Siebener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, den 28. März Nummer 2S Vorfrühling. Von Ernst Stadler. 3n dieser Märznacht trat ich spät au- meinem HauS. Die Straßen waren aufgewühlt von Lenzgeruch und grünem Saatregen. «Winde schlugen an. Durch di« verstörte Häusersenkung ging ich weit hinaus, Ws zu dem unbedeckten Wall und spürte: Meinem Herzen schwoll ein neuer Saft entgegen. In jedem Lusthauch war ein junge- Werden auSgespannt. Ich lauschte, wie die starken Wirbel mir im Blute rollten. Schon dehnte sich bereitet Acker. Sn den Horizonten eingebrannt War schon die Bläue hoher Morgenstunden, die ins Weit« führen sollten. Die Schleusen knirschten. Abenteuer brach aus allen Fernen. Lleberm Kanal, den junge Ausfahrtswinde wellten, wuchsen Helle Bahnen, Sn deren Licht ich trieb. Schicksal stand wartend in umwehten Sternen, Sn meinem Herzen lag ein Stürmen wie von aufgerollten Fahnen. Das Madonnen-Moliv in der modernen Malerei. Bon Walther Appell. Seit den ersten Sagen deutscher Malerei gehört das Mw- donnen-Motiv zu denen, die unsere Künstler am häufigsten anzvgen. Die Madonnen der deutschen Primitiven, die eines Stephan Lochner, Schongauer, Dürer, Holbein find nicht nach, sondern neben denen eines Raffael oder Correggio einzureihen. (Auch im folgenden wollen wir in dem Begriff „Madonnen- Malerei" die Gestaltung der CHristgeburt mit all ihren Rebenthemen — Verkündigung, Anbetung, Heilige Drei Könige, Flucht usw. — zusammenfassen.) Die überragende Bedeutung der religiösen Fragen und der kirchlichen Machte im Mittelalter erklärt die große Zahl der damals entstandenen Madonnenbilder. Eine Parallele dazu findet sich wohl erst in der Malerei unsever Sage, was zunächst Wundernehmen kann. So programmgemäß sich die Christgeburt in das Werk der Romantiker, auch noch in das von Steinhaufen und Shoma einfügt, so wenig dürften sie die meisten bei den malerischen „Reutönern" erwarten. Die sind so oft als respektlose Aufrührer verschrien worden, als Ketzer, denen nichts heilig sei, daß die Madonnen-Malerei fernab von ihrer Linie liegen mühte, wenn das Behauptete uneingeschränkt wahr wäre. Aber das ist nicht so, wie wir sehen werden. Llnsere Sangen und Jüngsten — die gar nicht mehr.so sehr jung sind — haben Wohl fast alle mehr oder weniger oft die Motive jener religiös orientierten alten Meister wieder aufgenommen. Greifen wir nur einige heraus. R o l d e, der lange der abwegigste und revolutionärste schien, hat u. a. eine „Madonna" in Holz geschnitten. Bon dem nicht weniger angefeindeten Pechstein kennen wir ein Mosaik „Anbetung", das zu seinen besten Schöpfungen zählt. Heckels „Madonna", für eine Kriegs- Weihnachtsfeier auf Behelfsmaterial (Zeltbahnen) gemalt, hängt jetzt in der Rationalgalerie. Dielen schönen Gemälden und Zeichnungen von S a e ck e l liegt das gleiche Motiv zugrunde. Schmidt-Rottluff, Heckendorf, RohlfS, Otto- lange. Melzer, Eberz, Achmann, Capek und ungezählte andere haben verwandte Werke an hervorragender Stelle ihres Gesamtfchaffens aufzuweifen. Selbst Kubin ist auf seinen wunderlichen Wegen zum Stosskreis der Christgeburt gekommen, und die Maria in Kokoschkas «Ruhe auf der Flucht" nimmt geradezu eine Sonderstellung im Schaffen dieses aufpeitschendsn Künstlers ein. So innig abgeklärt ist die Hingegebenheit an ihre Sendung, so rein die lichte Mutterffchönheit herausgebracht. Die Christgeburt muh also doch wohl auch unsere heutigen Künstler unentrinnbar gepackt haben. Sonst könnten die erwähnten — und viele anderen — Werte nicht so elementar bannen. Das aber tun sie überall da, wo der Betrachter sich mit den formalen Reuheiten dieser Kunst auseinandergesetzt hat. Wer ihnen mehr alS ein offenes Auge entgegenbringt, nämlich fern ganzes, auf» nahmebereites, hingabesreudiges Selbst, der kommt von ihnen nur schwer wieder los. Woran liegt das? Was befähigt dies« als profan oder rationalistisch verrufenen Künstler, eins der edelsten Gebiet« schöpferischen Gestaltens um Werke zu bereichern, die schon heut« nicht mehr daraus wegzudenken oder wegzudebattieren sind? Der Künstler ist immer irgendwie der Sprecher seiner Zeit. Sein Werk ist der Riederschlag des Gesamtempfindens dies« Zeit, oft vorahnend, oft Erlebtes aus tiefster Verinnerlichung heraus nachfvrmend. Bringen wir aber das Geschehen und Erleben der letzten Sahrzehnte auf eine konzentrierende Forme!, so wirb diese „Muttergefühl" heißen müssen. Wobei der bitterste Mutterschmerz, das härteste Mutter-Entsagen — heute wie immer — schließlich doch wieder von Mutterzuversicht und neuem Muttersehnen überwunden werden. Der Künstler aber, sofern seine schöpferische Kraft hinreicht, ist berufen, diesem Empfinden einer ganzen Epoche Ausdruck zu geben. Run ist aber alle Kunst Religion, natürlich in einem höheren Sinne als dem eines eng abgegrenzten Dogmas, Lind Kunst wird — in diesem Sinne — immer um so mehr Religion sein, je stärker sie sich mit den grundlegenden Menschheits fragen befaßt. Der wahre Künstler mag irgendwelcher Orthodoxie so fern oder so nahe stehen, wie er will, int Grunde wird er stets, ebenso wie der uneingeschränkt Genießende, jenen Schöpferkräften verwandt mtd verbrüdert sein, die uns in den Evangelien das Marienleben und die Geschichte der Christgeburt erstehen liehen. Darum wird uns auch der Begriff „Madonna" immer heilig sein um unserer eigenen Mutter willen. Lins und den Kommenden, weil er die Grundlage allen Seins und Fvrilebens ist, weil er dem ethischen Suchen und Erlernen immer der Eckpfeiler des ganzen Menschheitsgebäudes sein wird. Damit liegen Sinn und Ziel der neuen Madonnenkunst offen vor uns. Sie sind, in wenig Worte gefaßt: — der Sinni die Erhabenheit des Muttergedankens wach und wirksam zu erhalten, — das Ziel: den Müttern, die um ihrer Zeit willen Schwerstes in nie geahntem Ausmaß tragen und für die Zukunft verantworten mußten, ein leuchtendes Denkmal zu errichten! Der Schlesische Bote. Don Walther Heering-Sena. Angelus Silefius, den schlesischen Boten, hat Sohann Scheffler (geb. 1624 zu Breslau) sich seilLst genannt. Gr ist wie Paracelsus Mediziner, 1649—52 Leibarzt des Herzogs von Württemberg-Oels und nach seinem Liebertritt zur katholischen Kirche Hofmedikus Kaiser Ferdinands III.; 1661 tritt er sogar in den Minoritenorden ein und wird fürstbischöflicher Rat. — Am 8. Suli 1677 starb er im Kreuzherrnstist St. Matthias. Gr ist uns kein Linbekannter, der uns das schöne KirchenliS „Mir nach, spricht Christus, unser Held" gedichtet hat; aber das Bekannteste und Schönste, was wir von ihm haben, sind feine Sinn- und Schlußreime, sein „Cherubinischer Wandersmann". Der Leser dieser tiefsinnigen Reime soll gleichsam „wie ein Cherubin mit unverwandten Augen Gott anschauen" —, so erklärt der Dichter diesen sonderbaren SiteL Sch gebe im folgenden einige der schönsten von diesen Sinnreimen des Cherubinischen Wandersmannes wieder. ♦ Richt- ist, das dich bewegt / Du selber bist das Rad / Das nutz sich selbsten laufft und keine Ruhe hat. Du selber machst die Zeit: Das Lihrwerk sind die Sinnen / Hemstu die Linruh nur / So ist die Zeit von hinnen. Sch selbst muß Sonne Fehn / Sch muh mit meinen Strahlen Das farbenlose Meer der gantzen Gottheit malen. Halt an, wo lauffstu hin / Der Himmel ist in bir/ Suchst» Gott anderswo / Du fehlst ihn für und für. , » Sn Gott ist nichts erkandt/Gr ist ein einig Gin. Was man in ihm erkennt/daS muß man selber sei* Wird Christus Sausend mahl zu Bethlehem gebvhrvt ilnb nicht in dir/du bleibst noch ewiglich verlvhreNt * Ein wesentlicher Mensch ist wie die Ewigkeit/ Die unverändert bleibt von aller Aeußerheit. — 98 — Gustav NachLigal. Don Robert Hessens. 1834—1885. Der Himmel senket sich / Er kvmbt und wird zur Erden / Dann steigt die Erd empor und wird zum Himmel werden? Mensch, bleib doch nicht ein Mensch / Man mutz aus« höchste kommen / Dey Gotte werden nur die Götter angenommen. Mensch, alles, was du will/Ist schon zuvor in dir/ Es lieget nur an dem / Daß dus nicht würkst herfur. Mensch, geh nur in dich selbst / Denn nach dein Stein der Weisen Darf man nicht allererst in fremde Lande reisen. * ' Schweig, Sünder i Schrehe nicht die Gv und Adam an / Mären sie nicht vor gefalln / Du hättests selbst gethan. Gott zörnet nie mit uns/Wir dichtens ihm nur an/ Unmöglich ist es ihm, datz er je zörnen kan. Vorrat uns verhinderten, unS dem Feinde des WustenwandererS, der Sonne, auszusetzen? Spätestens morgens neun Uhr krochen wir in den Schatten einiger Steine, jede unnütze Bewegung, also jede unnütze Verdunstung vermeidend, um ungefähr um 5 Uhr nachmittag« unfern säuern Weg fortzusehen. Als am fernen Horizont endlich nach wochenlangen Leiden eine grüne Lun«, die Palmen Fedzerris, erschien, füllten sich meine Augen mit lich aufnahm. . , Im Frühjahr 1871 ging es nach Kanem und Bvrku. Der im Januar 1872 nach Kuka Zurückgekehrte findet Zeitungen und Briefe vor, die ihm vom französischen Krieg und von der Auf« richtung des Deutschen Reiches Kunde bringen. Das schwellt seinen Mut. Nachdem von Februar bis September 1872 das unwirtliche Bagirmi noch erledigt war, lätzt es ihn nicht ruhen, er mutz nach Wadai, dorthin, wo Eduard Bogel seinen Tod fand. Bogel hatte freilich sein Schicksal selbst verschuldet, indem er sich über gewisse Sitten und Vorurteile der arabischen Kultur hinwegsehte und, wie Brugsch Pascha dem Schreiber dieser Zeilen zu berichten wußte, die Eingeborenen besonders dadurch empörte, bah er zum Grützen auch die linke Hand benutzte, die dem Araber aus gewissen Gründen für unrein gilt. Wo aber Vogel seine Schwäche, hatte Rachtigal seine Stärke. Takt, im Grunde wohl ein eingeborenes Gefühl von Achtung für die Rechte der Mitmenschen, war die schon gerühmte Tugend Rachtigals und bet ihm noch geschmückt mit der poetischen Gabe schneller Ahnung, schnellen Verständnisses für die Eigenart Dies hat ihn in Wadat gerettet, wohin sein Gastfreund Omar ihn tränenden Auge«, «18 einen verlorenen Mann, im Fnihiayr 1873herrschende Sultan Ali War aW blutiger Wüt^ich verschrieen Rachtigal mutzte kniend und barfuß, um in seine Raye Tränen." Am 8 Oktober -es Jahres traf Rachtigal wieder in Mursuk ein Die Frage, warum eigentlich er auf jene Reise gegangen sei hat er eines Tages in der für ihn charakteristischen Bescheidenheit also beantwortet: „Ich meinte, damit eine Lucke in der Geographie ausfüllen zu können." Im Frühjahr 1870 mach«? sich dann frre Unbezwingbare, diesmal wohlberitten, mit neun Kamelen und einer marokkanischen Begleitung von Mursuk auf und erreichte am 6. Juli ohne Anfall Kuka, die Hauptstadt von Bornu, wo Sultan Omar ihn freund- Wer sich erinnert, wie Friedrich List, unser großer wirtschaftlicher Wecker, den Völkern das Fahren über See anpries als eit Mittel, den Blick zu weiten und die Tatkraft zu stählen, der wird sich nicht mehr für ein phäakisches Hindämmern als höchstes Lebensziel gewinnen lassen. Einmal freilich ist gar ein Reichskanzler dieser Stimmung weit entgegengekvmmen durch sein ge° flügeltes Wort: „Man könnte uns keinen übleren Gefallen tun, J868 zum Aeberbringen der Gegengeschenke den jungen Arzt -ustav Rachtigal vor, der seit sechs Jahren in Tunis vraktizierte. Rachtigal war am 23. Februar 1834 zu Eichstedt in der Altmark als Sohn eines Pfarrers geboren, hatte in Halle, Würzburg und Greifswald studiert, war Militärarzt geworden und würde, da er durch seine wissenschaftliche Begabung wie durch Takt und Besonnenheit früh schon als für höhere Stellungen geeignet galt unter gewöhnlichen Umständen einen glatten Weg zum Generalarzt gemacht haben; da warf den kaum Achtundzwanzigjährigen ein tückisches Lungenleiden au« der beschrittenen Bahn, doch zugleich in seine eigentliche hinein. Sr ging zur Kur zunächst nach Algier, bald nach Tunis und wurde so gezwungen, Arabisch zu lernen, d. h. sich die unerläßliche Qualifikation zum afrikanischen Reisenden anzueignen. In Tunis als Bertrauensarzt des dortigen Bey wohlbestallt und auch leidlich genesen, nahm Rachtigal den ehrenvollen Auftrag an, belud im Januar 1869 in Tripolis acht Kamele mit ben Geschenken König Wilhelms, brach auf und erreichte südlich ziehend am 29. März Mursuk, die Hauptstadt von Fezzan. Eine wegen schlechter Berkehrsverhältnifse bevorstehende, vielleicht einjährige Muhe wollte Rachtigal nicht ungenützt verstreichen lassen und unternahm am 6. Juni 1869, keiner Warnung achtmd, seinen Zug zu dem Raubgesiichel der itn Süden vvre I Fezzan wohnenden Debesti. Rachtigal lßlbst beri chtet von ’&nen. ein I AZ sah nie ein Bolk mit weniger natürlicher Gutmütigkeit be- 1 gabt" Selbst Kinder haben den Wehrlosen dort zu ft eint gen versucht; geheilte Kranke fpieen ihm ins Angesicht. Völlig ausgeplündert muhte er seinen Rückweg an treten und gab spater von diesem älnglücksmarsch folgende Schilderung: „<>9 patte ... -------------------- ------ - - ... die Freude, alle meine schwärzlichen Begleiter, unglückliche Opfer al« wenn man uns ganz Afrika schenkte!" Die heimlichen Briten I geographischer Gelüste, wieder nach Mursuk zurnckfuhren zu deutscher Zunge hätten so gern auch das gesamte Weltmeer I Knnen Trotz unfern unsäglichen Leiden muhte ich als die' weggegeben, weil es die Engländer ja ohnehin schon besähen. I Hoffnung auf Rettung wuchs, zuweilen über den Anblick unsrer * y “ - ---------- ' Hußkarawane lachen. Ali und Jaad, zwei meiner Diener, te adamitischer Einfachheit gekleidet, . . mit Wasserlchlauchen cmf den Schultern; der ernste würdige Gatroni, mein ganzes Gepäck auf dem Rücken und, seinem Alter und seiner höheren Stellung entsprechend, sich eines langen, wenn auch lückenhaften Hemdes erfreuend; Giuseppe Balpreda, mein piemontesischer Diener, mit kranken Füßen sich mühsam dahinschleppend und deii Mangel der notwendigsten Kleidungsstücke durch ein paar Wasserstiefel ersehend die vergeblich sich einem kurzen Flanellhemde zu nähern bemüht schienen, endlich ich selbst barfuß, die Beine nut einigere leinenen Fetzen umwickelt, die obere Körperhälste In einen Pariser tm eignen Hanse gezeigt. c ,, Lange bevor die nationale Einigung gelungen war, hcntere sich kühne deutsche Forscher zur Entschleierung des dunkeln Erdteils aufgemacht, hatte Barth 1845—47 den Rordrand von Tanger 6er bis zur Halbinsel Sinai mit manchen gewagten Borstößen fe Innere, 1850- 55 von Tripolis her die Sahara bis zum Tschadsee, von da bis Timbuktu und wieder rückwärts durchzogen, hatten Overweg und Eduard Bogel, dieser 1856 in Wadai, ffire Kühnheit mit dem Tode zu Büßen gehabt. Dann chlorierte Gerhard Dvhlfs 1862—66 die gewaltige Rordwestecke, schwein- furth 1869-70 nicht minder erfolgreich die Küstengebiete des Roten Meers« bis zum Blauen Ril. Rvhlfs hatte am Tschadsee Vom wohlwollenden Sultan Omar in Bornu ein silbernes Pferdegeschirr als Geschenk für König Wilhelm erhalten und schlug •) Mit Erlaubnis des Berlages Julius Hoffmann in Stillt- gart dem ausgezeichneten biographischen Sammelwerk .Deutsche Männer" entnommen. (1137) »gegeben, wett es ote isngianoer ja oyneym > haben diese Grotzgesinnten Karl Peters in den achtziger Jahren so witzig verspottet, weil er am Tanganjika sein ganzes Flaggentuch „verhißt" hätte! , , 11 nb doch ist dem Deutschtum selten eine fruchtbarere, lohnendere Aufgabe zugefatten als die Leitung und Versorgung der mehr als zwölf Millionen Menschen, die in unferm heutigen Kolonialreich leben. Wer aus Kolonien sofort immer nur eine Stärkung der heimischen Finanzen erwartet, wer in ihnen weiter nichts erblicken kann als die Vermehrung der Plätze für gute Vettern, den freilich kann gerade jene Aufgabe nicht locken. Allein welch eine Fülle von Segen, positiver wie negativer Art ---------------- ist uns trotz ihnen aus jenem Horn schon ausgeschuttet worden l I Sommermantel gehüllt und das Haupt bedeckt mit eineni pilz- Die Kolonien, so hieß es einmal im „Tag", haben in unfern1 I artigen Gebäude, das die Engländer für ihre indischen Offiziere hinnenländisch vermauerten Horizont eine Bresche gelegt, aus I flcflen Yen Sonnenstich erfunden haben. So wankten wirdahin, der wir in die weite Welt sehen tonnen. Tausende von ubei> I nächtlicher Weile, da unsre Schwäche und der geringe Wasserraschenden, aufrüttelnden Erfahrungen, Richtigstellungen und *—= 'm-n * " ■’*"* sonstigen Meldungen sind uns durch diese Bresche bereits zu- gestr-ömt Wir sind auf neue Gedanken gekommen, die ans vor dem Einschlafen, dem Erstarren behütet haben. Die Jugend, die sich nicht ewig am Alien Fritz, an Blücher und Mvltke berauschen kann, hat neue Vorbilder von Ausdauer, Tapferkeit, Anpassung, Unternehm ersinn gewonnen. Welch ein Reichtum an frischen wissenschaftlichen, militärischen, literarischen Persönlichkeiten-! Aehmt uns ihre Taten, ihre Abenteuer, ihren Ruhm und ihr Beispiel, nehmt un8 allein ihre Reiseberichte in der Geographischen Gesellschaft und merkt, welch eine Verarmung an modernere Ideen eintreten würde! . . An unfern Kolonien ist offenbar geworden. daß gewisse nationale Bildungsfaktoren, auf die wir uns Erkleckliches zugute getan hatten, sich in der Fremde schlecht bewähren. Wir zweifeln mit Recht an dem ewigen Wert unsres Bureaukratie, seit sie drautzen so häufig zu kurz gesprungen ist. Dir sehen, daß die standesgemäßen Verzäunungen, in denen unsere gebildete Jugend größtenteils hinlebt, ihre Sicherheit nicht vermehrt, sondern vermindert haben, so datz draußen, wohin fte diese Verzäunungen nicht mitschleppen kann, so viele leicht allen Halt verlieren. Die Kolonien haben aber auch an den Tag gebracht, welch einen gräßlichen Vorrat engherziger Spießbürgerei Deutschland beherbergt, als der Matsch, infolge von Schiefsichiig- keit für neue Verhältnisse, das meist begehrte Kolonialprodukt bei uns geworden war. So haben uns die Kolonien auch den Feind — 99 — au gelangen, unter einem aufgespaimten Teppich hervorkriechen und sprach, sobald er die schwarze Majestät ihm gegenüber erblickte kurz und gut: „Sn meinem Lande kniet man nur tror Dvtt nicht vor Menschen." Der Sultan aber, statt seine Henker Mi rufen, erwiderte: „So steh' auf und setze dich zu mir. Machtigal fand in ihm einen ganz umgänglichen, aufgeweckten Kameraden bei dem er neun Monate blieb, um erst im Februar 1874 Abschied zu nehmen. Ostwärts ziehend langte er am 22. Rovember 1874 in Kairo an und wurde vom Khedive mit höchster Auszeichnung empfangen. Die geographischen wie zivilisatorischen Ergebmsse feiner fast sechsjährigen Reise hat er in dem groß angelegten Werk-Sahara unb Euban", — leibe r unt>o[[enbet, beschrieben. für die Gesittung bet gesamten Gebe war vielleicht der Wider- Wille, den er durch seine Schilderung der entsetzlichen Sklavenjagden im Innern Afrikas gegen die ausbeuterrfche Rotte der arabischen Sklavenhändler zu Wecken verstand.Wie durch ganz Europa der Hochadel, einschließlich fast sämtlicher Fürstenhaus^:, germanischen Ursprunges, ist in Afrika die Oberklasse fast durchweg arabisch. Die Araber, durch Schönheit, Kraft, Mut und Stolz äußerlich angenehm auffallend, sowie im Besitz einer, unleugbaren wenn uns auch schwer verständlichen Kultur, repräsentieren in Afrika ein Ueberbleibsel jenes waffenMrrenden Feudalismus, der sich rein parasitär, unter Knechtung und Schmdung friedlich harmloser Bevölkerungen auslebt, und, bis Rachtigal ihn brandmartte, fast jeden Fortschritt der Regerstämme im Innern Afrikas hintanhielt. Die Feldzüge, die Wihmann anfangs der neunziger Iahre gegen Buschiri und Konsorten gewann, führten das aus, was Rachtigal am liebsten selbst schon unternommen haben würde: sie brachen die Herrschaft der arabischen Sklavenhändler. Rachtigal hatte ein Gebiet durchzogen, zehnmal so geräumig Wie Deutschland, und man sagt ihm nach: er habe während jener ganzen sechs Iahre keinen Schuh abgefeuert. Dies dürfte wohl dahin zu ergänzen sein: „keinen Schuh auf Menschen. Denn Jäger war er, muhte er sein schon wegen des Proviantes: wenn er auch einem Pavian, auf den er angelegt hatte, das Leben schenkte, weil das Tier ihn wie aus Menschenaugen ansah. Aber soviel jst gewih, daß Klugheit und imponierende Ruhe ihm reichlich das leisteten, was andere nur durch Waffengebrauch und Gewalt gewinnen konnten. In der Heimat und auch im Auslande nach Verdienst gefeiert, erregte er natürlich auch die Aufmerffamkeft unsrer Regierung die ihn 1882 zum Generalkonsul in Tunis machte, gerade zu der schwierigen Zeit, als Frankreich von jenem Lande Besitz nahm. So ist Rachtigal drei Iahre lang noch eine politische Persönlichkeit gewesen und hat nur ungern 1884 Tunis mit dem Westen Afrikas vertauscht. Einem Freunde schrieb er damals: .ES ist mir, als ginge ich meiner Verurteilung entgegen." Seine Ahnung trog ihn nicht: aber wir verdanken ihm unsre westafri- kanischen Kolonien. Er bestieg die „Möve", hihte am 5. Iuli unsre Flagge in Lome, am 11. Iuli in Kamerun und fuhr dann nach Lagos zurück. Am 28. August zum zweitenmal vor Kamerun angelangt, ergriff er Besitz von Hickory Town und lieh, um füd- wärt« gehen zu können, seinen Adlatus Dr. Max Buchner als Vertreter zurück. . , _ Diesem ausgezeichneten Forscher, einem geborenen Bahem, gebührt ein eignes Ruhmesblatt in unsrer Kolonialgeschichte. Er hatte sich, ein langjähriger Afrikakenner, schon anderwärts hervorgetan, ist nur durch eine chronische Malaria daran verhindert worden, feine großartige Energie sowie seine sonstigen Geistes- aaben zum vollen Ertrag zu bringen, und hat als würdiger Vertreter Rachtigals durch seine Kaltblütigkeit unter den schwierigsten Umständen auch in Kamerun Bewundernswertes geleistet. Rachtigal wandte sich zum Kongo, dann zu unferm jetzigen Südwest", hißte am 29. Oktober 1884 die Flagge in Bethanien, kam am 31 Dezember 1884 zum drittenmal nach Kamerun und holte sich leider auf einem Zug von Gogoro über Laich nach Mahin bei glühendem Sonnenbrand durch unangenehmes Sumpf- gefeiet ein böses Fieber. Er gesundete nur anscheinend. Als er am 11. April 1885 sich auf der „Möve" zur Heimreise eingeschifft hatte, brachte die Seekrankheit das Fieber verschärft zurück. Gr starb an Bord am 20. April und wurde auf Kap Palmas begraben, wo heute sein Denkmal steht. Eine Bestallung zum Ministerresidenten in Tanger hatte ihn nicht mehr erreicht. F. Ratzel hat uns in kurzen kräftigen Strichen folgendes anziehende Bild von seiner Person entworfen: „Äachtigal war von Dau gedrungen und nicht groß. Dein Haar war dunkel und gelockt, sein Auge blau, sein Antlitz verwittert. ®8 sprach aus seiner ungezwungenen Haltrnm Bescheidenheit und Einfachheit, aus den blitzenden Augen Lebensmut und Kühnheit, auf den festen Lippen zeigte sich Entschlossenheit, und in der schmucklosen Rede wohnten Klarheit, Sicherheit, überlegener Geist, Stoffbeherrschung." Ratzel nennt ihn an andrer Stelle eine „echte OdhsseuSnatur, voller Klugheit, Zähigkeit und Willenskraft". Allein wie hoch hat diesen schlichten Sohn der Mark seine selbstlose, aufopfernde Sachlichkeit über den Menreichen homerischen HÄlden hinaus- gehoben! 2000 km im Faltboot. Tagebuch-Skizzen von Fritz Boelkel-München. (Fortsetzung.) Ein glänzendes Bild. Dicht stand die Menge. So dicht, daß das silberne Zigaretten-Etui unseres Begleiters vom Elub plötzlich verschwunden war. Aber andächtige Gesichter umsäumten uns. lieber alle Zweifel erhaben. Was nützte alles Fluchen. Das Etui war weg. Rachmittags waren wir auf der Margarethen-Insel und bummelten abends vor den großen Hotels Bristol, de Riz usw. an der Donau. Angenehme Kühle wehte über den Strom. Sre brachte Erftischung auf die Glut des Tages. Die elegante Welt schien sich hier zu treffen. Fast nach Tausenden zählte die Menge. Sie umlagerte die Stühle auf den Hotelterrassen, wogte auf den Promenadenwegen. Auf der Donau funkelten die Lichter der vielen kleinen Personendampfer, der sog. Propeller. Strahlenbögen brachen von den Brücken und spielten sich in Den Wellen wieder. Wir waren versunken in den Anblick. 4000 Kr. Gebühr! Vor uns stand ein Mann und kassierte das „Stuhlgeld". Es war Zeit, daß wir unser Quartier aufsuchten. Das Reisegeld wurde nicht mehr. Wir waren froh, nach einer Woche Aufenthalt in Budapest wieder in unseren Booten zu sitzen. Immer noch spannte sich ein wolkenloser Himmel über uns. Die Rächte In unserem Zelt waren zumeist warm. Wieder einmal hatten wir unser Zelt aufgeschlagen. Die Sonne war am Versinken. Es hieß sich beeilen. Die Dunkelheit brach immer spontan herein. Bald summte der Teekessel auf rasch entfachtem Feuer. Wir lagen bei Makad unweit von Duna Pentele. Breit liegt die Donau vor uns. Sie ist ruhig wie ein See. Man merkt keine Strömung. Des Abendhimmels farbige Tinten spiegeln sich im Wasser. Bald Verblasen sie, und undeutlich wird das gegenüberliegende Ufer. Die Dunkelheit ist hereingebrochen. Das verglimmende Feuer wirst noch Reflexe auf unfer Zelt. Weih hebt es sich von dem ®rtenp gebüsch ab. Ganz leise spült das Wasser über sandigem Ufer- rand. Wie ein Lampion steht der Mars am Himmel. Leuchtet rot zu uns herab. Der Laut einer Dampfersirene Hingt weither Über das Wasser. Dumpf tönt er herüber. Er erscheint uns fast greifbar, wesenhaft. Immer mehr Sterne sind aufgezogen. Ern Meer von Lichtern bltntt herab. Allmählich bin ich etnge» schlummert. Die Müdigkeit machte sich bemerkbar. Mein Sreunb lag schon längst im Schlaf. Es konnte nichts Passieren. Wie immer lag neben uns im Zelt Gewehr und Revolvrn bereit. Wie lange wir geschlafen, weih ich nicht mehr. Ich werde plötzlich wach. Höre ein leises Scharren, ein Schnauben. . Ich wecke meinen Freund. Geräuschlos öffne ich die verschloslene Zeltöffnung. Der Himmel war überzogen. Es war stocwunket. Run höre ich wieder das verdächtige Geräusch Das Dunkel ist nicht zu durchdringen. Ich sehe nichts Aber immer naher ein leises Tappen. Plötzlich ein Schnauben. Ich fange laut zu lachen an. Gin ganzes Koppel Pferde grast um unser Zelt Die hatten sich irgendwo losgerissen. Wir klatschten m die Hände. Wie ein Wirbelwind brausten sie davon. Der Wind war stärker geworden. Unmerklich hatte er sich erhoben. Unser Zelt war schadhaft geworden. Schon fielen die ersten Tropfen. Also hereingekrochen in unsere Boote, ine wir ans Ufer gezogen hatten. Die Kokpitdecke darüber. So lagen wir zwei Stunden. Ein Wolkenbruch war s nahezu, der herniederbrach. Am Morgen war kein Fleck mehr an uns trocken. Die Sonne sah uns nackt im Boot die Donau hinabtreiben. — Der Abend dieses Tages brachte uns ein angenehmeres Lager. Wir waren bei einem ungarischen Bauern zu Gast. In den Kuhftall regnete es nicht. Am nächsten Tage hatten wir „Sommersprossen" im Gesicht. Wir waren während der Rächt anscheinend den Kühen zu nahe gekommen. A p a t i n. Mohacs lag hinter uns. Wir hatten dort bei der Schiff" fahrtsstation äußerst liebenswürdige Aufnahme gefunden. Run waren wir wieder unterwegs, der jetzigen Grenze entgegen. Endlos dehnten sich rechts und links Auen, Sümpfe. Insel reihte sich an Insel. Stundenlang waren wir mit der Kontrolle bei Dezdan ausgehalten worden. Wieder zog die Donau in unzähligen Windungen und Krümmungen durch die Ebene. Bildete Arme, die wieder Inseln und Auen umflossen. Soweit der Blick reichte, eine grandiose Wasferwildnis. Gin Bild, wie es die indischen Dschungel" Wohl bieten mochten. Weit und breit feine Ansiedelung. Wir mußten tüchtig schaffen, wenn wir noch vor Sonnenuntergang Apatin erreichen wollten. Endlich war'« erreicht. In der sogenannten Fischerei-Zentrale hieß man uns herzlich willkommen. Wir befanden uns nun auf serbischem Boden. Aber wir hörten nur Deutsch. Die ganze Stadt hatte deutsche Bevölkerung. ES waren die Aach 100 - kommen der vor langer, langer Zelt eingewanderten Schwaben. Deutschs Schulen, deutsche Lehrer. Wir fühlten uns tote daheim. Bei Dunkelheit gingen wir noch in die Stadt. Wir kamen an einem Gasthause vorüber. War's eine Täuschung? Ganz deutlich hörten wir singen: „Wer will unter die Soldaten, der muh haben ein Gewehr!" Wir treten ein und. befinden uns mitten unter einer Rekrutenfeier. Aber merkwürdiger Kontrast. Deutsche Lieder, deutsche Militärmärsche und di« Farben Jugoslawiens! Heute war Musterung gewesen- Und morgen hiev es schwören. Wir werden schwören, sagten sie unS. Ader so! Die Finger der linken Hand zeigten zu Boden. ^Btt muhten lachen. Glaubt Ihr, daß die jetzigen Grenzen für immer so bleiben werden?, frugen wir. Asin, niemals, riefen sie. Auch für uns kommen noch andere Tage Kavalerie schienen sie gerade nicht zu sein. Die „Damen" des Ortes standen unter der Türschwelle. Kopf an Kopf. Sie warteten, bis sie zum Tanze aufgesordert wurden. Wir tanzten deutsche Walzer, Rheinländer. Wir hörten den „Bummelpetrus , der anscheinend bis da 'runter gedrungen war. Man oerga», dah man sich in Serbien befand. Man lud uns zum Abmdessen ein, trank uns zu. Es gab guten Wern. Es ging schon dem Morgen zu, als wir uns endlich trennten. Wir hatten beide einen etwas schweren Kopf. Belgrad. Eine laue warme Augustnacht. Wir bummeln im Hafenviertel. Zausende von Glühbirnen stechen in die Dunkelheit. Sie bringen keine Helligkeit. Sn unbestimmtes Licht ist alles getaucht. Aus den Schatten wachsen die Borgärten der kleinen Cafes, die Speisehäuser, die Läden. Lichter irren über bunten Kram, fallen auf braune Gesichter, auf zerlumpte groteske Kleidung. Dalmatiner, Montenegriner, Matrosen, Schiffslader, wüstes Gesindel gleiten vorüber. Fast schleichend, lauernd mit diesem für die Gegend so charakteristisch geflochtenen Schuhwerk. Ein Handeln und Feilschen. Fleischstücke braten auf offener Strahe. Fische rösten auf glimmendem Kohlenfeuer. Ern Konglomerat von Düften und Ausdünstungen. Dort eine Gruppe Weiber, umhangen mit roten Tüchern, auf die das unbestimmte Licht merkwürdige Reflexe wirft. -Und die Strahlen brechen sich in glitzerndem Ohrengehänge und Buntem Flitter. Gesichter tauchen aus der Dunkelheit, hählich, mit gieren Augen und verschwinden wieder. Halbeuropäische Zivilisation mit halborientalischen Gebräuchen und Sitten erzeugt hier einen Bunten seltsamen Wirbel für den Westeuropäer ungewohnten Lebens. Geile Hafenweiber kreuzen unseren Weg. Schwermütige slavische Gesänge kommen von irgendwo her. Schrille Schreie und Gejohle vermischen sich mit dem Lallen Betrunkener. An den Strahenecken bewaffnetes Militär, das die Rolle der Polizei zu vertreten scheint. Merkwürdiger Kontrast. Zwischenhinein gutgekleidete, nach grohstädtischem Schnitt aussehende Leute, Offiziere, Schiffskapitäne. Wir kommen allmählich aus den dunklen Gassen mit ihrem unmöglichen Pflaster hinauf auf die obere Stadt. Mit einem Schlage hat sich das Bild geändert. Gin modernes Grohstadt- bild. Die halbe Stadt scheint auf dem Abendbummel zu sein. Massen wogen vor den Konzertcafss, aus denen die neuesten Shimmys herausklingen. Wir stehen vor dem Hotel Balkan. Davor an den Tischen und Stühlen das gewohnte Leben und Treiben, tote es jede Großstadt aufweist. Wir sehen uns ebenfalls. „Was wünschen Sie?" Gin befrackter Kellner steht vor uns. Kennt man uns den Deutschen schon stundenweit an? Gs ist merkwürdig, wieviel Deutsch man hört. Auf dem ganzen Balkan. Fast mehr als Französisch. Bon unserem Platze aus genießen wir das Straßenbild. -Uns fällt die Eleganz der Leute auf. Bor allem das Schuhwerk. Hierauf scheint das Hauptgewicht gelegt zu werden. Die Offiziere meistens in Lackstiefeln. Den Gesichtern der Damen nach zu schließen scheint das Geschäft in kosmetischen Artikeln gut zu gehen. Wir haben feine ohne Schminke gesehen. Wir gehen am nächsten Bormittag wieder durch das Hafenviertel. Merkwürdig. Der ganze Spuk ist verflogen. Grau und nüchtern starren uns schmutzige Mauern, üble Läden und Lokale an. Die Nacht über hatte es tüchtig geregnet. Wir haben Mühe, durch die kotigen Straßen zu kommen. Die Bautätigkeit ist rege. Moderne Hochbauten, ganze Blocks wachsen neben armseligen zerfallenen Hütten empor. Auf das Straßenbild wird keine Rücksicht genommen. Noch sind die Spuren des Krieges erkennbar. Wir kommen zum Konsulat. Die Aufnahme ist liebenswürdig. Anders als in Budapest. Dort schien man uns für Abenteurer anzufehen. Trotz unserer Ausweise. Es war schließ- lich kein Wunder. Tag für Tag kommen und gehen zweifelhafte Gestalten. Man warnte uns dort. Wir kämen höchstens „per Schub "wieder zurück. Hätten keine Ahnung von den Strapazen, die uns Bevorständen. Aäubergesindel treibe sich an der unteren Donau herum- Sollten wir sagen, daß wir genügend Waffen und Munition dabei hatten? Lieber nicht. Die wären beschlagnahmt worden. Erst vor einigen Tagen war ein ganz« Zug sächsischer Wandervögel in Budapest gelandet. Auf einem Dutzend Zillen waren sie die Donau herabgeschwommen. 14° bis 16jährige Kerls. Der Anführer ein Achtzehnjähriger. Alle wollten sie nach Konstantinopel zur türkischen Armee, die dort angeblich unter Leitung von deutschen Offizieren gebildet werden sollte. Nun lagen sie in den Hospitälern — geschlechts krank. Die Flugpost hatte uns nach Belgrad Postsachen au» der Heimat gebracht. Der Flieger! Wo war es denn, wo er uns ganz eiligen Schrecken eingejagt? 3n Wien, am Landungsplatz der Wasserflugzeuge. Eben kamen wir damals mit unseren Booten vorüber, als der Motor angeworfen wurde. Wie ein Pfeil schoß der Apparat über die Wasserfläche. Auf uns zu. Rechts ein nahender Dampfer, links vor uns ein Brückenpfeil«. Sah uns denn der Kerl nicht von seinem Führersitz au». Strecke zwischen un» schrumpfte auf ein Nichts zusammen. Ich ließ das Paddel ruhen. ES wäre ohnedies zu spät gewesen. Wein Freund schoß mit seinem Boot dahin. Noch einige Se- künden und wir wurden hinweggewischt, toegrafiert. - 3m letztem Augenblick ging er hoch Knapp über die Köpfe hinweg. Fast e spät, um dem Dampfer auszuweichen, der Plötzlich wc un» mb. Aber wiederum ging alteS glatt. Mnige Wellmspritz^ lagen im Boot. Hoch oben kreiste bet Flieger. 3n tBdgrw hatten wir die Episobe längst vergessen, neue Eindrücke die alte* verdrängt, kaleidoskopartig. 3n Bulgarien. Bon Rustsuk führt eine Linie über Razgrad nach Kafpitschan und Barna am Schwarzen Meere. Es war gerade um die Zeit der größten Hitze, als wir in den Zug stiegen. Die Fahrt mit den Booten hatte ihr Ende erreicht. Wir mußten uns Beeilen, nach Warna zu kommen. Die Strecke von Rustfuck nach Dralla und Sulina hätte uns nicht mehr allzuviel 3nteressantes geboten. Zudem hätten wir von dort aus erst wieder südwärts fahren müssen, um Barna zu erreichen. Rustsuk machte uns den Eindruck eines ganz netten Städtchens mit ziemlichem Verkehr. Wir wohnten in einem sog. „Hotel" und schliefen in einem verwanzten Bett. Es waren fürchterliche Nächte. Nun saßen wir im Zug. Ich kenne einige bayerische Lokalbahnen. Aber gegen diese Bahn waren dies noch Luxuszüge. Wir rangierten bei jedem Holzhausen. Alle Passagiere waren in einem einzigen Waggon zusammengepfercht. Bauernweiber, eingesäumt mit großen Korben, umlagert von Kindern, Damen aus Rustsuk, Türken am Boden in der üblichen Sitzstellung. Vollgepfropft war das Aoieil, Minke und Wände starrten vor Schmutz. And dazu eine Prugelhitze. Ich saß auf dem Trittbrett. Gs war gar nicht gefährlich. Man konnte bequem neben dem Zug herlaufen. Nun waren wir schon mindestens vierzehnmal an der gleichen Hammelherbe vorübergezogen und wieder zurückgefahren. Das Rangieren nahm kein Ende. Auf einmal stand die Maschine still. Wir warteten eine halbe Stunde. Nichts rührte sich. Gs war noch weit nach Kafpitschan. Nun stiegen wir aus. Unter der Lokomotive lag der Heizer und der Zugführer. Sie bastelten an der Maschine herum. Die Passagiere halfen mit. Mindestens ein Dutzend davon lag auf dem Bauch und Begutachtete die Reparatur. 3rgenb eine Schraube war los. Nach zwei Stunden war endlich dir Sache wieder in Ordnung. Wieder ging das Rangieren los. Allmählich waren w ganz apathisch geworden, so daß wir uns nicht einmal mehr ärgerten. Gegen 1 Uhr mittags war der Zug aus dem Bahnhof von Rustsuk gelaufen. Um 10?/» Uhr nachts war endlich Kafpitschan erreicht. Dort hieß es umsteigen. Die Linie, die hier von Sofia herüberkam, funktionierte ausgezeichnet. Moderne Wagen. Moderne Geschwindigkeit. Gegen Mitternacht waren wir endlich in Warna. Was tun? Wieder in ein Hotel? Wieder ein Opfer der Wanzen werden? Wir beschlossen mit unserem Zelt im Freien zu übernachten- Aber wo? Wir gingen in die Stadt. Es war ganz dunkel. Schwer, sich zu orientieren. Von der Ausdehnung Warnas hatten wir keine Ahnung. Wir schritten über einen leeren Platz, nach unserer Meinung ziemlich abgelegen vom Zentrum. Kurz entschlossen packten wir unser Zelt aus. Die Zeltpflöcke wurden in den Boden getrieben. Nach wenigen Minuten waren wir fest eingeschlafen, um am andern Morgen mitten m der Stadt zu erwachen. 3n der Dunkelheit hatten wir das Zelt auf einen öffentlichen Platz hineingepflanzt. Es gab erstaunte Gesichter bet den Passanten- Tagsüber suchten wir Quartiere. Lieber mit unseren Decken auf bloßem Fußboden schlafen, als sich in einem Dett d«r Wanzen preisgeben. Bei einem 3taltener, der in der Llaye des Hafens einen kleinen Ausschank hatte, fanden wir altes, was wir wünschten. Gr war reinlich, das Lokal sauber. Uever eine Woche verbrachten wir dort. (Fortsetzung folgt.) vchriftleitung: Dr. Friebr. Wilh. Lange. — Bruck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Sieindruckerei, R Lange, Gieße».