Eichener zamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Mrga»g„rs " Dienstag, den LI. Marz «MWWtM Pflügers (Bebet Bon AdslfAuguft Saffau Herr, die Schollen wenden sich, Offen liegt die junge Erde Deinem Segen, und fo sprich Wie am erstell Tag: Es werdet Herr, die Furchen auf und afc Werd' ich Samen streuend «chen. Laß aus seinem still«! ®$äo Alles fröhlich auferstehen. Herr, und nimm in deine Hut Meines Feldes edle Gabe, Daß ick Brot für meine Brut Auch in diesem Lahrs habe. Südfranzösifche Reifebriefe. Don Fritz Diettrich. find Leuchttürme, die untrügliche» Zeigefinger der Schiffahrt, in der Der grelle Lichtschein von meinem Abteil jagt draußen neben dem Wagen her. Durch ihn Hindurch müssen alle Pflanzen der Riviera, die hart am Schienenstrange wachsen, noch einmal gehen. So kann ich von jedem Olivenbaum, von jeder Agave, Pinie und Zypresse Abschied nehmen. Sie ziehen wie ein schneller Traum durch diese Helle. Dann fallen sie wieder in Die nässe Dacht zurück, und bleiben auf dem Fl-eck, der sie HHeünatet. ' , Auf dem Bahnhof in Toulon Hatte ich ein Erlebnis, das manchen meiner Landsleute bestimmt verdrossen Hätte, das mich ober durch seine Komik ungemein entzückt hat. Ich ließ mir vom Büfett, das den Bahnsteig entlang fuhr, «eine Flasche Limonade ins Kapee reichen. Ich wußte genau ^daß diese Flasche zwei Franken 50 Centimes kosten würde. Der „garxon". der mein Geld bereits in her Tasche hatte, gab mir jedoch eine Flasche, die nur drei viertel voll war. Ich gab ihm diese Flasche ruhig wieder zurück und fragte, ob er nicht auch volle Flasch«! verkaufe. Regentage in Nizza. Zwei Tage Regen in Nizza bedeuten für mich ein verlorenes Paradies. Während der Mahlzeit nehme ich mit den langweiligen Bespräche» eines Engländers vorlieb, der wie eine alte Jungfer ÄUstieht. Mil Franzosen kräusle ich in endlosen Konversationen an der Oberfläche hin. Daun und wann versuche ich auszugehen, und renne die Strandvromenade entlang. Ich höre die Stimme der Flut wie aus einer Muschel rufen. Der Regen siebt mit gleichmäßiger Intensität nieder. Autos sausen mit einer wahren Wonne durch die Pfützen. Palmen und Blumen und Orangenbäume nehmen sich geradezu tragisch aus in diesem nordischen Landregemmlteu. v , _ . An solchen Tagen merkt man schließlich auch, daß es in Nizza fünf- bis siebenstöckige Häuser gibt und daß die Fronten der Grand Hotels wahrhafte Meisterwerke architektonischen Kitsches sind. Man fühlt sich wie eine Made im Innern eines Apfels: Wan frißt sich durch und ist dennoch elend gefangen. Trotzdem Habe ich mich keine Minute gÄangweilt: @8 Jjatte nur alles, was ich anfing, einen kleinen Fehler. Das ging bis ins Alltägliche hinab. Bestellte ich Schokolade, brachte man mir Kaffee. (Selbst einen Mnszig-Rentenmarkschrin wollte em Jüngling der Algier-Dank als 50 Pavrermark ansehen!) Ich werfe mick in ein Auto und sause einige Kilometer westwärts den Strand entlang. Die Ferne ist ausgelofchen. Mühsam und unfroh kommen die Wogen heran und werfen sich erschöpft auf die Steine nieder. Die Häuser springen wie Wegelagerer plötzlich aus dem Grau hervor und sind im Ru hunderte von Metern Hinter mir. Wie seltsam und phantastisch die sonst mit übergroßer Klarheit beschenkte Landschaft fein kann, merke ich auf dieser Fahrt zum ersten Male! Jede Zypresse scheint plötzlich geladen mit Dämonien und jeder Mimvsenstrauch Hängt traurig wie ein gebrochenes Frauenherz im Leeren. Mei« Auto kehrt um und trägt mich zur Stadt zurück, die als sacht ausschÄnmernder Lichtbogen in der frühnächtlichen Ferne liegt. Ich kann das Gefühl nicht loswerden: Zwei Tage Regen in Nizza bedeuten für mich ein verlorenes Paradies. Jede Palme streute das Regenwasser literweise nieder, das rund um deck Stamm einen weiten Kreis in Den Sand wusch. Die Berge, dis letzten Ausläufer der Alpen, lagen unwirklich zufanrmengeklumpt. Die zärtlichsten Blumen, die resigniert die Kelche nirderüvgen, waren noch viel weniger dazu angetan, die Stimmung zu Heben. Reben dem Kaffeehaus, in dem ich sitze, befindet sich ein erstklassiges Blumengeschäft. Doch Nicht nur Blumen, sondern auch besonders erlesene Früchte kann man dort kaufen. Große Orangen ruhen wie Feuerangen in den Auslagen, auf violetten Samt gebettet. Kleine Zettel Weben an ihnen mit der Aufschrift: Jerusalem. Bethlehem, Razareth usw. Wie ich Höre, sollen ganz besonders die Engländer hinter dies«! Heiligen Früchten? Her fein. Es ist eine lange Reife, die solch eine edle Frucht vom Heiligen Land machen mutz, um über dm Spleen eines Engländers in Hessen Magen zu landen. ♦ Der Expreß trägt mich durch die nasse Nacht die Revier« entlang. Rach Marseille zurück. Das Meer Legt wie ein unge- Heuer schwarzes Auge, das manchmal verhalten aufblitzt. Dann Ja, mein Herr, die verkaufe ich auch! Aber sie kosten 50 Centimes mehr!" antwortete er ebenso liebenswürdig wie verschmitzt. Ich lachte laut auf über diesen provenzalischen Eulenspiegel, griff nochmals nach meinem Portemonnaie '.md warf ihm der Zug hatte sich bereits in Bewegung gesetzt — 50 Centimes zu — als Douceur für seinen gelungenen Scherz Arles, Tarascon, Avignon. Arles. Hier hat Bincent van Gogh die unendliche Somu in seine Bilder heruntergebetet. Mit jeder Straße, mit jedem Borstadtgarten schmeckt man die Wunder feiner Werk noch einmal nach. Gin Dach ist da. Eigentümlich geriet wie tausend andere hier. Die Hand mochte unwillkürlich Dem Schwung nachgehen, den die Rohrfeder des Meisters beim Zeichnen dieses Daches gegangen ist. Ein Gerümpelhvf, wie er sich im Winkel jeder Stadt wiederfindet, hier wird er einem zum Erlebnis, weil uns die große Magie des großen Künstlers befällt, weil wir mit den Augen van Goghs dir Wichtigkeit der Ding-r erkennen. Einen Geistesgruh schick ich der Seele des Unsterblichen ins Lichtreich nach. Arles war schon zur Zeit der Römer Der ZusammenfluH des gesamten Reichtums der Provenze. Später ward es von den Westgothmr, Burgundern, Franken, Sarazenen vielfach bestürm! und zerstört worden. Aber lein Schwert konnte diese Stadt in den Orkus stürzen. Stets ward es von der Betriebsamkeit des südlichen Handels wieder in die Höhe gerissen. Das ückeressanteste Denkmal in Arles auS dem Altertum ist ohne Zweifel das römische Anrphitheater, das, ein gewaltiges Oval, mit seinen dunklen Bogengängen daliegi. Allerdings sehr gebeugt von den Jahrhunderten. Auch über dies Theater, des 16 000 Menschen fassen konnte, ist der Siegeszug der römischen Kultur gegangen, einer Kultur, die zwar an sich zugrunde gehen mußte, die aber ausgeheilt in alten späteren Kulturen Europas werterlebt. * Tarascon, die entzückende Provinzftadt, die harmonisch den Windungen des Rhvneflusses "folgt, ist bekanntlich die erdachte Heimat des schlauen Tartariu, den Daudet in den Himmel der Unsterblichkeit gehoben hat. Hier fesselte mich eine hübsch« Legende, die man sich über Den Ursprung des Namens Tarascon erzählt. . Es war in den ersten Zeiten der christlichen Aera. Dre Stadt existierte schon. Haudrltreibende Marfeitler hatten iU 17 Kilometer nördlich von Arles gegründet. Später hatten dir Römer sie durch eine Festung gesichert und gaben ihr den Namen Arx Jovis. Aber ein Ungeheuer verwüstete ringsum die fruchtbare Landschast. Es war von frei1 Art eines schrecklichen Drachen, von der Größe eines Mammuts, mit einem Löwenkops und einer Pferdemähne, mit Zähnen, von denen jeder einzelne scharf wie ein Schwert war. Der Rücken des Untieres war scharf wie eine Sichel. Sechs kurze Beine trugen den Riesenlriv von phantaslifcher Häßlichkeit. Wan nannte es „tarasquT', das bedeutet so viel wie häßlich, mißgestaltet. Dieser Tarasque nährte sich von Tier- und Menscherstletstß. Die Bewohner von Arx Jovis, die damals noch alle BaustA — 102 - betracht dieser glücklichen Einteilung springr er aus dem Beit, eilt in den Keller und holt sich seinen gehäuften Eimer aus Schnorzes' Kiste. Kaum hat er angefeuert, erwacht nebenan Schnorze, der Siebenschläfer, und hört, wie es drüben im Ofen kracht. Nobel! sagt er sich, in aller Frühe ein Feuerchen, das tut gut; der denkt nicht ans Sparen! Llnd angeregt durch die Vorstellung eines warmen Zimmers, kommt er auf die Idee, die Kohlenfrage für sich so zu lösen: Einen Eimer wird er von Päbels, einen von Zimbs und einen von seinem eigenen Vorrat nehmen. So Wirer glücklich den Winter durchkommen. Er erhebt sich, gurgelt mit Salzwasser, hüllt sich in seinen Schlafrock und stapft m den Keller, wo er einen gestrichenen Kübel von Päbels Kohlen holt. Vald strahlt auch sein Ofen eine erquickende Wärme aus. Richt lange, und die drei Freunde trafen sich bei der Bereitung ihres Frühstücks in der Küche. „Morgen, Morgen!" „Lag, Lag!" „Schon ausgeschlafen?" . „Haha, sogar schon eingeheizt!" heißt es allseitig in aller- bester Laune; und Päbel brüht seiiien Tee auf, Zimb mahlt Kaffee und vchnorze rührt Kakao an. „Diese Kälte, was?" , , ... „Gut, daß wir jeder einen kleinen Vorrat haben! „Will es glauben, ha!" „ .. Man ist geschäftig um den Gasherd, ist voller Gefälligkeit: „Soll ich brennen lassen?" „Ach, danke vielmals!" ~ . „Warten Sie, ich gebe Ihnen etwas Sahne zum Tee, das schmeckt." „Famos, famos!" Man wünscht sich gegenseitig das allerbeste. Dann dringt aus jedem Zimmer das Klappern der Löffel, Schlürfen, das Krachen knuspriger Brötchen, die der Hausmeister gebracht hat, und der Tag hat einen angenehmen Anfang genommen. Die Lösung der Kohlenfrage scheint ausgezeichnet und bewährt sich. Noch nie vollzog sich der gemeinsame Haushalt so reibungslos. Die Luft ist geschwängert von Tolvranz und Liebenswürdigkeit. Man lächelt sich zu und nickt: „Sie haben heute Nacht im Traum geschrien?" „Wirklich? Ich habe doch hoffentlich nicht gestört?" „Hat nichts zu sagen, ich kam erst nach Hause." „Wie peinlich, und Sie?" „Ich war noch wach und las, von Störung nicht die Nede! Doch so kann das nicht weiter gehen. And sieh, eines Morgens steht Zimb nachdenklich vor seiner Kohlenkiste und überlegt: Kein Zweifel! Die Saubande bestieht mich! Nein, das ist stark! Was soll ich tun? Entrüstet füllt er seinen Eimer aus Päbels Kiste und beschließt, von nun an seinen Vorrat ganz zu schonen. Da aber Päbel sowohl als auch Schnorzes gelegentlich eines scharfen Blickes in ihre Kisten von der nämlichen Erkenntnis durchdrungen werden, und so denselben Vorsatz f affen, nimmt die Gerechtigkeit, die göttlichen Ursprungs ist, rüstig ihren Fortgang, der Inhalt der drei Kisten vermindert sich gleichermaßen, wie durch Zauberhand. Die Stimmung im Hause indessen leidet. Anmut herrscht. Argwohn lauert. Von Toleranz keine Spur: „Sie werden hoffentlich bald fertig mit Ihrer Kaffeeaufgieherei?" „Wie? — Ein Nadau ist nachts in dieser Wohnung! Man schließt kein Auge." „Sie werden sich durch Ihr ununterbrochenes Geschrei im Schlafe selbst auswecken, das verträgt der stärkste Mann nicht. „Kein Wunder, daß Sie schreien, Heizen Sie nicht auch nachts?" Dann aber, gerade als es anfängt, recht winterlich zu werden, daß man ein warmes Zimmer dringend brauchen kann, erstarrt eines Morgens Päbel im Keller zur Salzsäule. Er recht den Mund weit auf und auch die Augen, und bleibt so. Seine Kiste ist Teer. Nicht völlig leer, man kann noch einen Eimer zu- sammenkratzen, wenn man sich Mühe gibt, aber sie ist fo gut wie ausgeräumt. Das ist ein Schlag! Päbel hat seit einer Woche nicht iiach seiner Kiste geblickt infolge einer merkwürdigen, unangenehmen Hast, die sich ins Kohlenholen eingeschlichen hat, da Zimb schon immer auf der Treppe hörbar wird, kaum dich er mit der Schaufel in die Kohlen fährt. Heute ist das. Hers, heute kann sich Päbel Zeit lassen, denn er steht vor seiner Ktstet und eigentlich nur darum, weil er bemerkt hat, daß der Vorrat der Freunde ganz bedenklich zusamniengeschrunipft ist. Aber, aber — er faßt sich an die Stirn: Was W weit geht, geht zu weit! Päbel sieht noch nicht völlig klar in dem Problem, doch sein« Entrüstung ist grenzenlos. And da kommt auch schon Zimb. Zmw naht mit dem Anschein der Gemächlichkeit, doch lauernden Blickes, er stellt sich an seine Kiste, als bestünde das Leben aus harmlosen Zufällen, er holt mit der Schaufel aus, dann aber gwt es ihm einen Ruck, und er läßt die Schaufel und seinen Eimer fallen. Gr starrt in die Kiste, die leer ist oder doch so gut wt« leer; so ein bißchen Mist liegt ja noch drinnen, nein, da hört NW doch wirklich alles auf! Während er in finsterem Groll grüven, Waren, entschlossen sich, die heilige Martha, die Freundin Ehristi, um Hilfe anzurufen. - Denn der Sage nach sollte sie damals in -er Provenze leben. Die Martha erhörte ihre Bitten und begab sich geradewegs in die Höhle des Drachen. Dort befahl sie dem Angeheuer, im Namen Jesu zu ihr zu kommen, ohne jemaniert etwas Böses zu tun. Dem Befehl kam es sogleich mit der Sanftmut eines Lammes nach, warf sich der Heiligen zu Flitzen und ließ sich alsdann zum Volke führen, von dem es sofort getötet Wurde. . V - Von da ab nannte sich die ütabt, die bald einen blühenden Ausschwung nahm, Tarascon. Mehrere Grafen der Provenze erwählten sie zu ihrem Lieblingsaufenthalt. Ein mächtiges Schloß ersetzte die römische Festung. Dieses vchloß, das im 15. Jahrhundert wieder aufgebaut wurde, spiegelt noch immer feine mäcktigen Türme in der Rhone. Es trägt den Namen des guten Königs Rene, dessen Andenken jedem Provenzalen teuer ist. Avignon. Es ist etwas Vamphrhaftes in diesen Gassen zu spüren. Düster schieben sie sich durch! die alten Teile der Stabt. (Die Vorstadtstraßen dagegen liegen südlich-heiter ausgestreckt!) Von 1305 bis 1377 war Avignon das Zentrum der gesamten Ehristenheit. Heut sieht man der mittelgroßen Provinzstadt die einstige Bedeutung kaum an. Nur hier und da taucht über einem Torbogen das bekannte päpstliche Mappen auf, wetterleuchtet es. aus der Glanzzeit dieser Stadt. Fern von allem Prunk erheben sich über der Stadt die Mauern des alten päpstlichen Palastes. In seltsamem Gegensatz dazu stehen Baum, und Strauch, die eine natürliche Ornamentik um diesen sachlich-nüchternen Baus- bilden. Die Kathedrale Notre Dame des Domes enthält als Sehenswürdigkeit das herrliche Grabmal Papst Johann XXI l. Es ist mit seinen Spitzen unb Türmchen ein klingendes Spiel bet Gothik, und erinnerte mich sofort an Peter Vischers Sobaldusgrab. Ich verlasse auch diese Stadt mit den unheimlichen Straßen und frechen Gesichtern, und eile im Expreß über Belfort und Straßburg, der deutschen Grenze entgegen. Indes meine Pariser Freunde noch um mich bangen und täglich nervös die Zeitungsnotzizen durchstöbern, sitze ich wieder wohlgeborgen in Deutschland. Meine Frau läßt die Seidenstoffe, die ich für sie in der Rue de Lafahette in Paris gekauft habe, voll Endlicher Freude durch die Finger gleiten. Mein Junge sortiert auf seinem Tische verschiedene Donbonarten, die ich für ihn in Nizza zusammenpacken ließ. Der und jener meiner Freunde wird heute abend zugegen sein, um einer großen Päte de Lyon den Leib zu öffnen. Nur ich selbst bin geschwächt wie nach einer überstandenen, aber durchaus nicht leichten Operation. Päbel, Zimb und Schnorzes. Bon Rudolf Schneider. Päbel, Zimb und Schnorzes haben jeder eine Kohlenkiste für sich Der Winter ist lang, aber die Kisten sind groß, und man hat vorgesorgt: Alle drei sind wohlgefüllt und stehen in je einer Ecke des Kellers. Bretter find darüber gebreitet, darauf ruht das Holz. So hat jeder das feine, und es können keine Verwechslungen passieren. Hat man alles gemeinsam, dann heißt es gleich: Du nimmst zuviel, das geht nicht; hat aber nur einer etwas, bann muh er befürchten, daß die anderen von seinem Vorrat zehren. Nicht daß man einander mißtraute ober kleinlich Wäre — aber so ist es in jedem Falle angenehmer; eine glatte Rechnung. Päbel, Zimb und Schnorzes wohnen gemeinsam in einer Wohnung. Jeder hat sein Zimmer mit eigenem Eingang und eigenem Ofen, und wer es warm haben will, geht in den Keller, holt sich Kohlen aus seiner Kiste und heizt damit ein. So ist es ausgemacht und übrigens ist das selbstverständlich. Bedienung hält man feine mehr, bas ist zu teuer für Junggesellen. Jeder wischt den Schmutz nach feinem Belieben in die Ecke ober läßt ihn ruhen. Jeder von den dreien führt auch sein eigenes Leben; man ist zwar befreundet miteinander, aber deshalb will man in der Hauptsache doch seine Ruhe haben. Natürlich ist gegenseitige Rücksicht, Schonung und Ehrenhaftigkeit die allererste Pflicht, die man sich zu erweisen hat, doch das ist auch« selbstverständlich. Also wandert am ersten kalten Tag Päbel, der ein Frühaufsteher ist und sehr verfroren, mit Pantoffeln und der Wolldecke um den Bauch, in beit Keller, um sich Kohlen heraufzuholen. Nun, denkt er, als er im Keller vor dem gesamten Reichtum steht und überlegt ein Weilchen, ich werde es fo machen, ich werbe einmal von Zimbs Kiste, einmal von Schnorzes und einmal von meiner nehmen. Der Winter ist lang und ich muß sparen. And er fängt in aller Ruhe bei Zimbs Kiste an und schaufelt seinen Eimer hübsch voll. Als er ein warmes Feuerchen in seinem Ofen hat, erwacht nebenan, da es lustig prasselt und knistert, Zimb, horcht ein wenig und denkt: Sieh, der heizt schon! And er beschließt vorsorglich in aller Ruhe, für seinen Teil die Sache so zu machen: Gr wird einmal von Päbels Kohlen nehmen, einmal von Schnorzes und einmal von den seinen, denn er hat fein übriges Geld wie Päbel, der heute schon heizt, und der Winter ist lang. And im An 108 — der Sache auf den Grund zu kommen, vernimmt man von oben die Geräusche Schnorzes, der, den Mund voll Salzwasser und gurgelnd, die Treppe herabsteigt, so eilig hat er es, in den Keller zu gelangen. Da ist er schon. Da steht er schon an seiner Kiste und wirft einen noch sorglosen Mick hinein. Er will soeben das Wasser ausspucken, da aber ersaht das Staunen ihn, er verschluckt sich und erleidet einen gewaltigen Hustenanfall, wobei er in unablässiger, mahloser Verwuirderung den Mick nicht von dem leeren Grund seiner Kiste wenden kann. Das mag nett werden! Wer nein, nichts geschieht. Eisiges Schweigen breitet sich aus, auch« der Husten Schnorzes hört auf. Dann stillt unter emsigem Gescharr und Geschabe ein jeder der drei Freunde mit vergrämter Entschlossenheit das Nestchen Mist in seinen Eimer, das noch von den Vorräten geblieben ist, viel schwarzer Staub steigt auf, und man verläßt in gemessener Ruhe und Würde hintereinander den Keller. Keine Gespräche mehr! Nur noch Schweigen lastet. Ironische Miene begegnet sarkastischem Lächeln, schneidens Höflichkeit betont den gewaltigen Mstand. Einige Tage friert man a([gemein. Es ist bitterkalt und zum Verzweifeln Päbel verbringt sein Dasein frostzitternd im Bett, Zimb wandert stundenlang im Warenhaus in der Nähe der Heizung, und Schnorzes sitzt den ganzen Tag im Cafe und verbraucht Ansummen. Mer es kann so nicht weitergehen, man sieht es ein und wird langsam mürbe. Anmerkliche Annäherung ftndet statt: „Pardon, haben Sie meinen großen Löffel nicht gesehen?" „Ich glaube; jawohl, hier liegt er." „Besten Dank!" And eines Morgens hat man sich geeinigt. Der Kohlenmann erscheint und fährt für jeden einen neuen Borrat an. Aber umfassende Vorkehrungen sind getroffen; denn Diebe müssen im Hause sein! Ein neues Schloh prangt an der Kellertüre, die Kisten sind mit Deckeln versehen und ebenfalls verschließbar. So kann es nicht mehr fehlen. So hat jeder das seine und Irrtümer sind ausgeschlossen. Langsam kommt alles ins gute, alte Geleise. In aller Frühe eilt Päbel, der sich die Sache wieder eingestellt hat, mit feinem Schlüsselbund in den Keller, probiert die Schlüsselchen, findet die passenden und holt sich aus Zimbs oder Schnorzes Kiste einen Eimer voll. Nicht lange und es kommt Zimb, der einen raffinierten Aniversalschlüssel sein eigen nennt, und schließlich erscheint auch Schnorzes, der Siebenschläfer, dem in seinem Iunggesellendasein soviele Schlüssel zugewachsen sind, daß er gar niemals in Verlegenheit kommen kann. Jegliches Mißtrauen ist verschwunden, Heiterkeit ist geblieben: „Morgen, Morgen!" „Verteufelt kaltes Wetter, was?" „Na, aber tüchtig eingeheizt!" Haha!" And die Gerechtigkeit, die ja göttlichen Ursprungs bleibt, nimmt im Keller, ganz wie früher, rüstig ihren Fortgang. 2000 km im Faltboot. Tagebuch-Skizzen von Fritz V o e l k e l - München. (Fortsetzung.) Ein schöner Tag folgte dqm andern. Obwohl wir schon mitten im September waren, war hier unten noch vollster Sommer. Wir lasen deutsche Zeitungen und fanden darin wehmütige Herbstbetrachtungen. Lasen von Buntent Laubwald, von Regen und trüber Witterung. And hier lachte noch die Sonne und brannte während der Mittagszeit derart, daß alles erschlaffte. Da war dann die Stadt leer, wie ausgestorben. Mer gegen Mend, als die Sonne im Meere versank, kam die halbe Stadt zum Abendkorso im Iardin de mer. Auf gepflegten Parkwegen promenierten hier eine elegante Menge. Militärmusik' klang aus dem Pavillon herüber und wir hörten deutsche Walzer, deutsche Lieder und Märsche. Man glaubte gaitz wo anders zu sein. Aber die Illusion wurde uns jäh wieder genommen. Mitten durch die eleganten Leute sprang ein Mutterschwein! mit sechs Jungen, überquerte den Weg und verschwand wieder im Gebüsch. Die Damen störte das nicht. Es war anscheinend ein gewohntes Bild für sie. Aeber 25 000 Fremde waren noch vor kurzer Zeit hier, erzählt uns ein Bulgare, mit dem wir Bekanntschaft gemacht hatten. Hauptsächlich aus Sofia. Auch aus Konstantinopel sollen viele Familien gekommen sein. Der Meeresstrand ist einzig schön und wird fleißig von Badenden benützt. Damen und Herren aber getrennt! Nun ja, die Herren sind meisterns ohne Badehosen. Ich frug unseren Begleiter nach den wirtschaftlichen Verhältnissen. „Schlecht, Miserabel!", meint er. Alles scheint auf Deutschland zu warten. „Sehen Sie, Ihr Land ist das große Rad, um das sich alles dreht. Wenn das stille steht, dann sind wir auch hier herunter zur Antätigkeit verdammt. Wir sind mehr auf Deutschland angewiesen, als Sie denken. Auf dem ganzen Balkan!" Seine Meinung wurde mir auch von Leuten der verschiedensten Kreise bestätigt. Wir hatten keine besseren Verhältnisse weder in Ungarn noch in Serbien gefunden und hörten nun hier wieder das gleiche. Die Lebensverhältnisse sind wohl in Bulgarien um ein dreifaches billiger als in Deutschland. Die Einkommensverhältnisse jedoch entsprechend geringer. Varna ist international. Aus Türken, Armeniern, Griechen und Bulgaren setzt sich die Bevölkerung zusammen. Oft standen wir oben im Kasino. Anter uns lag das Meer, dunkelgrün. Die Brandung stark, der Wellengang hoch. Wären wir zwei Monate früher in Varna angekommen, so wäre eine Fahrt mit unseren Booten nach Konstantinopel längs der Küste eine Kleinigkeit gewesen. Aber schon waren die Stürme vorherrschend, obwohl noch Sommersonne über uns lachte. Unsere Boote waren unter Zollverschluß im Hafen. Zusammen mit bulgarischen Marine-Offizieren, die sich lebhaft für den Faltbootsport interessierten, machten wir manche Fahrt im Hafen. Die erste Versuchsfahrt mit ihnen war ein Ereignis für ganz Varna. Die Zeitungen berichteten hierüber. Der ganze Hafen war damals zusammengeströmt, als wir unsere Boote ins Meer setzten. Mr die Leute war es etwas ganz neues, aus einem Rucksack und einer Stabtasche ein Boot erstehen zu sehen. Bald durchquerten wir mit den Offizieren den Hafen, die zuerst Bedenken hatten, die Fahrt in diesen scheinbar gebrechlichen Fahrzeugen zu wagen. Rasch hatten sie sich jedoch daran gewöhnt, und luden uns später für den folgenden Tag zu einer Segelpartie auf dem Schwarzen Meere ein. Auf dem SchwarzenMeere. Aus der Dunkelheit wuchs der Rumpf der „Dulgaria". An- bestimmte Lichter glitten über die Schiffstreppe. Wir waren im Hafen von Varna. Am 10 Ahr sollte die Abfahrt stattsinden. Wir hatten noch reichlich Zeit. Es wurde iwch verladen. Dunkle Massen schoben sich über die Brücke. Vierbeinige Kolosse. Lautlos ließen sie sich auf das Zwischendeck treiben. Ochsen, Balkanochsen! Aus das Zwischendeck, unserem eigentlichen Aufenthaltsort während der Aeberfahrt. Immer mehr Tiere drängten herein. Große Heubündel türmten sich auf — Futter für unsere Reisegefährten. Am uns wurde es allmählich ungemütlich. Wir stiegen auf das Achterdeck. Eine abscheuliche Duftwelle schlug uns entgegen. Da stand Verschlag an Verschlag, lieber hundert Küsten. Hühner waren darin. In jedem über zwanzig. Insgesamt über zweitausend. Ein schmaler Streifen blieb noch übrig. Dort breiteten wir unsere Decken aus. Nach einer Viertelstunde zogen wir wieder aus. Es war nicht zum Aushalten. Wir kletterten zum Bug vor. An den wedelnden Hinterteilen der Ochsen entlang. Vielleicht wars vorne besser. Vielleicht! Mehrere Hundert Hämmeln waren hier fest- gebunden. Der Geruch warf uns glatt um. Es war zum Derrückt- werden. Schließlich war man während der Reise allerhand gewöhnt worden. Mer diese Ausdünstungen vertrugen wir nicht. Also doch wieder zu den Hühnern zurück Mittlerweile waren die Ladearbeiten beendet. Die Sirene heulte über das Schiss. Die Taue wurden hochgezogen. Wir glitten aus dem Hafen. Vor uns war schon ein italienischer Dampfer abgezogen. Er hatte es anscheinend eilig, aus dem Dunstkreis, der von unserem Kasten ausging, zu flüchten. Die See war bewegt. Je weiter wir aufs offene Meer hinauskamen und die Küste verschwand, desto stärker schwankte das Schiff. Vergeblich suchte ich gegen gewisse Empfindungen an» zukämpsen. Es hals alles nichts. Ich mußte an die Reeling. Mein Freund lachte mich aus — dann beeilte er sich, es mir nachzumachen. Während der Nacht setzte Sturm ein. Allmählich verstand ich, was es heißt, wenn von einem Rollen des Schisses gesprochen wird. Es war kein Schwanken mehr. Alles flog durcheinander. Die Ochsen stießen mit aller Wucht gegen die Reeling, an der sie festgebunden waren. Wurden wieder zurückgeworsen, nach links und rechts gerissen. Wir kletterten zu den Hämmeln vor. Das Schauspiel wollten wir beobachten. Wir flogen dabei mitten unter die Ochsen. Ein unbeschreibliches Bild. Die Böcke kugelten und purzelten übereinander. Ein zottiger' Wirbel von Hörnern und Beinen. Nun sahen wir uns nach den anderen Passagieren um. Selbstverständlich fehlte die Übliche Zwischendcckssigur nicht: Die säugende Mutter. Oder vielmehr der Säugling an der Mutterbrust. And an welch schmutzigen Brust! Es wurde uns ganz übel. Einige Türken saßen auf irgendeiner Erhöhung. Mit unter- geschlagenen Beinen. Eingepolstert zwischen Kissen und Decken, drehten sie Zigaretten. Für sie war das alles anscheinend ein gewohntes Bild. Gegen Morgen wurde die Böe allmählich wieder ruhiger. Wir hatten uns wieder zu den Hühnern zurückgezogen. Dort wars immer noch besser als bei den Hämmeln. Wir zogen die Decke über die Ohren. Waren: halb im Einschlummern. Ein Kickeriki von einigen Dutzend Gockeln riß uns wieder empor. Natürlich, die dursten doch nicht fehlen, bei einer derartigen Hühnerladung. Wir waren herzliche froh, als gegen Morgen der Hasen von Dourgas in Sicht kam. Bald legten wir an. Menn wir gewußt hättest, daß wir in Dourgas eine neue Hammelherde mitnehmen würden, hätten wir uns von vornherein eine Kajüte genommen. Wir hatten hauptsächlich deshalb Mstand genommen, weil uns der Aufenthalt auf freiem Der- 104 - deck bedeutend angenehmer erschien, als eingepfercht zu sein in Kajüten, tote sie dieser Dampfer aufwies. Zumal bei der Hitze. Nun lagen wir schon zwei Tage im Hafen und warteten auf di« neuen Reisegefährten. Wo sie untergebracht werden fottteft, war uns schleierhaft. Bun erfuhren tote, daß hierzu der einzig verfügbar« Platz am Achterdeck verwendet werden sollte. Wir sollten auf der Kommandobrücke verstaut werden. Das lehnten wir jedoch von vorneherein ab. Wir quartierten uns nun zweiter Kajüte ein. Gegen Abend des zweiten Tages wurden die Hammeln aufs Schiff getrieben. Es gab Bilder, die nicht mehr zum Beschreiben sind. Bis die ganze Herde aufs Achterdeck gezerrt war, war die Dunkelheit hereingeörvchru. Wieder folgte eine Nacht, die uns unvergeßlich bleiben wird. Am Morgen lag ich auf Tauen am Vorderdeck und sah die Sonne blutrot emporsteigen. Wir waren am Eingang des Bosporus. Bei Anadole Kawak kam «in türkisches Motorboot auf uns zu. Die Pässe wurden kontrolliert. Wir näherten uns Remele Hissar mit dem Schloß Mehemek IL, die schmalst« Stelle des Bosporus. Hier kam «inst Darius herüber. Vach kurzer Zeit warfen tote im Goldenen Horn Anker. Konstaickirropel war erreicht. Konstantinopel. tieberwältigeud ist der Anblick bei der Einfahrt ins Goldene Horn. Aber es hieße Stroh dreschen, in dieser Richtung irgendwelche Schilderungen zu bringen. Die finden sich in Dutzenden von Büchern Wenn jemand in einem Lurusdampser nach Konstantinopel fahrt, sich in einem erstklassigen europäischen Hotel in Pera einquartiert, und dann einen Führer nimmt, dann lernt er auch die Stadt kennen. Auf seine Weise. Wir aber wollten tiefer sehen. Ans interessierte das Schicksal der vielen jungen Deutschen, die hier in letzter Zeit eingewandert waren. Zuviel hatten wir in den verschiedensten Zeitungen von. günstigen Gntwicklungsmoglichkeiten, zuviel glänzen- dem Dorwärtskommen gelesen, um nicht den Wunsch zu hegen, in dieser Beziehung einmal Umschau zu halten. Schon in Barna wurden tote anders belehrt. Noch einmal in Bourgas am Schwarzen Meer. Selten haben tote von einer Stadt gehört, die derart viele gescheiterte Existenzen in sich birgt. Es ist der Treffpunkt aller Gauner der Welt, das Sammelbecken lichtscheuen Gesindels, der Schlupfwinkel internationaler Hochstapler, das Ziel vieler Abenteurer, der Ausgangspunkt neuer Betrügereien. Ängelvckt von den „Wundern des Orients", durch phantastische Schilderungen, günstig gefärbte Berichte kommen ständig junge Leute hier an. Hauptsächlich Deutsche. Oft mit vvllbe- packten Koffern. Mit noch größeren Kisten voller Hoffnungen. Aach kurzer Zeit laufen sie bettelarm herum. Sind heruntergekommen, hungern und verelenden. Auf der Straße können sie umkommen. Aiemand schert sich darum. Auch nicht die dortige deutsche Gesandtschaft. Jawohl, auch diese nicht! Zugegeben, daß ein gewisses Mißtrauen der Behörde jedem um Hilfe bittenden am Platze ist. Es dürfte aber nicht Vorkommen, daß Deutsche unter der Brücke von Stambul «lend verhundern, daß Fremdenlegionären, die über Syrien kommen, zerlumpt und zerfetzt und ausgehungert, die Türe gewiesen wird. Es dürfte nicht Vorkommen, daß Deutsche gegenüber dem Gesandtschasts- gebäude im Friedhof übernachten müssen, weil sich ihrer niemand erbarmt. 3m Friedhof! Angesichts der Gesandtschaft! Aoch vor einigen Monaten vor unserer Ankunft sollen Dutzende von Deutsche in der Rue de Venedig gelegen fein. Halbtot vor Hunger, vor Erschöpfung. Türkischen Lüstlingen sind viele zum Opfer gefallen. ®ie gaben doch Geld. Gaben zu essen. Es ist richtig, daß der größere Prozentsatz aller um Hilfe bittenden Gauner sind, arbeitscheuendes Gesindel. Aber deswegen dürften die anständigen Elemente darunter nicht leiden. Irgendwelche Abhilfe müßte geschaffen werden können, Konstantinopel ist das Ende vieler mit großem Tamtam in Szene gesetzten „Weltexpeditionen". Die oft erwähnte Expedition „Öm Faltboot um die Welt" ist hier kläglich gescheitert. Der Unternehmer sitzt nun als Kino-Operateur in Angora. Seine Genossen hatten schon früher abgebaut. Deikweife bereits in Wien. Nahezu jede Wyche kommen derartige „Expeditionen" Hier an. „Zu Fuß durch Europa", „tim die Welt ohne Geld" ufto. Sie alle gehen zur Gesandtschaft. Es kommen viele mit der Frage, ob die Postanweisung von daheim noch nicht da fei, ob bet Wertbrief immer noch nicht eingelaufen sei. Die Sendungen tonimen nie. 3eder erwartet Geld von irgendwoher, von den Eltern, vom Onkel, von der Tante. Die Behörde kennt sich aus. Das ist die Einleitung zum Pump. Das Leben ist teuer. Teurer als in Deutschland. Me Gin- kommensverhältnisse schlecht. Ich lernte Bankbeamte kennen, die in Deutschland gutbezahlte Stellungen innehatten. Heute arbeiten sie unten mit Gehältern von 40 bis 50 türkischen Pfunden. Aber 10 und 12 Stunden täglich! Ich sprach kaufmännische Angestellte, Leute, die vier bis fitnf Fremdsprachen beherrschten. Sie arbeiten um einen Hundelohn. Wer in türkischen Häusern arbeitet, läuft das Risiko, am Ende des Monats um seinen sauer verdienten Gehalt zu kommen. Verträge solle« in bettt seltensten Fällen gemacht werden Bon der Gesandtschaft ist in dieser Richtung keine Hilfe zu erwarten. Die mischt sich Hier nicht ein. Wir schöpften unsere Kenntnis der Berhältnisse nicht nut aus eigener Anschauung. Wir sprachen mit Leuten (auch vom dortigen deutschen Klub „Teutonia"), die sich jahrelang da unten aufhalten. Viele, die meisten, sehnen sich wieder zurück nach geordneten Verhältnissen, nach deutschen Verhältnissen. Die sind, trotz allen Schimpfens, immer noch besser. Wir sitzen beim Griechen Marko in der Aue de Venedig, eine Seitenstraße der Grande Rue de Pera. Er und seine Frau sprechen Deutsch. „Bei mir gibt es keine Wanzen!", meinte sie. „Bei mir nicht. Sonst überall, auch in den besten Hotels?" Glänzende Aussichten! Ein wanzenfreies Bett, ein ungestörter Schlaf. Wir klettern vier oder fünf Treppen Hoch. As, soweit kommen die Mecher doch nicht herauf! Es ist schon 10 tiht abends. Auf der Straße unten noch ein Höllenspektakel Die Fenster sind offen. Die Hitze untertags war zu groß. Obwohl wir Ende September haben, tind gegenüber steht eine Art Hotel. Alle Fenster sind erleuchtet. Man sieht keine Vorhänge. Die Häuserfronten sind nur wenige Meter voneinander entfernt. Ich sehe bärtige Männer in den Zimmern auf und abgeben. Ehemalig» russische Offiziere der früheren Armee hörte äh später- Einige liegen bereits im Bett. Eingewickelt in lÄnentüchern. Das Licht brennt. Die Wanzen wogen. Dort steht einer auf und schüttM das Hemd aus. Ein anderer bestreut feine Marterkiste mit irgendwelchem Insektenpulver- Sv war's die ganze Rächt. Ich sehe um 12 tihr hinüber, tim 2 tihr. Immer das gleiche Bild. Erst gegen Morgen scheint Ruhe einzutreten. Roch nicht auf der Straße. Einige Häuser weiter unten ist ein Safe- Dort hämmert ein Klavierspieler. Onestep, Twvstep, Shimmy. Ein deutscher Adeliger» wie ich tagsdarauf erfuhr, tim zirka zwei türkische Pfund die Rächt hindurch. Auch er war hier gestrandet. Am Morgen halte ich meiner Wirtin das Leinentuch entgegen: „Keine Wanzen, Frau Marko?!" „Oh, nicht viele." „Rur 97, tote Sie sich hier überzeugen können. Das Tuch war ge- fprengelt." Die ganze Nacht über war ich wach gewesen. Mein Freund hatte ein besseres Bett erwischt. Ich blickte zum Fenster hinunter auf die Straße. Der Lärm, dauerte weit über Mitternacht hinaus. An den Ecken standen Dirnen, Dirnen. Sie waren zäh, hingen sich ein wie die Kletten. Man mußte brutal fein. Viele Griechinnen. Auch Russinnen. Sogar aus der früheren Aristokratie. Die konnten nicht mehr in die Heimat zurück. Das Leben ist grausam. Haus Rr. 29, einige Häuser vor unserem „Hotel", haust die Mutter Agathe. Unter diesem Namen ist sie in der ganzen Straße bekannt. Eine stille, weißhaarige Frau. Sie hat ein kleines Auskochgeschäft. Vor vielen, vielen Jahren hat sie das Schicksal nach hier verschlagen. Sie stammt aus dem badischen Schwarzwald. All die vielen jungen Landsleute, die zu ihr kommen, hat sie ins Herz geschlossen. Sie erzählt uns fürchterliche Dinge. Von Gescheiterten, Halbverhungerten. Sie hilft, wo sie kann. Aber es sind zuviele. In ein dickes Buch trägt sie all diejenigen ein, die bei ihr „auf Kredit" essen- Die wollen alle „später" bezahlen. Wenn endlich da« Geld von daheim da ist. Sie kennt diese Ausreden. Wirkt aber trotzdem im Stillen. Ohne viel Aufhebens: Wir sehen bei ihr Leute aller möglichen Herkunft. Auch aus besten Kreisen. Aus irgendwelchen Gründen waren sie hierher gekommen. Aus politischen, aus Abenteuerlust. Mn jeder hat seine Vergangenheit. Handwerker, die oft erst vor wenigen Wochen blühend und gesund hier angekomrnen, und angelockt durch fabelhaften Verdienst nach Angora gegangen waren. Nach Angora, wo fieberhafte Bautätigkeit herrschen sollte. Strotzend vor Gesundheit hatten sie zu arbeiten begonnen. Nun waren sie wieder zurückgekommen. Gebrochen und zerlumpt. Die Malaria hatte sie rasch gepackt. Der Lohn war für Behandlung verbraucht, tind dieses Schauspiel wiederholte sich jede Woche, jeden Tag. Jeder meinte, er würde es aushalten, ihn könne eS nicht treffen. Immer wieder neue Opfer. Einige wollen nach Persien gehen. Dori soll es besser sein. Hauptmann Schmude, der bekannte Siedlungsunternehmer, sei auch unten. Auch der Frem- denleMonär Kirsch. Tags darauf lese ich in einer Berliner Zeitung vom Scheitern der Schmude-Expedttion. Eines Abends gehen wir hinunter nach Galata. Zum sogenannten Russen-Keller. Die Deutschen nennen ihn so. Der Inhaber des Ausschanks war früher Besitzer eines großen vornehmen Restaurants irgendwo in Rußland. An der Wand hängt in großen Lettern die Speisekarte. Auch in Deutsch: „Krautsuppe 10 Piaster, Suppe und Fleisch 10 Piaster, Braten 15 Piaster" usw. Das klingt sehr billig. Es find aber herzlich kleine Portionen. Hier treffen sich viele vertriebene Russen. Viele früheren Offiziere. Ein alter Herr mit weißem Bart neben uns. Noch vor wenigen Stunden habe ich ihn in einem Safe Blumen verkaufen sehen. Mn früherer General der ehemaligen kaiserlichen russisch«» Armee, ließ ich mir sagen (Schluß folgt.) Schriftleitung: vr. Friede. Wilh. Lange — Druck und Verlag fr«* 'BritbCfcben tinio -Buck- und Steindrucke^ei, R. Lange. Meß««.