Eichener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, -en 28. Juli Nummer 60 Unsterblichkeit. Von Lavtfe. Der Himmel ist ewig und die Erde dauernd. Ursache der ewigen Dauer von Himmel und Erde ist. DaH sie nicht sich selber leben. Darum können sie dauernd Leben geben. Also auch der Berufene: Er setzt sein Selbst hintan, lhti> sein Selbst kommt voran. Er entäußert sich seines Selbst, Und sein Selbst bleibt erhalten Ist es nicht also: Weil er nichts Eigenes will, Darum wird sein Eigenes vollendet. Aus Lovis Corinths Leben und Schaffen. Mit Lovis Corinth ist ein Großmeister deutscher Kunst dahingegangen. In ihm lebte jene Urgewalt malerischer Gestaltung, die alle Formen sprengt und auf den älvgrund der Dinge dringt, ähnlich wie sie ein Grünewald besessen, und zugleich rang in ihm ein inneres Drängen, sich mit der Welt und ihren Rätseln auseinanderzusehen. Echt deutsch lag urwüchsige Schöpferkraft mit dumpfem Grübeln im Zwiespalt, und so ist sein Merk unausgeglichen, reich an verfehlten Versuchen und an mißglückten Lösungen, aber doch immer groß und ergreifend durch das Walten einer mächtigen Raturkraft, und durch das unermüdliche Streben eines Geistes, der Erlösung gefunden. Corinths Lebensabend war verschönt durch die huldigende Bewunderung der jüngeren Generation, die in den Werken seiner Spätzeit ihr Vorbild verehrte. Die große Ausstellung im Berliner Kronprinzen-Palais, die einen lieb erblick über sein Schaffer: gab von den ersten Bemühungen des jungen Königsberger Akademikers bis zu den letzten Visionen des ganz reifen Schöpfers, die Entdeckung des Zeichners Corinth, dessen wundersame Kunst der Skizze in einzelnen Veröffentlichungen offenbar wurde — all das brachte dem Publikum erst zum Bewußtsein, was es an diesem früher als „Racktmaler" und „Schluderer" verschrienen Meister besaß. Corinth hat das seltene Glück besessen, sich ganz ausleben zu können und in dem letzten Jahrzehnt seines Lebens einen neuen Frühling seines fo überaus fruchtbaren Schaffens, einen ganz eigenen Srätstil zu entfalten, der merkwürdigerweise durch eine Krankheit ausgelöst wurde. Es war, wie wenn der Schlaganfall, der ihn eine zeitlang zur Antätigkeit verurteilte, nachdem er sich erholt, in ihm alle gebundenen Kräfte befreit, Gehemmtes in ihm gelöst hätte, so daß er nun zu einer großartigen Freiheit und einer letzten Beseelung seines Schaffens gelangte. Immer aber ist in ihm die starke Sinnlichkeit des großen Malers, die gesunde Bodenständigkeit des Ostpreußen, die naive Dumpfheit des Kindes und die fruchtbare Gestaltungskraft des Genies gewesen. Dem Besucher des ostpreußischen Städtchens Tapiau zeigen die Einwohner voll Stolz das verhältnismäßig stattliche Haus, in dem ihr größter Mitbürger geboren wurde, von dem das prächtige Altarwerk ihre Kirche schmückt. Der Meister, der auch gern zur Feder griff und in seiner burschikosen Art trefflich zu plaudern verstand, hat seine Jugend selbst in dem Büchlein „Legenden aus dem Künstlerleben" geschildert und sich selbst dabei den Geburtsnamen seiner Mutter beigelegt. Da erzählt er von dem kleinen „Heinrich Stiemer", der eigentlich Lovis Corinth hieß, wie er als Kind bei der „neumMschen Petroleumlampe" Pferdchen aus Papier mit der Schere ausschnitt, und die am Spinnrocken sitzende Mutter sagte dann wohl: „Der Junge soll Töpfer werden; da kann er denn schöne Blumen auf Schüsseln und Teller malen". Der innigste Freund des Knaben war der Zimmermann Bekmann, der ihm allerlei Tiere und Bilder aufzeichnete. Auch auf dem Gymnasium in Königsberg kümmerte sich der Junge mehr um Zeichnen als um Lernen, und als er sich schließlich doch glücklich den Berechtigungsschein zum Einjährigen beim letzten OrdmvAnus abholen konnte, da grunzte dieser: „Was wollen Sie denn «.-«den?" „Maler." Da schob er sich auf dem Stuhl herum und rückte die Drille: „Stubenmaler?" „Vein! Kunstmaler." „Werden Sie lieber was Praktisches. Das ist besser für Sie, Adieu." Corinth aber wollte nichts „Praktisches" werden, sondern warf sich mit Inbrunst auf die Malerei, und einige der Werke aus dieser Schülerzeit verraten bereits die Monumentalität seiner Linie und die Schärfe seiner Beobachtung. Wegen seiner Llngeschlachtheit wurde er von den anderen Kunstjüngerr „der große GipÄnecht" genannt; auch gab man ihm den Spott' namen „Quadratmaul" oder „Briefkasten" wegen feines breiten Lachens, und in ihrem Verein sangen die Akademiker: „Der Storch steht oben auf dem Haus, Corinth sieht meist sehr darnrn- lich aus". Außer in der Aktklasse war der junge Maler am häufigsten am Schlachthaus zu finden, wohin ihn seine verwandtschaftlichen Beziehungen brachten, und das rotleuchtende Fleisch, die violetten und purpurfarbenen Eingeweide, das warme, saftige Leben reizten ihn zum Malen. Aach Rembrandt ist er ein! Meister des „Schlachtviehflillebens" geworden, ein Dchilderer des Schönen in der Aatur, auch wo es sich in scheinbar abstoßender Form darbietet. Während seiner weiteren Studien in München und Paris machte er sich dann ganz die malerische Technik zu eigen, deren Geheimnisse er in feinem prächtigen Buch „Das Erlernen der Malerei" späteren Geschlechtern mitgeteilt hat. Nachdem er sich 1890 ganz in München niedergelassen hatte, stand er unter den Sezessioiristen, Realisten und Impressionisten, wie man damals die jungen Maler nannte, mit an erster Stelle, und überall war er der „Hecht im Karpfenteich", brachte Leben und Bewegung in alle Ausstellungen durch den farbigen Reichtum, die derb zupackende ilnmittelbarkeit seiner Bilder, durch die Kühnheit und oft auch Seltsamkeit seiner Motive. Als er dann nach Berlin übersiedelte, kam eine Zeit des Stillstandes; die großen mythologischen und religiösen Werke, die er schuf, zeigten ein Tasten nach neuen Gebieten, auf denen er sich nicht heimisch fühlte. Dann kam der körperliche Zusammenbruch dieses mächtigen Organismus, der sich in seiner schier unbegreiflichen Vielarbeit zu sehr überanstrengt hatte, und dann der neue fabel- haste Auffchwung in jenen lockeren, weniger gemalten, als aus Farben zusammengeballten Visionen, die dem Auge in ihrem juwelenhaften Glanz ein Fest bereiten und doch so ehrfürchtig das geheime Walten der Schöpfung Widerspiegeln. In einem Bekenntnis über sein Lebens Werk konnte der Meister von sich sagen, baß ihm sein ganzes Lebenswerk „wie aus einem Guß" erscheine, „von dem Porträt seines Vaters bis zu meinem letzten Werk. Stets habe ich nach meiner Aeberzeugung gehandelt, und niemals bin ich vom Pfade des mir richtig Erscheinenden abgewichen. Weine neuesten Bilder schienen mir anfangs durch manche Heinsuchungen des Schicksals im Schaffen behindert zu sein, aber dennoch hoffe ich mit Energie das Schwierige überwunden zu haben, und ich setzte unbeirrt meinen Weg fort. Wenn heute eine Strömung durchbrochen ist, die mir und vielen anderen! unverständlich sein muß, kann ich, nicht, um modern zu bleiben, meine äleberzeugung umändern. Die Geschichte der Kunst beruht auf entern Aufbauen der Gegenwart auf den Vorbildern der Vergangenheit, und ich bleibe den meinigen treu. Fleiß und Mühe, Arbeit und Anstrengung darf ich für mich in Anspruch nehmen, ohne ruhmredig M sein. Der gute alte Fritz Reuter hat einmal gesagt: „Wenn ein Mann deiht, was hei deiht, denn kann hei nich mehr dauhn as hei deiht." Das walte Goit!" Persönliche Erinnerungen ihrer abgründigen Schönheit. Ein knapper Umriß, der den geschichtlichen Hmtergrund flüchttg erhellen soll, ist unbedingt notwendig, um die tragische Vollendung der Kulturen noch begreifbarer zu gestalten. Das Idyll der Frühzeit von Palermo wie von Sizilien tourbe getragen von der Umsicht und dem Fleiß griechischer und phönikisch« Handwerker und Händler. Die Weberei stand im Mittelpunkt. Um sie gruppierte sich der Ackerbau und die Färberei, die dem Gesponnenen das märchenhafte Antlitz des Orients gab. Das war ungefähr im 13. Jahrhundert vor Christi, jener , Zeit, in der die Süßigkeit der Träume noch das Reich der Wirklichkeit bestrickte, in der noch dreißig Morgen Land ihren König hatten. Allein die Phöniker hatten die geheime Kraft, den Traum zu überflügeln. Sie hatten keine Furcht vorm Unbegrenzten, die damals noch im Herzen aller europäischen Völker stand. Sie sprangen über diese metaphysischen Hemmnisse hinweg, und das Geheimnis manchen fremden Landes wird wie ein Gong von ihnen angeschlagen. Auch das Geheimnis Siziliens und seiner Erde. Andrerseits begannen die Griechen ihre Kultur in Sizilien so gewaltig zu steigern, daß sie zu Zetten die heimatliche fast überstrahlte. 3m 4. Jahrhundert vor Christi entspann sich dann jener erbitterte Kampf zwischen dem aufsteigenden Karthago und dem Hellenentum, der das Gewitter des Untergangs über der hellenischen Kultur geschwind zusammenzog, der schließlich in ihrer ideelichen und wirklichen Vernichtung gipfelte. 254 vor Christi schlugen Die Römer den Karthagern die Insel aus den Klauen und konnten sich sechs Jahrhunderte über ihren Besitz uneingeschränkt freuen, zumal sich damals auf Siziliens Feldern die hundertfältige Aehre bog. Panhormus hieß die Stadt zu dieser Zeit, die ein stets fließender wirtschaftlicher Gesundbrunnen für das angesprungene Weltreich war. Im 5. Jahrhundert nach Christi kamen Die Germanen. Nach ihnen die Goten, Byzanttner, Sarazenen, Spanier, Franzosen, schließlich Die Italiener und liehen es weder an Mut noch an Blut fehlen, die wunderschöne Insel zu erobern. Die byzantinische Kultur verendete hier wie ein Meteor. Die größte Staatsidee des Mittelalters, von Friedrich dem Zweiten geboren und getragen, eine Idee von fast übermenschlicher Hoheit und Wette, liegt eingesargt als einziger, — 289 - Arbeit. Zwischen die Pflastersteine im Pfahl tn den Boden. Da konnten dann ------ - schön um die Achse laufen. Feste Dretterböden waren machen!" 3eug dazu Hütten," meinte ich aam"sehnsüchtig. Dummkopf," sagte Jakob, »ihr habtalte Dlagen- Wir machen ein Zweistöckiges," fuhr «fort, »oben kostets Knopf und unten Geld. And die Gäulercher für den l^ttieb frei. Wer eine Tour gezogen hat, darf di« nächste umsonst auf sitzen." Der verstehts, dachte ich und wir gingen gleich an di« im Hof schlugen wir einen dicken t«n dann Dte beiden Wagenräder lld gv- Ist das vernünftig? Ist das logisch? Schert Euey m vie •/ =>«■®"“ überlief es kalt. Dieser Traum am Vorabende des V^MfelKMgL Mdzuges, welcher dem General „ . . akS vollendete, doch unbeachtete | nagelt und aus Spinn- und Pflugrädern, alle vom Rumpelhaufen, alleiniger Ötscher Weg, E ÄS WttelalAwie machten wir niedliche Wägelchen. Tragödie Sn chr staute sich g s | „Run fehlt aber noch ein großes, weißes Tuch-," meinte ich Me ^ndervolle Gichigkett u^cht^nhrwaridn cm ^mgen immer noch zweifelnd. Zenarsfame aufbruchbereit wie die I „Mensch jetzt sag ich aber kein Wort mehr. Ihr habt doch ^L^S^die^eL stmisch-kosmstche Formen- I Bettücher im Haus. Lind wenn wir verdienen wollen, dann volh^om d Ri-Mtektur bimiber Unter den Spaniern und | müssen wir den Leuten auch etwas bieten, warf Jakobchen eifrig ?SttldesJAuit«ba«ck die Kir- ein. Das Kerlchen hatte recht, es traf immer den.Dagel auf den lÄ Ä?ütMe r^lkuppligen, einst moham- Kopf, deshalb holte ich noch, das Bettuch. Das gab nun eme gultttätten und verbrach andrerseits den oft mühsam I lustige weiße Spitze und wir waren richtige Karussellbesitzer. SA MÄch-normannisch-byzantinischer Uns er Publikum war auch schon gekommen, es machte lange ien- gefährliche Unruhe eingeprägt und den | dafür einen Knopf ablieferte. Musik hatten wir natürlich auch. „ . . < . - f(Wn -:n™ sAmalen bläu- I „Dann erst die Gäulercher!" Die boten sich scharenweis an, JÄwÄt-S? As "°w- W d» $dW °°--»E « ®n« am SckMheer silbemer W^^EscMmm^BAd^iedette sich | Moritz, das Krämerssöhnchen zmn Hofe hereiu der Eindruck-, ^rge^v^wirNichtschließlich blitzte S Gr war vornehm und hatte einen Kragen an, denn sein Vater L S» ÄÄ-Ä »•«"" * ti. rtIte .« W .n N. Erfüllungen trug. j Stock: er war der emsige, welcher Geld hatte. Aber alle wollten I jetzt fahren. Die Stimmung war glänzend. Der obere ötocE Da» Karusie«. QS aw w« » Don Ernst Eimer. I Galopp über, ganz ^wie es sein muh. Da wackelte der Pfahl, Einmal im Jahre rumpelte der schwere, bunte Karussell- ^en die alten Wagenräder und neigten sich nut ter waam ins Dorf. Das war ein Ereigne — von den Kindern | f^toeton gadimg auf eine Seite, dahin, wo Momtzchm saß. Das ftmdia begrüßt. Im Du hatten diese das fahrende Volk um I ^n wie in einem Schraubstock und bEte erbärmlich Es laaert^ Was gab es aber auch da alles zu sehm. ®xe dicken, I ^pten Die Wagen im oberen Stock und das Publikum schlug mät^kmn Kopfe ^nicktemHündchen und^Hunde ln allen Größen I urSmt war noch am Leben. Gr hatte nW ein- un& warben And wie das krabbelte im -Wagen drin, ganz vüe | ma( etnOT Rippenbruch, aber sein Geld vwllte er wieder, ün Kaninchennest. Ei die vielen Kinderchen, sie waren nW $u | Flappch, der du bist," maulte JakobchM .erst haste Ver. Die"^chwarzhaarigen Frauen battenlange, rote DAtz«i dann willste naut zahlen. Aber Geld kriegst« vt-itfrfxo'r oyMnfvptn uTtb liefen mit bem Qltil^ito^f in5 I imh fut iiTtdliiclet forme mit ni^. „ 's^offelsäcke waren die Hosenbeine der Männer; sie | ~ . un^ toemn der sein Geld wieder will, dann nrckt auch Wf Jn ßt-ihe Hände in den Taschen und konnten so lustig spucken; I Trinen A^opf heraus," sagte ein stämmiger Weißkops, und ^ l^ man^bne so s^n wie Elfenbein. r Echtt fmckelnde AÜgen. In diesem sah Moritz fernen Freui^ ^ Stundenlang lMgerteu wir beim Spielervolk | „Mle, Weihkopp, uf se", feuerte er ihn an und schwang einen WO St Atterschnei^n rief da ^den auch wir fuchsteufelswild. Die selten uns war fort KAder, die nicht fort waren, gab es gar nicht, | kommen im eigenen .Betrieb. „Ich Mt's euch gleich StW ffesÄ wass SPÄ’XMS t&en ins Feld trippeln muhte, kam eilig« Schrittes Fissel«s i 0<$telenj bag die Ohren sausten. vlöülich yen ins o im Kampf um Knopfe und Recht fiel ptvtztuy mAtt du tZirst narrig, heut wird doch daS K^tschen ei^s Gelhelriemens. Dies kam von der Mutter ÄSÄ MZ-“&|ÖÄ588 VvVt+oi* ftrm?) itf) nbec ftibiDTt neben ibnt. | befcbiG-ute, befto liebet md^te fie mit. Dos war eine Arbeit zum Jauchzen! Man sahs an den I Anwckathrine was ist denn da los", rief Gasselöwers Bs Bää»»« *Me T , bahn stand und ich (Fortsetzung.) bab^ne F>§k^t^ - nein, gtS nur nicht," gab I Diensten. Es war in Chur. Menschengedränge, MatzL-SS-ÄW MtzWSWMW dieser Deschäfttgung kleine, bittere Augen machen, und den Mund ""MZ eta K--E« » -m» 240 — draußen im Reiche bevorstand, schien ihm von ernster Vorbedeutung und er sann auf ein Wort geistlicher Zusprache. Auch Wertmüller konnte seinen Traum, nachdem er ihn einmal mitgeteilt, nicht sogleich wieder lvswerden. _,,$>er Oberst wurde von seinem Liebchen mit der Aft wie ein Stier niedergeschlagen," erging er sich in lauten Gedanken, „mir wird es so gut nicht werden. Fallen — wohlan! Aber nicht in einem Vettwinkel krepieren!" Vielleicht dachte er an Gift, denn er war am Hofe zu Wien in ein hartnäckiges Intrigenspiel verwickelt und hatte sich dort durch fehren Ehrgeiz Todfeinde gemacht. „Ehe ich meinen Koffer packe, fuhr er nach einer Pause fort, „möchte ich wohl noch einen Menschen glücklich machen —" Dem Kandidaten schoß das Wasser in die Augen, nicht in selbstsüchtigen Gedanken, sondern in uneigennütziger Freude über diese schone Regung; doch es trocknete schnell, als der General seinen Satz abschloß: — „besonders wenn sich ein kräftiger Schabernack damit verbinden liehe." Das abergläubische Gefühl, das den General angewandelt hatte, war rasch vorübergegangen. „Was ist Euer Anliegen?" fragte er seinen Gast mit einer jener brüsken Wendungen, die ihm geläufig waren. „Ihr seid nicht hierher gekommen, um Euch meine Träume erzählen zu lassen." Nun berichtete Pfannenstiel Bern Generale mit einer unschuldigen List, denn er wollte ihm seine Liebesverzweiflung, für die er ihm kein Organ zutraute, nicht verraten, wie ihn über dem Studium der Odhsfee ein unwiderstehliches Verlangen ergriffen, die Heimat Homers, die goldene Hellas kennenzulernen. Da er keinen andern Weg wisse, seine Wanderlust zu befriedigen, fei ihm der Gedanke gekommen, sich bei dem Herrn für die Feldkaplanei seiner venezianischen Kompagnie zu melden, die ja in den griechischen Besitzungen der Republik stationiere. „Sie ist erledigt," schloß er, „und wenn Ahr mir ein weniges gewogen seid, weiset Ahr mir die Stelle zu." Wertmüller blickte ihn scharf an. „Ach bin der letzte", sagte er, „der einem jungen Menschen eine gefährliche Karriere widerriete! Aber er muh dazu qualifiziert sein. Euer Knochengerüste. Freund, ist nicht fest genug gezimmert. Der erste beste relegierte Raufbold von Leipzig oder Jena wird meinen Kerlen mehr imponieren, als Euer Johannesgesicht. Schlagt Euch das aus dem Kopfe. Wollt Ahr den Süden sehen, so sucht als Hofmeister Dienste bei einem jungen Kavalier und klopft ihm die Kleider! Doch auch das kann Euch nicht taugen. Das beste ist, Ahr bleibt zu Hause. Blickt aus! Zählt alle die Turmspitzen am See — bas Kanaan der Pfarrer. Hier ist Euer Rhodus, hier tanzt — will sagen predigt! — Wozu sind die Geleise bürgerlicher Berufsarten da: als daß Euresgleichen sie befahre? Ihr wiht nicht, welcher Schenkelschluß dazu gehört, um das Leben souverän zu traktieren. Steht ab von Eurer Laune!" und er machte die Gebärde, als griffe er einem Rosse in die Zügel, das mit einem unvorsichtigen Knaben durchgegangen ist. Es entstand eine Pause. Wieder warf der General dem Kandidaten einen beobachtenden Blick zu. „Ahr seid ein lauterer Mensch," sagte er dann, „und es war Euer Ernst, Ihr würdet das griechische Abenteuer bestanden haben. Wie reimt sich das mit dem Pfannenstiel, den ich hier vor mir sehe? Da liegt ein Aal unter dem Steine. Ein verrückter Antiquar, wie sie zwischen den Ruinen Herumkriechen, seid Ihr nicht. Also seid Ahr desperat. Aber warum seid Ihr desperat? Was treibt Euch weg? Heraus damit! Eine Figur? He? Ihr errötet!" Der sechzigjährige Wertmüller behandelte die weiblichen Wesen als Staffage und pflegte sie schlechtweg mit dem Malerausdrucke „Figuren" zu benennen. „Wo habt Ahr zuletzt konditioniert?" „An Mhihikon bei Guerm Herrn Vetter während seiner Gichtanfälle." „Bei meinem Vetter? Will sagen bei der Ra Hel. Run ist alles klar und deutlich wie mein neuverfaßtes Exerzierreglement. Das Mädchen hat Euch den Kopf verrückt und dann, wie recht und billig, einen Korb gegeben?" Der zartfühlende Kandidat hätte sich eher das Herz aus dem Leibe reißen lassen, als eingestanden, daß die Rahel — wie er daran nicht zweifeln konnte — ihm herzlich wohlwolle. Er antwortete bescheiden: Der Herr Wertmüller, sonst mein Gönner, hat mich verabschied^, wÄl ich mit Schießgewehr nicht umzugehen verstehe und mich auch davor scheue. Vor zwanzig Jahren ist damit in meiner Familie ein Anglück begegnet Er nötigte mich, mit ihm m ble Scheibe zu schießen und ich habe keinen Schuß hineingebracht. „Ahr hättet Euch weigern sollen. Das hat Euch in Rahels Aiigen heruntergesetzt. Sie trifft immer ins Schwarze. — Donner- toetter, da fäHtmir ein, daß ich dem Alten noch etwas schuldig dm. Der geistliche Herr hat mir, während ich am Rheine batail- metTO Meute hier ganz meisterhaft beaufsichtigt. Er ist ew Ksrmer. Hassan, hol mir gleich das violette Saffianfutteral fev,. Glasschranke der Waffenstlmmer. — Euch nicht stören, Kandidat." SÄrifileitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. - Druck und Verlag öe7 Der Mohr beeilte sich und nach wenigen Augenblicken hielt Wertniüller zwei kleine Pistolen von zierlicher Arbeit in der Hand. Er reinigte mtt einem Lederlappen die damaszierten Läufe und den Silberbeschlag der Kolben, in welchen hübsche seltsame Arabesken eingegraben ivaren. „Fortgefahren, Freund, in Eurer Elegie!" sagte er. „Das Mädchen also gab Euch einen Korb — oder ist es möglich, liebt sie Euch? Es gibt wunderliche Raturspiele! — und nur der Alte hätte Euch abblitzen lassen, he? Was gab er Euch für Gründe?" Pfannenstiel blieb erst die Antwort schuldig. Ihm war ängstlich zumute geworden, denn der General hatte, wahrend er sprach den Hahn der einen Pistole gespannt. Aetzt berührte Wertmüller den Drücker mit ganz leis«.: Finger und der Hahn schlug nieder. Er spannte die zweite, streckte den Arm aus, schnitt eine Grimasse,' nur nach harter Anstrengung gelang es ihm, loszudrücken. Das Spiel der Feder mußte sich aus irgendeinem Grunde verhärtet haben und er schüttelte unzufrieden den Kopf. Der Kandidat, der stark mit den Augen gezwinkert hatte, nahm jetzt den Faden des Gesprächs wieder auf, um den wahren Grund seiner Hoffnungslosigkeit anzudeuten. „Eine Wertmüllerin und ein Psannenfttel!" sagte er in einem resignierten Tone, als nenne er Sonne und Mond und finde es ganz natürlich daß dieselben nicht zufammenkommen. „Laß Er mich mit diesen Narreteien zufrieden!" fuhr ihn der General hart an. „Sind wir noch nicht über die Kreuzzüge hinaus, in welcher geistreichen Epoche die Wappen erfunden wurden? Aber auch damals, wie Überhaupt jederzeit, galt der Mann mehr als der Name, sonst wäre die Welt längst vermodert wie ein wurmstichiger Apfel. Seh' Er, Pfannenstiel, ich gelte hier für einen Patricius,' als ich aber in kaiserliche Dienste trat, wie blickten die Herren Kollegen von soundso viel Quartieren hochnäsig auf das plebejische Mühlrad in meinem Wappen herunter. Dennoch mußten sie es eben leiden, daß der Müller die von ihnen mehr als zur Hälfte ruinierte Campagne wiederherstellte und gewann! Hör' Gr, Pfcmnensttel, es fehlt Ihm an Selbstgefühl und das schadet Ihm bei der Rahel." Der Kandidat befand sich in einem seltsamen Falle. Er konnte den Standpunkt Wertmüllers nicht teilen, denn er fühlte dunkel, daß eine so vollständige Vorurteilslosigkeit die ganze alte Ordnung der Dinge durchstieß, und diese war ihm ehrwürdig, auch da, wo sie zu feinen Ungunsten wirkte. Aber Wertmüller verlangte keine Antwort. Er hatte sich erhoben urtb trat, in jeder Hand eine Pistole, einem hochgewachsenen Mädchen entgegen, das auf dem vom festen Lande her ausmündenden Wege einherkam. Der General hatte den Kies unter ihren leichten, raschen Schritten knirschen hören. „Guten Abend, Patchen," begrüßte er sie und seine grauen Augen leuchteten. Das schöne Fräulein aber zog die Brauen zusammen, bis der Alte die beiden Pistolen, die ihr offenbar ein Aergernis waren, die eine in die rechte, die andere in die linke feiner geräumigen Rocktaschen steckte. „Ach habe Besuch, Rahel," sagte er. „Erlaube mir, meinen jungen Freund dir vorzustellen, bett Herrn Kandidaten Pfannenstiel." Die Wertmüllerin war nähergetreten, während sich Pfannenstiel linkisch von seinem Stuhle erhob. Sie bekämpfte ein Erröten, das aber sieghaft bis in die seine Stirn und bis unter die Wurzeln ihres vollen braunen Haares aufftammte. Der Kandidat schlug erst die Augen nieder, als hätte er mit ihnen ein Bündnis geschlossen, keine Jungfrau anzuschauen, erhob sie dann aber mit einem so innigen und strahlenden Ausdrucke des Glückes und der Liebe und seine guten Blicke fanden in zwei braunen Augen einen so warmen Empfang, daß selbst der alte Spötter seine Freude hatte an der ungeschminkten Neigung zweier unschuldiger Menschenkinder. Er vermehrte seltsamerweise die erste süße Verwirrung der beiden mit keinem Scherzworte Ast es nicht, als ob ein tiefes und wahres Gefühl in feinem natürlichen und bescheidenen Ausdrucke aus dieser Welt des Zwanges und der Maske uns in eine zugleich größere und einfachere versetze, wo der Spott keine Stelle findet? Lange freilich hätte er sie nicht ungeneckt gelassen, aber das gescheite und tapfere Mädchen enthob ihn der Verfuchung. „Ich habe mit Euch zu reden, Pate," sagte sie, „und gehe voran nach der zweiten Dank am See. Laßt mich nicht zu lange warten!" Sie verbeugte sich leicht gegen den Kandidaten Der General nahm diesen bei der Hand und führte ihn eine Treppe hinauf in sein Bibliothekzimmer, in das die See- breite durch drei hohe Bogenfenster hereinleuchtete. „Seid getrost," sagte er, „ich werde bei der Rahel für Euch Parte, nehmen. Unterdessen wird es Euch hier an .Unterhaltung nicht mangeln. Ihr liebt Bücher! Hier ftndet Ihr die Poeten des Jahrhunderts tutti quanti.“ Er zeigte auf einen. Glasschrank unö verließ den Saal. Da standen sie in glänzenden Reihen, die Franzchen, die Italiener, die Spanier, selbst einige Engländer, ein gehauster Schatz von Geist, Phantasie und Wohllaut, und Wertmuller, der ohne Frage auf der Höhe der Zeitbildung wurde ungläubig den Kops geschüttelt haben, toenn ihm zugeflnstert worden wäre, Einer fehle hier, der sie insgesamt voll aufwiege. lFortsetzung folgt.) Bruhl'schen Aniv.°Buch. und Steindruckerei. R. Lange. Giedon.