Gietzener Zamilienbiätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, den 2. März Nummer (8 Stille! Stille! Don Friedrich Hebbel. Freu« dich! doch jauchze nicht! Ist der finstre Geist bezwungen? Wh, er ist nur eingesungen! Tiefste Stille sei dir Pflicht. Deinen Seufzern hört er zu, Deinen halb' erstickten Klagen, Sich, da nickt er mit Behagen Endlich ein und lieh dir Ruh. ■ilnb dein guter Genius Zstückt nun schnell auf jede Blüte, Die im Knospenschotz erglühte, Weckend den Grlösungskuß. Schau nun, wie das Leben quillt, Wie zu Luft und Sonne drängend, 'Jede, ihre Hülle sprengend, In die Frucht hinüberschwillt. Doch umtanze nicht den Baum, Daß der Dämon nicht, erwachend, All das junge Leben lachend Knickt: er tut es schon im Traum! Der Höllenzwang. Von Will Scheller. Das hohe spitzbogige Fenster ficht aus wie die Qeffnung eines weihglühenden Ofens. Dämlich der Mond ist, obgleich von innen nicht sichtbar, so nahe und die 2uft draußen so dünn, daß das Licht des toten Gestirns die ganze Landschaft in einen kränklichen Schimmer aufgelöst und nichts übrig gelassen hat als einen unendlichen Pfuhl sanft wogender, halb verwester Helligkeiten, worin Gebilde von fragwürdiger Realität ein lautloses, halbschlaf- ähnliches Getriebe vollführen. Der Prälat Johann Sebastian Ovne tritt aus der Dämmerung des turmartig hoch und gotisch gewölbten Zimmers zum Fenster hin. Er spreizt di« Arme hoch über den Schultern, daß die Soutane raschelnd nach den Seiten sich bauscht, und ergreift mit den langen schmalen Händen die dunkeln Holzflügel der Schalter. Wie er da steht, tief schwarz, gegen das geisterhafte Leuchten des Fensters gepreßt, die magere Gestalt gereckt, die Arme im Düster der Holzflügel verschwimmend, gleicht er einer mystischen Hieroglyphe, deren Darstellung zum Fluch eures Erdenlebens beschworen ist. Aber Johann Sebastian Orne will nur das Fenster schließen. Langsam, während die Angeln seufzen, wird es schmaler, es verengt sich der Lichtstreif und ist nur noch ein Spalt. Dann verschwindet auch der, und die Figur erlischt. Einen Augenblick lang braut völliges Dunkel im Zimmer. Dann klirrt es, Funken sprühen, «ine Flamme leckt gierig über ein hageres Antlitz und über alle Grenzen des Raumes und ein inenschlicher Schatten legt sich spinnenhaft und dürr vom Erdboden über die mit Büchergestellen umkleidete Wand bis zum Mittelpunkt des Kewölbes. Der Schatten fängt an sich zu bewegen, wahrend er zuckend hin und her schaukelt. Johann Sebastian Orne schreitet zu dem in der OKitte des Zimmers befindlichen Tisch, der aus dunkelm, rötlich poliertem Holz gefertigt als ein Halbkreis dienstbar auf drei Deinen steht. Die Oellanrpe wird an einem Kettchen getragen und auf ein kleines Drahtgestell niedergesetzt, das auf dem sonst ganz leeren Tisch ihrer wartet. Run ist der Raum gleichmäßig erhellt — ungefähr bis zur Mitte seiner Höhe, darüber herrscht Zwielicht, die Bücher, welche auch oberhalb dieser Grenze nahezu bis zur Decke fast alle Wandflächsn verdecken, sind dort nicht mehr zu unterscheiden, und auch in den unteren Ecken spreitet sich Dämmerung und verhüllt die Füße des zur Tür Schlüpfen- den. Er drückt behutsam auf die Klinke,' sie ist geölt, damit sie schweigsam arbeitet, aber sie öffnet sich nicht. Er hat also nicht vergessen, den Schlüssel herumzudrehen. Es ist gut so. Di« Klinke federt langsam wieder nach oben. Run ist ein verhaltenes Aufatmen gestattet. Die Figur das Prälaten erscheint im Licht der Lampe, das öen Hintergrund nicht erreicht und in seiner Berworvenheit läßt, jünglinghaft aufgeschossen, dünne älntevarme kommen mit langen Händen blaß aus dem Haltenwurf des schwarzseidenen Ordens- kleides, und die Finger krampfen sich mit übernatürlicher Gelenkigkeit umeinander. Aber das Antlitz ist wie aus einer Gruft gerissen, eingesunken, zerklüftet und von einem bleiernen Grau überzogen. Auf den Wangen und in den Schläfen lagern Finstev- nisse, die Augen sind in die Höhlen zurückgewichen und phosphoreszieren, als ob sie nicht zu einem menschlichen Wesen gehörten. Allmählich löst er die Hände aus ihrer Verschlingung, und ohne den Blick an Gegenständliches zu heften, sondern mit Set Spannung wartenden Geistes ihn verschleiernd, rückt er den auf gekreuzten Beinen ruhenden Schemel aus abgenutzt blinkendem Holz dicht an den Tisch und schiebt den Armstuhl, dessen hohe Rückenlehne von einem Schiritzwerk aus sagenhaften Tiergestalten gebildet wird, daneben. Dann begibt er sich zum Büchergestell und räumt mit etlichen Griffen eine Reihe verschiedenartiger Bände fort und langt mit der Hand in die Tiefe des Gefachs. Dort sprint eine Tür auf, und dem .Unsichtbaren wird ei» großes, dunkel gebundenes Buch entnommen, das mtt silberne« Beschlägen geziert und verschlossen ist. Ein starkes Faszikel kunstlos zusammengehefteten Papiers folgt nebst TintenglaS und Schreibgerät. Das schwere Buch wird auf den Tisch vor öie Lampe gelegt, das Werkzeug dazu, während der Papierball«, auf dem Schemel seinen Platz findet. Die Beschäftigung, welcher der geistliche Herr noch obliegt, nachdem die Brüder und die Menschen ringsum in Schloß und Hütte ihr Unsterbliches längst der seügsten Jungfrau empföhle» haben und von mehr oder minder traumlosem Schlaf schon umfangen sind, ist zweifellos nicht von der Art, wie sie in den Häusern des Herrn üblich zu fein pflegt. Warum hielte er fit sonst so geheim vor der .Umwelt und wozu benötigte er sonst jenes fragwürdigem Beiwerks, das die Lampe nur zitternd und vorüberhuschend beleuchtet —- jener fünf, wie es scheint, durch Linien verbundener Punkte oberhalb des Eingangs, itnb jenes dünnen Fadens, der auf dem Boden mit Hilfe von Sargnägeln! in weitem Kreis um den Tisch gespannt ist, und der kleinen Aäucherpfanmen, von denen nun ganz dünne, "süßlich hauchend« Schwaden aufsteigend und kräuselnd sich verslüchtigen? Oder was hat es mit jenen Zeichen auf sich, die innerhalb dieses Zirkels mit blauer Kreide ausgeschrieben sind? älnd was bedeutet's, daß nirgend in diesem hohen Raum das Gesicht eines Heiligen, ja nicht einmal das Bildnis der Gottesmutter mahnend und beruhigend auf das Treiben des menschlichen Wesens 'herabsieht? Aber der Prälat hat noch nicht mit feiner Arbeit begonnen. Er sieht vor dem Tisch hoch aufgerichtet, das Antlitz emporgewandt, die Arme über der Brust verschränkt, unbeweglich wie ein Schnitzwerk von Holz. Das dauert mehrere Minuten hindurch während deren nur das leis« Singen der Lampe, dar Knistern der Pfannen, das Rieseln einer Sanduhr zu vernehmen ist. Dann kommt wieder Leben in den seltsamen Mann: er vollzieht, nach den vier Windrichtungen tief sich verneigend, zu wiederholten Malen das Kreuzeszeichen, und seine Lipen murmeln fremd klingende, drohend geformte Worte, die einander fiebrig verjagen, und nur zuweilen heben sich einzelne Sätze, heftiger gesprochen, auS dem dunkeln, eilig rauschenden Fluß hervor... älnd hiermit beschwöre und tonjuriete ich euch all« bei dem Sitz des Adonah, durch Hagios, v Thavd, Jskhros, AthanatoS, Parakletu, Alpha und Omega und durch die drei heillgen geheimen Namen Agla, Om, Detvagrammaton, daß ihr sollet mein Begehren erfüllen ... Lind während seine Haare sich sträubten, spricht er weiter und weiter, und sein Schatten bewegt sich zuckend an den Wänden, auf seiner Stirn erscheinen Perlen, und vor seinem Munde bilden sich Blasen weißlichen Schaumes. Ist dies eine neu« Weise des irdischen Geschöpfes, mit der höchsten Macht Zwiesprache zu halten? Eine andere Form nur des Gebets, eine stärkere Art der Lobpreisung, geübt zunächst in der Stille und geprüft in ekstatischer Einsamkeit? Endlich scheinen die Vorbereitungen beendet zu sein. Tiefe» Atmen schließt die Anrufung, die Arme fallen von der Brust und hängen eine Weile an den Hüften herab, die Schultern sinken ein. Doch die Erschöpfung währt nicht lange. Johann Sebastian Orne rückt den Sessel an den Tisch und läßt sich nieder; und das silberne Schloß des Buches klirrt, der schwere Deckel schlägt auf und ein hagerer Finger weist Sie Stelle, wo die Augen weiterlesen sollen. Di« pergamentenen Paginae des Buches sind nut Lettern verschiedener Schriften in schier unlöslicher Verschtingung beschrieben, Zeichen, die keinem Alphabet einer bekannten Sprache — 70 — der Menschen entnommen sind, drängen sich aus dem L-ext und erscheinen als Kundgebungen ungewohnter Wissenschaft. Oftmals erwecken sie den Eindruck rein geometrischer Figuren, aber dann springen eigenwillige, wild verschnörkelte Linien, wüste Haken, anmaßende Winkel, freche Punkte hinein, Kreuze und Spiralen, und das Bild hat nichts mehr an sich, was dem Tun der menschlichen Dernunft gleichsähe. Mehrere kehren zurück und gatten sich mit arabischen Fahlen, griechischen Buchstaben und römischen Ziffern und verlieren dadurch doch nichts von ihrer Rätselhaftigkeit, Dann wieder erscheinen ganze Kolumnen und Ordnungen von Rainen nach Monden, Tagen und Stunden gereiht, Engel und Gestirne sind irgendwie verbündet, aber es ist gewiß, knitz auch von anderen Kräften die Rede geht, welche toebet mit dem Flug der Engel, noch mit dem Gang der Gestirne Freundschaft unterhalten. In diesem Buch studiert Herr Orne, und es ist nicht die erste Rächt, dah er solche Lektüre treibt, welche schwerlich etwas gemein hat mit dem Studium der Kirchenväter und dem Leben der Heiligen und jener unendlichen Wissenschaft des unerschöpflichen Dorns, daraus Friede des Herzens, Zucht des Blutes und Adel des Geistes quellen. Das Forschen unter dem Zwielicht der gotischen Wölbung geht andere Wege. Allnächtlich sitzt der Prälat über diesem Buch der Geheimnisse, deren Beherrschung mehr zu gewähren vorgibt als alle Lebenskunst reiner und frommer Gesinnung. And so beugt er sich über die Seiten und sucht das Berborgene zu entziffern, den Schlüssel mit der Hand zu fassen, der die Pforten der Tiefe erzwingt und Gewalt gibt über die Geister. And ihm ist in diesen Stunden des Abgeschiedenseins von der Menschheit und ihren« himmlischen Ziel wie auf einer brausenden Fahrt durch unerforschte Räume des Alls, wo vor ihm nur die Magier geweilt haben, eben jene, deren Erfahrungen in dem Werk gesammelt sind. And was ihm wesentlich dünkt, schreibt er mit knirschendem Kiel auf das Papier, das er neben dem Buch aufgeschichtet hat, damit er auch über die Frist hinaus, bis zu welcher er das Buch behalten darf, der Formeln und Kenntnisse des Zauberwesens teilhaftig bleibe. Mit bebender Hand malt er die verschnörkelten Bilder nach, ungeduldig und schier unbewußt, denn er fühlt sich von unwiderstehlicher Macht weitergetrieben auf dem Weg durch die unter- weltlichen Bezirke der schwarzen Magie. Zuweilen ist ihm, als ob der lesende und schreibende Körper nur ein mechanisches Ding sei, das einem seiner irdischen Gebundenheit entschlüpften Willen gehorche, seinem Selbst, das nunmehr, durch nichts gefesselt, in den Leib des Buches hineingedrungen sei zu befruchtendem Rausch. And in rasenden Schauern glaubt er oft die Berührung dämonischer Wesen zu empfinden, zu denen er sich in unsagbarer Furcht widerstandslos hingezogen fühlt. And wenn er einen Augenblick lang zu bedenken sucht, daß es dies nicht sein kann, was er erstrebt, dann legt sich's ihm betäubend auf das Bewußtsein, und seine 'Wahrnehmung verschließt sich den« unheimlichen Odem, der durch das Gemach wittert, und dem Gewimmel nebelhafter Gestalten, die in verwerflicher Bereinigung aus unsichtbaren Regionen hereinstürzen, in triumphierendem Taumel aufleuchten und plötzlich verschwinden, neuen Erscheinungen schaudervoller Art den Raum überlassend. And er liest weiter, jegliches Gefühl vom Dasein restlos den Lehren des Buches anvertrauend, und merkt nicht mehr, wie auch die Gerätschaften, mit denen er sich umgeben hat, vom Heraufdringen der höllischen Macht ergriffen werden, wie sie lautlos in grausiger Anbeholfenheit mit den kantigen Gliedmaßen zucken, wie die Bücher quellen und die Konturen des Mauerwerks in Verwesung überzugehen scheinen. Seins Sinne sind völlig auf den einen Punkt gesammelt, um welchen seine Geisteskräfte kreisen im leidenschaftlichen Bestreben, ganz in ihn einzudringen und durch ihn einzugehen in das Reich übermenschlicher Machtvollkommenheiten. Ihm ist, als ob keine Zeit mehr zu versäumen sei, im Paroxysmus der Entschlossenheit, welche keinen Blick nach rückwärts duldet, bohrt er sich hinein in das Zeichengewirr und die Degrifsszerspaltung der schwarzen Meisterkunst und weiß nichts mehr von seinem Körper, vernimmt nicht den seltsam raschelnden Widerhall seiner Worte, die seine trockenen Lippen erst flüstern, raunen, dann mit immer wilderer Betonung in den schwankenden Raum hineinftohen, Worte, die mit wüster Verunreinigung alles Heiligen cm den von spitzen Mammen umloderten Pforten der Anterwelt rütteln. Die kalten ginger wollen den Gänsekiel ins Dunkle des Tintenglases tauchen, da trifft ein Blick aus der erweiterten Pupille des Flümmchen, das aus dem Docht der Lampe aufwärts leckt. Der Blick verengt sich, die Augenlider erstarren, die Hand hält inne, und die Fingernägel der Linken graben sich knirschend ins Pergament. Herr Orne ist plötzlich nichts als Körper, ein elendes Produkt aus Knochen und Fleisch, Nerven und Blut. Er spürt das Herz als einen rasenden Apparat im Innern der Brust zucken und toben, drosselnd den Atem bedrängen. In den Gelenken zerrt ihn ein gräßlicher Krampf, die Fütze schlagen im Taft einer wahnwitzigen Besessenheit auf den Boden, denn es ist keine Täuschung, aus der Mamme glotzt gierig ein nie gesehenes Wesen. Die Zähne des Menschen beginnen laut aufeinander zu schlagen. Der ganze Körper schwingt in vereisendem Zittern. Schaum tritt vor den Mund, die Augen quellen aus den Höhlen. Der Kreatur wird es zu eng in ihren Schranken. Mit einem plötzlichen Ruck springt der Prälat' Orne auf, stößt den Stuhl um und weicht mit steif nach vorn gestreckten Armen, gespreizten Händen und weit geöffnetem Mund zurück, der Wand entgegen. Als er das Büchergestell mit dem Rücken berührt, wendet er sich blitzschnell und klimmt mit fürchterlicher Behendigkeit empor und kauert sich im äußeren- Winkel des Gewölbes zusammen. Aber er hält es dort nicht aus. Mit spinnenhaften Bewegungen! ist er schon hervor und herunter zur Erde. Zn namenloser Angst jagt er in einen schmalen Spalt zwischen Bücherschrank und Wand, und seine Finger suchen sich in das harte Holz einzugraben derart, dah Blut unter den Nägeln hervorspringt. Indessen ist ihm auch hier kein Aufenthalt beschieden, eine unnennbare, grausame Gewalt zerrt ihn heraus und schleppt den verzweifelt Widerstrebenden zum Tisch wie zu einem Richtblock, vor dem er stehen bleibt, angehrftet und schwankend wie ein elender Daum, den höllische Stürme bis ins Wurzelwerk zerrütten. Schlohweiß sind seine Lippen, und nur ein kreischendes Geräusch, ein raschelndes Röcheln kommt zwischen ihnen hervor. Zn der Flamme schwebt noch immer das widerwärtige Geschöpf. Es ist von scharlachroter Farbe und bewegt sechs Deine flossenartig wie schwimmend um sich her. Ein einziges, unver- verhältnismäßig groß es schlangenhaft geschlitztes Auge erscheint als Verkörperung eines einzigen boshaften Triumphs. An zwei plumpen Fühlern, unterhalb dieses scheußlichen Sehwerkzeugs, befinden sich, eng aneinander gedrängt, unzählige Saugnäpfe, die, wie in einer Ahnung nahen Genusses, woWstig pulsieren. So schwebt es in der Flamme, seine lautlose Aufmerksamkeit lauernd und unverwandt dem leichenhaft weißen Menschenantlitz zugewandt. Orne steht regungslos da. Einmal zuckt feine, Hand zum Gürtel, aber die Stelle, wo sonst der Rosenkranz hing, ist leer. Don magischer Wacht bezwungen, starrt er in das entsetzliche Auge vor ihm und fühlt deutlich, wie jedes einzelne Haar auf seinem Haupt sich aufrichtet und seine Haut allenthalben rauh wird vor Grauen. Ihm äst auf einmal, als ob das teuflische Gebild mit einer seiner ekelhaften Extremitäten ihm winke. Es wiederholt die Aufforderung, und da geht es dem Menschen wie ein Schlag durch den rechten Arm, und er ahmt die Bewegung nach, die er gesehen hat. And das Wesen beginnt nun, ein grausiges Spiel mit ihm zu treiben. Es zuckt bald mit diesem, bald mit jenem Glied, und Johann Sebastian Orne kann nicht anders, er muh diese Zuckungen spiegeln mit seinem wehrlosen Körper, und nun hüpft er vor dem Tisch herum wie ein Besessener, atemlos, jeglichen Willens bar, als eine wahnsinnige Marionette des Bösen. Zn spitzen eckigen Bewegungen stößt er Arme und Beine von sich oder schnellt sie heran, und über die Wand springt sein Schatten, ein Produkt satanischer Erheiterung. Aber wie tief auch der Mensch in die Gewalt ihm feindlich gesinnter Mächte geraten, und wie weit immer er von der Bahn und dem rechten Weg sich entfernen mag, eine letzte Auflehnung des Fleisches wider die Zerstörung wird sich in ihm auslösen, Angst und Rot werden endlich noch einmal überwunden durch den Mut der Verzweiflung, die dem Herzen entspringt. And der Adept wagt es mitten in der krampfhaften Betäubung seines Willens, in schier übermenschlicher Anstrengung dem Bann zuwiderlaufend, dem Tisch sich zu nähern. And toieBerunt dem Wink seines Peinigers gehorchend, stößt er mit einer ausladenden Bewegung den linken Fuß nach vorne und wirft ihn mit solcher Gewalt nach oben, daß der getroffene Tisch auf einer Seite sich hebt, das Aebergewicht bekommt und mit großem Gepolter umstürzt, Buch, Papier, Lampe unter sich begrabend. Run ist völlige Finsternis im Gemach. Ein Dunst vergossenen Oels mischt sich mit dem Geruch von Räucherpfannen. Don irgendwoher Bringt leises Tropfen. Aber die blutleeren Füße Ornes vermitteln ihm keinerlei körperliche Empfindung mehr. Zhn dünkt, er hänge fest an einem Punkt des ungemeffeneit Weltraumes, fest und hüllenlos, der Willftir jeglicher freitzn Wirkungskraft preisgegeben, bar jeder Möglichkeit einer für» deren Selbstbehauptung. And wie — ist denn das fürchterliche Phantom erloschen mit der Flamme, da die Lampe dem Tisch entsprang, zu Boden hüpfte und ihren Saft vergoß? Brennenden Auges versucht Orne, die Dunkelheit zu durchdringen, indes tödliche Schauer ihm das Rückgrat zu zerbrechen drohen. Grausame Zweifel nagen emsig in seinem aufgerührten Gehirn. And während er noch dumpf in ein ungemessenes Nichts hineinglotzt, scheint sich etwas von der Finsternis loszulösen, ein Schimmer taucht herauf, ein grünliches Phosphoreszieren ist bestrebt, sich zu einer spinnen- artig tanzenden Gestalt zufammenzufügen. Aber es hütet sich wohl, ein Ganzes zu werden. Hier zuckt es, dort dehnt sichs, es verschwindet, ein Stückchen leuchtet auf, einmal ist's wie ein Schlangenauge, boshaft schillernd, und dann legt sich ein schweres Lid behaglich darüber, und alles ist fort. Nun schwanken sechs Punfte zu dreien auf und nieder, senden neblige Strahlen nach innen, die in einen unsichtbaren Leib münden muffen, ein krakenartiges Gebilde, das zuweilen ins Sichtbare aufquillt, um im letzten Augenblick wie eine Blase auf brodelndem Absud zu zerplatzen. , ... .. Zohann Sebastian Ornes Körper beginnt, sich nach rückwärts zu spannen wie ein Dogen. Die Arme treten fast aus den Gelenken, denn die Hände wollen sich zwischen den Schultern in- — 71 «rnaicher verkrampfen. Er knirscht mit entblößten Zähnen. Ty- phvn, Typ'hon, stößt er zischend heraus, und jedesmal ist's, als ob das Unsichtbare sich nun der menschlichen Wahrnehmung entschleiern wolle. Aber dazu kommt es nicht, di« Anrufung bleibt fruchtlos, leerer Schall, denn sie entspringt nur einem automatischen Vorgang in dem immer weiter nach hinten strebenden Kops des Menschen, der nur noch auf den Zehenspitzen steht, ohne es zu wissen, denn ein ekstatischer Krampf hat Besitz von ihm genommen und schleudert ihn wie einen Ball durch unvoll- knnmene Bäume, welche die menschliche Erinnerung in Augenblicken tiefster Bedrängnis zusammenstückt. Die Wände des hohen Gemachs, völlig verwest, sind in Fetzen zerstoben. Orne sieht vor sich einen größeren Raum in einer Beleuchtung, wie sie das Zwielicht des Morgens zu ver- breiten pflegt. Gerippte Pfeiler streben empor und verjüngen sich oben in zahlreichen Schnörkeln. Die Miesen spiegeln traumhaft «ine reich verzierte Wölbung. Irgendwo flackert ein Licht, fast aufgesogen von der Weite des Raumes. Ovne fühlt die Macht in sich, zu springen, und fliegt mit einem gewaltigen, atem- beklemmenden Ruck nach vorne. Es wundert ihn kaum, daß er nicht stürzt, daß er auf den Füßen und bereits in eiligem Laut sich befindet. Es gibt nur eins: entrinnen I Und so stürmt er mit der elastischen Sicherheit eines Schlafwandlers weiter und weiter, und die Halle scheint kein Ende zu nehmen. Jetzt tun sich zwei Türen vor ihm auf. Er zaudert, schon spürt er ein kräuselndes Blasen im Racken, da springt' er zur Linken und vast eine Wendeltreppe hinunter, Stufen und Stufen, wie in einem Strudel aus Stein, dessen Anziehungskraft mit seiner Tiefe wächst. Plötzlich hört sie auf. Der Prälat steht auf einer eisernen Platte, einer Art Falltür, die unter seinem Gttvicht zu federn anfängt, auf und nieder wippt wie eine Wage, deren Ergänzung irgendwo hinter der vor Rässe triefenden Mauer zu suchen sein muh. Kein Ausweg! Bon oben kommt wieder jenes entsetzliche kräuselnde Blasen. Orne springt auf und nieder, um die Platte zu tieferem Versinken zu bringen, denn unter ihr muß es doch weiter gehen. And in der Tat: mit einem lautlosen Ruck weicht die Platte nach unten, Steinquadern steigen hinauf, und nun springt er ab, ins Angewisse, und während die Platt« pfeifend zurücksaust, stürzt er in einen Haufen klappernder Gegenstände. Er richtet sich auf und betastet seine Amgebung. Die ginger greifen, nun merkt er's schon, in leere Augenhöhlen, in kaltes, schütteres Zahnwerk, stützen sich auf knackende Wirbel, berstende Gelenke, und er fühlt sich angenehm berührt. Menschen, Menschen immerhin. Zitternd streicht seine Hand über einen Schädel, er drückt ihn an sich, aber da bricht er auseinander, widerliche Rinnsal stäubt über seine Hände, und schon tönt wieder irgendwo jenes grauenvolle Blasen, leise und beharrlich und kommt näher, und es ist, als trete ein Phosphorschimmer schaukelnd aus der Finsternis. Johann Sebastian Orne springt davon, stolpert über zerfallene Särge, arbeitet sich durch widerstrebende Skelettmassen hindurch schüttelt singende Rattenschwärme von sich ab, gleitet aus auf trägen Kröten, stürzt in Verliefe, bricht Steine aus den Wänden, schlägt mit Säulen um sich verbirgt sich im Gehäuse klaffender Schädel wirft wüstes Gelächter und entfleischte Beine und Rippen dem Verfolger zu und hastet unaufhaltsam weiter und weiter, und niemand vermöchte Schritt mit ihm zu halten, es wäre denn jener, dem zu entrinnen sein ganzes Wesen in einen einzigen, letzten Willensatt sich zufammendrängt. And so rast er dahin, der Rest seines Daseins ist Flucht, und sie jagt ihn über Atem und Herzschlag wahnwitzig hinaus... Allmählig aber wird es Tag. Lebende Menschen erwachen, danken dem Himmel und seinen Heiligen und Heerscharen für die glücklich bestandene Rächt und für das Licht und beginnen ihrer Hände und ihres Geistes Werk. Türen und Fenster öffnen sich allenthalben, aber ein Fenster des Klosters bleibt schwarz und verschalt, eine Tür des Kreuzganges bleibt verschlossen. Die Brüder gehen mit hochgezogenen Augenbrauen vorbei und schlagen das heilige Zeichen, denn Herrn Ornes Wesen hat ihnen von je befremdlich erschienen, die matte Färbung seines Auges hat immer als ein trennendes Mal zwischen ihnen gestanden. Ihre Schritte hallen vorüber, und die Sonne steigt, und alles Leben freut sich der freien Regung in der Helle. Als aber Johann Sebastian Orne auch beim Zönakel nicht erschien, runzelt der hochwürdige Abt die Sttrn. Rach dem Gebet und Gloria ruft er etliche Fratres zu sich und schreitet mit ihnen, entschlossenen Sinnes und ohne Hast, unmittelbar zur Wohnung ihres Glaubens-, Ordens- und Hausgenossen. Er pocht an, mit gebogenem Finger. Ein dumpfer Widerhall wird vernommen, sonst nichts Er wiederholt sein Begehren um Einlaß, er nennt laut Ramon und Würde des Bewohners. Aber es kommt keine Antwort. And die Tür ist von innen versperrt. Der Abt befiehlt einen dienenden Bruder mit Werkzeug herbei und vergißt nicht des geweihten Wassers und des Kreuzes der Exorzisten, und während der Meißel den Türspalt keilt und der Hammer dröhnt, springen von den Lippen des hochwürdigen Herrn Worte, welche die Gewalt der Finsternis an den Ort bannen, wohin sie nach ewigem Ratschluß gehört. Das Schloß knirscht und schreit, daß «s den Mönchen in den Ohren gellt, und nun fliegt die Tür unter einem letzten wuchtigen Schlag fauchend um die Angeln und schlägt hart an die innere Wand. Ohne Zögern setzt der Abt den Fuß über die Schwelle, und die Brüder drängen ihm nach ins Zwielicht des Zimmers. Da schlagen sie die Hände ineinander und schauen sich entsetzt um. Wüst sieht es aus an diesem Ort und deutet auf schlimmen Besuch. Tisch und Stühle umgestürzt, ein verkohltes Buch dabei, Asche von Papier und Rinnsale von Oel, Geräte zweifelhaften Gepräges in argem Durcheinander, Bücher, in Haufen aus den Regalen gestürzt, aber von dem Bruder Johann Sebastian keine Spur. Der Abt wendet sich zum Fenster, hebt den Riegel und schlägt die Schalter zurück. Eine breite Flut Lichtes konunt herein, von der mittäglichen Sonne. überströmend ausgegossen. In diesem Augenblick reiht der Klosterherr mit allen Zügen des Schreckens die Hand zum Gesicht und. deutet mit der anderen nach einem Winkel des Büchergestells. Der Blick der Mönche folgt dem ausgestreckten Finger. Da kauert eine menschliche Gestalt in grausiger Verstellung aller Gliedmaßen. Die Deine sind eng umeinandergeschlungen wie im Krampf der Vergiftung. Die Arme ruhen ttastlos auf dem Rücken der von Blut überronnenen Hände, und das gedunsene Gesicht sitzt halb im Racken. Die weit aufgerissenen Augen sind blutunterlaufen und so verdreht, daß kaum mehr als das Weiße zu sehen ist, der Mund klafft in wahnwitzigem Grinsen, und aus einem Winkel flieht ekler Speichel. Von einigen Tropfen des geweihten Wassers berührt, zuckt der verzerrte Körper einmal zusammen, aber das ist auch das letzte Lebenszeichen, das sich ihm entlocken läßt. Trotz der furchtbaren Entstellung der Mienen waltet kein Zweifel, daß diese Gestalt des Jamniers den Aeberrest dA«n darstellt, der gestern noch unter dem Namen Johann Sebastian Ovne inmitten der frommen, von aller Welt verehrten Gemeinschaft wandelte. Ansühnbare Schuld hat ihre Male der txr» worfenen Kreatur grausam eingeprägt. Wessen mag l i« pcy vergangen haben? Richt ohne Mitleid umbrandet Mustern d^ peinliche Schaustück. Aber es gilt kein Schweifen fcaS Gefühls, wo der Verdacht des Sakrilegs alle Zeichen der Gewißheit tragt. Der Abt wendet sich mit erhobener Hand an die Bruder, und sein Spruch ist Geletz. Der geschändete Raum wird nut eisernen Stäben vergittert und der Maurer bestellt, um Tür und Fenster auszulöschen. And am Wend, während das ganze Klos^r in Aebungen der Buhe versinkt, waltet der Schinder seines erbarm lichen Amtes. Schönheit des Rheines. Aenea Silvio (Papst Pius II.) an Erzbischof von Tours, Basel 1438. Nirgend in Europa ist ein Muß »du fo zahlreichen und bedeutenden Städten umrahmt. An Gröhe übertreffen ihn viele Flüsse, an Adel und Reiz der umliegenden Heimat lernet. — Denn, um von dem hochberühmten Straßburg, „Speyer, Worms und all den anderen za schweigen — wie könnten wir ausreichend von Köln reden? ... wie von Mainz, das der schone Fluß beherrscht? Er aber zieht zwischen Mamz und Köln eingeengt jenes Ortes weiter und als wollten seinen -auf die beiderseitigen Nachbarberge hindern, verwehren ft« um ein Haar in der Talenge bei Mainz dem Flusse den Weiterzug, und der Rhein hätte sich nicht so engen Schlünden anvertrauen mögen, wenn er nicht durch dwi Zuspruch d^ Malnes, der sich ihm zum Geleit anbot, wiedev Mut gewonnen hätte. Vorsichtig i^ des und eingezwängt wandert er durch mrbekannte Daler und tritt nicht eher hervor, als bis er nach Empfang einer H^f« durch iü« Mosel bei Koblenz freier fortschreitet. Beiderseits sind hohe weinbedeckte Felsen, und ihren Wein trinkt em großer Teck Alemanniens. Dort ragen soviel Hauser und Schlosser aus d«n GeNüft, daß vom Himmel geschütteter Schnee Hügel imb ganze Dergjoch zu bedecken scheint. Ihre Pracht, Schönheit und Zier ist derart, daß hier die Landfchlösser stattlicher smd als andein- orts die städtischen und mit größerer Bequemlichkeit zu Genuß und Reiz geschaffen. Aeber die Hügel hinauf liegt eine gedehnte Ebene, wo sich blumige Wiesen, lichter Laichwald uich^ buschige Haine senden. And was all dies übertrifft: die Statur des Ortes selbst wirst du zur Lust geboren vermeinen. Denn die Hügel selbst scheinen zu lachen und «ine Art Jubel auszuschütten, worauf blickend man sich nicht erlaben mrd ersattigen kann im Schauen — so daß diese ganze Gegend billig für em Paradies geachtet und so genannt zu werden verdient, fte, der kein Ding des Erdkreises an Heiterkeit und Schone sich ver- aleicht. Was, wenn die Menschen staunen, erblicken sie von weitem aus ragendem Bergkamm die Masse von Florenz und die Fülle der umgelagerten Dillen, was sollen sie «ter tun, wenn sie auf dem Rhein angesahrmi und auf dem ecptn' verdeck sitzend die Zierde so bunter Villen und dm reichliche Aufreihung von Gebäuden erschauen? Wo sie nicht wie vet Florenz an einem Tage hinburchziehend, sondern Drei -äxtge lang oder mehr die Augen weiden und fernen Augenblick einer Stunde ohne das Anerhörte eines Wunders zubringen. Der Goldkäfer. Von Edgar Allan Poe. (Sortierung.) „-Unb doch ist die Lösung lange nicht so schwer, wie es