedrückungen der Zarin immer aufs Reue für eine Weile durch sein Geschick zu beheben, sondern er verstand auch aus dem Grunde die geheimnisvolle Kunst der Größten seines Standes: durch. Geldfortgeben — statt wie es dem allgemeinen Ungeschick bestenfalls möglich ist, durch Geld- einnehrnen — reicher und reicher zu werden. Da die kümmerliche Gestalt Sauderlands selbst dann noch dürr blieb, wenn er sich mit hochgezogenen Schultern aufplusterte und wie ein Kolkrabe krächzte, so wurde Katharina, die einen Leibes- umfang hatte, in dein drei nicht einmal beängstigend schmächtige Jungfrauen Platz gefunden hätten, und eine Stirn,ne, tief und durchdringend, daß sie einem Dragonerhauptmann nicht würde zur Änehre gereicht haben, in diesem Fall von der Liebe verschont. Doch erzeugte die Dankbarkeit im Lauf der Jahre eins Freundschaft, auf die — so seltsam sie sich oftmals von Seiten der Kaiserin äußerte — der Ausgezeichnete wiederholt, ohne zu murren, ausbleibende Zinsen abschrieb. Weil nun — wie der Volksmund sagt — Geschenke die Freundschaft erhalten, so hatte sich nach und nach zwischen den Befreundeten der Brauch herausgebildet, daß sie sich mit allerlei Gaben überraschten. Richt nur die Zarin den Bankier, sondern auch der Bankier die Zarin. Dabei ergab es sich ganz von selbst, daß Katharina als Geschenke die Richtigkeiten bevorzugte, die den Fürsten mit Titeln, Orden und andern Eitelkeitspflastern in unerschöpflicher Menge zur Verfügung stehen: während der damit Beglückte allerlei Kostbarkeiten in tiefster Ehrerbietung überbrachte, deren Wert dadurch nicht gemindert wurde, daß sie von säumigen Schuldnern ihm statt des mangelnden Geldes um ein Geringes ausgehändigt waren. Eines Tages schenkte Sauderland Katharina einen Hund. Es war ein edles Siet, das er einem bankerotten baltischen Grafen abgenommen hatte: eine mächtige deutsche Dogge, die auf den Namen Dieter hörte. Die Kaiserin war von dem Geschenk auf das Tiefste beglückt. Um diesen. Glück sichtbaren oder vielmehr hörbaren Ausdruck zu geben, nannte sie die Dogge — an der ihr als einziges der Name mißfiel — Sauderland. Worüber hinwiederum als über eine unverdiente Kaiserliche Gnade, Sauderland — der Bankier, nicht der Hund! — so tief beglückt war, daß er der huldvollen Herrin noch, ein Paar gold- gewirkte byzantinische Strumpfbänder überreichte, die er für den nächsten Geschenktag hatte aufheben wollen. Die Dogge wurde Katharinas unzertrennliche Begleiterin. Bei Tag, bei Nacht trennte sich die Kaiserin nicht von ihr. Sie folgte der Herrin bis zu den Stufen des Thrones. Sie lag bei Prunkmählern zu ihren Füßen. Sie schlief mit ihr im selben Zimmer. Wenn dessen Tür von einer Hand geöffnet wurde, muhte die Zarin erst „Sauderland!" mahnen, ehe die Schwelle zum Ueberschreiten frei wurde. Da eines Abends ein auswärtiger Prinz, dessen Mut Gerüchte und Wein aufgestachelt hatten, die Tür zum Schlafgemach der Kaiserin öffnet, ohne im Besitz einer unmißdeutbaren Einladung zu sein, genügte ein „Sauderland!", schon fiel die Dogge den Zudringlichen mit ihren Zähnen an, daß ihm nichts übrig blieb, als wimmernd zu entweichen. Es kam denn auch den ganzen Tag in allen Tonarten der Liebe aus dem Munde der Kaiserin: „Sauderland— Sauderland — Sauderland —", Für die Fremden — von dem machtvollsten Minister bis zum letzten Lakaien — hieß die Dogge, auch als sie in den Besitz der Kaiserin übergegangen war, Dieter. Oeffentlich wenigstens. Heimlich belustigte es manchen, den Hund mit dem Namen des verhaßten Bankiers zu rufen. Doch mußte man dabei äußerst vorsichtig fein, denn als sich eines TageS ein Graf vermaß, die Dogge vor den Ohren der Kaiserin so zu nennen, gab Katharina diesen, in Gegenwart eines Dutzend hoher Würdenträger eine Ohrfeige, deren Gewicht einem Korporal zur Ehre gereicht hätte. Wenige Wochen darauf war eines Morgens Sauderland tot. Die Dogge, nicht der Bankier! Sie hatte die Kaiserin durch kein Zeichen der Krankheit erschreckt, am Abend vorher, heißhungrig tote immer, gefressen und sich dann auf ihrem Lager neben dem Ofen ausgestreckt. Am Morgen aber tat sie keinen Schnaufer mehr. Katharina schrie auf. Ein Arzt wurde geholt. Der untersuchte und zuckte die Achseln. Katharina tobte. Ein anderer Arzt wurde beschafft. Der untersuchte und zuckte die Achseln. Katharina fluchte. Ein dritter Arzt kam, untersuchte, zuckte die Achseln. Katharina wies ihm die Tür. verbot bei Todesstrafe, daß jemand das Zimmer beträte, warf sich über die Dogge und weinte: „Sauderland!" Erst als die Mittagsstunde vorüber war, erhob sich die Kaiserin, ging zur Tür und riß an dem Klingelzug, daß dessen eine Hälfte in ihrer Hand verblieb. Ein Kammerherr, Graf Gawrila Iwanowitsch Golowkin, stürzte herein. Da er an diesem Tag zum erftenmal Dienst tat, und seit dessen Beginn um die mittägliche Stunde sehnsüchtig auf den Augenblick wartete, wo die Kaiserin geruhte, ihm etwas zu befehlen, war er überglücklich, daß diese Sekunde der Gnade über Erwarten schnell kam. .Sauderland ausstopfen!" schrie Katharina den Kammerherrn an. noch ehe er aus seiner untertänigsten Verbeugung Wieder hochgekommen war. Gras Golowkin staiw starr wie eine Säule. .Sauderland ausstopfen!" stampfte Katharina auf. Gawrila Iwanowitsch Golowkin traute seinen Ohren »richt Denn wenn er auch von der Dogge Sauderland nichts wußte, den Bankier Sauderland kanirte er aus eigener Anschauung hinlänglich Des öfteren schon hatte er ihn mit jenem Anliegen aufsuchen müssen, das allein russische Grafen und Fürsten zu der Herablassung bewog, den deutschen Krösus mit ihrem Besuch zu beehren. «... Sauderland ausstopfen!" schrie die Kaiserin Katharina zum drittenmal und fügte die Drohung hinzu: wenn es nicht bis zum Anbruch der Nacht geschehen sei, werde zur Strafe dein Kammer- Herrn das Ausgestvpftwerden widerfahren. Da empfahl Graf Golowkin sich so schleunig, daß er die vorschriftsmäßige Abschieds Verbeugung vergaß. Was ging — sagte er draußen zu sich selber — Anlaß. Grausamkeit und Absonderlichkeit des Befehls ihn an? 5>te Kaiserin von Rußland mochte befehlen, was sie wollte — gehorchen war das einige, das ihm oblag. Hatte übrigens Sauderland sein Lebtag anderes getan, als Menschen das Fell über die Ohren zu ziehen? Geschah ihm recht, daß nun endlich er einmal litt, was er tausendfach anderen zugefügt. Und außerdem — endete die Ueberlegung des Kammerherrn — wurde er so auf die geschwindeste Weise vor der Welt seiner Schulden ledig. Graf Gawrila Iwanowitsch Golowkin machte sich also auf und verhaftete den nichtsahnenden Bankier. Don einem baumstarken Gardisten ließ er Sauderland vor sich 6er durch die menschenbelebtesten Straßen Petersburgs führen. Erst hn Kerker eröffnete er ihm: Er werde auf Befehl der Kaiferin Katharii» unverzüglich ausgestopft und zur Warnung für solche Kavaliere, die infolge vorübergehender Verlegenheit sich mit seinesgleichen einlafsen wollten, in einem Palastzimmer als Vogelscheuche aufgestellt - 282 Saufrerlanfr plusterte sich mehr als je in feinem Leben auf, zog die Schultern über den Kopf hinaus und krächzte: „Warum? Warum?" Wisse er nicht, gab Gawrila Iwanowitsch Golowkin zur Antwort. Gehe ihn auch nichts an; Er habe den Befehl seiner allergnädigsten Herrin auszuführen. Der aber laute unmißver-- Wndlich: „Saufrerlanfr ausstopfen!" Der Bankier möge feine Aechnrrng mit dem Himinel begleichen. -Und zwar ohne Säumen. Denn noch: vor Nacht müsse er ihn, solle ihm selber nicht als Strafe das gleiche geschehe:,, ausgestopft der Kaiserin über- kiefern. Graf Golowkin lieh den Gardisten als Wache vor der Kerker-- zelle Sauderlands zurück, begab sich zu einem Kürschnermeister, der sich mit dem Aussiopsen von Jagdtrophäen befaßte, und übermittelte ihm den Auftrag Katharinens. Als Anteil an dem einträglichen Geschäft sprach er sich einen kostbaren Frauenpelz zu, den er, ohne nach dem Preise zu fragen, sogleich mitnahm. Ser Kürschnermeister kratzte sich lange hinter den Ohren. Sann aber — der unbezahlte Pelz wollte wieder eingebracht sein, und schließlich: ein Balg ist ein Balg! — dann machte er sich auf den Weg, um den Befehl der Kaiserin auszuführen. Doch als er sah, daß Sauderland noch lebte, erklärte er dem Zitternden: Er habe ein unentbehrliches Werkzeug vergessen, lief nach Hause, erzählte alles seinem Gesellen und zeterte: Ausstopson? Gerne! Aber man müsse ihm Sauderland so liefern, wie er es nach dem Brauch seines ehrsamen Handwerks verlangen könne. Lebendiges umbringen, sei nicht ihr Gewerbe, sondern Ämge- brachtes so Herrichten, daß es für lebendig gelten könne. Kürschner wären keine Henker! Es gehe, ohne daß man Hand an das Leben des Auszu-- stopfenden lege, erwiderte der Geselle. Ob er es machen solle? Wieviel er von dem Geld der Kaiserin abkriege? Die Hälfte? Ein Biertel! wimmerte der Kürschner, indem er immerfort auf den Pelz hinwies, den Graf Golowkin unbezahlt mitgenommen hatte. Man einigte sich auf ein Drittel, und statt des Meisters ging der Geselle, Sauderland auszustopsen. Als er im Gefängnis angenommen war, ließ er sich das Terzerol des Gardisten geben, betrat die Zelle und eröffnete dem Bankier: Damit habe er sich binnen zehn Minuten, während er draußen mit freut Gardisten schwätzen werde, totzuschießen. Er meine es gut mit ihm. Sei sicher angenehmer, es zu tun, als es getan zu kriegen. Denjn falls man es selber täte, könne man sich die bequemste Stelle aussuchen. Also nicht länger gefackelt! Wenns in zehn Minuten nicht geschafft fei, müsse — so leid es ihm täte — er ihn hinmachen. Zehn Minuten! Keinen Schnaufer länger! Ob er denn eine Ähr habe? forschte Sauderland. Nein,' mußte der Kürschnergefelle zugeben. Doch mit der Zeit kenne er sich trotzdem aus. Aber er, stieß Sauderland vor, er habe eine Ähr. Eine aus Silber. Da! Änd diese silberne Sackuhr gehöre ihm, wenn er ihn zur Kaiserin Katharina gehen ließe. Es müsse ein Irrtum vorliegen. Seine gnädige Freundin könne solches iricht befohlen haben. Wenn es aber doch, der Fall wäre, dann wolle er nicht länger auf der Welt bleiben. Freiwillig werde er zurückkehren! und sich freudig töten, damit der Auftrag der Zarin ausgeführt werden könne. Das Wiederkommen, Sauderlands machte dem Kürfchnerge- feiten, dem die silberne Sackuhr mit ihrem Blinken immerfort in die Augen stach, weniger Sorge als Sauderlands Fortkommen. Er hätte nichts gegen das Geschäft, knurrte er. Aber draußen stände einer, ohne freit es gültig nicht abgeschlossen werden könne. Für freu, krähte Sauderland, die Arme schon zum Fluge lüpfend, werde ficfj auch noch Hinreichend zum Lohn sinden. Der Gardist wurde hereingerusen. Sauderland leerte alle Taschen. Darin war soviel an Geld und Gelfreswert, fraß von dem Haufen des Soldaten itoch etwas zu der Sackuhr des Ge- fellen hinübergeschoben werden muhte. Als Sauderland erklärte, mit der Goldwage daheim könne er die Teilung nicht genauer vornehmen, raffte jeder der Gierigen das feinige an sich, linier dem Schutz des Gardisten verlieh Sauderkand das Gefängnis. Draußen machten sich die beiden Bestochenen ohne Handschlag und schönen Dank auf Nimmerwiedersehen aus freut Staube. Sauderland aber schoß zur Kaiserin Katharina. Gnade! wimmerte er zu ihren Füßen. Katharina begriff nicht. Was er verbrochen habe? Katharina verstand noch weniger. Warum er getötet werden solle? „Getötet?" stieß Katharina hervor. „Wenn man ausgestopft werden soll, muß man vorher wohl oder übel getötet werden!" kreischte Sauderland. ., Ausgestopft?" — die Kaiserin Begriff. Änd mit dem Begreifen stieg ein Lachen in ihr auf, das ihren riesigen Körper durch.schütterte, als wolle es ihn sprengen. Nun begriff Sauderland nicht. Plötzlich.wurde Katharina stille. Änd, indessen Tränen in ihre Augen traten, wies sie zum Ösen. Dort lag die Dogge, alle Biere ausgestreckt. Sauderland glaubte, sie schliefe und. begriff noch immer nicht. Dann ging er auf Geheiß der Kaiserin zu dem Hunde. Da sah Sauderland, daß Sauderland tot war, und begriff. Als der Bankier der kaiserlichen Freundin feine Kümmernisse erzählt hatte, riß Katharina so heftig an dem wunden Klingelzikg, daß er schreiend seinen Geist ausgab. Gros Gawrila Iwanowitsch Golowkin war wenige Minuten zuvor von feinem „dienstlichen Gange" aus den Gemächern seiner Geliebten zurückgekehrt. Hatte er des Mittags seinen Ohren nicht getraut, so mißtraute er nun, da er Sauderland im Zimmer der Kaiserin sah, seinen Augen. Der erboste Bankier hüpfte auf den Verdutztem zu: „Aus- stopsen? Sauderland ausstopfen? Jawohl, Herr Graf: Saufrev- land, den Hund. Den toten Hund da, deut Unsere gnädige Gebieterin meinen Namen zu geben geruhte." Als der Bankier endlich: doch außer Atem kam, befahl die Kaiserin Katharina von Rußland, der Kammerherr Gras Gawrila Iwanowitsch Golowkin habe sich für ein Jahr bei dem Kürschnermeister in die Lehre zu begeben, dem er den Unsinnigen Austrag gegeben habe, Sauderland auszustopfen. Damit er begriffe, was es mit dem Ausstopfen auf sich habe. Sauderland aber, bat Katharina um die Gnade, daß er die Strafe bestimmen dürfe. Änd als die Kaiserin eingewilligt hatte, befahl er Bem fprachlosen Sünder: Er solle die tote Dogge ohne jemandes Hilfe zum Kürschner tragen. So ging denn bald darauf frer buntbetretzte Kammerherr Graf Gawrila Iwanowitsch: Golowkin mitten durch die menschen- Überflutetsten Straften von Petersburg. Aus seinen Schultern — so wie Schlächter ein gemehgiertes Kalb tragen, denn die Dogge war schwer — Sauderland: neben sich — frön Anteil überschlagend, den er dem Kürschner für das Kaiserliche Geschäft abnehmen könne — Sauderland; vor sich, hinter sich — da der Handel, frer fast einem Menschen das Leben gekostet hätte, fchnell ruchbar geworden war — unermüdliches Gelächter. WorMmser Des PlaneLarmms. Von A. Rosar. Die Projektionsplanetarien, von denen schon eine ganze Reihe den Wissendurstigen Belehrung über die erhabene Welt der Gestirne täglich vermittelt, ermöglichen durch die in ihnen zusammengefaßte Erfahrung moderner Optik und Feinmechanik eine fast restlos genaue Wiedergabe der scheinbaren Wege der Himmelskörper. Das Prinzip, einzelne Gestirne durch Projektion eines Lichtstrahles gegen das neutrale, den nächtlichen Himmel nachgebildete Kuppelgewölbe des Vorführungsraumes aufleuchten zu lassen, ist erst später gewählt worden. Die ursprüngliche Absicht des geistigen Urhebers der heutigen Planetarien, des greifen Oskar von Miller, war eine andere: Er wollte ein drehbares Kuppelgewölbe schaffen, an dessen Rundung die Gestirne in Form von befestigten Glühbirnen erscheinen und durch Drehung der Kuppel, in Verbindung mit komplizierteren Bewegungsmechanismen für die Sterne des Sonnensystems, ihren Kreislauf ausführen sollten. Dieser Gedanke erwies sich zwar, wenn die geforderte Genauigkeit der Wiedergabe der Ge- ftirnsbewegung erzielt werden sollte, als nicht durchführbar; er ist jedoch grundsätzlich zutreffend. Denn auch die Versuche früherer Jahrhunderte, die Schönheit des gestirnten Himmels und die Großartigkeit der Bewegung des Universums darzustellen, sind vom gleichen Gedanken wie der Schöpfer des Deutschen Museums aus- gegangen. Wir besitzen Nachrichten aus dem Altertum über Himmelsgloben des Hi pparch, und auch von Archimedes wissen wir, daß er eine durch hydraulischen Mechanismus in Bewegung zu fetzende Himmelskugel gefchaffen hat. Im Mittelatter gab es überall dort, wo die Himmelskunde der Araber gelehrt wurde, für den Unterricht größere oder kleinere Himmelsgloben. Ein persischer Schah im 12. Jahrhundert, soll einen Himmelsglobus- in Form einer gläsernen Kugel besessen haben, in deren Innern ein bis zwei Personen Platz finden konnten, und die dann in Drehung versetzt mürbe. Aber erst im 17. Jahrhundert wurden von verschiedenen europäischen Fürsten Aufträge für den Bau von Himmelskugeln erteilt, die als Vorläufer unserer modernen Planetarien angesehen werden muffen. Von Gottfried Bartsch, einem Vetter des bekannteren Jakob Bartsch (1600—33), der als Keplers Schwiegersohn letzterem bei verschiedenen Untersuchungen mit feiner großen mechanischen Fertigkeit zur Hand ging, wissen wir, daß er um 1670 als Verfertiger von Erd- und Himmelsgloben in einigem Ansehen stand. Bon dem großen Himmelsglobus, den 1683 ein Augsburger Mechaniker namens Treffler hergestellt haben soll, sind wir nur durch eine Notiz in einem gleichzeitigen Buch Über die Herstellung von Glo- ben unterrichtet. Bei weitem wurde ihr beiderseitiger Ruhm überstrahlt durch den des gleichzeitig lebenden Venetianers Marco Vincenzo C o r o n e 11 i (geft. 1718), der sich zuerst als Landkartenzeichner hervorgetan hatte, und nachher in der Ausführung gigantischer ©loben, die freilich mehr den Charakter von Schaustücken als von wissenschafUichen Objekten an sich trugen, es zu hoher Meisterschaft brachte. Der Kardinal D'Eströes überbrachte ihm die Aufforderung für den König Ludwig XVI. ein paar Riesengloben von je 15 Fuß zu konstruieren. Es geschah dies denn auch schon im Jahre 1683, aber erst 1704 wurden die beiden Kugeln endgültig in dem königlichen Lustschlosss Marly bei Pans aufgeftellt. Es wurde gerühmt, daß der Mechanismus, welcher mit den ©loben, von denen der eine die Erd-, der andere die Himmelskugel dar- fteilte, verbunden war, mit äußerster Leichtigkeit funktionierte, so daß ein leichter Fingerdruck hinreichte, um beide in Umdrehung zu fetzen. — 383 — Alle diese Himmelskugeln jedoch waren nur auf ihrer Außenfläche zu betrachten. Sie konnten also nicht die Illusion des Auf- und Niederganges der Gestirne Waffen. Es war einem deutschen Fürsten und einem an seinem Hofe lebenden deutschen Gelehrten vorbehalten, eine Himmelskugel zu bauen, die den Sternhimmel an ihrer Jnnenwölbung darstellte. Am Hofe des Herzogs Friedrich III. von Holstein-Gottorp lebte seit 1633 als Bibliothekar und Anti- quarius Adam Giedrius. Er war um 1600 zu Aschersleben geboren, studierte in Leizig, ward dort Assessor der philosophischen Fakultät und trat 1633 in die Dienste des Herzogs zur Anknüpfung von direkten Handelsbeziehungen mit Persien an den Zaren Michael Feodorowitsch geschickten Gesandtschaft zugewiesen. 1635 zurückgekehrt, schloß er sich der zweiten Hauptexpedition an, an der auch Paul Flemming teilnahm. Obwohl er nicht Führer dieser Gesandtschaft^ war, sind deren letzten Endes doch befriedigender Ausgang und ihre Bedeutung für die Erweiterung vielfacher geographischer und naturwissenschaftlicher Kenntnisse ihm zu verdanken. Olearius blieb auch nach der Rückkehr 1639 in den Diensten des Herzogs. 1647 veröffentlichte er seine „oft begehrte Beschreibung der Neuen Orientalischen Reise, so durch Gelegenheit einer holsteinischen Legation an den König in Persien geschehen", eine in wissenschaft- licher wie schriftstellerischer Hinsicht für jene Zeit mustergültige Leistung. Olearius, der seit 1651 auch Mitglied der „Fruchtbringenden .Gesellschaft" mit dem Namen „Der Vielbemühte" war, führte bis zu seinem Tode in Gottorp, 23. Februar 1671, das Leben eines vielseitigen, angesehenen Gelehrten, das ihn, die Beinamen „Holsteinischer Plinius" und „gotterfischsr Ullysaes" brachte. Es ist wahrscheinlich, daß die Erzählung von dem oben erwähnten gläsernen Himmelsglobus, die er auch in seiner Reisebeschreibung erwähnt, Olearius die Anregung gegeben hat, dem Herzog Friedrich den Bau der beiden großen Globen aus Kupfer „Automato-Aftronomico-Cosmographia", vorzufchkagen, deren einer die Erd- und Himmelskugel zugleich darstellte, um die elf Fuß lange Achse drehbar war, während der andere, bedeutend kleinere, ein Bild des capernikanischen Planetensystems gewährte. Als Gehilfen standen ihm bei diesen, unter seiner Leitung von 1656—64 währenden Bau der Mechaniker 'Andreas Busch aus Limburg, sowie für die Inschriften die Brüder Rothgieher aus Husum zur Seite. Dieser „Gottorpschc Globus", der 1714 durch Peter den Großen nach St. Petersburg gebracht wurde, wo sich 1904 in Zarkoje Selo noch Fragmente davon befanden, sollte gleichmäßig den Zwecken der Erd- und Himmelskunde dienen und trug deshalb auf seiner Außenseite die Umrisse der Länder und Meere, auf seiner Innenseite die Sterne und Sternenbilder. Die Gestirns sind durch kleine Löcher dargestellt, die in den Mantel von Kupferblech gebohrt waren. Der große Globus Ijatte. bei seinem Clf-Fuß-Durch- messer ein Gewicht von ca. 65 Zentnern. Ein verschließbares Türchen gestattete einem Dutzend Personen in das Innere einzutreten. Diese konnten dann auf einer kleinen, an der eisernen Drehungsachse befestigten Plattform Platz nehmen, worauf der Mechanismus in Gang gesetzt war, und die Rotation der scheinbaren Himmelskugel begann. Eine Galerie vertrat den Horizont, so daß man also den Auf- und Niedergang der einzelnen Gestirne deutlich zu verfolgen vermochte. Natürlich war eine zweite Art der Bewegung bei solchem Koloß nicht wohl denkbar, und so blieb der Globus ein für allemal auf die Polhöhe von 54t Grad eingestellt, so das; der Einfluß der Jahreszeiten auf die Bewegung des Fixsternhimmels nicht zur Darstellung gelangte, lieber den Antrieb dieses riesigen Globus schreibt Olearius selbst in, 28. Kapitel des S. Buches in der 3. Ausgabe (1663) seiner Reisebeschreibung: „Des- seibigen Globi-Bewegung, geschieht nach der Bewegung des Himmels durch künstliche große Räder, welche von einer vom Berge laufenden Wasserquelle nach gewissem Maße getrieben werden." lieber das Schicksal des kleineren Globus, der das Bild des koperni- kanischen Planetensystems gab, sowie über dessen Einrichtung, ist nichts näheres überliefert. Ein Himmelsglobus, den König Christian V. von Dänemark 1696 bei Erhard Weigel, dem berühmten Jenenser Professor bestellte, bestand ebenfalls aus Kupfer und hatte einen Durchmesser von 10 Fuß, war aus ähnlich wie der holsteinsche für die Aufnahme von zehn Personen eingerichtet, innen waren neben den Fixsternen auch die Planeten angebracht. Die im Zentrum befindliche kleine Erdkugel stand still oder bewegte sich, je nachdem das ptolemäischs tychonische oder das kopernikanische System veranschaulicht werden sollte. Weigel hatte übrigens die seltsame Idee, die überlieferten Sternbilder vom Firmamente zu verdrängen und durch die Wappen der europäischen Herrscherfamilien am Himmel zu ersetzen. Er wollte „daß statt der mehrenteils abscheulichen und fabulosen Bilder, womit die Poeten den sonst reinen Himmel beschmutzt und der abgeschmackten, sogar garstigen Possen, Gottes und der klugen Menschen Werke, Ordnungen und Taten am Himmel betrachtet würden". So wurde aus dem großen Bären der dänische Elefant, aus dem Orion der österreichische Doppeladler, und nur der Adler mit dem Antonius durfte als brandenburgischer Adler seine Stelle behalten. Diese Neuerung hatte allerdings ihren Vorläufer in den Bemühungen um „christliche" Sternenbilder. So ärgerte sich Julius Schiller (1580—1627), Rechtsgelehrter und Scholarch in Augs- burg, über die heidnischen Sternbilder, und verband sich mit seinem Freunde Joh. Bayer, einen solchen „christlichen" Sternhimmel zu entwerfen. Die zwölf Tierkreiszeichen sollten den für die zwölf Stämme Israels stehenden Aposteln, der Perseus dem Heidenapostel Paulus weichen — die Stelle des großen Bären sollte dem Schiffe Petri, diejenige vom Argo navis der Arche Noah gegeben werden — der Schlangenträger wurde durch den Papst Benedikt ersetzt, der Pegasus durch den Erzengel Gabriel, der Fuhrmann durch den heiligen Hyronimus, — Herkules war durch die hl. drei Könige verdrängt, Kassiopeia durch Maria-Magdalena, der Centaur durch den Erzvater Abraham, der Paradiesvogel durch Eva, der Orion durch den hl. Joseph, der große Hund durch den König Damd — usw., wobei natürlich nur selten der Umfang der alten Bilder eingehalten werden konnte. Alle diese Vorschläge fanden kaum Anklang, und Globen und Himmelsatlanten, z. T. in schönster Ausführung, mit „heraldischen" und „christlichen" Sternbildern werden als Kuriositäten von den Musen bewahrt. Im Gegensatz hierzu haben die schönen Sternbilder, die Albrecht Dürer für den Himmelsatlas seines Freundes Konrad Heynfogel in Holzschnitt gezeichnet hat, den Karten und damit auch den Verfertigern von Himmelsgloben der folgenden Jahrhunderte fast ausschließlich zum Vorbild gedient. Im 18. Jahrhundert begegnen wir keinen neuen Versuchen, mit den Mitteln der verbesserten Mechanik und durch die Hewtonsche Gravitationslehre vertieften Kenntnis von der Bewegung der Himmelskörper, Himmelsgloben im Sinne von Olearius und Weigel herzustellen. Das Interesse beginnt sich ausschließlich der mathematischen Theorie astronomischer Größen zuzuwenden, während die Mechaniker ihre Erfolge durch Herstellung spielerischer Automaten suchen. Vielleicht wäre sonst dieser Zeit die Schaffung eines Planetariums im Sinne der ursprünglichen Idee Oscar von Mtllers bereits gelungen. Blut rrnd Eisen. Von Max C y t h. (Sortierung.) Achmeds Augen funkelten. „Jnschallah!" rief er inbrünstig und küßte meine Hand. Die Kunde verbreitete sich wie durch Zauberei nach der Lokomotive am andern Ende des Feldes, die ungeheißen, in plumpem Eifer, über den halbfertigen Acker uns entgegengehumpelt kam. Eine Haide Stunde später hatten beide Maschinen ihre Drahtseile aufgewickelt, den Pflug zum Transport angehängt und dampften auf dem breiten Damm neben dem Hauptbewässe- ningskanal des Gutes hinter mir her gegen Schubra. Run ist der Boden Aegyptens auch in der trockensten Jahreszeit, wenn er steinhart zu sein scheint, für Straßenkolomotiven ein gefährlich Ding, namentlich in der Nähe eines Bewässerungsgrabens. Ein Mausloch in der Böschung, eine Wurzel, die durstend dem Wasser zuwuchs, kann diesem den Weg in den Untergrund bahnen und ihn auf weite Strecken in seinen alten Nilschlamm verwandeln, wovon die Hartgebackene Oberfläche nichts verrät. Wenn dann eine englische Straßenlokomotive mit ihrem Gewicht von dreihundert Zentnern ahnungslos über die Stelle fährt, so setzt sie sich großen Ueberraschungen aus. Einige Jahre später wußten wir dies alles sehr genau und waren besser auf unsrer Hut, als an jenem verhängnisvollen Abend. Das plötzlich unregelmäßige Pusten der Hinteren Maschine veranlaßte mich, nach rückwärts zu sehen. Ihr Schornstein, aus dem dichter schwarzer Rauch in angstvollen Stößen in den Abendhimmel hinauswirbelte, stand etwas schief. Noch ein Ruck, und er neigte sich um zwanzig Grad gegen Süden. Ich sprang vom Esel, der sich nicht schnell genug drehen konnte, und der Uglücksstätte zu. Das rechte Hinterrad war trotz seiner Riesenbreite von dreiviertel Meter bis halb an die Achse eingesunken. Der Kessel stand auf dem Aschenkasten der Feuerbüchse statt auf seinen Rädern und schien am liebsten in deut zwei Schritte entfernten Kanal versinken zu wollen, aus dem uns das dicke gelbe Nilwasser gurgelnd entgegenkam. Neu war die Sachlage nicht. Meine Leute hatten sie in der ersten Zeit ägyptischer Dampfkultur in den verschiedensten Varianten erlebt. Achmed galoppierte nach einer halben Minute auf meinem Esel nach Schubra, um Winden, einen Wagen Holz, Palmstämme, Faschinen Bauholz — was er erwischen konnte — und ein Dutzend Fellachin herbeizuholen. Dies kostete qualvolle drei Viertelstunden, in denen nichts zu tun war, als den Wasserstand in dem immer tiefer sinkenden Kessel zu beobachten, den zischend abblasenden Dampf zu regeln und einen prachtvollen Sonnenuntergang zu genießen, aus dessen Glut die ferne Cheopspyramide wie aus einer stillen, kaum mehr irdischen Welt jenseits aller Not und Angst herüberstrahlte. Wie hatte Cheops es so gut — das heißt, wenn er noch in seinem Porphyrfarkophag läge, was bekanntlich nicht der Fall ist. In sinkender Nacht ging es ans Schrauben, Hebe», Unterbauen. Die zwölf Fellachin hingen, laut nach Allah rufend, an einen Palmstamm, der als Riesenhebel vortreffliche Dienste leistete, bis er krachend zusammenbrach und die ganze Gesellschaft heulend, ober wohlbehalten, am Boden lag. Ein zweiter Baum, der einem benachbarten Fellahhäuschen entrissen wurde, half weiter. Das Geschrei der Hausbewohner, die sich schon zur Ruhe begeben hatten und ihr Dach verschwinden sahen, förderten die Arbeit mehr, als sie es störte. Der Mond stand zum Glück strahlend am Himmel, Hunde und Grillen hatten ihr Abendlied angestimmt, die ganze Natur um uns her atmete den etwas lärmenden Frieden einer orientalischen Nacht. Nur um meine Maschine knarrte, krachte, stöhnte und schrie es weiter. Aber der tiefgeneigte Schornstein richtete sich mehr und mehr auf; ein kurzer Knüppeldamm war über die gefährlichste Stelle gelegt. Weitere fünf Minuten waren erforderlich, nm den gesunkenen Dampf wieder in Ordnung z» bringen. Dann schickte Achmed einen gellenden Pfiff in die Nacht hinaus, und dröhnend und krachend, den Holzbau zermalmend, den Kniippeldamin nach allen Seiten schleudernd und wie ein Schiss im Sturm hin und her schwankend, wälzte sich das schwarze Ungetüm auf die trockene, feste Seite des Weges hinüber. Auch dort noch schwankte dec Boden wie im wildesten Erdbeben. Vorwärts! vorwärts! — Krasch! — Die Vorderräder flogen, als wären sie toll geworden, plötzlich nach links herum dem Kanal zu. Doch die Maschine stand still. Sie war auf festem Boden; nur die Steuerkette, welche die Vorderräder beherrfcht, war gebrochen. Ein Stück der herumfliegenden Balken hatte sich in derselben verfangen. Der Mann am Steuerrad war dabei von der Maschine heruntergeschleudert worden, und nur Achmeds, meines braven Maschinenführers, rasches Abstellen des Dampfes hatte verhindert, daß wir mit vollem Dampf in den Kanal hineingefahren wären. „Malisch! Macht nichts!" rief ich, um den Mut der Leute zu stärken. Es ist das Wort der Worte jedes Aegypters und hilft in rätselhafter Weife über den Jammer selbst seines Daseins hinweg. Wir waren wenigstens aus dem Sumpf heraus. Auf unser morgiges Schlachtfeld muhte die Maschine heute noch gebracht werden, koste es, was es wolle, Ich ritt nun selbst nach Schubra, meine Truppe von Fellachin keuchend hinter mir her. Was wir an Ketten finden und an Laternen auftreiben konnten, war in einer Viertelstunde auf dem Weg nach dem Kanal. Dann ging es an ein Probieren, Flicken, Verschlingen, Zusammenschrauben der Ketten im Schlamm unter dem Bauch der unwirsch dastehenden Maschine, die uns gelegentlich mit einem Guß siedender Wassertropfen ermunterte, daß es eine Freude war. Die Leute arbeiteten unverdrossen, sobald und solange ich mich selbst mit ihnen im Schlamm wälzte, und nach einer weiteren Stunde konnten wir langsam und bedächtig weiterfahren. Die geflickte Steuerkette wollte mit Vorsicht behandelt {ein; aber sie hielt stand, bis wir in das mondbeglänzte Feld einbogen, an dessen fernem Ende Howards Apparat, sauber und korrekt aufgestellt, unser dröhnendes, staub- ünd schlammbedecktes Fuhrwerk mit aristokratischer Ruhe erwartete. Der Kamps. Der prachtvolle ägyptische Morgen brach an wie alltäglich und fand alles in Bewegung, nachdem ich die Leute, die zunächst nötig waren, mit freundlichen Worten und dem Stock meines Sais ein wenig ermuntert hatte, in jener fünftausendjährigen Sprache des alten Nillandes, in der ich mich schon ziemlich deutlich ausdrücken konnte, und die, wenn sie richtig und ohne boshaften Ernst gesprochen wird, dem Fellah nicht nur die verständlichste, sondern, man könnte fast glauben, auch die liebste ist. Die gebrochene Kette wurde durch eine neue ersetzt, die mit Schlamm überzogenen Räder gewaschen, die beiden Maschinen an den Feldenden aufgestellt, die Seile ausgezogen und am Pflug befestigt, und dieser, ein gewöhnlicher Vierfurchenpflug, zum Beginn der Arbeit bereitgestellt. So sah das Ganze, mit Howard an einem und Fowler am' andern Ende der fünfzig Hektar, in der Ferne fast aus, als ob wir in England stünden. Wären wir tatsächlich dort gewesen, mit englischen Arbeitern auf den Maschinen, so hätte ich mit ruhiger Zuversicht den nächsten Stunden entgegengesehen. So aber frühstückte ich doch mit einigem Herzklopfen. Meine braven Fellachin waren wohl voller Eifer und hatten sich sogar feiertäglich herausgeputzt. Aber wer konnte wissen, was uns bevorstand? Mit Allah läßt 'sich nicht spaßen. Er gibt den Sieg, wem er will, sagt sein Prophet, und seine Gläubigen beugen sich, ohne zu murren. So weit sind wir Christen noch lange nicht. Um acht Uhr kam Bridledrmn mit seinen Leuten von Kairo, und auch die Howardsche Maschine begann zu rauchen. Ich zeigte ihnen alles, was für sie vorbereitet mar: ihre abgewogenen Kohlen, die wir zusammen nachwogen, die Einrichtung für ihre Wasserzufuhr, die Kanne Schmieröl, die ihnen zur Verfügung stand. All das wurde von der Gesellschaft mit stummen Zeichen des Einverständnisses, jedoch etwas mißtrauisch entgegengenommen. Dann stattete ihr erster Dampfpslüger, ein wackerer Bedfordshiremann, meinen Maschinen einen Besuch ab, und zum erstenmal erschien auf seinem breiten, ehrlichen Gesicht ein Lebenszeichen: schmunzelnde Zufriedenheit. Die Maschinen sahen allerdings nicht aus, als ob sie für ein Siegesfest aufgeputzt wären. Und die Rigger! Der Mann, der schon auf Barbados in den Antillen gepflügt hatte, teilte seit jener Zeit die Menschen in zwei Klassen: Engländer und Rigger. Ein Fowlerscher Pflug, und bloß Rigger, die ihn bedienten! Das konnte nicht ernsthaft gemeint sein! Von neun Uhr an kamen Esel, Pferde und selbst Wagen aus Kairo, verirrten sich in allen Enden und Ecken des Guts — die meiste» schienen zu glauben, die Prüfung finde in meinem Hause statt — und sammelten sich schließlich im Versuchsfelde: Bridledrums Freunde aus dem Hotel Shephecird, die Witwe mit ihrem Söhnchen voran, O'Donald, voller Eifer, mich gegen Bridledrum und Bridle- brum gegen mich aufzuhetzen, Doktor Beinhaus, ernst und kampfes- grimm'tg wie immer, Heuglin mit der Ruhe eines schwäbischen Philosophen, den die Sonne Afrikas gedörrt hat. Der Vizekönig kam nicht; an seiner Stelle dagegen in prächtigem Wagen hinter zwei wundervollen arabischen Hengsten und in voller ägyptischer Amtstracht sein Finanzminister Sadyk, damals noch Bey, und zwei Adjutanten. Dann folgten kleine Paschas und große Grundbesitzer: Rubar, Sheriff und andre, die hilflos auf dem Felde herumstanden und sich gegenseitig die wunderbaren Dinge zu erklären suchten, die sie nicht verstanden. Um halb zehn erschien Halim in dem eleganten Korbwagen, den er benutzte, wenn et den Landwirt spielte, mit seinem ständigen Adjutanten Rames Bey an der Seite, dem baumlangen Tscherkessen in goldstrotzender Mameluckentracht, dessen Hauptaufgabe es zu sein schien, seinem kleinen, nervös lebhaften Herrn alle dreißig Sekunden eine neue Zigarette zu reichen, die dieser nach zwei Zügen wegwarf. Der Pascha begrüßte zunächst seine vornehmsten Gaste, die sich tief vor ihm verneigten, dann schüttelte er Bridledrum die Hand und ließ sich den Howardschen 'Apparat von ihm erklären, alles mit scharfen Blicken prüfend, aber ohne ein Wort zwischen die nicht ganz gewöhnlichen französischen Phrasen des Engländers zu werfen. Darauf rief et mich heran und meinte, daß für alle Anwesenden eine möglichst kurze Prüfung genügen würde. Jeder Apparat möge, um halb elf beginnend, eine volle Stunde arbeiten und so viel und so gut pflügen, als es ihm möglich sei. In einer Stunde könne sich dann jedermann selbst seine Meinung bilden. Ich hätte lieber wenigstens einen halben Tag lang gepflügt; dabei hätte sich deutlicher zeigen können, was jedes der zwei Systeme wert ist. Doch blieb uns beiden, Bridledrum und mir, vorläufig nun nichts weiter übrig, als in zehn Minuten draufloszuarbetten, fo gut wir konnten. Wir gingen jeder zu feinen Maschinen. Halim, einen riesigen Chronometer in der Hand, blieb mit der Mehrzahl unserer Gäste um Howards Apparat. Ich konnte ungestört nachsehen, ob alle Maschinenlager genügend geschmiert waren. Auch die Leute schienen es zu fein. „Fünfzig Piaster Mann für Mann, wenn uns Allah den Sieg verleiht!" war die Losung, die von Mund zu Mund ging, und Achmed schraubte, ohne daß ich es bemerkte, die Federbelastung der Sicherheitsventile fester, um wenigstens die Dampfspannung etwas höher halten zu können, als erlaubt war. Wenn Allah bestimmt hatte, daß wir in die Luft fliegen sollten, waren ja doch alle Sicherheitsventile nutzlos. Die Engländer hatten, wie ich nachher entdeckte, in aller Ruhe das gleiche getan. Ein dreifacher Pfiff verkündete, daß es halb elf war. Emsig keuchend stießen die Maschinen ihre weißen Dampfwolken in den tiefblauen Himmel und begannen die mächtigen Pflüge in den Boden zu ziehen. Es knirschte und trachte, daß es eine Freude war. Für mich war dies alles natürlich ein alltägliches Vergnügen. Der Äcker mit seinen fürchterlichen Kämmmen und Wasserfurchen in dem steinharten Boden, die der Baumwollbau mit sich bringt, war eines der Durchschnittsfelder, wie ich sie jeden Tag aufzubrechen hatte. Wie ein Schiff im Sturm schwankend glitt der Pflug vorwärts; etwas zu schnell, fo daß man ihm nur halb im Trabe folgen konnte. Die fünfzig Piaster wirkten, und mächtige Schollen, kleinen Felsblöcken gleichend, wurden wild auf die Seite geschleudert. Ich ließ den Pflug die dreihundert Meter lange Strecke zwischen den beiden Maschinen ein paarmal hin und her laufen und ermahnte die Maschinenwärter, nichts zu überstürzen. Cs war nicht nötig, überschnell zu arbeiten. Dann konnte ich Howards Apparat einen Besuch abftatten. Schon bei seiner ersten Bewegung von einem Acker zum andern war der Pflug zweimal stillgestanden. Das eine Mal hatte der Anker in dem steinharten Boden nicht gefaßt und sich dem Pfluge entgegen in verzweifelten Sprüngen auf die Wanderschaft gemacht. Beim zweiten Stillstand hatten die Engländer mit der Ruhe, die sie nie verläßt, einen der vier Pflugkörper des Gerätes abgeschraubt und auf diese Weise den Vierfurchen- in einen Dreifurchenpflug verwandelt. So ging es besser, wenn auch noch immer langsam und in gewaltsamen, stohartigen Zuckungen. Die Maschine war sichtlich zu schwach für einen derartigen Boden. „Run, Herr Bridledrum," fragte ich meinen Freund und Gegner, „wie gefällt Ihnen 'Aegypten? Sie bemerken wohl, es ist nicht alles Sand hier?" „Heißen Sie das Erde? Verfluchte Backsteine!" antwortete er grimmig. Er war offenbar an der Grenze seiner Spannkraft angelangt. Ich wußte es aus Erfahrung: Es ist keine Kleinigkeit, lächelnd die Vorteile eines Systems zu preisen, während man jeden Augenblick erwartet, ein Seil reißen ober einen Anker in die Lust fliegen zu sehen. Halim war zu den Fowlerschen Maschinen hinübergegangen. Bridledrum konnte Atem holen und sich mir gegenüber etwas gehen lassen. „Ich glaube, Sie haben das härteste Feld im ganzen Rilland für uns ausgewählt", fuhr er mit einem Lächeln fort, unter dem es kochte. „Macht nichts, Herr Eyth, wacht nichts! So haben wir es am liebsten. Wir werden Ihnen schon zeige», was pflügen heißt. Der verteufelte Anker!" Am fernen Ende war der Eckanker wieder ausgeriffen. Bridledrum trippelte ungeduldig in der keineswegs musterhaften Furche herum. Der Gang des Pfluges war zu unstet, um eine regelmäßige Tiefe einhalten zu können. Doch war ich zu höflich, darauf hinzu- weifen;. es war flat, ich konnte unbeschadet des Endergebnisses alte Rücksicht auf die Gefühle meines Gegners nehmen. Wir sahen, während er widerspenstige Anker zurückgeschleppt und wieder in den Boden eingelassen wurde, nach Fowlers Pflug hinüber, der ruhig, aber mit gefährlicher Geschwindigkeit durch das Feld segelte. Aus der Ferne sah sich dies vortrefflich an, namentlich für die ahnungslosen Zuschauer, welche nichts von den zitternden Sch?dubeü und Zapfen wußten, die, wenn die höllischen Mächte es wollten, jeden Augenblick eine Katastrophe herbeiführen konnten. Der Pflug jagte jetzt förmlich, in eine haushohe Staubwolke eingehüllt. Ich nickte Bridledrum ermunternd zu und beeilte mich, nach meinen Maschinen zu kommen. f Fortsetzung folgt.) echrtftleitung: vr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Birch-, und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.