Gietzener jainilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger Jahrgang 1926 Dienstag, öen 5. August Nummer 62 Zittergras. Von Hans Fran tf. Vielhundert Herzen haft du in den Wind Hinausgehangen, jedes jubelschwer. Und alle, alle haben ein Begehr, So unermeßlich viele ihrer sind: „Schön ist der Sommer!" singen wie ein Kind, Und deiner Herzen werden täglich mehr. . . Was zitterst du wie nichts sonst ringsumher Im linden Mittagssammersonnenwind? „O, könnte ich mit einem Herzen singen — Eines ist mehr als unermeßlich viel! Könnt' ich das eine Herzlein in mich zwingen. Mein eigen heißen, was des Windes Spiel! Könnt' einmal, statt in zitterndem Verlangen Dahinzuwehn, den Sommer ich umfangen!" Deutsches und romanischss Formgefühl. Don Geh. Rat Prof. Dr. Ö. W alzel*. Das Atelier der klassischen griechischen Antike hat, zumal wenn die Gestalt des Menschen in Frage stand, strenge, ein für allemal geltende Maßverhältnisse der einzelnen Körperteile immer wieder durchgeführt. Sonst hätte Platin nicht nötig gehabt, im Dienst seines eigenen ästhetischen Glaubensbekenntnisses gegen ein Werten und gegen ein künstlerisches Schaffen sich kräftig zu wehren, das an den bindenden Verhältniszählen festhielt und nur sie zu Kennzeichen des Schönen nrachte. Polyllets Kanon war weder der Einfall eines Eigenbrötlers noch etwas. Vereinzeltes. Die festen Zahlen antiker und romantischer Verse und Strophen bezeugen ebenso, wieviel Bedeutung für den „lateinischen" Menschen und für seine Kunst das strenge Zahlenverhäl- nis hat. Ein Franzose wie La Fontaine baut, wo er scheinbar auf überlieferte Strophen von festen Zahlenverhältnissen verzichtet, doch so ebenmäßig, daß etwa die Fabel vom Wolf und vom Hund ihre 41 Verse um einen Mittlern Vers, der die Mittelachse darsteltt, in der Abfolge 12 — 8 —. 1 8 — 12 aneinanderreiht. Am raschesten läßt sich das Bedürfnis des französischen Klassizismus, seine Gebilde ebenmäßig nach strengen Zahlenverhältnissen zu gestalten, an den Dramen Eorneilles erkennen. Vicht bloß weil sie immer wieder fünf Aufzüge scheiden. Vielmehr wird der dritte Aufzug so angelegt, daß er die Bedeutung der Mittelachse einer ebenmäßigen Gruppengestaltung bildender Kunst gewinnt. And wie in einem strengtektonischen Gemälde oder in einem Bauwerk gleicher Art links und rechts von der Mittelachse Gestalten oder Bauelemente, so entsprechen einander bei Eorneille zweiter und vierter, erster und fünfter Aufzug. Wohl greifen Goethe und Schiller in einzelnen ihrer Schöpfungen (etwa in „Iphigenie" oder „Maria Stuart") zu einer verwandten zahlenmäßigen Symmetrie des Aufbaus. Aehnliche Zugeständnisse an lateinischen Formwillen kennt Dürers Kunst. Die freiere germanische Gestaltungsweise ist an Shakespeares Dramen besser zu beobachten, dann an deutscher Dramatik, wo sie Shcckespeares Wege geht. Doch Shakespeares jähere Wucht, die barockhaft auftürmt, trennt sich fühlbar ab von Goethes schlichterer Weise. Zwei Typen germanischen Gestaltens ergeben sich da. Einerseits ein gotischerer Typus, der bis ans Groteske herangeht, andererseits ein beruhigterer, gedämpfterer. Dort Wolfram von Eschenbach, hier Hartmann und Gottfried, dort Fischart, hier Hans Sachs, dort Klopstock, hier Goethe. Goethe hätte in diesem bewegteren Typus * nur Manier erblickt, nicht, was ihm für das Höchste galt, Stil. Stil aber war ihm Gestaltung, die so notwendig dem Gehalt entsprach, das Gesetz des Gehaltes so zum Gesetz der Formung machte, wie in der Vatur die Gestalt eines Organismus bedingt ist durch! ein inneres Gesetz. So ist die äußere Erscheinung eines Baumes bestimmt durch- ihr inneres Gesetz. Wirklich be- * Diese aufschlußreiche .Untersuchung entnehmen wir dem tiefgründigen Werke „Wortkunstwerk, Mittel seiner Erforschung". Der bekannte Meister der Literaturwissenschaft fährt darin die Ernte seines Lebens in die Scheuer. In feingeschlossenen Essays erzählt er uns von Gehalt und Gestalten in den Werken unserer Dichter. Preis in Leinenband 14 Mk. Verlag von Quelle u. Meyer in Leipzig. dient Goethe, seine organische Aesthetik begreiflich zu machen, sich von Anfang an des Baumshmbols. Seine Schrift „Von deutscher Baukunst", das Ehrendenkmal für Erwin von Steinbach vom Jahre 1773, durchzieht wie ein Leitmotiv der Vergleich des wtraßburger Münsters mit einem Baume, ©inen Babelgedanken nennt Goethe das Bauwerk, ganz, groß, bis in den kleinsten Teil notwendig schön wie die Bäume Gottes. Die Mauer, die da gen Himmel zu führen war, steige auf gleich einem der erhabnen weitverbreiteten Bäume GotteS, die mit tausend Aesten, Millionen Zweigen und Blättern die Herrlichkeit seines Schöpfers verkünden. Froh schaut Goethe diese großen harmonischen Massen, die zu unzählig kleinen Teilen belebt sind. Wie in Werken der ewigen Vatur sei alles bis aus geringste Zäserchen Gestalt und alles zwecke zum Ganzen. Das war Goethe aufgegangen am Straßburger Münster, von dem er erwartet hatte, es sei, gairz von Zierat erdrückt, ein miß- geformtes kraus bo rstig es Angeheuer. Auch Schiller benutzte das Baumsymbo!, als er 1793 in Briefen an Körner, sichtlich unter dem Eindruck von Goethes organischer Aesthetik, das Wesen des Schönen darlegte. Gartenkunst lag dem Sohne Johann Kaspar Schillers von Kindheit an nahe. Er denkt an die Kunstgriffe eines Parks in Le Röt res Stil, wenn er in den Briefen an Körner von dem Gärtner spricht, der einen Baum zu einer „Zirkelfigur" ausschneidet. Er wendet ein, daß der Natur des Baumes widerstreite, was die Natur des Zirkels fordert. Weil wir nicht umhin könnten, dem Baum seine eigene Natur, seine Persönlichkeit zuzugestehen, so verdrieße uns die Gewalttätigkeit, und es gefalle uns, wenn der Baum die ihm aufgeörungene Technik aus innerer Freiheit vernichte. Technik sei überall etwas Fremdes, wo sie nicht aus dem Dinge selbst entstehe, nicht mit der ganzen Existenz des Dinges eins sei, nicht von innen heraus, sondern von außen hineinkomme, nicht dem Dinge notwendig und angeboren, sondern ihm gegeben und also zufällig sei. Das ist ganz plotinisch gedacht.. Schiller führt das noch weiter aus. Eine Birke, eine Fichte, eine Pappel fei schön, wenn sie schlank emporsieige, eine Eiche, wenn sie sich krümme, weil, sich selbst überlassen, die Eiche krumme, jeder der anderen drei Bäume gerade Richtung liebe. Zeige sich die Eiche gerade, die Birke aber verbogen, so seien sie nicht schön, weil sie fremden Einfluß verraten, ein Gesetz des Baus, das nicht ihr eigenes ist. Gchön ist für Schiller der Daum, der von seiner Freiheit Gebrauch macht, der sich nicht nach seinem Nachbar sklavisch richtet, sondern sich selbst mit einiger Kühnheit etwas herausnimmt, aus seiner Ordnung hxraustritt, sich eigensinnig dahin oder dorthin wendet, wenn er auch hier eine Lücke lassen, dort etwas durch seine ungestüme Dazwischenkunft verwirren müßte, nicht der Daum, dessen Aeste ängstlich in Reihe und Glied bleiben, als wenn sie nach der Schnur gezogen wären. Abermals stehen wir vor dem Gegensatz einer überindividuellen ein für allemal geltenden Gestalt und einer Gestalt, die als etwas Einmaliges dem Einmaligen eines besonderen Gehalts entspricht. Solch ganz persönliche Gestaltung eines Persönlichen Gehalts kann leicht den Eindruck des Formlosen wecken, ja leicht formlos werden. Der Gefahr zu entgehen, näherten sich deutsche Künstler, wie Dürer oder Goethe, gelegentlich der zahlenstrengen Ebenmäßigkeit antiker und romantischer Kunst. Desto merklicher wird selbst bei ihnen eine künstlerische Neigung, die dem „lateinischen" Menschen wie ein Kennzeichen ber Formzerstörung erscheint, aber auch in deutscher Kunst und für deutsches Fvrmgefühl der einheitlichen Gesamtwirkung eines Kunstwerkes widerspricht. _ . Ich bleibe bei dem Baumshmbol. Ein Daum, der sich fr« und ungehindert in der Natur entwickelt, kann unter Amständen einen Schoß oder einen Zweig übermäßig gedeihen lassen, während die Seite, die von der Sonne nicht getroffen wird, im Wachstum zurückbleibt. Ebenso kann im Sinn organischer Aesthetik eine Einzelheit, eine Episode sich auf Kosten des Ganzen entwickeln. Wirklich entspricht das deutscher Kunst. Oskar Hagen bringt in seinem Buch vom „Deutschen Sehen" von 1920 treffende Belege aus dem Gebiet deutscher Dichtung wie deutscher bildender Kunst. Dichter des Mittelalters, die im wesentlichen ausländische Vorlage verdeutschen, verweilen gern bei genauer und sorglicher Ausmalung einer Einzelheit. Vollends ist Dürer der gründliche Deutsche, der, besonders in seinen Kupferstichen, jede Einzelheit so peinlich! genau ausführt, daß dem ganzen Kunstwerk überficht- liche Klarheit genommen wird. Es ist genußvoll, mit der Lupe die Gewissenhaftigkeit zu verfolgen, mit der die Einzelheit gestaltet ist. Doch wer mit der Lupe arbeitet, verliert zeitweilig — 246 ganz und gar den Gefamteiudruck eines Kunstwerkes aus dein Auge. Verwandtes ist au? Schritt und Tritt bei den deiitschesten der deutschen Maler zu finden, etwa bei Moritz i> Schwind. Romantische Dichter, wie Brentano oder auch Dieck, ja schon Klop- stock, Äean Paul, liefen dieses Derweilen bei der Episode. Sogar Goethe tut Gleiches, int „ Faust". Die klassische Walpurgisnachit ist ein einzelner, übermäßig entwickelter Schoß der Dichtung, unsäglich reich an Kunst, aber ein schweres Hindernis für die einheitliche Erfassung des ganzen „Faust'. Wie die Menschen zur Kunst Kamen. * Von Walther A ppelt. Die Kunst ist eines von den Gebieten, die sich der Mensch er- smliesten mußte, ohne daß ihm von seinen direkten Vorfahren der Schlüssel dazu vererbt worden wäre. Wohl sehen wir schon im Tierreich hier und da ausgesprochenen Schmucktrieb, ebenso — z. B. beim Nestbau vieler Vögel — Tendenzen, die über das Rcin-Prak- tische, über das Nur-Zweckdienliche hinausgehen. Aber gerade bei den Tierarten, die wir die „höheren" nennen, und die uns am nächsten stehen, ist davon nicht allzuviel wahrzunehmen. Dennoch kann es keinem Zweifel unterliegen, daß auch die Kunst des Menschen letzten Endes von gewissen, z. T. animalischen Bindungen seiner frühen Daseinsumstände ausgeht, lind vollends selbstverständlich ift,, daß der Mensch zur eigentlichen Kunst nicht anders als auf dem Wege über die sog. „angewandte" gelangen konnte, — auf dem Wege also über das Ornament. Zu diesem aber hatten ihn mehrere, nebeneinander herlaufende Wege geführt. Im frühestem Stadium dürften Bestreichungen des menschlichen Körpers eine wichtige Rolle gespielt haben, die aber einzig um praktischer Vorteile willen vorgenommen wurden. Man hatte wohl erkannt, daß diese und jene organischen oder mineralischen Substanzen vor Insektenstichen schützen, Blutungen stillen konnten und dergleichen mehr. Natürlich veränderten diese Schutzmittel das Aussehen derjenigen, die sic anwandten. Und ein sehr wesentlicher Schritt auf unserem Wege geschah, als diese Veränderungen erstmalig um ihrer selbst willen vorgenommen wurden. Anlaß dazu wird der Wunsch gewesen sein, anders auszusehen als ein- zcille oder alle Stnmmesgenosscn — aus der Erfahrung heraus, dann vom andern Geschlecht bevorzugt zu werden. So ist die ursprüngliche Bestreichung zur Bemalung geworden. Beinahe zwangsläufig vollzogen sich dann die weiteren Steigerungen der aufgewendeten Mittel: Gebrauch verschiedenartiger Erden, schließlich Gliederung des Auftrages in Flächen und Linien. (Die Tätowierung ist weiter nichts als ein Dauerhastmachen der Bemalung.) Wir können in dieser, wie in mancher anderen Hinsicht, aus den Sitten der heutigen Naturvölker auf die unserer ältesten Vorfahren schließen. So sehr die Bemalung im Schmückend-Ornamentalen bleibt und bleiben muß, so wichtig ist doch für die Entwicklung zur Kunst die Tatsache, daß sie überall bald Formen und Formenverbindungen entstehen läßt, die in ihrem Bereich mehr oder weniger wiederkehren. Gewiß mag es sich dabei anfangs nur um Zusammengehörigkeitszeichen, Erkenntnis- ober Rangmerkmale gehandelt haben. Aber sie sind doch die ersten in bewußter Absicht und nach bestimmten Regeln entstandenen „Zeichnungen". Wie schon erwähnt, gelangte der Mensch noch auf andere Weise zum Ornament, aus dem sich dann erst die „freie" Zeichnuno (Kunst rein als Selbstzweck) entwickeln konnte: Mit am ersten Anfang aller Kulturen steht die Herstellung irdener Gefäße. Dabei mag es sich bald als erwünscht gezeigt haben, deutlich den Eigentümer — der meist oder immer zugleich der Hersteller war — zu vermerken. Das Nächstliegende und auch zuerst angewandte Mittel war, mit der formenden Hand Eindrücke in das noch weiche Material zu machen. Das mußte wiederum zum Ornament führen, indem der Mensch die verzierende Wirkung erkannte, die eine irgendwie regelmäßige Anordnung seiner Fingereindrücke hatte. Und nicht fern lag der Gedanke, diese Verzierungen statt mit der Hand mit einem Stäbchen oder anderen Instrument in den Ton zu graben. Praktisch war damit aber wiederum der Weg betreten, der im weiteren Verlauf der Zeichnung (und noch weiter zur Schrift) führen konnte und mußte. Denn es ist im Prinzip doch kein Unterschied, ob ich mit einem Stäbchen in feuchtem Ton, mit Feuerstein in Knochen ritze — ober ob ich mit einem Farbstoff (bie Natur liefert Graphit, Rötel ii. a.) an Höhlenwänbe — zeichne. (Dennoch hat sich biefc Stufenfolge in Wirklichkeit natürlich nicht entfernt so rafch vollzogen, wie es nach bieser gebrängten Uebersicht erscheinen könnte.) Nun bleibt aber immer noch bie große Frage: Wie ist der Mensch vom Ornament zur gegenständlichen, roiebergebenben Zeichnung gekommen? Wie ist er, mit anbern Worten, aus einem Kunstgewerbler ein Kii n stl e r geworden? Wir können eine noch so große Abneigung dagegen haben, dem Zufall wichtige Funktionen in der kulturellen Entwicklung zu- zufchreiben, — bei der Beantwortung dieser Frage werden wir ohne ihn nicht auskommen. Cs gibt auch Fundftücke aus den für unsere Betrachtung in Frage kommenden urzeitlichen Perioden, die das gleiche sagen. Wir kennen Zeichnungen (Einritzungen) auf Knochen, bie offensichtlich burch gerabezu herausfordernbe Formenspiele angeregt worden sind. Natürliche Rillen, Vertiefungen und Erhöhungen, Riffe oder sonstige Gebrauchsspuren ergaben fast ohne Zutun das Bild eines Hafen ober anberen Tieres, und nur wenige ..Striche" waren notwendig, es zu vervollständigen. Und es leuchtet wohl ohne weiteres ein, daß von solchen „Zeichnungen" ein direkter Weg zur selbständig angelegten und ausgeführten wies. In gleichem, wenn nicht in noch höherem Grade hinnehmbar ist diese Erklärung der Uranfänge für das Gebiet der Plastik, die übrigens bald verhältnismäßig vorherrschend den Menschen bildet. Auch ba sind die ersten „Werke" sicher burch geringfügiges, mehr spielerisches Rachhelfen aus einem Materialstück entstauben, beffen Form zufällig dem ober jenem Objekt ähnelte. Viele an sich wichtige Fragen mußten hier unerörtert bleiben, so 3- .33- die Rolle, bie bei all bem Besprochenen ber Zusammenhang mit Kulturgebrüuchen, Dämonen- ober Talismanzauber spielt. Un= bebingt zu unserem Thema gehört bas indessen wohl nicht. Gesagt aber muß noch werden, daß die ältesten uns erhaltenen Kunstwerke eine Auffassung und Betonung des — .für die Menschen ihrer Ent- stehungszeit — Wesentlichen erkennen taffen, die uns ehrliche Bewunderung abnötigt. Abend in Zelesz. Von Vicki Baum. Die alten Akazien schütteten die leichten gefieberten Schatten ihrer Blätter über ben Weg, und schwere Wolken von Lindenduft sanken auf die hohen Wiesen; schon kam die Dämmerung über den Park mit verschlafenen Vogelstimmen und ziehenden Nebeln weiter draußen beim Fluß und mit dem roten Aufleuchten eines Fensters im Schloß. Schubert griff mit beiden Armen in die blütenbeladenen Lindenzweige über seinem Kopf und zog einen Ast zu sich herab; ber brad)te_ben Duft von Honig und sommerlicher Stille; eine ganze kleine Seligkeit war es . . . Den Weg herauf tarn Gekicher und Gstuschel, und die kleinen Komtessen bogen um den Jasminstrauch, der weiter unten stand; fie gingen mit spitzbübischen und scheinheiligen Gesichtern und mußten lachen und lachen. „Dc-r Herr Musikmeister soll uns anschauen!" verlangte die dunkelhaarige Marie und postierte sich in einer schmachtenden Pose an den Stamm der Linde; „sind wir schön?" Die kleine Sardine griff mit spitzen Fingern in die gebauschte Seide ihres Röckchens und machte einen tiefen Knix; die großen Augen hielt sie gesenkt; die Wimpern warfen feine, zitternde Schatten auf das unschuldige Gesicht . . . „Schon — o ja", sagte Schubert überzeugt. Aber das genügte nicht. „Sehr schon?" fragten beide atemlos. „Sind die Komtesfen aber eitel!" „Schauen Sie uns einmal genau an: Sehen Sie nichts?" Nein, er sah nichts, der ungeschickte Musikmeister, und die kleinen Komtessen mußten sie ihm erst ganz genau erklären, diese große und aufregende Sache: daß sic zum erstenmal erwachsen frisiert waren, mit Schlupfen und Kämmen, und mit großen gepufften Locken an ben Schläfen. Aber nachdem er cs erst begriffen hatte, fand er es sehr schon, und ganz anders als früher, und fo erwachsen, daß er sich kaum mehr getrauen würde, bei ber Klavierstunbe etwas auszusetzen. Marie lachte unb riß sich plötzlich los unb fegte ben Weg hinunter, wo eben ein blauer Frack burch bie Büsche schillerte; aber die kleine Sardine machte ein altkluges, damenhaftes Gesicht und ging langsam und manierlich hinterher; „jetzt zeige ich mich dem Karl Schönstein", sagte sie erwartungsvoll. Schubert sah der kleinen, zierlichen Gestalt nach, wie sie in der grünen Dämmerung des Weges verschwamm, unb bann mußte er lächeln unb seufzen zugleich. Er ging nach ber anberen Seite und über bie Wiesen, die hoch ftanben unb schon ein wenig feucht waren. Grillen schrillten ihr Lied, und das klang wie hundert eifrige kleine Sägen. An ber nichtigen Parkmauer ftanb er still unb sah bem Abend zu. Der kam ganz sacht über die Wiesen unb bie grünen Felber bnher. von dem blauen Strich bes Walbes in ber Ferne unb von ben Wolken, die dort in vielen sonderbaren Farben entschliefen. Die Waag schimmerte bleigrau herauf, bie Straße ging zwischen Obstbäumen burch das flache Land, unb ein Posthorn klang, leise erst, bann näher und immer näher, mit dem Rollen von Rädern und einem jäh aufspringenden Hundegebell; und bann mieber ferner, ferner, ferner . . . Der Abendwinb wellte über bie Wiesen, Efeu rankte bie Mauer empor und zitterte in der sanft bewegten Luft. Schon war die Welt ... Schubert wandte sich unb ging einem Lachen nach, das herbei- geftaitert kam; vor bem Schloß würbe im letzten Schein bes Tages mit Feberbällen gespielt. Die kleinen Gräfinnen flogen bahin unb dorthin, den farbigen Bällen nach, unb ein paar junge Leute waren ba, in Fräcken unb mit vielem feinen Leinengefältel an Brust und Manschetten. Graf Esterhazy, von einem Ritt durch die Felder heim- gekehrt, saß auf dem Pferd unb warf anfeuernbe Rufe zu den Spielenben. An einem Baumstamm gebrückt sah Schubert eine Weile zu, bis ber Baron Schönstein ihn entdeckte und ein „Guten Abend" durch die sinkende Dunkelheit schickte. „Schubert, nach bem Souper soll gesungen werden!" rief die Gräfin von ber Terrasse her; aber bie kleine Komtesse Sardine huschte zu ihm hinüber und flüsterte: „Wir wollen tanzen nachher, nicht wahr, ja? Sie haben mir neue Walzer versprochen. Sinb fiefertig? Ich freue mich so barauf!" „Sie freuen sich? Ist bas wahr, Komteß?" Schubert nahm die kleine Kinderhanb, die sich ihm dringlich ent- gegenftreette. „Ja, die deutschen Tanze sind fertig, und Sie müssen mir sagen: Freuen Sie sich denn wirklich?" 247 — Aber da lief das Mädchen schon davon, rufend und singend: „Der Schubert hat neue Walzer, und heute wird getanzt!" Es gab Geschrei und Gelächter, und dann verloren sich die Stimmen im Schloß, und Schubert stand allein zwischen den Rosenstämmchen, einsam und ein wenig enttäuscht. Er griff sich an die Brusttasche, in der er die neuen Walzer trug, die besten, die er niedergeschrieben hatte. Sie gehörten der kleinen Karoline, und es waren viele Dinge darin, von denen er selbst nichts wußte: die Anmut der kleinen Komtesse, ihr Uebermut und ihre großen Kinderaugen; der Duft von Linden und hohen summenden Wiesen, Geraschel seidener Reifröcke, Neckerei und süße Traurigkeit. Und die Sehnsucht dieser warmen Abende, in denen er ganz einsam war, ein wenig verliebt und soweit fort von Wien ... Neben dem großen Herd flackerte in einem kleineren ein offenes Feuer, über dem der Spieß sich drehte. Julcsa, die Magd, stand dorten mit langen, schwarzen Zöpfen und im kurzen, weiten Faltenrock über den der Schein des Feuers lustig tanzte; das breitknochige, sentimentale Gesicht hielt sie im Nacken zurückgebeugt, die Augen geschlossen, und sang. Schubert, der an der Küche vorbei zu feinem Zimmer wollte, blieb an der Tür stehen und horchte. Sonderbar waren diese ungarischen Lieder — sonderbar und traurig wie die Ebene und wieder aufflackernd wie das Herdfeuer, an dem .Julcsa den Spieß drehte. „toing noch einmal!" bat er; dann, als er sich die Melodie gemerkt hatte, ging er nickend und mit einem vergnügten Lächeln, indes er seine Brille putzte, die im Küchendunst trüb geworden war. Hinter ihm her kam durch den dunklen Gang das Getrappel von Stöckelschuhen, und Liesel, das Stubenmädchen, rief: „Schnell, schnell, die Herrschaften gehen schon in den Salon!" Schubert fing die Zierliche, Schlanke ein, und gab ihr einen Kuß auf jede Wange und einen Nasenstüber auf die kleine Nase; dann ließ er sie laufen und eilte selbst in einem sachten und behaglichen Tempo^davon. Im blauen Salon wurden eben die Kerzen angesteckt, am Klavier lagen die Noten hergerichtet, und Baron schönstem lehnte dort und blätterte in Manuskripten. Er hatte ein ganz junges Gesicht und ein liebes Lächeln, mit dem er «-chubert beide Hände entgegenstreckte. „Komtesse Marie sagte, daß wir neue Walzer von Ihnen bekommen; wir alle freuen uns so sehr!" sagte er mit seiner angenehmen, herzlichen Stimme. Bon der Terrasse herein kam Reden und Gelächter, indes mehr^nnd mehr Kerzen aufflammten und immer helleres Licht ergossen; Schönstein trat zur Terrasse, die in bläulicher Dunkelheit lag, als Komtesse Karoline hereinkam. „Herr Musikmeister," sagte sie mit einem liefen Knix, „darf Ihre ergebene Schülerin Sie zu einem vierhändigen Klaviervortrag nuf- fordcrn?" Sie parodierte einen Kratzfuß und bot Schubert den Arm, um ihn zum Klavier zu führen. Aber er lief ihr mit geröteten Wangen voraus. „Gelt, die Mozartsonaten spielen wir!" rief er erfreut, klappte Pult und Deckel auf und trug einen Polster herbei. „Weil das Kom- tesserl noch so klein ist!" sagte er, und Karoline schaute zuerst ihn empört an und dann, mit einem schiefen Blick in den Spiegel, aus die erwachsene Frisur, die gar so schön war . . . Nun wurde es still auf der Terrasse, noch klang ein Lachen auf und verstummte; einige drückten sich rasch ins Zimmer, und die Sonate begann. Schubert machte hinter seinen Brillengläsern ganz kleine, vergnügte Augen, indes die Kleine achtsam und zierlich im Takt mit dem Kopf nickte; ihre kleinen runden Kinderhände liefen über die Taften wie spielende weiße Kätzchen, und Schuberts breite Finger hielten im Bah drunten stramme Zucht und gaben der Sonate ein leichtes Wiegen, ein fröhliches Befchwingtsein und dann wieder ein süßes Dehnen, ein Zögern, wie eine selige Erwartung. Die Töne sangen, sangen — schwamm nicht ein blumenbekränzter Kahn zwischen' sonnigen Ufern hin? Das Klavier stand nahe dem Fenster, und manchmal bauschte die Abendluft die Borhänge und strich kühl über Hände und Gesicht. Das Zimmer hatte sich während des Spiels mit Menschen gefüllt, und nun, da die Sonate zu Ende war, gab es Applaus genug für Karoline; die schaute fragend dem Lehrer ins Gesicht, und als er zufrieden nickte, sprang sie lustig davon. Schubert, dessen Augen hinter den Brillengläsern ganz dunkel geworden waren, während er musizierte, drückte sich in die Fensternische, froh, daß er nicht beachtet wurde. Draußen strebten Stämme und grünes Astwerk empor, und alte Bäume warfen ihre Wipfel west Über das Dach des niederen Schlosses; der Brunnen neben der Terrasse fang ein verschlafenes Lied in die Stille. Schubert trat hinaus und horchte; da war wieder jene Melodie, die er heute nm Herdfeiier gehört hatte, sonderbar, traurig und wild . . . Drinnen rief man nach ihm; Baron Schönftein wollte fingen. Er lehnte schon am Klavier, empfing Schubert, der ungeschickt auf ihn zufteuerte, mit einem Blick, der voll herzlicher Freundschaft war, und sagte halblaut: „Die Gesänge des Harfners!" Schubert, der sich in Gesellschaft nur sicher und wohl fühlte, wenn er beim Klavier verankert war, hörte beglückt, wie die wundervolle Stimme Karl Schönsteins seine Lieder emporhob, sie durchleuchtete mit einem leidenschaftlichen Gefühl, sie trug und hinaus- schwingen ließ, weit über den nächtlichen Park. Aber nun war es genug, und die kleinen Gräfinnen und die jungen Leute mit den feinen Fräcken wollten tanzen, unbedingt tanzen; und schon hatte ein Diener Tische und Sessel an die Wände gerückt, und der blanke Fußboden glänzte wie eine Einladung. Gräfin Csterbo.ro blieb einen Augenblick bei Schubert stehen. „Schade, daß es schon vorbei ist —. ich hätte noch lange zuhören mögen —" sagte sic mit einem ungewissen, verhaltenen Klang in der Stimme; Schubert drehte sich rasch herum und spähte in ihre Augen; die aber tagen kühl und stolz unter den emporgehobenen Brauen; und das Lächeln, das einen Augenblick wie durch Tränen geschimmert hatte, war wieder zur Maske gräflicher Herablassung geworden. Als er seine neuen „Deutschen" aus der Tasche holte, sah er sich verstohlen nach Karoline um, die ungeduldig herumtrippelte und keine Augen hatte für den kleinen Musikmeister mit den weiten faltigen Hosen, und keine Ohren für das, was er musizierte. Trotzdem lachte er, als er nun anfing zu spielen. Sein Herz hielt die kleine Gefräst ganz fest umschlungen, drehte und wiegte sich im Takte, überschüttete sie mit Melodien wie mit Blumen; es klagte und zürnte ein bißchen — nun ging der Walzer unvermittelt und überraschend in Moll — und schon war alles wieder gut und vergessen in einem seligen Einklang. Oh, wie seine runden kurzen Hände übet die Tasten liefen und lustig waren und sich freuten, wie sie eilten, wenn die kleine Karoline vorbeiwirbelte, wie sie dem Klavier schmeichelten, und wie sie noch immer spielten, als schon die Tänzer ermüdet waren und aufhörten zu tanzen und begannen, „Gute Nacht" zu wünschen. Die erwachsenen Frisuren der kleinen Komtessen waren locker geworden, und wirre Ringel hingen um die kleinen Köpfchen. Draußen wurden schon die Pferde für die fortreitenden Gäste vorgeführt, als die kleine Karoline den Musikmeister aus seinem Spiel aufftörte, um artig „Gute Nacht" zu sagen. „Und lustig und schön war's heute abend!" fügte sie dazu. Dann kam der Diener und verlöschte langsam die Kerzen, indes Schubert eine Blume vom Boden aufhob und nachdenklich mit der linken Hand ein Thema anschlug: das traurige Lied, das Julcsa am Herd gesungen hatte . . . „Nun, Schubert?" fragte Schönftein halblaut von der Tür her, „wollen Sie heute nicht schlafen gehen? Können Sie nicht genug kriegen?" „Genug? Nein", — Jagte Schubert aus vollem Herzen. Und schon begannen feine Finger eine Beethovensche Sonate. „Du lieber, närrischer Musikant —" dachte Schönstein; und laut sagte er: „Gute Nacht". Aber Schubert Hörle ihn nicht; nun waren nur die beiden Kerzen nm Klavier noch mach und zuckten hin und her in dem Lufthauch, der vorn Fenster kam; zögernd entschlief das Adagio. In die Stille rannten viele verworrene Stimmen; Pferdegetrappel verlor sich hügelabwärts, der Brunnen fang, die Stimmen der kleinen Gräfinnen flatterten irgendwo aus einem Fenster; nun rauschten die Bäume auf und der Wind brachte von weit, weit den verlorenen Klang einer Geige. Da war die Melodie wieder, die traurige, die wilde . . . In der Türe stand das Stubenmädchen Liefet mit einer Kerze in der Hand. „Da fitzt er noch immer beim Klavier, der Narr," sagte sie, „schnell, auf Ihr Zimmer! Die gräflichen Gnaden geruhen Ruhe befohlen zu haben und wünschen keine Musik mehr im Hause." Auf den Zehen schlich sich Schubert durch den Gang; Liefet ging mit hocherhobener Kerze voraus, den Finger an die Lippen gepreßt, ihr feiner, zierlicher Schatten lief an der Mauer mit und wiederholte die behutsame Gebärde. In Schuberts Zimmer stellte sie die Kerze auf den Tisch und wartete. „Hat der Herr Schubert noch einen Wunsch?" „Wunsch?" sagte er; „ach Golt — einen Walzer hält' ich gern getanzt — einen einzigen Walzer . . ." „So?" sagte Liesel und hob die kleine Nase empor; „und sonst nichts? Da sind Sie ein glücklicher Mensch!" „Wie man's nimmt, Liefe! . . ." Ms er allein war, lief er ein paarmal aufgeregt in dem kleinen Zimmer hin und her, und dann, zwischen Lachen und Weinen, begann er, über die Kerze gebückt, Noten niederzuschreiben, ein paar Takte nur: eine sonderbare, traurige, wilde Melodie — Die Heimkehr. Don Hermann S t c g e m a n n. Die Abendsonne schlug Feuer aus den Wolken. Rosenrot und bernsteingelb kamen sie über das Gebirge gezogen. Der Schwarzwald hauchte zarte Dünste aus und flotte feine sprossenden Halden mit opalfarbenen Schleiern, aus denen das Rauschen der Waldbäche und das Pochen der Sägewerke geheimnisvoll hervorklang. Als Anneliese Meltzer den Postboten kommen sah, sagte ihr eine Ahnung, die sie nie betrogen hatte, daß er ein Lebenszeichen von ihrem Bruder in der schwarzen Ledermappe trage. Sie sah ihn quer über die grüne, mit den ersten Himmelsschlüsseln gestickte Wiese kommen. Er hatte nur noch das Haus des Forstmeisters aufzusuchen. Das lag weit vorgeschoben vor dem in die Talsohle gebetteten Amtsstädtchen an einer übergrünten Halde und warf den goldenen Glanz der untergehenden Sonne aus blanken Scheiben zurück. Fünf Tannen standen in einer schwarzen Gruppe neben dem Haus. Sie waren beim Roden der Halden geschont worden. „Don drüben, Engler?" Ihre Stimme zitterte -rotz aller Mühe, die sie sich gab, es zu Derbergen. .. s_. _ . - 248 — Der Alte blieb schweratmend stehen und wischte sich erst die Stirn. „Noch nicht recht März, aber ein Lag wie im Sommer! .Und zwei Briefe, ia, und einer vom Herrn Bruder, wie geraten, akkurat wie geraten." , Er tauchte die zittrigen, mageren Finger langsam in die Posttasche und sifchte die beiden Briefe heraus. Annelies war wieder ganz ruhig. Seit sie wußte, daß Hans geschrieben hatte, war sie sich ihrer Ausgabe und Verantwortung wieder bewußt geworden. Nasch trat sie noch einen Schritt näher und stellte sich so, daß ihre schlanke Gestalt den Ausblick vom Fenster des Vaters auf den Postboten unmöglich machte. „Da sind auch noch ein paar Holzversteigerungszettel fi'ir den Herrn Forstmeister, und so lebt wohl." Langsam stapfte der Alte über den Weichen Wiesenpfad zur Landstraße zurück. Aus den Tannen rief eine Amsel. Anneliese stand noch lange und starrte in den verlöschenden Abendglanz. Es war plötzlich kühl und feucht, violette Schatten sanken von den Bergen, das große Sägewerk im Talgrund war verstummt. Sn lilafarbigen Spiralen stieg der Aauch aus den Schornsteinen des Städtchens. „Annelies!" klang eine befehlende Stimme vom Hause. „3a, Vater!" Mit einem raschen Griff stieß sie den Brief des Bruders in den enganschließenden Aermek, daß er ganz darin verschwand, und wandte sich um und ging ins Haus. Aber drei Schritte vor der Tür blieb sie stehen und starrte auf den zweiten Brief, den sie so lange unbeachtet zwischen den Amtspapieren getragen hatte. Sie erblaßte bis in die Lippen, ein trotziger Zug spannte ihren Mund, und unwillkürlich machte sie eine Bewegung, als wollte sie den Brief zerreißen, der ihr mit bekannter Handschrift in die Augen brannte. „Annelies!" rief der Vater noch einmal. Der Jähzorn zitterte in seiner Stimme und — Angst. Sie hörte es deutlich heraus, auch Angst vor dem, was der Postbote gebracht haben konnte, vielleicht gebracht hatte. Mit letzter Kraft zwang Annelies ihre Verwirrung, hob den Kopf und nickte dem Vater, der schon unter die Haustür getreten war, lächelnd zu. „Was ist das für ein Bries?! Empfängst du Briese von ihm? Gegen meinen Willen! Bin ich deiner nicht mehr sicher? Dann geh, geh nur auch, ich halte keins! Ich finde den Weg auch allein auf den Gottesacker! Geh! J3el) zu ihm! Er ist mir feil. Der Meltzer hat schon lang' keinen Sohn mehr!" Die hohe Gestalt vornübergeneigt, einen gelben Widerschein im rauhbärtigen, hageren Gesicht, stand Matthias Meltzer auf dem ausgetretenen Türstein und schrie seinen Schmerz und seinen Zorn mit einer tonlosen, rauhen Stimme in den klaren Abend. „Verfluch' dich nicht, Vater! Es geht keiner von dir. Auch der Hans ist nicht von dir gegangen; er ist dumm und taub in die Welt, aber von dir ist er nicht gegangen!" „Also hast du doch einen Brief von ihm? Und nicht von mir weg ist er, der Hans?! Wenn einer fein Leben wie das Lieh auf den Markt treibt und verhandelt, dann geht er von feinem Vater weiter weg als der Teufel vom Herrgott! Gib den Brief! Die Rosin' hat Feuer im Herd." Hart trat er auf sie zu. Einen Augenblick war's wie ein Ringen. „Vater, ich bitt' dich!" Ruhig und mitleidig sprach sie zu ihm und suchte seine Hände abzuwehren. Liber mit einem peinigenden, lautlosen Lachen ergriff er ihr Handgelenk und hielt es fest. Seine Faust schloß sich über dem Aermel, unter dem der Brief des verlorenen Sohnes verborgen lag. Die Finger Annelies' umklammerten den zweiten Brief, denn nach diesem, der ihm weist in die Augen stach, langte der Vater mit der freien Hand. „Die Rosin' hat Feuer im Herd!" wiederholte er mit harter Entschlossenheit. „Ja, Vater, aber es ist der Mutter ihr Herd!" antwortete die Tochter. Da verlor der Griff der Faust seine Kraft, und Annelies konnte sich des letzten Angriffs auf den Brief in ihrer Hand leicht erwehren. Und sanft, wie eine Pflegerin zu einem Kranken spricht, fügte sie hinzu: „Der Brief ist ja nicht von Hans. Berthold Nokk hat mir geschrieben." Sie zeigte ihm die Aufschrift, und er sah, daß es nicht die Schrift seines Sohnes war. „Berthold Nokk?" wiederholte er mechanisch und strich sich über die feuchte Stirn und die schmerzenden Augen. Es klang, als lohne sich die Frage nicht, und plötzlich vom Zorn, der ihn gerade gestreckt hatte, in eine dumpfe Gleichgültigkeit zurückfinkend, wandte er Annelies den Rücken und ging ins Haus. Einen Augenblick übermannte sie ein grenzenloser eifersüchtiger Schmerz, zog ihr die Brust zusammen, als müßte sie ihm nach- schr^wn: tio denk' doch auch an mich! Es ist ein Brief von ihm, du weißt doch, daß er mich liebt, daß er mich wieder fragt, ob ich seine pran werden will. Sa zeige mir doch auch ein bißchen Teilnahme, ein klein wenig nur, ich weiß ja ohnedies nicht aus und ein. Da sah sie ihn am Schwellenbord fehltreten und sich mühsam vor einem Fall bewahren, und sie vergaß ihren eigenen Kamps und ging langsam um das Haus herum, unter die vorgebaute Laube, wo das Scheitholz schön aufgeschichtet im Regen schütz an der Luft trocknete. Sie setzte sich auf den alten Eichenklotz, der von vielen taujenb Beilhieben eingekerbt war. An dem hatte Hans als wilder Bub schon seine Kraft erprobt beim Scheiterspalten, und der Berthold Nokk hatte von diesem Knorren behauptet, er sei ihm lieber als alle glatten Stämme in der Säge seines Vaters. Leise strich Annelies über die zerhackte Fläche. Oft hatten sie eng aneinandergedrückt hier gesessen, wenn die Väter drinnen rechneten und sich gegenseitig den Vorteil abzugewinnen trachteten, bis der Schritt der Mutter vor der Laube klang und sie, bedeutsam hustend, den Aufbruch des Sägemeisters verkündete. Nun hockte sie allein, und die gezähnte Stahlscheibe in der Sägerei Nokk hatte schon längst vier Bretter und zwei Brettlein für ihre Mutter und einen größeren Totenbaum für den Vater des Berthold aus dem gelben Tannenholz geschnitten. In das klare Gesicht des Mädchens war eine große Ruhe gekommen. Im letzten Zwielicht, das, milchfarben über dem braunroten, leeren Buchenwald stand, öffnete sie den Brief des Geliebten und sparte den des Bruders auf die Nacht. Als sie wieder aufblickte, waren die Farben erloschen. Erkältende Feuchte stieg aus den Wiesengründen. Mit dem Brief in der Hand ging Annelies Meltzer zu ihrem Vater. Er saß vor feinem Arbeitstisch; die Hornbrille gab ihm etwas Greisenhaftes und Schreckhaftes. Die adergeschwellte, hagere Faust lag wie 3um Schlag bereit aus der Tischplatte. „Vater, ich will dir jetzt sagen, wie es steht." „Das ist eine Ehre für den alten Mann!" versetzte er mit zornigem Spott. „Tu dir nicht selber tuel), Vater. Du weißt, daß ich dir die Liebe nicht schuldig geblieben bin." „Auch das Vertrauen nicht, Annelies?" toie preßte die Lippen zusammen. Im matten Schein des verhüllten elektrischen Lichtes war ihr Gesicht von der Glätte und Farbe des Elfenbeins und neigte sich wie schuldbewußt unter dem schweren, schwarzen Haar. Doch dann stieg eine rote Welle in ihre Wangen, und sie hob mit harten: Ruck den Kopf und entgegnete: „Solang' du es gut ausgenommen und begehrt hast, hab' ich dir all und jedes anaerlraut. Es ist nicht meine Schuld, daß es anders geworden ist." „A Iso mein e?" „Ja, deine Schuld, oder besser, dein Wille, Vater. Aber ich hab's dir nie nachgetragen und verstehe dich ja so gut." Ihre Stimme hatte den kräftigen Klang verloren und war warm und leise geworden. Die Faust auf der Tischplatte löste sich langsam, und die Finger begannen einen kleinen Wirbel zu schlagen, den Aoanciermarsch des Türken-Louis, den die badischen Regimenter seit den Kriegstaten des Markgrafen Ludwig in Hungaria wirbelten, wenn sie die Kolben rechts nahmen. Annelies kannte das Signal, mit den: der Vater den Bahndannn von Nuits gestürmt hatte am 18. Dezember 1870, als die Mutter noch drunten in Rottach die Zopfbänder schwenkte und nichts wußte von dem Forstgehilfen Matthias Meltzer. Doch plötzlich verstummte das Knöchelspiel, und ihr aufschreckender Blick sah, daß die gekrümmten-Finger krampfhaft ins Leere zuckten. „Was klopft der alte Narr für einen Tanz! Der Bub hat ihm ja die Reputation gestohlen und pfeift den Marsch der Legion!" Das lautlose, verzweifelte Lachen, das Annelies so fürchtete, schüttelte feine Schultern und zerriß sein Gesicht zu einer schmerzstarrenden Maske. Seine Gedanken waren wieder zu dem Sohn zurückgekehrt, und alles andere war uergeffett. Diesmal aber ließ sich Annelies nicht abschrecken. Sie legte den Bries Bertholds vor ihn hin und bückte sich, umfaßte seine Schulter und lehnte ihre Wange an seine graue, eingesunkene Schläfe. „Vater, du machst alles schlimmer, als es ist. Der Hans hat gar nicht daran gedacht, daß er dir etwas antut, als er in Karlsruhe auf der Technischen Hochschule ins Bummeln gekommen ist und Schulden gemacht hat. Alles andere ist nur hinterhergekommen. Und ihm selbst geht's doch am schlimmsten. Nun wissen wir doch wenigstens, wo er ist und —" „Wo er ist — ja, das wissen wir! Richt an mich gedacht! Das ist's ja gerad', was ich ihm nicht vergessen kann, daß er nicht an den alten Mann gedacht hat, der ihn: ins Leben geholfen hat, und dem er das Kreuz im Rücken gebrochen hat! Bummeln! Schulden! Karres- fieren! So hat's angefangen, dann die Schlägerei mit dem Einjährigen, und auf einmal das Hinausstromen, wie ein Vagant ins Weite fahren, daß er einem auf dem Schub heimgebracht wird! Wenn ich einen Hund hab', der das Strolchen nicht läßt und ein falsches Luder ist, das die Rasse schändet, so geb’ ich ihm die Kugel, van meinem eigenen Fleisch aber mutz ich's leiden!" (Fortsetzung folgt.) Hchriftieitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Tlniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.