lotter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1925 Samstag, den 28. Usvember Nummer 95 WiMterncrcht. Von Nikolaus Lenau. Bor Kälte ist die Lust erstarrt, Es kracht der Schnee von meinen Tritten, Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart: Nur fort, nur immer fortgeschritten! Wie feierlich die Gegend schweigt! Der Mond bescheint die alten Fichten, Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt, Den Zweig zurück zur Erde richten. Frost! friere mir ins Herz hinein, Tief in das heihbewegte, wilde! Daß einmal Ruh' mag drinnen fein, Wie hier im nächtlichen Gefilde! Die Kapitulation von Sedan. Aus dem Kriegstagebuch 1870/71 Kaiser Friedrichs III. Im Oktober 1888 veröffentlichte Professor Geffcken in der „Deutschen Rundschau" einige kurze Auszüge in vielfach bis zur älnkenntlichkeit verkürzten Form aus aus dem Kriegstagebuch Kaiser Friedrichs. Sie erregten ungeheuere Sensation, Bismarck erklärte fie in der vorliegenden Fassung für unecht und machte gegen den genannten Herausgeber den Reichsauwalt mobil. v__ Run lernen wir das Kriegstagebuch Kaiser Friedrrchs doch noch in seiner wirklichen Gestalt kennen. Karser Friedrich hatte selbst testamentarisch über die Veröffentlichung unter anderem bestimmt: „... da dergleichen Mitteilungen aber nicht zur Kenntnis der Zeitgenossen gelangen können, so befehle ich daß außer meiner Frau und meinen mündig gewordenen Kindern niemand Einsicht von meinem Tagebuch nehmen darf, als bis das Jahr 1922 abgelaufen ist." Deshalb konnte eine authentische Wiedergabe bisher nicht erfolgen. Mit der endgültigen Drucklegung der echten Handschrift, wie sie im Hohenzollern-Hausarchiv zu Charlottenburg aufbewahrt wird, erhalten wir jetzt einen stattlichen Band von über 500 Seiten, statt der im Depeschenstil unter allen möglichen Rücksichten zusammen redigierten Exzerpte die aus sorgfältigstem Studium der Äeberlieferung und unter Heranziehung des gesamten zeitgeschichtlichen Quellemnaterials bearbeitete lückenlose Ausgabe des Tagebuches, aus dem wir mit Erlaubnis des Verlages K. F. Koehler, Ber- lin W 9, folgenden Abschnitt veröffentlichen. Uni diese Zeit ließ das Feuer nach und schwieg allmählich fast ganz. Es trat nun auch wieder jene Ruhe ein, deren ich am Abend der Schlacht von Wörth erwähnte, und die um so wohltuender war, als wir uns stets fortdauernd in der größten Spannung, gleichzeitig aber auch unausgesetzt int schärfsten Sonnenbrände befunden hatten. Die Sonne stach heute so heftig tote am heißesten Sommertage, und wir konnten keinen Augenblick daran denken, Schatten aufzusuchen. Eine gar schöne hügelige Landschaft dehnte sich um Sedan aus, welcher das grüne Maastal mit dem sich vielfach schlängelnden Strom einen heiteren Anstrich, im schärfsten Gegensatz zu dem schauerlichen Ernst der Schlacht, verlieh. Zu meinem Stabe hatten sich heute Generalleutnant von Stosch, gegenwärtig Generalintendant der Armee, der Schriftsteller Frehtag und bet Maler Vleibtveu gesellt, auch waren nach und nach fast alle Leute »rtierec Dienerschaft eingetroffen. Als ich mich überzeugt hatte, daß die Schlacht wirklich zu Ende sei, ritt ich zum König, froh der Erlebnisse des heutigen Tages: doch wollte Se. Majestät noch nicht recht an die Wirklichkeit der Erfolge glauben. Erst als bald nach meinem Eintreffen van allen Seiten Meldungen mit Bestätigungen des Sieges kamen, nahm der König Glückwünsche an und drückte mir wie auch den Generalen Moltke und Blumenthal die Hand. Van Napoleons Anwesenheit in Sedan war keine andere als die auch bereits zu mir gedrungene Kunde bekannt geworden; sie hatte auch im Königlichen Hauptquartier keinen Glauben geftmden. Der Königliche Stab, vermehrt durch alles, was sich hatte heranbringen lassen, bot den Anblick eines ungeheuer großen Menschentrosses dar, in dem sich die Uniformen des Herzogs von Manchester sowie des amerikanischen Generals SheÄdcm eigentümlich absetzten. Se. Majestät befahl, Sedan zu beschießen und behufs baldigster Erzwingung einer Kapitulation mit Brandraketen an- zuzünden. Ich schicke daher meine Adjutanten nach allen Seiten, um alles, was von Artilleriematerial vorhanden war, nahe an die Stadt heranfahren zu lassen. Viel Schaden ward indessen nicht angerichtet. Die Brandraketen zündeten nur das Dach eines Magazins an der Süd front an, auch dauerte es geraunte Zeit, ehe alle Batterien in Tätigkeit traten. Während dieser Zeit regte Se. Majestät, aber fast nur in ungläubigem Scherze mit Bismarck, Roon und mir, die Frage an, was denn, gesetzt, daß wir den Kaiser Rapoleon wirklich in unsere Hand bekämen, mit einem solchen Gefangenen cmzu- fangen sei. Nachdem nun die Beschießung eine Weile gedauert hatte, befahl Se. Majestät dem Oberstleutnant Bronsart von Schellen- dorf als Parlamentär behufs Aufforderung zur älebergabe der Festung nach Sedan hineinzureiten. Kaum war dieser fort, als verschiedene bayerische Offiziere mir meldeten, daß weiße Fahnen auf den Wällen von Schau wehten, daß französische Offiziere, welche wegen einer Kapitulatton unterhandeln wollten, unterwegs toären, und daß es allgemein hieße, Kaiser Napoleon sei wirklich in der Festung. AehnlicheS meldete auch Rittmeister von der Sanden von meinem Stabe. Se. Majestät erklärten hierauf, nur mit dem französischen Höchstkommandierenden oder einem Bevollmächtigten k^sselben unterhandeln zu wollen, befahlen aber, das Bombachement sofort einzustellen. Als es zu dännnern begann und die Glut der in der älm- gegenb brennenden Dörfer ben Himmel erhellte, erschien Oberst- teutiKmt von Bronsart wieder. Er hatte in Sedan den Kaiser Napoleon selbst gesprochen, der seine Bereitwilligkeit zu unterhandeln, in einem am Se. Majestät gerichteten Briefe, den sogleich sein Adjutant General Eomte Reille überbringen werde, aussprechen wollte. Was beim Anhören dieser Meldung in eines jeden Brust vorging, ist leicht erllärlich. Das Erschütternde und Gewallige eines solchen Erlebnisses liegt auf der Hand. Der Krieg hatte seinen Höhepunkt erreicht, der Llrheber dä schreienden Anrechtes war in unserer Macht. Nun mußte der Friede bald eintreten. Nichts bezeichnet die Stimmung der Anwesenden vielleicht bester, als daß, nachdem Oberstleutnant von Bronsart seine Meldung erstattet hatte, jemand hinter mir laut sagte: „Nun muß alles Hurra rufen“, dieser Aufforderung aber so schwach Folge gegeben wurde, daß der Ruf mißlang Die Ursache dieses mißglückten „Hrrrras“ suche ich darin, daß jeder unwillkürlich fühlte, die Größe des Ereignisses fände in einem solchen Ausrufe nicht den entsprechenden Ausdruck, und daß es eben deutsche Art ist, sich bei großen Begebeicheiten nicht zu lauten Kundgebrmgen hin- reißen zu lasten Vielleicht aber wirkte auch der .Umstand mit, daß eigentlich niemand sich klar darüber war, ob des Kaisers Napoleon Gefangennehmrmg ein Glück oder ein Nachteil für unS fei. Jedenfalls war uns allen zumut, als träumten wir. Bereits sah man den französischen Parlamentär angeritten kommen. Rasch ward die KavalleriestabÄvache um die Mannschaften der meinigen vermehrt und mit aufgenommenem Gewehr hinter dem König aufgestellt; vor derselben bildeten sämtliche Anwesenden einen weiten Halbkreis, so daß Se. Majestät und ich an ferner Seite vorwärts desselben zu stehen tarnen. Prinz Karl, der Prinz Luitpold von Bayern, der Grvßherzvg von Sachsen-Weimar, der Herzog von Sachsen-Koburg, die Erbgroß- herzöge von Sachsen-Weimar, Mecklenburg-Schwerin und -Stre- litz, Prinz Wilhelm von Württemberg, der Erbprinz zu Hohen- zollern, der Herzog Friedrich zu Schleswig-Holsbein-Augusten- burg, sowie Graf Bismarck, General von Moltke und Kriegsminister von Roon standen dicht hinter uns. Der Großherzvg von Sachsen-Weimar versuchte, in allerhand Posen wechselnd, sich allmählich möglichst nahe neben mich zu bringen. Nun erschien der Comte Reille, vom Hauptmann von Winterfeld vom Generalstabe und einem preußischen Ulanentrvmpeter begleitet. Sobald er des Königs ansichtig ward, stieg er vom Pferde, ordnete zunächst etwas an seiner Beinkleidung. nahm dann seine rote Mütze ab und schritt, einen großen Stock in der Hand, zwar gesenkten Blickes, aber doch in keiner Weise etwa würdelos, auf Se. Majestät zu und überreichte mit wenigen Worten den Brief Napoleons. Der König öffnete denselben und las die eigenhändig ge- schriebenen kurzen Worte: Monsieur mon träte,n’ayant pas pumourir au mjlieu de mes troupes, il ne me teste qu'ä remettre mon epee entre les mains de Votre Majeste. fe suis, de Votre Majesie, ie bon störe, Napoleon. Sedan le 1. Sept. 1870. — 378 — Der Köing sagte darauf sogleich bem Comte Reille, bah er, wenn nicht die gesamt« französische Arinee die Waffen strecke, feine älnterhandlungen annehmsn wolle, zugleich aber erklärte er sich bereit, das Schreiben des Kaisers Napoleon sofort zu bearttworten. , Set König besprach nunmehr zunächst mit Graf Bismarck, General Moltke und mir den Inhalt des Schreibens, das er an Napoleon richten wollte; darauf ward zunächst dem Legationsrat Grasen Paul Hatzfelüt der Entwurf desselben in die Feder diktiert. Der von Sr, Majestät dann eigenhändig geschriebene Brief lautete: Monsieur mon trere. En regrettant les circonstances dans lesquelles nous nous lencontrons, j'accepte l’epee de Votre Majest6, et je pne de bien vouloir nommer un de Ses officiers, muni de Ses pleins pouvoirs pour traiter des conditions de la capitulation de 1 armee qui s’est si bravement battue sous Vos ordres. De mon cötö j’ai designe le general de Moltke ä cet eklet. Je suis, de Votre Majeste, le bon frere Guillaume. - Devant Sedan le 1. Sept. 1870. Als der König sich zum Schreiben dieser Zeilen anschickte, Ward es nicht leicht, die dazu notlvendigen Materialien herbeizuschaffen; ein Tisch befand sich natürlich nicht in der Nähe, zwei einer Bauernhätte entnommene Strohsessel wurden daher zu einer Art Gestell aneinandergefugt, mein Ordonnanzoffizier, Leutnant von Gustedt, legte seine Husarentasche als Tischplatte darauf, ich brachte mein Schreibfxipier mit Adlerstempel aus der Satteltasche, der Grohherzog von Sachsen-Weimar Tinte und Feder, und so schrieb unser siegreicher König seine Antwort an den überwundenen Gegner! f Während Se. Majestät schrieb, tonnte ich nicht anders, als dem mir aus Paris seit dem Jahre 1867 wohlbekannten Eomte Reille einige teilnehmende Worte sagen. Gr war mir damals zur Aufwartung beigegeben und hatte sich als ein liebenswürdiger, vornehmer Mann im besten Sinne des Wortes erwiesen. Meine ihm persönlich und dem Schicksal der tapferen französischen Armee gewidmeten Aeuherungen erfreuten ihn sichtlich, und er bat mich, sich meiner Frail, die ihn gleichfalls in Paris kennmigelernt hatte, empfehlen zu dürfen. Meine Frage, ob etwa auch der kleine Prince Imperial sich in Sedan befinde, verneinte er, und ich schloß sogleich daraus, daß dem Kaiser Napoleon doch wohl schon nährend der letzten Tage nicht mehr ganz geheuer zumute gewesen sein mochte, denn sonst würde er sein einmal in den Krieg mitgenommenes Kind nicht fortgeschickt haben. Se. Majestät händigte den an Napoleon geschriebenen Brief dem französischen General ein, worauf sich dieser unter preuhischer Eskorte sofort wieder nach Sedan zurückbegab. Nachdem Eomte Neille den Rücken gedreht hatte, fielen der König und ich uns um den Hals, beide in tiefer Bewegung; ich muhte an den 3. Juli 1866 und an unsere damalige Begegnung zurückdenken. und wie Gott es wunderbar gefügt hatte, daß wir zum zweiten Male berufen nxtren, einen so großen Moment gemeinsam zu durchleben und dem weltbedeutenden Ereignisse das Siegel aufzudrücken. , „ . Mein nächster Glückwunsch gatt den Generalen Moltke und Blumenthal, deren Namen von heute an neuen Glanz und neuen Duhm erhielten, und bene« unser Heer unauslöschlichen Dank schuldet. So endigte die Schlacht von Sedan. Der König kehrte in sein gestriges Hauptquartier zuruck, ich ging zur Äach-i ioteber nach ^hemerh, formte aber auf vet Chaussee nur langsam und nicht ohne Schwierigkeiten, des arp gehäuften Fuhrwesens wegen, fahren. In den Ortschaften, durch die wir kamen, hatten unsere Mannschaften, bei denen sich die Nachricht von Napoleons Gefangennahme wie ein Lauffeuer verbreitete, alle Sorten von Lichtern und Lampen, die nur aufzutreiben waren und di« übrigens von den Einwohnern bereitwillig verabfolgt wurden, an die Fenster gestellt; andere standen Hurra schreiend mit Lichtern in den Händen längs des Weges, uns zu begrüßen. Wo man hin hörte, tönte nichts als Jubel und Freude, und selbst die Bewohner der Gegend waren diesen Demonstrattonen nicht abhold, weil sie sich offenbar freuten, de« Kaiser los zu werden. Bei meinem Eintreffen in dem hell erleuchteten CHernerh spielte die Musik des 6 ter zur zurückgebliebenen 3. Posenschen cmterleregünentS Qxr. 58 „Seil dir im Siegerkranz", als ich eben mein kleines Zimmer betreten hatte, und den herrlichen Choral: „Nun danket alle Gott' dessen Klänge mich derart ergriffen, daß ich die hellen Tränen nicht zurückhalten konnte. Wieviele Dankgebete werden in den füllen Abendstunden bei den überall auf ihrem Kampfplatz biwakierenden Truppen zu dem großen Schlachtenlenker droben aufgestiegen fein? Der Kriegsminister,besuchte mich am späten Abend, um zu dem Siege Glück zu wünschen. Er war auf die Kunde, daß sein \bei der Gardeartillerie stehender Sohn schwer verwundet sei, zu ihm geeilt und hatte ihn zwar noch lebend, aber hoffnungslos darniederliegend angetroffen. Hauptquartier Doncherh vor Sedan, den 2. Sept. In meiner Knabenzett vernahm ich ost beim Geschichtsunterricht: .Die Weltgeschichte ist das Weltgericht!" Heute, wo ich anfange, die Bedeutung des gestrigen Tages zu ermessen, vermag ich recht die üefe Wahrheit jener Worte zu begreifen. Gestern drängten sich ble Eindrücke mx gewaltig rasch und übermächtig, als daß ich ihre Große vollauf zu fassen imftanbe gewesen wäre, denn unsere Erfolge übersteigen doch die kühnsten Erwartungen. Werden wir ab« darum den Frieden erreichen oder wird die Kaiserin-Regentin den Krieg erst recht bis auss Mess« fortsetzen oder tottb gar der Kaiser uns am Ende die Verlegen» hell bereiten, abzudanken? Diese sorgenvollen Gedanken stritten sich tn meinem Innern mit dem Hochgefühl über den errungenen Sieg. Der König hatte eicklärt, heule von acht Uhr ab auf der Höhe, von welcher aus ich gestern die Schlacht geleitet hatte, die wettere Entwickelung des Tages abwarten zu wollen; Se. Majestät erschien jedoch viel später, und, während ich am Fuße der Höhe auf der Chaussee wartete, kam mit einemmal General von Moltke aus der Richtung von Doncherh angefahren. Bon ihm erfuhr ich folgendes: Die Verhandlungen mit dem aus Sedan erschienenen französischen General Wimpffen hatten vorläusig wenig Erfolg gehabt, da derselbe durchaus keine Neigung zum Kapitulieren zeigte und zur Einholung neu« Befehle nach Sedan zurückgekehrt war. äleberhaupt trat di« ganze Angelegenheit dadurch in ein neues Stadium, daß plötzlich um fünf Ahr morgens bet Kais« Napoleon zu Wagen, nur von seinem Adjutanten beglettet, Sedan »«lassen hatte und darauf solange in einem Kartoffelfeld« unweit Doncherh halten geblieben war, bis Graf Bismarck und ©eneral von Moltke hiervon unterrichtet worden! waren. Beide sind sofort zu ihm geeilt und haben ihm ihre Wohnung in Doncherh angeboten, die jedoch der Kais« ablehnte; es schien, als ob « überhaupt die Städte vermeiden wollte, und es daher vorzog, in einem Dauernhäuschen abzustrigen. Napoleon sagte dann, daß er persönlich erschienen wäre, um günstigere Bedingungen als die bet Waffenstreckung zu erlangen, und schlug Abzug bet Armee mit Sack und Pack nach Belgien, wo dann dieselbe tntemi«t werden würde, vor; fern« hatte er beide Herren gebeten, um eine Audienz beim König für ihn nachzusuchen. Auf Moltke hatte dies alles den Eindruck gemacht, als seien es nur vorgeschobene Gründe, und als ob in Wirklichkeit der Kais« Napoleon seines Lebens in Sedan nicht mehr sicher und nach un«steulichen Auftritten genötigt gewesen sei, sich vor seinen eigenen Soldaten zu flüchten. Man erzählte, daß Scharen von Soldaten nachts mit dem Ruf „ä bas le cochon“ und dergleichen Schimpfworten vor sein Haus gezogen wären. Sehr besorgt war seine Umgebung um di« Herausschaffung der Wagen und Fourgons aus Sedan gewesen, es schien ihnen allen ein Alp vom Herzen genommen, als die Nachricht eintraf, dieselben seien aus bet Festung heraus. General von Moltke hatte nun die Zett, in welch« man ein schicklicheres Quartier als jenes Daakenrhaus im „Chateau Bellevue" herzurichten suchte, benutzt, um zum König zu eilen und den Stand der Dinge zu melden, während Graf Bismarck die Annehmlichkeit hatte, unterdessen mit dem Kais« Napoleon Konversation zu führen. Unsere Leibkürassi«e wurden behufs Bildung der Ehren- eSkorte für den Kais« aus dem Biwak heord«t. Generalleutnant von Tresckow überreichte im Auftrage Se. MajesW dem Gen«al von Moltke hi« auf freiem Felde die 1. Klass« des Eisernen Kreuzes, welches ich ihm selb« ansteckte. Endlich erschien der König und befahl nach dem Vortrag des Generals von Moltke, die unbedingte Waffenstreckung zu »«langen; die Ofsiziere sollten jedoch auf Ehrenwort verpflichtet werden. Würde diese Bedingung nicht angenommen, so sollte die Beschießung sofort Wied« beginnen. General von Moltke kehrte mit diesem Befehl, den « selbst dringend befürwortet hatte, zurück, und die Folg« davon war, daß etwa um zwölf älhr die Kapttulatton bedingungslos angenommen und von den Gen«alen von Moltke und Wimpffen unterzeichnet wurde. Letzterer klagte hierbei, daß ihm, ber vorgestern aus Algier eingetroffen sei, das schreckliche Los zufalle, geifern ein Kommando zu übernehmen, um heute die Waffenstreckung zu unterzeichnen. Bis die Nachricht von b« Unterzeichnung durch den General von Moltke dem König persönlich gemeldet ward, verweilten wir alle auf d« Höhe oberhalb Doncherh. Graf Bismarck «schien inzwischen und berichtete üb« seine stundenlange Unterhaltung mit dem Kais« Napoleon; sie hätteir beide Zigarren rauchend über alle möglichen Dinge, nur nicht politische, Konversation! gemacht. Das Häuschen, in und vor welchem diese Begegnung stattfand, bürste wohl zu einem weltgeschichtlichen Rufe gelangen. D« Kais« scheint sich den weiferen Begebenheiten gegenüber ganz passiv verhalten und alle Entscheidungen ber Regierung in Paris Überlassen zu wollen. Nachdem General von Moltke laut die Kapitulation ber- kündet hatte, richtete bet König einige huldvolle Worte an die anwesenden deutschen Fürsten wie an die Offiziere; dann ward gefrühstückt und dabei hin und h« überlegt, ob Se. Majestät Napoleon sehen sollte, ob es in diesem Falle richtiger ist, ihn auszusuchen oder h«austommen zu lassen. So sehr ich gegen eine Begegnung vor abgeschlossen« Kapitulation gewesen war, so sehr befürwortete ich jetzt dieselbe, widerriet aber die demütigende Entbiettrng auf die Höhe angesichts d« Truppen und empfahl vielmehr, d« König möge zum Kais« nach Bellevue retten. Dann ward überlegt, welch« Ort dem kaiserlichen Gefangenen zum Aufenthalt dienen solle. Viele rieten zu Druhl; ich aber gab Wikhelmshöhe bei Kassel den Vorzug, wos Se^Naiestat beim auch genehmigte. Run wurde noch mit Graf Bismarck, General von Moltke und Kriegsminist« von Roon konferiert,... bann ward noch viel kostbare Zeit mit Nichtstun zugebracht, währenddem bet Himmel Regenwolken zeigte, und endltch zu — 378 Pansch. Sine Geschichte ans der Biedermeierzeit, Dan Carl Worms. (Fortsetzung.) Es ist ein stiller, warmer Regentag. 3n Tannenfeld, wo Dora heute die Wirtin spielt, vergnügt sich die Lugend am Pfänderspiel. Arn Stickrahmen sitzt die Herzogin mit den alteren Herren und Damen auf dem Löbichauer Balkon, auf dessen Söulendach eintönig die Tropfen fallen. Marherneke hat ftoi m eine Rümmer des „Moniteur" vertieft, Feuerbach memoriert im Dorg^mclch seine ^Rolle urtt) behauptet schQN zum vierten Mal«, cm die Glastür tretend, dies sei bestimmt sein letzte Jugendstreich. Jean Paul sitzt Mit Binzer am Brettspiel und droht scherzhaft Wilhelmine, als diese hinter seines Güners Stuhl offen gegen ihn Partei nimmt. Still ergeben sitzt Baron Otto, mon ange, vor der Mutter Schaukelstuhl und hält ihr das Garn. Endllch hat nämlich Jean Paul auch diese Dame kennen gelernt. Länger als eine Woche dauert ihre Migräne nie, die Woche ist vorüber. Ihr schwarzseidener Schlafrock duftet nach ätherischen Tropfen, über der weihen Perücke ä la Pompadour trägt sie einen turbanartigen Schal. Der sehr spitzen Rase und den gelo- lichen Wangen merkt man die Rekonvaleszentin noch ein wenig an. Da sie sehr wenige und sehr schlechte Zähne hat, öffnet sie den Mund selten. Es ist nicht zu leugnen, ihrem gsschrobenen, wie auf Draht gespannten Wesen steht dies aristokratische Schweigen ganz gut. Wenn ihre kleinen geröteten Augwi auf Otto, mon ange, ruhen, kommt sogar etwas Leben in ihr Korsett hinein. Jean Paul hat sie einige Elogen über seine pädagogischen Werke gesagt, zuletzt aber doch steif betont, sein Titan sei für die Jugend entschieden gefährlich. Die Chassepot hat energisch dazu genickt unb Jean Paul ist's beiläuftg ausgefallen, daß gerade dies« beiden sich Freundinnen der liebenswürdigsten Herzogin nennen. n „Anglaublich!" ruft Marheineke hinter seiner Zeitung. .Was Reues aus Paris?" fragte die Herzogin. „Reues, immer Reues und dein Ende! Als wäre das Alte nie dagewesen. Wie vom neunten dieses Monats berichtet wird, verliebt sich eine gewisse Louise Seignoret, einfache. Färbers tvchter, in das Bild eines modernen Malers und natürlich auch in diesen, den sie nie gesehen. Die Eltern wollen sie durch euren Freier kurieren, sie weigert sich Man will sie zwingen, da schreibt sie an den Maler, bekommt natürlich keine Antwort und springt in die Seine. Fischer haben die Leiche aufgefunden. Die kleine Geschichte hat alle gepackt, niemand außer Jean Paul bemerkt Rita, die leise eingetreten ist und erbleichend sich an die Wand lehnt. . „ „In die Seine, wie unpoetisch!" haucht die Baronin. »Man springt vom Felsen, man verhungert in einer Ruine, man tötet sich durch Dlumkmdust." „ , . . „Man läßt sich vom Blitz erschlagen," sekundiert bet Herr Sohn, weih aber sofort, dah er etwas Dummes gesagt denn die Baronin wirst ihm einen Blick zu und läht den Käuel seufzend in ihren Schoß gleiten. Auch die Gräfin legt ihre Patiencekarten Weite. „Armes Mädchen," sagt Binzer leise vor sich hm. Dafür trifft chn ein dolchscharfer Blick Marheinekes, der nervös an seiner Zeitung knüllt. . „Wie, mein Herr, Sie finden eme solche Handlung nicht empörend? Nächstens wird man wohl bei seinen Kindern an- f rag en müssen, ob sie zu heiraten, wen sie zu heiraten geruhen. „So denke ich allerdings. Selbstbestimmung ist das erste Recht des Individuums." „Juristisch unhaltbar, Herr Kollege," ruft Feuerbach von der Tür her. Er merkt, dah er nötig wird, steckt die Rolle em und knöpft den Frack darüber. „Ihr Votum in Ehren, Herr Präsident. Rur laht sich das Leben nicht immer juristisch nehmen. Hier handelt es sich um ein aufkirospendes Seelenleben — Louise hieß das Mädchen ja wohl — wohinein eine brutale Hand greift." „Demnach nennen Sie einen Staat brutal, der das aufknospende Wesen eines Anarchisten im Zuchthause zur Rafon bringt?" , E , . .„ „Ich wiederhole, Herr Präsident, ich spreche letzt nicht juristisch. Auch das einfach Menschliche hat seine ewigen Ge- jetze. Ein junges Mädchen ist kein Anarchist, die Ehe doch wohl kein Zuchthaus " Pferde gestiegen^ wobei des Königs und meine eigene Kavallerie- stabswachr unsere Eskorte bildeten. Der Ritt führte uns zunächst durch bayerische Biwaks, in Welchen die Mannschaften, auffallend nachlässig und schmutzig, sich, um Se. Majestät zu begrüßen, herandrängtM, so dah ich genötigt war, Major Mischte voraufreiten zu lassen, bloß um 6te Soldaten an dienstmäßige... Haltung zu erinnern. Rach einer Viertelstunde erreichten wir das hübsche Schlößchen Beue- vue, wo unsere Leibkürassiere und bayerische Infanterie die Wache bildeten. Sämtliche kaiserlichen Fourgons und Wagen standen reiseferttg aufgefahren; die französische DiMersihaf. erschien in den bekannten reichen Livreen und selbst die Postillone wie bei festlichen Ausfahrten ä la Lonjumeau kostümiert und ge- pudert. Alles betrachtete uns neugierig, aber höflich grüßet®. 'Bereits stand ein großer Teil unserer Generalstatsoffiziere und Adjutanten am Fuße des Schlößchens, während die matson de l’empereur in einem Glaspavillon sich befand, der dm Eingang zu dem Salon bildete. Der König und ich stiegen vom Pferde, vom General Castelnau empfangen, dessen Haltung gedruckt war. Am Eingänge des Glaspavillons erschien der Kaiser Napoleon in voller Aniforrn mit dem Stern der Ehrenlegion und mehreren kleinen Orden und führte den König in den Salon, dessen GMS- türen ich dann schloß, um vor demselben stehen zu bleiben, während di« französische Arngebung in den Garten trat. -Kur General Comte Reille und Prinz Achills Murat, später noch Mr. Dovillers, einer der kaiserlichen Ecuyers, leisteten nur Gesellschaft. Anser Gespräch drehte sich nätürlich nur um Allgemeinheiten. Die Unterredung zwischen dem König und Rapobeon begann Se Majestät mit den Worten, nachdem das Schicksal sich zu Angunsten Rapoleons gewendet und dieser ihm seinen Degen angeboten habe, sei er gekommen, um den Kaiser nach Jem Absichten zu fragen. Rapoleon stellte seine fernere Zukunft lediglich dem König anheim, woraus dieser erwiderte, daß er mit "aufrichtigem Mitgefühl seinen Gegner in solcher Lage vor sich sähe, da ihm wohl bekannt sei, daß es Rapoleon nicht leicht geworden sei, sich zum Kriege zu entschließen. Rapoleon nahm diese Aeußerung mit Wärme auf und beteuerte, daß er nur der öffentlichen Meinung nachgebend sich zum Kriege entfchlosien habe Seine Majestät bemerkte hierzu, daß es aber biejenigeni Ratgeber, welche der ftanzösische Kaiser berufen, dahin gebraut hätten, daß die öffentliche Meinung eine solche Richtung ein- geschlagen hätte. Der König fragte dann, ob Napoleon irgendwelche Unterhandlungen beabsichtigte, was letzterer nut bem ®e- merken verneinte, daß er als Gefangener keinen Einfluß auf die Regierung mehr habe. Auf die Frage, too sich beim bie. Regierung befände, erwiderte Rapoleon: in Paris.^ Ge. Mm^tät bot nunmehr das königliche Schloß auf Wilhelmshohe bei Kasim dem Kaiser Napoleon als Aufenthaltsort an, was dieser sofort annahm. Dann bemerkte der König, bah eine Ehrenwache ihn bis an die Grenze, auch behufs persönlicher Sicherhrnt, begleiten werde, was Rapoleon mit allen Zeichen besonderer Befriedigung annahm, da er sich offenbar unter den Seinen nicht mehr sicher fühlt. Rapoleon sprach die Vermutung aus, doch den Prinzen Friedrich Karl sich gegenüber gehabt M haben, worauf Se. Majestät erwiderte, daß ,jr' und der Kronprinz von Sachsen gestern kommandiert hätten. Napoleon fragte hierauf, wo denn Prinz Friedrich Karl sei. Se. Majestät antwortete mtt besonderer Betonung: mit sieben Armeekorps vor Metz, bet welcher Bemerkung der Kaiser mit allen Zeichen des überraschten Erstaunens einen Schritt zurücktrat; zugleich fuhr ein Zucken über sein Gesicht, da es ihm wohl jetzt erst klar ward, daß er nicht di« ganze Armee sich gegenüber gehabt hatte. Als der König die Tapferkeit der Franzosen lobend hervorhob, gab Napolwn dieses zu, jedoch mit dem Bemerken, daß seiner Armee die Disziplin fehle, welche die unsrige so sehr auSzeichnet; die Preußische Artillerie sei nach feiner Ansicht gegenwärtig die erste der Welt, die französischen Truppen hätten unserem Feuer nicht widerstehen können. Die Anterredung mochte eine gute Viertelstunde gedauert haben, nach welcher der König und Napoleon an seiner Seite wieder in den Dorderraum traten, wobei unseres Königs hohe, hehre Gestalt wunderbar erhaben neben der kleinen, sehr gedrungenen des Kaisers erschien. Als Napoleon mich sah, reichte er mir di« Hand; dicke Tränen rannen über seine Backen, die er mit der Hand abwischte .während er mit größter Dankbarkeit der Worte wie auch der Art gedachte, wie Se. Majestät sich soeben geäußert hätte. Ich sagte ihm, daß es doch natürllch sei, vor allem mitleidsvoll den Anglücklichen zu begegnen. Auf mente Frage, ob er etwas Nachtruhe habe finden können, meinte er, die Sorg« um die Seinen habe ihm, inmitten der Drangsale eines Krieges, wenig Schlaf gelassen. Als ich dann bemertte. daß dieser Krieg eine bedeutende und sehr blutige Ausdehnung genommen habe, erwiderte Rapoleon, ja, das sei nicht zu leugnen, aber um so furchtbarer, wenn man den Krieg nicht gewollt habe („surtout quand on n’a pas voulu la guerre“). Hierauf schwieg ich einen Augenblick, weil ich keine Antwort geben wollte und nicht gering überrascht war, aus dem Munde Rapoleons, des Arhebers dieses Krieges, solche Behauptung zu hören. Dann fragte ich ihn nach der Kaiserin und dem Prince Imperial, von denen er aber seit acht Tagen keine Nachrichten erhallen hatte. Auf feine jüfrage, wie es meiner .Frau und meinen Kindern ginge, konnte ich ihm auch nur genau dieselbe Antwort erteilen. Napoleon erbat sich vom König die Erlaubnis, chiffriert an di« Kaiserin telegraphieren zu können, was ihm gewährt ward. Darauf drückten Se. Majestät und Napoleon sich die Hand juttt Abschied, ein gleiches tat auch ich; dann geleitete der Kaiser unseren König bis zur obersten Stuft, von der er aber bereits verschwunden war, als wir wieder im Sattel saßen. Die Truppen riefen Hurra, und wir folgten unserem Könige in die Biwaks der jubelnden Armeekorps mit dem Gefühl, einem historischen Ereignis mehr im Leben beigewohnt zu haben, denn es will doch etwas bedeuten, den gefangenen Napoleon im Augenblick, wo er nach Preußen abgeführt werden sollte, vor unserem siegreichen König« stehend gesehen zu haben. „Sunt mindesten eine Besserungsanstalt für viele," peroriert Marheineke von unnahbarer Höhe. „Ob ein Kind dahinein gehört, darüber entscheiden die Gltern. Ihr Kinder, seid gehorsam mit Furcht und Zittern, sagt die Schrift. Damit Punktum." Binzer tut einen tvohlüberlegten Zug auf dem Brett und anttvortet mit leisem Zucken der Mundtvinkel: „Möchte doch noch ein Semikolon setzen, Herr Konsistorialrat. Gezogen wird ein Kind im Kinderzimmer, in der Schulstube, solch luftige Besserungsanstalten lobe ich mir. Hinter ihrer Schwelle aber hört die Elternmacht auf. Wit der Rute treibt man nicht in eine glückliche Ehe hinein. Die arme Louise hätte vielleicht durch ein klein wenig Sanftmut von ihrem Wahn geheilt werden können, durch eine erzwungene Ehe nie." Dorothea sah über ihren Stickrahmen hinweg auf Wilhelmine, die zerstreut einige welke Blätter von einer Topfrose entfernte. Ruhig hielt sie den mütterlichen Blick auS und berührt« mit ihrem Fächer Binzers Schulter: „Sagen Sie doch, mein Herr Doktor, wo haben Sie ihre Methode her? Grau, treuer Freund, ist alle Theorie. Den praktischen Beweis bleiben Sie uns schuldig bis zu Ihrer Hochzeit. In bedingtem Sinne gebe ich Ihnen ja recht. Der junge Mann mag heiraten, selbst ist der Mann. Aber das unerfahrene Mädchen wird verheiratet." „Wird höchstens beraten und entscheidet selbst. Hier iarat ich einen Unterschied der Geschlechter nicht zugeben. — Herr Legationsrat, Sie spielen zerstreut." Je ruhiger er wurde, desto erregter waren die Zuhörer, nur Rita hinter seinem Rücken sah starr auf ihn. Die Gräfin mischte ihre Karten so schnell, daß das halbe Spiel herunterflatterte, selbst die Herzogin stach sich unversehens die Radel in den Finger. „Aber bester Doktor," flötete die Baronin, und daS Garn flog ihr nur so durch die Finger. „Sie predigen Revolution vor unerfahrenen Ohren. Ich sollte über meinen Sohn nicht bestimmen tonnen! Otto, mon ange, sag' du es selbst. Wärst du zufrieden, wenn ich dich allein nach Heidelberg liehe?" „Jawohl. Mama." — „Ä «dankbarer!" „Man höre!" Die Chassepot sprach immer unperföickich, wenn sie erregt war. Feuerbach hob ihr die Karten auf und rief erbittert: „Wir hören, hören von neuen Grundsätzen, neuer Moral. Es war die höchste Zeit, dah Metternich dem älnfua ein Ende machte, ehe solch laxe Ideen die Gesellschaft zersetzen." Binzer war aufgefahren. „Herr Doktor. Die such am Zuge," mahnte Jean Paul urgemütlich, und die Herzogin ermahnte besorgt: „Aber, meine Herren, ich bitte Sie. . . Jean Paul, liebster Freund, was sagen Sie als älnparteiischer?" „Ich sage, dah ich die Partie gewonnen. Bester Doktor, das kommt von der Alteration. Ja, Durchlaucht. . ." Er holl» tief Atem und lieh die Damen umeinander kreiseln. Er tat, als sähe er Rita nicht und erklärte unbefangen: „Ich bin erstaunt, wohin die Damen und Herren geraten sind. Was sagt baut der Moniteur? Da ist ein Mädchen, das falsche Leidenschaft durch ein wertvolles Bild zu dessen vielleicht ganz wertlosem Bildner leitet. Kein Maler ist so moralisch wie seine Bilder, kein Prediger so fromm wie seine Predigten." „Herr Legationsrat, ich muh sehr bitte« . . ." „Ich gleichfalls, Herr Konsistorialrat — mich »richt zu unterbrechen. Das also nenne ich falsche Leidenschaft, Durchlaucht. Da wollen die Eltern Louise einen Mann aufzwingen, brav oder nicht, jedenfalls ungeliebt. Sie geht in den Tod. Das ist sehr traurig, aber die Leidenschaft, die sie dahin trieb, war echt." „Ein Derbrechen bleibt es, und zwar ein dolofes," hauchte Feuerbach. „Gehorchen sollte sie: Gehorsam ist des Weibes Pflicht auf Erden", deklamierte die Gräfin mit Emphase. „Falsch oder echt, Leidenschaft bleibt Leidenschaft und ist verwerflich." „Das sagen Sie, Prinzessin?" fragte Jean Pau! mit fo-x- schendem Blick. „Erlauben Sie, meine verehrten Antipoden. Echte Leidenschaft ist wie eine Maiblume des Himmels, die der erste Mensch an der Paradiesesschwelle brach Der warckte Tag des Lebens leitet sie hindurch bis in die Rächt des Alters. Am Morgen der Ewigkeit erst soll ihr Schimmer wie Morck» schimmer erblassen und eine neue Sonne sie anstoahlen mit neuem Paradies und einem neuen Morgen." „ilnb die falsche Leidenschaft?" fragte WiheImine gespannt. Alle hielten den Atem an. „Die ist wie ein Gewitter, den innem Menschen zerstörend wie die äußere schöne Welt. Da fliegen die Blitze zcchlloS wie umgestürzte Brautfackeln des Todes, wie Steppenfeuer durch die Wolken. Vernichtend schlägt der Donner die Regennaß auf zackigen Wolkenschutthaufen entzwei. Der Himmel hängt als ein der Erde zugekehrter Aetna herab. Das stille Mau ist in ein feuriges Schlachtfeld verwandelt. Aber Leidenschaft«, gehen vorüber wie solch ein Gewitter, und der Himmel schließt seinen Frieden, einen schöneren als gewöhnlich die Menschen." Er sah sich unauffällig um, Rita war verschwunden. Die Herzogin drückte ihm freundlich die Hand und Wilhelmine rief: „Das mutz man sagen, Sie machen einem die falsche Lechenschast so appetitlich, dah man ordentlich Lust nach solch entern Gewitter bekommt." Schristleilung: Dr. Friede. Milh. Lange. — Druck und Verlag der „Ganz hübsch" urteilt Feuerbach mit hochrotem Kopf, „aber der Fall ist damit nicht entschieden." „Er bleibt vielmehr unklar wie das Wartburgsest," stichelte Marheineke und sah an Binzer vorüber, auf dessen Wangen die Farben lebhaft wechselten. Dorothea ahnte neuen Sturm und wollte schon nach der Tifchglvcke greifen, das Zeichen zur Tafel zu geben, als Marheineke durch eine heftige Bewegung zwei Blumentöpfe von der Balustrade fegte und eine fröhliche Stimme von unten rief: „Holla, Blumen und Töpfe zugleich? Ordentlich lebensgefährlich. Semmes-Mahte, sind Ihre Gäste munter?" Da war der ersehnte Mitzabksiter. Schon stand Graf Peter in der Glastür und schüttelte lachend die Grdreste aus dem gepuderten Haar: „Das mutz man sagen, ein begeisterter Empfang! Ihr Diener, Komtesse. Frau Baronin wieder einmal gesund? Guten Tag auch, Doktor. Doktor, den Bart sehe ich Ihnen noch ab, er soll in Löbichau modern werden." „Du schon zurück aus Tannenfeld? Behielt dich Dora nicht?" „Berzaukt, Semmes-Mahte, verzankt. Wir sind mitten im Siebenjährigen Kriege, die Schlacht von Zorndorf ist geschlagen, morgen gibt es Hubertusburger Frieden. Aber sagen Sie selbst, meine Herren Juristen. Prinzeß Dora bestreitet, daß ich mit Fräulein Rita verwandt bin. Ihre Grohmutter war die Stiefschwester der Frau meines GrotzonkelÄ. Rennt man das nicht verwandt? WaS haben Sie, Baron, möchten Sie auch verwandt fein?" Dieser war plötzlich in lebhafte Bewegung geraten. Er halle Rita im Park bemerkt und bestand darauf, ihr Schirm und Mantel bringen zu müssen. „Unmöglich, mon chör, du bekommst nasse Füße." „Aber, Mama. . . ." „Mein Garn, um Gottes willen! Der Sohn wider die Mutter, unerhört! Meine Herren, das kommt txm Ihren Doktrinen." „DaS sage ich immer, Baronin, ohne Dottrinen kommt man weiter," dozierte Bstter Peter in höherem Ton. Run wollte er und Binzer zugleich nach dem Schirm für Rita greifen, aber Jean Patck kam ihnen zuvor: „Hall! Sie werden noch Ritterdienste genug zu tun haben, für mich ist dieser vielleicht der letzte" „Vergessen Sie den Mantel nicht," rief ihm die Herzogin nach. Wilhelmine guckte über bas Balkongitter und spottete: „Es geht doch nichts über einen höflichen Dichter. Sehen Sie selbst, Duvchlaucht-Mama, da geht er hin, meine Pelerine auf dem Arm. O diese Dichter!" Durch den aufgeweichten Kies stapfte Jean Paul, floh auf seine Erfindungsgabe. „Pontv", belehrte er feinen Begleiter, und hielt ihm die Pelerine vor die Rase, „das da riecht fein. Pcmto, merk's dir auf alle Fälle." Der Pudel schnupperte daran, schaute feinen Herrn gescheit an und sprang bellend voraus. Run schlug dem dicken Mann doch das Herz. Ob er es auch richtig anfing? Aber sprechen mußte er sie nach dem, was fie auf dem Balkon gehört. Er hatte nicht lange zu suchen. Aus der ©teinbani einen Jasminlaube saß sie und zupft« an einem weißen Wazienzweige. Gr warf ihr ungeschickt die Pelerine um, das habe die junge Mama geschickt. Wenn aber Rita gedacht hatte: jetzt kommt es, sie hätte sich das Herzklopfen sparen können. Ihr Dichter war nüchtern tote eine ungesalzene Suppe und trockener als die staubigste Landstraße. Gr fragte, ob sie imch Dannenfeld unter* Wegs sei, sie bejahte schweigend. Er sprach von seiner Familie, daß fein Jüngstes schon aus einem Bein stehe intb daß seine Karoline eine geborene Mayer aus Berlin sei, Tochter deS Dottor Johannes Andreas Mayer, königlich-preußischen Rates und Professors der Arzneigelahrtheit. Endlich unterbrach sie ihn ungeduldig, ob er mit seiner Erzählung vom Gewitter etnxtS Bestimmtes gemeint Er behauptete, daß er immer etwas Bestimmtes meine, nahm ruhig seine Drille ab und erklärte daß er in nächster Rähe besser ohne sie sehe. Ob sie wisse, wie « dichte. Alle Einfälle kämen auf kleinen Fetzen in den Zettelkasten zu späterem Gebrauch. Gin jeder könnte eigentlich solch einen Kasten brauchen, um später alle uirnützen Gedanken zu verwerfen. So kontrastiere man sich besser. „Da ist zum Beispiel ein warmes, reines, idealisierendes Herz," fuhr er ernster fort und setzte seinen Schirm bt Bewegung. „Auflodern darf es in ungemessenen Flammen, abet handeln erst später, wenn die Glut schon Licht geworden ist. In unserem Statecn dürfen wir fliegen, aber äußerlich nur schreiten, sonst bringen wir uns um diese lichtvolle Welt und die Seele verlernt ihren Schwalbenflug." Mit heftiger Gebärde war Rita aufgesprungen und schmiegte sich ins Gebüsch, daß die Tropfen wie Silber in ihr rotes Haar fielen. „Warum also sind Sie Hergekommen?" rief sie mll blitzenden Augen, „zu sehen, tote der Friede einer jungen Seele im Feuer ihrer Phantasie zu Asche brennt? O sch tveih, cvrr Göttliches mit unheiliger Hand berührt verliert das Recht, nach innerem Wert zu streben. Aber retten müssen Sie mich, retten, daß ich nicht mtsgeopfert toerde." folgt) Brithl'schrn Aniv.-Buch- und Steindruckeret, R. Lange, Gießen.