Gießener MNeMätler Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger Jahrgang 1926_____________________Dienstag, den Juni __________________Nummer W Die Gefallenen. Von Fritz Jacobs. Kört Ihr es branden aus Fernen her, als wären es Glockenklänge? Dazwischen braust es von Ehre und Wehr, als wären es Leldengesängel Das ist das Meer! Kört Ihr es nicht? Ich seh' es sich königlich türmen, und wie es zu schneeigen Kronen sich bricht, als wollt' es uns mahnend bestürmen. Das ist die See, das deutsche Meer! Es will in die Seelen uns singen von Tagen und Taten so groß und to hehr,, von Männern und heldischem Ringen dort draußen, wo - ewig die Woge, wallt, ost blutig sich färbten die Wellen, wo Lruhiger Zorn das - Sehnen geballt die tückischen . Feinden zu stellen; wo. wildes Gestllrme mit Not und' Tod umspielte manch' kühnes Jagen, das leuchtend die Farben schwarzweißrot wie. heilige . Zeichen getragen; wo deutsche Ehre die Muskeln gespannt, die Kerzen jauchzend geweitet, wo deutsche Mannen im Schlachtenbrand Old-England das Grauen bereitet. Ich sehe das Meer, wie es wogt, sich schwingt, die Gruft so vieler Piloten, und höre, höre, wie brünstig es singt: „Gedenket der Leiden, der Toten! Gedenkt ihrer Tage, gedenkt ihrer Tick und tragt sie flammend in Weiten, damit einst ihr Blut als heldische Saat. Jungdeutschland kann aufwärts geleiten 1" Sllsgerrak. Uns ^' 'Während des. russisch-japanischen Krieges hat es nicht an herber Kritik gefehlt, daß sich die russische Flotte >m Lasen von Port Arthur einschließen ließ. Die Franzosen prägten dafür das Wort, sie habe sich auf Flaschen ziehen lassen". Land auf s Lerz — haben wir im Weltkrieg viel anders verfahren? Kat nicht auch nr unflrem Großen Lauptauartier ein verhängnisvoller Mangel an Angnffs- sreudiakeit geherrscht, der der Lochseeflotte Fesseln aufzwang und dadurch den Keim innerer Zersetzung in sie hineinpflanzte? Es ckann nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß eine schlacht großen Ausmaßes, in den ersten Monaten des Krieges geschlagen von gewaltiger Bedeutung gewesen wäre. 3wer Jahre nach Kriegsausbruch hat diese Schlacht hingegen.nur^noch die Bedeutung einer Leldentat erringen können. Daß, der Tag von Ska gerrak in der Geschichte auf ewig fortwwken wird, steht auf emem anderen Blatt. Um die blindlings anerkannte Ueberlegenheit Großbritanniens auf See, die niemand seit Trafalgar zu bezweifeln wagte, ist es jedenfalls seit dem Skagerraktage geschchen. Die ganze Welt hat durch ihn kennen gelernt, daß mit Elfer und Schaffens- steudigkeit selbst der größte Vorsprung im Kriegswesen emzu- FMhjahr 1916 gewannen im deutschen Großen Lauptauartier diejenigen Stimmen die Oberhand, die die bis dahin gewahrte Zurückhaltung der Flotte mit guten Gründen verurteilten. Mit der Führung unserer Seestreitkräfte waren andere Marmer betraut worden, innerster Linie Admiral Scheer. Die neue Flotten- Von Kapitän z. S. a,D. v. Waldeyer-Lartz. Wir alle wissen, was. Erfahrungen im Leben bedeuten, ist aber auch nicht unbekannt, daß das Heranwachsende Geschlecht nur schwer, wenn nicht gar widerwillig anmmmt, was das Alter ihm an Erfahrung abgeben möchte. Was für den einzelnen Menschen gilt trifft auch für ganze Völker zu. Unterweisungen durch die Lehren der Geschichte werden wohl verstandesmäßig aufgenommen, unter dem Sturmwind der Ereignisse zerflattern sie aber oft m leitunq sttebte zielbewußt die Freiwasserschlacht an und baute demgemäß das Gebäude ihrer Operationspläne aus. Lmzu kam, datz auch die Beurteilung der strategischen Lage zu Lande em fcharferes Vorgehen auf See wünschenswert scheinen ließ. Der Kaiser gab dem Drängen nach, der Flotte wurde endlich die seit langem erstrebte Bewegungsfreiheit zugestanden. Anfang Marz 1916 erfolgte em Vorstoß der gesamten Lochseestreitttäfte m dre Loofden, zur Beschießung der englischen Küste be, Lowestoott führte. Die Tätig- feit der deutschen Seestreitkräfte löste unmittelbar die englische Gegen- Wirkung aus. In der kritischen Admiralität war man sich schon fett längerem darüber im Unklaren, ob die gewählte Form der Kriegs- führunq als Fernblockade richtig sei oder nicht. Aus neutralen Ländern lagen bittere Beschwerden vor, insonderheit abev beklagte sich der russische Bundesgenosse, daß er unter den obwaltenden Ber- hältnissen aufs schwerste zu leiden habe. Dies alles kam zusammen, um bei der britischen Admiralität Erwägungen auszulosen, ob es ratsam sei, aus der bisher beachteten starren Zurückhaltung herauszutreten. Die anhaltende Rührigkeit der deutschen Flotte ist- es . dann gewesen, die diese . Ueberlegungen zum Entschlüsse hat reifen lassem Admiral Jellicoe, der Führer der Grand Fleet, faßte den Plan, durch Entsendung stärkerer Kreuzerverbande m das Kattegat deutsche Seestreitkräfte aus ihren Stützpunkten herauszulocken. Während sie westwärts von Jütland nach Norden steuerten, um die detachierten britischen Kreuzerverbände anzugreifen, plante Iellreoe, mit dem Gros seiner Flotte den Gegner von der Flanke her auf- zurollen. Der Zufall hat es gefügt, daß Admiral Scheer am gleichen Tage ein größeres Unternehmen zur Ausführung brachte. Ur. sprünqlich hatte er vor Sunderland demonstrieren wollen. Ungünstige Wetter- und Si^igkeitsverhältmss« hatten ihn jedoch hiervon abgebracht. So stieß er mit seiner gesamten Stottern das Skagerrak vor, um dort Landelskrieg zu führen. Auf diese Weife ist die Skagerrakschlacht zustande gekommen, andere Erklärungen, die man ge- ^Ueber ^en tatsäMchen Verlauf der Schlacht dürfte es auf Grund der deutschen amtlichen Veröffentlichung kaum mehr eine Meinungsverschiedenheit geben. Daß im England. der Kampf über das Für und Wider der Führerentschlusse wahrend der Schlacht noch immer tobt, hat seinen besonderen Grund. . DerBrtte erkennt klar, daß die Skagerrak-Schlacht an die Tore seiner Weltherrschaft- gepocht bat. Es hat in England nicht an einsichtigen Stimmen ge- fehlt, die den Skagerrak-Tag als einen der schwärzesten Tage des britischen Weltreiches bezeichneten. Ja es chreß sogar, daß sich in der langen und ruhmreichen Geschichte der britischen Marrne Nichts verzeichnet finde, was sich mit der Tragödie vorn, Skagerrak much nur einigermaßen vergleichen ließe. Daß England sich chom kZlus- aang der Skagerrak-Schlacht nur vonibergehend hat mederbeugen lassen zeugt von hochentwickeltem politischen. Instinkt und großer Vaterlandsliebe. Leute aber, wo das einst to mächtige Deutick and besiegt am Boden liegt, da hat man die Maske abgeworsen und streitet sich ganz offen über den „Jütland-Skandal -eine Bezeichnung, die selbst dem Büche eines britischen Adnnrals den äTitel gegeben bat Demaeaenüber hat es bei uns bereits wahrend des Krieges nicht an Unkenrufen gefehlt, die verkündeten, dietoeutsche Flot^ habe nach der Skagerrak-Schlacht ihren Wagemut verlor«,. Gerade das Gegenteil ist der Fall gewesen. Der. österreichisch-ungarische Marine-Attache hat seine Eindrücke über dre Stimmung an Bord der deutschen Schiffe unmittelbar nach ihrer Rückkehr von der Sch acht wie folgt niedergelegt: „Die Flotte 'st begeistert mtt> mabsoluter Siegerstimmung. Lernnter b,s zum letzten Matrosen glaubt sie an ihre Stärke und sieht mit Zuversicht wetteren Zuftunmenstosten entaeaen " So ist es in der Tat gewesen: der Angriffsgeist war an Bord niemals mächtiger als nach der siegreichen Schlacht! Beretts am 19. August 1916 stand die deutsche Flotte wieder kampfbereit vor- der britischen Küste bei Sunderland. Wenn an diesem ^.age die Kanonen nicht gesprochen haben so war es nicht unsere Schuld. Leute liegen die mächtigen Schiffe, die mit 'hren Nanwn das deutsche Volk und die deutsche Geschichte versinnbildlichten,^ dein Grunde des Meeres in britischen Lohettsgewaffeni. Wto sollen und dürfen trotz allem den Kopf nicht hängen lassen. Ein Geschlecht, das eine Flotte schuf, die ein Skagerrakschtog.kann und wird nicht untergehen. Ans gehört die Zukunft, sofern wir nur an sie glauben! Den Toten oom Skagerrak zum Gedenken. Von Dr. med. Carl Stuhl, ehemals Marinestabsarzt d. Res. und Schiffsarzt S. M. S. „Großer Kurfürst . Es war am 25. April 1916. Wie eine feurige Kugel ging die Sonne eben über der Nordsee auf. Der Lorizont war klar auf zwanzig Meilen. Da machte unsere Flotte an der englischen Ostküste kehrt. — 174 nachdem das voranfahrende Kreuzergeschwader die Befestigungs- Werke und militärisch wichtigen Anlagen von Great Tarnwut und Lowestoft beschossen hatte. Außerdem war nach der Meldung des Admiralstabs eine Gruppe feindlicher kleiner Kreuzer und Torpedobootszerstörer unter Feuer genommen worden. „Auf einem Kreuzer wurde ein schwerer Brand beobachtet, ein Torpedobootszerstörer und zwei feindliche Vorposten- schiffe wurden versenkt. Eins der letzteren war der englische Fischdampfer „King Stephen", der sich seinerzeit weigerte, die Besatzung des in Seenot befindlichen deutschen Luftschiffes „L 19" zu retten. Die Besatzung des Fischdainpsers wurde gefangen genommen." Der „Große Kurfürst" hatte in der Reihe der Großkampflinienschiffe seinen Platz unmittelbar hinter dem Spitzenschiff „König". Von hier ließen sich die Linienschiff-Geschwader, die von den ftint dahinjagenden, schwarzen Torpedobooten flankiert waren, leicht überschauen, sobald die Fahrtrichtung eine leichte Biegung nahm. Wohl 23 Linienschiffe fuhren im Abstande von ungefähr % Kilometer in Kiellinie daher. Bei der klaren Sicht erschien das ganze Gebilde als ein Helles, weithin leuchtendes Band. Unser starkes Vaterland hatte eine mächtige Hochseeflotte! Seit Admiral Scheer das Kommando übernahm, reihte sich Vorstoß an Vorstoß. Einmal mußte sich doch der Engländer zum Kampfe stellen. Kehrten die Schiffe zum Kohlen in den Lasen zurück, dann war man froh, seine Glieder durch einen Marsch an Land erquicken zu können. So kam ich gelegentlich in den schönsten Maientagen mit einem Kameraden nach dem Dorfe Neuenend. Neben der alten Kirche lagen die Gräber wie im Dornröschenschlaf, in Sonnenschein und Spinngeweben. Originelle Grüften und Grabsteine mit Jahrhunderte alten Inschriften fesselten uns lange. Dann wanderten wir durch blühende Wiesen zurück nach dein neuen Gar- nisonfriedhofe, den fürsorgender Rat zu Beginn des Krieges geschaffen hatte. Friedlich schliefen hier schon Gefallene verschiedener Schiffe nebeneinander. In meinem Tagebuch schrieb ich damals nieder: Die Einteilung ist für mehr oder weniger große Massengräber gedacht. 30. Mai 1916. Seit vorgestern liegen die vier großen Brüder *) im Innenhafen am Kai. Leute plötzlich zur Abfahrt klar. — Westwind. Regen. Die Wasser der Jade sind schmutzig gelb. — Abends vor Anker auf Schillig Reede. Angeblich geht die Fahrt morgen nach der Küste Norwegens, um dort den englischen Landeisverkehr zu stören. — Um 10% sind auch die Gefechtsverbandplähe vollständig hergerichtet. Gestern ging der jüngste Assistenzarzt auf Urlaub, und heute mußte der Ober-Sanitätsmaat wegen Blinddarmentzündung an das Lazarett-Schiff „Sierra Ventana" ausgeschifft werden. So fuhr ich denn mit einem Oberassistenzarzt allein hinaus. — Der Schiffsarzt hatte im Kampfe seinen Gefechtsposten auf dem Lauptgefechtsverbandplaye, der Zentrale für alle schweren Verletzungen; hier fehlte nun der Lilfsarzt. Der Oberassistenzarzt dagegen war auf dem Lilfsgefechtsverbandplatz für alle leichteren Verwundungen stationiert. Ihm sollte der Ober-Sanitätsmaat eine rechte Land fein. 31. Mai. Seit 5 Uhr früh in Fahrt. Ein stolzer Anblick von der Schanze. Das dritte Geschwader fährt wieder an der Spitze, der „Große Kurfürst" an zweiter Stelle. Vor uns am Lorizont die Kreuzer. Linter uns die Linienschiffe, Schiff an Schiff, 22 an der Zahl. Leute kein Luftschiff zu sehen. Sonst kreuzte bei den Unternehmungen der Flotte immer einmal ein aufklärender Zeppelin unsere Geschwader. Gegen 11 Uhr vormittags befinden wir uns schon in dänischen Gewässern. Kalter Westwind. Kein Sonnenstrahl. Wasser-Temperatur 10°. Dunkelgrün wogt die Nordsee. Kein Land ist am Lorizonte zu sehen, kein Leuchtturm, kein Schiff außer unserer Flotte. Diesmal sind die zweiten Schornsteine aller Schiffe rot gestrichen, wie die Linienschiffe und die seitlich deckenden Torpedoboote deutlich erkennen lassen. Linker uns „Markgraf" wie zum Greifen nahe; und doch 500 Meter entfernt. An seinem stolzen Buge gehen die trotzigen Wogen hoch. Auf der Schanze wurde ab und zu ein kleiner Kriegsrat gehalten. Wer gerade von Offizieren, Ingenieuren, Aerzten oder Zahlmeistem auf seinem Posten abgelöst war, ging dorthin zur Erholung und zum Gedankenaustausch. Sie standen in einer Seeschlacht alle in gleicher Gefahr. Nirgends vermochte die Panzerplatte den englischen 38-Zentimeter-Granaten gegenüber zu schützen. Gegen 6 Uhr nachmittags ertönte „klar Schiff"... Gleichzeitig kam die Mitteilung, daß in kurzer Zeit das Gefecht mit feindlichen Stteitkräften beginnen würde. Man staunte. Also hatte doch einmal einet der vielen Vorstöße den Erfolg, die Engländer gefunden zu haben. Jeder eilt nach seinem Gefechtsposten. Um 6 Uhr 45 wurde der erste Schuß an Bord gelöst. Der Lauptgefechtsverbandplatz lag am achteren Turm. Lier ging eine derartige Erschüttemng durch unseren kleinen, niedrigen Raum, daß man die Luft wie in Wellen dahinzittern fah. Schon nach einer guten halben Stunde wurde ein Schwerverletzter gebracht, ein Obermatrose. Er wat im Vormars getroffen worden. *) Schiffe der Königklage: König, Großer Kurfürst, Markgraf, Kronprinz, Stapellauf 1913—14. Tonnengehalt 25800, Länge 175 Meter, Geschwindigkeit etwa 23 Seemeilen. — Armierung: 30,5 Zentimeter (10), 15 Zentimeter (14), 8,8 Zentimeter (10); Maschinengewehre 2, Torpedorohre 5. Besatzung: 1130 Mann (nach Dr. S. T. Mittler). Eine tiefe Fletschwunde blutete am rechten Oberschenkel, sein rechte» Landrücken war zerfetzt. Sobald eine beruhigende Einspritzung bei ihm zu wirken begann, erzählte er während der Wundbehandlung, daß Kapitän-Leutnant v. L. ebendort schwer verwundet liege. Er habe ihm aufgetragen, zunächst für sich selbst zu sorgen und dann Lilse zu schicken. Doch war dem Armen nicht mehr zu Helsen. Feindliche Granatsplitter hattm ihm den Leidentod verliehen. Mit diesem liebenswürdigen Kameraden hatte ich noch eine Stunde vor der Schlacht gesprochen. Sonst stets heiter, trug fein Wesen da einen feierlichen Emst zur Schau. Ob ihn ein Ahnen des nahen Todes befreite? Noch hatte das erste Opfer den Operationstifch nicht verlassen, als bald nacheinander weitere Verwundete herbeigettagen wurden. Sie waren noch schwerer getroffen... Zwei machten infolge des großen Blutverlustes bereits den Eindruck von Sterbenden. Ein Mann hatte Brüche verschiedener Rippen und der Wirbelsäule... Einem anderen war die rechte Beckenschausel herausgerissen... Doch genug. Manche waren bereits benommen, anderen hals ich, soweit es in meinen Kräftm stand, daß sie ihre Schmerzen nicht fühlten. Die Lüftung unseres Raumes war abgestellt, Ventilatoren genügten nicht. Wegen der schwülen, dumpfen Atmosphäre mußte ich im Verlaufe von Stunden ein Kleidungsstück nach dem andem ablegen, um selbst nur meiner Ausgabe gerecht werden zu können. Die Beleuchtung hatte bald aufgehört zu funktionieren, bei Kerzenlicht mußte operiert werden. Auf das Toben des Gefechtes achtete ich längst nicht mehr, selbst die Erschüttemng durch sckwerste Granaten, welche unsere Panzerung durchschlugen, kamen mir nicht zum Bewußtsein. Inzwischen war auch noch die Meldung durchgegangen, daß der Lilfsgefechtsverbandplatz infolge Treffers außer Funktion sei. Wie mir Oberassistenzarzt d. Res. Dr. K. glücklicherweise selbst berichten konnte, war schon bald eine Granate wenige Schritte neben ihm eingeschlagen. Dieser Treffer im Vorschiff hätte verhängnisvoller werden können. Zu Beginn des Kampfes war das Sanitäts- und Krankenttäger- personal am Boden des Liifsgefechtsverbandplatzes gelagert. Ein Mattose, der sich bei den ersten Landgriffen am Geschütz eine Fingerverletzung zugezogen hatte, trat ein. Während nun Dr. K. die Wunde behandelte, gruppierten sich alle in diesem Raume befindlichen Leute als Zuschauer rings um Arzt und Verwundeten. Da schlug plötzlich eine schwere Granate durch Bordwand und Fußboden in den Bug hinein... gerade dort, wo noch Minuten vorher die Mannschaften hingelagert waren... So rettete diese Finger- quetschung durch Schicksals Fügung einer Anzahl Menschen das Leben. — Dr. K. mußte daraufhin mit seinen Leuten das schon erheblich beschädigte Vorderschiff verlassen und kam in meinen Operationsraum. Lier wurden nunmehr alle Verwundetm behandelt. Mit einem Nervenschock war Dr. K. davongekommen. Aus unserem Spitzenschiffe „König" fiel der in gleicher Lage und an Perfelben Stelle befindliche Oberassistenzarzt d. Res. Dr. Sch. durch den ersten 38-Zentimeter-Granattreffer. Er war ein hoffnungsvoller Sonnenmensch. Nachdem die Verwundeten versorgt und untergebracht waren und das Donnern der Geschütze entgültig nachgelassen hatte, mußten unsere gefallenen Kameraden von den Krankenträgern zufammen- gelegt werden. Der vorgesehene Lagerungsraum für die Toten, das Lazarett, im Schiffsbug gelegen, war infolge der Verwüstungen nicht mehr zugängig. In einer Backbord vorderen Kasematte, die wegen Zerstörung des Geschützes für ein ferneres Gefecht nicht mehr in Betracht kam, waren fchon während der Schlacht gefallene Leute gesammelt worden. Lier wurden nun auch die im Lazarett Verstorbenen niedergelegt. tim Mitternacht kam ich erst zur Besichtigung dieses Raumes. Der Eindmck von den in aller Last und Eile des Gefechtes zu- fammengetragenen Leichen war geradezu erschüttemd... Es ist mir, als höre ich noch den Einen am frühen Morgen die Worte fprechen: „Morgen ist Lirnrnelfahrt, vielleicht werden wir auch in den Simmel fahren."... War es Uebermut oder lästemderLeichtsinn? Oder schien es nur so? Lier lag das junge Blut, kalt und bleich, auf feinem Gefechtsposten, neben feinem Geschütz. Ein Granatsplitter hatte ihm den Rücken in ganzer Länge ausgeriffen... Er tat seine Pflicht bis zum letzten Atemzuge!-- Posten wurden hier als Totenwache aufgestellt. Ehrenwachen für die gefallenen deutschen Brüder am toten Geschütz. Mochten sie ruhig unter der Waffe schlafen, wo sie in treuer Pflichterfüllung ihr junges Leben dahingaben. — Die heimliche Melodie der düsteren Meereswogen war ihr Totengefang... Kühl strich der Seewind fanft über die blutig gebrochenen Glieder... Die größte Seeschlacht der Geschichte war vorüber. Vor Pem Skagerrak hatten sich Deutschlands und Englands Flotte in heißem Kampfe gemessen. Die Briten verließen trotz ihrer fleberlegent)6“ an Zahl, Schnelligkeit und schwerem Geschütz die Stätte des Kampfs» ohne Sorge um die Rettung ihrer Schiffbrüchigen. Deutsche Torpedoboote und Kleine Kreuzer bargen zwischen Jütlands und Norwegens Küste 177 mit dem Tode ringende Engländer. Admiral Scheer führte die tapfere deutsche Flotte am Tage der Lirnrnelfahrt nach dem heimatlichen Lasen. In eherner Ruhe durchschnitten unsere Prachtschiffe die dunklen Fluten. Warum nur erinnerte ihr Aussehen an die alten, aus der Schlacht heimkehrenden Wickingersahrzeuge? — 175 — Vollzählig waren die Großkampflinienschiffe. Eine Lücke Wiese« die älteren Linienschiffe auf, wo die „Pommern" fehlte. Die Schlachtkreuzer hatten in „Lützow" einen Kampfgenossen verloren. Von den Kleinen Kreuzern kehrten ihrer vier nicht mehr guräd: „Elbing", „Frauenlob", „Wiesbaden" und „Rostock". Ebenso hatten die tapferen Torpedobootsflottillen Verluste zu beklagen. Manches Schiff zeigte schwere Schrammen am stählerenen Leibe. Unser „Kurfürst" hatte ganz erhebliche Schlagseite. Lunderte von Tonnen Seewasser waren ihm durch die Löcher der englischen Geschosse in den Bauch gelaufen, aber er hielt aus. Ruhiger Ernst lagerte über der Besatzung, die natürliche Folge der großen körperlichen und seelischen Anstrengungen der letzten Tage und der durchkämpften Nacht. Auf vielen Schiffen war es eine heilige Stille, die Trauer um gefallene Kameraden, deren aller- letzte Fahrt zur Ruhestätte im Leimatssttande führte. Die Kaimauern des Lafens boten bet unserer Einfahrt ein ergreifendes Bild. Eine tausendköpfige Menschenmenge. Schwarzgekleidet die Meisten. Männer, Frauen, Kinder, Bräute schauten mit sehnenden Kerzen nach den heimkehrenden Schiffen. And manches richtete wieder und wieder den Blick hinaus auf die Jade... Sein Schiff kehrte immer noch nicht heim.-- Anvergeßlich wird mir stets die Stunde bleiben, in welcher ich nach der Schlacht den Kommandanten zur Lagerstätte der Verwundeten führte. Mann an Mann waren sie noch vor dem Laupt- gefechtsverbandplah am Boden gelagert. Kaum blieb so viel Raum, daß Krankenträger sich zwischen ihnen hindurchwinden konnten und die Leizer, die hier ihre Spinde hatten. Anter der Panzerdecke war da in der Mitte des Schiffes eine drückend heiße Luft. Nur spärlich drang das Tageslicht bis zum Antlitz der schwer getroffenen M 'inner. Kapitän Goette sprach zu ihnen Worte des Trostes und der Anerkennung. Jeder Verwundete sollte in erster Linie das Eiserne Kreuz erhalten. Trotz Schmerz und Not blitzte in manchen Mannes mattem Auge ein Strahl stolzer Freude. Aber da lag auch einer unter ihnen, dem selbst ein Wort des Lobes nicht mehr zum Bewußtsein kam. Fieberschauer umfingen seine matte Seele. Dennocb... nebörte davi in dieser feierlichen Stunde. — — — Eine Schlacht bleibt immer eine harte urooe uer Manneszucht. Sie wurde von unserer Besatzung glänzend bestanden. Keinen Mißton vernahm ich in dieser Linstcht, kein Wort der Klage noch eine Aeußerung des Schmerzes. Mit Stolz werde ich stets jenes Leldentums unserer Verwundeten und Sterbenden gedenken! Am Sonntag nach der Schlacht, am 4. Juni, wurden die Gefallenen der gesamten Flotte auf dem neuen Garnisonsfriedhofe in Wilhelmshaven bestattet. Bei dieser Feier durste der Schiffsarzt S. M. S. „Großer Kurfürst" den toten Kameraden einen letzten Gruß in das bergende Grab hinabsenden. Die Stätte da draupen, jenseits der äußersten Vorstadthäuser, inmitten fruchtbarer Felder und Wiesen, kannte ich wohl. Nun waren aus großen Blumenbeeten der Maienblüte Gräber für die einzelnen Schiffe geworden. Grab an Grab starrte uns entgegen. Massengräber!... Mir bis zu dieser Stunde ein schreckliches Wort. Wohl war ich oft vom Sonderburger Lasen nach der Löhe hinausgewandert und hatte an jenen Massengräbern der Düppler Schanzen Aufschriften gelesen wie „Lier ruhen 20 tapfere Preußen", dicht daneben „Lier ruhen 100 tapfere Dänen". Die schlichten Worte waren so packend, daß man sie nicht los wurde. Aber wie fern lag einem doch auch stets der Gedanke, jemals in ein offenes Massengrab hineinschauen zu müssen. And doch, hier in der ernsten Wirklichkeit erschien mir solch ein Grab nicht mehr abschreckend. Denn unsere wackeren Mattosen schliefen da unten im dunklen Schrein beisammen, wie sie im Dienste zusammengestanden hatten. Auf ihren Schiffen wehte über ihnen die deutsche Kriegsflagge, und auch hier deckte sie sanft die gleiche Flagge vom Skagerrak, die Flagge schwarz- weiß-rot!-- _ Die illustrierte Welt brachte damals ein kleines Bild von der Bestattung: Auf flaggengeschmückter Kanzel der Pfarrer, mit Kränzen ist das Gräberfeld bedeckt, ringsum Tausende von Angehörigen, Offiziere, Mattosen, Abordnungen der einzelnen Schiffe. Eine schmerzdurchwehte, weihevolle Stimmung der Feier durchdrang jeden Einzelnen... Ehrensalven rollten über Ostfrieslands Fluren hinaus zum grauen Meere... Die Mattosenkapelle ließ den Choral des Soldaten über die offenen Gräber erklingen: „Ich hatt' einen Kameraden." Frauentränen rannen schon lange still dahin, Männerherzen trugen in stummem Schmerze den schweren Kummer. In diesem Augenblicke sprengte das wehe Leid mit Macht jede Fessel. Anter lautem Schluchzen rang es sich aus der Tiefe der deutschen Brust hervor. Lelle Perlen rollten nun auch ohne Lalt und ohne Scheu über des Seemanns bärtige, wettergebräunte Wange. Wie oft hatte man im Knabenalter dies Lied gesungen, ahnungslos in jugendlichem Frohsinne. Leute erst empfand die Seele des Einzelnen den tiefen Sinn: Treue — Pflichterfüllung — Opfermut — Abschied. — „Bleib du im ew'gen Leben, mein guter Kamerad!" Zehn bange Jahre sind über unser armes Vaterland dahinge- wngcn.--Der Leldenfriedhof zu Rüsttingen ist eine Wall- ahrtsstätte des deutschen Volkes geworden. Er wird es bleiben, o lange es Deutsche gibt. Denn nie werden die Leiden vergessen, sie Blut und Leben im Kampfe gegen England opferten. Gegen unseren gefährlichsten Feind. Wieder schmüctt sich im Lenze die Erde. Kühler Seewind umweht unser Antlitz. Schreiende Möven fliegen umher und grüßen uns. Alles wie einst. Warum nur hat man den Druck auf der Brust beim Durchschreiten dieses Ehrenfeldes?! — Die vielen, vielen Kreuze über den hundert und aberhundert deuffchen Männern bereiten uns Angst. Denn sie fragen: Seid Ihr einig geblieben — und treu?--- Meister Müller. Von Gustav Schüler. Skagerrakschlacht! Kreuzer „Seidlitz" brennt! Zur Pulverkammer fressen die Flammen! „Fluten! Fluten!" —der Befehl durchs Telephon rennt. Zweitausend beten's zusammen! Zum Hinteren Turm fliegt der Schreckensbefehl — Doch im Hinteren Turm sind nur Tote-- Immer näher indessen mit gierem Gefchwel Frißt die Löllenglut sich, die rote! Zweitausend Mann! In den Lüsten schreit Der Mütter und Bräute Beten — Zweitausend! Da kommt Meister Müllers Zeit! Er hat seinen Weg schon betreten. Zum Leckventil! Die Platten glutrot! Loizpantinen kann's ja nicht schaden — Weiter vor! Weiter vor! Q grause Not; Das Veutilrad ist glührot ohn' Gnaden. Die Speichen funkeln! Er packt's! Reißt's herum Mit furchtbar wütendem Biegen ... Einmal! Zweimal! Sein Schrei bleibt stumm. Ob Fetzen von den Länden auch fliegen. Dreimal! Viermal! Gott im Limmel, du! Lerrgott! Im brausenden Bogen In die Pulverkammer, übers Pulver herzu Stürzen reitende Nordseewogen-- Wer deine verkohlten Lände wohl kennt, Lellandshände, die herrlich waren? — Wer wohl den Meister Müller nennt. Wie er in die Pantinen gefahren? Die letzten Stunden des Kreuzers „Wiesbaden". Von Oberheizer Lugo Senne. *) Am 31. Mai 1916, nachmittags 4 Ahr, war ich auf Wache gezogen. Zwischen %5 und 5 Ahr war Alarm. Meine Station war im Zwischendeck. Zuerst kam das Signal: „Achtung, Feind an Steuerbord!" „Wiesbaden" fuhr mit „Elbing", „Pillau", „Frankfurt" zusammen als letztes Schiff in der vordersten Aufklärung. Zunächst waren nur unsere Panzertteuzer im Kampf. Ich sah „von der Tann", als sie aus der Linie bog und signalisierte. Dann kam plötzlich Befehl: „Gefecht an Backbord!" Es erfolgte gleich eine schwere Erschütterung im Schiff und Befehl: „Rauch und Gasgefahr im Mittelschiff Abteilung VI!" „Wiesbaden" hatte kurz vorher mit Schießen angefangen. Durch Postenkette kam nun der Befehl: „Beide Maschinen äußerste Kraft voraus!^ Lieraus war mir ersichtlich, daß die Telegraphen und sonstigen Signalmittel nach der Maschine bereits zerstört waren. Da keine Antwort zurückkam: „Backbordmaschine äußerste Kraft voraus! Dann wurde zurückgerufen: „Backbordmaschine gibt keine Antwort!" Jetzt: „Große Dampfgefahr, Kompaßtelephon wieder in Ordnung!" Der nächste schwere Treffer war in Abteilung IX auf Oberdeck. Die Granate schlug durch das Deck, aber nicht durch das Panzer- deck. Später folgten viele schwere Treffer, und achtern in Abteilung II anscheinend ein Torpedotreffer. Denn das ganze Schiff wurde er- schüttert und hochgehoben. Darauf erfolgte bald der Befehl; „Alle Mann aus dem Schiff." Ich lief nach oben durch Abteilung VI. Auf Oberdeck sah es wüst aus. Der Steuerbord-Längemattkasten war vollkommen durchschossen und die Längematten zerfetzt. Die Geschützmannschasten lagen tot an ihren Geschützen. Das Deck war aufgeriffen und durchlöchert. Es war scheinbar Feuerpause eingetreten, denn der Feind schoß nicht, die Ahr mag y27 gewesen sein. Ich holte mir eine Schwimmweste und lief nach dem achteren Geschütz. Nur die Steuerbordseite war passierbar. Jetzt schlug«; wieder Granaten schnell hintereinander ein. Wir wurden von auf- spritzendem Wasser naß, das so mit Gas gemischt war, daß wir ganz gelb wurden. Ansere Schiffe kamen etwas näher, entfernten *) Wir entnehmen diesen Gedenkaufsatz mit Erlaubnis des Verlags I. F. Lehmann in München dem dort erschienenen prächtigen Werke „Aus See unbesiegt", herausgegeben von Admiral v. Mantey. Preis der beiden einzeln käuflichen Bände je M 5.—. - 176 — sich ix»m aber wieder. Wir hatten schon gehofft, daß wir gerettet würden. Jetzt trat wieder eine kleine Feuerpause ein. Diese benutzten wir, da alle unsere. Geschütze zerstört waren, um schnell die an Deck befindlichen Granaten rmd Kartuschen über Bord zu werfen und einige. Kameraden aus dem Master zu retten. Unsere Schiffe der König-, Ostfriesland- und Naffauklüffe kamen nochmals näher, schwenkten dann aber wieder ab. Ein Torpedoboot morste uns an, toir konnten aber keine Antwort geben. Der Feind schien im Lcllb- kreis um uns herum, zog dann in der Richtung unserer Schiffe ab. Genau gesehen habe ich nur 2 englische Schiffe mit je 4 Schornsteinen, aber viele Rauchfahnen. Mittlerweile war es dämmerig geworden. Wir Unverwundeten (etwa 30 Mann) verbanden nun unsere Verwundetes,, darunter den am Kopf schwer verwundeten Ersten.Offizier- Kapitärlleutnant.Wälter Berger (der Kommandant, Kapitän zur See Fritz Reist, alle übrigen Offiziere und Ingenieure waren gefallen), und legten sie an Steuerbordseite auf Längematten. Dann holten wir trockene Sachen und etwas zu essen und zwei Flaschen Wein für die Verwrmdeten. Um Mitternacht bin ich herwitgegangen, um nachzusehen, wie es. aussah *).. In den vorderen Abteilungen XIV und XV waren die- Bdrdwände durchlöchert, .Spinde und Sachen zerfetzt. Das Schott nach Abteilung XVI war durchschlagen und Wasser bereits an Deck. Das Panzerluk zu den Münitionskammern war geschlossen. In Abteilung XIII zwei Löcher in der Bordwand. Nach Abteilung XII konnte ich nur mit Mühe hinkormnen. Die Bordwand war von Deck bis oben durchlöchert. Däs Wasser schlug durch mehrere Löcher durch das Panzerdeck nach dem Verwalterhellegatt, der Deckel zur Torpedoübernahme war weg. Im Tor- pedoraum war Wasser, die Torpedos konnte ich aber noch erkennen. Der Weg nach Abteilung XI war durch Trümmer versperrt. Das unterste Loch.im Leizerbad habe ich.mit einigen Sachen zugestopft und ein Brett davorgeklermnt. Dann ging, ich an Oberdeck. und in den Windschacht in Abteilung X hinunter. Abteilung X. schien nicht beschädigt, im Leizraum stand'das Wässer bis zur Türhöhe. Ich versuchte die Feuerlöschzüge der Kessel zu schließen, es gelang mir aber nicht. Beinr Asifmachen der Vorreiber an Schott 62 kam Wasser von Abteilung XI. Darauf habe ich'das Schott dicht gelassen. In Abteilung IX war. em-Treffer, durch den Bunker gegangen, hatte den Windschacht durchschlagen und alles, zerrissen, ein zweiter Treffer durch den Schornsteinhals. Auch die Trockenkammer war bis zur Türhöhe voll Wasser. Schott 46 war verbogen. In Abteilung VII und VIII mehrere Treffer, verschiedene Löcher in der Bordwand, im Bunker und. Windschacht, der völlig zerstört war. Auch in diesem Leizraum stand das Wasser etwas über Türhöhe. Die Bunkexdeckel zu den Schütten waren geschlossen, Kohlen lagen aber bis ins Zwischendeck. In Abteilung VI war Feuer, da konnte ich nur hineinsehen. Die. Kleiderspinde lagen durcheinander und brannten. Die Wand, zum Kohlenbunker an Steuerbord war aufgerissen, dortibraMlte.es ebenfalls.. Durch den Windschacht in Abteilung X ging ich.Meder an Oberdeck und. nach Abteilung V hinunter, dort lag alles durcheinander, auch mehrere tote Kameraden. Die, Türen zu den Maschinen waren offen, ich konnte aber nicht vorbei, da das Wasser zu hoch stand. Dagegen gelang es mir, durch Schotte 23 durchzukommen. Das Panzerluck zur Munitionskammer war offen, über dem Plattformdeck stand wenig Wasser. Jusainmen mit noch einem - Mann, den ich mir holte, habe ich das Pänzerluk. dicht gemacht und abgesteift. Weiter nach hinten-war alles versperrt. Ich habe bann dem Ersten Offizier Meldung.gemacht. Er gab mir den Befehl- wenn das. Schiff nicht sncken- sollte, die. Geheimsachen über Bord zu werfen. Rün sah ich mich nm Oberdeck um. Von den Schornsteinen war der erste durchlöchert, der zweite und dritte gänzlich abgeschossen. Di« Masten ftanbeir noch, die Flagge wehte. Am Steuerbord zweiten Geschütz war das'Rohr an der Mündung aufgespalten, das Backbord zweite stand schräg, da das Deck aufgerissen ivar. In. der Küche alles zertrümmert/ ebenso der Windschächt nach dem 4. Kesselraum, auch der'nach der» 1. und 2. und der Maschine, während derWindschacht vom 3. Kesselraum nur leichte Beschädigungen hatte. Das Motorboot brannte. Beide Kutter waren durchlöchert. Die Länge- mattkasten an Steuerbord waren alle zerrissen, davor lagen mehrere tote-.Kameraden. Das Steuerbord dritte Geschütz stand noch gerade, es war-geladen, aber der Verschluß ging nicht mehr. Das Back- bord dritte Geschütz drohte umzufallen, da das ganze Deck aufgerissen war. Der Kommandantsalon war in zwei -Teile gerissen, ebenso die- jH-mmern vom Navigationsoffizier und vom Ersten Offizier. Das achtere Geschütz ging nicht mehr zu drehen. Das Leck war völlig aufgeristen. Mittlerweile hatte die Schiffsschreibstube von Abteilung VI aus Feuer gefangen. Ein Matrose und ich fanden zwei heile Pützen, und es gelang uns, das Feuer ziemlich zu löschen. Ländruder und Kompaß, alles, was am achtern Mast stand, war unversehrt. Der Obermatrose Schuster war bis zuletzt im achteren Krähennest geblieben. Soweit ich mich noch entsinnen kann, waren folgende Offiziere und Mannschaften noch am Leben: Erster Offizier: Kapitänleutnant Berger (am Kopf verwundet), Maschinisten Lenkhett (im Rücken verwundet) und Schlosser, Ober- nmschinistenmaate Nm, Fischer, Lemke, Wirts (verwundet), Maschi- nifienmaate Königs Rohte, Spitzner, Loh, Froitzheim, Bruhns (verbrüht). Oberheizer Lindemann. Obermatrose Schuster, Adam, und zwei mir unbekannte Matrosen, Leizer Schulze, Lolland, Sticht, Lagedorn, Ruppach, Uhlmann, Krupiki und zwei Leizer vom Informationskommando, Namen kannte ich nicht, sämtliche waren verwundet; Anwärter Keunicke und Kleemann, auch beide verwundet. Gegen 3 Uhr morgens legte sich S.M.S. „Wiesbaden" etwas mehr nach Steuerbord über. Schwimmflöße waren bereits achtern Heruntergelaffen. Es war schon ziemlich hell. Ein Kreuzer und ein Zerstörer mit je 4 Schornsteinen kamen in Sicht, nahmen aber keine Notiz von uns. Das Schiff legte sich immer mehr über. Während wir alle achtern herunter auf Flöße gingen, war ganz ruhig plötzlich „Wiesbaden" mit wehender Flagge verschwunden. Ich hing an dem einen Schwimmfloß mit etwa zehn Mann. Mir wurde übel, so daß ich mich übergeben nmßte, dann war ich wieder ganz klar. Allmählich ließen die Kräfte nach, einer nach dem andern ließ los. Schließlich waren wir noch drei Mann. Darm setzten wir uns auf das Floß. Plötzlich kippte es um, einer kam dabei nicht wieder hoch. Im Laufe des Tages kippte das Floß rnindestens noch 20= bis 30 mal um; ein anderes Floß, mit drei Mann darauf, haben rvir. noch lange gesehen. Gegen Abend war ein Dampfer in weiter Ferne in Sicht. In der nun folgenden Nächt setzte Sturm und Regen ein. Unser Floß kippte wieder mehrere Male um. Bei Morgengrauen sahen wir einen Kreuzer und mehrere Torpedoboote, zwischen 9 und 10 Uhr vormittags drei Dampfer in weiter Ferne. Mittags kam die Sonne durch. Gegen Abend kam ein Dainpfer etwas näher, beim Winken kenterte das Floß. Der Leizer, der noch mit mir auf dem Floß war, konnte nicht mehr hochkommen. Ich griff- nach- ihm, bekam aber nur seine Mütze, in der „Märtin" stand. Ich konnte ihm nicht mehr helfen. Als ich allein war, wurde es noch schlimmer, weil das Flost immerfort kenterte. Schließlich legte ich mich lang, darauf-hin. Abends spät- als ich so in dumpfem Linbrüten gelegen hatte, kam ein Dämpfer ganz nahe heran. Ich winkte, er sah mich und versuchte mich zu retten. Beim dritten Versuch gelang es mir, durch ein zugeworfenes Tau an Börd zu koinmen. Es war der norwegische Dampfer „Willy" aus Drammen. Man gab mir neues Zeug und Wishky und legte mich in warme Decken auf das Sofa in der Kapitänskajüte. Ich schlief dann fest. Mit. S: M.' S. „Wiesbaden" ist ein Mann geblieben, der bi® Seele des Seemannes und die Lerrlichkeit der See und der . Seefahrt erkannt und erfaßt hat — ein echter Deutscher und ein begnadeter Mensch-—- Gorch Fock. — Er schreibt: „Was ich da oben im Krähennest gesehen habe, ist ganz gewaltig! Diese-Bilder haben sich mir unverwischbar eingeprägt. Ich lebe wirklich an Bord auf! — Unser zorniger Kreuzer in der Nacht auf See, jagend durch das silberschäumende Wasser: etwas ganz Riesenhaftes und Arweltliches —- mit „Wiesbaden" werde ich verwachsen, wie nur je mit einem Schiff. Ich fühle es, daß es zu meinem Leben gehört. —Die größte Freude hat mir die Besatzung unseres Kreuzers während des Seegefechtes gemacht: diese Kampflust vom Kommandanten- bis zum letzten Matrosen war erhebend und mitreißend, war echtester deutscher Flottengeist. —— —- Jetzt stehe ich auf den Planken der Wirklichkeit und habe ein Leben, wie ich es mir immer gewünscht habe."... Als Gorch Fock von der Armee auf seinen Wunsch zur Marine versetzt wurde, sang er begeistert: „Mien Seel sett Seils as de Potosi son gode dreeunfoftig Stück; dat mokt: se - hett, ehrn i Willen kregen und kümmt sik vor as Laus. im. Glück! dat mokt: ik bün Mariner worden, un.goh all morgen freut) an Börd. Gorch Fock will op sien Nordfee swalken un will , mol op John BUll. mit dol. An Land kunn em de Dod nich griepen, vielleicht kriegt he op See em mol..." Und einen Monat vor seinem Leldentode an Bord S. M. S. „Wiesbaden" dichtete er : „Sterb' ich, auf der feiten See, Gönnt Gorch Fock ein Seemannsgrab. Bringt mich nicht zum Kirchhof hin, senkt mich tief ins-, Meer hinab. Segelmacher, näh. mich ein! Steuermann, ein Bibelwort! Junge, nimm dien Mütz mol af. And dann , sinnig öber. Bord..." Im Skagerrak, wo auch fein Großvater und Onkel geblieben sind, ist-er den Seemanns-, Soldaten- und Leldentod gestorben, im Kampf gegen England, für fein heißgeliebtes Vaterland. -— Die See hat Gorch Fock nicht behalten. Im August 1916 gab sie ihn der Erde wieder. Auf der kleinen schwedischen Insel Stans- Holmen, unweit von Göteborg, hat er ein schlichtes, stilles Grab gefunden, fern der Leimat, aber umspült von Wind und Wogen seines nimmer ruhenden Meeres, das ihm den ewigen Grabgesang fingt: *) S. M. S. „Wiesbaden" hatte 16 Abteilmrgen. Diese zählten von-hinten nach vorn im Schiff. 6cbti,tleitung: Dr. IriebD Wich. Lange. — Druck und Aermg der Brühl'schen Univ.-Bvch- und Steindruckerei. X-ßana®. Oiefcen.