Eichener Familie Matter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, -en 5. April Nummer 21 Ostern. Bon Emmy von BvmSdvrff-Leibing Ertönet In gewaltigen Akkorden Ihr Osterglocken, daß es weithin dringt, Daß ihr noch reicher als mit tausend Worten Don Ostergruß ins Herz der Menschheit singt. Mit sanftem Kuh erweckte Mutter Sonne Aus Wintersnacht ihr liebstes Kind Aatur Lind streift mit ihrer Strahlen lichter Wonne Die weihe Decke von der Erdenflur Da sucht sie ihre jüngsten Blütenkinder, Will auch die Menschheit wieder lachen sehn Entflieh der Sonne, kalter Sorgen-Winter, Tönt Osterglocken Frühlings-Auferstehn! Ostern 1926. Bon Alexander von Gleichen-Rußwurm. Wenn der Winter abfällt und die Fenster sich im FEjahr öffnen zur großen Osterreinigung, zieht Hoffnung in die Herzen, mögen sie im Winter auch noch so verzagt gewesen sein. Ostern ist und bleibt ein Fest der Hoffnung — ein Symbol des Lenzes und der besseren Zeit. In diesem Sinne muh es gerade jetzt m einem wirtschaftlich so ungeheuer schwierigen Jahr gefmert werden. Wie dies zu geschehen hat, steht vorgezeichnet in Fichtes Reden an die deutsche Ration: Der Philosoph sagt: „Die Hoff- mmg einer besseren Zukunft allein ist das Element, in dem wir inoch. atmen können. Aber nur der Träumer kann diese Hoffnung auf etwas anderes gründen, denn auf ein solches, das er selbst für di« Entwicklung einer Zukunft in die Gegenwart zu legen vermag." Rur auf der eigenen, von innen ausgehenden Kraft- ontfaltung, di« von den Leiden und Freuden der Außenwelt unabhängig vor sich geht, beruht solches Hoffen. Ein Blick in die Zukunft ist trotz aller Voraussagen, Ahnungen und Berechnungen stets ein Blick ins Angewisse. Die einzige feste Stütze, die wir haben, ist das eigene Selbst. Da ist wohl die Frage am Platz, können wir uns darauf verlassen und such wir gerüstet für alles, was uns treffen mag? Die Antwort gibt di« richtige Einkehrstimmung der heiligen Woche... der Kar- fveitaqszauber im Parsival klingt aus in Hellen, erlosungsfrohen Akkorden. Die Osterbotschaft kündet Befreiung. Wer sie Mit Andacht, mit frommem Kinderglauben an die Heilkraft der Ratur vernimmt, sammelt Frühling im Herzen und starrt sich für den Lebenskampf, damit er ihn voll frischer Zuversicht aufnehm«, wenn auch vieles um ihn her noch unsicher ist und mit Einsturz droht. Die Erlösung beginnt mit dem Glauben, aber erlöst fern müssen und wollen wir alle, erlöst sein von den Zweifeln tn der eigenen Brust, von der Ansicherheit, die vom einzelnen ausgem und in der Masse mündet. Der Mensch, das Volk, die an sich selbst glauben, erlösen sich und Helsen zur Erlösung der anderen. Diirch die Welt geht eine Sehnsucht, ein Verlangen nach ß'txiuvc, tote Ls bte Heitel! bLs Ä^atertelismuA i alle schrien: „Herr! Bist du es?" Der Herr segnete die Erde und das Wasser, die Tiere und Vögel und sprach zu ihnen: „Friede sei mit euch! Ich habe euch den Frühling, Wärm« und Ächt gebracht! Ich will die Flüsse von den Eisfesseln befreien, ich will die Steppe in «in grünes Gewand hüllen, will den Wald mit Gesang und süßen Düften erfüllen. Vögel und Tiere will ich speisen und tränken und die ganze Natur soll von Jauchzen erfüllt sein. Ihre Gesetze sollen euch leicht sein; jedem Hälmchen, Ci kaum sichtbaren Insekt soll sie den Lebenslreis zeichnen, halb dessen ein jedes seine Bestimmung erfüllen soll. Ihr unterliegt dem Gerichte nicht, Benn ihr erfüllt nur, was euch« von Anbeginn bestimmt war. Der Mensch führt einen ewigen Kampf mit der Natur, er dringt in ihre Geheimnisse ein und findet kein Ende der Arbeit. Er bedarf dieser Geheimnisse, denn sie bilden die notwendige Grundlage seines Wohlseins und feiner Entwicklung. Die Natur aber ist sich selbst genug und das ist ihr Vorzug. Es tut nichts, daß der Mensch nach und nach in ihre Tiefe dringt; er unterwirft sich nur die Atome, die Natur selbst jedoch steht vor ihm in ihrer ursprünglichen .Unfaßbarkeit Und überwältigt ihn durch ihre Allmacht und Größe! Friede sei mit euch, Steppen und Wälder, Tiere und Vögel! Die Strahlen meiner Auferstehung mögen euch Wärme und Leben spenden!" Nachdem er die Natur gesegnet hatte, wandte der Auferstandene sich zu den Menschen. Zuerst nahten sich ihm die Leidtragenden, unter das Joch der Arbeit Gebeugten, von der Not Geplagten. Und als er zu ihnen sprach: „Friede sei mit euch!", da erfüllten sie die Luft mit Schluchzen und fielen nieder und ihr Schweigen schien um Erlösung zu flehen. Und das Herz des Auferstandenen ward nochmals erfüllt von jenem, großen, tödlichen Leid, von dem es in jener Nacht zu Gethsemane durchdrungen war in Erwartung des Kelches, der ihm bereitet war. Dieses Heer der Leidenden, das ihm zu Füßen lag, trug die Last des Lebens in feinem Namen. Sie waren die ersten gewesen, die auf sein Wort gehört und es für immer ihren Herzen eingeprägt hatten. Sie alle hatte er von der Höhe Golgathas gesehen, als sie weit draußen in den Banden der Knechtschaft schmachteten, und sie alle hatte er gesegnet, als er den Marterweg ging, ihnen allen hatte er Erlösung verheißen. Und sie alle lechzten auch heute noch nach ihm und suchten ihn. Sie alle streckten in hingebendem Glauben die Arme nach ihm aus: „Herr! Bist du es?" „Ja, ich bin es", sprach er zu ihnen, „ich habe, die Bande des Todes gesprengt, um zu euch zu kommen, ihr meine getreuen Knechte, ihr meine teuren LeidensgenofsenI Aeberall und immer bin ich bei euch, und wo euer Blut verogsfen wird, da fließt mein Blut mit dem euren. Ihr habt reinen Herzens rückhaltlos an mich geglaubt, nur well meine Lehre eine Wahrheit enthielt, ohne die eure Welt eine Stätte des Grauens und der Vernichtung, schlimmer als die Hölle wäre. Liebe Gott und liebe deinen Nächsten wie dich selbst — so lautet diese Wahrheit, schlicht und klar, und am leichtesten erfaßt wird sie nicht von den Weisen und den Schriftgelehrten, sondern von euch, den schlichten, gequälten Herzen. Ihr glaubt an diese Wahrheit und hofft auf ihren Sieg. Im Sommer, in der glühenden Sonnenhitze, hinter dem Pfluge, dient ihr dieser Wahrheit; im Winter, an den langen Abenden. beim Schein des qualmenden Kienspans, bei eurem kümmerlichen Mahl, lehrt ihr eure Kinder diese Wahrheit. So kurz sie auch ist, für euch umfaßt sie den ganzen Sinn des Lebens und ist ein nie versiegender Quell immer neuer. Gespräche und Betrachtungen. Mit dieser Wahrheit steht ihr morgens auf, mit ihr geht ihr zu Bett und sie legt ihr auf meinen Altar in Gestalt von Tränen und Seufzern, die meinem Herzen süßer sind als Weihrauchdüfte. So wißt denn: Wenn auch niemand sagen kann, wann eure Stunde schlagen wird, so ist sie doch schon nahe. Sie wird einst schlagen, die ersehnte Stunde, und das Licht wird aufgehen, dessen die Finsternis nie Herr werden kann. And ihr werdet abwerfen das Joch des Leids, der Sehnsucht und der Not, das euch drückt. Ich verkündige euch das, und wie ich einst von der Höhe Golgathas euch segnete, eure Seelen zu stärken, so segne ich euch jetzt für das neue. Leben im Reiche des Lichtes, des Guten und der Wahrheit. Mögen eure Herzen nie den Worten der Versuchung folgen, mögen sie rein und schlicht bleiben wie bisher, dann wird mein Wort sich erfüllen! Friede sei mit euch!" Der Auferstandene ging weiter und traf auf seinem Wege ander« Leute. Hier waren Reiche und Wucherer und grausame Herrscher, Seeleninörder und Heuchler, Betrüger und ungerechte Richter. Ihre Herzen waren auf irdischen Tand gerichtet und sie redeten fröhlich untereinander, denn sie dachten nicht an die Auf- erstehnng des Herrn, sondern cm den Lärm und di« Lust der bevorstehenBen Festtage. Aber auch sie blieben in Verwirrung stehen, als sie di« Nähe des Auferstcmdenen spürten. Auch vor ihnen blieb er stehen und sprach: „Ihr seid Menschen dieser Zeit und laßt euch lenken vom Geist« dieser Zeit. Erwerb und Gewinn bestimmen all euer Tun. Don Bösem ist euer ganzes Leben erfüllt, aber ihr tragt di« . Last des Dösen so leicht, daß auch nicht das leiseste Zittern euer 1 Gewissen ergreift angesichts der Zukunft, die euch bevorsteht. Alles, was euch umgibt, scheint nur da zu sein, um euch zu dienen. Aber nicht durch eigene Kraft seid ihr Herren der Welt geworden, sondern weil ihr diese Kraft von euren Ahnen geerbt habt. Seitdem seid ihr von allen Seiten geschützt und di« Großen dieser Welt halten euch für ihresgleichen. Seitdem drängt ihr mit Feuer und Schwert vorwärts; ihr stehlt und mordet, ungestraft schändet ihr die göttlichen und menschlichen Gesetz« und rühmt euch, daß dieses euer altverbrieftes Recht wäre. Aber ich sage euch: Es kommt die Zeit, und sie ist nicht mehr fern, da eure Träume in Staub zerfallen. Auch die Schwachen werden sich ihrer Kraft bewußt werden, ihr aber werdet eure Machtlosigkeit gegenüber dieser neuen Kraft erkennen. Habt ihr je an diese furchtbare Stunde gedacht? Hat jemals eine Ahnung euch mit Sorge um euch und eure Kinder erfüllt?" Die Sünder schwiegen. Sie standen gesenkten Hauptes da und schienen noch Schlimmeres zu erwarten. Da fuhr der Auf- erstanBene fort: „Aber durch meine Auferstehung eröffne ich auch euch einen Weg zum Heil. Dieser Weg ist das Gericht eures eigenen Gewissens. Es wird euch eure ganze Vergangenheit enthüllen, es wird die Geister der von euch zugrunde Gerichteten beschwören und sie an euren Betten Wache halten lassen. Zähneklappern wird euer Haus erfüllen, die Weiber werden ihre Männör nicht mehr erkennen, die Kinder ihre Eltern nicht. Wenn aber eure Herzen verschmachten in Schmerz und Weh, wenn euer Gewissen übervoll sein wird gleich einer Schale, die den bittern Trank nicht mehr fassen kann — dann werden die Geister der Vernichteten sich mit euch versöhnen und euch den Weg zum Heil weisen. And Bann wird es keine Diebe unB keine Mörder mehr geben, kein« ungerechten Richter, keine Heuchler und keine grausamen Herrscher, und alle werden mit gleicher Freude in meinem Reich an meinen Tisch treten. So gehet denn und wisset, daß mein Wort die Wahrheit ist!" In diesem Augenblick rötet« sich der Osten, und wie der Wald deutlicher aus der Dämmerung hervortrat, da erkannte man an einem Efpenbaum einen gräßlich entstellten Menschenleib, der an einem Ast hing. Der Kops des Gehenkten, der sich schon fast vom Leib gelöst hatte, hing tief herab; die Raben hatten ihm di« Augen ausgehackt und die Wangen zerfetzt. Der Rumpf war an vielen Stellen von den Kleidern entblößt und zeigte eitrige Schwären; die Arme wurden vom Winde hin und her geschleudert. Eine Menge Raubvögel kreiste über dem Leichnam, und di« kühneren unter ihnen fuhren in ihrem Zerstörungswerk unbeirrt fort. Es war der Leichnam des Verräters, der sich selbst das Arteil gesprochen und vollstreckt hatte. Alle wandten sich mit Entsetzen und Ekel von dem gräßlichen Schauspiel ab; der Blick des Auferstandenen flammte zornig auf. „Verräter!" sprach er, „du glaubtest, du hättest dich durch deinen freiwilligen Tod von der Last deiner Schandtat befreit; da hattest deine Schmach bald eingesehen und eiltest, deine Rechnung mit dem verhaßten Leben abzuschließen. Dein Verbrechen stand dir so klar vor Augen, daß du mit Entsetzen vor der allgemeinen Verachtung flohst und es vorzogst, dein« Seele zugrunde zu richten. „Ein kurzer Augenblick", dachtest du, „und meine Seele sinkt in die tiefe Finsternis und mein Herz ist von den Qualen des Gewissens befreit." Doch das soll nicht sein. Steig« herab vom Daum, Verräter, die ausgehackten Augen seien dir wieder- gegeben, die eitrigen Wunden sollen sich schließen und deine schmachbedeckte Gestalt erscheine wieder so wie an dem Tage, da du das Opfer deines Verrats küßtest... Lebe!" And da er also gesprochen, stieg der Verräter vor aller Augen vom Baum« und fiel vor dem Auferstandenen nieder und flehte ihn an, er möge ihn dem Tode zurückgeben. „Ich habe allen den Weg des Heils gezeigt", sprach der Aus- erstandene, „nur dir, Verräter, bleibt er verschlossen für ewig. Du bist verflucht von Gott und Menschen, verflucht in alle Ewigkeit! Du hast den Freund, der seine Seele vor dir auftat, nicht gemordet, sondern du überfielst ihn aus dem Hinterhalt und überantwortetest ihn der Schmach und den Henkersknechten! Dafür verurteile ich dich zum Leben. Du sollst ziehen von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf und nirgends ein Haus finden, das d,ch aufnimmt. Du wirst an den Türen klopfen und keiner wird Kr' mitten, du wirst um Brot bitten und man wird dir eiqen Stein geben; du wirst dürsten und man wird dir einen Kelch reichen mit dem Blut« dessen, den du verrietest. Du wirst meinen und deine Tränen werden zu Flammenströmen werden, sie toerBen dein« Wangen brennen und sie mit Schwären bedecken. Die Steine, über di« du schreiten wirst, werden dir zurufen: „Verräter! Sei verflucht!" Di« Menschen auf den Gassen werden vor dir zurückweichen und auf allen Gesichtern wirst du lesen: „Verräter, sei verflucht!" Du wirft den Tod suchen zu Wasser unb zu Land« und überall wird der Tod fein Antlitz von - 108 — Mr wenden und zischen: „Verräter, sei verflucht! Mehr noch: zeitweilig wird das Schicksal sich deiner erbarmen, du öxrft einen Freund finden, aber du wirst ihn verraten, und aus der Tiefe des Kerkers wird dieser Freund zu dir schreien: „Verräter, sei verflucht!" Du wirst die Fähigkeit erhalten, Gutes zu tun, aber deine guten Taten werden dir die Herzen der Menschen nicht gewinnen Sie werden sich von dir abwenden und rufens „Sei verflucht, Verräter! Lind verflucht seien alle deine Werke! Lind so wirst du jahraus jahrein wandern mit der ine gestillten Quai im Herzen, mit zerrissener Seele. Lebe, Verräter, und sei künftigen Geschlechtern ein Zeugnis der nie endenden Marter, die bem Verräter zuteil wird. Steh auf, nimm als Wanderstab den Ast, an dem du den Tod zu finden hofftest — und geh!" Lind kaum war das Wort des Auferstandenen in der Lust verhallt, da erhob sich der Verräter vom Boden, nahm seinen Siab und bald verklangen seine Schritte in der unendlichen, rätselhaften Ferne, wo seiner ein Leben ohne 2tiM ohne Ende harrte. Lind so zieht er noch heute durch die Welt und sat überall Verwirrung. Verrat und Zwietracht. Das deutsche Bildnis des Heilands. Don Johannes Heinrich Draach. Matthias Grünewald schrie auf, schleuderte dem Farben- reiber Pinsel und Palette ins Gesicht und stürzte aus der Kirche. Fromme Gestalten, die er malte, waren zu fletschenden Mäulern, drohenden Leibern und gierig gespreizten Krallen geworden, Engel und Seraphine hatten sich in gespenstige Kreaturen, und die Dämonen Höll.scher Scheußlichkeit aus dein Antoniusflugel in noch verzerrtere Grimassen verwandelt. Eine Horde geifernder Fratzen' wütete hinter ihm her. Ausgerissene Lider, stoßender Anqstatem, bebende Lippen und zuckende Bewegungen der Arme _ der Körper des Fliehenden wand sich unter grauenvollen Vorstellungen des Verfolgungswahnes „ Der närrische Maler hat einen tollen Lag , höhnten die Burschen und pfiffen auf den Fingern, damit er zusammenschrecke und noch eintgeisterter vorwärts springe. Verbarg er sich in dunklen Ecken, in Kellereingängen, in Scheunen und Schuppen, gröhlten sie solange, bis er aus dem Versteck hetzte ivre ein Kanin, bein das Frettchen in den CÖciu geraten ift. * Als der Anfall vorüber und das Bewußtsein zur Wirklichkeit zurückgekehrt war, fand sich Grinewald im Buchengeholz vor Jsenheirn. Vollmond schien mit gelbem Licht durch schwellende Wipfel, irgendwo brach Hochwild durchs Gebüsch, ein Kauz quakte und ängstete kleine Vögel auf. Die Lust schwängerte m süßen Düften. Maiglöckchen und Ginsterbüsche muhten in der Nahe stehem . it beruhigte das Hämmern der Schläfen, das Zerren in den Händen hörte auf. die Sinne dehnten sich aus Schmerzen in wehmütige Bitterkeit und in Schlafbegehren. Aach achtundvierzigstündiger Arbeitszeit war das Angluck gekommen und hatte ihn auf die Straße gejagt Wer weiß, welcher La<^ lichkeit er sich preisgab und zu welchem Spielball des Spottes m ^Seit^ Jahren schuf er an Altarbildern, die bis auf die Darstellung des leidenden Heilands vollendet waren. Snnenteile, Schmalflüqsl und Predella zeigten in unnachahmlicher Phantasien- schöpfung Sinfonien göttlicher Offenbarung. Auch imKreuzigungs- gemälde standen schon Maria, Johannes der Evangelist uich Johannes der Täufer in Form und Farbe, allem bei der Gestalt des Erlösers wollte es nicht gelingen, das Werk so zu fassen, daß es als Gleichnis des seelischen Vorsatzes angesehen werden konnte. Grünewald entwarf, zeichnete, malte, kratzte ab, malte wieder und kratzte von neuem ab. Tief im Innern dämmerte und quälte ein anderes, streng bewußtes und doch bestimmtes Ahnen. Es wob über der Absicht, in dem Gemälde neben der sundesühnenden Opferpein und der überirdischen Verklärung des Erlösers einen Hauch unseres Wesens als ein Gebet um Gnade leben zu lassen. , c. Wo lag die Lösung, und wann wurde sie werden? Aiedergeschmettert schritt der Meister ins freie Feld. Frisch besteckte Rübenflächen und schon in Halme gewachsene Weizenäcker säumten &en Pfad. Rehe ästen im satten Klee. Am Himmel zog die M'lchstrahe eine schimmernde Bahn, die blinkende Wage, der Herkules und die sieben Sterne des Wagens funkelten in Maniontenem Glanz. Schönheit, Ruhe und Andacht weihten die Welt. — Ein Wanderer kam durch die Fluren. Sem Schritt schwebte im Daheingleiten, das wallende Gewand wuchs aus der Erde, Lichtschwaden umhüllten ihn mit goldenem Schein. Die junge Saat rauschte und wogte, als wollte sie grüßen und sich demütig beugen In diesen unruhigen Zeiten bedeutete jede Aachtbegegnung Gefahr. So bog der Meister aus und gab reichlich Platz. Der andere verweilte und wartete auf ein Wort, aber der Menschenscheue fand keine Silbe, eilte weiter und spähte vorsichtig am nächsten Erlengebüsch zurück. Die Gestalt war verschwunden, der Anger teer, niemand weit und breit. Die Aatur träumte wie sonst. Grünewald stürzte fort, bis ihn das Dorf und die Lehnshöfe, Me an der Klostermauer lagen, aufnahmen. In der Enggasfe, die dem Kirchentore zustrebte, trat ihm dieselbe Erscheinung entgegen. Der Herzschlag stockte vor Entsetzen und der Hals preßte sich vor Dangen zu. An ein Ausweichen war nicht zu denken und fliehe« —--da stand der Fremde schon vor ihm. „Herr," stotterte der Maler, „ich bin ein armer Mann und besitze nichts als meine Kunst". Aengstllch sah er auf und erkannte ein bleiches, leidenverhärmtes Gesicht. „Verzeiht," stolperte sein Wund weiter, „ich wußte nicht — — wenn ihr der Hilfe bedürft und mitkommen wollt, mein Bett ist hart, aber es sei gerne gegönnt.“ Der Blasse nickte, sie strebten der Kirche zu. Gespenstig öffneten sich Me Türen, Orgel und Glocken begannen leise zu tönen, Me ewige Lampe strahlte wie eine Sonne auf und die Kerzen zündeten sich zu silbernem Leuchten an. „Herr," keuchte Grünewald, „seid ihr ein Hexenmeister, vielleicht der Doktor Faust?" Als nur ein mildes Lächeln antwortete, ermannte er sich, hob unter dem Malergerüst einen Fetzen Tuch in Me Höhe und sagte: „Hier ist mein Lager, ich muß bei meiner Arbeit ruhen wie der Dauernknecht bei seinen Pferden. Benutzt es statt meiner, wenn euch das Stroh genügt. Besseres habe ich nicht zu vergeben. Der Gast legte sich nieder, Grünewald setzte sich vor das unvollendete Bild. Die Müdigkeit war verronnen, er wollte schaffen, damit er die Sonderlichkeiten vergesse: Die klingende Orgel, die niemand spielte, Me Taghelle des Lichtes, das keine Hand geweckt hatte und das Seltsame des zweifelhaften ManneS. Wangen und Stirne trugen die blaubletche, gelbliche Farbe der Toten, die in fürchterlichem Sterben schieden. Der Schläfer drehte sich auf den Rücken, die Arme breiteten sich aus und die Deine strekien sich. Der Kopf sank auf Me Seite zwischen Me Schultern, und der Mund brach auf, als wiche mit zitterndem Stöhnen der letzte Atem aus ihm. „Er ruht, als hinge er am Kreuz," erschauerte Grünewald und erkannte grausend, daß sich eine Dornenkrone um des Fremden Haupt flocht. Das Gewand wurde durchsichtiger als Glas und verriet einen über und über durch Wunden entstellten Körper. „Wahn, Wahn — —“ wimmerte der Meister und bedeckte bald die Augen bald die Ohren mit Händen. Aber der Zauber schien durch Knochen und Fleisch und das Schlagen der Glocken uno das Schwellen der hundertzüngigen Pfeifen wich nicht. Da griff er verzweifelt zu feinen Pinseln. Aur noch Meses Werk vollenden, nur noch Mese höchste Ausgabe des Lebens zum Ziele führen. And da er zu malen begann, hob sich das Bild des Schlafenden in Me Leinwand und die Zeichen der tausend Marter traten noch deutlicher hervor. Grünewald fuhr zusammen, tastete nach einem Halt und brach in die Knie. Schweiß perlte aus allen Poren, Me Lunge röchelte und der Qetb zitterte wie ein Rohr im frostigen Wind. „Habe nur Mut, mich anzuschauen," tröstete eine milde Stimme. „Du trugst mich in dir, willst du jetzt, da ich vor dir stehe, kleinmütig verzagen?" Der Meister bäumte sich auf. Sollte er nicht mehr zum Arbeiten kommen? Spielten schon Phantasien einen solchen Tanz mit ihm? In Raserei begehrte er hinüber und ballte die Fäuste zum Zertrümmern empor. Ein Wink des Rätselvollen — da verharrte er wie angewurzelt, Versöhnung träufelte in die heiße Brust und Befreiung von sorgendem Zorne durchströmte ihn wie Rausch Die Augen stierten in Verzückung und erfaßten, daß Ahnen Llmwell wurde, und daß das Llnbewußte sich in Geschautem verkünde. Das war sein Heiland. Noch drückte der Schmerzkranz das bleiche Haupt, noch gerann unzähliger Wunden Blut, noch hafteten in starr gewordenen! Muskeln Dornen und Stacheln geschwungener Geißelruten. Der Ausdruck eines einzigen unbarmherzigen Leidens — einer Unversöhnlichkeit, hätte nicht über dem Gekreuzigten Me Glorie einer Krönung, wie sie irMsch nicht möglich ist, gestrahlt: Vollendung und Erlösung in ewiger Liebe. Das war sein Heiland. Künstlerttmi begeisterte auf; gläubiger als Säer, die übet Schollen schreiten und Korner streuen, ging er ans Werk. Und die Kerzen spendeten eine Fülle von Glut und die Orgel jubelte Gesänge und Hymnen. — Drei Tage lang verwehrte Grünewald den Mönchen des Klosters das Betreten der Kirche. Als am vierten Sage auf drängendes Klopfen keine Antwort kam, brachen sie die Riegel auf und stürzten zum Altäre. Vor dem fertigen Bild lag der ohnmächtige Meister, dem sie zunächst nicht zu helfen vermochten. Me Kreuzigungsszene erschütterte sie so, daß eine geraume Weile verging, ehe sie wagten, näher zu treten. Grünewald krankte durch Wollen in Fiebertraumen und gen ah nur langsam. Er wollte es nicht fassen, daß er das Gottes- hcms zweinndsiebzig Stunden zugeschlossen hielt und ohne Speise und Trank gearbeitet hatte. Er wähnte die Tat in einer Nacht vollbracht. Auf Fragen nach dem Dorbilde des Gekreuzigten antwortete er nicht. vchriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck uaö Verlag der Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße».