Gießener Milienblatter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, den 30. Juni Nummer 52 Der Abend. Von Georg He hm. Versunken ist der Lag in Purpurrot, der Strom schwimmt Weitz in ungeheurer (Stätte. Ein Segel kommt. Es hebt sich aus dem Boot am Steuer groß Des Schiffers SÄHouette. Auf allen Inseln steigt des Herbstes Wald mit roten Häuptern in den Raum, den klaren, und aus der Schluchten dunkler Liefe hallt der Waldung Ton, wie Rauschen der Kttharen. Das Dunkel ist im Osten ausgegossen, wie blauer Wein kommt aus gestürzter Arne. And ferne steht, vom Mantel schwarz umflossen, die hohe Macht auf schattigem Kothurne. Mater dolorosa. Ein alter Stoff in «euer Kunst. Von W Appell. So unermeßlich reich die Fülle bildnerischen Gestaltens ist, läßt sie sich doch auf ganz wenige Grundthemen zurückführen. Die entsprechen, was auch gar nicht verwunderlich sein kann, den hauptsächlichsten Lriebkräften unseres Seins und Vergehens. »Mutterschaft", „Kampf", „Tod" sind wohl die wesentlichsten Davon. Natürlich läßt sich das eine kaum je streng gegen baß andere abgrenzen. Ein Stoffgebiet aber gibt es, das die drei Gruppen zu einer einzigen zusammenfaht, sie in wuchtig-elemen- tarer Steigerung zu einem organischen Ganzen eint. GS ist die künstlerische Darstellung der „Mater dolorosa": das furchtbare Ende mütterlichen Sorgens und Opferns, die unerhörte Tragik Der „Pieta", der Mutter, die ihrem Kinde die gebrochenen Augen zudrücken muß, statt einst von ihm diesen letzten Liebesdienst erhoffen zu dürfen. Der Mutter, die ihr Kind zur letzten Ruhe betten muh, statt weiter liebend es auf dem Wege betreuen zu dürfen, der fortsetzen sollte, was sie begann... Ein Querschnitt durch die — graphische — Kunst unserer Zett ergibt, daß dieser Stoff weniger gestaltet wurde als etwa die Ehristgeburt. Es lohnt aber doch einmal einiges des Vorhandenen zu betrachten, zumal wenn wir den Kreis etwas weiter ziehen, als er durch den ursprünglich rein religiös«« Begriff der „Schmerzensmutter" umschrieben wird. Das ganz aus Mütterlichkeit und zwar — nut wenigen Ausnahmen — auf die Leiden des Mutterseins eingestellte Werk der Käthe Kollwitz ist, weil aus dem Erleben unserer Jahrzehnte geboren, natürlich reich an Beiträgen der Art, die wir heute bettachten wollen. Blätter wie „ Frau mit totem Kind", „Mutter an der Wiege ihres toten Kindes", „Mütter", „Die Eltern", „Das Dangen", „Die Aeberlebenden" seien nur genannt. Am erschütterndsten aber kommt das, wovon wir reden, im letzten Blatt des „Dauernkrieg"-Zhklus zum Ausdruck: nachts nach der mörderischen Schlacht sucht die alte Mutter Schritt sür Schritt die Reihen der Toten ab, um — mit zitternden Fingern über die von Laternenlicht gespenstisch erleuchteten, kalten Wangen tastend — den Ihren zu finden. Die starke Wirkung dieser „Mater dolorosa" ist vielleicht gerade dem Eigen Verzicht aus Symbolik zu danken. Anter den Künstlerinnen, die mehr im Schatten der — gewiß überragenden — Käthe Kollwitz stehen, als sie es verdienen, nimmt Martha Schräg die erste Stelle ein. Zu mrserm Thema hat sie — neben anderem — ein „Sterben" geschaffen (in ihrem Rachkriegs-Zhklus „Stürme"). Schwerlich ist die Tragik des gemeinsamen Sterbens von Mutter und Kind — was nicht immer eine Milderung bedeutet — tiefer auszusHSpfen als es hier — knapp in den Mitteln — geschieht. Auch die dumpf resignierende Gepeitschtheit der Gestalten in dem Blatt „Das Joch" (ebendaher) fei erwähnt. Ihr Sinn ist: „Dennoch!" — Dahinter bleiben Toni Halbauer und erst recht manche anders zurück. Die früh verstorbene Paula Modersohn war auf einem Wege, der wohl Werke wie die angeführten hätte reifen lassen. Wie sie, starb auch Maria Ahden bei der Geburt ihres KindeS. — Dora Brandenburgs „Frauenopfer" — ob Mutter oder Weib, macht für die künstlerische Formung oft keinen Anterschted — bleibt mäßiges Theater. Roch deutllcher als im Schaffen der Frauen zeigt sich tn dem der Männer der Krieg als entfcheidender Anreger. Persönlichstes Erleben und Fühlen ließ Willi Geigers Mappe ,1914" entstehen: sie ist seinem gefallenen Bruder gewidmet. Wir finden barm neben einigen Abwandlungen des gleichen Themas ein Blatt „Dolorosa", das in formal glücklicher und künstlerisch bedeutender Weise Gegebenheiten des 20. Jahrhunderts mit überlieferter Auffassung (Wundmale, Schwerter in der Brust der Mutter) eint. Ernst Barlach, der aus der gleichen Zeit heraus manches Bedeutende schuf, bleibt mit einer Lithographie, die den gleichen Grundgedanken hat wie das Geigersche Werk, dahinter weit zurück. (WaS ebenso verwunderlich wie bedauerlich ist.) Richt eine Einzige, sondern die Masse der leidenden Mütter beherrscht I. W. Schüleins farbiges Blatt „Die Mütter der Helden". In endlosem Zuge, beffen klammernde graue Schwere jede« Einzelwesen aufhebt, der sich schmerzvoll durch den wetten, leeren Raum furcht, nähern sich die Mütter den Toten. Einem davon, irgendeinem der nicht mehr Kemttlichen, will jede eine letzte Liebe erweisen, — wenn nicht in dem aberwitzigen Glauben, er fei der ihre, so doch in der zagen Hoffnung, daß irgendwer auch diesem erweise« möge, was sie dem Fremden tat. Ma? Slevogt, dessen KriegSblätter sich vielfach bis zu einer grandios« Wucht der Anklage steigern, erreicht in einer ganz ähnlichen Arbeit doch nicht den — an sich nicht überragenden — Schülein. Roch schwächer find verwandte Werke von Erich Erker, Adcüf Schinnerer, H. Radler usw. Selbstverständlich könnten noch wett mehr Beispiele angezogen werden. Doch das, was dargelegt werden sollte, ist wohl schon durch die genannten deutlich geworden: daß unsere Künstler — tote sie es auch durch die auffallende Pflege des Madonnemnvtiv« beweisen — sich der Pflicht bewußt sind, den Müttern unserer Zeit, die unverschuldet Opfer, in ungeahntem Ausmaß bringen mußten, auf ihre Weise und mtt ihren Mitteln den Dank abzustatten. Daß sie damit in unser aller Damen sprechen, versteht sich von selbst. Denn das ist doch eine der schönsten Aufgaben freß Künstlerberufes: Sprecher der Allgemeinheit zu sein, besonders da, wo bloße Worte nicht ausreichen würden, der Erhabenheit und Helligkeit des Gedankens geredet zu werden. wohlauf in Rächt von reiselustige Die gefährliche Reife. Ein Reiseabenteuer. Von Franz Hessel. Liebe Tante ! Vor allem die Meldung, daß ich wahr?" Ich nickte bejahend. Ich hatte gar keine Lust zur Antev- Haltung, wollte lieber schlafen. Aber schon fuhr er fort: „Gin bißchen leichtsinnig finde ich es doch von Ihrer Frau Tante, Sie so allein in die Rächt hinauSfahren zu lassen. Heutzutage geschehen in Eisenbahnzügen die unheimlichsten Dinge." ®- tasche ein Fläfchchen rmd goß daraus in ein anderes Gefäß und dann noch in sein Taschentuch, in dem ein Wattetampvn ju sein schien. Ich fühlte, tote mir das Blut aus den Lippen wich. .3d) bin nicht indiskret, wenn Sie sich's bequem machen wollen , sagte er, die Hand an der Harmonika der Lampenhülle. ®anni streckte er sich mit gräßlich langsamem Behagen auS und schwß die Augen. 3ch faß in Angst wach und lieh seine Amrcsse im Dämmer nicht aus den Augen. Todmüde war ich, aber ich traute mich nicht, einzuschlafen. Als endlich der Zug in Bologna hielt und Licht von draußen hereinfiel, fah ich, daß der Mensch fest schlief; er schnarchte sogar ein wenig, und der Fächerbart weht« leise. Aber das konnte Verstellung sein. Der Mut zum Aussteigen war mir vergangen; ich sah starr, tote die Prinzessin, die das schlafende Angeheuer bewachen muß. And nun noch die lange, lange Fahrt bis Verona. Würde er weiter schlafen, weiter lauern? Wollte er nur die spätere Rächt abtoarten? Wie ich dann noch eingeschlafen bin. ist mir unbegreiflich. Früh am Morgen wachte ich auf und sah mein Gegenüber in friedlichem Schlummer. Erst kurz vor Verona regte er sich. „3ch habe vortrefflich geschlafen," erklärte er, .Sie wohl nicht so gut, meine Gnädige? Sie haben sich wohl «in wenig gefürchtet? Sie müssen wissen, ich bin selbst von Aattrr feige und traue niemand, am wenigsten alleinreif enden Damen. Deshalb ziehe ich es vor, meinen Reifegenossen Angst einzuflöhen. Dars ich mich 3hnen jetzt vorstellen? Ich bin durchaus kein Lust- oder Raubmörder. Mein Rame ist Schmidt, ich reise in Schönheitsartikeln und Körperpflege. Ich habe in Italien viele neue Kundschaft erworben. Diese Stahlartikel, die Die kaum anzusehen wagten, dienen zur Beseitigung überflüssigen Haar» Wuchses; die Pülverchen sind das unschädlichste Mittel zur Erweiterung der Pupille, keine gesundheitswidrige Belladonna. And dieser niedliche Browning ist eine Attrappe für Schreibtisch und Rachttisch der eleganten Dame. Gr ist mit Parfüm geladen. Wenn Sie lvsdrücken, haben Sie den östlichsten Zimmerdust." Das Scheusal schoß und erfüllte das Evupß mit Ambre anttque. Ich war wütend. Das einzige, was mir einfiel, um diesen Kerl, der sich über Dich und mich lustig gemacht hatte, zu ärgern, war: „Run, wissen Sie, mein Herr, wenn Die ein erfahrener Kosmettker sind, hätten Sie doch sehen müssen, daß ich nicht 30 Jahre, sondern knapp 22 bin." „Entschuldigen Sie," sagte der infame Schmidt, .darf ich Ihnen da meine Hautfalbe Quickborn empfehlen? Sehen Die, ich bin fünfzig. und meine Haut ist glatt." Ja, daS war sie, schaurig glatt. Der Zug hielt. „Hier muß ich auSsteigen," sagte Schmidt, „ich wünsche gute Weiterreise. Darf ich mir erlauben, Ihnen ein Probefläfchchen Quickborn zu überreichen? Adresse der Firma befindet sich unterm Etikett. Damit stieg er aus. Ja. siebe Tante, die fchlaflose Dacht verdanke ich Deinem Vertrauen auf die Dollbärte. Ich wäre doch wohl besser $u den bartlosen Ausländern im Rebencoupß eingestiegen, von denen Du nicht wußtest, ob eS Kinoschauss^eler öfter Mädchenhändler waren... Der Narrenbädeker. Vvn Arthur Holitscher*). Orientierungssahrt. Die Seine teilt Paris in zwei Teile. Rechts von der Seine siegt daS rechte Ufer, links la Rive Gauche. Don der Madeleine bis zur Bastille erstrecken sich 64e gco&en Boulevards. (Die Bastille ist an einem 14. Juli ge- *) .Der Rarrenbäde ler" von Arthur Hvlitscher im S. Fischer-Verlag mit Holzschnitten von Masereel führt einen sehr eindringlich-besinnlichen Pfad durch den Todestaumel einer verkrampften, sterbenden Welt. Kann man das europäische Tollhaus von heute überhaupt noch anders ansehen, als mit diesen Augen? — Ein verteufelt ernstes Buch, dieser närrische Führer durchs Narrenland. ... . . - fallen (Nationalfeiertag); die Börse aber steht noch; es ist viÄ Geschrei um sie.) Don der Madeleine bis ans Ende des Boulevard des Italiens kann man in drei Minuten gehen, im Autotaxi dauert die Fahrt eine halbe Stunde. Dieser .Umstand besagt, daß daS Schicssal der großen Städte besiegelt ist. — Das 20. Jahrhundert ist das Jahrhundert des Speed; die Entwicklung bewegte sich von der Postkutsche sehr rasch zum Aeroplan vorwärts; ich möchte wissen, was von unserer Zivilisation übrigbliebe, wollten wir die Schnelligkeit, mit der tote von einem Ort zum andern gelangen können, zugleich mit Jazz und Tahlorshstem, Gasbomben und anderen Beschleunigungs- Mitteln, aus unserer Zivilisation wegdenken, abziehen oder streichen. Die große Stadt ist ein einziges Verkehrshindernis. Sie ist unter die Räder der Entwicklung geraten, erledigt, muß verschwinden. Die große Stadt leidet in den Hauptverkehrsadern, besonders um die Stunde der Verdauung, an Kongestionen; sie wird bald an Apoplexie sterben. Man hat sie unterbohrt; die Klistterspritzen der Metrv- Antergrunktzüge erleichtern sie indes nur ungenügend; an den Straßenecken stauen sich alle zehn Schritte weit Autokolonnen, Omnibusparks; lebende Semaphoren in Schutzmannstracht lenken sie mit Signalen: halt, vorwärts, zurück; nützt alles nichts, die Stadt, ein lebendes Wesen, unterliegt den Gesetzen des Kreislaufs; Embolien wirken auf die Dauer tödlich auf sie wie auf den Menschen. Im Bois de Dvulogne — rasch, rasch, aneinander vorüber. Keiner sieht mehr den andern. Ehemals — im Dorüberfahren — ein Nicken, Erkennen, Lächeln; heute die kinematographifch verwischte Silhouette der vorüberschießenden Limousine, Auge vorwärts, Blick auf Lenkkurbel und Rückwand des vorne laufenden Wagens; das einzige Menschenantlitz das des Polizisten, der die Wagenreihe aufhält. Hinter der Madeleine entdecke ich eine Pferdedroschke. Sie ist auflackiert und toiederauflackiert; dem alten Kutscher hat man seinen greifen Gaul gelassen, schlafend hängt der Mensch über dem Rotz, fein Bart ist ihm durch den Kutschbock gewachsen, Rip van Winkle: er wird noch ü la ooirrfe und ä l'heure bezahlt, das Rad ferner alten Karosse ist an keinen mechanischen Zählapparat angeschlossen, Kussche, Mensch und Tier entschwinden rückwärts gleitend in den Rebeln des vormechanisttschen Zeitalters. Statue im Tu-.leriengarten. Die große Stadt! Ihr droht ihr Schicksal auf der Erdoberfläche, tief unten im dröhnenden Untergrund; noch lauter aber hört sie, wiewohl im Anterbewußtsein, ihr Ende von oben nahen, näher und näher ertönen. AuS Marmor gemeißelt, von Bartholoms, dem alten Meister des „TotendenkmälS", angefertigt, „Paris 1914—1918" benannt, steht eine elegante, oben entblößte Dame aus dem herrlichen, weiten, freien Platz vor dem Louvre. Sie hat auS Marmor eine Watteau-Falte im Rücken; ein Schwert hält sie wagrecht in den Händen, leicht und ungezwungen wie einem Sonnenschirm; auf dem Kopf sitzt ihr, aus Marmor, eine Sturmhaube, mit dem Bügel in der Mitte, den die Mode bereits für Damenhüte verwertet hat; sie schaut, nicht ungraziös, fast' kokett, wenn auch der Situation entsprechend leidlich ernst, ein bißchen schmollend, in die Lust hinauf. Sie Figur wurde vom „Petit Journal" gestiftet und soll daran erinnern, daß Paris im großen Krieg Luftangriffe erfolgreich abgewehrt hat. Auf dem herrlichen, wetten, freien Platz ist diese Figur eine Figur. Wie wäre es, wolltet ihr sie im engen, dichtbevölkerten Mavais aus stellen? Oder im Faubourg St. Denis, wo noch mehr Menschen noch dichter bei-, mit», neben-, über» und untereinander Hausen? Dort wäre die Figur schon etwas mehr als eine Figur, und sie sollte doch auch, wahrlich als etwas mehr gelten als ein (mittelmäßiges) Kunstwerk. Im Faubourg St. Denis müßte sich die Rückenfalte auto- mattsch zu einem bauschigen Anterrock Herumdrehen, unter dem, tote unter den Flügeln der Mutter Henne bei einem Gewitter, die große Stadt ihre wehrlosen Kinder vor den drohenden Bombenabwürfen versteckte. Aeber den Marats, den Faubourg St. Denis, das Landsberger Mertel, die Köpenicker, Prenzlauer, Elsässer Straße, über Jssington, die Minories, Shoredttch und Lambeth, über Traste- sere, Dia Roma, über die Botoerh, Allen, Delanceh (Street, über den Loop und Michigan Avenue lohnt es, auf Flügeln durch den Aether die leichten Tuben herbeizuführen, weil man hier recht viele Menschen treffen kann, bis man dann in anmutiger Kurve davonfliegt, ein Pünktchen im Sonnenglanz, im MondeNfchein, zwischen dem Wollengetümmel, kaum wahrnehmbar, während unten der Tod die Stadt bei ihrem Herzen anpackt, wilde Panik bas Doll zersprengt, seine Gesetze zerreißt, Abgründe öffnet und aufrührt, daß man die Antergrundschienen im Tageslicht gewahrt, das Eingeweide des Fortschritts der Welt und des Jahrhunderts offensichtlich zu Sage liegt... Hippokratisches Gesicht der großen Stadt! Donnernd rollen die Omnibusse rechts und llnks an der anmutigen Marmordame vorüber, die, mtt Zügen der Pariserin ausgestattet, den Typus — 207 ^'oftten, Mtmenschen, hol euch d« «etfel | Unten im Estaminet kaust die Reisegesellschaft, Postkarten ein, trinkt Limonade, Landwein. Auf einem primitiven Hotz- gestell ausgestreckt, liegt der alte Wirt, mit khakifarbenem Militär- rock angetan, den ein paar regenbogenfarbige Streifen sprenfeln. Seine Tochter (oder was fte sonst sein mag!) schenkt aus, verknust, nimmt Geld ein. Der Adlerblick des Alten folgt jeder Bewegung des Mädchens. Wenn ein größerer Schein zu wechseln ist, zehn oder auch nur fünf Francs, daun steht der Alte a$«en& und schnaufend auf, humpelt an den Schanktisch heran, schlleßt ein Fach auf, zu dem er dm Schlüssel in der Tasche verwalt haft gibt Kleingeld heraus, versperrt den Schein und veglvt sich ächzend und stöhnend zu seiner Liegestatt zurück. Auf dem Weg zum Chemin des Dames wende ich mich noch einmal nach dem weißen Trichter dort hinten um. Die Mitfahrenden im Wagen haben sich rasch gefaßft Wie gut, daß mein Platz ein Eckplatz ist, fv habe ich nur einen Machbar». Sie fühten sich nicht schuldig, diese neunundzwanzrg. Wmmm ich? Weil ste mich so anblickten? Scham, Feindselig^mt, Hatz — hinunter in den Trichter, in die Tiefe, zu den Leichen! An beiden Seiten des aufsteigenden Weges braunrote Vegetation: Stacheldrahtgras in toteren Büscheln über den Stratzen- graben. Wir fahren langsamer: ein Friedhof breitet sich vor uns aus, riesenhaft, unabsehbar. Kreuze, Kreuze, toerße und schwarze. Dor dem Eingang hält ein MclitSrauto, dem etn paar elegante Offiziere entsteigen; Franzosen, Amerrkaner, ein ^"^Auch^ wir halten einen Augenblick, und ich lese die Ramen von den Kreuzen der ersten Reihe ab: Eailtet. Walsh- Daim: Frantz. Kieseltoetter. Die deutschen Kreuze ftnd schwarz. Die der Alliierten weiß. - 3m Weiterfahren, an einer Wegkreuzung, steht em D«ck» mal für die Pioniere der neuen noch wenig erprobten Waffe, deS Tanks. Sie fielen, denn die Waffe war noch nicht l" Maße perfektioniert, wie sie das später geworden ist. GS rst eine sehr lange Liste von Aamen auf einer Bronzeplatte. And hier sind wir bei der Hindenburglmie angelangt. Aus» gestieg^E ^^rftarung: Don der Schweiz bis Flandern reichte ( - dann aber kamen die Danks, schon vervollkommnet und Wir^ steigen tief ins Erdinnere hinunter. Haben das Menschen gebaut? Oder Ärwesen? Etwa Zeitgenossen des Erv°Magnviv Menschen, des Aurignac-Menschen? Zyklopftche Mauern aus Beton stützen die niedere Hügeldecke. Tiefe Schächte tun sich arst. Gänge, weit in den Hügel gebohrt. Gine rn Achsen stch drehen^, ungeheures, ungeschlachtes Betonter verschließt, plump, aber minuftös und k^tdicht, den Eingang, tote die Stahlkammer erner tfch^ von den 14000 Häusern b«SE «« Allmählich wachwerdend, bemesst du, baß Fcwrttst o«m» «Llerorten wieder hergesfellt sind, '»o«vMtrmrt8 Waren und Andenten kelt.yar.rmu«, »<■ taS, 2S;W1 .***■"“■ Ä sind tot, das Unkraut wuchert wild. Oiwr. SSiet" so verkündet vom Chauffeurplatz k«rMllWer. »y^r sehen Ste,' Ladies and Gentlemanen, dte Jagnertencreien von Mumm - auf’ Station." (Die trockenen Amerckaner Mtekern sich M) diesen Kellereien, die sich 18 Kibmntt« lang «tt« erstrecken, lebten Tausende von Mheii^er Bürger^ MSmmer, Frauen, Greise nnd ^Kinder, teer Menschen geboren, hier starben Menfchmt. octrche, Schutt Wohnräume waren in Wat Ä^rn ehtgOTW^Me heute Eigentum der SociötH Dinicvte bLdmftda AftmnnDoche Jetzt aber machen wir uns auf den Weg u°ch D?^ch «a 55, vxt Höhe loT Es ist eine schnurgerade Straße. Ste ***B«??« Dac. Bor einem Seinen Wirtshaus am Fuße der Höhe 108 machen wir Halft „ , »««««. Die Höhe, um die die AiSne und der MSne-Kanckl »w stießen, ist ein Kreidekrater, unter dem, inaner tote»« «v- schüttet, immer wieder zum Himmel htnaufgeschteude«, fett IMS in Frieden ausruhend, ungezählte Menschensketette alter Jtatto» nen liegen. , , Ich gehe allein den steilen Hügel hinauf, den werhen, hohen Rand des Kraters entlang. Zum erstenmal sehe ich aus den Augen meiner Fahrtgenoflen Blitze zu mir herüberschteyen. loch gehe allein. Schuldig!! ........ Gin Stückchen Erde hebe ich vom Boden auf, für meine Steinesammlung daheim. ES zerbröckett fast zwischen den Fingern. 5hn Anfällen fühlt eS sich an tote jenes andere Stückchen, daS ich vor dritthalb Jahren in Jerusalem vor der DamaskuSpforte «mfhob, jedoch toar jenes Stückchen vom Hügel Golgatha gckb- llcher. (Ob jener Hügel in der Tat Golgatha toar, ist strittig. Dte Höhe 108 aber ist authentisch.) ' Auch Blumen wachsen im Geröll! Amerikanerinnen fegen welche in ihr Reisebmh. “ 208 — , Verantwortlich: J.V.: Ehrhartz Evers. - Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gießen. wackere Hausfrau. Doch war mit Kindern umzugehen, als hochverehrten ° Frau; ich machte es niemand weniger gegeben, eben dieser guten, von mir so ihr nur Langeweile, störte und I grüßt«, nach angehörter Predigt aber di« Kranken und di- | Armen als freigebige Trösterin in ihren Häusern besuchte. Dem klösterlichen Leben, das Sophie im Innern ihrer I brunSlosen Gemächer führte, entsprachen denn auch ihre L^h. I lmgsbeschäftigungen ganz und gar. Don Jugend an zu ein« i bewundernswürdigen Kunstfertigkeit in feiner bunter Stickerei I geübt, war sie bei völlig ungeschwächten Sinnen noch immer. 1 fort imstande, dergleichen Arbeiten, wozu sie sich ehmals di« | reichsten Muster kommen ließ, mit gleicher Sorgfalt fortzu» I festen: sie wiederholte unermüdet ihre alten Zeichnungen um I mit solchen Prachtstücken, an denen Gold und Silber glänzt«, j An ZÄt zu Zeit die Ihrigen zu überraschen, ganz unbekümnÄ | freilich um den Geschmack des Tags. ! . Bedeutend aber war ihr Anschn bei der Familie d» j Arch, daß sie die Gabe der Weissagung in hohem Grade be» I Msrn haben soll: besonders wollte sie es jedem gleich ansehen, I ob er Sinn und Beruf für übersinnliche Dinge besitze. Auch | stand sie allezeit mit einer Anzahl Geistlichen in Briefwechftk i Md wußte st.q» — zu einem Zweck, den weiter niemand kannte, I ?_Eber wir jetzt freilich ganz im klaren find — von den De» I yritnif^n aller möglichen Menschen, von Zeit und Stund« | ihr« Geburt und dergleichen genaue Kenntnis zu verschaffen. I X? Krer eigenen Verwandtschaft fand sie den unbedingt« | obschon sie gerade hier am sparsamsten mit ihren I Hoffnungen war. Bruder Marcell allein wagte es, den hart- I näckigen Zweifter, sogar gelegenllich den Spötter gegen sie dessenungeachtet ist er doch ihr Liebling immer geblieben. Aach ihrem Tode mag er sich wohl bekchrt haben, I !?’ es scheint, verschmähte er nicht, Sophiens mystische Hai^sarbe grün, schwarz und weiß, zu Ehren der Schwester ! bei feierlichen Anlässen zu tragen. | . _ Aun ab« ist leicht zu vermuten, daß unserer guten Amme I kleinste Verdienst dabei blieb, wenn unter ihrem fromm« I -Regiment die Gutsökonornie, die gar nicht unbeträchtlich war. dennoch durchaus zum Vorteil der Besitzer aufrecht erhalt« tour&e. Sie nahm von ihrem samtnen Armstuhl aus sehr regel» mäßig Anteil an den vorkommenden Geschäften; sie hört« an bestimmten Tagen den Verwalter an, durchsah al« eint «ute Rechnerin die Bücher nut der Feder in der Hand, ermahnt« die Dienstboten und übte mitunter auch wohl ein klein wenig die Kunst, unterrichtet zu scheinen, wo sie es nicht war. Jedoch verstand eS sich bei männiglich von selbst, daß alles in der Wirt- fvafthStte drunter und drüber gehn müssen ohne die Einsicht Md Treue eines Verwallers, der wirklich seinesgleichen suchte. Der gute Mann nahm aber unerwartet feinen Abschied, die Güter wurden verpachtet, und die edle Matrone, den Bitt« ihres Bruders jetzt nicht länger widerstrebend, entsagte diesem Aufenthalt und ließ es sich gefallen, den späten Abend ihres Lebens im Schoße der Familie zuzubringen. Dies wäre mm alles, was ich zugunsten der Wahrhaftig, leit des Erzählers vorzubringen hatte." Aachdem sich die Versammlung fiir diese interessanten Aach richten aufs schönste bedankt, sprach unser Hofrat weiter: »3$ werde mich nunmehr zum Schluß so kurz wie mög. lich fassen. Jvsephens Konfirmation war in der Dvrfkirche vollzog« worden. Die Aachfeier des Tages aber fand in aller Stille auf dem Schlößchen statt. Am Abend nahm Sophie das Mädchen E der Hand und führte sie nach einem Gemache im untertz Stock, zu dem niemand, sogar der Vogt nicht, Zutritt hatte. Sephchen erblickte nun hier eine vollständige Goldschmieds- Werkstatt, ganz neu und sauber eingerichtet. „Mein Kindl" sagte kne eMe Frau: „sieh an, daS ist für deinen Franz, hier führst du ihn herein, wenn er 'mal kommen wird; hier muß bem Liebster fein Meisterstück machen. Ist das geschehn, so findet sich das übrige von selbst. Der (die männliche Form noch hmtte im Suddeutschen) Werkzeug bleibt fein Eigentum; et nimmt eä mit gen Achfurth, wo ihr euch nieder, lassen sollt, ülnd daim gedenket mein und habt einander lieb rn Gottesfurcht Md Frieden!« - Zugleich bekam Josephe ern ähnliches Büchlein wie ich, obgleich sie nach Geburt und Rang nur ein Sonntagskind war. Die Werkstatt wurde nun wieder geschlossen, und ich war ht der Tat der erste, dem sie sich nach vier Jahren wieder öffnete. Josephen war der Schlüssel durch Herrn Marcell bei feiner neulichen Anwesenheit behändigt worden. Ich hatte nur zu staunen und zu preisen, als ich mit meiner Braut von diesen Sachen Einsicht nahm; da war auch nicht das Geringste vergessen, vom großen Ofen bis zum unbedeutendsten Lötrohr herab, und Stück für Stück un- tadelhafte Ware, so rein und einladend, daß einem gleich der üach der Arbeit zu wässern anfing Auf meine Frag«, ,wohl zunächst hier mein Geschäft sein würde, gab mtt Josephe nur ganz verblümten Bescheid, indem sie mich Mf Herrn von Rochens Wiederkunft verwies; allein ich hatte lanM geiptttert,^ was da werden sollte, und tvar gefaßt auf ich gar nicht leugnen will, daß mir etwas un- heimlichwiwde, als mir das Mädchen bald hernach zwei sonder» mre gestrickte Schärpen zeigte, worauf gewisse Chiffern und SrMM twn grüner, schwarzer, weißer Farbe sich durchschlangen. .Wozu soll daS, Josephe?« fragte ich (Schluß folgt.) ärgerte sie. So mutzte ich mich denn fast einzig zu des HauS» schneiders hatteir und war froh, daß ich nur jemand hatte, zu dem ich einmal wieder, wie einst in Eglvffsbroim, Väter und Base sagen durfte. Dies wurde gegenseitig so sehr zur Gewohnheit, daß jedermann uns für Verwandte hielt." „Indem nun meine Braut" — so fuhr der Hofrat zu erzählen fort — .mich mit den Eigenheiten ihrer seligen Wohltäterin näher bekannt machte, bedauerte ich aufrichtig, diese Edle nicht mehr am Leben zu wissen: ihr hatte ich mein Schatz» käst lein, ach und noch weit mehr zu verdanken. Aber" — mit diesen Worten wandte sich Herr Arbogast an eine ganz besonders aufmerksam zuhörende bejahrte Dame — „Sie, Frau Majorin, bringen ja den Mund nicht mehr zusammen, fett ich von Frau Sophien rede! Am Ende haben Sie die Baronesse selbst gekannt?" „Gewiß! gewiß hab' ich! Leibhaftig steht sie wieder vor mir, wie ich sie vor vierzig und mehr Jahren in meiner Jugend sah.« „Was ist das? «brummte hier ein treuherziger Schweizer, der während der Erzählung einigemal sehr merklich eingenickt war: „Bi Gott! ich dacht', das alles si halt numme so ne Fabel g’fi, jetzt chümmt es doch anderster usi! Hätt' ich das eh' g'wützt, hätt' es mich, bi ntiner Ehr' nit g'schläferet!" Auf dies Bekenntnis folgte ein allgemeines, unauslöschliches Gelächter. Der Hvfrat endlich nahm das Wort und bat gedachte Dame um eine Schilderung der Frau von Rochen: Ein solches Zeugnis«, sagte er, „wird für meinen Kredit als Erzähler entscheiden." „ Die angenehme Frau ließ stch nicht lange bitten. „Von allen Gliedern der Familie", fing sie an, „war Sophie die letzte, welch« dem alten Rittersitz die Ehre ihrer persönlichen Gegenwart schenkte, indem sie den verstorbenen Gemahl, Anselm von Rochen, gern am Ort, wo er begraben lag, betrauere wollt. Ich sah sie dort mehrmals mit meiner Mutter Ed horte auch später noch manches von ihr. Ohne gerade n^te ft« Einsamkeit und Stille über ’.^re Kammerfrau verweilte nur wenige Stunden m Heer unmittelbaren Rähe, und nicht über viermal 2? 3c^re:.