Gießener Zainilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Dienstag, den 2. gebruar Nummer 10 Erlebnis. Von Hugo »o«i Ho fmannsthal. Mit silbetgrauem Dusts toar das Tal der Dämmerung «füllt, toie toemt der Mond durch Wolken sickert. Doch es war nicht Macht. Mit silbergrauem Duft des dunklen Tales verschwommen meine dämmernden Gedanken, und still versank ich in dem webenden durchsicht'gen Meere und verließ das Leben. Wie wunderbare Vlumsn waren da, mit Kelchen, dunkelglühend! Pflanzen dickicht, durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen irr warmen Strömen drang und glonmr. Das Ganz« toat angefüllt mit einem tiefen Schwellen schwermütiger Musik. Änd dieses wußt' ich, obgleich ich's nicht begreife, doch ich wußt' es: Das ist der Tod. Der ist Musik geworden, gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend, verwandt der tiefsten Schwermut. Aber seltsam! Ein Namenloses Heimweh weinte lautlos in meiner Seele -nach dein Leben, weinte wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff mit gelben Riefensegeln gegen Wend auf dunkelblauem Wasser an der Stadt, der Vaterstadt voriiberfährt. Da sieht er die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht den Dust der Fliederbüsche, sieht sich selber ' ein Kind am Äser stehn, mit Kindesaugen, dis ängstlich sind und weinen wollen, sieht durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer — Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter, auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend mit gelben, fremdMfvrmten Riesensegeln. Merrfchheit und Jugend. Bon Friedrich Freksa. Jung sein ist eine Gabe der Natur, jung bleiben eine Gabe der Vernunft gegen sich selbst. Wenn also gefragt wird: .Wird die Menschheit jünger?" so lautet die Frage: „Hat sich die Der- rnrnft der Menschen gegen sich selbst in der Lebensführung gesteigert? Haben sie die Mittel gewonnen, die Jugendkräfte zu erhalten und zu vermehren? Denn ein jeder Einzelne, der geboren wird, besitzt mit ein Maß seiner Kraft. Allerdings ist eS nicht ein Maß von einer Million Krafteinheiten, die Punkt um Punkt ausgegeben und verschwendet werden können. Der Mensch ähnelt darin etwa einer Akkumulatorenbatterie, die zwar sich erschöpfen kann, aber auch die Möglichkeit besitzt, wieder geladen zu werden. Wir sind nie dieselben. Es ist wohl gesagt worden, daß nach sieben Jahren unser Körper auch die kleinste Zelle ausgetauscht habe, aber rein biologisch stimmt auch das nicht. Wir besitzen nämlich die biologischen ewigen Zellen, die etwa von den Lenden hinauf bis ins Hirn reichen und im Laufe der Jahre auf ein Drittel zusamm enschmelze n, die der Mensch in seiner Jugend mitgebracht hat. Diese eigentlichen Gnergiespender werden verbraucht, und sinkt ihre Zahl unter eine bestimmte, zum Leben notwendige Ziffer herunter, ist der Mensch ausgelebt. Alle anderen Zellen des Körpers erneuern sich, nur diese sogenannten „einigen" begleiten uns von der Geburt zum Tode. Diese „ ewigen" Zellen können vernichtet werden durch Selbstvergiftung des Körpers. Solche werden herbeigeführt durch ileber- anstrsngungen jeder Art. Es ist mit Recht behauptet worden, daß die ganz großen Arbeiter im Grunde ihres Daseins Faulpelze seien. Das klingt absurd, aber bedeutet biologisch: Willen zur Lebenserhaltung. Darwin, der ein gewaltiges Lebenswerk hinterlasien hat, und trotz seines mächtigen Körpers sehr starken Krankßeitszufällen ausgesetzt war, behauptete von sich, er hätte an jedem Tag nur zwei Stunden geschafft. Cs ist bei Künstlern bekannt, daß sie monatelang faulenzen, um dann in eine Periode der Arbeitswut hineinzugeraten. Ein Arbeitsriefe unserer Zest, Ford, ist nach eigenem Geständnis ein Mann gewesen, der die väterliche Farmarbeit gehaßt hat, und heute mit nachträglicher Befriedigung des gerechtfertigten Faulpelzes feststellt, daß die ganze Farmaröeit mit seinen Maschinen in sechsundzwanzig Tagen zu leisten seil Hier Haben wir bereits ein Gesetz für die schön« Fähigkeit, jung zu bleiben, es lautet: „Rasten, ruhen, faulenzen zur rechten Zeit!" # Wenn wir nun die Geschichte der Menschheit, von der wir mit Sicherheit nur karge fünf Jahrtausende überblicken können, betrachten, so sehen wir dasselbe Bild immer und in allen Zeiten. Die Fronenden, die Handarbeiter, die übermäßig gebärenden Frauen altern schnell. Der Mensch, der mit seinem Geist und feinem Willen die Arbeit anderes lenkt, hat die Möglichkeit zur Aast, zur Pflege und bleibt länger jung. Es sei denn, daß er den Fchler begeht, sich zu überessen, älebermäßige Nahrungszufuhr belastet den Leib ebenso sehr wie übertrieben starke Schwerarbeit. Alle großen geistigen Arbeiter neigen erfahrungsgemäß zum vielen Essen. Es ist diese bekannt von Friedrich dem Großen, Napoleon, Goethe, Schopenhauer. Allerdings haben diese großen Verbraucher Nahrungszufuhr nötig, weil sie viel Kräfte abgeb.en. Die Ernährung spielt also neben der Aast auch eine gewaltige Rolle. Sie ist dem Leben genau anzupassen, und alle jenen großen Bäder, in denen Dev- jüngungskuren vor sich gehen, wie zum Beispiel Marienbad, Karlsbad ufw. beruhen auf einem schlauen Fastsystem. In der alten Zeit mußten viel mehr menschliche Kräfte auf die Handarbeit verwandt werden. Infolgedessen alterten große Massen des Dolles schn-ller als die bevorrechtigte obere Schicht. In allen Imperien von Aegypten, dem Zweistromland, über das mazedonische Weltreich bis zum Römischen hinüber, weiter in unsere Zeit, über die deutsche Kaiserherrlichkeit, die spanische Weltherrschaft bis zur englischen, finden wir immer wieder die höchstgdchteten Menschenezcemplare in den Ländern, die über die größten Massen herrschen, die Millionen ausbeuten. Wenn heute der englische Menschenthpus noch immer ein vorbildlicher ist, so beruht bas auf der zweihundert Jahre langen Herrschaft der Engländer über Weltteile und über Millionen von Menschen, die ausgenutzt wurden. Dies schaffte dem Jnselvolke den Komfort, die Behaglichkeit, die Zeit zum Sport, zur Bewegung, das Ausspannen, die Aast und die angemessene Ernährung. Der John Bull des „Punch", der aus den fünfziger, sechziger Jahren stammt, deckte sich mit der Vorstellung jenes breiten, behaglichen, englischen Lebeirstypus. So sahen die Engländer sich selbst. Würde man heute einen Vertreter dieser Rasse karikieren wollen, so würde ein ganz anderer Mensch herauskommen: Nicht der mit einem Bauche behaftete, stämmige Mann, der viel Aehnlichkeit mit unserem guten Onkel Bräsig hat, sondern ein sehniger, schlanker, fast hagerer Mensch voller Schwung und lebendiger Muskulatur. DiAes Wunder der Massenverjüngung wurde hervorgebracht durch die Arrsnutzung der maschinellen Kräfte. Wenn wir heute berechnen, wie viele Menschenkräfte in einem Lande sind, und daneben die Zahl der Menschenkräfte setzen würden, so würden wir erstaunen, wie viel Pferdekräfte heute für den einzelnen Menschen arbeiten. And diese Maschinenkräfte bedeuten Entlastung, Versorgung, Komfort, eine Lebensmöglichkeit, die Gelegenheit gibt zur Rast und zur Freude. Demi dieser feinste, seelische Moment darf nicht vergessen werden als eine Hauptguelle der Verjüngung. Nicht die Rast allein schafft neuen Lebensmut. Man muß sich Euphorien einver» leiben, Freudsnträger, um seelische Widerstandskräfte zu getont» neu. Es ist eine alte Erfahrung, daß nichts die geschäftliche Tüchtigkeit eines Mannes so sehr schwächt wie häuslicher Gram, während nichts so steigert, und über Lebensgefahr hinweghilft, wie häusliche Freude. Lllles andere wird für dieses stärkste Moment immer nur einen Ersatz bilden. So sind Kinder gebärende inti> liebende Völler stets jünger als solche, bei denen die Kinder als Last empfunden werden. Freilich müssen sich die Geburten im Verhältnis zur Ernährungssähigkeit bewegen. Immerhin, wenn die Mütter von körperlicher Arbeit frei bleiben können, werden sie durch Geburten eher verjüngt als gealtert. Erst die körperliche Arbeit der Mutter bringt sie um die Möglichkeit, nach der Geburt wieder aufzuleben. Das Land, in deut die Jugend vielleicht die größte Dolle spielt, ist Amerika. Dort ist es dem gealtert aussehendsn Menschen fast unmöglich, eine Stellung zu erhalten, denn der Amerikaner bezahlt junge, lebendige Kraft. Wer im Lebenskampf steht, muß Stärke und Jugend verkörpern. Daher konnnt es, daß die Männer Gesichtsmassage treiben, daß sie schon: im Aussehen nach Verjüngung strebwn Die Amerikanerin ist diesem männlichen Vorbilde gefolgt. Sie war die Erste, die sich die langen Haare abschnitt und so einen jüngeren Typus erzeugte. Der Krieg hat das De- dürfnis der Männer nach Jugend gesteigert. Das Zarte imb Verbrechliche wurde geschätzt im Gegensatz zu der Rauheit des Krieges. Lind so allmählich erstand der knabenhafte Weibtypus, der heute 'Wert und Geltung hat. Auf diesen Typus ziehen sich die Frauen zurück, selbst wenn sie fünfzig Jahre alt sind. Im achtzehnten Jahrhundert suchten die vornehmen Frauen ihr Alter dadurch auszugleichen, daß sie sich gleichmässig mit der weihen Perücke bedeckten, unter der die Jugend doppelt frisch erscheint. Damals hatte der alte Kopf seinen 'Wert, denn der Geist stand hoch im Preise, und nur eine bestimmte Lebenserfahrung konnte den gesellschaftlichen Witz zeitigen, den dies Jahrhundert der klugen Köpfe verlangte. Heute ist die Jugendkraft an sich ein Mert geworden. Die rein mütterliche Frau, die noch ein Rubens verherrlichte, und die noch im Deutschland der nachsiebziger Jahre prangte (siehe das Germaniadenkmal auf dem Riederwald), dieser mütterliche Typus ist dem des Lebens- kameraden gewichen. Die Frau will als zarter Kämpfer neben dem Mann stehen. Es ist sehr reizvoll, zu beobachten, wie die Mode in den letzten silnsz-g Jahren allmählich den älebergang vom mütterlichen Typus der Frau zu dem bubenhaften vollzogen hat. Sehen wir noch um siebzig die Krinoline, so weicht sie bald der neuen englischen Bekleidung von Bluse und Rock. Roch haben wir den langen Rock, aber der futzfreie des Wankerkostüms erscheint sehr bald. Sie Bluse zwingt noch einmal zur Ausschweifung der Keulenärmel, bald aber schwinden auch diese. Der Kimonoärmel kommt, der halbnackte Arm triumphiert und weicht im Gesellschaftskleid dem ganz nackten. Run hat sich die Frau im Typus so verändert, daß sie Rücken und Brust unbekümniert zeigt. Die Röcke werden kürzer, das schöne, pagenhafte Dein triumphiert, der Gegensatz zu den: anderen Frauentypus springt in die Augen. Aber schauen wir in die Jahrhunderte zurück. Die vornehme Oberschicht hat schon des Oefteren dies Ideal begehrt. Wir finden es bei den edlen ägyptischen Mädchen, wir finden es in den! Funden auf Kreta, wir finden in der Frührenaissance von Florenz eine ähnliche Sehnsucht. Auch in den achtziger Jahren wird schon die Frau als Kameradin einmal vorweg genommen, in der Zeit, da eifrige Emanzipation den Tituskopf zeigte. Aber das Gröhe unseres Zeitalters besteht darin, dah nicht die Oberschicht allein den jugendlichen Menschen möglichst lange zu bewahren trachtet. Gröhere Volksschichten vermögen es, weil die Lebensführung sorgloser geworden ist, da das Arbeiten nicht mehr Sklaven und Taglöhner schasst, wie zu jener Zeit, da Dickens sein London schilderte, da Marr aus Anschauung der englischen Kinderarbeit fein kommunistisches Manifest schrieb. Wir leben in einer Zeit, da eiserne Knechte für uns die härteste und schwierigste Arbeit tun, und selbst der Bauer heute Elektrizität und Maschinen hat. Die Landarbeit wird zur Industrie, die Landschaft verstädtert. Große Werte werden in Frage gestellt, aber die Menschheit wird jünger, rüstiger im Kopf und befähigt, längere Zeit zu leben. Tobacco. Rach den Zeugnissen des Elisabethanischen Dramas. Von Wilhelm Holzhansen. Im Zeitalter Elisabeths beginnt zum ersten Male die Einfuhr und Verbreitung überseeischer Erzeugnisse in bedeutsamer Weise auf das Privatleben breiter Schichten des englischen Volkes einzuwitten. Keines aber jener Produkte hat damals eigenartiger und stärker die Sitte und das gesellige Leben des englischen Bürgers beeinflußt, als der Tabak; um keines ist ein leidenschaftlicherer Kampf der Meinungen entbrannt, als um dieses fremdländische Genußmittel, und seine englische Frühgeschichte ist um so beachtenswerter, als das Tabakrauchen zunächst in England heimisch wurde und sich von hier aus über Europa verbreitete. In einer umfangreichen Literatur sittengeschichtlicher Schilderungen und Streitschriften wird vor und nach 1600 das Für und Wider des Tobakgenusses in England ausgefochten. Nirgends aber findet es drastischeren Ausdruck als in jener einzigartigen Fülle dramatischer Produktion, die man nach dem Namen der großen englischen Königin zu benennen und über ihren Tod hinaus bis zur Schließung der Londoner Bühnen 1642 zu rechnen pflegt. Das Elisabethanische Drama ist der getreueste Sittenspiegel seiner Zeit. Es ist das Sprachrohr der öffentlichen Meinung, die es derb und ungeschminkt zu Wort kommen läßt, und nach seinen bisher kaum beachteten Zeugnissen seien hier die Ansichten verzeichnet, die sich um die Wende des 16. Jahrhunderts an Herkunft, Art und Wirkungen des „indischen Krautes" knüpften und von den Londoner Bühnen herab unter Tausende von Zuhörern verbreitet wurden. Neber die Herkunft des Tabaks und des Tabakgenusses, über bie indianischen Lehrmeister und die Ausbreitung der Rauchsikte wurde der Elisabethanische Theaterbesucher bei der Aufführung von Komkins' „Lingua" gar anschaulich unterrichtet. Hier tritt Tobacco in Begleitung seines Dolmetschers Ol° faclus als mächtig qualmender und sehr vornehmer Indianer- fürst auf. Er trägt einen Ämhang, Rindenschuhe, einen Kranz indischer Blätter um den Hals, auf dem Kopfe ein bemaltes Geflecht, das mit Pfeifen besetzt ist und mit Tabakblättern, die Federn gleichen. Arme und Hals sind braun und bloß, das drrnkke Antlitz ist mit blauen Streifen bemalt, und die Nase ist mit Schweinshauern geziert. Tobacco wird von zwei nackten Jn- dianerknaben geführt, die Kerzen, Tabakskästen und brennende Pfeifen tragen. Em starker Dust kündet von weitem feine Ankunft an. Olfactus, der das westindische Kauderwelsch des fremden Gastes übersetzt, stellt ihn mit den Worten vor: „Es ist der große und mächttge Gott des Tabaks." Neber die Götterverwandtschaft des Gewaltigen weiß er auch zu berichten; er nennt ihn: „Sohn des Gottes Vulkan und der Dellus, Blutsverwandten des Vaters aller Freude, genannt Bachus." Herrschaftssitz, Macht wnb Siegeslauf des großen Groberers kündet der lapidare Satz: „Dies ist der mächtige Kaiser Tobacco, König von Trini- dado, das, indem es erobert wurde, Alleuropa eroberte und zwang, Tribut für feinen Rauch zu entrichten." Aus einem anderen Stücke, aus Ben Jonsons prächtigem Lustspiele „Every Man in bis Humour“, erfahren wir, aus welchem Anlasse die ersten Amerikafahrer, die Seeleute und Siedler, sich an den Genuß des tnelbetounberten fremdländischen Krautes hielten, und arrs welchen Gründen sie es besonders schätzten. Notwendigkeiten, Hunger und Entbehrungen, trieben sie, das Genußmittel zu versuchen, und warben dem Tabak seine eifrigsten Mrsprecher. Eaptain Bobadill, eine der bestgezeichnetsten Figuren aus Jonsons Feder, ein großmäuliger Geselle, der stark übertreibt, dem man nicht alles glauben darf, und der hier sicher nur anderer Leute Geschichten und Erfahrungen erzählt, tritt in dem genannten Stücke in der Rolle eines jener weitgefahvenen, wackeren ersten Tabaksfreunde auf; einem dumm- biederen Bäuerlein wartet er mit den folgenden Erlebnissen und Lobpreisungen seines „Trinidado" auf: „Herr, glaubt mir; denn, bei meinem Ansehen, was ich Euch erzähle, die ganze Welt soll's nicht widerlegen können! Ich bin in Indien gewesen, wo dieses Kraut wächst, wo weder ich noch ein Dutzend vornehmer Herren meiner Bildung dazu für den Zeitraum von einundzwanzig Wochen irgendein anderes Nahrungsmittel hier auf Erden zu schmecken bekamen als einzig nur den Rauch dieses Heilkrautes. Drum, es kann nicht anders sein, als dah es überaus göttlich ist." Danrit haben wir schon eine der hauptsächlichsten Wirkungen keimen gelernt, die man schon früh dem Genüsse des Tabaks zuschreibt und über die schlichter und ohne Bobadills äleber- treibungen La-poope in Beaumont-FletcherS „The Honest Man’s Fortune“ berichtet, der drei Tage lang sich von Tabaksblättern „aüs (Mangel an anderen Lebensmitteln" nährt. Aber über mannigfache weitere Wirkungen gibt das Elisabethanische Drama ausführliche Kunde. Die Tabaksfreunde mögen zunächst zu Wort kommen. Arsula aus Jonsons „Bartholomew Fair“, die zwar keine Dame ist, mag den Vortritt haben, Sie verkauft in ihrer Jahrmarktbude geröstete Spanferkel und weiß bei ihrem warmen Geschäft nebst ihrem Gläschen Bier die stimulierende Wirkung eines Pfeifchens Tabaks gar sehr zu schätzen. Einem Balladensänger, der seinen Beruf hauptsächlich als Helferdienst für die Taschendiebe betreibt, trinkt sie mit den Worten zu: „Ich kann Leib und Seele höchstens nur hiermit — dein Wohl Nachtigall! — und einem Zug Dabaksaualm zusammenhalten.“ 2n anderen Stücken wird mit gewichtigeren, oft recht gelehrten Ausdrücken auf die guten Wirkungen des Tabaks hingewiesen. Gr wird als Mittel gegen Rheumatismus und als Pur- gativ geschätzt. „Wie's das Rheuma niederzwingt“, und „es ist äußerst kräftig und — um einen Vergleich zu gebrauchen — geisterhaft; denn, wahrhaftig, es spukt an verschiedenen Plätzen," äußert sich ein Raucher nach einigen Zügen an der Pfeife in Beaumont-Fletchers „Scornful Lady". Als „Austreiber von Katarrhen, Derbanner aller Schmerzen“ wird Tobacco von seinem Freunde Olfactus in „Lingua“ gerühmt. In einer langen Rede, die, wie einer der Zuhörer sagt, sich „leidlich gut im Munde eines Tabakhändlers gemacht hätte“, schildert Bobadill, den wir schon einmal zu Wort kommen ließen, die Vorzüge seines geliebten Krautes, das ein Gegengift ersten Ranges sei und unvergleichbar wider alle möglichen Leiden helfe: „es ist ein derartiges Gegenmittel, daß, wenn ihr auch die aller- tödlichste Giftpflanze ganz Italiens zu euch genommen hättet, es diese austreiben und euch reinigen würde, und zwar mit der gleichen Leichtigkeit, mit der ich spreche. Änd gegen die „Grüne Wunde“ sind euer Balsamskraut und eure Sankt Johns - Wurzel nichts als Trug und Plunder im Vergleich mit ihm. besonders aber dem Trinidado; Nicottana ist gleichfalls gut. Noch könnte ich aufzählen, was ich von seiner Wirksamkeit hinsichtlich der Austreibung von Rheumatismen, Wundslüssen, un- verdauten Stoffen, Verstopfungen und tausend anderer derartiger Leiden weiß; jedoch ich bin kein Quacksalber. Rur soviel, beim Herkules, sage ich: ich halte dafür und will es vor jedem Fürste.', in Europa versichern, daß es das allerherrlichste und kostbarste - 39 - Kraut ist, dos jemals Re Erde zum Gebrauch des Mensches spendete." Als kosmetisches Mittel wird der Labak in anderen Zu- fammenhängen erwähnt. Er ist »die süße Salbe wider saure Zähne" und dient dazu, die Ranzigkeit eines üblen Atems zu verbergen und zu verderben. Auch seine Wirkung auf den Geist wird hervorgehoben. Gr gehört zu den starken Wohlgerüchen — „perfumes of force“ —. die der Geruchssinn dem „Rachbar Hirn" vermittelt; „der einzige Geruch, der in Frage kommt", wird er genannt, und seine Eignungen sind: „den Kopf zu reinigen, die Phantasie zu erhellen, den Verstand zu verfeinern, die Erfindungsgabe zu schärfen und das Gedächtnis zu klären". Tabak vertreibt die Melancholie; dem Schwermütigen wird ein Pfeifchen angebvten. Tabak belebt die Geselligkeit, bindet die Freundschaft und vertreibt die Zeit. Olfactus rn Tomkins' »Lingua" nennt ihn mit schöneren Worten „den festen Knoten guter Kameradschaft", und „den schnellen Wind, der die Flügel der Zeit breitet". Von niemand sei er gehaßt als von denen, die ihn nicht kennen und seine Vorzüge seien so groß, dah, wer je feine Bekanntschaft machte, kaum von ihm lassen könnte. Aber auch über die schädlichen Wirkungen des Tabakgenusfes wird im Elisabethanischen Drama gar inancherlei berichtet. Richt nur seine Gegner wissen über den Tabak, der „der erklärte Feind der Aerzte" ist, Llebles zu sagen; auch seine Liebhaber zeugen manchmal wider ihn. So, wenn ein Tabaksfveund den anderen ftagt: „Habt ihr Tabak gern?" und dieser antwortet: „Sicherlich ich habe ihn gern, doch er hat mich nicht gern," oder wenn ein anderer Raucher auf die Frage, welcher Umstand ihn zu einem einsamen Spaziergange an entlegenem Orte brachte, mit dein eilfertigen Bescheide dient: „Wahrhaftig, Signor, nichts als das Rheuma. 2kH habe hier in dm: Aähe eine -Unze Tabak mit einen! Herrn geraucht und bin gekommen, privatissime auf dem Paulsplatz zu spucken. Grüß Gott, Herri“ In einem Stücke G. Ehapmans ist einer bereit, darauf zu schwören, daß ihm nach Festlichkeiten, bei denen die Pfeife in Brand gesetzt wird und bei denen es eine „wilde 'Ballade" zu hören gibt, noch „eine ganze Woche nachher" der Kopf summt. Ganz anders als diese verschämten Geständnisse aus Raucherkreisen klingen natürlich die scharfen Anklagen des erklärten! Tabakfeindes. Richter Overdo im Johnsons „Bartholomew Fair“ ist ihr beschlagenster und eifrigster Vertreter. In einer Vermummung besucht er den Jahrmarkt und wettert vor der Bude der Höckerin Ursula, die in schwarzen Pfannen Ferkel röstet und selbst Tabak raucht, ihn zudem verfälscht und verkauft, wider das „lvhfarbene -Unkraut Tobacco", „dessen Farbe wie die des Indianers ist, der es verkauft". Gr wirft die Frage nach der Ursache seiner Giftigkeit auf und weiß sie mit gelehrtem Rüstzeug zu beantworten, wenn er wie folgt spricht: „äind wer kann sagen, ob ihn nicht vor der Ernte und seiner Zubereitung der Alligator mit seinem Harne näßte? — Das schleichende Gift dieser schlauem Schlange kann, wie einige Schreiber kürzlich bestätigten, weder durch das Abschneiden der gefährlichen Pflanze, noch durch ihr Trocknen, Anzünden oder Verbrennen in irgendeiner Weife entfernt oder gemildert werden.“ Auf. diese Vergiftung, die der Tabak schon in seiner Heimat erfährt, führt Overdo alle seine schädlichen Wirkungen zurück: „Daher kommt es, daß die Lunge des Tabakhändlers verfault erscheint, die Leber befleckt, das Hirn verräuchert wie die Rückseite von der Bude der Ferkelsrau hier und der ganze Körper innen so schwarz wie ihre Pfanne, die ihr eben jetzt hie« außen saht." Ein einfacher Mann, der Wasserträger Sob in Johnsons „Every Man in his Humour“, weiß noch über schrecklichere Wirkungen dieses „schurkischen Tobaccos" zu berichten, der „wenig besser als Rattengift" fei: „Es taugt zu nichts, als einen Menschen zu ersticken, mit Rauch zu erfüllen und mit glühender Asche. Vier starben daran in einem einzigen Hause letzte Woche, und für zwei andere läutete gestern abend die Glocke. Einer von ihnen, sagt man, wird nimmer davon kommen; er warf gestern nach oben und unten einen Scheffel Ruß aus." Aber auch über dem, der mit Tabak handelt, schwebt das gleiche Verhängnis. Früher oder später trifft ihn der Tod als Folge seines-Umganges mit dem fündigen Kraute. Das erfahren wir in Middleton-Rorleps Lustspiel „X Fair Quarzel", aus der Grabinschrift, die ein boshafter Kunde seinem Tabakshändler setzen will. Diese soll nämlich lauten: „Hier drinnen liegt, zur Fäulnis kühl gelegt, der glühheiß rauchend jüngst sich noch geregt. Man sagt, daß er durch Puddingtabak starb, Daß ihn der „Stock", nein „Roll", „Ball", „Leaf" verdarb, und einte sich, daß seltsam war sein Tod: Vom Rauche lebend, starb er doch aus Rot an Luft. Drauf hat der Arzt es kundgemacht: Die Glut der Pfeife hat ihn umgebracht." Aber nicht mir der Leib, auch die Seele wird durch den Zabaksgenuß verdorben; und heben die einen, wie wir Horen konnten, hervor, wie dieser zu einer feineren, geistig gehobenerenj Geselligkeit führt, so schreiben ihm die anderen zu, daß er die gute Lebensart verdirbt, und dah die schlimmsten Sittenauswüchse in sein Schuldbuch zu verzeichnen sind. In Tomkins' „Lingua" wird das sonst überschwengliche Lob Tobaccos starr dadurch eingeschränkt, daß er „der Genius aller Prahlhälse" genannt tvird. -Und Richter Overdo, der wackere Kämpe, läßt sich noch eindringliche hören: „Doch tvas rede ich von den Krankheiten des Leibes, ihr Jahrmarktsfreunde? — Hört, o ihr Söhne und Töchter von Smiethsield, und laßt euch sagen, welche Schädigung er dem Geist bereitet! Er verursacht Schwören, er verursacht Großmäuligkeit, er verursacht Schnüffeln und Schnarchen und bald da und bald dort irgendeinen Schaden." An Zank um dStreit, die in eine Prügelei ausarten, knüpft er die Belehrung an: „Dies sind die Früchte vom Flaschenbier und vom Tobacco. Der Schaum des einen und der Dampf des andern! Bleib' junger Mann, und verschmähe nicht die Weisheit dieser spärlichen Haare, die in Sorge um dich grau geworden sind.“ So schallt im Elisabethanischen Drama der Kampf um den Tabak wider, und wie in der Wirklichkeit eifern auch im Drama die Tabaksgegner vergeblich. Richter Overdo und Wasserträger Eob, die hier friedlich zu Wort kamen, beziehen beide in ihrem engeren Zuhörerkreise Prügel. Der eine, weil er verdächtig erscheint, durch seine Reden die Aufmerksamkeit vom dunklen Handwerk der Taschendiebe ablenken zu wollen, der andere, weil er cs wagt, Männer von Lebensart zu belehren. Die Marktfrauen und Taschendiebe schmauchen ihr Pfeifchen; der Mann von Welt raucht und hat zu rauchen. Das gesellschaftliche Leben steht im Zeichen des TabaK, und ungefähr zur gleichen Zeit, als Jakob I. sich mit seiner geharnischten Epistel „A Counterblaste to Tobacco“ auf die Seite der Tabakswidersacher stellt, läßt der Verfasser von „Lingua" den geschmähten „Tobacco" als vornehmen Jndianerfürsten auf der Bühne auftreten und den Siegeslauf des großen Eroberers künden. In dem Lustspiel eines unbekannten Verfassers aber fällt der so überaus charatteristische Ausdruck, der in treffender Kürze die Herrschaft des neuen Rauschmittels und der neuen Sitte preist: „There is no fire in England like your Trinidado sack!" Des Vetters Eckfenster. Von G. T. A Hoffmann. (Schluß.) Der Vetter. Die Ratur hatte int Sinn, aus meinem kleinen Kohlenbrenner eine riesenhafte Figur von etwa sieben Fuß zu bilden, beim dieses zeigen die kolossalen Hände und Füße, beinahe die größten, die ich in meinem Leben gesehen. Dieser kleine Kerl, mit einem grohkragigen Mäntelchen bekleidet, eine wunderliche Pelzmütze auf dem Haupte, ist in steter, rastloser Unruhe; mit einer unangenehmen Beweglichkeit hüpft und trippelt er hin und her, ist bald hier, bald dort und müht- sich, den Liebenswürdigkeiten, den Scharmanten, den primo amoroso des Marktes zu spielen. Kein Frauenzimmer, gehört sie nicht geradehin zum vornehmeren Stande, läßt er voiübergehen, ohne ihm nachzutrippeln und mit ganz unnachahmlichen Stellungen, Gebärden und Grimassen Süßigkeiten auszustohen, die nun frei» lich int Geschmack der Kohlenbrenner sein mögen. Zuweilen treibt er die Galanterie so weit, dah er im Gespräch den Arm sanft um die Hüften des Mädchens schlingt und, die Mütze in der Hand, der Schönheit huldigt, oder ihr seine Ritterdienste anbietet. Merkwürdig genug, dah die Mädchen sich nicht allein das gefallen lassen, sondern überdem dem kleinen -Ungetüm freundlich zunicken und seine Galanterien überhaupt gar gerne zu haben scheinen. Dieser kleine Kerl ist gewiß mit einer reichen Dosis von natürlichem Mutterwitz, dem entschiedenen Talent fürs Possierliche und der Kraft, es darzustellen, begabt. Gr ist der Pagliasso, der Tausendsasa, der Allerweltskerl in der ganzen Gegend, die den Wald umschließt, wo er hauset: ohne ihn kann keine Kindtaufe, kein Hochzeitsfchmaus, kein Tanz im Kruge, kein Gelag bestehen; man freuet sich auf seine Späße, und belacht sie das ganze Jahr hindurch Der Rest der Familie besteht, da die Kinder und etwanigen Mägde zu Hause gelassen werden, nur noch aus zwei Weibern von robustem Dau und sinsterem, mürrischem Ansehen, wozu fteilich der Kohlenstaub, der sich in den Falten des Gesichts festsetzt, viel beiträgt. Die zärtliche Anhänglichkeit eines großen Spitzes, mit dem die Familie jeden Dissen teilt, den sie während des Marktes selbst genießt, zeigt mir übrigens, dah es in der Köhlerhütte recht ehrlich und patriarchalisch zugehen mag. Der Kleine hat übrigens Riesenkräfte, weshalb die Familie ihn dazu braucht, die verkauften Kohlensäcke den Käufern ins Haus zu schaffen. Ich sah ihn oft von den Weibern mit wohl zehn großen Säcken bepacken, die sie hoch übereinander auf seinen Rücken häuften, und er hüpfte damit fort, als fühle er keine Last. Don hinten sah nun die Figur so toll und abenteuerlich aus, als man nur etwas sehen kann. Natürlicherweise gewahrte man von der werten Figur des Kleinen auch nicht das Allermindefle, sondern bloß einen ungeheueren Kohlensack, dem unten ein paar — 40 Füßchen angewachsen üxtren. Es schien ein fabelhaftes Sier, eine Art märchenhaftes Känguruh über den Markt zu Hüpfen. Ich, Sieh, sieh, Detter! dort an der Kirche entsteht Lärm, Zwei Gemüseweiber sind wahrscheinlich über das leidige Meum oder Tuum in heftigen Streit geraten und scheinen, die Fäuste tn die Seiten gestemmt, sich mit feinen Redensarten zu bedienen. Das Volk läuft zusammen — ein dichter Kreis umschließt die Zankenden — immer stärker imö gellender erheben sich die Stimmen — immer heftiger fechten sie mit den Händen durch die Lüfte — immer näher rücken sie sich auf den Leib — gleich wird es zum Faustkampf kommen — die Polizei macht sich Platz — wie? Plötzlich erblicke ich eine Menge Glanzhüte zwischen den Zornigen — im Augenblick gelingt es den Gevatterinnen, die erhitzten Gemüter zu besänftigen — aus ist der Streit — ohne Hilfe dev Polizei — ruhig kehren die Weiber zu ihren Gemüsekörbew zurück — das Volk, das nur einigemal, wahrscheinlich bei besonders drastischen Momenten des Streits, durch lautes Aufjauchzen seinen Beifall zu erkennen gab, läuft auseinander. Der Vetter, Du bemerkst, lieber Vetter, daß dieses während der ganzen langen Zeit, die wir hier am Fenster zugebracht, der einzige Zank war, der sich auf dem Marit entspann und der lediglich durch das Volk selbst beschwichtigt wurde. Selbst ein ernsterer, bedrohlicherer Zank wird gemeinhin von dem Volke selbst auf diese Weise gedämpft, daß sich alles zwischen die Streitenden drängt und sie auseinanderbringt. Am vorigen Markttage stand zwischen den Fleisch- und Obstbuden ein großer abgelumpter Kerl, von frechem, wildem Ansehen, der mit dem vorübergehenden Fleischerknecht plötzlich in Streit geriet; er führte ohne weiteres mit dem furchtbaren Knüttel, den er wie ein Gewehr über die Schulter gelehnt trug, einen Schlag gegen den Knecht, der diesen unfehlbar zu Boden gestreckt haben würde, wäre er nicht geschickt ausgewichen und in seine Bude gesprungen. Hier bewaffnete er sich aber mit einer gewaltigen Fleischera^t nud wollte Sein Kerl zu Leibe. Alle Aspekten waren dazu da, daß das Ding sich mit Mord und Totschlag endigen und das Kriminalgericht in Tätigkeit gesetzt werden würde. Die Obstfrauen, lauter kräftige und wohlgenährte Gestalten, fanden sich aber verpflichtet, den Fleischerkitecht so liebreich und fest zu umarmen, daß er sich nicht aus der Stelle zu rühren vermochte; er stand da mit hoch empvrgeschwungener Waffe, wie es in jener pathetischen Red: vom rauhen Pyrrhus heißt: „Wie ein gemalter Wütrich und wie parteilos zwischen Kraft und Willen, tat er nichts." älnter- dessen hatten andere Weiber, Bürstenbinder, Stiefelknechtverkäufer usw„ den Kerl umringend, der Polizei Zeit gegönnt, heranzukommen und sich seiner, der mir ein freigelassener Sträfling schien, zu bemächtigen. 3 ch. Also herrscht in der Tat im Volk ein Sinn für die zu erhaltende Ordnung, der nicht anders als für alle sehr ersprießlich wirken kann. Der Vetter, äleberhaupt, mein lieber Vetter, haben mich meine Beobachtungen des Marktes in der Meinung bestärkt, daß mit dem Berliner Volk, seit jener älnglücksperiode, als ein frecher, übermütiger Feind das Land überschwemmte und sich vergebens mühte, den Geist zu unterdrücken, der bald wie eine gewaltsam zusammengedrückte Spiralfeder mit erneuter Kraft empvrsprang, eine merkwürdige Veränderung vorgegangen ist. Mi: einem Wort: das Volk hat an äußerer Sittlichkeit gewonnen; und wenn du dich einmal an einem schönen Sommertage gleich nachmittags nach den Zelten bemühst und die Gesellschaften beobachtest, die sich nach Moabit einschiffen lassen, so wirst du selbst unter gemeinen Mägden und Tagelöhnern ein Streben nach einer gewissen Eourtoisie bemerken, das ganz ergötzlich ist. Es ist der Masse so gegangen, wie dem einzelnen, der viel Reues gesehen, viel äingewvhnliches erfahren, und der mit dem Nil admirari die Geschmeidigkeit der äußern Sitte gewonnen. Sonst war das Berliner Volk roh und brutal; man durfte z. D. als Fremder kaum nach einer Straße, oder nach einem Hause, oder sonst nach etwas fragen, ohne eine grobe, oder verhöhnende Antwort zu erhalten, oder durch falschen Bescheid gefoppt zu werden. Der Berliner Straßenjtmge, der den kleinsten Anlaß, einen etwas auffallenden Anzug, einen lächerlichen Anfall, der jemanden geschah, zu dem abscheulichsten Frevel benutzte, existierte nicht mehr. Denn jene Zigarrenjungen vor den Toren, die „den fidelen Hamburger avec du feu“ ausbieten, diese Galgenstricke, welche ihr Leben in Spandau oder Straußberg, oder, wie noch kürzlich einer von ihrer Rasse, auf dem Schafott endigen, sind keineswegs das, was der eigentliche Berliner Straßenjunge war, der nicht Vagabund, sondern gewöhnlich Lehrbursche bei einem Meister, — «S ist lächerlich zu sagen, — bei aller Gottlosigkeit und Verderbnis, doch ein gewisses Point d'Homreur besaß, und dem es ent gor drolligem Mutterwitz nicht mangelte. 3 ch. O lieber Detter, laß mich dir in aller Geschwindigkeit sagen, wie neulich mich ein solcher fataler Volkswitz tief beschämt hat. 3ch gehe vors Brandenburger Tor und wurde von Charlottenburger Fuhrleuten verfolgt, die mich zum Aufsitzen einladen; einer von ihnen, ein höchstens sechzehn-, siebzehnjähriger 3unge, trieb die älnverschämtheit so weit, daß er mich mit seiner schmutzigen Faust beim Arm packte. „Will ®r mich wohl nicht ansaffen!" fahre ich ihn zoritig an. „Amr, Herr," erwiderte der 3unge ganz gelassen, indem er mich mit seinen stieren Augen! anglotzte, „nun, Herr, warum soll ich Sie denn nicht anfassen; sind Sie vielleicht nicht ehrlich?" Ger Vetter. Haha! dieser Witz ist wirklich einer, aber recht aus der stinkenden Grube der tiefsten Gepravation gestiegen. — Die Witzwörter der Berliner Obstweiber u. a. waren sonst weltberühmt, und man tut ihnen sogar die Ehre an, sie shake- spearisch zu nennen, unerachtet bei näherer Beleuchtung ihre Energie und Originalität nur vorzüglich in der schamlosen Frechheit bestand, womit sie den niederträchtigsten Schmutz als pikante Schüssel auftischten. — Sonst war der Markt der Tummelplatz des Zanks, der Priigeleien, des Betrugs, des Diebstahls, und keine hoirette Frau durfte es wagen, ihren Einkauf selbst besorgen zu wollen, ohne sich der größten ilnbill auszusetzen. Denn! nicht allein, daß das Hökervolk gegen sich selbst mtb alle Welt 3U Felde zog, so gingen noch Menschen ausdrücklich darauf auS, alnruhe zu erregen, und dabei int trüben zu fischen, wie z. D. b-aS auS allen Ecken und Enden der Welt zusammengeworbene Gesindes das damals in den Regimentern steckte. Sieh, lieber Detter, wie jetzt dagegen der Markt das anmutige Bild der Wohlbe- haglichkeit und des sittlichen Friedens darhietet. 3ch weiß, enthusiastische Rigoristen, hhperpatriosische AÄetiker eifern grimmig gegen diesen vermehrten äußern Anstand des Volks, indem sie meinen, daß mit dieser Abgefchliffsnheit der Sitte auch das Volkstümliche abgeschliffen werde und verloren gehe. 3ch meines* teils bin der festen, innigsten äkeberzeugung, daß ein Volk, das sowohl den Einheimischen als den Frentden nicht mit Grobheit oder höhnischer Verachtung, sondern mit höflicher Sitte behandelt, dadurch unmöglich seinen Charakter einbüßen tatst. Mit einem fe&r auffälligen Beispiel, das die Wahrheit meiner Behauptung dartut, würde ich bei jenen Rigoristen gar übel wegkommen. 3ntmer mehr hatte sich das Gedränge vermindert; immer leerer und leerer war der Markt geworden. Die Gemüsever- käuferinnen packten ihre Körbe zum Teil auf herbeigelommene Wagen, zunt Teil schleppten sie sie selbst fort — die Mehlwageit führen ab — die Gärtnerinnen schafften den übriggebliebenetl Blumenvorrat auf großen Schiebkarren fort — geschäftiger zeigte sich die Polizei, alles, und vorzüglich die Wagenreihe in gehöriger Ordnung zu erhalten; diese Ordsrung toäre auch nicht gestört, wenn es nicht hin und wieder einem schis malischen Bauernjungen eingefallen wäre, quer über den Platz, seine eigene neue Behringsstraße zu entdecken, zu verfolgen,' und seinen kühnen Lauf mitten durch die Obstbuden, geradezu nach der Türe der deuffchen Kirche zu richtest. DaS gab denn viel Geschrei und viel Ungemach des zu genialen Wagenlenkers. „Dieser Marit", sprach der Detter, „ist auch jetzt ein treues Abbild des ewig wechselnden Lebens. Rege Tätigkeit, das Bedürfnis des Augenblicks trieb die Mestschemnasse zusammen, in wenigen Augenblicken ist alles bcrö&et, &ic Stimmen, die int wirren Getöse durcheinanderströmten, sind verklungen, und jede verlassene Stelle spricht das schauerliche „Es war!" nur zu lebhaft aus." — ES schlug ein Ähr, der grämliche 3nvalide -trat ins Kabinett und meinte mit verzogenem Gesicht: der Herr möge doch nun endlich das Fenster verlassen und essen, da sonst die aufgetragenert Speisen wieder kalt würden. „'Also hast &u doch Appetit, lieber Detter." fragte ich. „O ja," erwiderte der Detter mit schmerzlichem Lächeln. „Du wirst es gleich sehen." Der 3nvalide rollte ihn istS Zimmer. Die aufgetrageneilt Speisen bestanden in einem mäßigen mit Fleischbrühe gefüllten! Suppenteller, einem in Salz anfrechtgestellten weichgesottenen Ei und einer halben Mundfemmel. „Ein einziger Dissen mehr," sprach der Detter leise und wehmütig, indem er meine Hand brückte, „das kleinste Stückchen des verdaulichsten Fleisches verursacht mir die entsetzlichsten Schmerzen und raubt mir allen Lebensmut und das letzte Fünkchen voü guter Laune, das noch hin und wieder aufglimmen will." 3ch wieS nach dem am Bettschirm befestigten Blatt, indem ich mich dem Detter an die Brust warf «nd Hst heftig an mich drückte. „3a, Detter!" rief er mit einer Stimme, dis «tritt Innerstes durchdrang und es mit herzzerschneidender Wehmut erfüllte, „ja, Detter: Et si male nunc, non olim sic erst!" Armer Detter! Der Abend. Bon 3vseph Freiherrn v. Eich-ernd»rff. Schweigt der Menschen laute Lust: Rauscht die Erde wie in Träumen Wunderbar mit allen Bäumen, Was dem Herzen kaum bewußt, Alte Zeiten, linde Trauer, Und es schweifen lrise Schauer Wetterleuchtend durch die Brust. bchriftleitung: Dr. Frieör. Wilh. Lauge. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Duch- und Steindruckerei, D. Lange, Gießen.