Gietzener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, den 29. August Nummer 69 Der herbstliche Garten. Von GeorgHeym"). Der Ströme Seelen, der Winde Wesen Gehet rein in den Wend hinunter, den schilfigen Buchten, roo herber und bunter Die brennenden Wälder im Herbste verwesen. Die Schiffe fahren im blanken Schreine, Und die Sonne scheidet unten im Westen, Mer die langen Weiden mit traurigen Äesten Hängen über die Wasser und weinen. 3n der sterbenden Gärten Schweigen, In der goldenen Bäume Verderben Gehen die Stimmen, die leise steigen In dem fahlen Laube und fallenden Sterben. Aus gestorbener Liebe in dämm'rigen Stegen Winket und wehet ein flatterndes Tuch, Und es ist in den einsamen Wegen Abendlich kühl und ein welker Geruch. Aber die freien Felder sind reiner, Da sie der herbstliche Regen gefegt. Und die Birken sind in der Dämmerung kleiner, Die ein Wind in leiser Sehnsucht bewegt. Und die wenigen Sterne stehen Ueber den Weiten in ruhigem Bilde. Laßt uns noch einmal vorübergehen, Denn der Wend ist rosig und milde. Der Spätling. Von Heinrich Bechtvlsheimer. Vor zwei Menschenaltern lebte in einem rheinhessischen Orte der Disttiktseinnehmer Friedrich Wendel. Dieser Ort, dessen Rame nichts zur Sache tut, war der Hauptort eines Kantons und somit Sih eines Friedensrichters. Bekanntlich rührt die Einteilung des linksrheinischen Gebietes in Kantone aus der Zeit her, da Napoleon I. das linke Rheinufer beherrschte, später, da das heutige Rheinhessen zum Grohherzogtum Hessen gekommen war, hat man je zwei Kantone zu einem Kreise zufammengefaht. Der Ort, den wir hier im Auge haben, ist wohlgebaut, weist saubere Straßen und stattliche Häuser auf. Als wir in den ersten Jahren in die Schule gingen und in der Heimatkunde belehrt wurden, wurde uns gesagt, daß dieser Ort ein Marktflecken sei, also ein Mittelding zwischen einer Stadt und einer Landgemeinde, Darum wollen wir in dieser Geschichte auch die Bezeichnung „Maicktflecken" beibehalten. Wie die Bezeichnung „Kanton", so ist allerdings auch die Bezeichnung „Marktflecken" nun verschwunden. Jedenfalls wäre der Wohnort des Distriktseinneh- mers im deutschen Osten als Stadt bezeichnet worden. Der Marktflecken liegt in einer fruchtbaren Ebene, die Gemarkung ist sehr ergiebig, sie weist Ackerfelder, Wiesen und Weinberge auf, auch besitzt die Gemeinde einen Wald, doch, ist dieser mehrer« Stunden weit entfernt und liegt in dem benachbarten pfatz-bahe- rischen Gebiete. Friedrich Wendel war aus Worms gebürtig, er war ein gewissenhafter Beamter, liebte aber auch die Geselligkeit. Gern ging er abends in das Gasthaus zum „Ochsen", wo er mit dem Friedensrichter, dem Notar, dem Arzte, den Lehrern und einigen angesehenen Bürgern seines Wohnortes ein Kartenspiel machte. mT er> um die Steuer zu erheben, nach den Dörfern feines Sing, so saß er, wenn die Arbeit beendet war, gern im Wirtshause, wo die Erhebung vor sich gegangen war, und unterhielt sich nut den Ortseinwohnern über die Ernte, über die Marktpreise und die Ereignisse, die sich in der Nachbarschaft zugetragen hatten. Der Distriktseinnehmer hatte drei Kinder, die erwachsen oder nahezu erwachsen waren. Als guter hessischer Beamter hatte er den beiden ältesten die Namen des damaligen Großherzogpaaves gegeben, die zwanzigjährige Tochter hieß Wilhelmine, der acht- zehnjährige Sohn Ludwig, die jüngste, sechzehnjährige Tochter wurde nach einer Tante Angelika genannt. Die beiden Töchter lebten im Elternhause, der Sohn sollte studieren und besuchte *) Aus Georg Hehm: Dichtungen (Kurt Wolff Verlag, München). das Gymnasium zu Worms, wo er bei der Dante Angelika untergebracht war. Nun geschah es, als der Distriktseinnehmer fünfzig und feine Ehefrau vierundvierzig Jahve alt war, daß den beiden noch eine Tochter geboren wurde. Dieses Kind kam den Geschwistern sehr unerwünscht. Wilhelmine und Angelika besuchten Tanzvev- gtnigungen, hatten gern lustigen Verkehr mit anderen jungen Leuten, machten zu Hause feine Strickarbeiten, lasen Romane und waren sehr unzufrieden, als das Haus von dem Geschrei des Schwesterchens widerhallte und ihnen die Pflicht erwuchs, manchmal, nach dem Kinde zu sehen. Ludwig fühlte sich als Student, er rauchte Zigarren, nahm an verbotenen Kneipereien, teil und ging in Worms und auch in seinem Heimatort gern mit dem Spazierstöckchen in der Hand unter den Fenstern spazieren, in denen junge Mädchen waren. Nach Möglichkeit suchte er zu verschweigen, daß in seinem Elternhause der Storch noch so verspätet angekommen war, bis eines Tages ein Mitschüler, der aus derselben Gegend gebürtig war, ihn in der Schulpause spöttisch lachend darnach fragte. Wohl war es der Mutter bedrückend, daß sie in dem Alter, in dem andere Frauen mitunter schon Großmütter sind, noch für ein eigenes Kind das Milchfläschchen zurechtmachen mußte, aber die mütterliche Liebe gewann schließlich bei ihr die Oberhand, und sie fragte nichts darnach, wenn andere Frauen sie bedauerten, daß sie nun noch so viele Mühe mit einem kleinen Kinde hatte. Ihr Ehemann jedoch konnte sich, mit dem Schicksal, das ihn getroffen hatte, nicht aussöhnen. In den ersten Wochen, da das Kind da war, sah er kaum einmal nach ihm. Ließ es seine Stimme hören, so lief er wütend hinaus in den Garten und marschierte zwischen den Beeten hin und her. Die Glückwünsche seiner Freunde wies er zurück, lange Zeit mied er ihre Gesellschaft, als er sich zum erstenmal wieder zum Sechsundsechzig und Gla- brias bei ihnen einfand, muhte er allerhand spöttische Reden hören. Verabschiedete er sich von ihnen, so sagten sie: „Na, heute nacht wird das wieder ein unruhiger Schlaf werden, wenn das Nesthäkchen schreit." Vollends wütend wurde er, wenn sie sich für den Fall eines weiteren Familienzuwachses, den sie als eine feststehende Tatsache annahmen, ati- Paten erboten und dem zu erwartenden Patenkinde allerhand wertvolle Geschenke in Aussicht stellten. Daß ihre Ankunft auf dieser schönen Welt so wenig Freuds erregte, focht die kleine Ida — so wurde das Kind genannt —, nicht im mindesten an. Friedlich lag sie in ihrer Wiege und hatte im Schlafe die Fäustchen nach Kinderart an das Köpfchen gelegt. Es war damals noch die Zeit, daß man die Kinder in der Wiege schaukelte, da man glaubte, die Bewegung des Hin- und Herwiegens werde-das rasche Einschlafen herbeiführen. Beim Wiegen fang man den Kindern allerhand Wiegenlieder. Diesen Dienst wollte eigentlich niemand im Hause der kleinen Ida erweisen. Die älteren Schwestern hatten andere Dinge im Kopfe als Wiegenlieder, sie dachten an junge Herren aus ihrem Bekanntenkreise, an Walzermelodien und Kotillonsträuße. Der Bruder Ludwig hatte eine rauhe Baßstimme und konnte wohl Kommerslieder, aber keine Wiegenlieder fingen. Der Herr Papa hätte, wenn er das Kind gewiegt und ihm gesungen hätte, fürchten müssen, daß einer feiner Freunde das beobachten und ihn beim nächsten Kartenabend damit aufziehen würde. Aber die Mutter wollte dem jüngsten Kinde das nicht versagen, ivas sie an den größeren getan hatte. Sie hatte keine gute Stimme und konnte nicht eine einzige Melodie richtig festhalten, dennoch fang sie, wenn die anderen das Haus verlassen hatten, der kleinert Ida die Lieder „Maria saß auf einem Stein, da fing sie an zu weinen" und „Schlaf Kindlein, schlaf, dein Vater hütet die Schaf, die Mutter hütet die Lämmerchen mtt den goldenen Bänderchen, schlaf, Kindlein, schlaf!" Als Ida ein Jahr alt war, lies sie schon mit kleinen Schritten im Wohnzimmer auf und ab, von dem Nähtisch, auf dem das Nähkörbchen der Mutter stand, bis zur alten Schwarzwälder Standuhr, die in der Ecke Tick-Tack machte. Früh gewann das Kind Interesse für die Ähr, und wenn man fragte: „Wie macht die Ähr?", so sagte die Kleine, die das t noch nicht aussprechen konnte, „Gick-Gack, Gick-Gack". Nach zwei Jahren sprach sie geläufig und bewegte sich flink im Hause und im ©arten hin und her. Besondere Freude hatte sie an Tieren, an Hunden, Lämmern und Hühnern. Wenn die Mutter nähte, so sah sie vor ihr auf dem Nähtische, schaute zum Fenster hinaus nach den Vorübergehenden, hörte auch gern zu, wenn die Mutter ihre Geschichten erzählte. Als sie großer 274 wurde Hütte sie besondere Freude, wenn die Mutter das Märchen von Hänsel und Gretel erzählte. So oft es auch erzählt wurde, allemal standen ihr die Tränen in den blauen Augen, wenn die Stelle kam, da die beiden Kinder sich ganz allein tm Walde befinden. , Allmählich stimmte das Kind sogar den Vater um, dem sm den Kummer bereitet hatte, daß sie geboren war. Kam er nach Hause, so lief" es ihm schon auf der Straße entgegen und streckte die Aermchen nach ihm aus. Die Einnehmerei befand sich zur ebenen Erde im Wohnhause. Kamen Leute, um Steuern zu bezahlen, so knüpfte Ida mit ihnen ein Gespräch an. Weil die Kleine so drollig und zutraulich war, so hatten die Leute Freuds an ihr und schenkten ihr mancherlei: Kirschen, Aepfel und Zuckerplätzchen von Weihnachten her. Mchts machte ihr größere Freude, als wenn sie einen Kamm nehmen und den Vater kämmen durfte. Da sah sie im Wohnzimmer auf dem Tisch, der Vater vor ihr auf einem Stuhl, nun fuhr sie ihm mit dem Kanrm durch die grauen Haare und sagte, wie die Mutter zu ibr beim Kämmen der Blondhaare sagte: „Still halten!" Zum Schlüsse hieß es: „Jetzt Scheitel!" und sie scheitelte dem Vater die Haare. In dem Hofe, in dem das Haus des Distriktseinnehmers stand, lag noch ein zweites Haus, in dem der achtzigjährige, im Ruhestand lebende Dekan Köster mit seiner verwitweten Schwägerin wohnte. Jeden Aachmittag ging der alte Mann spazieren, und zwar am liebsten auf Feldwegen. Das tat er zu jeder Jahreszeit, ob es schönes Wetter war oder ob es regnete, stürmte oder schneite. Oft waren die Feldwege grundlos, und wer den rheinhessischen Boden kennt, der weiß, in welchem Zustand alsdann die Schuhe des alten Mannes bei seiner Heimkehr waren. Run hatte er auch noch die Gewohnheit, niemals die Schuhe am Kratzeisen oder der Matte, die vor der Haustür lag, zu reinigen. Die Schwägerin war von einer peinlichen Ordnungsliebe, sie hielt das Haus sehr rein. Da durfte auch nicht ein Stäubchen auf den Möbeln liegen, und jeden Tag wurde der Hausflur, der mit schönen Mettlacher Platten belegt war, ausgewaschen. Darum war die alte Dame immer entsetzt, wenn der Schwager mit seinen schmutzigen Stiefeln vom Felde heimkam, aber sie wagte nicht, ihm etwas darüber zu sagen; denn Köster war sehr eigensinnig und hatte sich sein Lebtag von anderen Leuten nichts sagen lassen. So blieb der Schwägerin nichts übrig, als über die Gewohnheiten des Dekans zu seufzen und bei den Nachbarn ihr Herz auszuschütten. Das tat sie besonders bei der Frau Distriktseinnehmer. Bei dieser Unterhaltungen sah Ida in der Regel in einem Winkel des Wohnzimmers, spielte mit den kleinen, bunten Lappen, und keine der beiden Frauen dachte, daß das Kind zuhöre. Eines Tages spielte es im Hofe ganz allein für sich. Es war im Sommer, in der Nacht zuvor war ein schwerer Gewitterregen niedergegangen. Da kam der Dekan von seinem gewohnten Spaziergang Heini, die Schuhe waren über und über schmutzig. Mit seinen schweren Tritten, den Stock fest aufstohend, ging er nach der Haustür und wollte gerade aufklinken, da rief Ida, ihr Spiel unterbrechend: „Herr Dekan!" Der Alte tappte weiter. „Herr Dekan, hörst du nichts?" sagte das Kind. Der Dekan schaute sich um, und die Kleine sagte: „Herr Dekan, du muht dich aber schämen, daß du so dreckig bist. Putz doch deine Schuhe ab, du machst ja das ganze Haus dreckig!" Da geschah das beinahe Unglaubliche, daß der Alte, ohne ein Wort zu sagen, die Schuhe am Kratzer von dem Lehm befreite, ja, er ging in den Schuppen, wo Brennmaterialien aufbewahrt wurden, und reinigte seine Schuhe säuberlich mit Stroh. Und noch unglaublicher war, daß er das von nun an immer tat, wenn er von seinen Spaziergängen zurückkam. Seine Schwägerin hatte am offenstehenden Küchenfenster gehört und gesehen, wie die Kleine mit gutem Erfolg den Achtzigjährigen zur Sauberkeit erzog. Keine Stunde verging, und sie kam freudestrahlend mit einer großen Tüte yir Nachbarin. (Fortsetzung folgt.) Sizilianische Briefe. Von Fritz Diettrich. VIII. Besteigung des Aetna. Als ich auf dem Rücken eines kräftigen Maultiers Aicolosi verlieh, lag das Aetnagebirge, eine Versammlung von Titanen, vor mir, steil überragt vom abgestumpften Kegel seines Hauptkraters. ihn seine Lenden schlug sich ein weiter Mantel grüner Fruchtbarkeit, oft zerschnitten von schwarzen Strömen versteinerter Lava. Aus Aschewüsteneien trieben kräftige Rebstöcke und schwangen in der weichen Melancholie eines Morgenwindes ihre Ranken grüßewinkend hin und her. Die Blätter der Olivenbäume spielten silbern wie Gewässer. Hohe Ginstersträucher lachten wie festliche Frauen, behangen mit Gold. Die ganze Dämonie der Landschaft stand vor mir auf, die droben in Schreckensdämpfen beginnt und drunten in geheimnisvoller Schwere und Sühig- keit endet. Rach einer Stunde ritt ich mitten im schwarzen Lavanieer von 1883. Mein Maultter trug mich mit Vorsicht hinauf, hinab über die kantigen Wellen dieses porösen Gesteins. Man konnte das lcmgsame Sichvorwärtswälzen des einstigen Feuerslusses lebendig nacherleben. Wie hohe Schaumkämme stehen oft Stücke vor. An anderen Stellen, wo Lust und Gase riesige Hohlräume im Gestein gebildet hatten, sind weite Flächen metertief zusammen- geftürzt. Ein Chaos schwarzer Vernichtung durchzog ich zwei Stunden lang. Schüchtern hatte sich hier und da ein Büschel Grün in den Ritzen der zusammengekneteten, auseinandergezerrten und zersprungenen Massen angestedelt. Aber es kann noch Jahrhunderte dauern, ehe die Natur erste Fruchtbarkeit aus diesem schwarzen Zug phantastischer Formen zaubert. Als das letzte Geröll des Lavastromes von 1883 hinter mir lag, bog der Weg wieder einer fröhlichen Landschaft zu. Kirschbäume mit schönen prallen Früchten staffelten sich an den Hängen der Gärten. Hohes Gras wilderte am Wegrain entlang. Dazwischen hüpften die roten Flammen des Mohns. Mandelbäume kamen heran wie Jungfrauen in bescheidenen Gewändern. Dirn- und Apfelbäume drehten sich in langen Reihen wie paradiesische Tänzer. Immer steiler zwang uns der Weg hinan, manchmal unter dem Schattenschutz lichtgrünen Duchenlaubs stehend, manchmal nur von Gras, Disteln, Ginster und Adlerfarn bewachsen. Hinter mir schritt mein Führer, ein schweigsamer sympathischer Mensch, der nur von Zeit zu Zeit mein Tier durchs einen ermunternden oder Richtrmg gebenden Zuruf leitete. Links vom Weg trat nun der hohe Monte Dettore, ein längst erloschener Nebenkrater, in seiner grün und roten Herrlichkeit näher heran. Sein Gipfel, der von rötlichen Aschemassen überschüttet ist, strahlte, als ich ihn im Karmin des Abends wiedersah, von unbeschreiblich Hoher Priesterlichkeit. Zu ihm empor steigen Ginster und andere anspruchslose Gesträucher und geben trotz allem dem Berg eine sizilianische volksfestliche Heiterkeit. Schon wieder mußte ein Stück Lavastrom überquert werden. Diesmal vom Jahre 1910. Eine frischere schwarze Farbe zeigte dieses Gestein, dessen Formen noch ziemsich unverwitt-ert waren. Die Lust ging jetzt schon wohlig kühl über die Haut Hin. Die Lungen sogen sich gieriger in den verdünnten Höhenschichten voll. Der letzte Trupp der Bäume, es waren meist Maronen- bäume, lag hinter mir und machte einer mageren Flora Platz. Nach einem besonders steilen Stück Weges lag plötzlich die Casa Cantoniera vor mir, wo ich mit meinem Führer nach vierstündigem Ausstieg rastete und ein Essen bereitete. Mein Maultier schob seinen Kopf gierig durch die Schlinge des Futtersacks und begann seine Mahlzeit auf eine beneidenswert einfache Art, während ich erst mit Büchsenöffnern und Messern herumwirt- fchaften mußte, um nach manchem verunglückten Versuch die konservierten Fische und Früchte zerschnitten und zerzaust her- auszupvlken. Rach halbstündiger Rast verlieh ich wieder die Hütte, folgte dem Rat meines Führers und ritt links ab vom Wege nach dem Lavakvater des Monte Recupero hinauf. Dieser ist im Jahve 1910 entstanden und half damals hauptsächlich den gewaltigen Eruptionsapparat bilden. Ich blickte in dies tiefschwarze lichtsaugende Licht hinab, als mein Maultter dicht am Rande die Hufe vorsichttg prüfend ins harte Geröll schob. In der Fern» streckten sich jetzt schon die langen Zungen der Schneeseldev deutlich sichtbar herab. Der Hauptgipfel rauchte an allen Seiten aus vielen Keinen Kratern und Löchern. Die Begetatton erreichte ihre letzte Stufe, ileberall lagen wie pralle hellgrün« Kissen die spini santi (heilige Stacheln) da, die sich aus kräftigen Wurzelstöcken nähren. Doch über 2400 Meter können auch sie nicht steigen und überlassen dann großen herausgeschleuderten schwefelgelben Blöcken die alleinige Ausschmückung des schwarzen Aschepfades. Am frühen Nachmittag erreichte ich schließlich das Obsev- vatorium, das 2900 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Meinem Maultier, für das hier schon der höchste Punkt der Besteigung gekommen war, wurde der letzte Teil des Weges nicht leicht. Die verdünnte Luft erforderte bei Mensch und Tier eine ungeheure Sparsamkeit in den Bewegungen. Jeder Schritt, jedes Wort hat einen schneller zählenden Herzschlag zur Folge. Oben im Observatorium waren zwei Deutsche mit Führer eben ange- konrmen, die die Tour zu Fuß zurückgelegt hatten. Angesichts des jähen Wechsels zwischen den ungewöhnlichen Hitzegraden in den Tälern und der niedrigen Temperatur auf den Höhen stellt die Besteigung zu Fuß selbst an geübte Touristen große gesundheitliche Anforderungen. Ich möchte jedem davon abraten! Nachdem ich zwei bis drei Stunden im Änterkunftsflügel des Observatoriums gerastet und nut meinen Landsleuten einen heißem Kaffee getrunken hatte, machte ich mich bereit, den Hauptgipfel des Aetna zu ersteigen, um dem Schattenspiel der vielen Gebirgsspitzen bei S onnenunterg an g beiwohnen zu können. Doch um das Haus flog ein graues nasses Nebelgebräu. Kalt schnitt der Wind ins Gesicht. Ringsum dampfte die Erde aus tausend kleinem Löchern und ward von einem Zauber aus der Musik des oii&cns in die tragische Schlucht nordischer Erlebnisschwere gedruckt. Eilig zog ich mich wieder in die Hütte zurück, denn ich war un- vorbereitet, dem Ruf dunkler Probleme zu folgen, den mir der Norden in diese Landschaft nachschickte. Ich war gekommen, um aus dem Spannungskreis der Probleme zu treten, mit denen uns die Mitte Europas stündlich läd. Ich war hierher als Aus- — 275 - ruhender gekommen, als spielender Nachbildner, nicht als Ringender. Es war am Abend in der achten Stunde, als ich mich zur Ruhe legte, um am anderen Lag in erster Frühe den Hauptgipsel um so besser besteigen zu können. Mein Führer wickelte mich sorgfältig in ein halbes Dutzend dicker Decken ein, denn das Haus hatte überall kleine Löcher, in die die Musikantenschar der Winde blies. Gegen elf Uhr nachts erwachte ich, stand auf und trat vor die Tür des Hauses. Ein großes unbekanntes Bilderbuch war diese Nacht. Die Sterne hingen wie Früchte von unsichtbaren Bäumen nieder, wie große Wundersteine vom Mantel eines Traumes. Die Ebene unten trug schweigsame Tiere, wundersam leuchtend. Das waren Bicocca Augusta und andere Städte und Dörfer. Der umfinsterte Gipfel lastete schwer vor mir wie eine Faust. Dor ihm, dem Sinnbild der Dämonie, kniete meine Schwäche. Dor ihm, dem Sinnbild des Chaos, erhob sich meine gebietende Geschlossenheit. Am nächsten Morgen stand mir noch das letzte schwierigste Stück Weg zur Ersteigung des Hauptgipfels bevor. Die Sonne bezog gerade den Himmei mit einem Schleier zärtlichen Rots. Trotzdem stürmte der Wind mit Peitschenhieben gegen uns fünf Menschen an, seine einzige Fracht, feinkörnigen Aschestaub, auf uns abladend. Don Westen aus begannen wir den Gipfel zu erzwingen. Der lag da, eine mächtige Hülle um ein Geheimnis, das mich irgendwie aufzulockern gelüstete. Die Wasserrinnen, die sich vom Rande des Kraters zur Tiefe zogen, gaben dem Berg die Runzeln ehrwürdigen Alters. Meine Schritte wurden prüfender. Das Geröll hörte auf. Die Asche verwandelte sich in eine feuchte lehmige Masse, auf der ein schwarzer Anflug von Schwefel blühte. Indes wir so ganz auf unser Ziel hin- gerichtet waren und mit zusammengekniffenen Lippen die letzten Strapazen überwanden, schälte sich unten das Land aus bleiernem Dunkel. Der Schatten des Aetna malte eine riesige tiefviolette Pyramide ins erwachende Land, die,sich mit steigernder Sonne schnell verkürzte. Wie eine Reliefkarte lag der größte Teil der Jnfel vor uns. 3m Süden drängte sich Catania dicht an die blaue Brust des Meeres. 3m Westen schlug die freundliche Ngrumenlandschaft ihre grünen Augen auf. Bis weit nach Syrakus gingen Meer und Straiid in fröhlichem Tänzerschritt zufammen, und was undeutlich dahinterlag, hielt sich am blauen Tuch des Himmels fest. Auf der entgegengesetzten Seite, im Aufgang der Somre, schnitt die Ducht von Messina ihre schöne Krümmung ins Land. Mitten in diesen Hymnus silberner Wellen stieß Calabriens Spitze wie ein plumper, viel gebuckelter Riesensaurier. Ueber eine Schar winziger Berge im Landesinnern stieg das umdunstete Gebild des Monte Pelle- grino, als Wahrzeichen von Siziliens tragischer Geschichte. So waren wir bereits reichlich für die Strapazen ent- fchädigt, als wir plötzlich dicht am Rande des Kraters standen. Unsere Führer hielten uns fest am Arm, denn der Wind hatte Eturmesstärke erreicht und machte wilde Sprünge über den Rand hinweg in den Krater hinein, der sich vor uns als riesiger schwefelatmender Trichter enthüllte. 3ch hielt di« Gewalt des Eindrucks anfangs nur schwer aus, denn ich bin nicht imstande, große erschütternde Naturerlebnisse mühelos wissenschaftlich durchsichtig zu machen. Dom Sturm herausgesag-t drang der wilde Tanz der Schweseldämpfe aus dem mächtigen Schlund über den gegenseitigen Kraterrand. Durch oft zerreißende Dampfwolken konnte ich bis auf den Grund des Kraters spähen, dessen Tür geschlossen war. Denn eine feste erkaltete Kruste hielt den lauernden Feuerslutz in ungewissen Tiefen. Eine Walpurgisnacht war's, wie sie mir schon immer vorschwebte. Aus vielen Keinen kraterartigen Oeffnungen fauchte der Erdgeist. Die befchwefelten Felsen traten wie Gespenster durch den grauen Qualm. Dunkle Stimmen führten im Sturme hin. Und' als wir unter großen Gefahren den Kratervand umschritten, sprach der Dämon des Berges uns also an: „Meine Herren, ich gratuliere 3hnen! Sie haben mich erstiegen und find auf der Suche nach meinem Geheimnis. 3ch werde es jedoch weder 3hnen noch anderen zeigen und kann 3hnen deshalb nur eine Ahnung, davon geben, wie ich auch der hohen Wissenschaft trotz ihres Eifers nur diese eine Ahnung lassen kann. Sie wissen, daß man mir 3nstrumente ans Herz legt, die mich abhören und durchschauen sollen. Wan hat sich auf Flugzeugen herabgesenkt und meinen Rachen ausgeflogen. 3a, man glaubte sogar die Schale meines Geheimniffes zu durchnagen, indem man unter günstigen Umständen den Boden meines Kraters betrat. 3eder möchte mein „Programm" kennen lernen und glaubt damit, mein Geheimnis zu besitzen. Weine Herren, ich gratuliere 3hnen übrigens dazu, daß Sie nicht zu jenen Spielern gehören, die ein ganzes Leben damit vergeuden, mein „Programm" so vollständig wie möglich kennen zu lernen. Mein „Programm" heißt Willkür, und die hat sich schon oft über alle Forschungsergebnisse lustig gemacht. Schauen Sie fich um! Meine erstarrten ßanaftröme strecken sich wie schwarze Pranken zu Tal. Wenn sie sehr alt sind, legen sie sich wieder grün um die kleinen jungfräulich blühenden Dor- gtpfel. Doch wenn Dionysos, mein liebster Sohn, sich darauf festsetzt, weiß die schwarze Furche nichts mehr von der Glut meines Zorns und spielt mein versteinertes Feuer freundlich in Traubengold und Süßigkeit hinüber." L. Plötzlich konnten wir alle zusammen nicht weiter. Wir waren an der Gegenseite des Kraters angekommen, wo Wasser und Schwefeldämpfe über den Rand schlugen. Der Wind hatte uns die Augen mit feinsten Aschestäubchen verklebt, so daß wir kaum den schmalen Pfad erkennen konnten. Als ein furchtbarer Windstoß mich vom Kraterrand zu werfen drohte, ließ ich mich wie ein Stein zur Erde fallen. 3ch mußte fortwährend husten und sog doch mit jedem keuchenden Atemzug neue und stärkere Schwefeldämpfe ein. Mein Führer ritz mich entschlossen in die Höhe und schleppte mich schleunigst weiter, während ich mich mit aller Kraft gegen eine Heraufdämmernde Ohnmacht wehren mutzte. Der Pfad war immer beängstigender .Rechts glitt die Tiefe in den Krater, links die Tiefe in ein Tal von Lavablöcken nieder. Ein schmaler, 20 Zentimeter breiter Streifen verblieb unferen Schritten. Um nicht von den starken Sturmböen vom Rande gerissen zu werden, rannten wir schließlich, fortgesetzt balancierend, das letzte gefährlichste Stück Weg entlang. Dort, wo sich der Kraterrand wieder weitete, und feine Schwefeldämpfe mehr heraustrieb, ruhten wir uns erschöpft und angegriffen von der überwundenen Gefahr aus. Unter uns stieß der junge Krater NO 1911 feinen Rauch weiß und pathetisch in den Sturm. Hinter feinem Profil dehnte sich der jüngste Eruptionsapparat von 1923 bis dicht an das Städtchen Linguaglosfa heran. Der Abstieg vom Hauptkrater zum Observatorium dauerte keine Diertelstunde. Wir suchten uns von den vielen Furchen die bequemste aus und wateten hinaub, ausatmend vom heftigen Zugriff des Erlebnisses. Doch während wir Schritt für Schritt ins Aschgemeng setzten, siihrte uns dieses mitgleitend geschwind in die Tiefe. Dor uns schlugen groß« gelbe Felsblöcke Purzelbäume. Wir standen schließlich auf den Aschenmassen wie auf jagenden Pferden. Unfer Gewicht ward zur bewegenden Kraft. Mur dann und wann mutzten wir geistesgegenwärtig aufspringen, wenn der Fuß plötzlich einen halben Meter tief in die heiße, wasserdampfende Umhüllung von Geröll und feuchter Asche geriet. Sogar die am Fuße des Kraters sich ausspannende Ebene ist an vielen Stellen nur ein friedliches Tuch Über einem schwindelnden Abgrund von Gefahren. Dor einigen 3ahren brach ein riesiges Loch in sie hinein. Das Gestein, das einst Gase oder Magma umschloß, war dort wie eine dünne Haut gesprungen. Mit einem leisen Schauder horchte ich später auf meine Schritte, nachdem ich in den felsgezahnten Schlund dieses Loches geblickt hatte. Als ich nach! Nicolosi zurückkehrte, lag der Aetna nieder unwirklich fern und kraftverhalten. Die ausgedörrten Gräser am Wege bewegten sich im ersten Scirocco tote blondes nordisches Haar. Me Sonne war ein züngelndes Feuer, das rot und schmerzhaft auf meinem Antlitz und meinen Händen tanzte. Als ich von meinem Maultier stieg, das mich, ein sicherer Seiltänzer, am Rande aufgerissener Schlundmäuler entlang getragen hatte, richtete ich noch einmal meine Blicke dem fernen Dergdämon zu und mit meinen Blicken mein dankbares Leben. Gewiß! Der Einsatz war groß, den ich mit der Besteigung gewagt hatte. Der Gewinn aber, mein Ohr an die Tür großer Geheimnisse gelegt und eine Ahnung von riesigen Mächten erstiegen und erlauscht zu haben, läßt die Gefahren klein erscheinen. Ganz Sizilien ist schön mit dem rauschenden Gefieder seiner fruchtbaren Landschaften, mit der majestätischen Herbheit seiner verbrannten Oeden und mit den geistigen Stimmen seiner vielen Bauwerke. Doch keine Landschaft, kein Kunstwerk trug solch eine Fülle in sich eingeschloffener Geheimnisse wie der Aetna, der Genius unter den Bergen. Das Meine Ferienkind. Erzählung von Clara Prietz. (Schluß.) Noch mehr aber freute er sich, wie gut das Kind bei ihm gedieh. Ganz rund und fest war die kleine Liesbeth geworden, und die Augen standen ihr wie ein paar Sonnen im Gesicht. Hinrich Wittfohl Hatte allerlei Pläne. Nach der Ernt« wollte er das Kind mit nach Wismar nehmen und es da warm und ordentlich einlleiden. Und jeden Samstag schenkt« er der Keinen Liesbeth eine blanke Mark als Spargroschen für daheim. Da wurden eines Tages all feine schönen Plane über den Hausen geworfen. Als er müde von der Worgenhitze zum Frühstück heimkam, hörte er, wie die Karline oben in der Giebelstube gewaltig schalt, und die Kleine bitterlich weinte. Er ging sofort hinauf, um Frieden zu stiften, kam aber gar nicht zu Wort. Die Karline hielt ihm einen Dopffcherben entgegen, in dem etwas Gelbes schwamm. „Siehst du nun, daß ich recht habe? Das kommt davon, wenn man solche Kinder so Verzicht! Sie lügen und stehlen an allen Enden. Heut morgen, als ich die schmutzige Wasche hier suche, finde ich gut versteckt Hier die Butter - meine Butter, Urtb nun lügt das Mädchen noch frech, es hätte die Butter von seinem Brot heruntergekratzt für seine OHutter! — W Armenhausgören sollte man da lassen, wohin sie gehören, und nicht mit der Feuerzange aufaffen. Aber ihre Strafe muß sie haben inti> dann aus dem Haus!" — 276 „Hast du sie geschlagen, Karline?" fragte der Bauer. Gr stand neben dem Kinde, das sich an ihn anklammerte. Sie Karline nickte trotzig. »Sie hat noch lange nicht genug bekommen," und ruckte aufs n?ue zum Angriff vor, um das Kind wieder zu züchtigen. Sas ritz sich vom Bauer los und flüchtete die Treppe hinunter und aus der Haustür. Hinrich Wittfohl aber setzte sich mit seiner Schwester auseinander. „Schäm dich, so wüst zu tun, Karline. Was liegt an dem bißchen ButterI -Und schaue, da sind Brotkrumen zwischen dem Fett — vielleicht hat das Kind sich wirklich die Butter vom Brot abgekratzt, um sie der Mutter mitzubringen. Wenn das wahr ist. wirst du die Liesbeth um Entschuldigung bitten und ein paar Pfund Butter nach Hamburg schicken, das sag ich dir." Sie Karline lachte höhnisch auf und erklärte, daß ihr das gar nicht einfallen werde und das Kind für seine Lügen Prügel haben müsse. Ser Bauer war ganz blaß vor Zorn und Schreck geworden und ging schweren Herzens in die Stube zu fernem einsamen Frühstück. Als die Liesbeth nicht wiederkam, suchte er sie im Garten, Hof und Stall, auch auf der Wiese hinterm Hause und stand lange und bange an dem kleinen Teich zwischen den Erlen. Sann trieb ihn die Unruhe wieder ins Haus und auf die Landstraße, und er vergaß Mittagessen und Nachmittagsschlaf und alle Arbeit über der Angst um das Kind und ließ überall fragen und suchen. Ser Karline gönnte er kein Wort. Sie blieb in der Küche und machte einen gewaltigen Lärm mit ihren Töpfen und Pfannen. Gegen Abend zog der Bauer seinen Sonntagsrock an und ging zum Pfarrer. Es war ein schwerer Gang. Aber er fand hier Verständnis und guten Rat. Ser Pastor ging an seinen Fernsprecher und telephonierte in die Umgebung, um Spuren des vermißten Kindes aufzufinden. Rach vielen vergeblichen Anfragen kam die Antwort, daß ein derartiges Kind auf der Landstraße in der Rähe des Bahnhofs gesehen worden sei. So telephonierte der Pfarrer an den Beamten der kleinen Station, und Hinrich Wittfohl stand in großer Rot und Herzensangst dabei. „Sie können sich beruhigen," sagte der Pfarrer und hing den Hörer an. „Sas Kind ist heute nachmittag auf dem Bahnhof gewesen und hat sich eine Fahrkarte 4. Klasse nach Hamburg genommen und mit ein paar blanken Markstücken bezahlt. Ser Zug ist vor einer Stunde abgefahren." „Sann muh ich sofort hinter ihr Herreisen," sagte der Bauer, „und sie wiederholen. Es ist eine Schande, daß die Liesbeth mir so vom Hofe fortkommt, und was wird die Mutter sagen!" „Sie können heut nicht mehr fort," sagte der Pfarrer. „Erst mal ruhig Blut. Morgen früh um 8 Uhr geht wieder ein Zug, wenn Sie das Kind wirklich zurückholen wollen." „Sas will ich. Und was auf meinem Hofe Unrechtes geschehen .ist, soll gutgemacht werden." — — Ms der Dauer nach Hause kam, rief er feine Schwester in die Stube. „Sa kannst Gott danken, Karline," sagte er, „daß die Liesbeth lebt. Sie ist zum Bahnhof gelaufen und nach Haus gefahren aus lauter Angst vor dir." „Sa laß sie denn nur ruhig bleiben," sagte die Karline. „Ich will sie nicht wieder hier sehen." „Aber ich will sie wiederhaben. Und es wird gut gemacht, was du ihr angetan hast — ich glaub nun und nimmer, daß die Liesbeth gestohlen hat." Sa vergaß Karline alle Vorsicht und geriet in helle Wut. Kein Schimpfwort war ihr zu schlecht für das Kind. Und zum Schluß hie ßes: „Kommt die Liesbeth zurück, dann geh ich in meine Wohnung nach Buckow, und du kannst sehen, was aus dir und dem Hofe wird." „Schön. Karline, dahin sollst du gleich morgen," sagte der Bauer. Er hatte sich hoch aufgerichtet, und in seinem Blicke war ein starker Wille. „Ich hole das Kind morgen zurück auf kden Hof und will dich Nicht mehr hier finden, wenn wir heimkommen — verstanden?" — ~ Er ging hinaus, um seine Anweisungen zu geben, ließ sich auch von der Stine einen Rucksack mit Lebensmitteln rüsten, denn er war bange vor der schlechten Verpflegung in der großen Stadt. Sie Karline polterte indes in heller Wut in ihrer Kammer umher und packte ihre Siebensachen in die große Truhe. Die Reise nach Hamburg war ein großes Unternehmen für Hinrich Wittfohl. Weiter als bis nach Rostock war er bisher noch nicht gekommen. Er fand aber wirklich den Weg m die Troße Stadt und fragte sich auch glücklich durch bis in die enge, alte Straße, zu dem wackeligen, hohen Hause, in dem die Liesbeth daheim war. Langsam stieg er die vier Treppen hinauf. Ihm wurde ganz elend bei dem Gedanken, daff Menschen hier in der stickigen Luft wohnen konnten. Oben ging's über einen Boden nach einer Art Holzve» fchliag mit einer niedrigen Tür. Sahinter ratterte die Räh- maschine. So wurde Hinrich Wittfohls Anklvpfen nicht gehört, und er öffnete selbst die Tür. Sa drinnen sah eine blasse, blonde Frau am der Räh- maschine und sah verwundert von der Arbeit auf, als der Bauer eintvat. Reben ihr hockte die Liesbeth am Boden und strich die steifen Rähte der Militärdrillichhosen glatt. Ms sie den Bauer kommen sah, versteckte sie ihr Gesicht im Schoße dev Mutter. „Ich wollte die Liesbeth wiederholen," sagte der Dauer. „Es ist da ein Versehen passiert — meine Schwester wird immer gleich so zornig. Wenn fte- dem Kind unrecht getan hat, möcht ich's wieder gut machen." Sie Frau war aufgestanden und ging dem Bauer entgegen. Sie war noch jung und schlank mit Hellen Augen und Haaren wie ihr Töchterlein. „Mein Kind lügt und stiehlt nicht," sagte sie stolz. „3n dem Dvpf war Butter, die e8 von seinem Butterbrot abgekratzt und aufgespart hatte, um sie mir mit Heimzubringen." Ser Bauer nickte. „So hab ich's mir gedacht und glaub eS Ihnen gern. Rur im ersten Augenblick, als meine Schwester so hitzig war, wußte ich mir nicht zu helfen. Warum sagst du'S mir nicht einfach, daß du Butter willst für daheim, Kind? Sa wär doch ein Topf für dich übrig gewesen. And jetzt komm erst mal zurück mit mir auf den Hof, damit ich's an dir gut machen! tonn, das dir Unrechtes geschehen ist. Ich laß niemand zu Schaden kommen in meinem Haus." Die Liesbeth schüttelte den Kopf. „Ich geh nicht mit. Sie Karline schlägt mich doch wieder." „Sie Karline ist fort, die legt dir keinen Stein mehr tn den Weg. 3ch will schon sorgen, daß öu's gut hast. Komm nur gleich mit, Liesbeth — wir fahren mit dem Nachtzug und sind morgen früh zu Hause. Oder bist du bange vor mir?" Sie Liesbeth . schüttelte den Kopf und legte ihre rechte Hand in die seine. Aber mit der Linken hielt sie sich an der Mutter fest. „Wir müfsen's erst in Ruhe überlegen, ob das Kind wieder mitgeht," sagte Frau Sedekind. „So eilig ist's jedenfalls nicht, heute abend kann ich die Lisbeth noch nicht entbehren. Und daß ich's Ihnen nur gleich sage, ich sehe ja, daß Sie es gut mit mir meinen — aber ich selbst halte das Alleinsein so schlecht aus. Ganz schlimmes Heimweh hab ich nach dem Kinde gehabt und weiß nicht, wie ich's weiter allein ertragen soll. Ich möcht's dem Kind schon gönnen — aber so auf einmal bring ich's nicht fertig- ~ Setzen Sie sich doch, Herr Wittfohl, wir wollen es noch besprechen,- und wenn Sie mit uns zu Abend essen wollen — wir haben Kaffee und Bratkartoffeln." Hinrich Wittfohl nahm die Einladung an und packte feinen Rucksack aus und freute sich, daß Frau Sedekind die guten Sachen in heller Sankbarkeit nahm und einen sauberen Abendbrottisch deckte. Nachher sahen sie noch lange Zeit in der Sömmerung, das Kind Liesbeth zwischen sich, und dem Bauer war's warm und behaglich ums Herz, Ms sie sich trennten, sagte Frau Sedekind ihm zu, daß die Liesbeth morgen früh mit ihm reisen sollte und wies ihm einen kleinen Gasthof in der Nähe, wo er die Nacht schlafen solle. Aber obwohl das Quartier nicht schlecht war, schlief der Dauer kaum. Es bohrte und wühlte in seinem Kopf, und sein Herz schlug anders und rascher als sonst. Am nächsten Morgen wußte er, was er wollte. Er ging zu Frau Sedekind und fand sie bereit, ihn und die Liesbeth zum Bahnhof zu begleiten. Ser Abschieds schmerz sah ihr aus den verweinten Äugen, aber sie hielt sich tapfer. „Wir wollen erst heute. nachmittag fahren," sagte der Bauer gleich nach der Begrüßung. „Und dann kommen Sie mit, Frau Sedekind. Sonst sitzen Sie hier wieder mit Heim- b>eh, und das Kind Hat auch keine Ruhe auf dem Hof. 3ch brauch auch an Stelle meiner Schwester jemand, der nach dem Rechten sieht — packen Sie 3hre Sachen und kommen Sie mit." Sn Hellem Erstaunen sah die blasse, blonde Frau ihn an. „Rein, das kann, ich nicht annehmen, — ich leiste Ihnen sicher nicht genug. Es ist schon so lange her, daß ich auf dem Lands war, und bei Ihnen ist sicher vieles anders. Rehmen Die nur mein Kind mit, ich werde schon allein hier fertig.“ Ser Dauer sah sie ernsthaft an. „Ich glaube, daß Sie es mir gemütlich und friedlich zu Hause machen werden. Und das to die Hauptsache. Alles andere läßt sich lernen. Und dem Ll^bethchen rsts auch lieber, wenn's die Mutter Bei sich hat, nicht wahr, Kind?" , . — ~ fnm’3, daß Hinrich Wittfohl das Ferienkind und feine Mutter mit heimbrachte. Darüber hatten die Roggen- dorfer erst viel zu reden. Aber es zeigte sich, daß die stille fleißig und ordentlich zu wirtschaften wußte und bald unentbehrlich auf dem Hofe war. ®° ist sie an einem schönen Soinmersonntag des Dauern Ehefrau geworden und die Liesbeth fein liebes, eigenes Kind. Vchristleitung: Dr. Friebr^Wilh. Lange. - Druck und Verlag der Brübl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieb-^