Gießener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang l92S Dienstag, Sen 29. Dezember ' Hummer |oi/ - ........ ' -Wl"111'11" 1 -i— ........ .1 »»im- ........................... —...... --- ■■ - Neujahrsgrutz. Bo» Otto Ernst. Ans Lor des Türmers Hab' ich heut Gepocht mit lautem Rufen: „Komm, führe mich vor Mitternacht -Ium Turm hinauf die Stufen! Denn ein Gelüsten treibt mich Heut, Mit mächtig Hallendem Geläut Die Welt zu meinen Füßen Zu begrüben.“ And an des Alten Seite stumm Bin ich emporgestiegen, Tief lag die Erde, schiwewertzültt, Geruhig und verschwiegen. Die weite Stadt — ein Lichtermeer! Das blinkte hold von unten Her Wie goldnes Stevngewimmel Bom Himmel, And oben hab' ich tiefen Zugs Den Hauch der Aacht getcuntan; Berauscht von tausend Bilder», ist Mein Geist in sich versunken —: 3eb’ Licht dort unten schien ihm da Ein Auge, das ins Ferne sah, , An Tagen, die vergangen, Zu Hangen. And jeder Blick erspähte bald Aus grauem Aebeldampse ®t» eignes und besondres Btto Vom ewige» Srdsnkampfe. Wie manchs leise Träne tttitit, Wie manches feste Herz begann 3« still erneuten Wut« Zu bluten !... Hob sich aus fernem Dunkel nicht Hier — dort — ein Totenhügel? Flog nicht ein freundlich Antlitz her Auf traumbewegtem Flügel? O ja, in stiller Neujahrsnacht _ Der Toten wird zuerst gedcuAti' Der Lieben, die im Hasen Arm schlafen. Doch mehr als Tod ist Lebensnot — tn mancher Kammer Gellt jäh durch die Erinnerung Ein lauter, wilder Jammer! Gin -nie verglomnmes Wch «ittacht So manchem diese stille Rächt, Dem alles, was er träumte, Zerschäumte. And ewig Kampf und ewig Streit Mit Leiden und Gefahren, Mit Elend, Krankheit, ßug und Trug Seit taufend, tausend Jahren! And wa r's ein Jahr des Glücks vielleicht, So hat's uns doch daS Haar gebleicht, So ist es doch verronnen - Zerronnen — Wir kämpfen mit der Qtageeiu. Der Zeit, der nimmermüde» — Still! War mir'« doch, als ob zur Lust Don fern Gesänge lüden — Fürwahr: ein leises Kling und Klang... Zum Mund mit Jubel und Gesang Der Trank von Glut und Leder, Die heben !.,. Ja! Eine Freuöensonne glüht Inmitten wildM Krieges: I» allen edlen Herzen ist's Die Zuversicht des Sieges' Doch wo daS Schwert, ■ das Hn erwirbt, DaS jeden Höllengeist verdirbtr’ Wo glänzt die blocke Wshre, Die Hehve? uiun Mitternacht! — Da lieh ich weit Die Glocke donnernd schwingen, And meine Seele schrie hinein Mit Beben und mit Klingen: Sie soll uns Schwert des Lichtes sein Die reine Siegerin allein In Rächt- und Sturmgetriebe: Die Liebe. Neujahrsgedanken. Bon Hermann Stehr. Die Tage kommen und verändern uns. Die Tage gehen und lassen uns zurück, wie wir nie waren. Kein Morgen gleicht dem anderen. _ In jeder Frühe sehen wir Welt und Mensche» und uns selbst anders als in der vorhergehenden. Wie können wir „Ich zu unS sagen, wem, das, nxtr ioie mit diesem Wort bezeichnen fortwährend durch Wandelformen vor uns entsteht und wieder hinschwindet? Das was „Ich' sagt, kann dieses Flüchtige, Btelveräuder- üche, immer Wandelbare nicht sein, sondern muß ein Wesen fein das Flucht nicht kennt, »och Veränderlichkeit, noch Wandel. — Denn alles Denken eines Menschen muß von einer höheren Macht in uns gewertet werden, das Gefühl kann sich durch sich selbst nicht erfassen, der Geist tarnt seiner selbst nicht habhaft werden, und -noch das tiefste Bewußtsein seht eine durchdringende Klarheit voraus, kraft der es erst möglich ist. Keine Erhabenheit erreicht dieses Wesen, kein Scharfsinn -enträtselt, keine Heiligkeit erschöpft, keine Verruchtheit zerstört es. Wir sind mehr als wir vor uns und den anderen erscheinen, und vermögen uns in der Wirbelmuhle dieses Daseins nur zu retten, indem wir an dl«s<-s verborgene, nie enträtselbare Wesen glauben, das wir zutiefst such, das Raum -nicht kennt, noch Zeit, und vor dem selbst unsere Geburt und unser Tod -nicht mehr bedeuten als Kommen und Gehen. Vor diesem ewigen Wesen, was wir zutiefst sind, taucht nicht -nur . unser irdisches Wesen fortwährend auf, verwandelt sich, schwindet und bildet sich -neu wie ein Schatten an der Wand wte eine Wolke am Himmel, wie eine Welle im Teich: wir über- schauen auch das Heraufkommen mächtiger Reiche und ihren V^brll, den Sieg und den Sturz von Religionen und Kulturen, das Blühen und Vergehen der Völker bloß als Wandelformen deren Flüchtigkeit uns nicht mutlos macht und Verzweiflung bringt, sondern uns eine Sicherheit bestätigt, deren Klarheit so ttef bereit Weite so unermeßlich ist, daß selbst der Tanz der Gesttrne -nur als ein annäherndes Sinnbild unserer Wesenheit erscheint, die vor unserer Geburt schon war, durch kein Schicksal tn Frage gestellt und durch feinen Tod vernichtet werden kamt Von hier aus betrachtet, erfjäüt die Hoffnung des irdischen Menschen seine unzerstörbare Sehnsucht nach einem höheren, reineren, tieferen Leben einen Sinn, den fein Pessimismus zu entwürdigen und zu vernichten imstande ist. Muh es uns nicht als ein Wunder erscheinen, daß jeder einzelne Mensch trotz der tausendfachen Enttäuschungen, die er sich selbst fortwährend bereitet, nicht aufhören tann, an sich selbst zu glauben, weil er sonst sterben müßte? And ist es nicht unbegreiflich, daß wir den Selbstmörder als einen Anormalen, geistig Gestörten betrachten müssen, weil er von diesem Glauben abtrünnig geworden ist? Dieses Recht tntb diese Pflicht auf Hoffnung und den Glauben des Menschen an sich erscheint uns nach diesem 'Weltkriege, nach dieser Weltzertrümmerung und -Umwälzung, in dem unübersehbaren Chaos der Nachkriegszeit als ein Rätsel, das wir an uns erleben, ohne es zu verstehen. -Der Staat wie ein Wrack, die Gesellschaft eine trübe, brodelnde Masse, die Wirtschaft ein untergrabenes Gebäude, die Familie ein madiges Kernhaus. Würde eine freche, närrische oder gespreizte Maskerade. Kirchen Zufluchtsstätten Verwirrter und Ratloser, wo die Wahrheiten galvanisiert werden, die als Leichen auf dem ungeheuren Schlachtest) zurückgeblieben sind, das Vaterland ein Zankapfel würdeloser, niederer Parteizwietracht. Nirgends ist die Rot so groß wie in Deutschland, die Gefahr so fühlbar wie hier, die Eichicht in die Zerrüttung so schonungslos wie bei uns. und dennoch nirgends auch hat Hoffnung die gleiche verzweifelte Festigkeit, das Dertrauen, die Anerschütterlichteit und der Wille die stahl- - taste, unbeirrbare Entschlossenheit, aus diefsn Verhältnissen der Teufelei und Fron m ein neues, höheres Leben zu kommen. Denn -nirgends als im deutschen Menschen lebt, wenn auch den meisten -müh unbewußt, die Aeberzeugimg so stark, daß Staat, — 440 — Gesellschaft, Wirtschaft, Bo«, Ration, Bwevland nichts bes um Neujahr mehr spukt, als sonst?" Der alte Kaptein l>Zte sich fester in seinen Stuhl und kiriff Sie Augen zusammen. „Kocht das Wasser, und ist genug Zucker in den Gläsern? Sonst geb ich meinen Samaica nicht her. Er kommt nämlich wirllich aus camaica und nicht aus irgendeiner Bremrerei in Deutschland. Hao' ihn selbst initgebracht und durchgeschmuggelt. Denn dazumal schmuggelte man noch. Heute nicht mehr? Ich weist nicht, und was ich nicht weiß, darüber red' ich nicht. Reujahrsspuk? Wer sagte das Wort?" Der Kaptein sah sich mit seinen scharfen Augen im Kreise um. und wir sahen alle ganz still. Hatte er das Wort gesagt, oder einer von uns? Gemütlich war es in der kleinen Kombüse bei dem alten Seebären, den wir den Kaptein nannten. Ob er ein Patent auf diesen Dllel hatte, weist ich nicht. Das war uns einerlei. Blitzblank war Der Mahagonitisch, auf dem die Gläser und die Kuchen standen. Die Gläser mit dem duftenden Trank mehr für die Männer, die Kuchen für die, die der Kaptein die Weibsen nannte. Er hatte Ichon Besuch von einem alten Freund gehabt, und war schon etwas in Stimmung, während wir aus dem Schnee kamen, aus der ^ungenden Kälte. 2lber die wohlige Wärme, der Duft des Punsches stteg uns wohl gleich etwas zu Kopf. Einer von uns behauptete, am Reujahrsabend müsse es immer ein wenig „spökeln". en Haifisch. Und in der Reujahrsnacht kommen sie alle zu mir, die alten und die jungen Freunde, die, die fchon lange schlafen und die, die noch bei mir sitzen, Punsch trinken und Kuchen essen!" Der Kaptein schwieg und nahm einen langen Schluck. Draußen Kirrte das Eis und- seine Stimme fang etwas Unverständliches. — „Er sollte man das Singen lassen!" sagte der Kaptein. „Nachher. um zwölf, spielt die Stadtmusik vom Turm „Des Jahres letzte Stunde" und es läuten die Glocken das neue Jahr ein. UnD dann stehen sie cftw auf, die einmal in diesem Zimmer gesessen haben 'und verWUgt gewesen find. Und wenn sie auch in Wirklichkeit fest schlafen, so leben sie in unseren Gedanken, und vielleicht denken sie an uns, wie wir an sie, und vielleicht möchten sie uns dies zeigen. Ich aber möchte sie nicht stören. Sie haben ihr Teil Unruhe in ihrem Leben gehabt, man soll ihnen die Ruhe gönnen." „Das ist alles kein Reujahrsspuk!" murmelte der unver- verbesserliche Peter, und der Kaptein schüttelte den Kopf. „Rein, mein Junge, mit den Kerlen, die Reujahr durchaus Geister sehen wollen, hab' ich Nichts zu tun. Ich mach' mir meine Gedanken! von alleine, und wenn dir das nicht genug ist, dann geh zu den Booten, wo Geister Herumlaufen, selbst wenn es man bloß Hunde sind. Vielleicht siehst du auch den Klabautermann — er war lange verreist, jetzt soll er wieder da fein. Gesehen hab ich ihn noch nicht, aber wer sich große Mühe gibt, wird ihm vielleicht begegnen. Es kommt alles auf den guten Willen an." Ach nein, wir wollten den Klabautermann nicht aufsuchen wir hatten genug am Kaptein mit feinem stillen Reujahrsspuk. Selbst Peter sah dies ein, atmete den Duft von Jamaica und horchte auf das leise Klirren der Eisschollen. Sie fangen das alte Med vom ewigen Werden und Vergehen, und daß aller Reujahrsspuk ein Erinnern, ein Richt vergessen ist. 3n der Neujahrsnacht. Von Josef Winckler. In der diesjährigen Reujahrsnacht — wir waren auf Skiern und Rodelschlitten hinaus gezogen ins verschneite Gebirge — machte ich mich aus der Grog trinkenden Abendgesellschaft des Hotels für ein Stündchen frei und glitt unbemerkt auf einsame Wanderung unter herrlichstem Mondschein, unter dem vollen Sternenbogen an vereisten Wäldern und Wipfeln vorbei — ich streife oft allein abseits Der Heerstraßen zu Wundern ungeftörter Naturoffenbarungen — glitt leicht an den flaumigen Abhängen, nur Knirschen der Skier und Stoßen des Stockes sirrte durch die Weltstille, glitt mit meinem gigantifchen Schatten allein, der vom Mond links auf die bleich bläuliche Schneefläche geworfen wurde, in Selbstvergessenheit und Flugtrunkenheit, wie einer jener gro- - 4M flee, lautlos schwebenden NachtraubvSgel, di« auf 9t6«ntewer KEHeu den Gletscherwänden spähn. Anten schlug es auf einmal irgendwo zwölf Mr. Sumpf hallten dann einige dünne Schüsse, schwaches Sttmm- ■ getötet, eine Rakete — als entzünde sich ein Streichholz in der £fefe — und ich stand plötzlich vor einem mächtigen Klvstertor. Ach dachte an ein Hospiz zur Rettung Verirrter auf den furcht- Daren Dergpässen bei Sturm und Lawinen — aber das gewaltige Dor drehte sich von Geisterhand in den Angeln und ich glitt von selbst auf einen runden Binnenhof, in dessen Mitte ein unge- heiirer Brunnen einen Weib brausenden Schaumstrahl wie aus Sekt und Kristall empor wirbelte, wie aufgetrieben von unfatz-- licher Kraterleidenschaft einer ewigem Gotteskrast. Auf der Rund- mauer dieses Brunnens aber fast ein ehrwürdiger Greis, hielt bei meinem Anblick gleich ein silbernes Decherlein in den hoch Senden Gischt inti> schritt mir milde entgegen: »Also trinke, ad —1“ „Wer bist du — ?“ stammelte ich noch mächtiger geblendet und hingerissen von dem unerhörten Schauspiel dieses Sprudel- hrumrens, dessen kühler Dunstatem mir Myriaden zerplatzend« Stäubchen und knatternde Perlen an die dicken Mauern des Hofes zu schleudern schien. Kaum verstand ich die Worte des Greises vor dem rhythmischen Gedonner dieses schier überirdischen Wasserfalls. „Aengste dich nicht — trinke nur, mein Sohn, den die Arsehn- fucht des Menschenherzens in dieser Stunde zu mir trieb!" Aber ich wehrte mit beiden Händen und taumelte: „Sag' erst, wo bin ich?" Da lud mich der Greis ein, Platz zu nehmen auf dem mitzitternden Brunnenrand und ich zog die Schulter vor Schauder mrd drängte mich noch ganz fest an ihn, denn ich ahnte, daß ich zu einem jener sagenhaften Zauberer geraten sei, von denen das Doll immer noch flüstert und die nach der Statistik doch nicht mehr existieren sollen. „Leitete dich jedoch nur Zufall her —" begann der Alte (man sah die Lippen nicht, als spräche nur sein gebauschter Bart) „so wisse denn: ich bediene den heiligen Jungbrunnen, wo Liebe und Glauben die Mißgunst und den Reid erlöschen machen, ich bediene den Born der ewigen Gegenwartl Die guten wie auch alle bösen Geister erscheinen hier, die im Ablauf des Geschehens Wohl hinfällig werden, ermatten und wie untergehen, dann aber urplötzlich und wie neugeboren dastehen, aufgefrischt zu unbändigster Ditalität und darum ewig jung und gegenwärtig bleiben! Pah auf — wer da kommt — D Sagen Schrittes wankte ein namenlos vermorschtes Mütterchen, das graue Leichentuch hing zerrissen, als schlürfe das Gespenst eines Gerippes heran, kaum noch eines Lebensseufzers fähig. And wortlos reckte es die knöcherne Hand, umkrallte mit den Fingern das silberne Becherlein voll Sprudel und schlürfte, schlürfte in langen durstigen Zügen und mit jedem Zug fiel es wie Borke von ihrem Antlitz, als entblättere sich eine neue Gestalt, leuchtete goldenes Haar aus den Strähnen, wölbte sich Brust mrd Wange, aber immer m>ch nicht zu voller Kraft, sie schien erst halb vollendet, halb entbunden des Derfalls und eilte doch, schon über fernsten Höhen schwebend, eine Wage schwingend, ins Chaos der Welt zurück. „Das war die Gerechtigkeit, die ganz ermattet schien, ausgehöhlt bis zum Absterben, und selbst die Kraft des Dorns vermochte noch nicht, ihr die ganze Schönheit zurückzugeben —" flüsterte der Hüter des Quells —" die namenlos vergewaltigt« von Böllern und Menschen; pst! ein andrer naht!" And es kroch auf allen Bieren ein armselig abgemagerter Wurm herbei, dessen tückische Augen aber immer noch aus schielenden Spalten glühten und flackerten und Geifer troff vom Mund. Mit Tigerlippen schwang er sich an den Decherrand und soff, soff, soff uird Ring um Ring schwoll fein Leib zum platzend gefüllten giftig grünen, aufgedusenen Panzer, knurrend und schurrend vor Behagen, schlug, auf einmal gesättigt, vafendeS Brüflgelächter und sprang in kolossalster Verjüngung als ein ausgewachsener Drache mit sieben Flügeln in die Welt wie auf feine Beute zurück. „Das war der Molch des Hasses" — raunte der Wächter — „der sich selber schier verzehrt hatte und nun mit Platzenden Sutern wieder hervorkriecht bei der ersten besten Gelegenheit; trauet nicht den Schönrednern!" Jämmerliches Husten und Stöhnen, wie nach schwerem Leiden und vieler Drangsal, ertönte und an zwei Krücken, kaum noch vorwärts, schleppte sich ein hilflos geschundener Bettler heran, der eine Sense auf dem Rücken trug, ein Stundenglas um den Hals baumelnd. — „D u bist es, Vater Kronos, Gott der Zeit?" — rief der Wächter. And Kronos stöhnte: „Schnell, schnell, eh mir ganz der Atem ausgeht, schnell den Decher her! Denn ich will mich auch verjüngen, ich will ja endlich die neue Zeit fein, die neue Zeit, nach der fie jetzt alle schreien und rufen — die neue, neue Zeit - oh!" And der Drunnenwächter reichte ihm den gefüllten Decher, stützte ihm noch das Kinn beim Stütfen und KronoS lieh das Dulderhaupt, das schon beinah kahlköpfig war. tief in den Racken sinken hintüber und nahm einen unbändigen Schluck, noch einen, abermals einen und die hundertjährigen Runzeln schwanden, es schwand fein Gewand und siehe — siche — ein zappelnder Säugling. mit Flügelchen an den Fersen wie Heringsffessen Nein, fiel patsch! auf den iuufteu Boden und hielt als Kinderspielzeug das Stundenglas fest in der Hand. Der Wächter des Brunnens griff das greinende Geschöpf behutsam auf den Arm: „Das also bist du, bist du? Du hilflose Kreatur, du atmet Knirps, du mageret Balg, du unmündiger Puck — eia, popeiai Die Kriegsfurie ist deine Dante, der Hunger ist dein Detter, die Derzweiflung deine Schwester — möge der Glaube dein Drüber sein! Grütze mit alle deine Taufpaten und sie möchten dir ein gutes SHnullerchen in den Mund tun!" And der Säugling wankte und schwankte davon gen . . < Locarno, wo seine Wiege stehen soll. Ich schritt nachbenflich hinterdrein. Unter dem Tannenbaum. Don Theodor Storm. (Schluß.) Zu beiden Seiten deS Gärtchens lagen di« Geschenke für den Knaben; eine scharfe Lupe für die Käfersammlung, ein paar bunte München er Bilderbogen, die nicht fehlen dürften, von Schwind und Otto Specktet; ein Buch in totem Halbfranzband; dazwischen ein kleiner Globus in schwarzer Kapsel, augenschein» lich schon ein altes Stück. „Es wat Onkel Erichs letzte Weihnachtsgabe an mich," fügte der Amtsrichter; „nimm du «3 nun von mir! Es ist mir in diesen Tagen aufs Herz gefallen, daß rch ihm die Freude, die et mir als Kind gemacht, in späterer Zett nicht einmal wieder gedankt —; mm haben sie mir den alten Herrn im letzten Herbst begraben!“ Frau Ellen fegte den Arm um ihren Wann und führte ihn an den Spiegeltisch, auf dem heute die beiden silbernen Arm- feuchter brannten. Auch ihm hatte fie beschert; das erste aber, wonach seine Hand langte, war ein kleines Lichtbild. Seine 2utgen ruhten lange darauf, vÄhrsnö Frau Elfen still zu ihm emporsah. Gs war sein elterlicher Garten; dort unter dem Ahorn vor dem Lusthaufe standen die beiden Alten selbst, das noch dunkle volle Haar feines Vaters war deutlich zu erkennen. Der Amtsrichter hatte sich umgewandt; es wat, als suchten seine Augen etwas. Die Lichter an dem Moos gärt chen brannten knisternd fort; in ihrem Schein stand der Knabe vor dem auf» geschlagenen Weihnachtsbuch. Aber droben unter der Decke des hohen Zimmers wat es dunkel; der Dannenbaum fehlte, der das Licht des Festes auch dort hinauf getragen hätte. Da klingelte brausten im Flur die Glocke, und die Haustür wurde polternd aufgerissen. „Wer ist denn das?" sagte Frau Ellen; und Harro tief zur Tür und sah hinaus. Draußen hörten sie eine rauhe Stimme fragen: „Din ich denn Hier recht beim Herrn Amtsrichter?" And in demselben Augenblicke wandte auch der Knabe den Kopf zurück und rieft „Knecht Ruprecht; Knecht Ruprecht!" Dann zog et Vater und Mutter mit sich aus der Tür. Es war der große bärtige Mann, der den beiden Spaziergängern vorhin oberhalb der Stadt begegnet war; bei dem Schein des Flurlämpchens sahen sie deutlich die rote Hakennase unter der beschneiten Pelzmütze leuchten. Sein langes Gepäck hatte er gegen die Wand gelehnt. „Ich habe das hier abzugeben l" sagte er, indem er auch den schweren Quersack von der Schulter nahm. „Dorr wem denn?" fragte der Amtsrichter. „Ist mir nichts von auf getragen worden." „Wollt Ihr denn nicht näher treten?“ Der Alte schüttelte dem Kopf. „Ist alles schon besorgt! Habt gute Weihnacht beieinander!" And indem er noch einmal mit der großen Rase nickte, war er schon zur Tür hinaus. „Das ist eine Bescherung!" sagte Frau Ellen saft ein wenig schüchtern. Harro hatte die Haustür aufgeriffen. Da sah er die große dunkle Gestalt schon weithin auf dem beschneiten Wege hinaus» schreiten. Run wurde di« Magd herbeigerufen, deren Bescherung durch dieses Zwischenspiel bis jetzt verzögert war; und als mit ihrer Hülfe die verhüllten Dinge in das helle 'Weihnachtszimmer gebracht waren, kniete Frau Ellen auf dem Fußboden und begann mit ihrem Trennmesser die Nähte des großen Packens aufzulösen. And bald fühlte fie, wie es von innen heraus sich dehnte und die immer schwächer werdenden Bande zu sprengen strebte; und als der Amtsrichter, der bisher schweigend dabei gestanden, jetzt die letzten Hülfen abgestreift hatte und es aufrecht vor sich hingestellt hielt, da war'S ein ganzer mächtiger Dannenbaum, der nun nach allen Seiten seine entfesselten Zweige ausbreitete. Lange schmale Bänder von Knittergold riefelten und blitzten überall von ben Spitzen durch das dunkele Grün herab; auch die Tannäpfel waren golden, die unter allen Zweigen hingen. Harro war indes nicht müßig gewesen, er hatte den Quersack aus gründen; mit leuchtenden Aug en brachte er einen flachen, grün lackierten Kasten geschleppt. „Horch, es rappelt!" sagte er; es ist ein Schubfach darin!" And als sie es aufgezogen, fanden fie Wohl ein Schock der feinsten weißen Wachskerzchen. „DaS kommt von einem echten Weihnachtsmann!" sagte der Amtsrichter, indem er einen Zweig des Baumes herunterzog. .da fitzm» schon überall die kleinen Blechlampetten!" Aber es war nicht nur ein Schubfach in dem Kasten; es war auch obenauf ein Klötzchen mit einem Schraubengang. Der Amts- - tit - lichter wußte Bescheid in diesen Dingeir, nach einige« Minuten war der Baum eingeschrobeic und stand fest rmd aufrecht, feine grüne Spitze fast bis zur Decke streckend — Die alte Magd hatte ihre Schüssel mit Aepfeln und Pfeffernüssen stehen (affen; während die anderen drei beschäftigt waren, die Wachskerzen auf- zustecken, stand sie neben ihnen, ein lebendiger Kandelaber, in jeder Hand einen brennenden Armleuchter emporhaltend. — Sie war accS der Heimat mit herübergekommen und hatte sich von allen am schwersten in den Brauch der Fremde gefunden. Auch jetzt betrachtete sie den stolzen Daum mit mißtrauischen Augen. „Die goldenen Eier find denn doch vergessen!" sagte sie. Der Amtsrichter sah sie lächelnd an: „Aber Margreth, die goldenen Tannäpfel sind doch schöner!" „So, meint der Herr? Zu Hause haben wir immer di« goldenen Eier gehabt." Darüber twir nicht zu streiten; es mar auch keine Zeit dazu. Harro hatte sich indessen schon wieder über den Quersack hergemacht. „Noch nicht anzünden!" rief er, „das Schwerste ist noch darin!" Es war ein fest vernageltes hölzernes Kistchen. Aber der Amtsrichter holte Hammer und Meissel aus seinem Gerätkästchen; nach ein paar Schlägen sprang der Deckel auf, und eine Fülle weisser Papierspäne quoll ihnen entgegen. — „Zuckerzeug!" rief Frau Ellen und streckte schützend ihre Hände darüber aus. „Ich wittere Marzipan! Setzt euch; ich werde auspacken!" äliid mit vorsichtiger Hand langte sie ein Stück nach dem andern heraus und legte es auf den Tisch, das nun von Vater und Lohn aus dein umhüllenden Seidempapier herausgewickelt ‘ wurde. „Himbeeren!" rief Harro, „und Erdbeeren, ent ganzer Strauss!" „Aber siehst du es wohl?" sagte der Amtsrichter, „es sind Walderdbeeren; so welche wachsen in den Gärten nicht." Dann kam, wie lebend, allerlei Geziefer; Hornissen und Hummeln und was sonst im Soimenscheur an stillen Waldplätzen umherzüfummen Pflegt, zierlich aus Dragant gebildet, mit gold- bestäubten Flügeln; nun eine Honigwabe — die Zellen mochte« mit Likör gefüllt fein —, wie sie die wilde Biene in den Stamm den hohlen Eiche baut; und jetzt ein großer Hirschkäfer, von Schokolade, mit gesperrten Zangen und auägeB reiteten Flügeldecken. „Cervus iucanus!“ rief Harro und Aasschte in die Hände. An jedem Stück war, je nach der Gröhe, ‘ein lichtgrünes Seidenbändchen. Sie konnten der Lockung nicht widerstehen, sie begannen schon jetzt den 'Baum damit zu schmücken; während Frau Ellens Hände noch immer neue Schätze ans Licht förderten. Bald schivebte zwischen den Immen auch eine Schar von Schmetterlingen an den Tamcenfpitzen; da war der Himbeerfalter, die silberblaue Daphms und der olivenfarbige Walbargus. und wie sie alle heißen mochten, die Harro, hier vergebens aufzujagen gesucht hatte. — Und immer schwerer wurden di« Päckchen, die eins nach dem andern von den eifrigen Händen geöffnet würden. Denn jetzt kam das Geschlecht des größer«» Geflügels; do. kam der Dompfaff und der Buntspecht, ein Paar Kreuzschnäbel, die int Tannenwald daheim sind; und jetzt — Frau Ellen stieß einen leichten Schrei aus — ein ganzes Rest voll t(einet schnäbelaufsperrender Vögel; und Väter und Sohn gerieten imteütmiber in Streit, ob es Goldhähnchen oder junge Zeisige seien, während Harro schon das klein« Heimwesen im dichtesten Tannengrün verbarg. Der Baum war voll, die Zweige bogen sich; die alte Margreth stöhnte, sie könne die Leuchter nichts mehr halten, sie habe gar keine Arme mehr am Leibe. Aber es gab wieder neue Arbeit. „Anzünden!" kommandierte der Amtsrichter; und die klein und großen Weihnachts- kinder standen mit heißen Gesichtern, kletterten auf Schemel und Stühle und liessen nicht ab, bis affe Kerzen angezündet waren. Der Baum bramtte, das Zimmer war von Dust und Glanz erfüllt und es war nun wirklich Weihnachten geworden. Ein wenig müde von der ungewohnte!» Anstrengung saß der Amtsrichter auf dem Sofa, nachsimrend in den gegenüber- hüngenden großen 'Wandspiegel blickend, der das Bild des brennende!» Baumes .zurückstrahlte. Frau Ellen, die ganz heimlich ei» wenig aufzuräumen begann. wollte eben die geteerte Kiste cor die Seite letzen, als sie tote in Gedaicken noch einmal mit der Hand durch die Papier- späne streifte. Sie stutzte. „Unerschöpflich!" fugte sie lächelnd. — Es war ein Star von Schokolade, de» sie hervorgeholt hatte. „ Und, Paul!" fuhr fie fort, „er spricht!" Sie hatte sich zu Hut auf die Sofaiehne gesetzt, und beide lasen nun gemeinschaftlich den beschriebenen Zettel. den der Bogel in seinem Schnabel trug; „Einen 'Wald- und Weihnachts» gruß von einer dankbarem Freundin!" „Also von ihr!" sagte der Amtsrichter, „ihr Herz hat ein gut Gedächtnis. Knecht Ruprecht muhte einem tüchtigen 'Weg zurücklegen; denn ,das GM liegt fünf ganze Meilen vom hi«. Frau Elfen fegte den Arm um ihres MamneS Racken. „Richt war, Paul, wir wollen auch nicht amdantzbar gegen die Fremde fein?“ „O, ich bin nicht undcurkbar; — aber-----" '/ „Was denn ab«, Paul?" „Was mögen drüben jetzt die Alten machen!" Sie antwortete nicht darauf; sie gab ihm schweigend ihre Haich. — „Wo ist Harro?" fragte er nach einer Weile. Harro war .eben wieder ins Zimmer getreten; aus ein« Schachtel, die er mit sich brachte, nahm er eine kleine verblichene Figur und befestigte sie sorgfälttg an einen Zweig des Tarmsn- baumes. Die Eltern hatten es wohl erkannt; es war ein Stück von dem Zuckerzeug des letzten heimatlichen Weihnachtsbaumes; ein Dragoner auf schwarzem Pferde in langem, graublauem Mantel. D« Knabe stand davor und betrachtete es unbeweglich; feine großen blauen Augen unter der breiten Stirn wurden immer finsterer. „Vater", sagte er endlich, und feine Stimme zitterte, „es war doch schade um unser schönes He«! — Wenn sie es nur nicht aufgelöst hätten — ich glaube, dann wären wir wohl noch zu Hause!" Eine lautlose Stille folgte, als der Knabe das gesprochen. Dann rief der Vater seinen Sohn und zog ihn dicht an sich heran. „Du kennst noch das alte Haus dein« Großeltern", sagte er, „du bist vielleicht das letzte Kind von den Unfern, das noch auf feen großen übereinander getürmten Bodenräumen gespielt hat; feen» die Stunde ist nicht mehr fern, daß es in fremde Hand kommen wird. — Einer deiner älvahiten hat es einst für feinen Söhn gebaut. Der junge Mann fand es fertig und ausgestattet vor, als er nach mehrjähriger Abwesenheit in den Handelsstädten Frankreichs nach seiner Heimat zurückkehrte. Bei seinem Tobe Hat er es seinen Rachkommen hinterlassen, und sie haben darin gewöhnt als Kaufherren mrd Senatoren, oder, nachdem sie sich dem Studium der Rechte zugewandt hatten, als Bürgermeister oder Syndiki ihrer Vaterstadt. GS waren angesehene und möhldenkenbe Männer, die im Lauf der Zeit ihre Kraft und ihr Vermögen auf mannigfache Weise ihren Mitbürgern zugute komme» ließen. So waren sie wurzelfest geworden in 6er Heimat. Roch in meiner Knabenzeit gab es unter den tüchtigeren Handwerkern fast keine Familie, wo nicht von den Voreltern oder Eltern eines in den Diensten der Unter: gen gestanden Hätte; sei es auf den Schiffen öder in den Fabriken oder auch im Hause selbst. — Es waren das Derhält- mfse des gegenseitigen Vertrauens; jeder rühmte sich des andern und suchte sich des andern wert zu zeigen; wie ein Erbe ließen es die Eltern ihren Kindern; sie kannten sich alte, über Geburt und Tod Hinaus, denn sie kannten Art und Geschlecht der Zungen, die geboren wurden, und der Alten, die vor ihnen dagewesen waren." — Der Amtsrichter fchmteg stnsn Augeilblick. während der Knabe unbeweglich zu ihm emporsoh. „Aber nicht allein in die Höhe", fuhr er fort, „auch in die Tiefe haben deine Voreltern! gebaut; zu dem steinernen Hanse in der Stadt gehörte die Gruft draußen auf dem Kirchhof; denn auch die Toten sollten noch beisammen sein. — äl>nd seltsam, da ich des inne ward, daß ich fort mußte, mein erster Gedanke war, ich könnte dort den Platz verfehlen. — Ich habe sie mehr als einmal offen gesehen; das letztemal, als deine Urgroßmutter starb, eine Frau in hohen Jähren, wie sie den älnserigen vergönnt zu fein pflegen. — Ich vergesse den Tag nicht. Ich war hinabgestiegen und stand unten in der Dunkelheit zwischen den Särgen, die irefeen und über mir auf den eisernen Stangen ruhten; die ganze alte Zeit, eine ernste schweigsame Gesellschaft. Reben mir war der Totengräber, ein eisgrauer Mann. Aber einst war er jung gewesen und Hatte als Kutscher, den schwarzen Pudel zwischen den Knien, die Rappen meines Großvaters gefahren. — Er stand an einen höhen ©arg gelehnt und ließ wie liebkosend seine Hand über Las schwarze Tuch des Deckels gleiten. „Das is mitt ole Herr!" sagte er in seinem Plattdeutsch,, „bat weer en guds Mann!" — Mein Kind, nur dort zu Hause konnte ich solche Worte hören. Ich neigte unwillkürlich das Haupt; denn mir war. als fühlte ich den Segen der Heimat sich leibhaftig auf mich meder» senken. Ich war der Erve dieser Toten; fie selbst waren zwar dahingegangen; aber ihre Güte und Tüchtigkeit febte noch, und war für mich da und half mir, wo ich selber irrte, wo meins Kräfte mich verließen. — Und auch jetzt noch, wenn ich mir und den Weinen nicht zur Freude, aber getrieben von jenem geheimnisvollen Weh, äuf kurze Zeit zurückkehrte, ich weiß e« wohl, dem sich dann alle Hände dort entgegenstreckten, das war nicht ich allein." Er war aufgestanden und hatte einen Fensterflügel auf- gestoßen. Weithin dehnte sich das Schneefeld; der Wind saust»; unter den Sternen vorüber jagten die Wolken; dorthin, wo in unsichtbarer Ferne ihre Heimat lag. — ®r legte fest den Arm um seine grau, die ihm schweigend gefolgt war; seine lichtblaue« Augen lugten scharf in die Macht hinaus. „Dort?" sprach er feife; „ich will den Namen nicht nennen; er wird nicht gern gehört in deutschem Landen; wir wollen ihn füll in unserem Herzen sprechen, wie die Äuden das Wort für den Älfev- heiligsten. lind er .ergriff die Hand feines Kindes und preßte sie so fest, daß der Zunge die Zähne zusammenbitz. Roch lange ftandsn sie und blickten dem dmckfen Zuge Wolken nach. — Hinter ihnen im Zimmer ging ’Htagb umher und hütete sorgsamem Auges die allmählich «teöw brenmenden Weihnachtskerzen. tzchristleitung: Dr, Friede. Mich, Lange. — Druck w* Verlag der Brühi fchen Aniy-Bxch- und Steindruck««;, A. Se*a», Mchi»