Gießener Kmilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, den 29. September Nummer Z8 Reisefegen. Von Sans Schiebelhnth. Geb aut. Die Götter haben deine Stirn geküßt. Geh sanft und wisse: alle Lasse» schlafen. Nichts Böses wird dir begegnen. Allwege Wartet dein eine gnädig schirmende Sand. Rosen aber und Gold sät wegwärts vor dir das Frührot. Rastest du, wölbt sich des Mittags tiefblaue Lalle Gern dem Gast. And sanft, denn mit Sang und Salbe Belabt der Abend lind den tagmüden Sinn. Wohne tief im Wunder der ftemden Nacht, erlausche Was dir ein anderer Traumvogel zärtlich verrät. Leere den Becher ganz und hebe dann wieder Weiter auf Pfaden ins Licht leichtleicht den Fuß. Das Traumreich der Wissenschaft. A. von Gleichen-Rußwurm. Von Ainerika aus wird eine Revolutionierung der Wissenschaft und damit des gesamten Erdbetriebs angekündigt. Dank der Entdeckung des gelehrten Dr. G. Wendt soll sie unaufhaltsam in die Nähe rücken, denn dieser Erfinder behauptet, daß es ihm gelungen sei, sich mit Lilse höchster Litzegrade der Kraft anatomischer Zersetzung zu bemächtigen, einer Kraft, die alle bisher wirkenden motorischen Kräfte wie Kinderspiele weit hinter sich läßt. Sensationelle Nachrichten von Entdeckungen und von Umwälzungen in der Wissenschaft mehren sich unheimlich, bald hört man von hygienischen Neuerungen oder Wunderkuren, die das menschliche Leben unendlich verlängern, so daß man künftig von einem rüstigen Lundertjährigen wie bisher von einem Sechzigjährigen frechen wird, bald verlautet, daß irgendwelche Strahlen Wände und Decken durchleuchten und erlauben, in jöde Wohnung und in jeden Schrank zu sehen, bald wird verkündet, das Geheimnis, Gold zu machen, sei gelöst. 1 Zuweilen verschwinden diese leuchtend aufgestiegenen Versprechungen wie Raketen, sicher ist aber, daß zahlreiche tatsächliche Errungenschaften die Welt derartig verändert haben, daß alle Zukunftsromane längst überflügelt sind. Dichterische Intuition hat mancherlei richtig vorempfunden, man braucht nur Jule Verne oder Wells oder auf sozialem Gebiet nachzulesen. Jetzt betrachten aber nicht mehr Dichter, sondern Gelehrte von Ruf und Beruf die Zukunft der Wissenschaft im Zusammenhang mit der Zukunft des Menschen vom philospohischen Standpunkt aus. Das Besondere an dieser neuzeitlichen Betrachtung ist, daß die Zukunft durch verschiedene Temperamente geschaut wird. „Wissenschaft und Zukunft" oder „Dädalos" nennt I. B. Lal- dane in Cambridge sein Werk „Ikaros" oder „Die Zukunft der Wissenschaft" Bertrand Nusselle das feine; ersterer zieht als Optimist, letzterer als Pessimist seine Schlüsse. Da wird Dädalos zum Sinnbild des Machtrausches bei erster Entdeckung oder Erfindung des Flugvermögens, er bedeutet die grenzenlosen Ausstieg- und Fortschrittsmöglichkeiten, die dem Aebermenschrn die Wissenschaft der Zukunft gibt. Das Gegenspiel betrachtet Ikaros als Gleichnis des von Lochmut erfaßten und darum kläglich endenden, allzu kühn Vor- dringenden. In ihm zeigt sich die Gefahr jener Lybris, jener frevel- haften Maßlosigkeit, die zwingend zum Absturz verurteilt. Anwillknrlich erinnert man sich an das alte stiestsche Märchen von Frau Ilsebill, die von der Fischerhütte zu Schloß und Palast, zu Kaiser- und Papstthron anstrebt, sich aber nicht einmal damit, begnügen läßt, sondern begehrt der liebe Lerrgott zu werden, worauf sie in ihre ursprüngliche Armseligkeit zurückgeschleudert wird. Beinr Weltkrieg wurde schon die Probe aufs Exempel gemacht, daß gerade ein Llebermaß von technischen Fortschritten, von Industrialismus in riesigem Ausmaß zu einem gigantischen Ringen um Rohstoffe und Märkte führt, und einen Zustand bringt, der den Menschen, als er von Zivilisation zuviel begehrte, rasch herabkommen ließ und den Rückschritt bis zur Groteske der Löhlenbewohner steigerte. Die Wisseirschaft vermag eben nicht ihren Erfolgen Milde, Bescheidenheit und Verträglichkeit beizunrischen. Es gibt kein Serum gegen Gier und verderblichen Fanatismus jeder Art. Nicht nur unvermögend ist die Wiffenschaft den Menschen ethisch zu heben, damit seine Gesellschaftsordnung erträglich werde, sie hat sogar alle mllhsain erstandenen Erträglichkeiten des Daseins, alle \ Eingewöhnungen und höflichen Formen rasch vernichtet und Zwangs- I läufigkeiten geschaffen, die ethisch ungesund sind und zu katastrophaler: S sozialen Antithesen führen. Außerdem tritt notwendig der Fall ein, I daß sich die Kohlenvorräte erschöpfen, uird welcher Krise steht der 8 von der Wissenschaft erzeugte und genährte Industrialismus dann gegenüber! And welche Amwälzung mit unabsehbaren Folgen steht bevor, wenn es gelingt, unabhängig von der Kohle zu arbeiten, die im modernen Weltgetriebe die Grundlage bildet? Oder wenn Entdeckungen .gelehrter Forscher die bisherigen, noch ungefähr wirkenden national- ökonomischen Gesetzlichkeiten aufheben? Denn, wohlgemerkt, das atemlose Tempo jetziger Neuerungen, die man Forsschritt zu nennen beliebt, läßt keine Zeit, sich allmählich anzupassen, sondern es geht vor als Katastrophenentwicklung, die bei jedem Ruck, bei jeder Explosion unzählige Opfer fordert. Wahllos wird die Menschheit zusammengedrängt, künstlich zu einer künstlichen Fruchtbarkeit gezwungen, dann wieder auseinander- gerissen. Taten und Täter werden vergessen und gleichgültig. Diesem dämonischen Bild, das aufstetgt, wenn sich eine Zeit der Weltanschauung des Ikaros anvertraut, hält die Auffassung des Dädalos ein anderes entgegen, das hellbeleuchtet die strahlende und hoffnungsreiche Seite der zukünftigen Wissenschaft zeigt. Müssen wir anerkennen, tote groß das Verdienst der Wissenschaft um Leilung von Krankheiten und Betäubung von Schmerzen ist, tote siegreich sie im Kampf gegen die Schmerzempfindung vorgeht, wir dürfen uns nicht verhehlen, daß die Verbreitung von Opium und Kokain durch ihre zersetzende Verheerung das wohltätige Wirken der Mittel auszuheben beginnt. Auch die phantastischen Fortschritte der Chirurgie haben Schattenseiten, die man nicht gern wahr haben will. Am restlosesten kann man sich freuen über die Erfolge auf dem weltumfassenden Gebiet der Lygiene, die alle Winkel von Verkommenheit und (schmutz mit erfrischendem Luftzug durchstreicht, doch selbst hier macht sich Pedanterie, macht sich Fanatismus unliebsam breit. Die Äerkünstlichung des Lebens wird aus anderem Gebiet jedoch viel auffallender. Künstliche Nahrungsmittel, Nährpillen, die des Essens und Trinkens überheben, stehen auf dem Programm der Wissenschaft von morgen, die künstliche Befruchtung, die schon an Pflanzen mit allerlei Ergebnis versucht wurde, soll auf die Menschen angewendet werden. Die voraussichtliche ungeheure Zunahme der Bevöllerung und die vollständige Industrialisierung der Erde, die mit künftiger Entwicklung zusammenhängt, muß jede Landwirtschaft im alten Stil illusorisch machen, dagegen gedenkt man eine nahrhafte Alge im Meer zu kultivieren/ die in kolossalen Fabriken zur Ler- stellung jener Nährpillen verwendet wird. Solch böser Traum, den mancher Wissenschaftler als Fortschritt verkündet, dünkt heute schon nicht mehr unwahrscheinlich, wenn man bedenkt, daß der Anverstand des Staates in vielen Ländern den alten Bauernstand, den niemand ersetzen kann, systematisch ruiniert durch Bevorzugung der Arbeiter, daß die Großstadt den jugendlichen Landbewohner anzieht und blendet, wie das Licht die Motte, und bald keine Lände mehr zu finden sind für die altehrwürdige Arbeit der Land. Wie von» Dienst der Erde, wird der Mensch vom Dienst des Laufes abgezogen, und die Läuslichkeit geht wie die Landwirtschaft aus Mangel an tteudienenden Länden zugrunde. Mächtige Lebensgewohnheiten und Leiligtümer soll die künftige Wissenschaft ersehen, sie experimentiert ja bereits in diesem Sinn, durch Massenbetriebe, Massenwohnungen, die künstlich gehalten sind, Massenartikel und Massennährmittel ohne besonderen, persönlichen Reiz. Die trostlose Langeweile des verkünstelten Lebens, für das alles, was Wir Natur nennen, ein Märchen aus alter Zeit sein wird, durch unbegrenzte Schnelligkeit des Verkehrs, durch Aushebung der Ferne wett zu machen, stellt sich als das eigentliche Stteben der Zeit heraus. Wahrscheinlich bringt die Wissenschaft auch ungeahnte Rausch- und Genußmittel, die Wein, Tabak, Kaffee überbieten, sie wird, wie es die Versuche von Embden in Frankfurt schon begonnen haben, durch Präparate die menschliche Energie bedeutend steigern. Die Arelemente und deren okkulte Kraft werden der Äexerei untertan gemacht in anderem, mächtigerem Sinn als die Lexenmeister träumten. Die „Elementargeister" von einst sind dann Knechte des Menschen. Aber die Gefahr besteht, daß wir genau wie im alten Märchen, Knechte unserer Knechte werden. Nicht umsonst hat sich die Wiffenschaft in Tempeln okkult gehalten, in Geheimnis gewoben. Nur sorgfältig geschulte Adepten vererbten sie von Geschlecht zu Geschlecht, sorgsältig 'erzogen, sittlich gefestet, peinlich geprüft vor jedem Erschließen eines neuen Grades. Man hegte die Aeberzeugung, daß Wissen nur dann wohltätig wirkt, wenn sittlich hochstehende und Weise ällein den Schlüssel dazu besitzen, Lüter sind und über seine Macht verfügen. Ein tragischer Konflikt enffteht, wenn der wissenschaftliche Fortschritt von sittlichem Niedergang begleitet ist, wenn die Elementargeister sinnlos fürchterliche Eimer schleppen, wie in Goethes Ballade vom Zauberlehrling, und kein erlesener Meister sie durch ein Spruch in nützliche Besen zrwückverwandelt. — 310 — 3m Magreb. Von E. von £lng em-Sternberg. Magreb bedeutet das Land des Sonnenunterganges, das Land, in dem französische und spanische Leere um die Lerrschafk ringen, in dem Abd el Krim zwei Großmächten die Stirne bietet, das Rerch der Wunder, des Blutes, der Grausamkeit und des Glaubens. Auf das Magreb, wie die Mauren ihre Leirnat nennen, auf Marokko, schaut heute die Welt Europas mit wachsender Aufmerksamkeit, dort entscheidet sich das Schicksal westlicher Völker, dort lasten die Jahrtausende über den Gräbern verlorener Zivilisationen. Phönizier und Römer, Goten und Mauren sind im Weltengeschehen am Rif vorbeigezogen, haben geherrscht und sind in der Vergänglichkeit aller Dinge versunken. An Marokko fuhren die alten Galeeren vorbei zu den Inseln der Seligen, Niederlassungen wurden gegründet, deren Ruinen noch heute aus dem Sande ragen, dort, wo die Omajaden geherrscht, wo die Kalifen ihre Märchenstädte bauten, rollen heute französische Tanks und fliegen spanische Luftschiffe. Europa sendet Feuer und Tod und will den Geist Afrikas, der sich in den wilden Bergen des Rifs verschanzt, zur Unterwürfigkeit zwingen. Afrika wehrt sich. Die heiße Sonne, der Sand, die wilden Felsen, die Anzugänglichkeit des Bodens und die fanatischen Bewohner sind seine Bundesgenossen. Wer den Boden Marokkos betritt, kann den Geist Afrikas erfassen. Die Sonne glüht, Leiß und Schwül werden zu leeren Worten. Sie bezeichnen nicht jenen Zustand, wenn der Mund anstatt Luft glühende Lohe einatmet, wenn das Gehirn zu denken aufhört, wenn der Lerzschlag bald stockt, bald wild an den Brustkorb pocht und wenn der Tod als Kühle und Erlösung lächelt. Trotz des seidenen Gesichtsschleiers blenden die Lichtgarben und zaubern über den Sandflächen lockende Gebilde. Aber auch die wechselnde Fata Morgan« wird zur Pein, denn alles herum scheint unwirklich, ein Feenpalast der Djina. Die kahlen Steinblöcke verwandeln sich in drohende, glühende Giganten. Der Sand wird zu einem goldprickelnden Bache. Dort liegen die Vorberge von Saarun. Auch sie erscheinen anfangs wie eine Täuschung, wie eine amethystfarbene Flamme über einem opalleuchtenden Abgrund... und dann plötzlich öffnet sich vor uns das Paradies. Grüne Maulbeerbäume, und in ihrem Schatten riefelt kühles Wasser über das Gestein. Vor der Quelle liegend, fallen diamantene Tropfen erquickender Seligkeit über die Finger. .Sinter einem Felsenvorsprung tritt unvermutet ein bronzefarbener, fast nackter Mann hervor. Die Laare find in kleine Zöpfe geflochten. Er trägt einen Korb auf den Schultern, dessen Deckel fich hebt und senkt. Es ist ein Mönch aus dem Orden der Assauya, dem die Schlangen gehorchen und der in Aazza» ein großes Kloster besitzt. Der Mönch öffnet den Deckel seines Korbes und dabei beginnen sich um seine Arme und um seinen Lais Giftschlangen zu ringeln, ihre gespaltenen Zungen berühren zart das Gesicht des Beschwörers. Das Geschenk einer größeren Münze versetzt den Mönch in unbeschreibliche Freude. Als Dank übt er seinen Schlangenzauber aus. Er faßt nach dem Kopf eines der Anwesenden und preßt die Schläfen mit seinen starken, heißen Länden zusammen. Dann bläst er lange auf den Scheitel und murmelt dabei unverständliche Worte und Sprüche; schnell ergreift er dann eine der giftigen Schlangen und legt sie dem Neophyten um den Lais. Ein unfägliches Gefühl des Grauens und des Ekels, und doch steht man wie gebannt und wagt sich nicht zu rühren. Die Schlange züngelt aber sticht nicht, und der Mönch versichert feierlichst, daß man fortan auf Schlanaennestern schlafen könne. In Marokko darf kein Christ eine Moichee be;uchen, aber es ist ihm nicht verwehrt, ein mohamedanisches Kloster zu betreten. Graue Wände, an denen eiserne Ständer für Fackeln befestigt find, einige schön geschwungene Steinbogen, und ganz kleine enge Oeffnungen als Fenster. Bei den Bußübungen in einem Assauyakloster, die im schönen Garten abgehalten zu werden pflegen, quietschen die Flöten wild durcheinander, kleine Trommeln wirbeln und verstimmte Saiteninstrumente begleiten lautes Singen, Stöhnen und Beten. Ein kettenbeladener Mann scheint in der Mitte zu tanzen, wenigstens bewegen sich seine Beine in sprunghaften Bewegungen, während das Gesicht das starre Aussehen einer Totenmaske zeigt. In den Rücken sind eiserne Laken und Nadeln gebohrt, so daß das Blut in kleinen Streifen über die Laut herniedersickert. Dann tritt aus dem Ämter- gründ ein weißbärtiger würdiger Greis hervor, dem die Anwesenden voll Ehrfurcht die Land Kiffen, die er wie segnend erhebt. Er tritt auf den Büßer zu, spricht ein Gebet oder eine Beschwörung und plötzlich wird der Tanzende ruhig, seine Züge glätten sich... und seltsam, das Blut hört auf aus seinen Wunden zu tropfen. Die Giftschlangen, die sich um feine Arme und Schultern gewunden hatten, lassen wie verdorrt ihre Köpfe hängen. Nicht weit vom Kloster der alte Löwenzwinger, der heute leer steht und neben dem im Sonnenglast die Kadaver von gefallenen Maultieren und Eseln faulen. Französische Offiziere und Pariser Chansonetten in ihrer Begleitung, die aus Fez aus den Kriegsschauplatz herübergekommen sind, gehen naserümpfend vorüber. Im Zwinger hielten die Kaids und Scheichs an starken Ketten ihre Löwen, die von Sklavinnen gefüttert wurden, und denen man auch auflässige Rifleute, nur mit einem kurzen Schwert und kleinem Schild bewaffnet, vorzuwerfen liebte. Mancher Sultan in Fez fand eine besondere Freude daran, seine tapferen Gefangenen mit dem Löwen kämpfen zu lassen. Siegte der Gefangene, so wurde ihm, wenn er dem Sultan Treue versprach, das Leben geschenkt. Die Löwen, von denen jeder in einem Zwinger saß, gewöhnten sich bald an die ihnen zugeteilte Sklavin und schlossen mit ihr eine große Freundschaft, man fand sie bisweilen im selben Käfig schlummernd vor und der Löwe bewachte seine Freundin. Der Tod im Löwenkäfig galt fast als eine besondere Gunst im alten Marokko. Dem Sultan el Raschid z. B. machte es Freude, seine Gefangenen persönlich zu vierteilen. Er rühmte sich, daß es in seinem Garten keine Rose gäbe, die nicht mit Menschenblut begossen worden sei. Muley Sttman ließ seine Gefangenen einsalzen, d. h. er befahl ihnen kleine Einfchnitte am Körper zu machen und die Wunden mit Lauge einzureiben. Dann ließ er sie in mit Salz gestillte Kisten verpacken, die eine Oeffnung für den Kopf hatten. Diese Kisten wurden im Audienzsaal aufgestellt, und Sklaven mußten die Unglücklichen mit kühle» Gettänken stärken, damit sie nicht zu bald ihren Qualen erlägen. Unter dem Stöhnen der Sterbenden ließ der Sultan dann seine Taten durch Barden preisen. Nach der blendenden Sonnenglut schwimmt der Mond am Limmel empor. Die engen und schmutzigen Gassen von Aazzan sind plötzlich silberlackiert. Auf de» flachen Dächern und Terrassen haben sich die Frauen verfammelt, tanzen oder liegen auf weichen Kiffen und träumen in der lauen Nacht. Aus einem maurischen Kaffee klingt das leise Weinen der Gembras. Auf einem kostbaren Teppich sitzen einige Mohren und lassen die Finger nachlässig über die Saiten gleite». Einer von ihnen beginnt einen seltsamen Gesang, es ist mehr em moduliertes gutturales Stöhnen, das von kauten Klagen unterbrochen wird. Es klingt wie ein Nus aus vergangenen Jahrtausenden, wie aus den Gräbern erloschener Völker und Zivilisationen. Die Besucher lauschen und hocken dabei mit untergeschlagenen Beinen auf den Matten oder auf niedrigen Schemeln und schlürfen langsam den süßen, dickflüssigen Kaffee, der von Knaben in feflverschlossenen winzigen Gefäßen auf dem Kohlenfeuer zubereitet wird, oder sie ttinken stark gewürzten Tee. Die vornehmen Mauren duften nach Ambra und anderen Wohlgerüchen, ihre Fingernägel sind rosa geschminkt, auch ihre Bärte sind gesiegt und parfümiert. Jetzt stimmt die Musik Neglabat, d. h. baechische Liebeslieder an, und als dann eine Tänzerin aus Bu-Saada mit brennenden Glutaugen und geschmeidigem Körper erscheint, da sind wir plötzlich mitten in eine andere Welt versetzt, von der einst die arabischen Sagen, als wir noch gläubige Knaben waren, zu berichten wußte». Nu» erscheint in einen schneeweißen Burnus gehüllt der Märchenerzähler. Kadenzen betonend singt er seltsame Begebnisse von Kalifen und Jins. Man zweifelt garnicht an der Wahrheit seiner Geschichte»., Draußen verliert sich der Lorizont in der Endlosigkeit, im Leuchten nebelhafter Sterne, und es scheint, als ob sich im Weltall plötzlich eine Pforte öffne» müßte, durch die lächelnd, im blauen Gewände das Wunder tritt. Dann schmetternde Fanfaren vom Platze. Die Soldaten sammeln sich zum Marsche. Finster blicken die Männer zu Boden, und der Märchenerzähler schweigt. Kanonendonner hallt aus der Ferne. Der Kampf zwischen Islam, zwischen Aftika und Europa, der vor zwölf Jahrhunderten begann, ist noch lange nicht zu Ende. Im Rif rauchen die Feuerzeichen. Das-Volk steht auf... Die Dritte. Eine heitere Erzählung aus dem Künstlerlehen. Vcm Heinrich Sienkiewicz. (Fortsetzung.) Swiatecki behauptet, daß ich statt zu malen, mein Auskommen als Modell haben könnte, was für die Kunst sogar ein Gewinn wäre. Es ist halb zwölf... Eva fährt vor. Ich schicke in den Wagen zunächst ein Bündel mit meinem alltägliche» Anzug für de» Fall, daß ich in die Lage kommen sollte, mich umlleide» zu müssen. Sodaun nehme ich die Harfe, gehe hinunter bis an die Wagentür und sage: »Gelobt fei Jesus Christus!" Eva ist höchst erstaunt und entzückt. »Ein prachtvoller Imker! Ein großartiger Sängergreis!" wiederholt ste lachend. „Aur einem Künstler kann so etwas einfallen I" Dabei sieht sie selbst aus wie ein Sommermorgen. Sie trägt ein Kleid von Avhfeide imb einen Strohhut mit Mohnblumen. Ich kann kein Auge von ihr wenden. Sie kam im offenen Wagen und die Leute auf der Straße beginnen uns zu umringen; aber sie kehrt sich nicht daran. Endlich setzt sich der Wagen in Bewegung, das Herz beginnt mir lebhaft zu pochen — in einer Viertelstunde werde ich bie «träumte Helena sehen... Wir sind noch nicht hundert Schritt« gefahren, als ich Oftrzhnski uns entgegenkommen seh«. Den mutz man aber auch überall treffen! Als er uns bemerkt, bleibt er stehen, grüßt Gvchen, dann beginnt et uns beide scharf zu mustern, insbesondere aber mich Ich glaube nicht, daß er mich erkannt hat; nachdem wir an ihm borübergef ähren find, wende ich den Kopf um und sehe ihn noch immer dastehen und unS mit den Blicken verfolgen. Erst an der Straßenecke verliere ich ihn aus den Augen. Der Wagen bewegt fich ziemlich rasch vorwärts, trotzdem scheint mir di« Fahrt eine Ewigkeit zu dauern. Endllch in der Delvedsre-Allee hatten wir an... Wir find vor Helenas Haus. Ich stürme auf die Tür zu, als ob es brennte. Eva läuft hinter mir her und ruft: »Welch unausstehlicher Atter!" Ein sehr vornehm dreinschausnder Lakai öffnet uns die Dur und reißt bei meinem Anblick die Augen weit auf. Eva beruhigt — 311 — ihn, indem sie erklärt, der Äkte lei init ihr gekommen, und so gehen wir zusammen hinauf. Eine Kammerzofe erscheint nach einer Weile mit der Mitteilung, daß die gnädige Frau sich im Nebenzimmer ankleide, und verschwindet. »Guten Morgen, Helenal" ruft Eva. »Guten Lag, GvchenI" antwortet eine entzückend frische Stimme. „Sofort, sofort, in einein Augenblick bin ich fertig!" »Helena! Du weißt nicht, was dich hier erwartet und wen tm gleich erblicken wirst... 3d) habe einen Harfner mitge- bvacht, den leibhaftigsten Harfnergreis, der je durch die Steppen der Ukraine gewandert ist. Ein Aufjauchzen ertönt im Nebenzimmer, die Tür wird aufgerissen und hereinstürzt Helena, unamgekleidet, im Mieder, mit aufgelöstem Haar. »Ein Harfner! Ein Blinder! Hier, in Warschau!" „Kein Blinder! Er sieht!" ruft hastig Eva, die den Scherz nicht zu weit treiben möchte. Wer es ist zu spät, denn im selben Augenblick werfe ich mich Helena zu Füßen und rufe im reinsten Dialekt: »Cherub Gottes!" älnd ich umfasse mit beiden Händen ihre Füßchen und mein Dlick gleitet bewundernd dieselben hinauf. Völker, kniet nieder! Kommt herbei mit Nauchfässern, ihr Menschen alle! Die Venus von Milo, die wahrhafte Venus! »Cherub!" wiederholte ich mtt ungeheucheltem Enthusiasmus. Mein Harfner-Enthusiasmus erscheint dadurch erklärlich, daß ich nach langwierigem „Wandern" eine Llkrainasoele wiederge- frmden habe. Trotzdem entzieht mir Helena ihre Füßchen und eilt fort... Mit Blitzesschnelle sehe i<& noch ihre entblößten Schultern und ihren Hals, die mich an die Psyche aus dem neapolitanischen Museum erinnern. Dann entschwindet sie hinter der Tür, ich aber verbleibe kniend in der Mitte des Zimmers. Evchen droht mir dabei mit dem Sonnenschirm und lacht, ihr rosiges Näschen in einem Resedabukett versteckend. Unterdessen beginnt durch die Tür ein Gespräch im schönsten Dialekt,' der jemals in der älkraina gesprochen wurde. Ich war 8cm vornherein auf alle möglichen Fragen gefaßt und lüge daher wie gedruckt... Ich-bin ein Imker aus dem Czehrhnschen. (Meine Tochter ist einem Schlachziz nach Warschau gefolgt, und ich Aller habe mich in meinem Bienengarten einsam gegrämt, bis ich ihr nachgezogen bin. Gute Menschen haben mir ab und zu für meine Lieder Geld zugesteckt. Und jetzt? Jetzt werde ich mein liebes Töchterchen Wiedersehen, es segnen und dann heim- kehren, denn ich sehne mich nach dem mütterlichen Boden der Llkraina. Dort allein, unter meinen Bienenkörben, will ich sterben. Sterben muß ja ein jeder, und für den alten Philipp ist es schon lange an der Zeit. WaS doch eine echte Künstlernatur ist! Evchen weiß doch, wer ich bin, und wird trotzdem von meiner Nolle derart er- gxissen, daß sie ganz melancholisch ihr reizendes Köpfchen neigt und mich voll Mitleid ansieht. Helenas Stimme aus dem Nebenzimmer bebt auch vor Rührung. Die Tür öffnet sich ein wenig, ein wundervoller weißer Arm zeigt sich durch die Spalte und ganz unerwartet befinde idji mich im Besitze von drei Rubeln, die ich amrehme, da ich nicht anders kann. Dabei schütte ich im Namen aller Heiligen einen Strom von Segenswünschen auf das Haupt Helenas aus. Es tritt die Kammerzofe herein mtt der Meldung, Herr Ostrzynski sei unten und lasse fragen, ob die gnädige Frau ihn empfangen wolle. »Laß ihn nicht vor, meine Teure!" rüst Eva erschrocken. Helena erklärt, daß sie ihn natürlich nicht empfangen werde. Sie äußert sogar ihre Verwunderung über den so frühen Besuch. Ich selbst kann ebenfalls nicht begreifen, wie Ostrzynski, der als • Kenner der Formen bekannt ist und sich viel darauf einbildet, zu einer fo frühen Stunde vorsprechen konnte. „Da muß etwas Besonderes vorliegen!" sagt Eva. Aber für weitere Erklärungen bleibt keine Zeit mehr übrig, denn im selben Augenblick erscheint Helena in vollständiger Toilette und gleichzeitig wird das Frühstück gemeldet. Die Damen begeben sich in den Speisesaal. Helena will mich durchaus an den Tisch sehen, aber rch tveiaere mich und lagere mich mit meiner Larse auf der Schwelle. Nach einer Weile wird mtt eine so reichlich gefüllte Schüssel vorgesetzt, daß deren Inhalt genügen würde, sechs ukrainischen Larfnergreisen dtt Magen zu verderben. Ich greife zu, denn erstens hab« ich Hunger, sodann aber kann ich während des Essens Helena bettachten. Wahrlich, einen schöneren Kopf gibt es in keiner Galerie der ganzen Welt! Nie in meinem Leben habe ich so durchsichtige Augen gesehen: man sieht durch dieselben alle seelischen Vorgänge, so tote man durch das Wasser eines hellen Sttomes den Grund sieht. Diese Augen besitzen noch dtt Eigenheit, daß sie früher als die Lippen zu lachen beginnen, wobei sich das ganze Gesicht wie durch einen Sonnenstrahl erhellt. Welch eine unvergleichliche Süßigkett umspielt ihren geschlossenen Mund ... Es ist ein Kopf in der Att des Carlo Dolce, wiewohl die Zeichnung der Augen und Brauen an die edelsten Typen des Sanzio erinnert. Ich unterbreche das Essen und schaue und schaue ... und brs erutfätzen des föerrn Snslowski erzogen ist, mag wohl jeder Greis garstig sein. Ich ziehe nüch m unteren Küchenraum zurück und erscheine nach wenigen Minuten in meiner früheren Gestalt wieder. Kazia und die Eltern beginnen auszufragen, was denn diese Maskerade zu bedeuten habe. „Was die Maskerade zu bedeuten habe? Die Sache ist ganz einfach. Sehen Sie, meine Herrschaften, wir Maler erweisen einander von Zeit zu Zeit kollegialische Dienste und stehen zuweilen einer dem andern Modell. So hat mir z. B. Swiatecki für den alten Juden gestanden. Last du ihn auf dem Bilde nicht erkannt, Kazia? Ich stehe jetzt dem Cepkowski. So ist es eben unter Malern Brauch, namentlich in Warschau, wo es an Modellen mangelt." »Wir sind gekommen, um dir eine Aeberraschung zu machen," sagt Kazia. „Aeberdies bin ich noch nie in meinem Leben In einem Atelier gewesen. Gott, welche Anordnung! Ist es so bei allen Malern?" „Ungefähr, ungefähr!" Lerr Suslowski erklärt, es wäre ihm lieber gelvesen, bei mir etwas mehr Ordnung vorzufinden und er erhoffe in dieser Linstcht von der Zukunst gründliche Veränderung. Ich verspüre große Lust, ihm meine Karse an den Kopf zu schleudern. Kazia lächelt dabet kokett und sagt: „Da ist ein gewisser Dialer, ein großer Taugenichts, bei dem es ganz anders aussehen wird, sobald ich mich an die Arbeit gemacht habe. Es wird alles ordentlich arrangiert, aufgestellt und abgestaubt werden." Bei diesen Worten hebt sie ihr Stumpfnäschen in die Löhe, blickt auf die Guirlanden von Spinngewebe, welche die Ecken meines Ateliers schmucken, und fügt hinzu:' „So eine Unordnung kann auch die Käufer abschrecken. Da kommt einer und glaubt sich auf dem Trödelmarkt zu befinden. Lier z. B. diese Waffen — entsetzlich verrostet! And dabei hat man bloß das Dienstmädchen zu rufen, ihr anzuordnen, etwas Ziegel zu stoßen — und alles wird blank wie ein neuer Samovar." „Jesus Maria! Sie spricht von Käufern und will meine alten ausgegrabenen Panzer mit Ziegelstein putzen. Aber Kazia!" Der beglückte Suslowski küßt sie auf die Stirn, während Swiatecki einen unheilverkündenden Laut ertönen läßt, der an das Grunzen eines Wildschweines erinnert. Kazia droht mir mit dem Fingerchen und sagt weiter: „Bitte sich zu merken, daß sich alles ändern wird." Dann sagt sie endlich: „Und wenn ein gewisser Lerr heute Abend nicht zu uns kommt, so wird er ganz abscheulich sein und wir werden ibn nicht mehr lieben." Bei diesen Worten verdeckt sie ihre Augen. Ich kann nicht leugnen, daß in ihren Allüren viel Anmut liegt. Ich verspreche zu kommen und begleite meine zukünftige Familie hinunter bis zur Straße. Ins Atelier zurückgekehrt, finde ich Swiatecki mit einem mißtrauischen Seitenblick ein vor ihm liegendes Paket mit Kundert- rubelfcbeinen musternd. „Was ist das?" „Weißt du, was passiert ist?" „Nein!" „Ich habe jemanb bestohlen wie ein gewöhnlicher Dieb." „Wieso das?" „Ich habe meine Leichname verkauft." „Und dies ist das Geld dafür?" „Jawohl! Ich bin ein gemeiner Wucherer." Ich umarme Swiatecki, beglückwünsche ihn aus »ollem Lerzen, und er beginnt mir zu erzählen, wie die Sache kam. „Da sitze ich nach deinem Weggehen, und es kommt ein Lerr, der mich frägt, ob denn ich Swiatecki sei. Ich sage: „Ich möchte doch wissen, weshalb ich denn nicht Swiatecki sein soll." Da sagt er: »Ich habe Ihr Bild gesehen und will es kaufen." Ich sage: „Gut! Aber gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, daß man ein Idiot sein muß, um ein so niederträchtiges Bild zu kaufen." Darauf er: „Ein I Idiot bin ich nicht, aber ich habe die Marotte, Bilder zu kaufen, die von Idioten gemalt sind!" — „Wenn sich die Sache so verhält, I dann ist es gut," sage ich. Er frägt mich nach dem Preis und ich sage: „Was geht denn das mich an..." — „Ich gebe Ihnen so und so viel." — „Gut dann! Wenn Sie es geben wollen, dann geben Sie!" Er gibt's und geht. Eine Karte hat er hinterlassen mit dem Namen: „Bialkowski, Dr. med." Ich bin also ein ganz gemeiner Wucherer, und basta!" „Es leben die Leichname! Swiatecki, du mußt heiraten." „Lieber hänge ich mich auf," sagt Swiatecki. „Ein gemeiner Wucherer bin ick und nichts weiter!" 15. Am Abens bin ich bei Suslowskis. Ich sitze mit Kazia in der Nische des kleinen Salons, wo ein kleines Sopha steht. Frcm SuslowSka fitzt am Tisch bei der hellbrennenden Lamp« und naht an einem Stück von Kazias Aussteuer- Lerr Suslows« liest mit Würde am selben Tisch die Abendnummer des „Papiev- drachen. Mir ist nicht ganz wohl zu Mute, ich möchte gern meine DM- fttmmung verscheuchen und rücke ganz nahe an Kazia Herrn». Im Zimmer herrscht Sttlle. Man hört das Flüstern von Kazia, die ich zu umfassen suche und die mir zurannt: „Wladek, Papa wird es sehen." Da ergreift „Papa" das Wort und beginnt vorzulesen: „Das Bild des bekannten Malers Swiatecki, betitelt: -Di» letzte Begegnung" wurde heute von Dr. Bialkows« für 1500 9