Eichener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang 1925 Samstag, den 28. Februar Nummer (Z MIMMMIIIä II pWU. ..MtiC.,-LWEE2PHES Das Vermächtnis- Von Karl Brvger. And so gewinnt sich daS Lebendige Durch Folg' aus K>lge neue Kraft, Denn die Gesinnung, die beständige, Sie macht allein den Menschen dauerhaft. (Goethe.) Alle lieben Brüder, die schon gefallen sind, Reden aus Stein und Scholle, sprechen aus Wolken und Wind. Ähre Stimmen erfüllen mit Macht den Raum, Ähre letzten Gedanken weben in jedem Traum. Wieder die Stimme, gehalten und priesterlich: „Bruder im Leben, lebendiger Bruder, hörst du mich? Schreibe: Wenn in würgender Schlacht ein Bruder fällt, Geht nur sein Leib verloren, bleibt doch sein Werk rn der Welt. Daß kein wirkender Wille von seinem Werke läßt, Macht den Sinn des Lebens hiebsicher und kugelfest. Brandgewölke, verzieh! Zerteil dich, Pulver dampf! Stärker als alle Kämpfer ist ewiger Kampf. Schreibe: Jeder gefallene Bruder wirbt Reue Hände, daß sein verlassenes Werk nicht stirbt. Darum ist der toten Brüder letztes Gebot: Haltet das Werk am Leben, so ist kein Geopferter tot! Trauertay, Bon Professor v. Hans Schmidt. Bor mir liegt ein Brief, den ich vom. Felde aus geschrieben habe. Er trägt das Darum „Schüssel, den 1. März 1916". Das war ein Steinbruch am Priesterwald. An die steilen Sandsteinwände der schüsselsörmigen Vertiefung lehnten sich Dretter- hütten, für jeden Zug eine und eine kleine für den Kompagnieführer. Das Dach und die ganze Vorderseite waren mit Busch und Tannengrün bedeckt, um den feindlichen Fliegern den Anblick zu verschleiern. Wer nicht Bescheid wußte, hätte denken können, es sei ein festlicher Schmuck. Der Brief, den ich damals geschrieben habe — es waren die Tage der Kämpfe um Verdun — beginnt so: „Eben habe ich etwas erlebt, was mir so zu Herzen gegangen ist, wie bisher noch nichts hier draußen. Mein Behrmann (das war mein Bursche) ist gefallen! Als ich heute mittag die kurze Karte an Dich schrieb, war gerade starkes französisches Artilleriefeuer. Auch in die Schüssel fielen fünf Granaten. Ich hatte gerade das Wort: „Es geht mir sehr gut!" geschrieben, als eine nicht weit von meinem Anterstand explodierte, so daß meine kleine Ordonnanz Zähne, der neben meinem Schreibtisch stand, sich niederkniete, um vor Splittern Schutz zu suchten. Es passierte nichts. Behrmann sagte noch: „Der Franzmann muh ja furchtbare Angst haben, daß er so viel schießt". Am 6 Ahr ließ ich einen Appell ausfallen, weil das unruhige Schießen noch immer nicht aufhörte. war die Zeit, wo die Leute Kaffee holen aus der Waldkilche, und Behrmann machte sich leider auch dahin auf, um für mich Kaffee zu holen. Wenn ich es gewußt hätte, daß er gehen wollte, hätte ich ihn zurückgehalten. Die Küche liegt am Waldesrand, keine hundert Schritt von uns. Während er mit zwei Mann dort stand, hat ihn eine Granate getroffen. Es kam einer zu mir und meldete mir: „Herrn Oberleutnants Bursche ist schwer verwundet." Sie hatten ihn in einen Anterstand in meinem dritten Zug getragen. Ich lief gleich hin natürlich. Er lag auf der Seite, die Krankenträger und die Leute um ihn. Ich sah sofort, daß hier keine Hi/fe war. Die Granate — ein sogenannter Blindgänger — hatte ihm den Rücken zerschmettert. Er war bei klarem Bewußtsein und hatte zuerst gar keine Schmerzen. Er sagte gleich: „Herr Oberleutnant, ich bin so schlimm getroffen; ich komme nicht durch." Dann sagte er: „Grüßt mir meine Frau und meine Kinder!" And dann nach einer Weile: „Ach, meine armen Eltern, ich bin schon der zweite Sohn, den sie in diesem schrecklichen Krieg verlieren!" Dann merkte man, wie er große Schmerzen bekam. Er biß sich in die Hand, um nicht zu schreien. Seine rechte Hand, die ich hielt, wurde ganz kalt, und Schweiß trat auf seine Stirn. Natürlich hatte ich sofort nach zwei Aerzten telephonieren lassen. And so gut es ging, suchten wir mit Binden und Leinwand — das war alle- reichlich zur Hand — das Blut aufzuhalten. Mitten in seinen Schmerzen sagte er: „Run wünsche ich bloß, daß Herr Oberleutnant Glück hat." And dann mit einem Male, bittend: „Herr Oberleutnant, ein Gebet!" Da habe ich ganz langsam das Vaterunser gesagt: „Dein Wille geschehe" und „Erlöse uns von dem Aebel"". — Inzwischen waren die Aerzte beide da und gaben ihm Morphium; dadurch wurden die Schmerzen allmählich gelinder. Das letzte, was er, durch das Morphium halb betäubt, sagte, war: „Es muß einer den Ofen stochern, der geht sonst aus." Gr meinte den Ofen in meinem Anterstand, Es wurde Wasser heiß gemacht; die Aerzte wollten eS versuchen, ihm einen Verband anzulegen und ihn nach rückwärts zu transportieren. Aber dann sagte der eine von ihnen: „Geh mal einer hin, das Wasser braucht nicht mehr warm gemacht zu werden!" And der andere hatte still seine Mütze abgenommen. Das taten wir alle in dem fast dunkeln, engen Anterstand, in dem eine einzige Kerze angezündet war. Ich konnte den letzten Atemzug deutlich spüren. Dann lag er mit feinem treuen Gesicht, als wenn er schliefe. Run haben wir ihn in einen neugebauten Schuppen, der für Munition bestimmt ist, gelegt. Es war inzwischen dunkel; und der Orion, den ich ihm neulich mal gezeigt habe, stand in seiner stillen Pracht über den schwarzen Hügeln der Schüssel." Es ist nicht nur das Datum des ersten März, das mir dieses Erlebnis vor die Seele ruft, und das mich veranlaßt, es wie ein stilles, schlichtes Denkmal an diesem Trauertag hier aufzurichten. Was damals — nicht im Brennpunkt der Ereignisse, sondern an einer sogenannten „ruhigen" Front — geschah, war das Alltägliche, es waren die kleinen 'Verluste, die gebucht, aber kaum gerechnet wurden. In diesem Alltäglichen aber, da offenbarte sich, was wir uns in Ehrfurcht gegenwärtig halten, wenn wir heute das Gedächtnis unserer Toten feiern. Es hat auch solche unter ihnen gegeben, denen die Augen vor Freude am Abenteuer leuchteten, aber die meisten taten ihren Dienst anders, sie taten ihn still und schlicht. Sie waren keine „Helden" in dem Sinn, daß sie die Gefahr gesucht, daß sie nichts Lieberes gekannt hätten als den „Sturmangriff", den Kampf mit Handgranaten und aufgepflanztem Seitengewehr, mit Beilpicke und scharfgemachtem Spaten. Sie waren mehr — sie waren Männer, die in stiller Selbstverständlichkeit auf sich nahmen, was das ungeheure Schicksal ihres Volkes ihnen brachte. Es wird einem warm ums Herz, wenn man an diese Männer denkt, an ihre ernsten und offenen Gesichter, an ihr furchtlose- Füreinander, an ihre eiserne Zuverlässigkeit. And manchmal ist es einem, als hätte man Heimweh nach ihnen, als wäre tn dieser Welt voll Sicherheit und Behagen etwas nicht da, was damals in den zerschossenen Gräben und kümmerlichen Unterständen um uns gewefen ist. And es ist ja auch wahr — es ist ja nicht mehr unter uns: Anderthalb Millionen — und wir meinen immer, es seien die treuesten und besten von allen darunter — liegen ja draußen auf den kleinen Friedhöfen hinter den zerschossenen Wäldern. Aber dann sagt man sich, und das Herz richtet sich auf aus der Trauer und erhebt sich in Zuversicht —: Was wir dort draußen erlebt haben, was sich uns in den Besten offenbart hat in der Stunde, in der wir sie sterben sahen — das ist bas innerste Wesen unseres Volkes. Wir feiern einen Trauertag. Wir wollen nicht vergesse«. Wir wollen Euer Bild lebendig in uns behalten, Ähr lieben Kameraden! Aber wir möchten mehr als das; wir möchten in Gedanken an Euch unser selbst gewiß werden, möchten wachsen an dem, was Eures Wefens Vollendung war, der schlichten Treue, der Treue bis in den Tod. „Heute früh" — so lese ich auf einer Karte, mit dem Datum „Schüssel, den 3.3.16“ — „haben wir vor Sonnenaufgang Behrmann auf dem Keinen Friedhof hierneben begrabe«. Hörsken hatte einen schönen ©arg für ihn gezimmert imd die anderen Burschen einen riesigen, dicken Tannenkranz geflochten. Zwei Bergleute haben sein Grab tief in den Stein gehauen. Auch der Major war trotz der Morgenfrühe da. Der Franzmann warf mitten in meiner Rede ein paar Granaten vor un8 in bett Wald, daß die Splitter rauschten. Seit Dehrmmm getroffen Chor der Toten. Von Conrad Ferdinand Metzer. Wir Toten, wir Zoten sind größere Heere, als ihr auf der Erde, als ihr auf dem Meere! Wir pflügten das Feld mit geduldigen Taten, ihr schwinget die Sicheln und schneidet die Saaten, und was wir vollendet und was wir begonnen, das füllt noch dort oben die rauschenden Bronnen, und all unser Lieben und Hassen und Hadern, das klopft noch dort oben in sterblichen Adern, und was wir an gültigen Sätzen gefunden, dran bleibt aller irdischer Wandel gebunden, und unsere Töne, Gebilde, Gedichte, erkämpfen den Lorbeer im strahlenden Lichte; wir suchen noch immer die menschlichen Ziele — drum ehret und opfert! denn unser sind viele! sterbe er anständig!" Der Schwerverwundete verstummte sogleich, und still und schweigend ging er in den Tod ein. Für uns muß die Mahnung des großen Tages sein, für dn.enJ^en unter uns, soweit er noch deutsch fühlt und eine gute Gesinnung hat: „Lebe er anständig!" Sa, lebe er anständig wo er stehe und was er tue, sei er Steinklopfer oder Minister, Mann oder Weib, jung oder alt. Lebe er anständig! Aus der großen heiligen Anständigkeit! der Seele und des Geistes heg ganzen Menschen und des gesamten W>lkes blüht dann die große Standhaftigkeit und die Lleberwinderkraft für alle Zukunft. - Opfer. Von Reinhold Braun. > । Nur wer sich zu opfern Weitz, ? lebt sein Leben ganz, und es ist in seinem Kreis eingeweihter Glanz. Die Geschichte lehrt, daß alle Völker zu Größe und Ruhm gelangen, die den Akt des Opfers als den höchsten fetzten, die mit der ganzen Inbrunst der Volksseele sich völlig ergreifen ließen von der Sakralwelt des Opfers. And jedes Volk bestand im Sturm der Zeiten, in dessen Blut und Geist das Mysterium des Opfers webte und waltete. Und es wurde von seinem Genius verlassen, wenn es von diesem höchsten völkischen Werte lieh. Damals, als das ungeheure über uns hereinbrach, waren wir als Volksganzes eingegangen in den Hochwert des Opfers, liehen uns tragen wie von einer gewaltigen Woge, die gleichsam das Gefühl von Millionen darstellte. Es war eine große Zeit, und keine Parteipolitik und kein Niederbruch können an der Größe dieser Zeit etwas ändern oder schmälern. Wir wollen stolz darauf sein, daß wir das erlebten, und wollen uns nicht der Tränen schämen, die wir wohl in heiliger Begeisterung weinten. Wir standen damals ganz im Glanze der Opferwelt und damit des deutschen Genius. Denn das Opfer ist und bleibt sein höchster Ausdruck, die Offenbarung seiner innersten Mächtigkeit. Und edel und schön in Verklärung überstrahlt von jener erhabenen Welt der liebenden Hingabe und der Selbstaufopferung stehen alle die, die mit Leib und Blut die Heimat deckten, die sich ganz einsetzen für das, was wir Deutschland nennen. Und je mehr wir uns entfernen von jener Zeit, desto größer erscheinen uns die, die für uns starben, desto reiner und glanzvoller wird das Licht, in dem sie stehen. Es gibt nicht nur ein Auseinanderwachsen von Lebenden und Lebenden, sondern auch ein Auseinanderwachsen von Lebenden und Toten. Diese Erkenntnis steht wie ein dunkler Schatten in den Stunden des großen Gedächtnistages. Wir haben uns als Volk fortgelebt von unseren großen Toten. Das zu erkennen und zu sagen, verlangt die Ehrlichkeit unseres Gewissens. Wir haben uns gleichsam in eine Niederung hinuntergelebt, und fern in der Höhe steht der Glanz jener großen I Tage und die Gröhe des Opfertodes der besten Deutschen. Das ist eine bittere Wahrheit, von der wir uns ganz ergreifen lassen müssen, die uns gleichsam niederdrücken muß, vor der wir in ! die Knie finken müssen! And das D gut! Das zeigt noch, daß I wir Gewissen haben, daß noch die Seele in uns Macht hat. Trotz allem, was wir erlebten in den letzten Jahren unö in der letzten Zeit an Feilheit und Käuflichkeit, an Verantwortungslosigkeit und Gesinnungstiefstand. So muß der Gedächtnistag zu einem Bußtag werden, und I seme Stunden müssen Stunden heiliger Einkehr sein. Es mutz ein Schatzgräbertag großen Stiles werden, an dem wir das noch herausholen, was an Snnenwert in uns ist, an Liebe und Treue, I ^ Tüchtigkeit und deutschem Wesen. 3n innerster Zerknirschung | wollen wir uns die Hände geben und neues Wesen geloben, durch j das wir uns wieder ganz nahe an die Größe unserer Toten I heranleoen. Der Tag muß der innersten Versenkung dienen in I MS Geheimnis des Opfers, des großen Erkennens der unvergäng- I luyen Werte, die in einem Volke walten müssen, wenn es seinen I Platz im Ringe der Völker behaupten will. Sa, in die Knie soll I nnS der Tag zwingen! Hat er das getan, dann aber wollen wir 8 ausstehen in der Bewußtheit großer Verantwortlichkeit für Gegen- I tooti itn& Zukunft, als die innerlich Geeinigten und die durch I Has Gedenken unserer Toten Geweihten, , Fried^ch der Große rief einmal einem sterbenden Fähnrich I m der Schlacht zu, als dieser vor Schmerzen schrie: „Sunfe'r, r Kokoschka. | Eine Erinnerung von W. Appelt. Oskar Kokoschka, einer der Führer unserer moder- | «en Kunst, hat seiner Wiener Heimat schmollend den I Rücken gekehrt, nachdem dort eines seiner Frühwerke I durch Messerstiche brutal zerstört wurde. Sein Ent- I schluh, sich im Auslande niederzulassen, weckt die I , Erinnerung an ein selten starkes Erlebnis. I _ N^ai 1920... Eröffnung der Deutschen Künstlerbundausstel- I lung IN Chemnitz... Geladene Gäste... | Emer bittet ums Wort, den keiner kennt. Eine schlanke Ge° I stalt, jung, so jung. Spricht lange nicht, will es nur. Heißem Be- I en Aiückt nur ab und zu ein Wort, selten oder nie ein Satz. I Man hört: „... im Namen der Süngsten". Dann immer wieder I iange Pausen, in denen der Maler — ein solcher muh es wohl I üs? - über uns alle hinwegsieht, starr, irgendwohin. Aber ein | Schmerz ist in dem Blick, oder ein Sehnen, oder beides. I Er spricht vom Krieg. Dom aufwühlenden Erleben des Krie- । ges. And von dem heiligen Künstlerdrang, diesem Erleben Formen I geben. Kürzer werden die Pausen, zusammenhängender wird I Hingerissen und ergriffen lauschen die Zuhörer jetzt | den Worten, die mehr als Worte sind. Lauschen dem Klang der I satten, die sie in den tiefsten Tiefen des eigenen Sintern ange- s schlagen fühlen. And wissen, daß ein Bitten in dem Sprechenden I ist, ein Bitten in seiner Rede, die weniger ist als eine Rede, viel | weniger, aber doch auch ungleich mehr, — ein Bitten in seinen Augen, ein Bitten in seinen Händen, ein einziges großes, flehendes Bitten in jeder Faser seines ganzen Selbst. „Glauben Sie I J*nS! Vertrauen Sie uns!... Versuchen Sie doch, mit uns zu ! Si - J‘ ' ^ins leitet ja doch auch die elementare Liebe zur Schönheit, zur Schönheit, wie wir sie sehen." And plötzlich, unvermittelt, schließt er mit dem inbrünstig herausgeschrienen: „Nehmen Sie uns ernst!" gedämpft durch Fragen von einem zum andern. Schließlich der Vorsitzende: „Sch danke Herrn Professor Kokoschka ... Ein Aushorchen und endliches Zurechtfinden. Kokoschka! I Der lähmende Bann ist gebrochen, durch die Gewißheit dessen, was zuvor über ein Ahnen nicht hinausgekommen, aber i.- immerhin — als Ahnen — vorhanden gewesen war. And die Gewißheit greift weiter: Zu seiner Kunst mag jeder stehen, tote er will. Den Menschen aber mutz er zumindest ehren Wer offenbart so rückhaltlos fremden, profanen Ohren das pein- volle Aufgewühltsein seines Snnerften? Denn da war fein Zweifel: Wir hatten das flammende Bekenntnis eines bis zur Selbstaufopferung Ringenden gehört, eines, den nichts darin irre machen kann, vor sich selber ehrliche zu fein. Ehrlichkeit vor sich selber aber ist die erste Voraussetzung für die Ehr- Weit eines Schaffenden gegenüber dem Werk und denen, an die es sich wendet. Sst insofern die volle Rechtfertigung der üorderung, ernst genommen zu werden. And nachträglich wußten wir: Wenn er über die Zuhörer wegblickt, dann ist er nicht mehr bei ihnen, dann blickt er geblendet der Schönheit ins strahlende Antlitz. Der Schönheit die er steht, und die freilich eine andere ist als die von Sahr- hunderten und Sahrtausenden überlieferte. Wer von uns aber darf raschfertig eine Schönheit schlechthin leugnen, weil er nicht lernen will oder — aus allzu enger Verstrickung in Vorurteilen und Gewohnheiten heraus — nicht lernen kamt, sie zu sehen? Wer hat dazu ein Recht? Der Fährmann von Niederhansen. Von Heinrich Bechtolsheim er. (Fortsetzung.) Als er die Tabakspäckchen vom Regal heruniernahm, deklamierte er: „AB Reiter, Drei Züg, do leit er, Doch die Ware Knaster von Bingen, Sst das Beste von allen Dingen." Den Michel kamite der Kaufmann nicht. Als er den hübschen und gutgekleideten jungen Mann neben dem Mädchen flehen sah, machte er ein schlaues Gesicht und sagte: „Heute verweilt an diesem Platz Das Ehristinchen mit seinem Schatz." haben die Einschläge, die uns ja ein gewohntes Geräusch ', für mich einen grausigen Klang. — Die Lerchen ™ so frühlingsmäßig über der Schüssel. Der Himmel ist und blau, nur ein paar Wölkchen." - 67 - Da wurden bte beiden jungen Leute rvt, verlegen schob Christine das Garn, das vor ihr lag, hin und her, und Michel mußte plötzlich den Schnürriemen an feinem Schuh festbinden. Ms sie weggingen, begleitete sie der Kaufmann bis zur Tür, die Ladenklingel bimmelte, und der Abschiedsgruß des munteren Mannes war: / „Braucht ihr was zum Hvchzeitsfeste, Bei mir kriegt ihrs aufs allerbeste." Die Unbefangenheit der beiden war dahin, als sie wieder aus der Straße standen. Christine erklärte, daß sie noch einem Gang zu einer Frau, die Sämereien verkaufte, tun müsse, und Tagte zum Michel, ohne ihn dabei anzusehen: „Du kannst ja in den „Adler" gehen und sehen, ob die Dersteigerung zu Ende ist." Michel ging nach dem Gasthause zurück. Die Versteigerung war noch nicht zu Ende, noch hörte man, wie der Notar mit dem Hammer auf den Zisch schlug, wie die ©feigerer riefen: dreihundert Gulden, dreihundertundzwanzig, dreihundertund- dreißig Gulden und wie der Notar durch den Saal rief: Wer Bietet mehr, zum ersten, zum zweiten, zum dritten. Bei diesem Morte schlug der Hammer auf, der Zuschlag war damit erteilt. Ms es schon dunkelte, kamen die Männer truppweise aus dem Saale, sie waren von dem Geschäfte erregt und sprachen laut durcheinander. Nasch füllte sich das große Gastzimmer. ES war ein schön ausgestatteter Naum. die Weißen Vorhänge waren hevabge- zogen, die Lichter brannten, die große Ähr, die dem der Eingangstür gegenüber ihren Platz hatte, zeigte auf halb sechs. Eilfertig liefen die Kellner hin und her, der Wirt stand hintey dem Schenktisch und leitete das Ganze. Wer durch den Hof ging, sah in die Küche, wo die Köchin hochroten Angesichtes am Herde hantierte, während die Küchenmädchen ihr zur Hand gingen. Michel Klee hatte im Hofe auf seinen Herrn gewartet. Als der kam, nahm er seinen Knecht mit in das Gastzimmer und forderte ihn auf, sich neben ihn zu setzen. Nach einer Weile kam auch Christine, sie sah zur Türspalte herein und winkte dem Vater. Draußen sagte sie ihm. sie habe Kopfweh, er möge bald anspannen lassen. Das war dem Peter Wenzel doch verwunderlich, seine Tochter hatte nie Über Kopfweh geklagt, auch dann nicht, wenn sie von morgens vier bis abends neun Uhr gearbeitet hatte. Das Kopfweh Überließ sie sonst alten Weibern, die Zeit hatten, sich mit ihrer Krankheit zu beschäftigen. „Dann geh doch wenigstens einmal herein und trink von dem Hinkelsteiner, den ich bestellt habe", sagte der Vater. ..Ach Vater, drinnen ist der Tabaksgualm so dick, daß ich es nicht aushalten kann. Ich gehe noch einmal zum Bäcker Filtzinger und hole für die Mutter ein paar mürbe Wecke." „Komische Weibsleute," sagte der Alte, „jetzt fängt sie auch schon an." Kopfschüttelnd ging er in das Gastzimmer. Eine halbe Stunde später fuhr man ab. Es war Neumond und deshalb dunkel. Kaum ein Wort wurde auf der Heimfahrt gesprochen. Wenzel war von dem Weine, den er probiert hatte, müde geworden und schlief in der Schlittenecke. Michel mußte auf die Pferde achtgeben. und Christine hatte Herzklopfen. So vergnügt sie am Nachmittage auch mit dem Knecht gesprochen hatte, jetzt war ihr der Mund verschlossen. Solange der Frost herrschte, konnte in Feld und Wingert nichts unternommen werden. Peter Wenzel ging in diesen Tagen viel zur Jagd, er wurde von den Jagdpächtern der Umgebung oft zur Teilnahme am Sagen eingeladen. Der Gutsbesitzer Johann Michael Günther von Bingert hatte die Jagd auf dem Lemberg- gepachtet. Dort hatten im vergangenen Jahre die Füchse großen Schaden, besonders an den jagdbaren Vögeln, angerichtet. Nun sollte den roten Räubern zu Leibe gegangen werden. Günther lud seinen Freund Wenzel zur Fuchsjagd ein. Ms Michel das hörte, wurde er ganz erregt; denn alles, was mit der Jagd zusammenhing, beschäftigte ihn auf das lebhafteste. Sonst arbeitete er still, ohne ein Wort zu sprechen, jetzt aber fragte er im Hof. im Stall und beim Essen: „Herr, wann ist die Fuchsjagd?" Sind viele Füchse in den Bauten auf dem Lemberg?" In Spanien habe er in einem alten Gemäuer Füchse geschossen. Wenn er jetzt einen Fuchspelz habe, so werde er sich eine Pelzkappe machen lassen. Schließlich sagte Wenzel lachend: „Na, Michel, wenn du willst, so kannst du mitgehen. Uebermorgen sollen die roten Burschen gefaßt werden." Am Tage der Jagd stand Michel eine Stunde früher auf als sonst, um seine Arbeit richtig zu erledigen; dann fuhr er mit seinem Herrn über die Nahe und stieg mit ihm hinauf nach dem Lemberg. Auf der Höhe trafen sie Günther und den Förster Stoppelbein von Bingert. Weit hinaus geht dort der Blick; er geht hinunter nach der Nahe, die sich scharf nach Westen tvendet, herunter nach den Dörfern Oberhausen und Duchroth, deren Häuser tote Kinderspielzeug anzusehen sind. Der Fluß glänzt wie ein weißes Band, Aecker und Weinberge treten hervor, als ob unten die Flurkarte, in der sie eingezeichnet sind, offen läge. Die Fuchslöcher befanden sich da, wo der Lemberg steil nach Oberhausen abfällt. Eifrig suchten die Jäger nach den Löchern, die in den Dau sührten. Mit Steine ntzmd Erde wurden sie alle bis auf zwei verkeilt, dann zündete man Stroh an und ließ den Rauch in das eine Loch hineindringen. Dor dem anderen stand Günther mit ^unfertigem Gewehr. Aber der Rauch mußte nicht recht voigedrungen sein; denn Meister Reinecke wollte nicht kommen. Da blieb nichts anderes übrig, als daß man einen der beiden Dachshunde, die Günther mitgebracht hatte, in den Bau eindringen ließ. Mit wütendem Gekläff ging! der Hund in die Röhre, an den Tönen, die er von sich gab,merkte man alsbald, daß er mit den Insassen des Baues aneinander- geraten war. Es dauerte auch nicht lange, da steckte ein Fuchs feinen Kopf aus dem Loch. Kaum war das geschehen, da krachte auch schon der Schuß, und der Feind der Fasanen und Feldhühner war erledigt. Sehr zerkratzt kam der Dackel zum Vorschein, fein Herr streichelte ihn und lobte ihn. So ging es noch mehrere Male, bis vier der Räuber unschädlich gemacht worden toaren. Deut Michel wurde einer der Bälge für eine Pelzkappe versprochen. Auf dem Heimwege bogen die Jäger um ein abgehetztes Stück, da blieb der Förster plötzlich stehen, beugte sich zur Erde und sagte: „Da haben wir es, Herr Günther, da sind wieder richtige Fasanenschlingen." Alle drängten sich herzu und gewahrten am Boden mehrere Drahtfchlingen, die offenbar angelegt werden, um damit Fa- fanen zu fangen. „Es ist mir schon lange so gewesen, als ob es im Walde nicht mit rechten Dingen zugehe," sagte der Förster, „die Fasanen sind immer toeniger geworden, da treiben Wilddiebe ihr Unwesen." — „Daran ist nach allem, was wir hier sehen, nicht mehr zu zweifeln," sagte Günther, „eine Schande, wie die Burschen die? arme Kreatur zu Tode quälen." „Nun will ich es ihnen auch sagen," „fuhr der Förster fort, „daß ich vor vier Wochen hier in der Nähe einen angeschos- fenen Hasen gesunden habe. Er hatte eine Schrotladung in die Hinterläuse bekommen und war am Verenden." „Wer kann das fein, 5er hier sein Unwesen treibt?" „Das kann ich nicht sagen, Herr Günther. Ob es Tagediebe aus Oberhausen, oder Feil oder Bingert sind, ich weiß es nicht. Der Kerle haben im Krieg gelernt, mit dem Gewehr umzugehen. Ich habe mich schon manchmal, seitdem ich den Hasen entdeckt habe, auf die Lauer gelegt, aber ich habe nichts entdecken können. Es ist keine Ordnung mehr in den Gemeinden." Mißmuttg gingen die Jäger weiter. Da, wo das freie Feld erscheint, trennten sich Peter Wenzel und Michel Klee von den anderen und stiegen hinunter in das Tal, too sie Nikolaus Sachs übersetzte. IV. Die Frühlingssvnne leuchtete in das Nahetal herein, und der Lemberg trug wieder sein grünes Kleid. Längst hatte man mit der Feldarbeit angefangen, aber auch die Arbeit in den Win- gerten war im Gange. Michel Klee arbeitete mit besonderer Vorliebe in dem Aebgelände seines Herrn. Zuerst wurden die Reben geschnitten, alles überflüssige Holz, das vom vorigen Jahre geblieben war, wurde mit der scharfen Rebschere entfernt und zu Wellen zusammengebunden. Nun ging es an das Hacken. Mit dem großen, schweren Karst wurde der steinige Boden bearbeitet, so daß alles Unkraut entfernt wurde. Unten im Tale fängt man an und steigt immer höher hinauf. Das ist keine leichte Arbeit; denn der Karst ist schwer und der Boden ist hart. Aber es ist eine fröhliche Arbeit. Man steht dabei im Frühllngs- sonnenschem, schaut hinunter in das Tal, sieht die Leute auf den Feldern hantieren und auf der Straße vorübergehen, man grüßt einander von weither mit lautem Zuruf. Wenn dann die Abendglocke läutet, wenn von allen Schornsteinen Rauch aufsteigt und die vom Felde unter dem Geleite des Hirten heim- kehrenden Gänse schnattern, geht man mit müden Schritten nach Hause. Frühlingshoffnung regte sich auch in dem Herzen des Knechtes, der frohgemut im Wingert arbeitete. Michel war immer vertrauter in den Gliedern der Familie Wenzel geworden. Der Hausherr und seine Frau hielten große Stücke auf ihn, und er hatte toahrgenommen, daß Christine ihm stille Zuneigmrg entgegenbrachte. Zum erstenmal hatte er das in Kreuznach bei der Weinversteigerung gemerkt. Eine stille Hoffnung keimte in seinem Herzen auf. War es ausgeschlossen, daß er eines Tages mit Christine vor den Traualtar treten und bann als Schwiegersohn seines jetzigen Herrn auf dessen Feldern arbeiten würde? Er wußte, daß kein junger Mann im Dorfe war, dem die Familie Wenzel Zutrauen entgegenbrachte. Freilich, er war nur ein armer Knecht, der Standesunterfchied würde im Dorfe sehr empfunden werden. Aber wie oft war ihm und seinen Kameraden ivährend seiner Soldatenzeit gesagt tvorden, daß Soldaten von niederer Herkunft, wie Ney, Lefövre und Beriradotte, es zu den höchsten Ehrenstellen in der Armee gebracht hatten. Der- Svbernheimer Bürgermeister war als Schmiedgefelle in das Dors eingewandert, der reiche Weinhändler Hammerschmidt in Kreuznach war der Sohn eines armen Hutmachers. Wie wollte erarbeiten und das Gut mit allem Fleiß bewirtschaften, wenn ihm das Glück in den Schoß fallen würde, daß Christine feine Ehefrau wurde. Sv ging die Hoffnung mit Vern Jüngling in — 68 — den schönen Tagen, da im Bahetal die Bäume mit Blüten überdeckt waren und die Vögel früh vor Tage auf den Bäumen sangen. Den Sonntag-nachmittag brachte Michel in der guten Jahreszeit bei dem Fährmann zu. Er sah neben ihm auf einem Baumstamm, der unmittelbar am Ufer lag. Verki-üppelte Weidenbäume stehen am Ufer, sie stehen mitten in Schilf und Gras. Leise schaukelten die beiden Bachen, die dort angekettet waren. Kam jemand, der übergefahren sein wollte, so sprang Michel in einen Bachen, ergriff die Stange, und leise glitt das Fahrzeug über die Flut. War Bikolaus Sachs mit Fischen beschäftigt, so half Michel ihm dabei. Er konnte die halbe Bacht am Wasser sitzen, um auf das Betz achtzugeben, und freute sich, wenn er schöne Fische aus dem Flusse zog, die dem Fischereipächter abgeliefert wurden. Ztvar viel Unterhaltung fand er bei dem Fährmann nicht, der blieb immer einsilbig, aber er war dem jungen Manne gutgesinnt. Er schenkte ihm ein Messer, das er vor Jahrzehnten! auf dem Oberstreiter Markte gekauft hatte, und wenn Michel etwas später als gewöhnlich kam, so fragte er wieder wie einst vor Jahren: „Wo bist du so lange geblieben?" Es war schon im Juni, und der Dust des gemähten Heus durchzog das Tal, da fasten die beiden wieder einmal auf ihrem Stamm am Wasser. Es war an diesem Tage ein geringer Verkehr auf dem Fluh; denn die Feldarbeit hatte die Leute in der Woche, die voranging, so müde gemacht, daß sie am Sonntag ausruhten. Der Fährmann besserte sein Betz aus; und Michel hatte seine Angelrute in das Wasser gesenkt, um einige von den kleinen Fischen zu fangen, die dicht am Ufer schwammen, da stand auf einmal am jenseitigen Ufer ein kleiner Mann, der lebhaft mit seinem Spazierstock winkte und rief: „Bikela, auf, hol über!" Michel sprang in den Bachen und fuhr nach dem anderen Ufer. Der Mann, der vorsichtig, beinahe ängstlich den Fuh in den Bachen setzte, hatte die Schirmmütze tief in das Gesicht gezogen und war glatt rasiert, Michel kannte ihn von der Treibjagd in Duchroth her, es war der Makler Valentin Metz aus Obermoschel. Bei der Jagd war er zwischen den Jägern hin und her geeilt und hatte versucht, Geschäfte zu vermitteln, namentlich Aecker anzubieten, ohne dah er damit Erfolg gehabt hätte. Metz machte austerdem Geschäfte in Kartoffeln, Getreide, Wein, Vieh, und war auch als Heiratsvermittler bekannt. Menn die Handelsleute von Kreuznach. Dingen und Kaiserslautern kamen, so gingen sie zuerst zu dem Makler. Der ging mit ihnen in den verschiedenen Dörfern zu den Dauern und entfaltete eine große Bedefertigkeit, um das Geschäft zustandezubringen. Wurde er abgewiesen, so kam er drei-, auch viermal wieder, dabei wußte er alle Beuigkeiten und kannte alle Welt. . „Warm Wetter heute," sagte er zu dem jungen Mann, den er nicht kannte, „da wird das Heu bald daheim sein." Als er den Fährmann erblickte, rief er: „Ba, Bikela, immer fleißig, werktags und Sonntags?" Der Fährmann knurrte etwas vor sich hin, er schien keine, Lust öu haben, sich mit dem Makler in ein Gespräch einzulassen. „Ich hab' heute Geschäste im Ort," sagte dieser im Weiterschreiten. „Der alte Schlechtschwätzer wird den Bauern Wingertspfähle aufhängen wollen, oder er will Mein kaufen," meinte Bikolaus und flickte weiter an seinem Betze. Langsam und gravitätisch, tote das einem Manne geziemt, der viele Bekannte hat und etwas auf sich hält, schritt Metz durch das Dorf, rechts und links Grütze austauschend und die Leute, die vor den Hostoren standen, anredend. Er machte zuerst einen Umweg durch mehrere Gassen und ging dann direkt in das Haus des Peter Wenzel, Dieser hatte, da es warm war. den Rock ausgezogen und sah in Hemdsärmeln am großen Tische in der Wohnstube. Er hatte vor sich eine Schiefertafel, auf der er die Löhne ausrechnete, die er in den letzten Wochen seinen Mkngertsleuten ausgezahlt hatte. Ehristine war zu einer Freundin gegangen, die Mutter stopfte am Fenster in der Wohnstube Strümpfe und sah zuweilen auf die Straße. , -Wünsch' guten Tag beisammen,. sagte der Makler, na, ihr I seid ja beide fleißig.“ I setzte er sich auf die Lehnenbank, die hinter dem fische stand. Das Ehepaar war über diesen Besuch überrascht- denn im Augenblick war nichts zu verkaufen. «Heiß Wetter heute." fuhr Valentin Metz fort und wischte sich mit dem roten Taschentuch über die Stirn. „Diesmal kommt das Heu gut heim, und wenn das Wetter so bleibt, so haben wir m fünf Wochen Ernte. Ich war heute morgen in Bingert und in Feil heruntergegangen, alles im Feld steht'gut." Auch an diesem Tage war er mit Beuigkeiten gespickt, die gab er nun zum Besten. »Habt ihr es schon gehört, in Alsenz ist in der vorigen Woche em Mann, dem alten Hannewald sein Schwiegersohn vom Heuwagen gefallen und hat sich zwei Rippen gebrochen. Gestern | haben sie den Wundarzt Bagel von Odernheim geholt, daß der i^n Kurieren soll. Der Bagel ist ein geschickter Mann, der macht eine Salbe, mit der er alles heilt, und die reichen Leute kommen von weit und breit, wenn ihnen etwas fehlt. And deq Jakob Lippert in Hallgarten hat einen Brief von Amerika bekommen. Dort ist sein Bruder gestorben, der vor zehn Jahren tocggcgangen ist und hat ein kolossales Vermögen hinterlassen. Jetzt kann der Jakob seine Schulden bezahlen und sich eine neue Scheuer bauen, die alte fällt bald ein. Wart ihr denn nicht ™ Kreuznach um die Weltuhr zu sehen, die im „Rheinischen Hof ausgestellt ist? Das ist wirklich ein Wunderwerk. So groß m die Ahr, daß sie fast die ganze Wand des Tanzsaales aus- suut. Menn sie schlägt, kommen allerhand Figuren heraus, und oben steht ein Gockelhahn, der bei jedem Stundenschlag mit den Flügeln schlägt und kräht." „Mir haben jetzt keine Zeit, um in die Stadt zu gehen." erwiderte Frau Wenzel, „Werttags haben wir unser eArbeit und Sonntag sind wir müde." „Mas nicht für Sachen in der Welt passieren," fuhr Metz fort, „vor vierzehn Tagen ist in Fürfeld ein Haus abgebrannt, und wie sie den Schutt toegräumen, finden sie eine Kassette mit allem Gold, Brabanter Gulden, preußischen Talern und frag- zosljchen Doppelkrvnen. Man meint, daß dort einmal in der K/iegszeit einer sein Vermögen versteckt hat, dann gestorben ist, ohne seinen Leuten zu sagen, wohin er das Geld gebracht hat. Ja, es gibt reiche Leute in unserer Gegend. Gestern war ich mit eurem Detter, dem Christoph Wild aus Obermoschel in Kriegs- feld auf Holzversteigerung. Der ist ein schwerreicher Mann, er hat 80 Morgen Land und hat drei schwere Gäule im Acker gehen. And was hat er für Geld ausgelehnt!" Es gibt Menschen, die prahlen gern, auch wenn sie selbst nichts haben, mit dem Reichtum anderer Leute. Zu ihnen gehörte auch der Matter, wenn das bei ihm auch durch seinen Berus bedingt war. Er konnte sich in der Regel nicht genug tun, den Reichtum anderer auszuposaunen. „Jetzt hat der Christoph bei dem Sattler Kuhn in Kreuznach ganz neues Pferdegeschirr bestellt und, wie man hört, macht er die nächste Woche nach Kaiserslautern, um eine Chaise zu kaufen. Ja. die Leute können das. Die Tochter hat ins Haus geheiratet, aber der Hannes kriegt, wenn er heiratet, eine schöne Sache mit. Alle Schrännke hat seine Mutter mit Getüch gefüllt, das er einmal kriegt, und einen ganzen Erntewagen Möbel bekommt er. Was der Christoph allein mit seinem Branntwein verdient, das ist mehr, als ich das ganze Jahr mit meinem Maklergeschäft verdiene." Peter Menzel und seine Frau überlegten, während der Makler dieses Loblied fang, was er wohl für ein Anliegen habe. Schließlich dachten sie, er wolle irgend etwas zum Verkauf anbieten. Aber noch war nicht ersichtlich, was der redselige Mann im Schilde führte, er verweilte immer noch bet dem Reichtum des Christoph Wild. „So schönes Vieh hat keiner in der ganzen Pfalz, wie der Christoph. Was die Frau nur für Butter macht, das glaubt kein Mensch. Die Händler reißen sich um ihre Ware. Es sind auch brave Leute, die Alten tote die Kinder, am bravsten aber ist der Hannes. Der ist ruhig und still und trübt kern Wässerchen. Er hat seither nicht geheiratet, weil er seinem Vater bei der Arbeit helfen wollte, ihr wißt ja. daß man in der Kriegszeit keinen guten Knecht kriegen konnte. Der Hannes ist auch ein angesehener Bursch, er hat Dell an der Ober- moscheler Jagd. Jetzt möchte er auch heiraten, die ihn einmal kriegt, die hat es gut.“ Mit einem Male wußte das Ehepaar, wohin der Makler wollte. Dieser ging nun nach der langen Einleitung auf sein Ziel los. „Tanzen tut der Hannes nicht, das ist ihm zu dumm. Er sagt, wenn er die Leute tanzen sähe, so meine er, es wären Darren. Er geht auch wenig unter die Menschen, am liebsten, sitzt er zu Hause bei feinem Vater und seiner Mutter. Bis jetzt hat er keine Heiratsgedanken gehabt, aber fein Vater und ferne Mutter meinen, es sei jetzt für ihn Zeit. And sie meinen auch, Eure Christine täte gut zu ihm passen. Aeberlegt es Euch einmal, Wenzel mit Eurer Frau, und twmt es Euch recht ist, kann der Hannes einmal nach Biederhausen kommen." Boch mancherlei redete der Makler von Wind und Wetter und von reichen Leuten. Wenzel holte Wein, die Frau brachte Brot und Schwartemagen, der kleine Mann atz, dann ging er weg und sagte, indem er sich für die Aufwartung bedankte: „Also, überlegt es Euch und schickt dann jemand nach Obermoschel, der mir Antwort bringt.“ Peter Wenzel hatte bei der Rede des Mannes seine Pfeife ausgehen lassen, und seine Frau hatte den Strumpf den sie gerade stopfte, auf das Fensterbrett zwischen die Blumen gelegt. «Zsau, was hälft du von der Sache?" fragte der Mann. »Die Christine ist zweiundzwanzig Jahre alt," gab diese jur Antwort, „und einen Tochtermann müssen wir ins Haus haben. Wenn wir jetzt keinen tüchtigen Knecht hätten, so wüßte ich nicht, wie es mit der Arbeit gehen sollte. Wir zwei werden alle Tage älter." (Fortsetzung folgt.) Schriftleituna: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brübl'schen Anin -Buch, und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.