Gießener jamilie »blätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, den 2. November Nummer 88 Allerseelen. Von Marie M. Schenk. lieber stillgewordne Wälder Schwebt des Nebels feuchter Schleier, Gleitet über Bach und Weiher, Deckt die müden Ackerfelder. Wogt und wallt um Friedhofsmauern Und wie weiche Engelsflügel Schmiegt er sich an stille Hügel Und um alle, die da trauern. Horch, da hebt mit leisem Singen Eine Glocke an zu klingenI Wie ein Echo mischt sich fein Eine zweite Stimme ein. Eine dritte dumpf und bange Klagt mit wehmutsvollem Klange. Eilig hier — gemessen dort . . . Glock' um Glocke nimmt das Wort. Und nun einen ringsum alle Ähren Klang zu einem Schalle. Um die stillen Gräber schwebt Glockenläuten wie Gebet. Stehst du an einem Grabe schmerzgebeugt: Ich weiß ein Wort, daß deine Klage schweigt. Das deines Schmerzes heiße Träne stillt Und sanft mit Frieden deine Seele füllt. Das dich gefaßt läßt auf den Hügel seh'n, Vermagst des Wortes Sinn du recht versteh'n: Die aus der Welt heimwärts den Weg gefunden, Die haben alles Erdenleid verwunden! (Beliebte, die ihr uns gestorben seid: Ein Tag im Jahre nur ist euch geweiht! Doch die in ihrem Herzen euch begraben. Die ihre Seele mit ins Grab euch gaben: Für sie ist bis zum letzten Herzensschlag Tagtäglich heiliger Allerseelentag! Der kleine Herzog. Von Hermann S t e g e m a n n. „Was ist dein Vater?" „Ein Lump!" antwortete ernsthaft und bestimmt der Kleine, und ein schallendes Gelächter der Buben, die einen Kreis um das Kerlchen gebildet hatten, belohnte den Sprecher. „Und wo ist er?" fragte ein halbwüchsiges Mädchen und kicherte schon im voraus. „In Algier, dem Teufel zu!" erwiderte der Blondkopf und krauste die Stirn, als habe er jemand die Gebärde abgeguckt. Und wieder lachten sie und umdrängten ihn, um die oft gehörten Antworten, eine nach der andern, aus ihm hervorzulocken. Da rief eine feine, dünne Stimme: „Allons, Güstele, komm heim, es ist zu heiß in der Sonne auf dem Markt!" Aber der Kleine blieb stchen, trotzig anzuschauen, als mühte er den andern unverwandt die Stirne bieten. „Güstele, deine Mama ruft!" mahnte eines der Kinder. Er zögerte einen Augenblick, dann suchte er den Rückzug anzutreten. Aber rückwärts gewendet und ohne die Schar aus den Augen zu lassen. Und als ein Knabe abermals begann: „Was ist dein Barer?" da stieß er hastig hervor: „Ein Lump, ein — ein Dalden- strick!" Diesmal schrien sie laut auf vor Vergnügen und wiederholten das von der ungelenkten Zunge des fünfjährigen Bübchens verstümmelte Wort in wildem Chor „Güstele!" rief dringender, ängstlich die Mutter vom Fenster herab. Jetzt hatte er die Haustür erreicht, maß noch einmal die Frager und schoß dann eilfertig in das Dunkel des Flurs. Ein wilder Lärm gellte hinter ihm drein, und als einer Reim und Takt angab, sangen sie'im Wetteifer: „Le p’tit Duc, Galgenstrick!" Schrill klang es über den kleinen Marktplatz, schlug an den Häusern empor und verlor sich im goldflimmernden Sommerhimmel, der über dem Dächerhäuflein des Städtchens brannte. (Ein bitteres Lächeln lag auf dem Antlitz der Mutter, zu der der Kehrreim in die Stube schallte. „Mach' das Fenster zu, Marie!" wandte sie sich an das Lehr- Mädchen, das über der Näherei nickte und nun hastig auffuhr. Ein Gepolter auf der Treppe, die Tür flog auf, die Klinke tat einen harten Schlag wider die Wand, und wild, mit leuchtenden Augen rannte der Kleine in die Arme der Mutter. Die hatte kaum noch Zeit, die Nadel in die Höhe zu halten, da lag er auch schon quer auf ihrem Schoß, unbekümmert um die Näharbeit, und sprudelte: „Bin ich auch ein Daldenstrick, Mütterle?" „Nein, nein, du nicht, ober ein Wildling; schau nur, wie du wieder schwitzest!" erwiderte sie und fuhr ihm durch die feuchten blonden Kraushaare. „Aber der Vater ist ein .Daldenstrick', hein, maman?" fragte er und sah sie mit ernsten Augen an. Das Lehrmädchen kicherte und gackerte und stach blind ins Seinen. „Das sagt man nicht, Güstele, murmelte die Mutter verlegen, und ein peinvoller Zug erschien auf ihrem zarten, blassen Gesicht. „Aber du hast ja auch gesagt, der Vater ist ein Daldenstrick", beharrte der Kleine und blickte sie mit großen, unschuldigen Augen an. „Geh, hol' eine Flasche Wasser vom Brunnen", herrschte die Mutter das Mädchen an, das fast erstickte über feinem Lehrstück. Und kaum hatte sie so viel Gewalt über sich, ihre Tränen zu bezwingen, bis sie mit dem Bübchen allein war. „Warum weinst du denn, Mütterle?" fragte der Blondkopf verwundert. Da faßte sie ihn mit den rauhen, oerftichelten Händen, grub die Finger in fein Gelock und schluchzte: „Voyons, Güstele, sag's nimmer; du bist jetzt ein großer Bub und darfst so was nimmer fegen." „Aber gesagt hast du's doch, und manchesmal und nachts am meisten", trotzte er, und sie fand keinen Zorn und keine Strenge, ihm nochmals das Kittelchen auszuklopfen, zog ihn auf die Knie, umschlang ihn und barg die überströmenden Augen in seinem Haar. O mon Dieu, ach du lieber Herrgott, quoll denn der alle Schmerz immer wieder in ihr auf! Freilich hatte sie jenen einen Lumpen gescholten und hunderttausendmal das Kind an sich gepreßt, wenn sie des Nachts die schwelende Lampe löschte und mit brennenden Augen ins Dunkel starrte, das plötzlich aus allen Winkeln kroch. Sechs Jahre schon sind unter Seufzen und Sorgen vergangen, seit er sie mit dem Brautkind und dem geteerten Sparhafen zurück- gelassen hat, um der Heirat und der Heimat aus dem Wege zu gehen. Sie faß über der Aussteuer, das Kind regte sich schon unter ihrem Herzen, da kamen sie ihr erzählen, der Jakob sei fort, nach Afrika, und komme nimmer heim. So saß sie noch heute, das Kind wuchs, wurde dem Vater ähnlich und ähnlicher, und wenn es den blonden Krauskopf in die Kissen wählte und sie die Kaffeekachel mit dem letzten Sou füllte, wenn der Kleine dann plärrte: „Gibst mir auch Zückerle, Mütterle!", dann fuhr ihr der zornige Schmerz und das Weh wie ein Gallenstoß vom Herzen in den Mund, und sie flüsterte: „Weißt du, was dein Vater ist? Ein Lump, ein elender Lump!" Sie wimmerte leise und preßte den Buben fest an sich. Nun saß sie da und war und blieb das Nettele Herzog, und Herzog hieß das Güstele. Der Meine Herzog, der so hübsch angezogen war, daß ihn Spott und Mitleid ,le petit Duc' genannt hatten. Ein Rauschen auf der Treppe, seidene Kleider, die sich raschelnd rührten. „Une dame, va t’en, Güstele!" sprach die Mutter hastig. Doch als sie den Knaben aufrichten wollte, sank er zurück, und fein Näschen krauste sich unwillig. Er war eingeschlafen, und Nettele hatte ihre Not, die angesteckten Nadeln zu entfernen, die ihn bedrohten. „Ja, Madame, Mamsell Herzog ist daheim", klang die Stimme des Lehrmädchens auf dem Flur, und dann wurde die Tür geöffnet, und das Seidenkleid rauschte herein. Beinahe trotzig war die Näherin sitzengeblieben, den schlummernden Knaben im Schoß. „Excusez madame, aber er schläft so gut", sprach sie leise. „Ah, le petit ange“, flüsterte Madame Fleury und neigte ihr Doppelkinn über das Kind. Ein Lächeln erhellte und verjüngte Netteles Gesicht. „Das heißt: Le petit Duc, voila son nom, n’est-ce-pas?" verbesserte sich, schweratmend, die Dame und ließ sich auf dem winzigen Sofa nieder. „Das Städtte hat ihm den Namen gegeben", erwiderte die Näherin, dock) in (Erinnerung des grausamen Kinderreimes trat ihr bei der Antwort die Bitternis wieder auf die Lippen. 350 — „Und er hat auch ausgesehen wie ein kleiner Herzog," erwiderte die Kundin, „besonders im letzten Winter, wo er das rote Käppl« getragen hat und das Pelzmäntele —" „Ein Geschenk von Madame Bernard", schaltete Nettele entschuldigend ein. .... „ „Ne vous defendez pas, il etait si soll, le petit Duc! Leise strich ihm die Besud)erin mit ihren weihen, parfümierten Händen über das schlafheiße Gesicht. „Legt ihm nur das Schönste an, 9a ce comprend, Nannette. Ihr habt ja nur den Buben!" Madame Fleury setzte sich aufrecht, blickte einen Augenblick zerstreut vor sich hin und fuhr dann fort: „Justine, meine zweite Tochter, heiratet auf den Winter. Et son trousseau, vous savez . . . Der Zweck des Besuches war erklärt, und als Güstele nach einer halben Stunde aufwachte, waren die Frauen noch in Berechnungen vertieft, und die Mutter hatte so eiferrote Backen, daß sie wie Feuer brannten. _ _ , „Monseigneur ist erwacht," unterbrach Frau Fleury die Erörterung über die Hemdeneinsätze. „Sag' schön bon jour, Madame," mahnte Nettele, und der Kleine tat's. „Bon jour, madame!“ sprach er laut. Und dann durfte er wieder auf den Marktplatz hinunter. „Wenn er nur nicht so hitzig wär'," gab die Mutter zu bedenken, als Madame Fleury ihm vor ihrem Aufbruch noch ein Lob spendete. Und während die Kundin, zu der Nettele auf die Stör, das heißt zur Arbeit im Hause, gehen sollte, auf dem Flur noch bemerkte, die Näherin solle den Kleinen nur mitbringen, auf dem Fabrikhof, zwischen den Baumwollballen sei der schönste Spielplatz, schallte vom Markt der Lärm der Kinder herauf, die an dem neuen Reim ihr helles Vergnügen hatten. „Le p’tit Duc, Galgenstrick!" klang's weithin, und unter dem Schwarm, der nach dem Takt im Gänsemarsch um den Laufbrunnen marschierte, stapfte der kleine Herzog selber einher, und seine Mutter hörte sein kräftiges Sümmchen aus allen heraus. Im ersten Augenblick wollte sie ihn heraufrufen, dann aber ließ fie ihn gewähren. Er war vergnügt und arglos, sie wollte ihn nicht stören und begann die Berechnungen für die fremde Aussteuer zu ordnen. Das Fenster war längst wieder geöffnet, die Sonne stahl sich zwischen den Giebeln hindurch in die Stube und schien der Näherin auf die Notizen. Still rückte sie in den Schatten und rechnete weiter. „Le p’tit Duc, Galgenstrick!" schallte der Kehrreim über den sonnigen Platz . . . War der „Kleine Herzog" bis auf diesen Tag nur ein Beiname für seltene Gelegenheit gewesen, so wurde eer von da an volkstümlich. „Le p’tit Duc“ auf allen Gaffen! Er schmeichelte der Nannette und gefiel dem Kleinen, der sich darob beachtet sah. Aber nach wie vor trug er seine Antwort herbei, wenn ihm von vorwitzigen Kindern und unverständigen Großen die Fragen nad) dem Vater vorgelegt wurden, mit denen ihn die Lehrtöchter zuerst aufgezogen hatten. Und das Nettele war den grausamen Spaß schon so gewöhnt, daß es kaum noch dagegen kämpfte. 2(m wenigsten auf der Stör, wenn sich die Kunden, die Epiciere oder die Sätfermeifterfrau oder die Witwe des Apothekers den Zeitvertreib gönnten und das Güstele, das die Mutter begleiten durfte, mit Eifer fragten: „Was ist dein Vater?" und „Wo ist dein Vater?" „Ah, comme il est dröle, le p’tit!“ krähte die pharmacienne, und die Bäckermeisterin gackerte: „Nein, so ein gspafsiger Fink, das gibt einmal einen!" Dann bückte fick) die Näherin tief über die Leinwand, und Scham, Schmerz, Mutterstolz und ein Gefühl unsäglicher Demütigung bedrängten sie zumal. Und ganz in der Tiefe ein bittersüßes Gefühl befriedigter Rache. Ein Lump war er, hatte ihr die Ohren und ihr ganzes Blut mit Liebkosungen vergiftet, am Sonntag ihr Portemonnaie regiert, das Aufgebot erlassen und war dann gegangen. „Güstele, Güstele," riefen sie, „sag , wie du heißest!" „August Herzog, le p’tit Duc," erwiderte er. Da lachten die Frauen, daß ihnen die Augen überliefen. Er war groß und stark. Wenn die Mutter ihn aus den Kleidern wachsen sah, schwoll ihr das Herz voll Stolz, und als er in seinem stillen, ingrimmigen Zorn das Lehrmädchen, das ihn geneckt hatte, hinterrücks über den Schemel herunterriß und ihr mit den winzigen Fäusten auf die flache Brust trommelte, daß es schrie wie überm Feuer, da saß sie eine Weile starr, unfähig einzugreifen. Das hatte er vom Baier. Der war auch ins Kraut geschossen und mit Jähzorn dreingefahren, ehe der Blitz im leern Stroh zündet. „Jetzt geht's nimmer, jetzt gehst du in die Schul’, Güstele, du wüster Bub!" hatte sich das Nettele endlich ermannt. Doch als es das Wort wahr machte und mit ihm zu den Schwestern in die Häfelefchule zog, da kam sie der Gang gar hart an. Es wurde still daheim und auf der Stör. Und dann kam der „Kleine Herzog" in die rechte Schule, zum Schulmeister. „Der wird dir den Meister zeigen," drohte ihm unbesonnen die Mutter in einer bösen Stunde, als er ihren Zorn herausgefordert hatte. Am Abend aber holte fie ihn in ihr Bett, und als er schlaftrunken fragte: „Sag’, warum weinst du, Mütterle?" da hatte sie das alte Weh geschüttelt, und sie schluchzte in die Kissen und das Kraushaar des Buben: „Oh, der Lump, der Lump!" ___ Am andern Morgen ging der Knabe zur Schule. Auf dem Marktplatz standen ein paar kleinere, und einer rief ihm nach: „He, Güstele, deine Mama' ruft dir!" Aber Nettele hatte nicht gerufen, ihm nur nachgesehen, gefährlich weit über die Fensterbrüstung sich lehnend. Und das Güstele, das zu ihr hinaufgeschaut hatte, stolperte und maß den Boden. Herr Fleury, der eben über den Platz ging, hob ihn auf. „Ah, du bift’s, mon p’tit Duc," sprach er laut und patschte dem Verdutzten die Kappe auf den Kopf. „Du gehst wohl auf allen vieren in die Schule?" . Nettele vernahm jedes Wort. Und auf einmal war ihr, als fei es gestern gewesen, daß Madame Fleury bei ihr die Aussteuer für ihre Tochter bestellt habe, als fei feit damals, als das Güstele auf den „Kleinen Herzog" getauft worden war, kaum eine Nacht vergangen. (Fortsetzung folgt.) Volksbrauche an Allerheiligen und Allerseelen. Von Hans G r ä f g e n. Die Volksbräuche des Allerheiligen- und Allerseelentages lassen sich nicht scharf voneinander trennen; sie umkleiden oft beide Tage, oder es ist so, daß sie sich in der einen Gegend um den ersten, in anderen Teilen Deutschlands um den zweiten November fchlingen. Da um diese Zeit die Seelen der Verstorbenen Urlaub aus der Ewigkeit erhalten,, wie die, weit verbreitete Volksmeinung annimmt, so muh man alles für ihren würdigen Empfang vorbereiten. Die Bäuerin in Tirol verfertigt für die Gäste aus traumhaften Weiten leckere Schmalzkrapfen, die, in Gemeinschaft mit Milch, an einer sichtbaren Stelle des Hanfes auf- gestellt werden. Gekochte Bohnen gelten in anderen Gegenden als besonders beliebte Totenspeise, die auf die Gräber gesetzt und nach einer Weile an die Dorfarmen verteilt werden. Milch Und Semmel erfreuen sich in Böhmen am Allerseelentage besonderer Beliebtheit, während man in Island gebratene Schafsköpfe an Allerheiligen zu verzehren pflegt. „Hedwigfohlen" nennt man ein in Schlesien bekanntes Gebildbrot, das vor allem die Kinder von ihren Paten erhalten. In anderen Strichen Deutschlands werden die Knaben mit aus Weizenmehl hergestellten Hasen und Pferden, die Mädchen mit Hennen erfreut. Im übrigen pflegt man in diesen Tagen vor allem sich auf die Pflanzenkost zu beschränken und den Fleischgenutz zu verwerfen. Nicht unerwähnt bleibe endlich das vielerorts gebackene „Seelenbrot", durch dessen Genuß man, wie das Volk glaubt, eine Seele aus dem Fegefeuer zu erlösen vermag. Nicht nur in der Herstellung gewisser Speisen zeigt sich der Glaube an die vorübergehende Rückkehr der Entschlafenen. Auch im übrigen muß man an Allerseelen auf die Seelen der Verstorbenen Rücksicht nehmen. Drischt man an diesen Tagen, so lassen die zurück- gekehrten Seelen, wie der lettische Volksglaube lehrt, die neue Saat nicht zum Keimen kommen. Da auch viele böse Geister an den beiden Tagen die Lüfte erfüllen und besonders zur Nachtzeit Schaden stiften können, foll man vor Einbruch der Dunkelheit seine Behausung aufsuchen, die im übrigen durch peinliche Sauberkeit zum Empfang der unsichtbaren Gäste vorbereitet fein muß. In Tirol kennt man bas „Schidungs- oder Seelsnausläuten", das die Ankunft der Geister aus dem Jenseits ankündigen soll und um Mitternacht eine Stunde lang erschallt; am nächsten Vormittage werden zum Zeichen der Rückkehr der Seelen in die Ewigkeit die Glocken abermals geläutet Jeder mutz den Dorfbewohnern, die die Glocken geläutet haben, dann ein Gefchenk geben. m Sehr wichtig ist die Witterung am Allerseelentage für die Vorausbestimmung des Wetters im nahenden Winter. Datz der Tag auch als Lohntag für Feldarbeiter und Hirten gilt, bleibe nicht unerwähnt. Die Liebenden pflegen die Nacht zwischen Allerheiligen und Allerfeelen als besonders günstig für allerlei Orakel und zauberische Bräuche anzusehen. Die schönste und verbreitetste Sitte am 1. und 2. November ist bas Schmücken der Ruhestätte der Entschlafenen. Etwas feltfam berührt uns die in südlichen Ländern anzutreffende Gepflogenheit, seinen Besuch auf dem Friedhof dadurch allgemein kenntlich zu machen, daß man seinen Namen auf die Marmorplatte der Gräber, die Familienangehörige bergen, schreibt oder gar seine Besuchskarte an dem Grabhügel befestigt. Befonders schon war dagegen die früher in Irland gebräuchliche Sitte, eine von den jungen Mädchen verfertigte Blumenkrone durch die Jünglinge des Dorfes in feierlichem Zuge auf den Friedhof tragen zu lassen; auf die Aepfel, die die Krone schmückten, hatte man dabei ein besonders aufmerksames Auge: Fiel einer vor dem Friedhofstore zur Erde, so sah man dies als glückverheißendes Zeichen an, wogegen das Hinabfallen auf dem Gottesacker selbst als unheilkündend betrachtet wurde. Die leider auch in katholischen Gegenden immer mehr in Vergessenheit geratende Sitte, am Allerseelentage die Gräber mit Kerzen zu bestecken, die am Abend angezündet werden, soll wieder mchr gepflegt werden. Wer an einem nebelveichängten Allerseelenabend einmal einen von Tausenden von Lichtern überfunkelten Friedhof gefehen hat, der wird diesen traumhaften Anblick nie mehr vergessen und gern wünschen, daß diese Gepflogenheit, die selbst nüchterne Menschen einen Augenblick die Schauer des Ewigen fühlen läßt, wieder zum Mittelpunkt der Allerseelenbräuche werde. In manchen Gegenden pflegt man die Kerzen, um sie besser vor dem Winde zu schützen, in ausgehöhlte 1 Rüben oder auch in bunte Laternen zu stellen. In die Rüben werden 351 häufig Name« und Sprüche eingeritzt. Die nicht völlig nieder- gebrannten Kerzen pflegt man vielerorts brennend mit nach Haufe zu nehmen, um den Herd mit ihnen anzuzünden, was als glückbringend für das Haus angesehen wird; das gleiche gilt von Holzstückchen, di« au den Allerseelenkerzen angezündet und in der Nähe des Hauses vergraben werden. Daß derjenige, dessen Licht bei der abendlichen Hausandacht zuerst niederbrennt, den Entschlafenen zuerst folgen wird, ist eine in Böhmen weit verbreitete Anschauung. Dort ist es auch üblich, den Seelen an Allerheiligen ein mit Butter gespeiste Lampe hinzustellen, damit ste ihre im Fegefeuer empfangenen Wunden mit der Butter heilen können. Neben Kerzen und Lampen, die den Geistern den Weg weisen sollen, pflegt man da und dort auf den Bergen zum gleichen Zwecke, aber auch um die bösen Geister fernzuhalten und den guten Gelegenheit zum Sich-wärmen zu geben, große Feuer zu entzünden. Die Bleiuh» - Von Hans Frana. Ein Korporal im Leibregiment Friedrich des Großen — ein junger, tüchtiger, kecker Kerl, der den Lockungen der Eitelkeit zwar manchesmal, wenn auch nur mit letzter Mühe, Widerstand leistete, zwischendurch aber immer aufs neue in schwächeren Stunden ihr verfiel — hatte sich eine Uhrkette gekauft. Wie sie dazumal, da noch nicht jeder Rotzbub einen silbernen Zeitmesser mit sich Hern schleppte, sondern selbst die Mehrzahl der Männer, die ihn dringend bei ihrem Tagewerk benötigten, darauf verzichten muhten, nur die vornehmen Herren — im Regiment also einzig Offiziere — trugen, die sich und der Welt das Vergnügen machen konnten, ä la mode einherzustolzieren. Weil aber der karge Soldatensold für die Anschaffung einer Uhr keinesfalls reichte, noch jemals reichen würde, der Korporal jedoch die gleißende Kette um jeden Preis auf feiner weißen Uniformweste erblicken wollte, die Kette hingegen ohne die vorgesehene Beschwerung an ihrem hinteren Ende sich weigerte, den üblichen sanften Bogen auf seinem Bauch innezuhalten, vielmehr immerfort aus der Westentasche fiel, und sinnlos senkrecht nach unten hing wie eine Angelschnur ohne Köder: so beschwerte der Großmannssüä)tige sie mit einer Bleikugel, die er statt der fehlenden Uhr in die Weste steckte. Die Sache wurde dem König hinterbracht. Friedrich, der sich von der Berechtigung des ihm Zugetragenen, wo es irgend anging, durch eigenen Augenschein überzeugte, auch der Versuchung, seine königliche und menschliche Ueberlegenheit in allen sieben Regenbogenfarben aufleuchten zu lassen, nur schwer widerstand — wobei er freilich immer noch die Ueberlegenheit über seine Ueberlegenheitssucht besaß, eine unverhoffte Niederlage neidlos einzugestehen und den angerichteten Schaden wieder gutzumachen. Friedrich beschloß, dem eitlen Korporal einen deftigen Denkzettel zu verabfolgen. Nach einem Schauexerzieren ritt der König gemächlicher als gemeinhin an der Front entlang, tadelte hier — lobte dort, fragte diesen — unterwies jenen. Als er zu dem Uhrketten-Korporal kam, sagte er: „A propos, Korporal, Er muß ein ungewöhnlich sparsamer Kerl sein, daß Er sich von Meinem Sold eine Uhr erübrigt hat. Denn falls mein Gedächtnis mich nicht täuscht — und bis dato rebelliert es nur selten — ist Er armer Leute Ki.,d. Das siebente von einer Kätnerstelle in der Uckermark, meine ich." Im Mannschastsgliede unterdrückte man nur mühsam das Verlangen, sich augenzwinkernd über diese gutgezielten Sätze hin anzublicken. 3m Gefolge Friedrichs des Großen wandten sich, zumal auch der König nicht in der gleichen Sekunde vorwärts und rück- wä.ts sehen konnte, unbekümmert die lächelnden Gesichter einander zu. „Sparsam zu sein," erwiderte der Korporal ohne langes Besinnen, „schmeichle ich mir allerdings, Majestät. Aber das mit der Uhr hat nicht viel auf sich." Friedrich gab sich den Anschein, als ob er — durch diese Antwort zufriedengestellt — weiterreiten wollte. Plötzlich aber zog er seine goldene Uhr, hielt den Schimmel an und rief: „Parbleu! Meine Uhr hat manches auf sich. Insonderheit Brillanten. Soviele sogar, daß dein on dit nach eine Familie mit zehn Kindern von ihrem Erlös jahrelang leben könnte. Aber wenn man sie nicht aufwindet, ist Meine Uhr keinen Heller mehr zum Zeitanzeigen wert, als die Seine, Korporal. Ist das Biest da mir etwa nicht mit dem kleinen Zeiger auf der Zahl elf stehen geblieben? Dabei haben wir, soweit man sich nach der Sonne orientieren kann, sicherlich schon zwölf. Oder gar mehr! Welche Stunde hat Er auf Seiner Uhr, Korporal?" Im Gefolge des Königs unterdrückte man nur mit vieler Mühe noch das laute Lachen. Im Mannschastsgliede blickte man nun ungescheut aug'enzwinkernd einander an. Der Korporal, rot wie ein Krebs, Schweißperlen auf der Stirn, aber mit keiner Muskel, keiner Fiber zuckend, gab zur Antwort: „Meine Uhr richtet sich mehr nach der Stärke des Windes, als nach dem Stand der Sonne, Majestät. Dürfte es deswegen nicht zweckdienlicher sein, einen der Herren Offiziere nach der richtigen Zeit' zu fragen?" Der König — mit zorndonnernder Stimme, daß den Offizieren in seinem Gefolge Lachen und Lächeln, den Mannschaften im Miede Köpfewenden und Augenzwinkern verging — fuhr den Ausweichenden an: „Wer hat hier zu befehlen? Er oder Ich? Der König oder der Korporal? Zieh Er Seine Uhr! Auf der Stellei Und geb Er mir endlich Antwort, welche Stunde ste zeigt!" Da wußte der Korporal, was die Glocke geschlagen hatte, wußte, daß es in den nächsten Sekunden um alles ging. Er riß die Bleikugel, die an seiner Uhrkette hing, aus ihrem Versteck heraus, zeigte sie ungefcheut dem König, den Offizieren, den Mannschaften und sagte — nun totenbleich, mit schreckgedörrter Stirn — jagte fest und frei: „Meine Uhr zeigt, wie zu sehen, weder elf noch zwölf. Sie zeigt bei Tag und bet Nacht, wie ebenfalls mit einem Blick zu sehen, welchen Tod ich für Ew. Majestät sterben werde." Schon war der König vom Pferde herunter Er schritt aus den Korporal, der unbeweglich die Bleiuhr den Blicken aller preisaab, hastig zu, steckte ihm seine goldene Uhr in die Tasche und bat: „Behalt Er sie! Doch! Doch! Nimm Er si? an! Nimm Er die Uhr, Korporal! Daß Er hinfort nicht nur durch Seine um die Stunde des Todes, sondern durch meine auch um die Stunde des Lebens weiß." Als der Korporal sich niederbeugen und die Hand seines Königs küssen wollte, wehrte Friedrich ab: „Laß Er das! Ich habe Ihm die Lektion zu danken! Nickst Er Mir!" Schon schritt er zu feinem Schimmel zurück, sah auf und sprengte davon. Die Uhr Friedrich des Großen hat der Korporal, daß sie nicht Schaden litte, sondern sich von Kind auf Kind vererbe, nicht getragen. Er legte sie vielmehr allmorgenlich nach dem Aufwinden in das seidebezogene Kästchenbett zurück, das er von monatelangen Soldersparnissen für sie auf das sorglichste hatte anfertigen lassen. Zu ihren Füßen mußte sich die Eitelkeitskette in das weiche Kisten kuscheln. Denn auch die Bleiuhr zu tragen, hatte der mehr noch durch die Güte, als durch seine Bloßstellung Beschämte, hinfort kein Verlangen mehr. Platin in Südafrika. Von Dr. Balduin Ernst. Platin wurde bisher ausschließlich aus Sand- und Schotterablagerungen, sogenannten Seifen, gewonnen. Haupterzeuger ist Rußland, das im Ural wertvolle Platinseifen besitzt und das Metall zeitweise sogar für Münzzwecke verwendet hat. Erst in weitem Abstand folgen Columbien, von dem unsere Kenntnis des Platins 1735 ausgegangen ist, und Britkfch-Columbien. Schon frühzeitig wurde man darauf aufmerksam, daß PlaUnseifen stets in Gebieten frischer oder verwitterter — serpentinisierter — dunkler Ausbruchsgesteine (Eruptivgesteine) auftreten, ober doch an Täler gebunden sind, die von solchen Herkommen. Ein häufiges Begleitmineral ist Ehromit. Vor etwa 35 Jahren ist es gelungen, im Ural das Ursprungsgestein des dortigen Seifenplatins in einem serpentimsierten Olivinfels, dem sogenannten Dunit, zu ermitteln; damit war sein« Entstehung aus dem Schmelzfluß alter Lavagesteine sicher. Großes Aussehen erregte die kurz vor dem Kriege in allen Zeitungen verbreitete Nachricht von der Auffindung großer abbauwürdiger Platinlager in gewissen Grauwacken des Rhein-Schiefergebirges, die damit zu uralten, verfestigten Platinseifen gestempelt wurden. Bei der Nachprüfung des Befundes durch die Preußische Geologische Landesanstalt in Verbindung mit einer Reihe von Sonderlaboratorien wurde dann aber fast nichts gefunden, jedenfalls niemals ein die unterste Abbau- würdigkeitsgrenze erreichender Edelmetallgehalt feftgefteöt Die von anderer Seite angegebenen hohen Platinwerte wurden dabei gtöfp tenteils auf die Verwendung von platinhaltigem Magnetkies bei der chemischen Untersuchung zurückgeführt. Mußten so die auf innerdeutsche Vorkommen gesetzten Hoffnungen begraben werden, so blieb es doch einem Deutschen, dem inzwischen von der Abteilung für Bergbau der Berliner Technischen Hochschule zum Ehrendoktor ernannten Bergassessor Merensky, vorbehalten, in Südafrika die bisher bei weitem größten unb aussichtsreichsten Platinlager festzustellen, die wir überhaupt kennen. Während seines Aufenthalts in Südafrika wurde er zunächst auf kleine mit Seifengold zusammen vorkommende, weißgraue Körnchen aufmerksam, die er als Platin bestimmte. Das war an sich noch nichts Neues, da das gelegentliche Auftreten loser Plafinbröckchen in den Goldseifen Mitteltransvaals schon länger bekmmt war. Größere Bedeutung erlangten die Feststellungen erst, als durch die anschließende planmäßige Geländearbeit in den dunklen, chromitreichen Ausbruchsgesteinen der Gegend der reiche Ursprungsstoff des Edelmetalls entdeckt wurde. Norite, Pyroxenite, Dunite usw., alles grüngraue bis schwarzgrüne Felsarten von hohem spezifischen Gewicht, wechseln in einem mehrere Kilometer breiten Kranz um ein mittleres Granit- gebirge ab. Unter diesen zeigen die das Gelände meist hügelartig überragenden Dunite die stärksten Platinanhäufungen. Durch die Anlage tiefer, bis 80 Meter Tiefe vorgetriebenen Bohrungen und Schächte konnte festgestellt werden, daß die Dunitoorkommen alten Vulkanschloten, ähnlich den bekannten diamantführenden Kimberlit- röhren Südafrikas, entsprechen. Zumal der aus einem Eijenolivin- gestein bestehende Kern der Dunittrichier hat sich als reich an Edelmetall erwiesen, das darin zwischen 9 bis 30 Gramm auf die Tonne Gesteinsmasse wechselt. Kennt man bisher erst die abbauwürdigen Dunttlager, so kommt dem Norit-„R-ef als Platinlagerstätte eine viel allgemeinere Bedeutung zu. Sowohl bei Leydenburg als auch bei Rusterburg und Potgteiersruft als flachlagerndes, zwei bis 15 Meter mächtiges, gleichmäßiges Gesteinsband entwickelt, erreicht es zwar leiten die Metalloereinigungen der Dunitschiote, stellt aber doch bei seiner großen Verbreitung einen Erzvorrat von unübersehbarem Wert dar. Als besonders reich haben sich die stark mit Metall- sulsiden durchtränkten leite des Reefs erwiesen. 9m Nordbeürk ist darunter ein schwarzes Augitgestein entwickelt, das auch den Haupt- — 352 — edekmetallanteil in sich aufnimmt, soweit es nicht gor auf den unter« lagernden, von den aufdringenden Giutflüssen stark veränderten Dolomit übergreist. Grundsätzlich verschieden ist die Art des Erzes im Dunit und im Reef. Während es sich dort um reines Platinmetall handelt, begegnet man hier einer Platinarsenverbindung, sogenanntem Sperrylith, in zum Teil großen Kristallen: bemerkenswert -st auch der hohe Palatiumgehalt des Platins im Reef. Für ine geologische Erschließung der Lagerstätte ist es von Bedeutung, daß der Dunit entsprechend seiner Armut an Pflanzennährstoffen meist e,ne sehr dürftige Pflanzendecke aufweist, während das Reef sich. durch darüber liegende harte und besonders widerstandsfähige Nuritlager zu erkennen gibt. „ , . r , Die bergmännische Gewinnung des Platins ist einfach und verspricht großen Nutzen. Vielfach wird man wenigstens zunächst Tagebau treiben können. Oertlich ist es auch zur Entstehung von Platinseifen gekommen, die dann vielleicht ähnliche Arbeitsverfahren wie im Ural und in Amerika angemessen erscheinen lassen. Merensky gebührt das Verdienst, als erster auf den neuen gewaltigen Schatz der südafrikanischen Erde hingewiesen zu haben, die schon mit ihren Diamanten und ihrem Gold überreich gesegnet war. Die Verarmung des Platinmarktes, wie man sie bei der starken Ausbeutung der Seifen bis vor kurzem befürchten mußte, ist mit der Entdeckung der südafrikanischen Borrräte auf lange Zeit hinausgeschoben. Das Leben der Heiligen Johanna. Von Anaiole France. (Schluß.) Sogleich ging Johann de la Fontaine mit seinen Schreibern an die vorbereitende Untersuchung. Montag, den 19. Februar, 8 Uhr morgens kamen die Doktoren und Kleriker, elf an der Zahl, überein, daß genügend Material vorhanden war, die Jungfrau in Sachen des Glaubens vorzuladen. Da aber stellte sich eine neue Schwierigkeit ein; es war in solchem Falle nötig, daß die Angeklagte zu gleicher Zeit vor dem bischöflichen Richter und vor dem Inquisitor erscheine. Zur Gültigkeit des Prozesses waren beide Richter gleicherweise notwendig. Aber der Großinquisitor für das französische Reich befand sich eben in Saint-Lö, wo er einen Bürger namens Johann Le Couvreur verfolgte, und der Vize-Inquisitor stellte sich taub und stumm und ließ den Bischof mit seinem Prozeß in Verlegenheit. Es war dies Bruder Johann Lemaistre, Prior der Dominikaner in Rouen, ein Mönch voll Vorsicht und Skupeln. Erst nach Mahnung des Gerichtsvollziehers begab er sich zum Bischof. War es aber nicht eher Sache des Inquisitors von Beauvais, zur Seite des Bischofs von Beauvais zu Rate zu sitzen? Endlich aber willigte er ein, beizusitzen, um zu verhindern, daß der ganze Vorgang hinfällig würde, was nach dem Gefühl aller der Fall gewesen wäre, wenn die Sache ohne die Teilnahme der hochheiligen Inquisition geführt worden wäre. Alle Schwierigkeiten waren nun behoben. Die Jungfrau wurde für den 21. Februar vorgeladen. An diesem Tage versammelten sich in der Kapelle des Schlosses um 8 Uhr morgens der Bischof von Beauvais, Peter Gauchon, der Vikar der Inquisition und einundvierzig Räte und Stellvertreter, von denen fünfzehn Doktoren der Theologie, fünf Doktoren beider Rechte, sechs, die Studenten der Theologie waren, elf des kirchlichen Rechtes und vier Lizentiaten des bürgerlichen Rechtes. Der Bischof nahm als einziger den Richterstuhl ein, zu seiner Seite die Räte und Stellvertreter im Ornat der Domherren oder der Kutte der Bettel- mönche. Es gab da Flammenblicke und gesenkte Augen. Bruder Johann Lemaistre, der Vizeinquisitor, befand sich still unter ihnen in der schwarz-weißen Tracht des Gehorsams und der Armut. Bevor der Gerichtsvollzieher die Angeklagte hereinführte, berichtete er dem Bischof, daß Johanna, von der Vorladung in Kenntnis gefetzt, geantwortet hätte, daß sie willig sei, zu erscheinen, aber fordere, daß den Geistlichen der englischen Partei solche der französischen in gleicher Anzahl beigeordnet würden. Sie bat auch, daß man ihr gestatte, die Messe zu hören. Der Bischof verwarf diese beiden Ersuchen, und Johanna wurde in Männerkleidung, Fesseln an den Füßen, hereingeführt. Man veranlaßte sie, am Tisch der Schreiber Platz zu nehmen. Was sogleich zwischen diesen Theologen und diesem jungen Mädchen hervorbrach, war gegenseitiger Haß und Abscheu. Dem Brauche ihres Geschlechtes zuwider zeigte sie ihre Haare, braune, über das Ohr geschnittene Haare. Mancher von diesen jungen Geistlichen und Rechtsgelehrten, die da hinter ihren Vorstehern saßen, hatte vielleicht zum ersten Male Frauenhaare gesehen. Johanna trug Gamaschen wie ein Junge. Sie fanden ihren Anzug verabscheuungswürdig. Er beunruhigte sie und forderte ihre Verachtung heraus. Wenn der Bischof von Beauvais sie gezwungen hätte, in Kleid und Haube zu erscheinen, wäre sie wahrscheinlich von ihnen mit weniger Zorn betrachtet worden. Diese Männerkleidung vergegenwärtigte ihnen die von der Jungsrau mit Hilfe der Dämonen in dem Lager des Dauphins Carl vollbrachten Taten. Dadurch, daß sie mit einer Handbewegung durch Magie den englischen Soldaten alle Kraft genommen, hatte sie den Geistlichen, diesen Kirchenvätern, die nun über sie richteten, äußerst geschadet. Die einen dachten an die besonderen Einkünfte, um die sie Johanna gebracht hatte, andere Doktoren und Professoren der Universität erinnerten sich, daß sie Paris in Blut und Flammen hatte aufgeben lassen wollen, andere Abbss und Domherren verübelten ihr vielleicht noch mehr, daß sie sie bis in die Normandie hatte erzittern (affen. Konnten sie daher das einer so großen Anzahl von Kirchenleuten angetane liebel verzeihen, wenn sie wußten, daß sie es mit Hilfe der Zauberei, Wahrsagekunst und Beschwörung der Teufel begangen hatte? Da sie sehr weise waren, sahen sie Magier und Hexen, wo andere sie nicht vermutet hätten. Sie waren der Meinung, daß Zweifel an der Macht der Dämonen über die Menschen und Dinge nicht nur Ketzerei und Glaubenslofigkeit, sondern überdies noch Verführung Sm Umsturz aller bestehendem natürlichen und politischen Gesell- aft bedeutete. Diese hier in der Kapelle des Schlosses befindlichen Doktoren hatten jeder zehn, zwanzig, fünfzig Hexen brennen lassen, und alle hatten ihre Schuld gestanden. War es nicht Wahnsinn, daraufhin zu zweifeln, daß es Hexen gäbe? Man konnte sich allerdings verwundern, daß Wesen, fähig, Hagel zu beschwören und Zauber über Menschen und Tieren zu üben, sich ohne Widerstand fangen, verurteilen, foltern und verbrennen ließen. Aber dies war eine ständige Tatsache; alle geistlichen Richter konnten dies beobachten, und diese sehr gelehrten Männer erklärten es so, daß die Hexen und Zauberer ihre Macht verlören, sobald sie in die Hände der Kirche gelangten. Die arme Jungfrau hatte wie alle anderen ihre Macht verloren. Sie fürchteten sie nicht mehr. Johanna haßte sie zumindest so sehr, wie sie gehaßt wurde. Diese Abneigung, die unwissende Heilige, schöne, erleuchtete Seelen, freie, launische und feurige Geister natürlicherweise gegen die von ihrem Wissen und ihren scholastischen Lehren aufgeblähten Doktoren empfinden, hatte sie schon gegenüber den Geistlichen und Professoren von Poitiers empfunden, obwohl diese von der französischen Partei waren, ihr nicht übel wollten und sie nur wenig gequält hatten. Daraus kann man den Abscheu ermessen, die ihr die Gelehrten von Rouen einflößten. Sie wußte, daß sie sie sterben taffen wollten. Aber sie fürchtete sie nicht. Sie erwartete vertrauensvoll, daß die Engel und Heiligen ihr Versprechen einlösten und sie zu befreien kämen. Die Jungfrau wußte weder, wann noch wie das Heil nahen würde, aber sie zweifelte nicht, daß es käme Daran zu zweifeln würde Zweifel am heiligen Michael, an der heiligen Katherma und an Gott bedeutet haben, und den Glauben, daß ihre Stimmen böse wären. Diese hatten ihr empfohlen, nichts zu fürchten, und sie fürchtete nichts. Tollkühne Einfalt! Woher kam ihr das Vertrauen zu ihren Stimmen, wenn nicht aus ihrem Herzen? Der Bischof forderte sie auf, nach der vorgeschriebenen Formel, die beiden Hände auf den heiligen Evangelien, zu schwören, daß sie über altes Befragte die Wahrheit sagen würde. Sie konnte es nicht. Ihre Stimmen verboten ihr, irgend jemandem etwas von den Offenbarungen, mit denen sie so reichlich begnadet war, zu verraten. Sie antwortete: „Ich weiß nicht, worüber E>hr mich befragen wollt. Ihr könnt mich nach Dingen fragen, die ich Euch nicht sagen werde." Und als der Bischof darauf bestand, daß sie schwöre, die volle Wahrheit zu sagen, antwortete sie: „Von meinem Vater und meiner Mutter, und über das, was ich nach meinem Kommen in Frankreich getan habe, will ich gerne sprechen; aber von den Offenbarungen Gottes habe ich niemandem außer Carl, meinem König, Aufschluß gegeben. Und ich werde nichts davon offenbaren, und sollte man mir den Kopf abschneiden." Und sei es, daß sie Zeit gewinnen wollte, sei es, daß sie daraus rechnete, über diesen Punkt neue Weisung ihres Rates zu erhalten, sie fügte hinzu, daß sie vor Ablauf einer Woche wissen würde, ob sie diese Dinge enthüllen dürfe. Schließlich schwor sie, gemäß der Form kniend, die beiden Hände auf dem Evangelium. Dann antwortete sie, über ihren Namen und ihre Heimat befragt, ihre Eltern, die Taufe, die Paten und Patinnen. Sie sagte, daß sie ungefähr, wie es ihr schien, neunzehn Jahre alt sei. Auf die Frage, wie sie gelernt hätte: „Von meiner Mutter habe ich das Paternoster, Gegrüßt seift du Maria, und dass Credo gelernt." Aber als man sie aufforderte, das Vaterunser zu sprechen, weigerte sie sich und wollte es nur in der Beichte hersagen. Sie tat dies, damit der Bischof sie im Beichtstuhl höre. Die Sitzung war sehr bewegt. Alle sprachen zugleich. Johanna mit ihrer sanften Stimme hatte die Doktoren in Aufruhr gebracht. Der Bischof verbot ihr, bas Gefängnis zu verlassen, da sie sonst der Ketzerei Überführt sein würde. Sie nahm dieses Verbot nicht an. „Wenn ich entfliehen würde, könnte mir niemand vorwersen, meinen Glauben verletzt zu haben, denn ich habe es niemandem versprochen." Sie beklagte sich dann, gefesselt zu fein. Der Bischof erklärte ihr, daß es geschähe, weil sie versucht hatte, zu entfliehen. Dies gab sie zu. „Es ist wahr, ich wollte davon und ich will es noch, wie es jedem Gefangenen erlaubt ist." Ein Geständnis von großer Kühnheit, falls sie jene Worte des Richters verstanden hatte, daß Flucht ihr die den Ketzern bestimmte Strafe eintrüge. Aus kirchlichem Gefängnis zu entfliehen, war ein Verbrechen gegen die Kirche, Verbrechen und Wahn, denn das kirchliche Gefängnis ist Aufenthalt der Buße. Und ebenso verbrecherisch als unsinnig ist der Sünder, der sich der heiligen Buße entzieht. Er ähnelt dem Kranken, der nicht geheilt werden will. Ader Johanna war nicht tatsächlich in kirchlichem Gefängnis. Sie befand sich als Kriegsgefangene in den Händen der Engländer im Schloß von Rouen. Konnte man sagen, daß sie, wenn sie die Flucht ergriff, der Exkommunikation aiksgefetzt fei? Es bestand da eine Schwierigkeit. Sogleich behob sie der Bischof durch eine juristische Vorspiegelung. Er ließ Johannas Wächter auf die heiligen Evangelien schwören, dieses Mädchen ge- [effelt und in Gewahrsam zu halten. Auf diese Weise war die Jungfrau Gefangene der Kirche und konnte ihre Ketten nicht brechen, ohne in Ketzere! zu verfallen. Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.