Gießener jamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (926 Samstag, den Mai Nummer 35 Gesang des Meeres. Don 6. F. Meyer. Wollen, meine Kinder, wandern gehen Wollt ihr? Fahret wohl! Auf Wiedersehen! Eure wandellustigen Gestalten Kann ich nicht in Mutterbanden halten. Ihr langwellet euch auf meinen Wogen, Dort die Erde hat euch angezogen: Küsten, Klippen und des Leuchtturms Feuer! Ziehet, Kinder! Geht auf Abenteuer! Segelt, kühne Schiffer, in den Lüften! Sucht die Gipfel! Ruhet über Klüften! Dräuet Stürme! Blitzet! Liefert Schlachten! Traget glühnden Kampfes Purpurtrachten! Rauscht im Regen! Murmelt in den Quellen1 Füllt die Brunnen! Riefelt in die Wellen! Braust in Strömen durch die Lande nieder - Kommet, meine Kinder, kommet wieder! Michael Le Ruyter. Von Dr. F. von Bleuten. In Amsterdam in der neuen Kirche befindet sich ein gs- waltiges Marmordenkmal, zehn Meter hoch und zwölf breit, von der Meisterhand des Rombout Derhnlst. Es ist das Grab des großen holländischen Admirals Michael de Ruyter, in ihm klingt die ganze Sanitscharen-Musik des ausgehenden Barock an. Auf einem Sarkophage liegt halb aufgerichtet der Seeheld mit dem ausdrucksvollen, breiten Löwenhaupte, das er an ein Schiffsgeschütz lehnt, in der Rechten hält er den Kommandostab, die Linke liegt pathetisch auf seiner Brust; sein Antlitz ist so sprechend und lebendig, daß man jeden Augenblick erwarten könne, daß er die Lippen öffne und einen seiner frommen Bibelsprüche her- sage. Aber rund um ihn herum ist der ganze fadenscheinige Md spitzfindig-ausgeklügelte nüchterne Olymp der Zopfzeit versammelt, um den toten Flottenführer in seiner Art zu feiern. Eine reichlich leere Göttin des Ruhmes mit gebauschten Gewändern stößt mit Gewalt in eine Tuba, Tritonen und Reveiden halten die erforderlichen Embleme ihrer Simft hoch und tuten in schön ge- toim&ene Muschelhörner, allegorische Gestalten, die Klugheit und Beständigkeit, stehen mit wohlüberlegtem Faltenwurf daneben imb weisen auf dieses Muster eines Admirals hin; dazu ein architektonischer Aufbau von Pracht Md Kraft, der an die Rathäuser Md Kirchen jener Zeit erinnert. Im Hintergründe, in barocker DermischMg der Künste, sieht inan eine riesige Seeschlacht, die ein Kenner Wohl unterscheiden könnte, mit einer feinen unb eindrucksvollen Darstellung der hochbordigen niederländischen Fregatten, die den Rühm des kleinen Nantes am Ausgange des Rheines über die ganze Welt trugen, geführt von ihrem größten Admiralen, von Martinez van Tromp und Michael de Ruyter, dem Drauknechtsohne von Dlissingen. Sn goldenen Buchstaben steht auf der Inschrift des Riesendenkmals: »Dem höchsten Gotte sei dieses Mal geweiht und nach ihm dem ewigen Gedächtnisse von Michael de Ruyter, Admiral von Holland und Westfriesland, der von drei Königen Europas mit Ritterehren und einem Herzogtum in Neapel beschenkt wurde, während er alles Gott und seiner eigenen Tugend verdankte, nicht von berühmten Vorfahren entsprossen. Achtundfünfzig Jahre auf dem Meere, war er 6er Seefahrt kundig wie kein anderer. Sn sieben Kriegen auf dem gewaltigen Ocean Md im Mittel» Meers verrichtete er Ruhmestaten, eroberte Snsekn und Festungen, gewann den Holländern die lange Küste Afrikas am Atlantischen Meere, besiegte die Seeräuber, focht in vierzehn großen Seeschlachten unüberwindlich und gewann vor allem die berühntte Schlacht gegen England von vier Tagen. Als er endlich das Vaterland aus der äußersten Gefahr errettet hatte, ist er im der Seeschlacht von Syrakus verwundet und dann tm Hafen männlich gestorben am 29. April 1676. Die Staaten der vereinigten Niederlande haben diesem ihrem höchst verdienten führer dieses Denkmal errichten lassen, er war der Schrecken des ho^n OceanS!“ _ „„ „ Änd, kann man hinzufügen, ein Schrecken der GnAander, als Martinez van Tromp, der Vater, Cornelis van Tromp der Sohn, und Michael de Ruyter gestorben waren, war es auch, mit dem Heldenzeitalter der Oetnen Niederlande vorbei Md England trat mit der ihm dmewrchnend«« Schwerkraft die Erbschaft an, wie vorher bei den Spaniern und Portugiesen. Sn den großen Entscheidungsschlachten zwischen Frankreich Md England, bei Abukir und bei Trafalgar, focht Holland nicht mehr mit. Wenn aber heute das Weltreich der großen Sundainseln an Holland fester hängt als Sndien an England, und wenn es, wie scharf- sichtige Reifende und Beobachter berichten, auf Sava Md Dorne» eine Gandhibewegung, etwas Entsprechendes meine ich nicht gibt, so liegt das neben der erstaunlichen Derwaltungskunst der Hofländer vor allen Dingen an den Erfolgen, die Michael de Ruyter und M. van Tromp auf allen Meeren erfochten haben. Sunt wie die krausen und von keiner nationalpsycholvgischei, Empfinkumg geleiteten Schachzüge der Regierungen war die Musterkarte der Feinde, mit denen Ruyter zu kämpfen hatte. Er focht gegen Spanien, gegen Irland für England, gegen Spanien für Portugal, gegen Schweden für Dänemark, gegen England Md gegen Frankreich für Spanien. Seine größten Siege sind im Kriege gegen England, und er ist der einzige feindliche Flottenführer nach den Normannen gewesen, der im die Themse einlief, den Engländern, ihre besten Schiffe zerstörte und dicht bei London die gesamten Wersten in Brand steckte. Das war im Sahre 1667. Hannibal ante partes! Änd das herrliche Ende des heldenhaften Mannes! Mit zwanzig Fregatten greift er ohne Besinnen die vielfach überlegene Flotte des französischen GegnerS auf der Höhe von Eatania bei Sizllien an. Die Schlacht steht günstig, der Weister der Flottenführung hat dem Feinde den Wind abgewonnen, die Breitseiten donnern. Da stürzt der Admiral, 6er vom hohen Kastell seines Admiralschiffes „Eintracht" die Schlacht feitet, plötzlich hinunter aufs Mittelschiff, mehrere Meter tief. Sine Kanonenkugel hatte den rechten Fuß völlig, den sinken zum größten Teil fortgerissen. Der Führer, obwohl schwer mit Schmerz Md Tod ringend, feuerte die Deinen cm, bis ein glücklicher AbsckLuß der Schlacht gesichert war. Noch sieben Tage rang der gewaltige Mann in der Kajüte seines Schiffes, das nun in der Dai von Syrakus ankerte, bis er unterlag. Dem noch nicht Erkalteten! überbrachte der Vizekönig von Neapel als Abgesandter des Königs von Spanien den Herzogtttel. Erst am 16. Februar des nächsten Sahves kam der einbalsamierte Leichnam nach Amsterdam und wurde in der neuen Kirche beigesetzt, älnd wenn einer, so verdient er einen Ruheplatz in der Kirche, Seren er fühlte sich immer als Streiter Gottes und seines Bekenntnisses, Md es gibt von ihm keine gepfefferte Seemanns rede und keinen Seemannsscherz, wohl aber Bibelworte und fromme Sprüche deS Gottvertrauens, der iMerlichen Frömmigkeit und eines sicheren Wissens der besseren Heimat, Aeußerungen, die man bei einem blassen und inbrünstigen Prädikanten eher vermuten würde alS bei diesem gewaltigen breiten Deehelden mit dem mächtigem, von dunklen Locken umhüllten Löwenkopfe. Hexen und Hexenbilder. Don Walther Appelt-Pkauen. Wir reden vom „finstern" Mittelalter — als einer 3ett, in der ein einfältiges, noch tief im Heidnischen befangenes Vollsempfinden den tollsten Spuk- und Aberglauben zu üppigster Blüte gelangen ließ. Leider ist es uns nicht möglich, auf die — noch nicht lange und vereinzelt sogar heute noch nicht ganz überwundenem — Unbegreiflichkeiten nur mit einem verächtlichem Lächeln zurückzublicken. Dazu haben sie zuviel Mschuldige Opfer gefordert. — Daß unfere Vorfahren alle bösen (tote auch di« guten) Kräfte und Mächte personifizierten, führte sie dazu, planmäßige Einwirkung auch für den Schaden verantwortlich zu machen, den der einzelne in seinem Haus, unter seinem V«H- stand oder auf seinen Feldern erlitt. Nachbarn oder Nachbarinnen, die vielleicht auS ihrer Feindschaft Md ihrem llebelwollen kein Hehl machten, mußten Mensch, Tier oder Flur mit dem „bösen Blick", wenn nicht gar mit phantastischen Geheimmitteln „verhext" haben. Wielange dieser Srrglaube rache- un£> blullüftern das Szepter schwang. — trotz aller Aufklärungsversuchs —, das machen ein paar Fahler» deutlich: der „malleus maleficaram* („Hexenhammer"), mit Recht das unhellvollste Buch genannt kms die Weltliteratur jemals hervorbrachte, erschien 1487. Noch dreihundert Sahne später wurde in Kempten eine angebliche Here hingerichtet. Nie wird sicher ermittelt werden, wteviel tausend Frauen (t®m Kindesalter bis in die Greisenj 138 führt das Gespräch mit einer Hast, als sorge sie bei jedem Wort« etwas zu versäumen, hält mit ihrer Hantierung nicht ein einziges» mal inne, hebt auch mir einmal die Augen flüchtig zu mir auf. Dieser flüchtige Augenaufschlag aber erinnert mich unwillkürlich an die Behauptung der Dorfleute, Großmutter Schaper hätte „zu viel Weihes int Auge". 3n6em höre ich es oben auf dem Wege stapfen und „rint- schein ; ich sehe auf und gewahre einen alten Bauersmann, der ein angeschirrtes Joch Ochsen vor sich her treibt. Er trägt eine dunkle Vchirmkappe, einen abgeblaßten blauen Leinenkittel und eine grauliche Leinenhose, die bis zu den Knien in graue Gamaschen geknöpft ist. Den breiten Kappenschirm hat er tief über die Stirn gezogen, so daß der Mützeitboden hoch aufsteht. Mit gezogenem Rücken, so daß der Kittel vorn tiefer fällt als hinten, nicht rechts, nicht links sehend, wie voll tiefer Gedanken, so geht er hinter seinen noch gemächlich toiederkäuenden Ochsen her. „Ei, sieh, Großvater Sch,aper! Ist der Mittag vorbei?" Er sieht nicht auf, erwidert auch nichts. Großmutter Schaper hält nun doch einen Augenblick mit &em Lirmenschölen inne und wendet dem dahinstapfenden Alten einen sorglich prüfenden Blick zu. Darm sagt sie zu mir, und wie mich dünkt, nicht ohne ein gewisses Ergriffensein: „Er hört nicht gut und sieht nur noch vor sich, der liebe Gott hat ihn erinnert." — „Aber er ist im übrigen noch recht rüstig und Ihrem Sohne noch viel wert", bemerke ich Die schon wieder eifrig hanttevende Großmutter schüttelt den grauen Kopf. „Ach-, lieber Gott, er ist doch schon recht stuppelig geworden, unser Großvater. Was war das für ’n Mensch, als ich ihn kennen lernte, da hätten Sie ihn sehen sollen I Ach, lieber Gott ja. Er itzt auch nicht mehr viel, bringt fein Vefperstück gewöhnlich wieder mit nach Hause; er kann's nicht mehr beißen. Das bißchen Drauntewein muß ihn erhalten. Wenn ihn nur der liebe Gott vor mir hininehmea wollte! 's könnt's ihm doch kein anderer mehr zu Danke machen. Nahezu fünfzig Jahre haben wir zusammen gelebt; da ist man so miteinander verwachsen, daß man's nicht mehr anders mag. Hat ihm bloß mal unsere junge Frau oder die Großtochter die Strümpfe gestopft oder den Kittel auSgebesfert oder 's Frühstück zurecht gesetzt, merkt er's gleich und meint, 's wäre nicht ordentlich. Ich wollte auch sonst nicht, daß er den Kindern 'mal in die Hände sehen müßte. Haben uns ja ’ne ausreichende Leib» zücht Vorbehalten, und die Kinder sind auch gewiß nicht schlecht; aber man weiß wohl: ’n alter Mann, der keine Frau mehr hat, fitzt leicht überall am unrechten Platze, und wenn er dann kindisch wird... Ist 'n alter Mensch nichts mehr nütze auf der Welt, dann lieber tot. Die alten Pferde werden ja auch- geschlachtet. Die jungen Leute haben ohnehin ihre Last. Ich habe vierzehn Kinder aufgezogen schlecht und recht. Untere jungen Leute haben erst halb so viel; aber manche Frau kommt mit sieben Kindern! nicht so weit wie manche mit doppelt so vielen. Ich will ja nichts auf unsere Frau sagen, sie kann nichts dazu, daß sie schon so jung dasitzen mutz; 's ist ’n Kreuz, das Gott ihr und dem Hofe auferlegt hat, und da kann sie nicht mehr hinter sich sehen und fragen, wer noch! da sitzt. Darum bete ich, der liebe Gott möchte rechtzeittg zu mir kommen, aber unfern Großvater vor mir hinnehmen." Sie schweigt und schwenkt emsig das Linnen im Wasser. Laut ertönt das schälende Geräusch; lauter tönt das eigene Geräusch ihrer Gedanken in meinem Herzen nach. Sie hat sich ausgesprochen nicht in tränenvoller Rührung, nicht mit well- schm-erzlichem Ach und Oh, nicht in Gram ober Groll, sondern mit einer Nüchternheit, Absichtslosi-Mt und Ergebung, wie sie nur ein alles scharf bedenkender, jeden vermuteten Fall voraus erwägender Geist zu geben vermag. Die alte linnenschölende Bäuerin erinnerte mich ein wenig an die alten Philosophen. Ich will von ihrem merkwürdigen Sterben erzählen; doch meine Gedanken bleiben haften an ihrem Leben. Gin bäuerliches Eheleben von nahezu fünfzig Jahren. Hut ab, ihr Leute, denn hier vor allem gilt des Psalmisten Wort: „Um) wenn es köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen." — Als der Großvater die Großmutter nahm, war diese — so erzählte mir nachher eine greife Nachbarin über den Gartenzaun — ein junges, sehniges Mädchen von kaum achtzehn Jahren. Sie tat es schon damals den tüchtigsten Hausfrauen gleich, denn es steckte vom Haus her ein kräftiger Trieb zum Schaffen und Sparen in ihr. Sie konnte schon damals ebensowenig eine Gänsefeder wie einen Bettler auf der Sttaße liegen sehen: die Feber nahm sie auf, dem Bettler gab sie, wenn er gutwillig war, soviel zu tun, daß er sich satt -essen, seine Blöß-en bedecken und weitergehen konnte. Ihr Mann, nun der alte stüinpeiige Karlvetter, war von Haus aus mehr den langsamen, schlotterhaften Gang gewöhnt. Ei auch, wie ihm die Dutterdiekerin — seine Frau stammte auS Butterdiek — in die Knochen fuhr! Als sie ihr erstes Kind kriegten, einen strammen Jungen, hatte sie ihn schon völlig umgekrempelt und ihm einen ganz neuen Geist eingehaucht, daß man sich überall verwundern mußte: Seht euch doch den Schaperkarll Und als sie ihr vierzehntes hatten, da meinte chon mancher: er töte doch gar zu gefährlich und dächte gar rächt mehr, daß man auch Mensch wäre. Verfolgungen und -Prozessen erblicken. Schon in einer Handschrift von 1250 finden wir die sog. „Hexeupvoben" in Wort und Bild dargestellt. Cs ist ja auch nur selbstverständlich, daß eine Angelegenheit, die das gesamte öffentliche und private Leben beherrschte, in der Literatur und der Kunst immer wieder ihr Echo und ihren bildlichen Ausdruck fand. Das vorliegende Material ist nicht nur vom kulturhistorischen Standpunkt aus, sondern großenteils auch für die künstlerische Betrachtung aufschlußreich Reichen Stoff lieferten den Künstlern besonders die Orgien, die die Hexen mit dem Teufel und seinem Archang in der Walpurgisnacht (vom 30. April auf den 1. Mai), feiern und zu denen sie auf Besenstielen, Mistgabeln, Ziegenböcken usw. durch- die Lüfte reiten sollten. (Es ist übrigens nicht immer der Harz, — Brocken, Blocksberg —, nach dem der „Hexentanzplatz" verlegt wird. In manchen Gegenden werden auch andere, einsame und kahle Höhen genannt.) So sehen wir auf einem Holzschnitt von 1489 „Unholde zum Blocksberg fahrend". Das Blatt ist charakteristisch- für seine Entstehungszeit und ihre Vorliebe für abenteuerlich- konstruierte Spukwesen und Schreckgestalten (vgl. die „Versuchung des Heil. Antonius" von Schongauer u. a.!). Die Unholde und Hexen erscheinen auf dem genannten und manch- anderem Blatt mit Tier- und Vogel» köpfen. ,— Welch unsinnige Vorstellungen man sich von den geheimnisvollen Fähigkeiten der Hexen machte, zeigen zwei etwa gleichzeitige Holzschnitte, die mit ober ohne Text als Flugblätter verbreitet worden sein mögen: „Hexen machen Donner und Hagel" und „Hexe, Milch- aus ebnem Artschaft melkend". Was die Hexen selbst anbslangt, so erscheinen sie auf diesen Blättern Mar als ausgesucht häßliche, aber immerhin als menschliche Wesen. Die Künstler haben also die allzu plumpe Anschaulichkeit «n-es noch nicht erwähnten, sehr frühen Holzschnittes über» wmrden: der wußte das „Besessensein" einer Hexe vom Teufel nicht anders auszudrücken, als dadurch, daß er einen kleinen Teufel _ auf ihrer Schleppe sitzen läßt. Als tiefinnerft „besessen", d. h. Ekstatisch verzückt, erscheinen die Heren bei Dürer und Hans Baldung gen. Grien (Grün), "ee wohl der stärkste Erfasfer dieser Wahnprodukte eines trau» rtgen Massenirvens war. Seine — zahlreichen — Hexen sind vteh'.fch widerwärtige Geschöpfe, deren sinnliche Gier um so ab- stotz-ender wirken mutz, je älter sie find. (Mit der gleichen Ausdrucksstarke hat in unserer Zeit vor allem Ernst Barlach- — Hotzschinitte zur „Walpurgisnacht" — biefert Hexsnthp wieder- aufleden lassen.) Aeuß-ere Attribute der „Hexerei" treten bei Baldung erst vereinzelt auf und bleiben immer Beiwerk. Erlebnisschwächeren unb deshalb ausdrucksärmeren Künstlern werben sie später zum WesentkichM. Schädel, Knochen, Schlangen, ekelhafte Speisen spielen auf dem und jenem „Hexensabbach" oder bei „Hexen- . wwfahrten tue Hauptrolle. — Noch- mehr gingen die neueren Äunffier aus der Tiefe in die Breite, indem sie das Thema, literarisch angekränkelt, erzählend behandelten. So matten die Astvrrenmaler des 19. Jahrhunderts, Makart, Piloch usw. oft , »Weg zürn Scheiterhaufen" oder die „Verbrennung" viit viel Volk, Richtern, Henkern und sonstigem Drum - Dran. (Erwähnt sei hier noch- ein Flugblatt von 1555, das Ms schon dre Verbrennung mehrerer Hexen ähnlich weitschweifig schildert. Aber das will nicht Kunst, sondern lediglich Tatsachenbericht sein.) Dabei bildet sich immer mehr ein neuer Hexenthp heraus^ — der dann von der Salonmalerei bis ins Unerträgliche veriiticht wurde —: QL von Keller und andere sehen in den Hexen verführerisch schöne Mädchen oder Frauen, die nicht so sthr durch Zauberei nach mittelalterlicher Auffassung als vielmehr eben durch ihre Schönheit ihre Mitmenschen um den Der- ftanö bringen (vgl. die „Deufelinnen" der Volkssagen!). Man kann darin einen Versuch sehen, das ganze grausige Kapitel menschlicher Unzulänglichkeit entschuldigend zu erklären An unserm vernichtenden Urteil über einen verbrecherischen Geistes- tiefstand vermag das indessen nichts zu ändern. Als die Großmutter sterben wollte. Ein Menschenleben aus dem Weserberglande. Bon Heinrich Svhnreh. „Guten Tag, Großmutter Sch-aper!" „Größten Dank auch!" „Noch- immer fleißig bei der Arbeit?" ,, will so recht nicht rnchr, Herr Brosebach! Hat man erst die Siebzig überschritten, lassen die Kräfte nach." „Gvoßmütterchen, Sie haben ja noch Rosen auf den Wangen," „Ach Herr, das sind die KirchHofsrosen." „Großmutter! Sie sind eine Poetin." Was denn das wäre? Als ich’s ihr zu erläutern suche, wehrt sie ab, ohne eine Miene zu verziehen. „Ich wollte nur, ich wäre heute zehn Jahre jünger, denn *g> 9laube, es gibt morgen einen guten Trockentag. Unsere junge 5j*-au stdt wieder mit der Gicht, und die Kinder, die einem schon Date (Hilfe) leisten könnten, müssen fast den ganzen lieben langen Tag in der Schule und hinter den Büchern zubringen; s ist arg, was die heute alles lernen sollen." Die alte Frau, die über den Brunnentrog unter der mächtigen Trelmde gebückt steht und Linnen schott (im Wasser schwenken), — 139 — Noch an ihrem Hochzeitstage war der Dchapersche Hof in einem so vernachlässigten Zustande, dass es beinah keinem Bettelmann entfiel, dort an di« Tür zu klopfen, — und als sie den Hof ihrem Aeltesten übergaben, war'S einer der angesehensten im Dorfe. ilni> dabei vierzehn Kinder aufgezogen? Jawrchl, vierzehn Kinder! Freilich, da must einer schon die Kunst verstehen, Kinder zu kriegen. And di« Schapersche Verstands. Länger als zwei, drei Tage hat sie nie im Kindbett zugebracht, und am dritten konnte man sie schon wieder am Herd« finden. Am so mehr gewöhnte fie die Kinder gleich ans Liegen! di« müßten sich ordentlich ausliegen, pflegte sie zu sagen. Mußte sie ins Feld, so baich fie sich ihr Kleinstes auf den Rücken und machte ihm in der Ackerfurche oder unterm Haselnußstrauche eine schattige Hütte zurecht, und die Lerchen sangen das Wiegenlied. Späterhin natürlich, mußten die Größten immer di« Kleinsten warten. War ein Junge konfirmiert, schon den andern Tag nahm ihn die Mutter an die Hand und brachte ihn zu einem Meister, den sie für tüchtig und streng genug hiät, in die Lehre. „Den Hof kann nur einer kriegen," sagte sie, „aber das Handwerk hat auch noch einen goldenen Boden, wenn man der Geselle oder der Weister danach, ist." Die Mädchen dagegen wurden frisch vom Hofe weggeheiratet. Sie standen wie die Kirschbäume am Wege, in die jeder gern hineinlangen möchte, und kamen alle in gute Bauernstellen, die älteste, Anna, auf den schönen Tweftgenhof, unterhalb des Heckendichten Hohlweges, „Tweftge" genannt. So meine alte Nachbarin über den Gartenzaun. Sines Tages finde ich, die Großmutter in ihrem wohl- gepflegten Kohlgarten. Sie hält ein abgerissenes Kohlblatt in der Hand und fiefjt ganz gegen ihre Gewohnheit eine Weile untätig darauf. „Ich, habe ein weißes Blatt gefunden", läßt sie sich bei meinem Herankommen vernehmen, und als ich sie darauf fragend ansehe, fährt sie fort: „Ein weißes Blatt am jungem Koh l — das bedeutet, es wird'einer sterben in unserer Fanrilie." And noch andere Erscheinungen von gleicher Bedeutung führt fie an: Gestern schon habe sie ein weißes Dohnenblatt gründen, und beim letzten Back wäre die Oberrinde eines Brotes ge- klobsn: auch ginge die Glocke seit einiger Zeit so traurig: das seien gewisse Zeichen. „Aberglaube, Großmutter." „Nein, Herr", erwidert sie ruhig, wie nur der erwidern kann, der seiner Sache völlig gewiß ist, „das ist die Zeichens spräche Gottes." Wirklich ging es kurze Zeit darauf mit dem Großvater zu Ende, und als ich dann die Großmutter sah, zeigte fie eine Nuhe und Gelassenheit, daß mancher sie für gefühllos halten mußte, der ihr nicht ins Innere sah, in ihren Lebensäußerungen nicht die natürliche Folge ihres einfachen Denkens und fürsorglichen Wünschens erkannte. „Er ist wohl dran", tröstet sie sich und ging unverdrossen ihrem Tagwerke nach Als am andern Morgen der $ote, „ausgeläutet" wurde, brach sie zum ersten Male in karge Tränen aus, und als man am dritten Tage den Sarg vom Hofe trug, kam die zweite heftige Bewegung über sie. Als sich aber der Hügel über dem Sarge wölbte, trocknete sie sich mit der Schürze die spärlich feuchten Augen und schien nur noch zu denken: „Lieber Gott, nun ist imser Großvater in Sicherheit: nun kann's an mich, kommen." Noch einmal zerdrückte sie ein paar Tränen und dann nicht mehr. Der Leichnam hatte in dem Altenteilsstübchen auf dem Stroh ihres gemeinsamen Bettes gelegen: jetzt trug die alle Frau das Stroh hinaus, frisches hinein, ftifches Bettzeug darauf und schlief schon die folgende Nacht wieder, und zwar nun allein, auf der Stätte, die sie seit fünfzig Jahren mit dem Manne geteilt hatte. Die landläufige Furcht vor dem Wiederkommen kannte fie nicht; Totengraus im eigenen Haus war ihr fremd; die Gedanken dieser ersten Einsamkeitsnacht hat jedoch niemand erfahren. Einige Zeit darauf treffe ich die alte Witfrau wieder einmal, und es fällt mir sogleich auf, daß sie etwas gebückter geht und angegriffen aussieht, auch mit matterer Stimme redet. „Ich werbe unserem seligen Großvater mm bald folgen", sagt sie, „und ich bin froh darüber, denn meine Stärke ist hin, ich bin wie ein altes Pferd und gebe nichts mehr für mich Möge der liebe Gott nur kommen. Er findet eine, die mit Freuden zur Ruhe geht, nachdem sie so lange die Sorgen des Lebens getragen hat. Die jungen Leute müssen auch sehen, daß sie fertig werden." Als ich ihr die Todesgedanken ausreden will, streift sie den linken Aermel ein wenig zurück und deutet auf zwei braune Fleckchen, die sich gegen die übrige Hautfarbe scharf abheben. „Das sind Totenflecke", erklärt Großmutter Schaper mit aller Zuversicht, und da ich ihr auch diese Meinung ausreden will, hält sie mir weiter entgegen, daß fie schon feit drei Nächten beständig von ganz reifen, dicken, schwarzen Zwetschen geträumt habe; zudem höre sie die Tvtenuhr seit einigen Nächten wieder in ihrer Dettwand gehen. Sie bleibt unerschütterlich in dem Glauben an die gottgewollte Bedeutung all dieser Zeichen, zumal da ich zugeben muß, daß sie vor dem Tode ihres Mannes dis »Zeichensprache Gottes" richtig gedeutet 6at. Die Großmutter ist mit dieser Daturanfchauung jung gewesen und alt geworden, und ich komme zu der Aeberzeugung, gegenüber diesem abze- schlossenen Dolksgemüte wäre es eine zwecklose Zudringlichkeit, ivollte ich noch weiter dagegen eifern. Zu denn alljährlichen Leibzuchtsgegenständen der Großmutter gehörten u. a. anderthalb Stiegen Linnen, ein Paar Schuhe und ein Deiderwandsrock. Das Linnen nahm fie noch einmal, um es ihren Töchtern, die hinausgeheiratet hatten, zugute kommen zu lassen: aber auf den Deiderwandsrock und weitere Bekleidungsstücke verzichtete fie, und als die Schuhe in Frage kamen, sagte fie: „Das Geld sollt ihr sparen; ich geh' ’r nicht lang« mehr." Großmutter Schaper wurde wirklich krank, ja so krank, bah sie sich, etwas ganz Anerhörtes in ihrem Leben, am Hellen luchten Tage ins Bett legen mußte. Die großen Schmerzen vermochten aber in dem ehernen Antlitze nur den Ausdruck der Zufriedenheit und Genugtuung auSzuprägen, der Zufriedenheit und Genugtuung darüber, daß sie am Ziel war. Sie wünschte nichts mehr; ihr bangte nur, noch leben zu müssen, wenn sie nichts mehr tun könnte; darum war ihr einziger Wunsch und Wille, der liebe Gott möchte es kurz machen, damit nicht zu viel um sie versäumt würde. Als ihre Kinder den Arzt kommen lassen wollten, sträubte sie sich hartnäckig dagegen. „Wacht euch ja diese unnützen Kosten nicht, das sage ich euch. Der Doktor nimmt für den Weg die Zinsen von mindestens 50 Talern und helfen kann er mir doch nicht. And dann erst der Ap'theker! Für die Rechnung müßtet ihr sicher einen ganzen Wagen voll Buchenklüfte nach Northeim fahren." Wirklich mußte man es dabei bewenden lassen, denn sie lieh sich nicht Herumkriegen, und etwas gegen ihren Willen zu tun, unterstand sich, Niemand. Dagegen verlangte Großmutter, als die Sterbensnot größer und größer wurde, nach dem Seelsorger, ihr das heilige Abendmahl zu reichen. Sie hatte sich in ihrem Leben stets als eine Frau von strenger Frömmigkeit erwiesen und war sich keines Morgens oder Abends bewußt, an dem fie nicht „Richtigkeit" gemacht hätte mit ihrem Gott. Zur Kirche pflegte sie regelmäßig jeden zweiten Sonntag zu gehen, obgleich ihr die Zeit, die sie da müßig fitzen mußte, manchmal fast leid tat, denn es war ihre Art, zu hören und zu reden, ohne in der Arbeit innezichalten. Wäre es nach ihr gegangen, wer weiß, da hätte man im der Kirche Strümpfe stopfen oder Hosen flicken müssen. Der Geistliche kam, rüstete sie aus mit dem heiligen Sakramente, segnete sie und schloß etwas eilig: „ Fahre hin in Frieden". Der dies erzählt, stand an dem Sterbelager und mußte erstaunen über den Dterbenseifer und die starke Himmelshoffnuag, die Großmutter Schaper in Wort unb Miene aus drückte. Sie dankte für alles, was man an ihr getan, mahnte, die üblichen Gebühren richttg zu bezahlen und erwartete in großer Zuversicht das ftlige Ende. — — Im Dolksmunde geht das Wort: Wenn ein Schwerkranker das heilige Abendmahl empfangen hat, da wird es sich bald entscheiden: Entweder er stirbt, oder — er wird wieder „zurecht". And wie entschied sich's bei Großmutter Schaper? Ei, mtw auch! Drei Tage später sah ich sie schon wieder am Brunnentrog e unter der Tielinde Linnen schälen. Ja, wahrhafttg, sie wurde wieder „zurecht" und brauchte sowohl die neuen Schuhe, als auch den neuen BeidermannSrock, und hat beides noch manches Jahr getragen. — An ihrer abergläubischen Naturerscheinung ist sie dennoch nicht irre geworden. Sie hätte, wie sie wiederholt versichert, die Zeichen nur irrtümlich auf sich bezogen. And der Tod, der in jenen Tagen im Nachbarhause einkehrte, gab ihr gutmütig recht. Danach ist ein halbes Jahrzehnt vergangen. Großmutters Schwiegertochter, die stille, gute, nur nicht so arbeitsstarke Frau, starb eines schweren Todes, als sie ihrem neunten Kinde das Leben geben wollte und der Arzt des Kirchstädtchens auf Reisen gegangen war. Der Witwer hat sich den erschütternden Fall sehr zu Gemüt« gezogen und ist oft nahe daran, allen Lebensmut zu verlieren, zumal als sich dann herausstellt, daß ferne noch ledige tüchtige Frau einen Wann mit „so vielen Kindern" heiraten wollte. Die Großmutter aber, so krumm und runzlig sie auch geworden ist, steht vom frühesten Morgen bis zum spätesten Abend am Ruder, feuert an und löscht ans, tröstet und treibt und bewahrt den Hof noch einmal vor dem Untergänge. Der Glückssall. Don Luis« Glaß. (Fortsetzung.) And traf das nicht wieder den Nagel aus bett Kopf? Trieb's ihn nicht zu albernen Reden? Hatte er sich nicht aufgebläht iu seiner Geldhofsart, wie ein Luftballon, bis dicht ans Platzen? — Aber so flink wie zu Aebermut und Torheit war der kleine Ede zum Nachgeben bereit. Er streckte Karl die Hand über den Tisch: „Nichts für ungut. Du sollst recht haben, nimm mich mit zum Großkopf und mach' was Gescheites aus mir." Karl war nicht so flink, weder zu dem einen noch zum andern, aber der Gelbschnabel war seines Liesels Bruder, also nahm er die Hand und antwortete: »Gut, ich bring dich zum Großkopf." 140 „Und jetzt muh Liefet heim, denn das gehört zu Euern Arbeitsjahren, dah Ahr drüben kein unnötig böses Mut macht", redete die Muhme das Schlußwort. Eine Viertelstunde später schaute Liefe! drüben durchs unverhangene Fenster. Karl war mit dem kleinen Ede in die Goldene Gans gegangen. Zwar an dem einen Goldstück konnte er sich nicht allzu viel Schaden tun, aber dah dem Sohne aus dem Grotzenlos-Haus herite schon bis arif den Kirchturm geborgt werden würde, darauf kannte Peterlein feine Fleischergasse. Drinnen waren die Kinder des Goldstückspiels inüde geworden. Sin Zwanziger hatte sich verkollert, der andere lag breit rrnd blank vor dem Ofen. Flora sah dem Vater auf dem Knie, todmüde vom Grognaschen. Adolf drängte sich an die Mutter und war noch begehrlich. Onkel Ede lachte selig vor sich hin, das Ehepaar redete eifrig aufeinander ein, Großvater allein regte die Hände, er war beim letzten Knopfloch und summt« sich das Schneiderlied dazu. Das hatte er noch aus den Gesellenjahren, wenn er fröhlich war, sang er das Lied, womit ihn die andern hätten verulken können. Wenn ich nur schon drin wäre, dachte Lisbeth, nun wollen alle wissen, wo ich gewesen bin!. Da sagte eine derbe Stimme neben ihr „Guten Abend", und als sie sich umwandte, stand das Ehepaar Knüttchen an der Tür. Er war noch einer von den Schuhmachermeistern, die sich gern Schuster nennen lassen, weil ihr Vater so genannt worden ist, und sie, „sein Jettchen", die Schwester von Ede und Jule Vierling, hatte die guten Eigenschaften beider Vrüder mitbekommen: von Ede die Lustigkeit, von Aule die Verträglichkeit. Jetzt kamen Schuster Knüttchens, um nachzuschaan, ob „was an dem Glücksfall sei, von dem geredet wurde vom „Hirschen" bis zur „Gans" und noch um die Ecke herum". Statt aller Antwort zeigte Lisbeth nach dem Goldstück vor dem Ofen. „Aa, Jettchen, da wollen wir gratulieren." Im Schatten des Schusterpaares kam Lisbeth unbefragt in die Stube. Dort munterten die Gäste die ermüdete Lustigkeit wieder auf, es wurde noch einmal Grog gebraut, und Großvater hing den fertigen Rock weg. Dann klopfte er Jettchen auf die Schulter. „Siehste wohl, nun könnste eine andre Partie machen, wenn du gewartet hättst." Jettchen lachte dazu, sie war zufrieden, und ein Erbgroschen fiel dermaleinst doch an sie ab. Grotzvater zwinkerte ja auch humoristisch mit den Augen, halb ernst war's ihm aber gleichwohl, denn Knüttchen sah von seinem Schusterschemel sehr hoch herunter auf das ehrsame Schneid erhandwerck, was schon allenthalben Schrauberei gegeben hatte. Außerdem pflegte er gar noch zu sagen: „Ich bin auch inwendig Schuster, und ihr seid auch inwendig Schneider, in welche zwei ehrsame Handwerksarten sich die ganze Menschheit einteilt, die Schneiderseelen sind Windfahnen ohne Richtung — alle Tage ein ander Ziel — Schuster aber sind nachdenkliche Leute, sitzen fest auf ihrem Schemel, wissen, was sie wollen, verstehen den Hammer zu führen, und sehen die Welt als wie in einer hellen Kugel. Msmarck is natürlich ein Schuster gewesen." Damit hatte Knüttchen die VierlingsverwmMschaft manch liebes Mal geärgert, und so sagte der Albe jetzt mit tiefinnerem Behagen: „Auch Schneider können Glück haben." „Warum sollen Schneider kein Glück haben? Erst recht! denn Glück ist das einzige, was sie vorwärts bringen kann", antwortete KnüttchSn. Darauf setzte er sich vor seinen Grog und wurde gemütlich. Und wie er da so gemächlich beim Grog unter seiner glückbegünstigten Sippe saß. kam ihm ein Einfall, dem ging er nach. Darüber wurde er immer stiller und immer heitrer. Als er um zehn zum Rachhausegehn aufstand, war der Einfall reif. „Hör' mal, Vater", begann er, „dein Geld legst du doch wohl ruhig hin, da weiht du, was du hast, in ITirternehmitngen würd' ich's an Eurer Stelle nicht stecken. Aber könntet Ihr mir so'n 5000 Mark borgen, gegen verwandtschaftliche Zinsen, dann kaufte ich mir Leder auf Vorrat — ist gerade billig und wird teuer —, und setzte mir noch einen Gesellen hin — bann soll auch mir Euer Geld durch Arbeit Degen bringen. Ree! — ant« wartet nich gleich, weder ja noch nein — auch Familiengeschäst« muß sich eins «ine Rächt lang beschlafen Morgen abend hol ich mir Antwort." Ede ließ das Ehepaar hinaus und schloß di« Türe hinter ihm zu. Als er wieder in di« Stube trat, sagte er großartig: „Das Geld kriegt er — schon damit die Verwandtschaft nich mehr fo bärmlich is." llrtb Aule fügte hinzu: „Wir schenken'S ihm." Aber da starch der Großvater auf und klopfte mit seiner dicken Schere auf den Tisch „RichtS Wirch geschenkt. Dem nicht! — Hat uns einer was asfetenkt? — Aber borgen können totr’3 ihm meinetwegen, dem Großtuer, der vom Segen der Arbeit falbrSert, als wenn unsereiner noch keinen Fingerhut zernäht hätte — und seinen Schuldschein häng' ich mir übers Bette." Am andern Morgen, als die Familie Vierling di« schweren Köpfe noch kaum aus den Betten erhoben hatte, kam ein kleiner, beweglicher Mann, den sie nicht einmal von Ansehen kannten. Der bot den Reichgewordenen seine Dienste an: Was sie auch wünschten, er schaffe alles. Einen schönen Laden von wegen der notwendigen Geschäfts vergrößerurig. Billige Waren aus einem Partieverkauf, um den Laden zu füllen. Ein feines Zinshaus in allerbester Gegend, wo noch nicht allzuviel stünden. Jndustris- Papiere mit sechs Prozent oder sieben. Ern Lcmdgütchen. Einen Käufer für das Anwesen in der Fleischergasse. Brave Gesellen, die der Herren Vierling Arbeit fast für umsonst tun würden. War den Herren Vierlings schon nicht ganz klar im Kopf gewesen von wegen des Freudengrogs, so wurde ihnen jetzt völlig schwindlig zumute über den vielen Möglichkeiten, die sich vor ihnen auftaten. Vater Jule hielt sich den Schädel und starrte den Agenten an, der Großvater kam auf seinem Gewohnheitssitz am Fenster vor lauter Staunen nicht mit dem Deineunterschlagen zurecht. Die Mutter sah so viel herrliche Zukunftsbilder auftauchen, daß ihr jedes entschwindende leid tat, nur Ede, der als Junggesell das Grogtrinken noch zog die Hausmühe tief, wie vorm Landesvater; Radlers Emilie schrie ihr Gottes Segen über den Weg und setzte hinzu, sie habe schöne neue Kämm« für reiche Leute. Bäcker Weihwang« empfahl ihr Rosinenbrot zum Frühstück und Fleischer Hackstock Offiziersleberwurst, wie sie der Oberst äße. Das tat ihr gut. — Emmeline Vierling ging an Großvaters Förster vorbei bis zum Bereich der Goldenen Gans und genoß auch da von Haus zu HauS Beachtung und Ermunterung, daS hereingeschneite Geld unter die Leute zu bringen. Als sie in die Änterstube trat, sagte sie: „Die Fleifcheraasfe gefällt mir besser, als alles andere, ich dächte, wir blieben! wöhnen." Dem Großvater wurde das Herz leicht. „Das dächte ich auch, wo einer Glück gehabt hat, soll er bleiben." „Aber verbessern müssen wir uns natürlich', fetzt« die Frau schnell hinzu. „Rebenan des Seilers Haus könnten wir kriege«. Wenn wir da Türen durchbrechen, gibt's ein feines Anwesen. Ratürlich verschönern —“ „ Auftaleln", sagte Onkel Ede todernsthaft, „wollen wir'S in grünen Sammet stecken, wie den Adolf, oder in roten, wie die Flora?" Das hätte die Frau beinahe übel genommen, aber sie war doch zu vergnügt, rmb di« VerbesseruNgsberatungen wollte sie sich auch nicht durch Maulen verderben. l Fortsetzung folgt.) Vchriftleitung: Dr. Friedr. Wich. Lang«. — Bruck und Verlag der Drühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, *K Sang«, Dietzen