Gietzener Zamilienblätter Unterhaltungrbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, den 3. Juli Nummer 53 Abend auf der Terrasse von Saint Cloud. Von Oskar L o e r k e. Bang ift's, — als stände wer gebeugt auf unsere Erde;-- Verhüllt jein Leib von Städten, Strömen, Moor und Lehm, Sein Haupt von stürmeoollem Wolkendiadem, Und nur die Arme, wie mit brünstiger Gebärde Am Horizont entlang gebreitet, sieht man fahl Durch goldnen Rauch. Und aus den Höhen in das Tal Geht feine Stimme. Um die Lippen spielt der Qualm! Der leuchtet feurig, bricht durch ihn des Riefen Psalm. Vor ängstend großer Liebe ruft er dies Auf eine Stadt: Ma Soeur! — ma Soeur! — ma Socur! Dort unten liegt, ein graues Steingetüm, Paris, In Dunst bis zu den Nebelburgen Sacre Coeur. Und jemand wartet, — atmet mit profundem Zuge.-- Da fliegt dicht neben mir ein Abendvogel aus, Deckt zu das Pantheon und unserer Dame Haus, Ob er gleich klein ist. Denn er wächst an seinem Fluge Und Wurfe aus des Westens in des Nordens Schein. Schon scheint er mehr als unter ihm die Stadt zu fein, Weil die geheimnisvolle'Brunst aus Wolkenqualm Sich an ihn drängt und jenes dunklen Riesen Psalm, Vor Liebe graunvoll, ihm nur jauchzt. Ich höre dies Wie inner» Sturm: 4:,’ Ma Soeur! — ma Soeur! — ma Soeur! Jemand verwarf für einen Vogelflug Paris. Nacht schluckt den weißen Martexberg um Sacre Coeur. Gustave Flaubert. Von Friedrich von Oppeln-Bronikowski. Er war einer der entscheidenden Dichter des 19. Jahrhunderts, ein „guter Europäer" im Sinne Friedrich Nietzsches. Seine Wirkung ist ebenso langsam wie nachhaltig gewesen. In einer Zeit der Viel- und Breitschreiberei, wo selbst die Größten unter seinen Landsleuten, Balzac und Hugo, mit ganzen Schlachtreihen von Büchern anrückten, war Flauberts Lebenswerk nur ein kleiner Sturmtrupp von sechs Bändern, aber jedes von einer konzentrierten Kraft, die eine Lücke in eine ganze Schlachtfront riß, in die dann Scharen van Kämpfern einbrachen. Solch ein Buch war schon sein Erstling „Madame Bo- vary" (1856), worin er zum erstenmal mit Bewußtheit „der Kunst durch unerbittliche Methode die Präzision der Naturwissenschaften zu geben" suchte, das erste „klassische" Werk des konsequenten Naturalismus. Seine Schüler Maupassant, Zola, Daudet haben sich unter seine!» unmittelbaren Einfluß entwickelt, die Goncourts standen in seiner Sphäre, und schließlich ist Anatole France durch Flauberts kulturhistori che Romane und Novellen — „Salambo" (1862), „He- rodias" und „Sankt Julian" (beide 1877) — schließlich auch durch „Die Versuchung des Hl. Antonius" (1872) aufs tiefste befruchtet worden. Was uns heute aus Frances Werken an kulturhistorischen Raffinements und kulturhistorischer Ironie geläufig ist, das verständnislose Aufeinanderprallen und Nebeneinanderherlaufen verschiedener Kulturen imb Glaubensmeinungen, das alles findet sich zuerst in Flauberts Kunst. Aber auch über Frankreich hinaus ist sein Einfluß nachhaltig gewesen; sein langjähriger Freund Turgeniew hat bei ihm gelernt; „Herodias" ist zum Vorbild von Oskar Wildes Me.ster- drama „Salome" und somit von R. Strauß' Oper geworden, von Sudermanns „Johannes" ganz zu schweigen. Und ebenso haben Romane, wie Fontanes „Effi Briest" oder Th. Manns „Buddenbrocks die „Madame Booary" zur Voraussetzung. Man schreibt also ein Stück Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts, wenn man auf Flauberts Schaffen 'eingeht. Gewiß hängt auch dies Schaffen nicht in der Luft. Flaubert hatte Vorgänger in den Realisten Beyle-Stendhal und Balzac, und Paul Bourget, Tolstoi u. a. haben unmittelbar an den ersteren angeknüpft, während Stendhals Schüler Taine aus dessen Werken seine Milieutheorie abgeleitet hat, die zur programmatischen Grundlage naturalistischer Methode geworden ist. Gleichwohl ist der eigentliche Naturalismus erst durch Flauberts Kunst ,n Fluß gekommen, weil der Zeitgeist ihni ein inächtiger Trager wurde, well die neue Macht der Wissenschaft, insbesondere der Naturwissensaiaft und der Geschichtsschreibung, sich auch das Gebiet der schonen Literatur unterwarf. , , .. . ... Aber das ist nur die eine Wesenshälfte Flauberts; die andere ist die Romantik. Sein erst nach seinen! Tode veröffentlichtes Jugend- schaffen zeigt ihn noch ganz im Banne der Roinantik, und em romantisches Element ist ihm Zeitlebens geblieben, sowohl in der Psychologie seiner Figuren wie in der Schwärmerei für den Orient mit seiner Farbenpracht, seiner Wildheit und fremdartigen Schönheit. So haben Romantik und Naturalismus, diese beiden stärksten Strömungen des 19. Jahrhunderts, in ihm miteinander gerungen, sich gegenseitig durchdrungen und in seinem Werk eine eigenartige Synthese vollzogen. Seine Seele war gleichsam das Schlachtfeld, auf dem die großen geistigen Krisen durchgekämpft wurden, die Europa seit Voltaire und Rousseau erschüttert haben. Und erst dadurch ist er zu einer repräsentativen Erscheinung seines Zeitalters geworden, wie vor ihm Beyle-Stendhal, nach ihm Maurice Maeterlinck oder Gerhart Hauptmann. Doppelt nahe steht er uns Deutschen, dem Volke der Weltliteratur, sowohl durch seinen germanischen Muteinschlag wie durch seine aus deutschen Quellen geistreicher Romantik. Der Norinanne Flaubert mit seiner Wikingergestalt, seinen blonden Haaren und blauen Augen, seinem prächtigen Rassekopf, ist nicht nur von Rassefanatikern (O. Hauser) als Germane in Anspruch genommen worden, sondern er hat auch selbst als solcher empfunden. „Im Grunde bin ich Deutscher," sagt er einmal, „nur durch Geduld und Studium habe ich mich von den nordischen Knebeln befreit." Nicht bei ihm, sondern auch bei normännischen Dichtern verschiedenster Zeitalter — von Malherbe und Corneille bis zu Flauberts Schüler Maupassant und zu Henri de Regnier — wird man diese Familienähnlichkeit finden, eine nordische Härte und Herbigkeit, die sich die runde, lateinische Form erst mühsam bis zur Vollendung, aber nie bis zur seichten Eleganz erarbeitet. Auch der Sinn für das Unendliche, Uferlose, das Streben in die Ferne (Baudelaires goüt del’infini), die unstillbare Sehnsuchi, deren Größe Flaubert geradezu als Maßstab einer Seele erschien, ist zwar allen romantischen Naturen gemeinsam, aber nirgends stärker entwickelt als bei den meeranwohnenden, meerbefahrenden Germanen: Flaubert s Nachbaren, die Vlamsn De Coster, Rodenbach, Verhaeren und Maeterlinck mit ihrem mystischen Allgefühl geben ein beredtes Zeugnis dafür. Es ist daher kein Wunder, daß die deutsche Romantik Flaubert mächtig anzog, daß selbst da, wo er sie nicht kannte, seine Geistesverwandtschaft mit ihr auch von der französischen Kritik betont worden ist. So findet z. B. Henri Grappin (Revue de Paris vom 15. 12. 1912) auffällige Uebereinstimmungen zwischen dem jungen Flaubert und Jean Pauls Ludwig Treck und der damaligen deutschen Mystik, die er gar nicht gelesen haben kann, weil sie in Frankreich nicht übersetzt 'war. Umgekehrt führte dieser äußere Umstand zu einer frühen und starken Bekanntschaft Flauberts mit E. Th. A. Hoffmann, der sich bekanntlich in Frankreich viel längerer Beliebtheit erfreut hat, als in seinem Vaterlands. Sein Vorbild tritt uns schon in zwei Erzählungen des 16jährigen Flaubert entgegen, in den „Memoires d’un fou" und in der Novelle „Bücherwahn", die bereits ein Stück von Flauberts eignem Leben vorweg nimmt, die schauerliche Einsamkeit des „literarischen Mönches" und seine ausschließliche Leidenschaft für Bücher. Daneben schlug ihn vor allem Goethe in Bann, dessen eine Wesensseite ja ganz der, Romantik gehört. Schon in seinem „Höllentraum" (1837) ist der Einfluß des „Faust" deutlich spürbar, ebenso später der des „Wilhelm Meister" in Flauberts Erziehungsroman „Die Schule der Empfindsamkeit". Aber es waren nicht nur einzelne Werke Goethes, es war seine ganze künstlerische Erscheinung, die Flaubert bestrickte. In seinem Nachlaß hat sich eine lange Jugenddichtung „An Goethe" gefunden, die Flauberts ganze Künstlermoral vorwegnimmt: Daß der echte Künstler zugunsten seiner Kunst auf das Lebensglllck verzichten müsse. Später, als Flaubert sich von der Romantik ab und der Wissenschaft zugewandt hatte, waren es zahlreiche gelehrte deutsche Werke, von Humboldt, Hegel und H. Ritter bis zu Strauß und Hackel, die er lobte und empfahl und aus denen er sich zahlreiche Auszüge machte. Aber noch als alter Mann (1870) vertiefte er sich m „Goethes Gespräche mit Eckermann". Diese Abhängigkeit von deutschen Vorbildern erklärte sich freilich nicht nur aus Flauberts Rassenverwandtschaft, sondern auch aus rein zeitlichen Gelegenheiten, die Romantik war in Frankreich spat zum Siege gelangt, am spätestens in ganz Europa, zu einer Zeit, wo sie in Deutschland bereits abgeblüht war und das „Junge Deutschland" neue Wege einschlug. In den furchtbaren Erschütterungen und Revolutionen des Kaiserreichs war die französische Romantik über Ansätze nicht hinausgekommen, um sich erst in der schwunglosen Restaurationszeit und in der spießbürgerlichen Enge des Bürgerkönigstums voll zu entfalten. Die deutsche Romantik aber stand als etwas Fertiges da, und so war es natürlich, daß die sranzösische an sie anknüpfte und sich von ihr befruchten ließ. Nur in der Musik, die stets am spätesten kommt, erlebte die deutsche Romantik durch R. Wagner noch eine üppige Nachblute, und diese — 210 schließt sich zeitlich wieder unmittelbar an die ersten geräuschvollen Siege der französischen Romantik an. Es war kein Zufall, sondern innere Verwandtschaft, die einen Baudelaire, Flauberts Zeit- und Leidensgenossen, zum ersten begeisterten Wagnerianer in Frankreich machte. Betrachtet man derart die großen europäischen Geistesbewegungen nicht nach der literaturgeschichtlichen Schablone bestimmter „Schulen" so ergibt sich ein großes einheitliches Fluten über alle Etiketten und Landesgrenzen hinaus, genau wie zur Zeit des Rittertums ruid der Gothik oder des Rokoko, nur daß in unserem Falle Deutschland nicht der Empfangende, sondern der Gebende war. Gewiß war cs Rousseau, der zuerst mit der Kultur und dem Rationalismus des Rokoko furchtbar abrechnete, und der Schallboden von Paris, die damalige unbestrittene Suprematie Frankreichs in Sprache und Sitten sicherte ihm einen europäiscben Erfolg, der sich' am deutlichsten in Goethes „Werther" zeigte. Aber für Rousseau war die „Ratur , die er der „Kultur" entgegensetzte, weniger ein Cr- lebms als ein« Negation der „Kultur", an der er litt und die ihn anekelte. In Deutschland dagegen wurde die „Natur" ein Ur- erlebnis, em neues Weltgefühl, bei Klopftock noch verschwommen, aber bei Hamann und dann bei Herder, der Hamanns dunkle Mystik in begreifbare Formeln brachte, zum Mittelpunkt einer völligen Umwälzung und Neuorientierung des Geistes, die sich dann elementar in „Sturm und Drang" in Kunst umsetzte und alle Lebens- gebiete durchdrang. Bon hier cais wurde auch die Anknüpfung an Shakespeare gewonnen, der für Goethe wie für die deutsche Ro- mantik und später für Flaubert nicht blaß zu einem literarischen Abgott, sondern zum Lebensprinzip, zur überpersönlichen Macht wurde. Diese Geistesflut, an deren Quelle Hamann und Herder standen, hat ein Jahrhundert hindurch immer neue Wogen nuf- schlagen lassen, von Goethe und der Romantik bis zu Wagner und Niizschs. Von ihr ist auch Flaubert emporgetragen morden. Seine individuelle Erscheinung, die besonders Varietät seiner Kunst wird dadurch nicht verkleinert, sondern nur näher bestimmt. Sie ist, um mit seinen eigenen Worten zu sprechen, die eines religiösen Men- sche>; ohne Religion. Unb hierin liegt zugleich Flauberts Tragödie. Das neue Weltgefühl, das die Menschen seit Rousseau und Klop- stock ergriffen hatte, war wie jedes Urerlebnis religiöser Art, mußte es auch bei Flaubert sein. Aber zugleich hatte seine „relioionslose Erziehung" seinen Geist frühzeitig mit einem Skeptizismus erfüllt, der durch seine Hinwendung zur Geschichte und Naturwissenschaft zur Verzweiflung des Nichtwissenkönnens, zum Zweifel an allen menschlichen Glaubens- und Lehrmeinungen wurde. Gemüt und Kopf gingen bei ihm also entgegengesetzte Wege, tmb aus diesem ewigen qualvollen Widerstreit zwischen Herz und Denken ist der ganze Inhalt seiner Kunst und die klassische Schönheit ihrer Form geboren. Die Ueberwelt, die er im Glauben nicht finden konnte, fand er in seinem „ästhetischen Mystizismus", in einem Reiche der Schönheit und Vollendung, das in seinen Werken in die Wirklich- fcit zu ziehen das zähe, inbrünstige und heroische Streben seines Lebens gewesen ist. Dieser „Heilige der Kunst" hat sein Lebens- glück der künstlerischen Offenbarung des Schönen geopfert. Die Sage von Zankt Iulianus dem Gastfreien. Bon G u st a v e F l a u b e r t*). Julians Eltern bewohnten inmitten von Wäldern, auf dem Abhange eines Hügels, ein Schloß. Die vier Türme an den Ecken hatten spitze, mit Bleischindeln gedeckte Dächer, und die Mauern standen auf Felsrändern, welche schroff bis auf den Grund der Wassergräben abfielen. Das Pflaster des Hofes war sauber wie die Fliesen in einer Kirche. Lange Traufen in Gestalt von Drachen mit nach unten gelehrtem Rachen spieen das Regenwasser nach der Zisterne, und auf den Fensterrändern blühte in jedem Stockwerk in einem bemalten Tontopf Königskraut oder Heliotrop. Ein zweiter hölzerner Zaun umschloß zunächst einen Obstgarten, ferner ein großes Beet, in welchem Blumenreihen Namenszüge zeichneten, dann, zur Erholung in frischer Luft, eine Laube mit^Bogengängen, und endlich ein Mailspiel, das zur Belustigung der Edelknaben diente. Auf der andern Seite befanden sich die Ställe, der Hundezwinger, die Bäckerei, die Kelter und die Scheuern. Eine grüne Grasweide, welche ebenfalls, und zwar von einer starken Dornenhecke eingezäunt war, erstreckte sich ringsherum. Man lebte seit so langer Zeit im Frieden, daß das Fallgatter nicht mehr herunterging. Die Gräben waren voll Wasser, in den Ausschnitten der Zinnen hatten Schwalben ihre Nester gebaut, und der Bogenschütze, der den ganzen Tag über auf dem Wall einherging, zog sich, sobald die Sonne zu stark glühte, in das Wachthäuschen zurück und schlief dort ein wie ein Mönch. Im Innern erglänzten überall eiserne Beschläge, Teppiche schützten in den Gemächern vor der Kälte, und die Schränke strotzten von Linnen. In den Kellern waren die Weintonnen hoch gestapelt, und die Eichentruhen krachten unter der Last der Geldsäcke. In dem Waffensaal sah man zwischen Fahnen und Hirschköpfen Waffen aller Zeiten und aller Völker, von den Schleudern der Anralekiter und den Wurfspießen der Garamanten bis zu den breiten Schwertern der Sarazenen und den Panzerhemden der Normannen. *) Dem Text liegt die Uebertragung Ernst Hardts «Insel-Bücherei, Leipzig) zugrunde. Aus dem Hauptbratspieß in der Küche konnte man einen Ochsen raenöen, und die Kapelle war prächtig wie eines Königs Betzimmer. -m<7^I^5,"^E^"^".dtelle befand sich sogar eine auf römische Art emgericytete Badestube, aber der wackere Burgherr benutzte sie nicht da er das für einen Brauch der Götzendiener hielt. , Stets in einen Fuchspelz gehüllt, ging er in seinem Hause umher, sprach zwischen seinen Jnstleuten Recht und schlichtete die Fehden seiner Nachbarn. Zur Winterszeit schaute er in die fallenden Schneeflocken, oder er ließ auch Geschichten vorlesen. Von den ersten schönen Tagen an ritt er auf seinem Maultiere die schmalen Pfade am Rande der grimenden Felder entlang und unterhielt sich mit den Bauern, denen er Ratschläge erteilte. Nach vielen Abenteuern hatte er ein Fräulein hoher Abkunft zur Frau genommen. Sie war sehr blaß, sehr ernst und ein wenig stolz. Die Spitzen ihrer Haube streiften die Türbalken, und die Schleppe ihres Tuchkleides schleifte drei Schritte hinter ihr. Ihr Hauswesen war geregelt wie das Innere eines Klosters, jeden Morgen teilte sie unter ihren Mägden die Arbeit aus, überwachte das Zuckerwerk und die Salben und spann am Rocken oder stickte Altardecken. Kraft ihrer Gebete zu Gott bekam sie einen Sohn. Da gab es große Lustbarkeiten und ein Mahl, welches drei Tage und vier Nächte bei Fackelschein und Harfenklang auf Laubgestreuen dauerte. Man aß dort die seltensten Gewürze zu Hühnern, welche so groß wie Hammel waren, zur Belustigung kroch ein Zwerg aus einer Pastete, und das Geschirr reichte zuletzt nicht mehr, denn die Menge wuchs beständig, man war gezwungen, aus den Hifthörnern und aus den Helmen zu trinken. Die junge Wöchnerin wohnte diesen Festen nicht bei. Sie lag still in ihrem Bett. Eines Abends erwachte sie und gewahrte bei einem Strahl des Mondes, der durch das Fenster drang, etwas wie einen schwebenden Schatten. Es war ein Greis in einer Wollenkutte mit einem Rosenkranz an der Seite und einem Bettelsack auf der Schulter, dem ganzen Aussehen nach ein Einsiedler. Er näherte sich ihrem Lager und sagte, ohne die Lippen zu öffnen: „Freue dich, o Mutter, dein Sohn wird ein Heiliger werden!" Sie wollte schreien, aber er erhob sich, auf dem Strahl des Mondes gleitend, sanft in die Luft und verschwand. Die Lieder des Gelages erschallen lauter. Sie glaubte die Stimmen der Engel zu vernehmen, und ihr Kopf sank auf das Kissen zurück, über welchem ein Märtyrerknochen in einem Karfunkelrahmen hing. Am andern Morgen versicherten alle befragten Diener, daß sie keinen Einsiedler gesehen hätten. Traum oder Wirklichkeit, es mußte eine Himmelsbotschaft sein, aber sie trug Sorge, nichts davon zu verraten, aus Furcht, man könne sie der Hoffart zeihen. Die Festgenossen brachen im Morgendämmer auf, und der Vater Julians befand sich vor dem Falltore, wohin er den letzten Gast geleitet hatte, als sich plötzlich ein Bettler vor ihm im Nebel aufrichtete. Es war ein Zigeuner mit geflochtenem Bart und Silberspangen an beiden Armen und mit funkelnden Augen. Er stammelte mit begeistertem Ausdruck ohne Zusammenhang diese Worte: „O! o! Dein Sohn! . . . Viel Blut . . . Viel Ruhm! . . . immer glücklich! Die Familie eines Kaisers." Mnd, indem er sich niederbückte, um sein Almosen aufzuheben, verlor er sich im Grase und verschwand. Der wackere Burgherr sah nach rechts und nach links, rief soviel er konnte — nichts. Der Wind pfiff, die Morgennebel verflogen. Er schrieb dieses Gesicht der Müdigkeit seines Kopses zu, der zu wenig geschlafen hatte. Wenn ich davon spreche, wird man mich auslachen, sagte er sich. Nichtsdestoweniger blendete ihn der seinem Sohne bestimmte Glanz, trotzdem die Verheißung darüber nicht klar war und er sogar zweifelte, sie gehört zu haben. Die Ehegatten verbargen einander ihr Geheimnis. Aber alle beide liebten dos Kind mit einer gleichen Liebe, und da sie es als von Gott bezeichnet achteten, hegten sie es mit unendlicher Sorgfalt. Sein Veilchen war mit feinstem Flaum gepolstert, eine Lampe in ©eftalt einer Taube brannte unaufhörlich darüber, drei Ammen wiegten cs, und wenn es solcherweise eng in seine Windeln gewickelt dalag, glich es mit seinem rosigen Gesichtchen, seinen blauen Augen, seinem Brokatmantel und seinem peribeladenen Häubchen einem kleinen Jesus. Die Zähne wuchsen ihm, ohne daß es ein einziges Mal meinte. Als es sieben Jahre alt geworden war, lehrte es feine Mutter fingen. Um es mutig zu machen, setzte sein Vater es auf ein großes Pferd. Das Kind lächelte behaglich und säumte nicht, alles zu erlernen, was die Streitrosse betraf. Ein alter, sehr gelahrter Mönch lehrte es die Heilige Schrift, die Zählung der Araber, die lateinischen Lettern und die Verfertigung artiger Malereien auf Pergament. Hoch oben in einem Türmchen arbeiteten sie zusammen, abseits von allem Geräusch. Nach beendigter Stunde fliegen sie in den Garten hinab, und auf- und nieder- wandelnd studierten sie dort die Blumen. Manchmal gewahrte man einen Zug von Saumtieren, welche von einem auf inorgenländische Art herausgeputzten Fußgänger geführt die Tiefe des Tales durchwanderten. Der Burgherr, der in ihm einen Kaufmann erkennen mochte, schickte einen seiner Knechte hinunter. Der Fremde kehrte dann, Vertrauen fassend, auf seinem Wege um und zog, nachdem man ihn in das Wohnzimmer geführt hatte, aus feinen Kästen Samt- und Seidenstücke, Goldschmiedemoren, Spezereien und seltsame Dinge hervor, deren Verwendung unbekannt war, und schließlich ging der gute Mann mit einem großen Gewinst fort, ohne irgend Gewalt erlitten zu haben. Ein anderes Mal klopfte eine Pilgerschar ans Tor. Ihre durchnäßten Kleider dampften vor dem Herd, und als sie sich gestärkt hotten, schilderten — 211 — sie ihre Reisen: Die Irrfahrten der Schisse auf dem schäumenden Meer, die Fußwandenmgen durch den glühenden Sand, die Wildheit der Heiden, die Höhlen Syriens, die Krippe und das Heilige Grab. Und schließlich trennten sie für den Junker Muscheln von ihren Mänteln. Oft auch bewirtete der Burgherr seine alten Waffengefährten. Während sie tranken, gedachten sie ihrer Kriegszüge, der Burgerftür- mungen unter dem Gedröhn der Maschinen und der wunderbaren Verwundungen. Julian, der ihnen zuhörte, schrie auf dabei, und da zweifelte sein Vater nicht mehr, daß er einst ein Eroberer werden würde. Abends aber, nach Schluß des Angelus, wenn er an den sich verneigenden Armen vorbeischritt, griff er mit so großer Bescheidenheit und einer so edeln Miene in seine Geldtasche, daß seine Mutter ganz bestimmt darauf rechnete, ihn später als Bischof zu sehen. Sein Platz in der Kapelle war zu Seiten seiner Eltern, und so lange das Amt auch dauerte, er blieb auf den Knien in feinem Betstuhl, das Barett auf der Erde und die Hände gefaltet. Eines Tages, als er während der Messe von ungefähr den Kopf hob, bemerkte er eine kleine, weihe Maus, die aus einem Loch in der Mauer hervorkam. Sie kletterte auf die erste Stufe des Altars und flüchtete nach zwei oder drei Wendungen nach rechts und nach links in derselben Richtung zurück. Am nächsten Sonntag machte ihn der Gedanke, er könne sie Wiedersehen, unruhig. Sie kam, und an jedem Sonntag wartete er nun auf sie, fühlte sich endlich belästigt dadurch, faßte einen Haß gegen sie und beschloß, sich ihrer zu entledigen. Nachdem er also die Tür gefchlossen und Kuchenkrümchen auf die Stufen gestreut halte, stellte er sich vor das Loch, einen Stecken in der Hand. Rach sehr langer Zeit erschien ein rosiges Schnäuzchen, dann die ganze Maus. Er tat einen leichten Schlag und stand erstaunt vordem kleinen Körper, der sich nicht mehr regte. Ein Bluttropfen fleckte auf der Diele. Er wischte ihn schnell mit feinem Aermel ab, warf die Maus vor die Tür und sagte zu niemandem etwas. Allerlei Vögelchen pickten im Garten die Körner auf. Er kam auf den Gedanken, Erbsen in ein hohles Schilfrohr zu stecken. Sobald er es in einem Äaume zwitschern hörte, näherte er sich behutsam, blies seine Backen auf, und die Tierchen regneten so reichlich auf feine Schultern herab, daß er, glücklich über seine Bosheit, sich des Lachens nicht erwehren konnte. Ms er eines Morgens von feiner Jagd über die Mauer zurückkam, sah er auf dem Rande des Walles eine große Taube, die sich in der Sonne blähte. Julian blieb stehen, um sie anzuschauen. Die Mauer hatte hier eins schadhafte Stelle, und so fanden sich losgebrachene Steine unter feiner Hand. Er drehte seinen Arm, und der Stein schlug auf den Vogel herab, der von seinem Block in den Graben fiel. Er eilte in die Tiefe und durchspürte, sich am Buschwerk ritzend, den Graben flinker als ein junger Hund. Die Taube zückte mit gebrochenen Flügeln in dem Geäst eines Ligusterstrauches. Das Beharren ihres Lebens reizte das Kind auf. Es begann sie zu würgen, und die Zuckungen des Vogels machten fein Herz klopfen und erfüllten es mit einer wilden und tosenden Lust. Beim letzten Krampf fühlte es seine Sinne vergehen. Abends während des Essens erklärte fein Vater, daß man in feinem Alter das Weidwerk erlernen müsse, und holte ein altes Schreibheft herbei, welches in Fragen und Antworten alle Freuden der Weidmannskunst enthielt. Ein Meister lehrte darin seinem Schüler die Kunst, Hunde zu zähmen und Falken nbzurichten, Fallen zu stellen, den Hirsch an seiner Losung, den Fuchs an feiner Spur und den Wolf an seinem Lager zu erkennen, das beste Mittel, ihre Fährten zu finden, auf welche Art man sie hetzt, wo sie gewöhnlich ihre Schlupfwinkel anlegen, welches die günstigsten Winde sind, die Zahl der Schreie und die Regeln des Jagdrechts. Als Julian alle diese Dinge auswendig hersagen konnte, stellte fein Vater ihm eine Meute zusammen. Man sah darin zunächst vierundzwanzig Berberwindhunde, schneller als Gazellen, aber Durchgänger, dann siebenzehn Paare bretonischer Hunde, auf rotem Grunde weih gesprenkelt, unerschütterlich in ihrer Zuverlässigkeit, stark in der Brust und große Beller. Für die Sauhatz und die gefährlichen Gänge waren vierzig wie Bären behaarte Pinscher da.'Feuersarbene Tatarenhunde, fast ebenso groß wie Esel, mit bereitem Rücken und geraden Läusen, waren bestimmt, die Auerochsen zu verfolgen. Das schwarze Fell der Wachtelhunde leuchtete wie Atlas, und" das Belfern der Talbots kam der Hasenhetzhunde gleich. In einem besonderen Hose knurrten, an ihren Ketten rüttelnd und die Augen rollend, acht alanische Doggen, furchtbare Tiere, welche den Reitern an den Leib springen und selbst vor Löwen keine Furcht haben. Alle fraßen Weizenbrot, tranken aus Steintrögen und hatten klangvolle Rainen. Die Falknerei übertraf vielleicht noch die Meute, der wackre Burgherr hatte sich vermöge seines Geldes kaukasische Sperber« Männchen, babylonische Würgefalken, deutsche Gerfalken und Wanderfalken verschafft, die auf KlipKen am Gestade kalter Meere in fernen Ländern gefangen worden waren. Sie hausten in einem strohbedeckten Schuppen und hatten, der Größe nach auf der Stange befestigt, ein Stück Rasen vor sich, worauf man sie von Zeit zu Zeit niedersetzte, um sie gelenkig zu erhalten. Säcke, Schlingen, Wolsseisen und alle Arten von andern Fallen wurden verfertigt. Oft führte man Vorstehhunde ins Feld, welche gar bald stan- oen. Dann gingen Jäger Schritt für Schritt vor und breiteten über 'hre regungslosen Körper behutsam ein mächtiges Netz. Ein Zuruf machte sie bellen, die Wachteln flogen auf, und die mit ihren Männern zusammen geladenen Damen der Umgegend, die Kinder und die Kammerfrauen, alle stürzten sich darüber und fingen sie leicht. 3u andern Malen ließ man, um die Hafen aufzujagen, Trommeln rühren; Füchse stürzten in Gruden, ober ein Eisen fing, sich lösend, einen Wolf am Lauf. Julian aber verachtete diese bequemen Kunstgriffe, er zog es vor, fern von aller Welt zu Pferde mit seinem Falken zu jagen, Es war fast immer ein großer, schneeweißer Wanderfalke aus Skythien. Seine Lederkappe überragte ein Federbusch, und goldene Schellen klirrten an seinen blauen Fängen, er faß fest auf dem Arm seines Herrn, während das Pferd gallo- pierte und dis Ebenen sich entrollten. Julian ließ ihn, den Wurfriemen lösend, plötzlich frei, das kühne Tier stieg wie ein Pfeil gerade in die Luft, und bald sah man zwei ungleiche Punkte kreisen, sich verbinden und in den Höhen des Himmels verschwinden. Julian beizte auf diese Art den Reiher, den Habicht, die Krähe und den Geier. Er liebte, das Jagdhorn zu blasen, seinen Hunden zu folgen, welche auf den Hängen der Hügel entlang liefen, über die Bäche sprangen und wieder ins Gehölz hinauf hetzten, und wenn der Hirsch unter den Bißwunden zu ächzen anfing, erlegte er ihn gewandt und ergötzte sich dann an der Wut der Hunde, die ihn verschlangen, nachdem er ihn auf feiner dampfenden Haut zerlegt hatte. An Nebeltagen zog er an einen Sumpf, um Gänse, Ottern und Enten zu ertauern. Drei Knappen erwarteten ihn bei Tagesanbruch am Fuß der Treppe, und der alte Mönch mochte sich immer aus feiner Turmluke beugen und ihm Zeichen machen, um ihn zurückzurufen, Julian wandte sich nicht um. Er zog aus bei Sonnenglut, im Regen, im Sturme, trank das Wasser der Quellen aus feiner Hand, ah trabend wilde Aepsel, und wenn er müde war, ruhte er sich unter einer Eiche aus. In der Mitte der Nacht kehrte er dann schmutz- und blutbedeckt zurück, mit Dornen in den Haaren und den Geruch der wilden Tiere ausströmend. Er wurde wie sie. Wenn seine Mutter ihn küßte, litt er kalt ihre Umarmung und schien tiefen Singen nachzusinnen. ®r tötete Bären mit Messerstößen, Stiere mit dem Beil, Eber mit dem Spieß, und einmal sogar, als er nur noch einen Stock hatte, verteidigte er sich gegen Wölfe, die am Fuße eines Galgens Kadaver benagten.--- An einem Wintermorgen ritt er wohlgerüstet, eine Armbrust auf der Schulter, ein Bündel Pfeile am Sattelbogen, vor Tagesanbruch fort. Unter den gleichmäßigen Tritten seines dänischen Hengstes, hinter dem zwei Dachshunde herliefen, dröhnte der Erdboden. Eistropfen hängten sich an feinen Mantel, und ein scharfer Wind blies. Eine Seite des Himmels erhellte sich, und in der Helligkeit der Dämmerung gewahrte er Kaninchen, welche am Rande ihres Baues um« herhüpften. Die beiden Dachshunde stürzten sich sogleich über sie und zerbrachen ihnen, ungestüm nach rechts und nach links beißend, das Rückgrat. Bald kam er in einen Wald. Auf einem Ast schlief ein Auerhahn, starr vor Kälte, den Kopf unter dem Flügel. Julian schnitt ihm mit einem Säbelhieb beide Ständer ab und setzte, ohne ihn aufzuheben, seinen Weg fort. Drei Stunden später befand er sich auf der Spitze eines so hohen Hügels, daß der Himmel fast schwarz erschien. Vor ihm senkte sich, über einen Absturz hängend, ein Fels gleich einer langen Mauer, und an der äußersten Spitze schauten zwei Wildböcke in die Tiefe hinab. Da er feine Pfeile nicht hatte (denn sein Pferd war zurückgeblieben), verfiel er auf den Gedanken, bis zu ihnen hinabzuklimmen: halb gelauert gelangte er endlich barfuß bis zu dem ersten der Böcke und bohrte ihm feinen Dolch zwischen die Rippen. Der zweite sprang, von Furcht gepackt, ins Leere. Julian schnellte vor, um ihn zu töten, und fiel, mit dem rechten Fuß ausgleitend, auf den toten Körper des ersten, das Gesicht über dem Abgrund, die Arme ausgebreitet. In die Ebene zurückgeftiegen, folgte er Weiden, welche einen Fluß einfaßten. Niedrig fliegende Kraniche tarnen von Zeit zu Zeit dicht über feinem Kopf vorbei. Julian erschlug sie mit feiner Peitsche und verfehlte nicht einen. Währenddessen hatte die lauere Luft den Reif geschmolzen, breite Nebel brauten, und die Sonne brach durch. Ganz in der Ferne gewahrte er das Aufleuchten eines gefrorenen Sees, der wie Blei aus- sah. In der Mitte des Sees war ein Sier, das Julian nicht kannte, em Biber mit schwarzer Schnauze. Trotz der Entfernung tötete ihn ein Pfeil, und cs verdroß Julian, daß er das Fell nicht mitnehmen konnte. Darauf ritt er einen Weg zwischen großen Bäumen entlang, welche mit ihren Wipfeln eine Art Triumphbogen vor dem Eingang eines Waldes bildeten. Ein Rehbock sprang aus einem Busch, ein Damhirsch tauchte an einer Ecke auf, ein Dachs kam aus einem Loch hervor, ein Pfau entfaltete auf dem Rasen seinen Schweif — und nachdem er sie alle niedergemacht hatte, zeigten sich andere Rehe, andere Damhirsche, andere Dachse, andere Pfauen und Amseln, Häher, Iltisse, Füchse, Igel, Luchse, eine Unzahl von Tieren und bei jedem Schritt mehr. Sie kreisten um ihn, zitternd, mit einem Blick voller Sanftheit und Flehen. Aber Julian wurde nicht müde, abwechselnd seine Armbrust spannend, seinen Säbel ziehend, mit seinem Fänger stoßend, zu töten, und dachte an nichts und hatte an nichts ■ — ,212 — mehr eine Erinnerung. Er war in irgendeinem Lande auf der Jagd, seit einer unbestimmten Zeit, und nur durch die Tatsache seines eigenen Daseins vollzog sich alles mit jener Leichtigkeit, die man in Träumen verspürt. Ein ungewöhnliches Schauspiel brachte ihn zum Stehen. Hirsche erfüllten ein kleines Kesseltal und erwärmten sich, dicht aneinandergedrängt, mit ihrem Atem, den man im Nebel dampfen sah. (Fortsetzung folgt.) Die Zukunft des deutschen Waides. Don Karl Förster Wir stehen im Beginn der größten Weltwende des Wald- und Gartenwesens, welche die Geschichte kennt. Es ist an der Zeit, immer größere Kreise, die diesen Dingen noch fern sind, mit Ahnung und lebendigen Begriffen dieser neuen Entwicklung zu erfiillen. Unser Gefühl meint ganz andere Gärten und Wälder, als wir haben. Hat nun dieses Gefiihl, das ganz andere und vier reichere Wälder fordert, Recht oder hat es sich, wie bisher, forstwirtschaftlichen Notwendigkeiten zu beugen? Sollen wir auf alle Zeit hinaus in diesen jahreszeitlosen öden Kiefernwäldern unser Leben vertrauern oder werden hier dereinst ganz andere Wälder erstehen, hat der Romantiker oder der Fachmann Recht? . . Die Antwort auf diese Frage ist überraschend. Die Pionrere der modernen forstwirtschaftlichen Gestaltungsarbeit, geben dem Waldromantiker Recht auf Grund ihrer dreißigjährigen Wald- arbeiten an armen Böden. Das Gefühl für Raturromantik erweist sich immer mehr als wesenseins mit der weisesten Boraussicht in die Gleichgewichtsbedingungen des großen Raturhaushaltes, was gleichbedeutend mit dem Wirtschaftshaushalte der Menschen. , ' Alles, was int Sinne neuer Waldschönheit und Wirtschast- lichkeit zu sagen ist. wird durch Zahlen jener großen und praktischen Forschungspioniere bis ins Kleinste belegt. Ich nenne vier Ramen, die im deutschen Bolle, dessen Sinn für große Künstlernamen etwas sehr auf Kosten des Sinns für Aatur- gestalternamen entwickelt ist, unbekannt sind: Möller, Wiebecke, von Kalisch und von Keudell. Und doch wird von diesen vier Ramen unserer deutschen Welt ein Schönheitszuwachs von einer Fülle und Bedeutung kontmen, neben der uns die Bereicherung, die wir manchem überall genannten Künstlernamen verdanken, verhältnismäßig klein und zeitlich erscheint. Was soll nun aber plötzlich mit den deutschen Wäldern vorgehen? Wachsen denn überhaupt auf den Kiefernböden ganz andere Wälder, und sollen wir denn wirklich ohne übergroße wirtschaftliche Opfer aus dieser schrecklichen, allzu einseitigen Kiefern- und 'Fichtenwaldperiöde herauskommen? Die Zukunft gehört hauptsächlich dem Mischwalde, der vielartige Radelhölzer und Laubhölzer vereinigt. Sie gehört deut Dauerwalde, in dem es keinerlei glattrasierende Kahlschläge breiter Räume mehr gibt, sondern nur die alljährliche Aushol- zung einzelner passender Bäume, durch die ganzen Bestände verteilt. Diese Wälder bestehen aus Bäumen der verschiedensten Alter, verjüngt durch wildwachsende Sämlinge. Solche genügend reichliche Verjüngung durch Sämlinge ist im allgemeinen nur im Mischwald möglich, weil hier die Aussichten für das Keimen und das erste Heranwachsen der Sämlinge von der Derschieden- heit des Jahreswetters genügend wechselreich begünstigt werdest und der Boden nicht durch einseitige Beanspruchung verarmt. Die Zukunftswälder, soweit sie den Ramen verdienen, gehören ferner dem Prinzip der örtlichen Rassenpflege und der Rassenveredelung, sie gehört der Ertüchtigung der Pflanze genau so wie die Zukunft der Gärten. Der alte große Irrtum, daß Veredelung und Verfeinerung in Wäldern und Gärten, auch in Menschenwesen, Pflanzen und Tieren irgendwie durch Verzärtelung und Einbuße an Naturkraft erkauft werben müsse, wird abgebaut werden durch eine Unzahl neuer Ergebnisse der Arbeit an der Steigerung der Organismen. Lleberäll schlummern in den Organismen neben den Der- edelungsmöglichkeiten unerweckt wartende Urkräfte und Wider- standsfähigkeiten, sowie vor allem auch Nachhaltigkeiten, welche die Lebenskraft der unbeeinflußten Natur unendlich übertreffen. Wenn man eine Goldranunkelpflanze aus den Wiesen, also einen Trollius der wilden europäischen Art, neben eine gartenveredelte Pflanze derselben Art in ein Wiesenbeet setzt und beide Pflanzen nach sechs Jahren mit den Erdwurzelballen herausgräbt, so kann noch ein Kind die wilde Pflanze tragen, während an der veredelten ein Mann schwer hebt. Es ist noch gar nicht so lange her, daß man mit der Wahl- losigkeit bei der Auswahl des Waldsaatgutes gebrochen hat. Wir haben noch in Deutschland an ungezählten Stellen Sämlinge französischer Kiefernrafsen sichen, die nur ein Drittel der Wüchsigkeit bestgewählter lokaler Kiefernsorten erreichen. Wir treten also ein in das Zeitalter der Entdeckung des genialen oder sonderlich begabten Individuums nicht nur in der Gartenpflanzenwelt, sondern auch im Baumreich der Wälder. Pioniere der Waldbaumzuchtarbeiten lassen schon jetzt unter •) Dem letzten Heft der „Gartenschönheit" entnommen. D. R. Verwendung von hohen Feuerwehrleitern bestimmte Zweige wegschneiden, um Bestäubungen zu lenken und ©aalen von bestimmten Zweigen zu ernten. Geh durch einen Wald und sich die geheimnisvollen .Unterschiede von Baum zu Bannt. Eine Eiche treibt früh, die andere spät und eine blüht immer in Frostzeiten hinein, während die spätblühende diesen entrückt ist. Eine Eiche ist kahl, die andere schon belaubt, eine hat dunkelgrüne, glänzende Blätter, die andere zerfressenes und vermeltautes Laub. Jede Fichte hat ein anderes Gesicht und eine aitdere Geschichte — heißt es irgendwo. Ein Daum wächst schlank ohne Seitenverzweigung empor, ohne daß ein Eingriff geschah, der andere ist unten ganz mit Seitenzweigen umgeben, Unterschiede, die forstwirtschaftlich ganz ungeheuer 'ins Gewicht fallen. Die Ergebnisse dieser Züchtarbeit aus Holzwirtschaftlichen Gründen werden aber ebenso auch unserer Freude am Einzel- ßaunt zugute kommen, dessen Schönheit wiederunt im Dauermischwald sich am stärksten attswirkt. Das Wichtigste aber, was man von der Sendung des Dauer- mijchwaldes moderner Struktur sagen kann, ist seine bodenveredelnde Kraft, die langsam, aber sicher wirkt, immer int Wachsen bleibt und sticht durch große Kahlschläge zerstört oder auf zwei bis drei Jahrzehnte unterbrochen wird. Im Walde der Zukunft gibt es kein Wegnehmen von welkem Laub oder welken Nadeln oder kleinem Reisig, kein Wegnehmen der alten Baumstümpfe und Wurzeln. Ihr Stehenlassen ist in feiner großen Bedeutung für das bakterielle Leben des Bodens wenigstens in vielen Bodenarten erkannt worden. Dem Waldboden wird sein natürliches Leben erhalten und der Stiftersehe Ausdruck vom unberührten Schmelze der Forsten wird tatsächlich als etwas erkannt, was zahlenmäßig größere 'Holzerträge bringt als banale Nutzwälder. Im Zukunftswalde kommt nun überall wieder im Innern des Waldes, an allen äußeren Waldrändern und auch allen Rändern der Waldwege auch der schöne, Schatten vertragende Waldstrauch und Waldranker, und der beerentragende und nesterbergende Wacholder zu fernem 'Recht und zwar zunächst nicht einmal 'aus romantischen Anwandlungen, 'sondern aus der Einsicht in 'den Haushalt des Waldes. Die Erkenntnis, daß mit Hilfe des Dauermischwaldes auf allen möglichen Böden, auch auf den heruntergewirtschafteten, allmählich wieder mit Vorteil fast alle Baumarten zu ziehen sind, hat zur Voraussetzung erfolgreiche und negative Erfahrungen voit Generationen und Jahrzehnten, lange kühne und mühevolle praktische Versuche. Eingehende Zahlenberichte über die Rentabilitätsberechnungen der Dauerwalderträge und der Kahlschlagwalderträge führen hier zu weit. Nur einen Keinen märchenhaften Bericht des Forstmeisters Wiebecke will ich hier wiedergeben. Es war vor dreißig Jahren ein Mann, der sollte von seinem Walde leben. Im Walde war bestens nach Ertragstafeln und Flächen festgesetzt, was in Kahlschlag zu hauen und mit junger Aufforstuitg weiter zu kultivieren wäre. Da sagte er sich: Wenn ich nur so wenig haue, tote es die Abschätzung metiteS Reviers vorschreibt, kann ich nicht von meinem Walde leben. Sprachs und schlug mehr als das Doppelte, aber ohne Kahlschlag überall aus dem Wald heraus, kultivierte gar nicht und ließ überall junge Sämlinge nachtoachsen. Jeder, der es sah,weissagte ihm: Sie sind in kurzer Zeit mit Ihrem Wald erledigt. Denn sein Revier erhielt nur 70 Hektar dritter Bodenklasse, 400 Hektar vierter und 150 Hektar fünfter Bodenklasse. Es hatte fünf Hektar hundertjähriges, 60 Hektar achtzigjähriges, 100 Hektar vierzigjähriges und 500 Hektar jüngeren Holzes. Gesamtholzvorrat 30 000 Festmeter. Nach der Taxe durfte er nur jährlich 1000 Festmeter schlagen. Er schlug aber laut Buchführung 2000 und zwar 30 Jahre lang. Sein Gesamtderbholzvorrat stieg trotzdem auf 90 000 Festmeter. Die mittlere Bodenertragskraft für 1880 nicht einmal auf vierte Klasse berechnet, war dreißig Jahre später schon auf dritter Klasse. Das ganze Revier hatte also einen mehr als doppelten Einschlag geliefert, Vorrat verdreifacht, Dodenqualität um fünf Viertel erhöht und das alles ohne jede Aufsorstungsfläche, allein dadurch, daß der Boden ohne jedes Kahlschlagveröden stets in vollster Rühe gepflegt und sämtliche Bestände allmählich überall durch die ganzen 'Waldräume hindurch, aber stets nur sehr vorsichtig, durchhauen wurden und der ganze Wald int Anflug von Bäumen jeden Sämlingsalters belassen wurde. Das Ganze ist kein Märchen, und der Mann ist Herr von Kalitsch auf Bärenthoren, der jetzt als Dr. h. e. der Forstwissenschaft sein Lebenswerk im Walde Wissensbegierigen aus allen Ländern zeigt, unter denen auch Forstmänner aus fernen Ländern, bis von Japan her, erscheinen. Am Zukunftsbilde deutscher Wälder werden auch gewiße ausländische Holzarten immer stärker Mitwirken. Störungen des Heimatcharakters sind von all diesen Fremdlingen nicht zu befürchten. im Gegenteil, es sind nur Steigerungen zu erhoffen, daß sich diese nordischen Lebensgenossen unserer Heimatatmosphäre ganz einpassen, was ja sogar auch südliche fertig bringen, wie die Edelkastanien. Jedes Stück neuer fremder Naturschönheit in Wäldern und Gärten, das sich unserer heimischen Welt dauerhaft und glücklich einfügt, wird allmählich zu einer neuen Quelle des Heimatgefühles. «christleitung: vr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Giessen.