Gietzener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gietzmer Anzeiger Jahrgang 1926 Dienstag. Sen 4. Mai Rümmer 56 Wegweiser. Don Hans Franck. Wie Diele haben wohl vor dir gestanden nnd glaubten ein Wohin? und ein Woher? ein Da! und Dort!, ein Kreuzundquer, und sahen nicht: daß alle Wege landen im ewig Einigen, von dessen Dranden aus jedem Ziel nicht mehr uns wiederhallt als aus der Muschel, die das Meerlied lgllt, und das mit keinem Suchen je wir sanden — Und dennoch: nicht ein Wahn der Dielen Glaub«! So wie der ganze Weinstock in der Traubs — sein Grünen, Blühen, seines Lebens Saft, fein Weinen, seine Träume, seine Kraft — ist im „Daheim!" die ganze Erde. Gnad uns Gott und weise du uns unfern Psad. „Kommt, laßt uns unfern Kindern leben!" Friedrich Fröbel zum Gedächtnis. Don Dr. W a l b r a ch. „In den Kindern liegt die Zukunft, in den Kindern spätres Heil: Was wir hoffen und erstreben, ihnen wirü's vielleicht zuteil. Kinder find die Diamanten in dem Schah der Gegenwart, Kinder sind die jungen Sonnen, deren Licht man froh erharrt. Besser, besser wird's ja kommen, solcher Hoffnung darf man traun; Was wir wünschen, was wir wollen, besser wird's die Nachwelt schaun! Laßt den Schatz uns liebend pflegen, und dann gilt der Diamant, And es leuchten dann die Sonnen, von der Zukunft anerkannt, Wenn die Großen alle schlafen, werden groß die Kleinen sein, Eine fromme freie Nachwelt ist «inst unser Leichenstem. And die Nachwelt find die Kinder, Kinder unser Heiligtum. Kinder: Diamant und Sonne, Kinder: Leichenstein und Ruhm. Am 21. April 1782 wurde Friedrich Fröbel, als Sohn eines Pfarrers, im Thüringer Wald geboren. Seine ersten Lebensund Knabenjahre liehen ihn mehr Wolken als Sonne an seinem Himmel schauen. Noch nicht ein Jahr alt verlor er seine Mutter, und die Stiefmutter, die er im 4. Jahr bekam, zeigte wenig mütterliches Gefühl für ihn. Den ersten Unterricht genoß er 6et seinem viel beschäftigten Dater, der den geistigen Fähigkeiten des Sohnes wenig zutraute. Er besuchte dann die — Mädchenschule des Dorfes, weil es dort sauberer und ordentlicher zuging, und hat sich noch in späten Jahren gern dieser Zeit erinnert. Aber die schlechten Beziehungen zur Stiefmutter, die den Dater zu beeinflussen wußte, dauerten fort, bis eines Tages fern Onkel — der Superintendent Hoffmann, der Bruder seiner Mutter ihn zu sich nach Stadtilm nahm. „Es kam Gleichgewicht in mein Leben", schreibt er später über die Jahre, wo er die Stadtschule besuchte. Seine liebsten Fächer waren Neligivn und Aechnen, für das er offenbar eine besondere Begabung hatte. Das frische Ungebundene Leben bei dem Onkel ging mit der Konfirmation zu Ende. Da die Stiefmutter ihn für zu unbegabt hielt, auch neue unvermeidliche Entbehrungen nicht auf sich nehmen wv-cke, muhte ein praktischer Beruf für Friedrich gefunden weroen. So kam er zu einem Förster am Rennstieg auf dm: Hohe des Thür. Waldes in die Lehre. Friedrich gab sich redlich Muhe und eignete sich ein schönes Wissen in Mathematik an; aber fleißige Beobachtung der Natur lieh diese ins Zentrum seiner Wunsche rücken. Dabei erkannte er, daß die Selbstkenntnis M seiner inneren Vollkommenheit näher bringen werde: „ich beooach.ete mich so viel ich konnte". And allmählich erfüllte ihn immer mehr der Gedanke, eine Universität zu besuchen, um dort zu finden. was ihm fehlte. , „ . , , . Inzwischen war die Lehrzeit vorüber, und er kehrte frohen Mutes nach Hause zurück. Aber der Förster, etn gewissenloser Mensch, spielte ihm einen schlechten Streich, indem er dem Dater einen taugen Klagebrief schrieb, weil er hofite, auf diese Weise Friedrich zur weiteren entschädigungslvsen Ausbildung zu gekommen. Dementsprechend war der Empfang kalt, und nie Euern versuchten gar nicht, dem Sohne näher zu kommen. Einer der Brüder studierte in Jena Medizin. Da 'hm eine eilige Geldsendung zugehen sollte, wurde Friedrich mit dem Aeber- bringen beauftragt. Er atmete in der freien Luft der Ämversltat auf und erwirkte vom Dater die Erlaubnis, bis zum Seme^im: fchluh in Jena bleiben zu dürfen, wo er Unterricht im Zehnen nahm. Mit Beginn des nächsten Semesters kehrte er nun als Student nach Jena zurück. Das geringe von der Mutter ererbte Vermögen sollte ihm das Studium der Eameralia ermöglichen. Die großen Erwartungen, mit denen Fröbel die ersten Dorlesungen besuchte, wurden insofern enttäuscht, als er erkennen muhte, daß der Kreis der Dinge, die er glaubte lernen zu sollen, zusehends weiter ward. Auch hier war es die Natur die ihn am meisten anzog. Scharm am Ende des 2. Semesters kam er durch feine Gutmütigkeit in schlimme Derlegenheit. Er half seinem Bruder aus Geldschwierigkeiten, muhte aber selber bald darauf Schulden machen, weil das Geld trotz aller Einschränkung nicht ausreichen wollte. Eine Klage beim akad. Senat hatte den Erfolg, dah Fröbel für 8 Wochen in den Karzer kam. Diese Zeit der Schuldhaft benutzte er zur Ergänzung seiner Latetnkenntnisse, für eine geometrische Probearbeit und das Studium von Winkelmanns Briefen über die Kunst. Allein der schriftliche Verzicht auf sein künftiges väterliches Erbteil endete im Frühjahr 1801 seine Haft. Es liest sich gar leicht über diese Karzerwochen hinweg, aber was fie für den feinfühlenden, gewissenhaften, seelenreinen Studenten bedeuteten, vermögen wohl die wenigsten wirklich zu ermessen. Trotz aller Enttäuschungen und vorübergehenden Niedergeschlagenheit kormte ein solches äußeres Mißgeschick ihn nicht entmutigen. Er wußte, daß sein Wollen und Streben rein war. und dies Bewußtsein hielt ihn aufrecht, ließ ihn zu dem werden, was er für die Menschheit heute noch bedeutet. Sich selber zu erkennen und zu veredeln war sein Bestreben in allen Lebenslagen, und das ist es wohl mehr als sein praktisches Wirken, was seinen Namen bis heute und noch für lange Zeit erhalten hat und wird. Nach seiner traurigen Rückkehr von Jena lebte er kurze Zeit daheim; dann begannen seine Wanderjahre, in denen er neben seinem Beruf dauernd an seiner Weiterbildung arbeitete. Im Sommer 1803 ging er nach Frankfurt a. M., um — Architekt zu werden. Auf der Reise dorthin besuchte er seinen Bruder Christoph und gelangte dann nach Eisenach. Als er von der Wartburg herunterschritt, tauchte wie eine Vision das eigentliche Ziel seines Lebens vor ihm auf. „Rückblickend auf sie kam mir der Gedanke eines höheren, erziehenden Berufs und Wirkens, welcher Gedanke jedoch, als meinem äußern Leben so ganz fernliegend, aufblitzend wieder verschwand." Aber so fern wie er gemeint hatte, war der Gedanke nicht. Kurz nach seiner Ankunft in Frankfurt führte ihn das stets liebevoll leitende Geschick — wie er selber sagte — mit dem Ober-Lehrer der Musterschule. Gruner, zusammen, und bald darauf wurde Fröbel Lehrer an dieser Anstalt. Gr wurde mit Pestalozzis Ideen bekannt und faßte die Hoffnung ebenso wie dieser Menschheitserzieher „durch eigene Kraft noch das Fehlende" in seiner Ausbildung nachzuholen. Die Begegnung mit Gruner bedeutet die entscheidend« Wendung sn feinem Leben; jetzt sah er klar und unverrückbar sein Ziel vor Augen*): Im August 1805 besuchte er Pestalozzi in Pverdun für 14 Sage. In Frankfurt — er war inzwischen angestellt worden — verband er feine eigenen erzieherischen! Gedanken mit dem, was er aus der Schweiz mitgebracht hatte, und aenoß die Befriedigung, von den Amtsgenossen durchaus anerkannt zu werden. Trotzdem fühlte er seine Unvollkommenheit und Mängel. Nach zweijähriger Tätigkeit löste er sich von der Musterschule und übernahm die Erziehung der Söhne Holzhausen, mit denen er 'für zwei Jahre zu Pestalozzi reifte. Er lernte viel in Bverdun, erkannte aber auch klar die Fehler, vor allem, daß Pestalozzis Schulpraxis mehr zur Vereinzelung als zur Einheit führte. 1810 kehrte er nach Frankfurt zurück. Am an seiner eigenen Ausbildung weiter arbeiten und so manchs Lücke in seinen Kenntnissen ausfüllen zu können, löste er das Verhältnis zur Familie Holzhäusern und ging besonders zum Studium der Naturwissenschaften nach Göttingen. Der Gedanke eines einheitlichen Gesetzes, das durch die ganze organische Welt hindurch geht, und das auch ldas Entwicklungsgesetz des Menschen ist, erfaßte ihn immer tiefer und führte ihn dahin, daß man dieses Gesetz auch auf die Erziehung anwenden müsse. Ein Jahr später siedelte er nach Berlin über, wo besonders Marheineke, Fichte, Schleiermacher u. a. ihn anzogen. Die Mittel zum Studium verdiente er durch Unter« richt in der Plamannschen Anstalt. Da überraschte ihn der Ausbruch des Befreiungskrieges. Seine Heimat rief ihn nicht, aber das Gefühl, ein Deutscher zu sein, bestimmte ihn, bei den Lutzow- *) Er wollte Menschen bilden, die mit den Füßen auf der Erde stehen, deren Haupt an den Himmel ragt und deren Herz Erde und Himmel eint. - 142 scheu Sägern einzutreten. „Es war mir gar nicht zu denken rnög- lich, wie ein junger Mann Erzieher von Kindern werden könne, deren Vaterland er nicht mit seinem Blut und Leden verteidigt habe." Der Militärdienst machte ihm, wie er selber schreibt, Freude. Sri der anerkannten Notwendigkeit sah er Freiheit, und der Mensch wurde ihm zu einem besonderen Gegenstand des Nachdenkens. Er lernte das Wechselverhältnis zwischen Geist und Körper kennen, das ihm zeigte, „wie der einzelne Mensch int Kriege sich wenig gehört, sondern nur dem Ganzen, und wie er daher auch vom Ganzen wieder getragen werden müsse". Sm Verlauf des Feldzugs ergriff ihn eine Begeisterung für das deutsche Land und Volk: „mein Streven bekam eine Richtung auf das Nationale". Änd noch etwas von großer Bedeutung für sein späteres Leben gewährte ihm das Kriegsleben: er gewann zwei Freunde. Middendorf und Langethal. Am Wend, da die Nachricht von Körners Tod kam, saßen die drei Kameraden zu- sammen. taufdhten ihre Gedanken aus, und schlossen einen Bund fürs Leben, ihr Dasein dem Gedanken zu weihen, „den Menschen harmonisch aus sich selbst herauszubilden", und „die schaffende Kraft in ihm zu erwecken". Nach dem Friedensschluß kehrten die Freunde nach Berlin zurück, wo Fröbel am mineralogischen Museum arbeitete. Aber unablässig wirkten die Gedanken der naturgemäßen Erziehung, vor allem der Kinder bis zum sechsten Sahre, in ihm, bis ein äußeres Ereignis seinem Leben die endgültige Richtung gab. Sein Bruder Christoph war unter Hinterlassung von vier Kindern verstorben: als die Witwe Fröbel um Hilfe anging, übernahm er die Erziehung ihrer Kinder und zweier Söhne seines Bruders Christian. Sn Keilhau begründete er 1817 wohl mit Unterstützung Middendorfs und Langethals seine Erziehungsanstalt, deren leitender Grundsatz es war, die Schüler zur Selbsttätigkeit zu erwecken. Sm nächsten Sahre verheiratete Fröbel sich mit der Tochter des Kriegsrats Hoffmeister in Berlin, die ihm mit liebevolle/m Verständnis beistand. Die Demagogenriechrrei in der Reaktionszeit richtete sich auch gegen Keilhau, weil die Knaben — lange Haare trugen. Aber solche und finanzielle Schwierigkeiten konnten die Keil- hauer Sdealisten nicht entmutigen. 1826 schrieb Fröbel sein großes Werk über Menschenerziehung, mit dem er glaubte, dem ganzen deutschen Grzlehungswesen eine neue Richtung geben zu können, eine Hoffnung, der die Verwirklichung wegen wesentlicher Mängel seines Systems versagt blieb. Sein Versuch, ein Erziehungsheim fürs Volk zu gründen, mißlang. Da ermöglichte ihm ein günstiges Geschick, in der Schweiz eine Anstalt nach seinen Grundsätzen zu errichten. Dann übernahm er die Leitung des staatlichen Waisenhauses itt Burgdorf. wo früher Pestalozzi gewirkt hatte, unb begann dort vier- bis sechsjährige Kinder aufzunehmen. So kam er allmählich auf den Gedanken des Kindergartens. 1836 fiedelte er nach Berlin über. Die Sdee der Kleinkinderschulen hatte sich Ober- l i n manchen Kopf beschäftigt, aber Fröbel blieb es Vorbehalten, sie in vernünftiger Weise zu entwickeln. Sn Blankenburg i. Thür,, wo heute sein Denkmal steht, gründete er 1837 eine „Anstalt zur Pflege des Deschäftigungstriebes der Kindheit und Sagend", die sich des Interesses verschiedener Fürstlichkeite'. vieler Pädagogen und Laien erfreute. Der Blankenburger „Kindergarten" konnte sich nicht halten, aber Fröbel hatte die Freude, seine Gedanken an anderen Orten verwirklicht zu sehen. Die Gärten sollten nicht nur ein Sviel- und Lernplatz für die Kinder fein, sondern vor allem sollten Pflegerinnen und Erzieher dort eine praktische Äebungs- stätte finden. Fröbel reift ein diesen Sahren viel in Deutschland umher, teils um selber weiter zu lernen, teils um allenthalben für feine Kindergärten zu werben. 1843 erschienen seine „Mutter- und Koselieder". durch die die Mütter unterstützt werden sollten, ihre Kinder spielend zu beschäftigen und zu erziehen. Manchs darin ist leere Reimerei, anderes hingegen noch: heute wertvoll. 18"0 überließ der Herzog von Meiningen Fröbel sein Schlößchen Marienthal, um dort Pflegerinnen auszubilden. Gin Sahr später erehelichfe er sich noch einmal mit Luise Levin, einer früheren Schülerin, nachdem seine erste Gattin schon 1839 gestorben war; aber er sollte nur noch kurze Zeit das Familienleben genießen. Sm August 1851 traf ihn ein schwerer Schlag: der preußische Minister v. Raumer verbot die Kindergärten wegen ihrer anti- christlichen Tendenz! Man braucht sich, nur einen Satz aus Fröbels Schriften zu vergegenwärtigen: „Alle Erziehung, soll sie Frucht bringen, muß sich auf Religion gründen", um zu erkennen, daß nur Nachlässigkeit oder Böswilligkeit der Grund dieser gröblichen Verkennung fein konnte. Fröbel wurde durch diesen Erlaß aufs tieffte getroffen. Wenn er auch auf der deutschen Lehrerversammlung 1852 in Gotha außerordentlich geehrt wurde, so verwand er doch diesen Rückschlag nicht mehr. Am 21. Suni hörte das warme, edele Herz auf zu schlagen. Er hat, wie so viele große Geister, sein ganzes Leben kämpfen und leiden müssen, aber unbeirrbar befolgte er sein Ziel. Der Argrund seiner nie versiegenden Kraft war die Liebe zur Wenschhett, zur Kindheit. „Diese Webe," schreibt ein Kenner Fröbels, „hat feine Wurzeln in einem positiven Idealismus, und dieser wird einst allein dem Materialismus, der Gott und Geist leugnet, mit Erfolg für Gewinnung einer edlen, schönen Menschheit entgegen treten können". Daß seine hohen Bestrebungen so mißverstanden wurden, hat ihn selber gebrochen, aber seine Sache ist siegreich gewesen: überall auf der Erde gibt es Kindergärten, und Tausende von jungem Mädchen finden in ihrem tßeruf als Erzieherinnen der kommen- ben Geschlechter, der Zukunft der Menschheit, ihre Befriedigung. Fröbel hatte erkannt, daß gerade in den ersten Kinderjahren, toenn der Geist sich zu regen beginnt, der Mensch das Meiste und Wichtigste lernt Darum sah er es als seine Aufgabe an, die Kinder in dieser Zeit einer forgfätogen Pflege anzuve» trauen. Damit ist es nicht getan, daß man die Kleinen vormittags auf einen beaufsichtigten Spielplatz schickt — damit sie von Hause weg sind. Wenn alle Eltern sich bewußt wären, welch ungeheure Verantwortung sie tragen, so wäre viel gewonnen, ilnd wo die Zeit und das Geschick fehlt, sich selber mit den Kindern zu be- faffen, da will der Kindergarten helfend eingreifen. Viel zu wenig scheint man heute zu sehen, daß auch der Kindergarten ein Mittel zur Lösung der sozialen Frage werden kann, wenn er entsprechend gefördert wird. Etwas Neues kann die Erziehung nicht in den Menschen hineintragen, sie kann und soll nur vorhandene, aber noch schlummernde Anlagen hervorlocken und somtt den Menschen zur Selbsttättgkelt erwecken, wobei man sich der Worte Goethes in „Hermann und Dorothea" erinnert: „Was in dem Menschen nicht ist, kommt auch nicht aus ihm. Denn wir können die Kinder nach unserem Sinn nicht formen; tote ein Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben, sie erziehen aufs beste und jeglichen lassen gewähren. Denn der eine hat die, der andere andere Gaben; jeder braucht sie, und jeder ist doch nur auf eigne Weife gut und glücklich." Daraus ergibt sich: die Pflicht der Eltern und Erzieher, die im Kinde ruhenden Anlagen zur Entfaltung zu. bringen. Denn jeder Mensch, so verlangt Fröbel, soll schon als Kind als ein notwendiges wesentliches Glied &er Menschheit erkannt, anerkannt und gepflegt werden. Es ist nicht leicht, in unserer Zeit des krassen Materialismus Sdeale dieser Art zu verwirklichen, wie sie Fröbel vorschwebten, aber es ist doch vielleicht nicht wertlos, immer darauf hinzuweifen, daß der Mensch nicht nur da ist, um zu essen und zu trinken, sondern daß es höhere und wertvollere Dinge für ihn gibt, daß er eine hohe und heilige Pflicht hat gegenüber feinen Kindern und der Menschheit. „Erniedrigenid" — schreibt Fröbel in seiner „Erziehung des Menschengeschlechts" — „nur zu dulden, nicht zu verbreiten und fortzupflanzen, ist der Gedanke, der Wahn: als arbeite, wirke, schaffe der Mensch nur darum, seinen Körper, feine Hülle zu erhalten, sich: Brot, Haus und Kleider zu erwerben; nein! — Der Mensch schafft ursprüng- lich und eigentlich darum, damit das in ihm liegende Geistige, Göttliche sich außer ihm gestalte, und er so sein eigenes, geistiges, göttliches Wesen und das Wesen Gottes erkenne. Das ihm dadurch zukommende Brot, Haus, Kleider ist Aeberschuß, ist unbedeutende Zugabe." Wohl mag Vieles von Fröbels Erziehungsshstem heute überwunden, vieles auch fehlerhaft gewesen sein, mag der begeisterte Sdealist dem Gefühl zu viel und dem Verstand zu wenig eingeräumt haben: seine Persönlichkeit als Ganzes mit dem ©inn für das Allgemeine und Sdeale, seiner Begeisterung für seine S&een. seiner Opfer bereits chaft und unendlichen Herzensgüte hat ihm ein bleibendes Denkmal in den Herzen der Nachlebenden errichtet. Die Manessesche Liederhandschrift. Bon Geheimrat Dr. Friedrich: Panzer, o. Professor an der Universität Heidelberg. Manessesche Handschrift? Eine Erinnerung taucht auf an eine der lieblichsten Blüten tm Kranze der „Züricher Novelleri'. Sm Rahmen der zarten Lieb^geschichte des jungen Hadlaub erzählt Meister Keller von den Züricher Patriziern Rüden er Manesse und seinem Sohne, dem Küster Sohannes, die zu Anfang des 14. Sahrhunderts wrrch besagtes Singer- und Schreiberlein über ganz Deutschland hin aus Städten, Burgen und Klöstern Liederbücher einbringen ließen. Eine umfangreiche Pergament- Handschrift ward danach gefertigt, die, zierlich geschrieben und mit prachtvollen Bildern geziert, eine herrliche Sammlung deutschen Minnesangs darstellte. Kellers Erzählung ruht auf geschichtlichem Grunde. Sie ist die anmutige Snfsenietung der Andeutungen eines späten Nachfahren höfischen Minnesangs, des Zürichers Sohannes Hadlaub. Wir haben von ihm eine Reihe von Liedern, die weit ab stehen von der zierlich feinen Form der alten Zeit, dafür aber mit einem ihr fremden Wirklich-keitssinne von den Wechselfällen einer schüchternen Liebe erzählen, die den Dichter von Kind auf an eine vornehme Dame band. Hier berichtet er auch von der Lieder- fammhmg, welche die beiden Manefsen in Zürich zusammen- getragen. Die Lieder Hadlaubs aber sind uns erhalten in der berühmten Minnesingerh andschrist der Heidelberger Bibliothek, die — daran kann im Ernste nicht gezweifelt werden — irgendwie mit der Sammlung der Manesse zusammenhängt. Denn sie gehört nach: der Auswahl der Dichter, die sie enthält, in die Gegend zwischen Zürich und dem Bodensee, und ihr Tept zeigt Züricher Kchreik-gewohnheiten. Anter den vielen Sängern aber, deren Bildnisse sie bringt, wird allein dem Sohannes Hadlaub ein Doppelbild gegönnt. Die Handschrift ist von einzigartiger Bedeutung. Es Wäre schlecht bestellt um unsere Kenntnis einer der seltsamsten und — 143 — bezeichnendsten Erscheinungen des hohen Mittelalters, wie der Minnesang sie darstellt, schlecht bestellt auch um unser Wissen vom mittelalterlichen Literaturbetrieb in Deutschland, von Dichter- Persönlichkeiten, ihrem äußeren und inneren Leben, besähen wir die Handschrift nicht. Fast anderthalb hundert Sänger rücken auf mit kleineren oder größeren Sammlungen ihrer Lieder. Gut inittel- alterlich erscheinen sie nach dem Stande geordnet: Kaiser Heinrich voran'und drei Könige, dann die Herzöge und Fürsten, die Grafe», daun die Freiherren, darauf der niedere Adel und zum Schlüsse die misera plebs der Bürgerlichen und Fahrenden. Keiner von den großen Namen fehlt da, vom Kürenberger her über Heinrich von Veldecke und die großen Epiker Hartmann von Aue, Wolfram von Esch!enbach, Gottfried von Straßburg zu Walter von der Dogelweide und Neidhard von Neuental, Ulrich von Lichten- stetn und dem Tannhäuser durchs ganze 13. Jahrhundert hindurch bis auf Konrad von Würzburg herab, bis zu Frauenlob und Regenbogen; „die hie gesungen haut, nu ze male sink ir C vnd XXXIIII" heißt es am Schlüsse des alten Inhaltsverzeichnisses. Und welch ein Inhalt! In tausend Strophen ein Gehalt tausend- jach variiert, „denn meine Saiten tönen nur Liebe im Erklingen". Frauenaugen .dürften huldvoll auf diese Blätter sehen: kein rauschenderes Frauenlob ward je so hundertstimmig erhoben. Wer aber auch nicht in die Worte sich vertiefen möchte, die hier in der schönsten gotischen Buchschrift, mit prächtigen rot und blauen Zierbuchstaben durchsetzt, uns entgegenschaut, sieht sich von der unerhörten Bilderpracht der Handschrift gefesselt. Dor jedem der vielen Dichter steht über die ganze Seite hin ein farbenbuntes Gemälde. Es ist als Bildnis des Dichters gemeint, aber freilich nicht in unserem Sinne. Mittelalterliches Porträt ist beinahe ein Widerspruch in sich: diese Bilder sind vor der Entdeckung des Individuums gemalt. Gesichtslinie, Haar, Bart und Gesamterscheinung zielen in den seltensten Fällen -auf die Darstellung einer glaubhaft besonderen Persönlichkeit. Manch einer tritt gar mit geschlossenem Bister vor uns hin: Individualisierung genug, wenn der Name, wenn Helmzier und Schild neben der Figur stehen! Nur da und dort zeigt sich einer allein ruhig sitzend wie auf einer photographischen Aufnahme unserer Zeit, oder auch zu Pferde dahinsprengend wie auf einem Siegelbild. Ueberwiegend aber schaut man bewegte Auftritte mit zwei und mehr Figuren und voll epischen Gehalts. Sichtlich gilt es da und dort einen geschichtlichen Vorgang aus dem Leben des Dichters darzustellen oder einen Auftritt, der in feinen Liedern geschildert wird. Häufiger aber irgend einen Vorgang, dessen Beziehung zu dem jeweiligen Dichter keineswegs ersichtlich wird. Der Maler scheint öfter willkürlich eine 3l[uftration aus einem Roman, ein Kalenderbild u. ä. aufgegriffen zu haben. Da rollt denn das ganze höfische Leben der Zeit vor unseren Blicken ab. Wir sehen den König auf dem Thron, den Ritter zu Pferd, sehen wilden Streit in Schlacht, Zweikampf und Turnier, Falkenbeize und Pürschjagd mit Hunden, das Gefellschaftsleben in ruhiger Unterhaltung, in Reigen und Tanz und Spielen; da sitzt der Dichter sinnend unter dem Dlütenbaum und lauscht den Vöglein ihre süßen Töne ab, oder er diktiert dem Schreiber; der Bote , bringt einer schönen Dame willkommene Botschaft, der Liebhaber steigt auf der Leiter zur Geliebten empor oder läßt am Seile sich, aufwinden, der Kaufmann stellt feine Waren aus, der Schulmeister lehrt und züchtigt seine Buben, der alte Herr von Warte sitzt vergnügt in rosenbestreuter Wanne und läßt sich von zarten Jungfräulein bedienen Im Glanze bunter Farben und funkelnden Goldes zieht so luftig eingerahmt, Bild auf Bild mittelalterlichen Lebens in feierlicher Pracht, in lächelnder Anmut an uns vorüber. Dies herrliche deutsche Kulturdenkmal hatte ein deutsches Schicksal Seit dem 16. Jahrhundert war die Handschrift im Besitze der Pfalzgrafen in Heidelberg, wir wissen nicht sicher woher. Vielleicht war sie ein Stück jener kostbaren Sammlung von gegen tausend Handschriften, die Ulrich Fugger dem Kurfürsten schenkte. Im 17. Jahrhundert taucht sie plötzlich im Besitze der königlichen Bibliothek in Paris auf, aus dem Nachlasse eines Kaufmanns erworben. Sicher hat die Katastrophe, die Heidelberg und seine berühmte Bibliothek nach der Schlacht am Weißen Berge betraf, auch diese Handschrift der Heimat entfremdet; leicht mag die Witwe des Winterkönigs sie nach Frankreich, verkauft haben da sie im Haag in solcher Bedrängnis lebte, daß sie selbst toreit Trauring versetzen mußte. Die Tatkraft und Umsicht des Buchhändlers Trübner hat sie 1838 nach Deutschland zurückgebracht im Austausch gegen altfranzösische Handschriften; das Reich gab me Mittel, und Kaiser Friedrich überwies sie wieder nach Heidelberg, wo sie als kostbares Kleinod sorgsam gehütet wird. Rur der Bevorzugte konnte mehr an der Pracht des .Urbilds sich laben, da die Handschrift seit den bösen Kriegsjahren aus den Schaukästen der Bibliothek entfernt ist. Mit um so größerer Freude darf man begrüßen, daß der Insel-Verlag es gewagt hat, in dieser wirtschaftlich so schwierigen Zeit eine farbige Nachbildung der Handschrift herzustellen. Die erste Liderung davon ist erschienen; sie übertrifft alle Erwartungen, die man einem derartigen .Unternehmen gegenüber hegen dürfte. Was vorliegt, ist die vollendetste Nachbildung einer Handschrift, die man sich denken kann. Tertfeiten wie Bckder sind gleich wundervoll wiedergegeben; man muh diese Nachbildung mit einer der früheren farbigen Wiedergaben einzelner Bilder der Handschrift vergleichen, um Ihre unendliche äleberlegenheit zu erkennen. Die farbige Pracht der .Urschrift wiederholt sich aufs genaueste, jedes Fältchen und Fleckchen des Pergainentes kehrt wieder; wer je mit alten Handschriften Umgang gehabt hat, wundert sich beim Wenden der Seiten schier, nicht auch den Griff des Pergamentes zu fiihlen. Hätte die Urschrift in den Bildern nicht den unnachahmbaren Glanz des aufgelegten Goldes voraus, sie wäre rein überflüssig gemacht durch diese Nachbildung. Für bemittelte Dücherliebhaber kann es keinen würdigeren Gegenstand des Erwerbs geben als diese Veröffentlichung. Möchte dem Verlage eine zahlreiche Schar von Abnehmern fein schönes und mutiges Unternehmen lohnen, das immer einen der höchsten Ruhmestitel seiner auch sonst so erfolgreichen Wirksamkeit bilden wird; es würde damit zugleich die Kenntnis eines der prächtigsten Kulturdenkmäler deutscher Vergangenheit in weiteren Kreisen sich ausbreiten. Möchten auch die Regierungen Mittel bereit stellen, daß der Jugend unserer höheren Schulen dies unvergleichliche Anschauungsmittel deutschen Lebens im Mittelaller zugänglich werde. Der ©liidtsfon. Von Luise Glaß. (Fvrtseyung.i Frische Tapeten und frischen Anstrich, ein Kanapee mit Taschen, wie der Herr Rendant, und einen geschweiften Tisch mit goldenen Deinen dazu, wie Passementier Bririus (das waren Dierlings vornehmste Kunden), einen bunten Landesherrn an die Wand und ein rotfamtenes Gesangbuch,. „Und über die Tür einen guten Ders", fiel der Großvater ein. „Gott gebe allen, die »sich, kennen, Noch zehnmal mehr, als sie mir gönnen." Dia lachten alle Dierlings herzhaft auf, denn sie meinten ganz genau zu wissen, daß auf die Art keiner in der Fleisch,er- gasse zu Gelde kommen würde. — Gönnen: so was gab es ja gar nicht. Nun ließ sich auch Lisbeth zmn erstenmal vernehmen. „Und in den langen Seilershos eine schöne Laube, wenn wir da Dohnen ziehen, ist's ein Garten." Der Garten fand Beifall: reiche Leute hatten Gärten. Als aber der kleine Ede, der in Anbettacht der gestrigen Feier blau gemacht hatte, Nachbar Peterlein zum Anfertigen der Laube vorschlug, stieß er auf hartnäckigen Widerstand. Sogar Großvater sagte: „Bist doch auch Zimmermann — kannste nicht die Laube selber ausrichten?" Der kleine Ede lachte. „Können tu ich's schon, aber wir haben doch jetzt Geld, wir geben jetzt doch anderen zu verdienen.' Man gab ihm zu, daß Reichtum verpflichte; aber außer Onkel Ede waren sie au chdarin einig, daß Peterlein die Laube nicht aufrichten solle. „ „Ueberhaupt nich ins Haus soll er, sagte Frau Vierling. „Seine Mutter ist die einzige in der ganzen Gasse, die mir vorhin nicht gratuliert hat." Lisbeth war schnell mit der Entschuldigung bei der Hand: „Muhme Peterlein ist doch auf Arbeit." Auf Arbeit, nu ja, auf Arbeit. Wie das schon klingt. Es hat mich schon lange gestört, daß du immer bei einer hockst, die auf Arbeit geht — jetzt sind wir nu aber dazu viel zu gut. „Na, na“, sagte der Großvater. ..Arbeit schändet »ich." „Und Reichtum macht nicht glücklich", fiel der kleine Ede ein. „Das sagt ja die Peterleins Muhme auch immer." „So, das sagt sie?" Großvater sand nun auch, daß Peterleins kein Umgang für Lisbeth seien, und die Stiefmutter redete von der vornehmen Heirat, die das Mädchen machen müsse — das sei man dem großen Los geradezu schuldig. Lisbeth rannte in die Küche, um sich auszuweinen. Ach, warum mußte ihr Karl so recht haben mit seiner Vorsicht! Sollte sie mitten im Reichtum nach ihrem Karl verhungern? Und so was nannten die Leute einen Glücksfall! Während Lisbeth draußen weinte, sagte drinnen der kleine Ede: „Gesegnete Mahlzeit, ich, geh' auf den Bau. Aber gebt mir was Geld mit, wir habens ja." Großvater kletterte vom Tritt, schloß den Tischkasten auf, gab dem Jungen ein großes Silberstück, schloß den Kasten wieder und kletterte wieder hinaus. Als der kleine Ede fort war, meinte der Onkel, er wolle auch gehen, die Luft werde seinem Kater gut tun. „Aber gib mir Geld, daß ich Hundehaare auflegen kann." Großvater stieg wieder vom Tritt, schloß den Kasten auf, schloß den Kasten zu und kletterte wieder hinauf. Pfeifend ging Onkel Ede ab. Die Frau fand es unnötig, daß die beiden Edes Geld forifchleppten, wollte sich aber heute nicht ärgern. Also ging sie hinaus — aber draußen störte sie das Heulen in der Küche; da nahm sie den Korb von der Wand, um einzuholen. Sonst hatte sie sich, allzeit gut mit den Stiefkindern vertragen, aber feit das Geld im Hause rumorte, schien ihr beinahe, als könne sie „die beiden Fremden" nicht mehr leiden. — Mußte das denn in vier Teile gehen? Wo doch, zu Zeiten der ersten Frau nichts dagewesen war? In ihren Hausstand war das Glü ckgekommen, also mußten ihre Kinder die nächsten fein. Sie plante, wie man die Großen loswerden könne: Ede konnte - 144 seelen." Der Hirschwirt spitzte die Ohren. Also her gaben die Vierlings von ihrem Geld — da könnte man ja am Ende — er brauchte es nötig genug. Aber ehe er sich einen dauerhaften Gelegenheitsfaden angesponnen hatte, schickte seine Frau eine bissige Anfrage: ob sie alle Arbeit alleine tun solle? — und er trollte sich gehorsam nach Hause. , r Frau Jettchen war schon voryer davongerannt, aber leer wurde es nicht bei den reichen Seilten: der Agent vom Morgen kam wieder, ein zweiter, der sich Vermittler nannte, stellte sich vor; alle Ladenbesitzer guckten ein und empfahlen sich der Kundschaft. die Goldene Gans sang das Lob der Fleischergasfe. Am Abend dieses lebhaften Tages hatte Schuster Knüttchen 5000 Mark: der Großvater feinen Schuldschein zum Aebers-Bett- Hängen: der Nachbar Deller zu viel Geld für fein Häuschen: der Maurer an der Ecke den Auftrag, im oberen Stock durchzubrechen: der Vermittler die Erlaubnis, einen Laden ausfindig zu machen für „Julius Vierling und Kompanie, Herrentailleurgeschäft". Dem Gastwirt war eine Hypothek versprochen, das Semmel- Wrbchen war leer, und der Witwe Peterlein war Fehde ungesagt für immer und ewige Feiten. „Was recht und billig ist und seh« verdient." man auswärts die Dauherrnprüfung machen lassen, dann war er auf eigene Hand ein großer Herr, und Lisbeth muhte einen reichen Mann heiraten, der nichts weiter dazu brauchte. Wenn sie nur erst ausgeheult hatte, dann würde sie's schon einfehsn. Aber bis dahin ging man ihr aus dem Wege Mit seidenem Amtlichen, Federhut und Marktkorb geschmückt, verlangte sie vom Großvater Geld. Der Alte stieg vom Tritt, schloß den Tischkasten auf, schloß ihn wieder zu und stteg wieder hinauf. Als aber die Schwiegertochter hinaus war, sagte er. „Juliuhs, das wird mir zu anstrengend. Wir wollen das Geld in den Wandschrank schließen: wenn bloß das für den täglichen Gebrauch im Tischkasten liegt, kann er offen bleiben uns leder herausnehmen, was er mag. Willsten du auffchreiben, was wir seit gestern verdebst haben?" T?ee Vater", antwortete Julius, wahrend er beim ahn» räumen des Geldes half. „Das will ich nicht. Wenn ich so, bei kleinem damit hausieren soll, macht mir's ganze Geld kernen Spaß. - Hundertfünfzigtaufend Mark! Ree, Vater, das schreioen wir höchstens hunderterweise auf.“ • Sie füllten das leere Semmelkörbchen mit Geldstücken und stellten es in den offenen Tischkasten, das andere fchlossen die in den Wandschrank. Dann setzte sich der Alte wieder auf den Tritt und flickte weiter, obwohl Julius meinte: heute müsse jeder Vierling Feiertag machen. Aber Großvater wollte auch als reicher Mann fern Wort halten, der Herr Verweser kriegte seine versprochene Hausioppe. Als jedoch dann Konrektors Franzel nach des Vaters Schulrock kam mußte Herr Jule ihn leer davongehen lassen. „Sag' deinem Vater, er möchte sich noch gedulden, wrr hätten das große Los gewonnen." Aach einer Viertelstunde kam der Junge wieder. „Euren Gruß vom Vater, und's große Los könne er nicht anziehen, und ich solle den Rock wieder mitbringen." „Verständnisloses Volk! Ra ja, die Schullehrer. Dafür hatten andere desto mehr Einsehen. Der Hirschwirt zum Beispiel. Der kam nachmittag, setzte sich bei Kaffee und Kuchen fest, fand alles recht und gerecht, was Vierlings an» gegeben hatten, und machte vielerlei Vorschläge, wie einer auf angenehme Weise sein Geld unterbringen — und durchbringen und kurz entschlossen platzte sie mit der Frage heraus: „mu, tote wird's denn?" Ach so" sagte die Schwägerin, „deshalb kommst du! "Ach so", sagte die Schwägerin lachend, „deshalb kommst &u!" Jule lachte mit und Onkel Ede lachte. Großvater aber antwortete bedächtig: „Ihr kriegt's, gegen einen ordentlichen Schuldschein kriegt chr's. Ich geb's euch von meinem Teil. Die ersten drei Jahre will ich keinen Zins, und nachher drei vom Hundert, mehr nehm' ich nich von den Kindern, un das is halb geschenkt, und's Wiederkriegen wird wohl auch erst am Nimmermehrstag fein — aber dafür is dein Wann auch ein Großmaul, un mich freut's, daß er was von uns bitten kommt, von den Schneider- Merkte er daß Vierlings anderer Meinung waren, zog er die feine schnell zurück ;merkte er, daß er den richtigen Don an- das lieblichste in den Ohren klang. geschlagen hatte, dann lieh er ihn anschwellen, bis er allen auf 'Er schalt mit auf die Witwe Peterlein, obgleich ste bie einzige Waschfrau war, die seit zwanzig Jahren 6er zänkischen Hirschwirtin die Treue gehalten hatte: er lobte sogar seine Nebenbuhlerin von der Goldenen Gans, obgleich er die ründe, freundliche Frau am liebsten ausgemietet hätte. Sich allo angenehm machend, saß er noch, als Frau Knüttchen kam. Angeblich holte sie Heringe zum Abendbrot, in Wahrheit ließ ihr die Geschichte mit den 5000 Mark keine Ruhe. Sie kriegte Kaffee und Kuchen, aber es schmeckte ihr nicht, entschlossen platzte sie mit der Frage heraus: „Nu, Denn Sprichwörter sind nicht jedermanns Freude, und tote kann einer zum Grattckieren kommen mit weisen Redensarten: „älnd all das Geld und all das Gut, Gewährt zwar schöne Sachen, Gesundheit, Schlaf und guten Mut Kanns aber doch nicht machen. Also wünsch ich den lieben Nachbarn die Dreie noch obendrein." Das redete der Neid daher. Als dann Vater Jule von den Hausverschönermrgen sprach, warnte sie: „Es ist das Glück ein seltner Gast, Drum halt zusammen, was du hast." Mochte sie sich doch mit ihrer Weisheit den eignen Beutel füllen! — Und als Frau Vierling, die Hände im Schoß gefaltet, feierlich zur Antwort gab: „An einer Gottesgabe soll man nicht mäkeln und knausern", da antwortete die Wäscherin: „Gott gibt keinen Linnen, Flachs nur zrmr Spinnen". Was eine boshafte Empfehlung der Arbeitsamkeit war, über die sich die Vierling gewaltig erboste, denn sonst hatte sie allezeit etwas geschafft, und wer nicht einsah, daß es jetzt anders fein mutzte und Reichtum andere Pflichten auferlegte, der hatte bösen Willen und war kein Umgang für wohlhabende Leute. Das wurde Frau Peterlein rund heraus erklärt, und da fte’8 zunächst mit heiterer Freundlichkeit als eine Redensart hinnahm, die nicht so gemeint sei, wurde es ihr gröblich wiederholt, bis sie aufstand und die Haustür von außen zumachte. Der Lisbeth aber wurde aller und jeder Verkehr mit den Nachbarn bei Todesstrafe und Enterbung verboten. Der Erfolg dieser gräßlichen Drohung war, daß sie eine Stunde später draußen auf dem Pflaster ihrem herzallerliebsten Karl ihr bittres Leiden klagte. Die beiden standen in einem der dunkeln Winkel, von denen die Fleischergasse ihr halb Dutzend im Ansturm der gradlinigen, neuen Zeit insbesondere für Liebes- leule bewahrt hatte, und das Mädchen flüsterte: „Aber ich gehorche nicht, ich geh' doch zur Muhme, ich red' doch mit dir, ich —“ Da griff Karl beschwichtigend nach ihren Händen und antwortete: „Tu's doch nicht, Liesel, gehorch' deinem Vater. Wenn wir auch was auskämpfen müssen vorher, das macht Mut und feste Arme. Nachher wird's um so schöner am Ziel." Lisbeth schluchzte auf. „Ach Gott, — das soll nun ein Glücksfall fein, das! das! ein Anglück ist's, ein ditterschweres Anglück." „Na, na, na", sagte Karl Peterlein, und strich seinem Liesel mit der Rechten über die beiden Hände, die er mit der Linken festhielt. „Man muß bei jedem Wetter seinen Garten pflegen, am Ende trägt er Frucht — wer weiß, wozu's gut ist. Der Groß- kopf wollte mir auswärts einen großen Dau übertragen, und ich schlug's ab wegen deiner. Nun sollen wir zwei nicht miteinander reden — wär's da nicht gescheit, ich ginge doch?" Freilich, wenn sich zwei Liebesleute nicht treffen können, dann unterbleibt auch das Reden. And je schärfer einer arbeitet, desto schneller kommt er vorwärts. „Soll ich gehen? Traust du mir, Liesel?" „Ja, ja — geh' nur“, schluchzte sie auf. Dabei fiel sie ihm um den Hals und küßte ihn zum erstenmal ganz-von selber und freiwillig ab — denn die Erinnerung mußte nun mindestens auf ein halbes Jahr vorhalten. — Dieser Entschluß gab dem Leben der beiden ein ganz ander Gesicht. Aber auch bei den übrigen Vierlings ging's schnell mit den Veränderungen. Am andern Morgen schon fand der Vermittler einen Laden, den er über den Kirchturm lobte: im ersten Feuereifer wurde er gemietet, und dann wurden die drei Männer über diesen Laden durchaus nicht einig. Der Großvater, auf dessen Namen das Geschäft gehen sollte, wehrte sich eigensinnig dagegen. „Nein“, sagte er, „und nochmals nein! Wie nehme ich mich in einem feinen Laden aus? He? — Wie soll ich ein Tallöhr- geschäft leiten? He? — Ich bin ein Flickschneider un will mich auf meine alten Tage nicht auslachen lassen. Ich putze mein Häuschen auf und flicke meine Knopflöcher mit Primaseide — das kann ich mir für mein Geld leisten. Aber dadermtt sela." Die Folge davon war, daß die Vierlings Männer ihre hundertfünfzigtausend Mark teilten. Großvaters Drittel blieb im Wandschrank: „Ich nehme Papiere, ich bin fürs Gewisse." — And die Brüder mieteten sich zusammen den Laden. Außerdem tat auch hier jeder nach seinem Gefallen. Frau Jule sagte: „Wir haben Kinder, wir müssen Anschaffungen machen. Wir müssen für die Erziehung ausgeben und das Geld vermehren. Der Vermittler wird schon wissen wie." Onkel Ede sagte, er müsse seins schnell locker machen können, Junggesellen seien bewegliche Leute. Also besaß jeder nur noch fünlzigtausend Mark; aber das war doch gewiß ein schönes Stück Geld. (Fortsetzung folgt.) Schriftteitung: Dr. Frtedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'fchen Univ.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.