Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1926 Samstag, öen 2. Januar Nummer \ gum neuen Jahr. Von Johann Wolfgang von Goethe. Zwischen dem Alten, Zwischen dem Neuen Hier uns zu freuen. Schenkt uns das Glück, Und das Vergangne Heißt mit Vertrauen Vorwärts zu schauen, Schauen zurück. Stunden der Plage, Leider, sie scheiden Treue von Leiden, Liebe von Lust; Bessere Tage Sammlen uns wieder. Heitere Lieder Stärken die Brust. Leiden und Freuden, Jener verschwundnen, Sind die Derbundnen Fröhlich gedenk. O des Geschickes Seltsamer Windung! Alte Verbindung, Neues Geschenk! Dankt es dem regen, Wogenden Glücke, Dankt dem Geschicke Männiglich Gut, Freut euch des Wechsels Heiterer Triebe, Offener Liebe, Heimlicher Glut! Andere schauen Deckende Falten Aeber dem Alten Traurig und scheu; Aber uns leuchtet Freundliche Treue; wehet, das Neue Findet uns neu. So wie im Tanze Bald sich verschwindet, Wieder sich findet Liebendes Paar; So durch des Lebens Wirrende Beugung Führe die Neigung Ans in das Jahr. Der Kampf zwis en Sonne und Blond. Eine Neujahrsplauderei über den Kalender - von Professor Dr. Paul Kirchberger. (Nachdruck verboten!) Otto Sommerstorff bemerkt einmal in einem launigen Dialektgedicht, daß der Herrgott nach 6cm anstrengenden Schöpfungswerk schon „3’ müad" gewesen sei, als er die Dankbarkeit in die Keele des Menschen pflanzte, so daß diese ein recht verkrüppeltes Gewächs geworden fei. Wäre der Mensch von Natur nicht so undankbar, so würde er sich wohl öfter der großen Gaben erinnern, die er von vergangenen Geschlechtern einfach übernehmen kann, ohne daß er selbst die Hand darum zu rühren oder einen Gedanken zu fassen braucht. Nicht die geringste dieser uns von unfern Vorfahren überlieferten Gaben ist die Sicherheit, mit der wir uns in beliebig großen Zeiträumen zurechtfinden können, mit andern Worten: der Kalender. Alle Völker stimmen darin überein, die sich regelmäßig wiederholenden Vorgänge am Himmel als maßgebend für die Zeitrechnung anzufehen. Aber schon erhebt sich eine große Schwierigkeit. Wir haben zwei auffallende Himmelsrichter, die Sonne und den Mond, und der Kampf darum, welches von ihnen für die Zeiteinteilung des Menschen das entscheidende Wort zu sprechen habe, hat mehr Gedankenarbeit gekostet, als wohl mancher vermuten mag, und ist, wie wir sehen werden, auch heute noch nicht bis sozusagen auf den letzten Jpunkt entschieden. Daß der durch den Auf- und Antergang der Sonne verursachte Tag als wichtigstes Zeitmaß anzusehen ist, darüber find sich alle Völker einig. Aber schon über die ihm unmittelbar übergeordnete Zeiteinheit ist ein viele Jahrhunderte währender Kampf entbrannt. Ans ist freilich das Jahr als Zeitmaß in Fleisch und Blut übergangen. Der Wechsel der Jahreszeiten, die ungleiche Dauer der Tageshelligküt und die verschiedene Stärke der Erwärmung greifen selbst in das Leben dä von der Natur nicht unmittelbar abhängigen Großstädters so entschieden ein, daß es uns etwas befremdlich vorkommt, wenn sich einfachere und demnach von der Natur stärker abhängige Kulturen des Mondwechsels als Zeitmaß bedienen konnten. Der Grund hierfür ist der. daß der Wechsel der Lichtgestalten des stNondes, zumal bei dem meist klaren Himmel südlicher Länder, eine jedermann erkennbare Zeitmarke bietet. Der Mond ist sozusagen der allen Blicken ausgeschlagene Kalender am Himmelszelt. Der Wechsel der Jahreszeiten hingegen, so wichtig er ist, bietet keine so scharfen und unzweifelhaften Einschnitte. Wie wir alle wissen, ist es in einem Jahr „länger Wintev" und vielleicht „später Som'ner" als in einem andern. Wir haben ja unfern gedruckte:! Kalender, an dem wir eine ungewöhnliche Verschiebung der Jahreszeiten gegenüber dem gewöhnlichen Verlauf messen können. Fehlt dieser Maßstab, so sind die Jahreszeit n sozusagen einem Maßstab aus Gummi vergleichbar, der gegri über dem festen Maß des Mondwechsels einen schweren Stand hat. . Trotzdem haben nicht alle Wittelmeervölker den Monat als Zeitmaß benutzt. Die alten Aegypter gaben dem Jahr den Vorrang und begannen ein neues Jahr, wenn der Hauptstern des Großen Hundes,, der Sirius, in der Morgendämmerung sichtbar wurde, was für sie mit dem Beginn der jährlichen Nilüberschwemmung mehr oder weniger genau zusammenfiel. Noch jetzt heißen die Tage, an denen dieser wichtige Stern am Morgenhimmel erscheint, die „Hundstage". Die alten Griechen rechneten nach Monaten; aber da sich natürlich das Jahr wegen seiner Bedeutung für das ganze Leben des Menschen doch nicht ausschalten ließ, so entstand für sie die Frage eines Ausgleichs der beiden Hauptzeitmäße Monat und Jahr. Erschwert war er dadurch, daß das Jahr nicht zwölf, sondern etwa zwölfeindrittel Mondperioden lang ist. Der Athener Methan gab um etwa 400 ix Ehr. eine Negel an, nach der in bestimmtem Wechsel einige Jahre zu zwölf und einige zu dreizehn Monaten gerechnet werden sollten, was sich immer nach neunzehn Jahren wiederholte. Seine Negel gibt in der Tat die Länge des Jahres recht genau wieder und dient noch heute zur Bestimmung der Lage des Osterfestes. Hätten sich auch die Nömer an diese Negel gehalten, so hätte ihr Kalender nicht in solche Anordnung geraten könnn, wie es tatsächlich der Fall war. Es war im alten Rom bekanntlich keine Seltenheit, daß das Jahr um einen Monat länger gezählt wurde, wenn die gerade herrschende Partei etwas länger int Besitz ihrer Aemter bleiben wollte. Man muß sich solche Zustände vor Augen halten, wenn man die Bedeutung der auf Julius Cäsar zurückgehenden Kalenderreform verstehen will; sie war wirklich ein Sieg der Sonne über den Mond. Der. Monat als Zeitmaß wurde verlassen und das Jahr als einzige größere Zeiteinheit eingeführt. Seine Länge war zu SSä1/» Tag bestimmt, indem je drei Jahre zu 365 und das vierte zu 366 Tagen werden sollten. Vom Monat wurde wenig mehr als der Name beibehalten. Mehr als anderthalb Jahrtausende haben die Festsetzungen des nach Julius Cäsar genannten Julianischen Kalenders den Kulturbedürfnissen der abendländischen Menschheit vollauf genügt. Der nächste große Fortschritt im Kalenderwesen betraf freilich nicht den Kampf zwischen Sonne und Mond, sondern vev- besferte nur das Verhältnis der beiden auf die Sonne zurück- gehenden Zeiteinheiten Jahr und Tag. Die Aufgabe, dieses Verhältnis in einer astronomisch genauen, andererseits leicht zu handhabenden und sich dem Zehnersystem unserer Zahlen anschließenden Negel festzulegen, ist dem jetzt allgemein angenommenen Gregorianischen Kalender in einer so restlos vollkommenen Weise gelungen, daß es für mich immer ein ungemein bezeich- nenbeS Kapitel aus der Geschichte der menschlichen Torheit bedeutet, wenn berichtet wird, daß sich einst eine vom Zaren eingesetzte russische astronomische Kommission im Schweiße ihres Angesichts obmühie, eine andere Lösung zu finden als die gregorianische, weil deren restlose Aebernahme der Würde der russischen Kirche widersprochen hätte. Eine bessere Negel als unsere jetzige Schaltregel zu finden, dürfte jedoch unmöglich sein. Ms zur Zeit noch offene Kalenderfragen kann man wohl nur die Möglichkeit bezeichnen, die allerletzten, ohnehin schon <9 ixr * 1 % G — 3 ösfentlichung seines letzten Hauser-Buches ein Mordüberfall verübt, der nie aufgeklärt lverven konnte. Datz der geniale Anselm Feuerbach schon bei Lebzeiten Hausers durch Gift beiseite geschafft worden ist, im Augenblick, da er für Hauser wirken wollte, war seines Sohnes Ludwig, des Philosophen, feste Aeber- zeugung. Henriette Feuerbach soll ein Dokument darüber besessen haben, das ihr von der Grobherzogin Luise von Baden unter bindenden Versprechen abgenommen worden ist. Es handelte sich damals um ein Eintreten der fürstlichen Frau für den lange verkannten großen Maler Anselm Feuerbach dem Henriette, die 2. Frau seines Vaters, mehr als die Liebe einer Mutter weihte. „An jedem Blatt der Geschichte Kaspar Hausers klebt Blut", so hat Jakob Wassermann, der Verfasser des schönsten Hauser- Buches, einmal gesagt. Jetzt eben sind wir, wie es scheint, in eine neue Phase des Kaspar-Hauser-Kampfes eingetreten. Klara Hofer hat im Schlosse Pilsach in der Oberpfalz das mutmaßliche Gefängnis Kaspar Hausers entdeckt und die Ergebnisse ihrer Nachforschungen in einem vielleicht allzusehr gefühlsbetonten, aber vieles Neue bringenden Buche „Kaspar Hauser, das Schicksal einer Seele" zusammengefatzt. Sophie Höch st etter folgte ihren Spuren in ihrem bei I. L. Schräg, Nürnberg, erschienenen Roman „Das Kind von Europa". Von der anderen Seite aber treten nun Hwei grimmige Gegner Kaspar Hausers auf den Plan: Rudolf S t r a tz mit seinem bei August Scherl in Berlin erschienenen „Kaspa^r Hauser. Werernicht war — werer vielleicht war (873), und Hans Sittenberger mit seinem vom Verlag für Kulturpolitik in Berlin herausgegebenen „Kaspar Hauser, der Findling von Rürnberg" (609). Rudolf Stratz sammelt alle alten Anklagen gegen Hauser und läßt dem Leser schließlich nur die Wahl, ob er es mit einem. Schwachsmnrgeni oder Betrüger zu tun gehabt haben will. Freilich ist er selbst offenherzig genug, zuzugeben, „es kann so gewesen fein; es mutz durchaus nicht so gewesen sein, es kann auch ganz anders gewesen sein —“ schließt also mit dem alten Fragezeichm. Sittenbergers ausführliches Buch tut ungefähr das Gleiche. Aber er bringt etwas Reues: Dokumente aus dem Wiener Staatsarchiv, di« freilich nicht geeignet find, das Rätsel seiner Herkunft zu lösen, aber die doch die prinzlichr Herkunft Hausers eher zu bestättgen scheinen und einen bestimmten Verdacht in bezug auf seinen Mörder bekräftigen. So steht die Frage heute: dunkel wie am ersten Tag. And ! dennoch wird sie nicht so bald zur Ruhe kommen. Es scheint, um noch einmal Wassermann zu zitteren, — als habe die gemordete Seele im Grabe keine Ruhe und der Schatten Kcppar Hausers müsse wandeln, bis der Gerechtigkeit Genüge geworden ist... Wie Christen eine Frau gewinnt. Von Jeremias Gotthelf). Vor einem großen Hause saß auf der Dank gegen die Straße eine stattliche Frau und rüstete Bohnen; der Ochse über ihr auf verwettertem Brett zeigte an, daß hier ein Wirtshaus sei und sie wahrscheinlich die Wirttn darin. Das Haus lag hoch, vor ihm in freundlichem Boden ein klein Kirchleim ein heimelig Pfarrhaus in üppigen Bäumen. Darüber weg sah man schone Alpen, und hinter ihnen erhoben die Schneeberge ihre königlichen Häupter; in den königlichen Purpurmantel, den alle Albend neu die Sonne um sie wirft, waren sie gehüllt. Es war em schönes Luegen übers liebliche Land hinweg ins hchre Gebirge. Aber die Wirttn sah es nicht; sie war fleißig hinter ihren Dohnen, sonderte sie gut' di« zarten von den harten, die kleinen von den großen; sie mutzte das im Griff haben, beim es waren dtmkle Wolken auf ihreni Gesichte, schwere Gedanken mußten dahlnter sein, oft seufzte sie tief auf. I Kg kam langsam, mit krummem Rucken, am langen wtad-e ein altes, Keines Weib; auf dem Rücken hatte es eine: Hütte | (Tragkorb), zu oberst am Stabe baumelt« ein großer Bündel I Schwamm; der Wirtin zu lenkte es seine kurzen Deine. „Guten I Abend geb dir Gott, Annil" sprach die Klein« zur Wirtin, die hoch auffuhr bei dem Gruße, denn Bohnen und Gedanken hatten I lhre Sinne gefangen gehalten. „Was erschreckst du mich so, Grit? Aber sei doch Gottwillchen! Kommst vom Himmel oben aben, daß ich dich nicht gemerft, bis du auf mir oben warst? „Den | Weg komme ich, wo andere Wale, antwortete die Kleine, mein wenn ich einmal oben wäre, ich käme nicht wiel^r hin- I unter' Aber so reiche Weiber haben oft gar tiefe Gedanken und I müssen sich fast zu Tode sinnen, wo sie mit dem Gelds hinwvllM, I wohin mit Garn und Flachs. Kisten und Kasten !md voll,, und I in den Sphcher mag auch nichts mehr. Doch was ich habe sagen wollen- manglest etwas, Anni? Schwamm oder Seife oder I Schmöckwasser?" „Muß luege, Grit, ^sagw die Wirtin, „wird I aber nicht so pressieren; komm, sitz ab, wirst doch wgllen hiev über Rächt bleiben?" „Gern," sagte Grit, .aber bei Amri. nicht bei der Wirtin; einen Batzen Schlafgeld vermag ich nicht.^ | »Hnb dir auch noch nie einen gefordert, oder? „Rein, nein, | «Hir entnehmen dies« Novelle der monumentalen neuen I Gesamtausgabe, die der Verlag Eugen 2lentsch m München I in sorgfältiger, würdiger Ausstattung und kritischer Sichtu^ | des Te-ies von dem Werk des Schweizer Dichters veranstaltet. Hauser tobt heute der Streit, erbittert wie nur je zuvor. Ja: I gerade heute scheint eine neue Phase dieses Kampfes ange- I brochen zu sein. Wer war der geheimnisvolle Fremdling, dessen unbekannte | Herkunft, kurzes Leben und dunkles Sterben so vieler Menschen I Gemüter in Aufruhr brachte? Gin Sohn aus prinzlichem Hause, | um sein rechtmäßig Erbe betrogen, — so sagen die einen; ein I Schwachsinniger oder ein Betrüger — so sagen die andern. And. I wenn man den Berichten Glauben schenkt, so war es bis vor ! ganz kurzer Zeit durchaus nicht ungefährlich, für den Findling I einzutreten: plötzlicher Tod ereilte mehr als einmal unbequem« ! Zeugen... Hier soll zunächst, ohne Partei zu ergreifen, der ! Versuch gemacht werden, die kurzen Tatsachen des Lebens von I Kaspar Hauser reden zu lassen. Am Pfingstmontag 1828 tauchte in Nürnberg ein Bursche von I 16 bis 18 Jahren auf, der kaum sprechen konnte, dessen Fußsohlen I weich wie Handflächen waren, der nichts als Wasser und Brot I genießen mochte. Er brachte einen höchst merkwürdigen Geleitbrief an „den H. Rittmeister der 4. Eskadron" mit, worin der 1 ungenannte Schreiber gemütvoller Weise empfahl, den Knaben. | wenn man ihn nicht behalten wollte, „abzuschlagen oder im I Rauchfang aufzuhängen". Allmählich brachte man aus dem I Knaben heraus, daß er sein ganzes bisheriges Leben in einem i lichtlosen Gefängnis verbracht habe. Ein unbekannter — den I „Du" nannte er ihn später — habe ihn gespeist und gereinigt I und ihm in den letzten Wochen ein wenig Lesen und Schreiben | beigebracht. . I Der unbekannte Findling ward zunächst in Nürnberg bei i dem Dichter und Forscher Daumer, später in.Ansbach beim | Lehrer Meyer in Pflege getan und mit den Anfangsgründen I des Schulwissens bekannt gemacht. And es ergab sich dabei die I jedem Kinderkenner vertraute Wahrnehmung, daß di« anfangs | überraschende geistige Entwicklung des fern von aller Kultur I ausgewachsenen Knaben allmählich an Originalität und Reiz I verlor, ja durch den Anterricht fast zum Stillstand kam. Ebenso ! bildeten sich seine durch di« Einsamkeit über menschliches Maß ! geschärften Sinne allmählich zum Durchschnitt zurück. Die Am- i wett bestaunte ihn erst als Waldmenschen, als ein „närrisches i Diibla", wie die Nürnberger ihn nannten. Dann aber beginnt j der Bürgermeister Binder und der geniale Jurist Anselm Feuer- j buch sich seines Schicksals anzunehmen. Ein Ausruf wird erlasfen. I der die gesamte gebildete Welt zur Mithilfe gegen ein „Der- I brechen am Seelenleben" anruft. Von der anderen Seite scheinen geheimnisvolle Feinde sein j Leben zu bedrohen: Im Hause Daumers wird ein Mordanschlag I auf ihn verübt, dem er mit knapper Not entrinnt. Einem zweiten I Mordanschlag ist er im Dezember 1833 im Hofgarten zu Ansbach I zum Opfer gefallen. Dazwischen tritt eine dunkle Gestalt in I sein Leben als Gönner und bald verhätschelnder Pflegevater: ! Lord Stanhope, der heute von den einen für einen Spion, von I den andern für einen unbeschäftigten Müßiggänger gehalten I wird, dem der Jünglingsknabe, wie man ihn nannte, die Lange- I weil« seines Herzens vertreiben sollte. Er zuerst scheint Kaspar | von einer unbekannten fürstlichen Mutter und von seiner zukünftigen Größe erzählt zu haben. Denn dies ist das Merkwürdige: um den unbekannten Findling scharen sich sogleich die I seltsamsten Gerüchte. Alle Menschen, die ihn umgeben, wohl- j oder Übelwollende, liegen ständig auf der Lauer: Woher stammst du, Kaspar? Gib uns das Geheimnis preis, das du uns verbirgst. Erinnere dich... So ist es kein Wunder, wenn der Sinn des Arglosen allmählich von allen diesen Andeuttmgen und Hinweisen gänzlich gefangen genommen wird. Am diese allgemeine Aufregung zu verstehen, diene eine j historische Erinnerung. Das in Baden regierende Fürstenhaus, die Zähringer, war im Anfang« des Jahrhunderts von einem im- teimlichen Geschick verfolgt worden. „Das Sterben der Zährrnger' atte im Zeitraum von 1831 bis 1818 all« männlichen Mitglieder der Familie, drei Erbprinzen, den Markgrafen Friedrich und den Grotzherzog Karl hinweggerafft. Zum Thron« gelangten die Aw kömmlinge aus der zweiten Ehe des Grotzherzogs Karl Friedrich . von Baden, die Kinder der Gräfin Hochberg. Diese Gräfin I Hochberg beschuldigt« das Gerücht, statt des Keinen Erbprinzen ein sterbendes Kind in die Wiege gefegt und jenen Pnnzen (eben Kaspar Hauser) ins Dunkel verbannt zu haben. Selbst ein Jurist toi« Feuerbach, wenn er sich auch nicht auf dies SHlotz- märchen einlätzt, wagt in feiner Kafpar-Hauser-Schrist anzudeuten, daß ein fürstliches Haus besonderes Interesse am Sein oder Nichtsein des ünbefannten habe. Mit dem geheimnisvollen Tode des Nürnberger Findlings beginnt das Kaspar-Hauser-Problem erst ein eigentlich neues inti> gespenstiges Leben zu führen. König Ludwig von Bayern schreibt eine Belohnung von 10 000 Gufeen für die Ergreifung d«S Mörders aus. Amsonst. In deutscher, französischer, englischer und ungarischer Sprache erscheinen Bücher über Kaspar Hauser. And es ist, wie einer feiner neueren Betrachter gesagt hat, keine Literatur, sondern ein Schlachtfeld. Es beginnt ein wütender, jetzt bald hundertjähriger Kampf zweier Geisterheere in den Lüften Nach scheinbarer Ruhe hatte in den siebziger Jahren die Frankfurter Zeitung" für Kaspar Hauser einzutreten versucht. Sogleich setzt« eine geheime, bis auf den heutigen Sag noch wir- kungskräftige Gegenbewegung, aus unbekannten Quellen gefgetft ein. Auf den fast 80jährigen Daumer wurde 1878 vor der Ver- — 2 — spärlichen HebcrreRe arrs der ehemaligen Herrschaft des Mondes über den Kalender zu beseitigen. Daß die oft erörterte Frage der Festlegung des Osterfestes zum Kamps zwischen Doane und Mond gehört, ist ohne weiteres verständlich. Aber auch die jetzige ungleiche Länge der Monate und insbesondere die Kürze des Februar, der im alten römischen Kalender der letzte war und sich infolgedessen mit dem schäbigen Rest des Jahres begnügen mußte, sind lieberrefte der verflossenen Mondherrlichkeit. Die Woche hingegen ist ein Zeitinah, das nur aus den Tag begründet ist und also auf die Sonne zurückgeht. Man hat den Vorschlag gemacht, alle Monate einheitlich zu vier Wochen, also 28 Tagen zu rechnen, so daß auf das Jahr 13 Monate entfielen und der große Vorteil herausspränge, daß für die gleiche Tageszahl immer der gleiche Wochentag herauskäme. Es könnte dann beispielsweise jahraus, jahrein der 1„ 8., 15. und 22. jedes Monats ein Sonntag, der 2., 9., 16., 23. ein Montag sein usw. Der 365. Tag des Jahres würde als „Reujahrstag" aus der Wochen- tagsbezeichnung herausfallen, ebenso wie der alle vier Lahre notwendige Schalttag. Sie würden beide ein für alle Mal wie Sonntage gefeiert. Wenn man bedenkt, daß z. D. bet der Gehalts- Berechnung das Nebeneinander von Wochen- und Monatsgehältern Schwierigkeiten und unnütze Arbeit macht, und ferner wie viele Verabredungen zweideutig werden — auch wenn es sich nicht um zweideutige Zwecke handelt —, weil zerstreuterweiss „Mittwoch, der 6.“ angegeben ist. und man sich nun vergeblich den Kops zerbrechen muh, ob Mittwoch der 7. oder Dienstag der 6. gemeint war, dann wird man solche Anregungen als recht vernünftig bezrichtren müssen. Wie verlautet, soll sich sogar schon der Völkerbund damit beschäftigt haben. Allerdings würde uns ein Jahr zu 13 Monaten für die erste Zeit etwas merkwürdig vorkommen: .toerm aber im neuen Lahr zu 13 Monaten die alten Monatsgehälter ruhig weitergezahlt wiirdqH, so würden sich die Mehrzahl der Menschen ganz sicher gern an die Neuerung gewöhnen. Sonntag nach Neujahr bei Detlev von Liliencron. Von Heinrich Spiero. Die letzten acht Lahre seines Lebens, seit der frühesten Leutnantszeit die ersten von verhältnismäßiger Sorgenfreiheit, verbrachte Detlev von Liliencron in dem Hamburger Vorort Alt-Rahlstedt. Das Dorf mit der schlichten alten Kirche und der allmählich angewachsene bescheidene Villenort waren mit den Vorortzügen der Lübecker Vahn von Hamburg aus in achtzehn Minuteit zu erreichen und lagen trotz solcher Nähe schon in völliger ländlicher Ruhe. Wirklich nur wie „ein dunkel-fahlgelber Kreisausschnitt" tauchte am westlichen Horizont der Lichtschein der Millionenstadt empor und nur Ganz, ganz leise tönt es her! Das gleichmäßige Zerstampftwerden der Menschheit, Das Gemurmel der Welt. Zweimal hat Liliencron in Alt-Rahlstedt die Wohnung gewechselt, bis er schließlich in dem immer noch bescheidenen, aber behaglichen Hause landete, dessen Oberrätime noch heute unangerührt wie am 22. Lull 1909 Werk und Wohnstatt seiner Vcheidejahre bergen. Eignete sich das Haus auch nicht zu großer Geselligkeit, so lag seinem Mieter auch nichts ferner als diese. Nur in gemessenen Abständen kehrten auch nahe und nächste Freunde darin ein und durften wohl nach der Bewirtung und gelegentlich vor einer Vorlesung neuer Poggfredherrlichkeiten an einem Spaziergang durch die tausend Einsamkeiten zwischen Roggenfeld und Hecken teilnehmen. Dabei offenbarte sich in hundert kleinen Zügen die reizende Art Liliencrons, mit alt und jung jedes Gewerbes zu verkehren, und seine außerordentliche Volkstümlichkeit unter dem Landvolk der Gegend. Alljährlich einmal aber, am ersten Sonntag nach Neujahr gab Detlev von Liliencron ein „Diner". Monate hindurch freute er sich auf diesen Tag. Er schrieb etwa schon am 11. Luni mitten zwischen anderen Nachrichten und Anfragen: „Der 13. Januar bleibt! Ich habe eine blödsinnige Freude darauf". Und die Mahnung wurde von Monat zu Monat dringender: „Denkst Du daran, mein tapferer Lagienka, — nämlich an den 6. Januar 1906!!! Lch habe schon 31,04 Mk. gespart zu den Sterlets." Diese 31,04 Mk. waren freilich ein echt Liliencronscher Schnörkel. In Wahrheit brachte er am Sonntag nach dem Schlemmertag hundert Mark auf die Sparkasse und erhob sie erst nach Weihnachten samt den Zinsen zum Zwecke des nächsten Festessens. So konnte er dann mit der letzten Postkarte des Lahres nicht nur die Einladung aufs Eindringlichste wiederholen, sondern auch gleich die Speisenfolge mitteilen, wie ettoa am 30. Dezember 1907: Sonntag: Diner ä quatre, 6 Ähr. Menu: 1. Haifischflossensuppe, 2. Artischocken und Braunschweiger Stangenspargel, 3. Dracino aus dem Adriattschsn Meer (L’Adriatique), 4. Waldschnepfen, 5. Lyoneser Dirnen so groß wie diese Karte, 6. Eis, 7. Der Hundertmarkschein hat dann glatt ein Lahr gelegen und bringt 3 bis 3,60 Zinsen: er wird diesen Sonntag eingelöst. Einmal im Lahr muhhhhhh man doch lustig fein. 1 Die Speisefolge war nicht, wie so oft im Poggsred, nur ein Erzeugnis der Phantasie. Es gab wirklich jedesmal die erlesensten Dinge und besonders solche, die Liliencron schon durch ihren Namen anregten. Einmal z. B. indianische Feuersuppe. Ungenau war aber der Ausdruck „Diner ä quatre“, denn wir waren immer zu sechs: mit dem Dichter und der Baronin, der Erzähler dieser Erinnerung mit seiner Frau und ein drittes Ehepaar. In den ersten Lahren kam der Liliencron lange befreundete Vortragsmeister Adolph Tormin mit feiner Gattin aus Wandsbeck herüber; nachdem et als Dramaturg nach Wiesbaden gegangen war, traten Gustav und Annie Falcke an die leer gewordene Stelle. Das Haus strahlte int Lichterglanz und Liliencron wanderte vom Morgen an zwischen seinem Arbeitszimmer und der Küche hin und her: dem für den Tag angenommenen Koch (et redete ihn Herr Küchenchef oder Herr chef de cuisine an) seine Weisungen zu erteilen. Waren wir barm, die Herren im Frack, ein- getroffen, fo führte er die beiden geladenen Damen zu Tisch, setzte sich an den Kopf der Tafel und machte in feiner unnachahmlichen,_ anmutigen Art den Wirt. Der Rotwein ward aus wunderschönen alten geschliffenen Gläsern getarnten, die noch aus dem väterlichen Hausrat gerettet waren, und Liliencron schenkte sie selbst voll, legte wohl auch den Damen den Spargel selber vor und wat entzückt und gästefroh, als ob er uns in Wirklichkeit im Schloß und nicht in dem bescheidenen Alt-Rahl- stedter Harts bewirtet hätte. Den Schluß des Essens bildete unausweichlich eine Schlags ah nentorte, die Liliencron leidenschaftlich gern aß; er bat, wenn sie angeboten wurde, seine Nachbarinnen fortzusehen, damit sie die Größe seiner Portion nicht abmäßen. Nach dem Kaffee ging es in fein Arbeitszimmer mit den hundert Bildern, dann ward geplaudert und vorgelesen, ein neuer Poggfredgesang oder eine neue Ballade. Fuhren dann die Gäste mit dem vorletzten Zuge heim, so war das letzte Wort unter der Tür die Mahnung an das nächste Lahr, und acht Tage später folgte schon die erste schriftliche Einladung. Als die zwette des Lahres 1909 eintraf, trug ihr Schreiber schon den Todes- teim in sich — dies Festmahl hat nicht mehr stattgefunden. Die sechzehn Lahre feit Liliencrons Heimgang sind an der Wirkung seines Werkes spurlos vorbeigezogsn; seinen Lebensgefährten, wie er gern sagte, ist seine Gestalt seither nur vertrauter. wärmer, immer innigerer Besitz ihres besten Daseins geworden. Und wenn um die Lahreswende der Schnee die Erde deckt, gehen die Gedanken der noch lebenden Teilnehmer jener Januarsonntage in das stille holsteinische Haus hinüber und suchen und finden dort den großen Dichter, den unvergeßbar gütigen Menschen von ganzem Matz in der Wiederkehr heiter gehobener, unbeschwerter Lebettsstunden. Sie hören ihn noch einmal sich selbst zitteren, wie ers mit diesen Versen gern tat: Des Lebens Blume heitzt die Gegenwart. Pflückst du sie nicht, hast du dich selbst genarrt. In seinen Briefen aus den Beamtens ayrtt» aus Schuldendruck und immer erneuter Not leuchtet als ungesuchte Komödienszene ein „Diner" im Wartesaal des Hamburger Dammtorbahn- hofs. Liliencron hat gerade einmal zwei Taler übrig, und nun läßt er sich ein Essen nach seines Herzens Gelüsten servieren. Dabei mutz man sich immer gegenwärtig halten, daß der rein sachliche Genuß nicht das Eigentliche war; vielmehr — die Phantasie des Poggfreddichters sah mit am endlich einmal schön gedeckten Tisch und erhob den Bedrängten und Gehetzten schon durch das Behagen des Augenblicks und das Gefühl jenes Heber» flusses, den nach Conrad Ferdinand Meyers Wort gerade das Herz des Poeten braucht. Da tritt ein zweiter Herr in dm sonst leeren Raum und versteckt sich hinter einer großen Zeitung. Schließlich, da Liliencron gerade bei der echten Nachttschhavana angelangt ist. kann der andere das längst ausgelesene Blatt nicht mehr halten — es ist ein anderer Dichter, Prinz Emil Schönaich-Carolath. Er hat Liliencron erst vor kurzem aus Not und Last geholfen und sich deshalb nicht sehen lassen wollen. Scheußliche Situation! Aber zwei Künstler kommen rasch darüber hinweg, und eine Lagdeinladung Carolaths rückt alles ins Gleiche. Wie haben beide in späteren Erntejahren, in guten Stunden auf Haseldorf über die alte Geschichte gelacht! Und welcher Abstand des einer „Diners" von den anderen! Letzt sah Detlev Liliencron als Hausherr und Gastgeber, die gütige, sorgende Hausfrau an der Seite, unter Freunden am eigenen Tisch, und die Stimmen geliebter Kinder klangen von nebenan herein. Und wieder war das Seelchen Phantasie dabei und aus Alt-Rahlstedt wurde das Schloß des Mäzens — Stätte großer Kunst und eines gütigen, unerschöpflich spendenden Herzens. „Das Kind von Europa". Von Dr. Bertha Badt-Straütz. Zwei Gestalten sprangen in meinen Schultagen aus der pap lernen Langweiligkeit des Geschichtsbuches heraus und führten ein eigenes gespenstisches Leben in meinen Träumen: der Mann mit bet eisernen Maske, der geheimnisvolle Gefangene in der Bastille, und Kaspar Hauser, der Findling von Nürnberg, das Rüttel seines Zeitalters. Ilm den Mann mit der Eisenmaske ist es heute sttll geworden, feit Heinrichs Manns Drama „Madame Legros" zuletzt seinen Schatten herausbeschwor. Aber um Kaspar — 4 — Schriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Univ.-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Dietzen. sagte Grit, „toenn alle Weiber so wären wie du, es wäre noch dabeizusein; aber es sind deren, die alle Tage wüster werden und einem die Haut über den Kopf zögen, wenn sie nicht cm den Zähnen hängen bliebe." „Wo kömmst her?" fragte die Wirtin. „Unten herauf aus den Dörfern," sagte Grit. „Wollte dort noch eine alte Schuld einziehen, haben es verflümert wüst gemacht: denen will ich es eintreiben, hab es ihnen aber auch gesagt, sind erschrockeir, haben mich heißen zurückkommen, aber, was halt Grit gesagt hat, das hat es gesagt." „Haben sie es dir abgeleugnet?" fragte die Wirtin. „Nein, das nicht." sagte Grit: „es ist von wegen einer Heirat gewesen. Das sind wüst, ungereimte Leute, Kult erjoggis sagt man ihnen, aber reich und haben einen einzigen Sohn, es völliges Füll! von Kalberrochiigi (Tölpelhastigkeit). Der hätte heiraten sollen, aber keine hat iAi wollen: wenn ihn eine hat kommen sehen von weitem, so ist sie geflohen oder hat dem Vater gerufen, er solle doch der Gottswille ihr zu Hilfs kommen. Das haben die Leute nicht erleiden mögen: es hat sie fast töten wollen, daß keine ihren Sohn hat wollen. Endlich kommen sie hinter mich, halten mir cm, was sie mögen, dah ich ihm zu einer Frau verhelfe, und versprachen mir vier Kronen. Zwei haben sie gleich auf der Hand gehabt und zwei mir versprochen, wenn die Heirat vorbei sei. Ich habe ungern die Hände darin gehabt; aber was habe ich machen sollen? Unsereiner mutz den Kreuzer nehmen, wo er ihn findet: aber so dumm hätte ich nicht sein sollen, den halben Lohn stehn zu lassen bis nach der Hochzeit: weih man doch, wie es geht, wenn die Leute einmal haben, was sie wollen! Wie hat es der reiche Bauer zuTaubeligen gemacht, als der Habermehler ihm die Dublonen nachgefordert hat, welche er ihm versprochen, wenn er ihm zBest rede bei seiner reichen Frau? Beide Beine hat er ihm krumm geschlagen, daß er ja jetzt noch so wunderlich laufen muß. Aber so geht es einem, wenn man ein gutes Herz hat und meint, allen Leuten helfen zu müssen! Ich wußte ein Mädchen, ein hübsches, nicht das listigste, aber werchüar, und das grusam gern einen Mann gehabt hätte. Es ist alleine bei seiner Großmutter gewesen, die hielt es schrecklich eingeschranket, ließ es nirgends hin: das er- leidete das Mädchen übel, und etwas Dermögen war auch noch da. Hiehin gehe ich, rühme der Großmutter die Leute und den Kerli, dah es mir wahrhaftig manchmal vor den Atem gekommen ist: gewiß nicht bloß für zwei Kronen habe ich gerühmt, sondern für viel Dublonen. Es ist aber auch nötig gewesen, nicht bei dem Mädchen — das ist hoch aufgesprungen vor Freud, wo es gemerkt hat, dah es um einen Mann zu tun sei — aber bei der Großmutter. Die war eine gar mißtraue Frau und lieh das Mädchen ungern von sich, und doch hat sie ihm nicht ganz vor einem Mann sein wollen: die war lang genug in der Welt, um zu wissen, was das kann, wenn man einem Mädchen vor dem Mannen (Heiraten) ist. Die hat grusam gfragt und fein, aber endlich Hai sie sich brichten lassen. Aber wo sie den Kerli gesehen, so wäre beinahe alles in Krebsgang gekommen, er Hai ihr in Gotts liebe heilige Name nicht gefallen wollen, und, was ich da habe müssen reden und rühmen und an die Sache tun, bis sie endlich doch ab Brett gegangen, es glaubt es kein Mensch. Vor vierzehn Tagen war die Hochzeit. Gestern mache ich mich auf den Weg und will das Eingestellte holen: aber wohl, da kam ich wüst an, und zuletzt muhte ich Gott danken, dah ich eine ganze Haut davonbrachte: um die zwei Kronen war ich erfroren. Die Alten haben mir wüst gesagt, was ich ihnen für ein bös Mensch ins Harrs gebracht. Der Bub, wo jetzt ein Mann sein sollte, hat mich prügeln wollen, weil ich ihm ein so dummes Mensch aufgeschwatzt, und sogar die Junge ist mir mit dem Besen nachgelaufen und hat mir alle Schande nachgebrüllt, weil ich schuld sei. daß sie in zwei Wochen schon dreimal geprügelt worden. Und was vermag ich mich doch desseir. warum tut das Bubi nicht witziger? Das ist mein Dank gewesen für soviel Mühe: aber es geschieht mir recht, habe ich doch gewußt, was das für .Unflat find, warum habe ich ihnen getraut und sie nicht gezwungein. mir alle vier Kronen gleich zu geben? Sie hätten es gerne getan, es ist ihnen zu sehr angst gewesen um ein Söhnisweib; aber fo geht es einem, wenn man ein gutes Herz hat. Aber wohl, denen habe ich nicht für zwei, sondern für mehr als hundert Kronen Sachen angewünfcht; das ist der Trost, wo ich habe bei der Sache. Jetzt habe ich mich verredi und verschworen, in solche Dachen habe ich meine Finger nicht mehr: zuerst muh man reden, dah man sich fast ein Gewissen daraus machen muh, und zuletzt bekömmt man nichts dafür als vielleicht noch Schläge." „Ja, ja", sagte die Wirtin, „es gibt heutzutage wüste Leute: aber alle sind doch nicht so. Gottlob! Wo wärest über Nacht?" »Auf den, Kabisgrat. Das sind auch noch gute Leute, bsanderbar brave, wie man sie selten antrifft in dieser bösen Zeit; den armen Leuten gönnen sie die Sache noch, und für fo eine alte Frau, wie ich bin, haben die noch ein Bett und heißen sie nicht in den Stall hinaus, es mag Wetter sein, tote es will und Sommer oder Win» ter. Sie haben es aber auch, einen solchen Hof und Ausgeliehenes, es weih kein Mensch wieviel, und dazu so gar nicht hochmütig, so gmein und niederträchtig mit jedem Menschen, daß es eine rechte Freude ist. Und was die werchsn, man glaubt es nicht, erneu solchen Hof und fast feine fremden Leute!" „ore werden öppe feine haben und behalten können?" sagte die Wirtrn. „Bhütis, was denkst, Anni!" sagte Grit, Leute mehr als genug; sie lausen ihnen fast das Haus ab. Denk doch auch, gute Leute und gutes Essen, wer wollte da nicht gerne fein! L bauptantisch (ausgezeichnet) brav, ich mutz es lagen. Oeppe bet dir und ein paar andere Orte ausgenommen, E man nirgends so M Z'viel ist nicht an die Sache getan ?«* u^rnunskg Anke oder Schmutz (zerlassenes Schweins M,' ""Ht einmal geswrd ist, ist nicht daran, sondern eben recht, aber fie mögen sich die Mühe nehmen, zur Sache zu sehen,, und verstehen es bsunderbar wohl. Das ist' die Haupt- fache. »Die werden oppe nicht viel anders machen als das" »ist »a ^rrtin’-"r1? teen? man einen ganzen Tag dazu nimmt, so ist es wohl möglich, zu kochen, daß es die Leute essen möaen' aber viel ausgerichtet ist damit nicht, die Sache muß doch ^st gepflanzt sein ehe man sie kochen kann." „Du bist lätz (un- ^'-btf daran, Amri", antwortete Grit, „es ist dann nicht datz nichts macht als kochen. Bhütis, das macht die Mutter alleine, und auch sie steht man noch oft im Pslanzvlätz,' qU f geht sie nicht mehr, selb ist wahr; aber für so ötele Leute zu kochen, heißt etwas. Die Mädchen, die sind drauhen Nr Lis spat und rühren das Wüstest alles cm. Gestern sch f^at hinauf; da find die Mädchen noch draußen und schütten statt so ums Haus herum zu höckle, wie an manchem Orte nach dem Feierabend der Brauch ist, und wo ich haute Haus komme, da ist Eisi schon in der Matte und toorbet das Emd (verwirft den Grummet), wo doch an den metften Orten das die Mägde machen und zwar erst nach dem zMorgmtesse (frühstück), und noch nicht fünfe wars. Wenn ich s "T sollte ich zum Söhnisweib und kein an« i ,t ganZ verschreiben lassen, ioie man fagt.“ < „W nit '^6!“ sagte die Wirtin, „mit Rühmen verdirbst bu da nichts, Grit; die Donnstigs Leute sind mir zu gut bekannt, gerabe bte sind es, die mir Kummer machen Tag und Nacht, daß ich Nicht mehr essen mag, nicht mehr schlafen kann. Sie werden dich nicht umsonst gesandt haben; aber schweig mir davon! Hier verdienst du nicht einmal zwei Kronen, geschweige dann vier." , „Bhütis, Anni, was denkst? Ich gesandt berenttoegen zu dir! Jtein, da wollte ich doch mein Lebtag lieber Dornen spinnen als dich irgend an einem Orte hineinsprengen, die beste Frau, wo ich habe auf der Welt! Nein, aber was denkst Bit auch? Gesagt habe ich schon hundertmal, wenn Anni zTcmne nicht wäre es freute mich nicht mehr, zu leben, es wisse kein Mensch, wie es mir schon manchmal gegangen wäre, und wo ich über Nacht hätte bleiben müssen, wenn Anni zTanne nicht gewesen wäre. Aber sag mir doch, was haben dir die Öeute zwiderdienet, daß du sie so auf cem Strich hast und Kummer hast ihretwege? Oeppe viel bin ich nicht dort, aber brave Leute scheinen sie mir, und wo ich hlnkomme, haben sie den Nahm. Prozediert ihr etwa Miteinander öppe wegen einem Testament?.' „Hör, Grit", sagte Anni, „wenn du einen Narr Haven willst, so mach dir einen hölzernen, aber laß mich ruhig! Glaubst du. ich solle meinen, du wissest nicht, daß mein Christen