Jahrganges Dienstag, den 27. Gttober Nummer 86 Gießener jamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger Walter Scott in WestminfterabLei. Von Theodor Fontane. Ganz London flaggt und jubelt und rennt: „Heut wird er König, der Prinzregent!" Schon warten feiner die Klerisei Vorm Altar der Westminsterabtei, Vorm Eingang aber, in Plaid und Kilt And im Helme, daraus der Helmbusch quillt, Hebet- den Platz hin zieht Spalier Das Regiment Schottischer Füsilier! And wie gefegt der ganze Plan, Wer aber die zwei, die sich nahn? Sie hoffen auf Zutritt, auf Gunst und Glitch Amsonst. Kommandoruf: „Zurück!" And die Menge, sie lacht, und der eine wird bleich, Aber der andre: „Dacht es gleich; Das alte Lied vom Schaden und Spott — Lachen wir mit, Sir Walter Scott!" And sieh, eh' noch der Raute verklang, 2n die Front ein blutjunger Fähnrich sprang, Seinen Degen senkt salutierend er: „Richt't euch; präsentiert bas Gewehr! Hoch König Georg u>rd segne ihn Gott, Aber Platz, Füsiliere, für Sir Walter Scott!" Der Weg ist offen, der Weg ist frei, Sir Walter betritt die Westminster abtri; Die Schotten flüstern: „Das war er!“ Der KrönunHszug iam well hinterher. Auf FonLirnes Spuren in Schottland. Von E r n st Schaffe r. „Die Wanderungen durch die Mark Brandenburg" waren dasjenige Werk Fontanes, das seinen Namen als erstes bekannt machte. Die Anregung dazu kam aber nicht,, wie man annehmen sollte, auf Fahrten und Spaziergängen an Spree oder Müggel, sondern in der Freinde, als er mit seinem Freunde Bernhard t>. Lepel durch das schottische Hochland streifte. Die Aufsätze, die er damals von dort aus für 'deutsche Blätter schrieb, und die man auch nach Art und Anordnung als Vorgänger der „Wanderungen durch die Mark" bezeichnen kann, sind später unter dem Titel „Jenseits des Tweed" gesammelt erschienen. Der Tweed ist zwar ein kleines,, unscheinbares Flüßchen an der Südgrenze von Schottland, das aber in der Geschichte der Kämpfe zwischen Engländern und Schotten eine große und blutige Rolle gespielt hat. „Jenseits des Tweed" das hatte, wie uns Fontane berichtet, bis zur Vereinigung der beiden Königreiche etwa die Bedeutung wie für Franzosen und Deutsche das „Jenseits des Rheins". Diese schottischen Reisebeschreibungen waren lange vergriffen, und feierten erst zwei Jahre nach des Dichters Tode ein Wiederauferstehen, als unter dem Titel „Aus England und Schottland" im Jahre 1900 die beiden Schriften „Ein Sommer in London" (1854) und die vorerwähnte über Schottland (1860) in einem Bande herausgegeben wurden. Leider ist auch dieses Buch seit langem nicht mehr im Buchhandel, und da es in den „Gesammelten Werken" nicht enthalten ist, wenig bekannt. Es gibt demjenigen besonders viel, der seine Schritte in das Land der Balladen, nach Schottland, lenkt. Heute geschieht das zwar noch im Gegensatz zu Friedenszeiten recht selten, aber es ist anzunehmen, daß sich dies bald ändert, denn der Deutsche ist dort ein gern gesehener Gast. Eie Hauptstadt Edinburgh, die Baedeker als „eine der durch Lage und Bauart schönsten Städte Europas" bezeichnet, ist in ihrem alten Teil noch völlig un- versehrt erhalten, wie zu der Zeit der Stuarts, Douglas, Hamiltons, der Athols, und wie die alten schottischen Geschlechter noch heißen mögen. Man wird kaum einen verständnisvolleren Mentor durch die ereignisreichen Winkel von M-Edinburgh finden können als Fontane. Ans ansteigendem Hügel erstreckt es sich von dem Holyrood-Palast bis zu dem Edinburgh-Castle. Dazwischen liegt Canongate, heute der Stadtteil der armen Leute, einst jedoch waren diese Häuser die Paläste des reichen Adels. Wie eine unwirkliche Kulisse, schwarz und grau, bietet sich die Silhouette 2llt-Edinburghs dem Besucher dar, der vom Tale aus emporblickt. Es ist eine Ansicht -urgewaltig, unvergeßlich, wie sie kaum eine andere Stadt aufzuweisen hat. „Glicht ,die Farbe würde die Wirkung der vor uns liegenden Altstadt von Edinburgh erhöhen", sagt Fontane, „aber, was die Farbe nicht vermöchte, das vermag das Zauberspiel von Schatte,« und Licht". Im Holyrood-Palast lebte Maria Stuart nach dem Tode ihres ersten Gemahls, und hier ging sie auch ihre zweite Ebe mit Lord Darnley ein. Beider Gemächer, die noch in ihrem damaligen Zustand erhalten sind, werden gezeigt, auch die Stelle wo der Sänger Rizzio, der Sekretär der König, in ihrer ©egen» mcmt auf Betreiben Darnlehs ermordet wurde. Sieben dieser unheilvollen Stelle sieht man auch die Zimmer, wo die vier die Hofdamen Maria Stuarts, auch aiis schottiscken Geschlechtern stammend, bet ihrer Herrin gewohnt haben. Von ihnen erzählst —r - ' ' — vier Marien verwandten Poeten des eine dieser „Marie Duchatel", die die tragische Geschichte 'dieses ©Mfrän- einS berichtet. Als ich dieses Schloß jetzt besuchte, wohute ' I- u.9 ™ Ederen, modernen Räumen — auch eine Queen Martz nämlich die Gemahlin des jetzt regierenden Königs dort. Nichts war abgesperrt, nur der Doppelposten der schottischen Hoch- lanoer, der auf und nieder trippelte, trug seine Kriegsdekoratio- nen -»ahrschernllch aus diesem Grunde, im Original. Bemerkenswert ist das Schloß noch deswegen, weil dort ein Gegenstück zur Berliner Siegesallee, auch nicht geschmackvoller als diese vor- handen ist. Die Gemäldegalerie enthält nämlich 110 Porträts der schottischenKonige. Der Kontrakt, durch den sich der Künstler ^acoo de Witt zur Herstellung dieser Bilder verpflichtete wird von äontane erwähnt: er sei der Kuriosität wegen hier wieder- gegeben.- „x>acob de Witt verpflichtet sich zur Lieferung von 110 Porträts tn Jahren, sowie auch zur Beschaffung der dazu iptmenbigen Farben und Leinwand; das Gouvernement ander- s«ts zahlt besagtem de Witt jährlich 120 Lstr. und macht sich verbindlich, ihm die nötigen Originale zu liefern." Wir verlassen das Schloß Holyrood und kommen zu dem am entgegengesetzten Ende von Alt-Edinburgh liegenden Edin- burg-Castle. Dieses ist jetzt ein großer Gebäudekomplex, der Kasernen, Lazarette und andere Militärgebäude enthält. Auch hier sehen wir in einem Wachturrn ein Zimmer, in dem Maria Stuart drei Monate nach jenem gewaltsamen Tode Rizzios einen Sohn, den späteren König Jacob VI., gebar. Heute sieht man gesch mackloserweise in dem sonst noch völlig erhaltenen Raum aus unerfindlichen Gründen Zentralheizung und elektrisches Licht was natürlich die historische Einheit pietätlos zerreißt. . Aus dem Fenster dieses Raumes wurde," wie uns Fontane erzählt, „Jacob VI., den die Gegner Marias schon damals in ihre Gewalt zu bekornmen trachteten, wenige Tage nach seiner ©eburt in einem Korbe herabgelassen, und unten am Fuße des Berges von Anhängern der Königin in Empfang genommen. Schwindelnd sah ich aus dem Fenster in die Tiefe hinunter. Die Königin muß starke Nerven gehabt haben, daß sie iiicht vor dem Gedanken erschrak, ihr Kind diese grauenhafte ßuftreife machen zu lassen. Daß der junge Prinz diese Suftrerfe machte, und wohlbehalten unten ankam, mag nachträglich wie ein Zeichen gedeutet werden, daß er im Gegensatz zu den Geschicken seiner Familie, in der von jeher ein früher und unnatürlicher Tod die Regel war, bestimmt war, zu leben." Edinburgh-Castle bietet eine einzig schöne Aussicht, auf das moderne Edinburgh, auf die Hafenstadt Leith und auf den Firth of Forth, der dieses malerische Bild mit blauem Rand einrahmt. Nachdem wir nun diese beiden Schlosser gesehen haben, machen wir noch einen Gang durch den alten Stadtteil, durch Canongate. Es gehört große Aeberwindung dazu, sich, ?>::uter dorthin zu wagen; denn in den engen Gassen, den sogenannten Clofses, ist ein gräßlicher Geruch, eine Mischung von Fisch unb Hammelfett, der Hauptnahrung der armen Bevölkerung. Man wird aber dafür belohnt, da sich dem Beschauer ein reizvoller Blick auf winklige Gassen und Höfe bietet. Richt zu 'Tagen, wieviel Menschen heute in solch einem acht- bis zehnstöckigen, einstmaligen Palast hausen. Es trifft nur allzusehr zu, was Fontane über. Canongate schreibt: „Hat man nach versorglicher App» lizierung eines Taschentuches diesen im Dunkel fließenden Rinnstein hinter sich, so steht man auf einem mal stein-, mal fliesen- bebeckten Hofe, der bei der Höhe der Häuser, die ihn dicht umschließen, mehr einem Rauchfang als einem Hose gleicht. Treppen münden hier aus, unbeschreiblicher Schutt und HauSrat liegt in I UN,er Mcyier, „oay Oie iövee, eine Königin mit SU umgeben, wie man einen Edelstein mit vier ihm Steinen umgibt, schon zu Lebzeiten Marias die Landes vielfach angeregt hat." Auch Fontane hat ergreifenden Balladen ins Deutsche üBerh-™»« den Winkeln umher, und durch alle Etagen hindurch hängt ^väkchs an Stöcken und Stangen zum Fenster hinaus. Wieviel - ' die letztere braucht, um hier ohne Licht und Luft zu trocknen, .■> ich gern erfahren. Das sind die Elosses von Edinburgh." Eingebettet in diese Quartiere der Edlen von einst und des i ...-.ibS von heute liegt die St. Giles--Kathedrale, in der'der mutige . rhn Knox predigte, der es wagte, dem bluttollen und sittenlosen Adel von damals, auch seiner- schönen Königin Maria, die Wahrheit ins Gesicht zu schleudern. So ist uns Fontane ein guter Führer auf dem Wege durch Alt-Edinburgh, der uns durch manche Anekdote die historischen Persönlichkeiten und Vorgänge oft näher brachte, als c« langatmige Geschichtsbeschreibungen vermögen. Er begleitet uns auch, wenn wir einen Ausflug nach Süd-Schottland und zwar nqch Abbotsford, dem Schloß Sir Walter Scotts machen, das dieser sich in einer sonderbaren Mischung der verschiedensten St,le am lachenden .Ufer des Tweed erbaut hat, und in dem er wahllos die kuriosesten Dinge sammelte. Welter Scott, der vorher als Jurist tn Edinburgh gelebt hatte hat uns durch seine Romane Jvanhoe, Waverleh und viele andere mit seiner Heimat Schottland bekanntgemacht. Kaum wohl ist ein Schriftsteller so in die Seele seines. Volles em- gedrungen wie er. Im höchsten Hochland kennt der emsameWild- wärter außer der Dibel seinen Walter Scott. Fontane beschreibt uns diese Volkstünilichkeit Scotts in jenem Gedicht »Walter Scott in Wrstniinster Abtei," das wir oben wiedergegeben haben. Auch von dem .Umzug Walter Scotts von Ednwurgh nach Abbotsford erzählt uns Fontane in dem von leiser Jrvme durchwehten „Walter Scotts Einzug in Abbotsford'. Roch eme andere seiner Gedichte spielt in dieser Gegend Schottlands. Es ist die Ballade ..Tom der Reimer", die in der Löweschen Vertonung wohl zum Allgemeingut der Deutschen geworden ist. Der Autoomnibus, der mich diirch dieses lachende Land fuhr, hielt am Huntlh-Fluß, an der Reimerschlucht an, und sem Führer berichtete im schönsten Schottisch, daß Tom an dieser Stelle seiner Elfenkönigin begegnet sei. . Run sind wir aber lange genug im Tiefland gewesen und beeilen uns über Edinburgh hinaus ins nahegelegene Hochland zu kommen. Schroff und steil, nur am Fuße bewaldet, erheben sich die Bergriesen, aus den großen und langen Seen, den sogenannten Lochs, gigantisch und ernst. Rur selten trifft man ein liebliches Tal an. Hier fand die Begegnung zwischen Archibald Douglas und den, König Jacob statt, die Fontane ,n seinem Gedickt verherrlicht hat. Hier liegt das Loch Kathrine, rn ferner Mitte die Ellen-Insel, die im Gegensatz zu,den schroffen «elfen ihrer Umgebung so schön ist, wie die Frau einst war, nach der sie heißt, Ellen Douglas, die Heldin in Scotts „Ladh of the late. Von ihr und von den Kämpfen, die zwischen Fichames und Roderik Dhu stattfanden, weiß Fontane in anschaulicher und anregendster Weise zu berichten. Diese Hochlandseen sind ereignis- schwere Stätten der Geschichte. Kämpfe der Schotten untereinander und gegen die Engländer haben hier Jahrtausende lang stattgefunden. .Um Stirling, einem Hochlandstädtchen mit einem Schloß, ähnlich den, Edinburgh-Castle, liegen allein vierzehn Schlachtfelder. Unweit davon erstreckt sich der Leven-See, auf dessen Insel sich ein altes Douglas-Schloß erhebt. Dort war es wo Fontane sich unwillkürlich Vergleiche mit der Mark und mit dem Schloß Rheinsberg aufdrängten, und wo er die erste Anregung zu den heimatlichen Reiseschilderungen empsing. So wandern wir heute, wohlvorbereitet und geleitet von dem Dichter der Mark, durch Schottland, und sind von der großartigen und erlisten Schönheit des Landes ergriffen. Das Mysterium der Zahl. Von Dr. I. Wetzel. Unsere Tatsachenmenfchen betrachten die Zahl und ihre Vielheit lediglich unter der zu erstrebenden Million, die Sportlustigen macken sie zum Maßstab für Rekord- und Wettleistungen verwegenster Art, und die Wissenschaftler aller Fakultäten — vom Astronomen bis zum Betriebswirtschaftler ■ brauchen die Zahl und die Zahlen als Grundlage für ihre statistischen Tinter- iuchungen, mit denen ihre Theorien stehen und fallen. Haben die Zahlen auch einen tieferen Sinn? Im Volk öst Der Glaube hierfür ohne Zweifel vorhanden und auch die Shmbolik alter Völker, wie der Indier, Babylonier und Aegypter deutet darauf hin. Selbst im Mittelalter hat diese Shmbolik noch eine große Rolle gespielt, indem eine tiefere Bedeutung den Zahlen beigemessen wurde, die am häufigsten in der Heiligen ^Schrift auftreten. Ganz allgemein soll hier einmal das Vorkommen der Zahlen in Geschichte, Sage, Religion, Kunst, Literatur und Ratur gewürdigt werden. Welche von den Zahlen ihm die liebste sei, darüber möge der Leser selbst, entscheiden. In der mittelalterlichen Zahlenshmbolik ist die physische und die moralisch-religiöse Wett auf Zahlen aufgebaut. Die Zahl eins wurde gewählt für Gott selbst. , Die Zahl zwei war das Sinnbild der Zusammengehörigkeit (die beiden Testamente, das Diensseits und das Jenseits, die Kirche und die Synagoge, die zwei Naturen in Christus, die zwei Gesetzestafeln des Moses, der senkrechte und der Querbalken des Kreuzes. Sie war aber auch das Sinnbild der Gegensätzlichkeit (Himmel und Hölle, Tugend und Laster) und schließlich das Sinnbild deS Vera ä ug lichen. In der Staatskunde weist die Zahl zwei auf die Belten Regierungsformen hin: Monarchie und Republik. — Eine besondere Bedeutung kommt der Zahl Drei in der Zahlensymbolik zu. Zunächst versinnbildlicht sie die Trinität Gottes. Auch Christus legt man ein dreifaches Amt zu: Das prophetische, das priesterliche und das königliche. Drei Könige besuchten den neugeborenen Christus in Bethlehem. Rach der Erzählung des biblischen Buches Daniel waren drei Männer im Feuerofen (Sadrach, Mefach, Abednego). Auch die Philosophen legten der Zahl drei eine besondere Bedeutung bei, so Pythagoras, Fichte, Schelling, Hegel. Montesquieu teilte die Aufgaben der Staatsgewalt in drei Teile: Gesetzgebung, Rechtsprechung und Verwaltung. Drei wesentliche Bestandteile muß der Staat aufweifen: Volk, Gebiet, oberste Gewalt. Dis vor kurzer Zeit gab es noch in einigen Ländern das Dreiklassenwahlrecht. Diele Dichetr teilen ihre Werke in drei Teile; vor allem Dante seine Göttliche Komödie, Dahn seinen „Kampf um Rom", Hebbel und Richard Wagner ihren „Nibelungenring". Unser Erkenntnisvermögen bewegt sich in drei Dimensionen: Punkt, lineare Ausdehnung und räumliche Vorstellung. — In der Musik kommt dem Dreillang eine besondere Dedeutung zu. Er ist die Grundlage aller Harmonik und war schon im Altertum bekannt. — Rach den Anthroposophen wickelt sich das gesellschaftliche Lieben auf drei Gebieten ab: 1. Staat und Rechtsleben, 2. Geistesleben und 3. Wirtschaftsleben. Rach üjnen sollen diese Gebiete scharf voneinander getrennt und verselbständigt werden, daher der Rame von der Dreigliederung des sozialen Organismus. ■ In der gotischen Architektur kommt besondere Dedeutung dem Drei- patz zu, d. i. ein Maßwerk, das aus drei Kreislinien besteht, die in einen großen Kreis gestellt sind. Die Dreischneuß, eine gotische Rosette, besteht dagegen aus drei Fischblasen,, die nebeneinander in einem Kreise liegen. — Der bekannte Dreispitz ist ein Filzhut mit Krempe, die hinten und an den beiden Seiten aufgeschlagen ist; der Dreizack ist ein Speer mit drei Zinken und bedeutet in der griechischen Mythologie die Herrschaft Poseidons über das Meer. Im Volksglauben mißt man der Zahl Drei ein besonderes Glück zu, daher der Ausspruch: „Alle guten Dinge find drei!". Auch die Drüder Grimm in ihren Sagen gebrauchen die Zahl sehr oft, so z.D.: „Die drei Quellen", „Die drei Jungfern", „Die drei Schatzgräber", „Die drei Alten" uff. Die Zahl Vier bedeutet in ter mittelalterlichen Zahlen- symüolir die physische Welt. Vier ist die Zahl der Evangelisten, die Zahl ter Propheten und Kirchenväter, der Weltgegenden, der Lebensalter, der Jahres- und Tageszeiten. Der Vierfürst ist im Altertum einer der vier Beherrscher eines Landes. Die vier gekrönten Heiligen sind zwei Gruppen von Märtyrern: Severus. Severianus und Carpophorus und Vittorius. Das Dierstädte- bekenntnis ist das Bekenntnis der evangelisch-protestantischen Kirche, welches von Melanchthon ausgearbeitet und auf dem Reichstage zu Augsburg angenommen wurde. Der Dierwald- stätterfee hat seinen Namen von den vier ihn begrenzenden Waldstätten. Den drei Stünden der früheren Zeit ist in den letzten Jahrzehnten ein vierter hinzugetreten, der Stand der Lohnarbeiter. so bah man von ihm als dem „vierten Stande" spricht. Schließlich ist vier die kleinste Quadratzahl (zwei, im Quadrat), zwischen vier Wänden spielt sich ein großer Teil des Lebens ab und nach dem Volksglauben bringt das vierblättrige Kleeblatt Glück. c „ c. Fünf ist die Zahl ter Sinne, die Zahl der Grundstofte: Feuer, Wasser, Holz, Metall und Luft, fünf ist die Zahl ter Erdteile, ist die Zahl ter Linien im Notensystem, fünf ist die Zahl ter Finger an einer Hand. Daher rührt das römische Zeichen V, das die Hand wiedergibt, während die Doppelhand durch das Zeichen X zum Ausdruck gebracht wird. In fünf Teile ist das Bürgerliche Gesetzbuch eingeteilt, fünf Gebote hat die Kirchs erlassen, fünf Wunden erlitt Christus bei seinem Tode. Die Fünfmonarchisten sind Chiliasten des 16. Jahrhunderts, die das Reich des wiederkommenden Christ erwarteten. Sie haben auch heute noch, wenn vielfach auch unter anderem Namen, Anhänger in den verschiedenen Ländern. Die Zahl Sechs spielt insofern eine Rolle, als sie die o-it- ljchkeit und das moralische Streben versinnbildlicht. In Zoro- asters (Zarathustras) persischer Religion sind die sechs guten Geister Amschaspands die obersten Gehilfen des Ormuzd. Sechs- kanttg ist das Gehäuse, das die Menschen nad) ihrem -i-ote aufnimmt — der Sarg. Run die Zahl Sieben. Sie war schon im Altertum bekannt. Die Sieben ist eine heilige Zahl. So bei den Aeghptern und Babyloniern (die sieben Planeten), bei den Hebräern (die sieben Wochentage stammen von ihnen, der siebenarmige Leuchter). Die sieben weisen Meister ist eine aus Indien stammenoe Novellensammlung, ein Buch, das auch im Abendlands lange Zeit beliebt war. Die sieben Weisen sind historische Persönlichkeiten des alten Griechenlands aus dem 6. Jahrhundert vor Christus, die als Vertreter der ethisch-politischen Lebensweisheit galten. In einer Novelle Plutarchs finden fich diese sieben Weisen zu einein Gastmahl versammelt. Die sieben Wunder ter Welt sind ein Verzeichnis der großartigsten Kunstwerke des Altertums, nämlich die Pyramiden, der Garten ter Semiramls, der babylonische Turm, die Zeus-Statue in Olympia, ter Ar- temistempel in Ephesos, das Mausolearm in Halikarnassos unD der Koloß von Rodos. — „Sieben gegen Theben1 hecht bie Sage von der Belagerung Thebens durch sieben Helden, welche oeir von Eteokles vertriebenen Polyneikos wieder in seine Herrscherrechte einsetzen wollten. Aeschylos hat diese Sage in einer Dichtung behandelt. — Auch in der christlichen Zahlenshmbolik spielt die Sieben eine große Rolle: Die sieben Schöpfungstage, die sieben Wettalter, die sieben Gebote Roas, die sieben Worte Christt am Kreuz, die sieben Bitten des Vaterunsers, die sieben Sakramente, die sieben Schnrerzen Mariä, die sieben mageren und die sieben fetten Jahre, die Joseph von Aegypten prophezeit, die sieben Hauptsünden: die sieben christlichen Jünglinge (Siebenschläfer) von Ephesos, die von den Heiden in einer Hohle ein- gemauert wurden und dort 200 Jahre geschlafen haben sollen, um durch einen Zufall befreit zu werden (daher heute noch bet Ausdruck Siebenschläfer für einen Langschläfer). — Sieben ist die Anzahl der Kreuzzüge, Siebenbürgen ist daS Land der sieben von Deutschen erbauten Burgen im Südosten Ungarns. Sieben ist die Zahl der Welträtsel, welche Du Dois-Rehmond ausgestellt hat: Das Wesen der Kraft, der Ursprung der Bewegung, die erste Entstehung des Lebens, die zweckmäßige Einrichtung der Natur, das Entstehen der Sinnesempfindung und des Bewußtseins, das Denken und die Sprache und die Willensfreiheit. Das Siebengestirn ist die Bezeichnung des Sternhaufens. Bekannt sind die sieben Schwaben und ebenso die „böse Sieben. Dies mgr ursprünglich in einem Kartenspiel des 16. Jahrhunderts ein nicht stechbares Blatt mit sieben Sternen, aus dem ein böses Weib dargestellt war. Deshalb nennt man auch heute noch eine streitsüchtige Frau eine „böse Sieben". Die Zahl Acht war im Altertum und auch bei den Kirchenvätern das Zeichen der Vollkommenheit. In der mittelalterlichen Symbolik spielt diese Zahl ebenfalls eine große Rolle. So z. B. in den acht in der Arche Noas geretteten Seelen und in den acht Seligkeiten. Auf den achten Dag der Deschnechung Christt wird die schon früh ausgebildete Anlage achteckiger Taiis- kapellen zurückgeführt. Außerdem ist acht die kleinste Kubikzahl (2 mal 2 mal 2). Die acht alten Orte der Schweiz sind die seit 1353 zum Bund vereinigten Kantone, Uri, Schwyz, .Unterwalden. Luzern, Zürich, Glarus, Zug und Bern. Acht ist die Zahl der geheimen Zimmer des Naturgebäudes, nämlich der Lapis pnilo- sophorum (der Stein der Weisen), liquor Alkahest, die Kunst, das Glas weich zu machen, das ewige Licht, die linea Hyperboie im Drennspiegel, longitudo maris, die Quadratur des Kreises und das perpetuum mobile. Die Zahl Neun spielt eine ähnliche Rolle wie oie Dreiheit. Nach mittelalterlicher Anschauung ist sie teils verhängnisvoll (Zahl der Höllenstrahlen), zum Teil auch günstig (Zahl der Engelchöre, der Todesstunde Christi). Neun ist die Zahl der Musen. _ Zehn versinnbildlicht das Gesetz, scyon deswegen, well sich in ihr das göttliche Gesetz durch die zehn Gebote erfüllt. Auch das Gesetzbuch Hammurabis besteht aus zehn Teilen. Die als die zehn Märtyrer von Sebaste bekannten armenische Soldaten wurden unter Lieinius (320 n. Ehr.) auf einem gefrorenen Deich ausgesetzt und dann verbrannt. — Die zehn Manner, genannt Decemviri (451/450 v. Ehr.) gaben den Römern die 12 Tafel- g es ehe, die auf Erztafeln auf dem römischen Forum aufgestellt wurdsn. — Ein Dechant war im spätrömischen Heer em Unter» offizier, der zehn Wann befehligte: in den Klöstern war dies (auch Dekan genannt) ein Aufseher über zehn Mönche, in der Kirch- der Vertreter eines Kapitels. — Die Zahl Zehn ist m den meisten Ländern außerdem die Grundlage des Zahlensystems, wahrscheinlich, weil man sie bequem an den zehn Fingern der beiden Hände abzählen kann. Die Dekade ist die Zehnzahl von Jahren und Monaten, insbesondere aber von Tagen, der Zehnt die bekannte Abgabe der Bauern im Mittelalter an die Kirche und an den Adel. Aus dem Zehntgerichtebund ist der Kanton Graubünden entstanden. Die Richterin. Von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) „Bruder und Schwester", verkündigte sie und sich auf die andere Seite wendend noch einmal: „Schwester und Bruder. So ungefähr hatten es sich Knechte und Mägde schon zurechtgelegt, denn die Aehnlichkeit Wulfrins mit dem steinernen Comes war unverkennbar, nur daß sich der Vater in dem Sohne beseelt und veredelt hatte, des Hifthorns an der Seite Wulfrins zu g^chweigen, das anschauliches Zeugnis gab von seiner Abstammung. z Nur das runzlige stocktaube Mütterchen, die Sibylle, hatte nichts vernommen und nichts begriffen. Sie trippelte kichernd um das Mädchen, zupfte und tätschelte es, grinste zutulich und sprudelte aus dem zahnlosen Munde: „O du mein liebes Herr- göttchen! Was für einen hat dir da die Frau Mutter gekramt! Zum wieder jung werden. Von Paris ist er verschrieben, aus den Buben, die dem Großmächtigen dienen. Krause Haare, prächtige Ware!" .Halt das Maul. Drud!" schrie dem Mütterchen der Knecht Dionys ins Ohr, „es ist der Bruder!" und sie versetzte: „Das tage ich ja, Dionys: der Gnadenreich ist ein tröstlicher und auferbaulicher Herr, aber Der da ist ein gewaltiger stürmender Krieger! O du glückseliges Pälmchwi!" und so unziemlich schwatzt« sie noch lange, wenn man sie nicht zurückgedrängt und ihr den frechen Mund verhalten hätte. Denn die Morgenandacht begann und von einer entfernteren Gruppe wurde schon die Litanei an- gestimmt. Wie von selbst ordnete sich der Frühdienst, einen Halbkreis bildend, in dessen -Mitte die Richterin den schleppenden Gesang leitete, der, dieselben Rhythmen und Sätze immer dringender und leidenschaftlicher wiederholend, den Himmel übet Malmort anrief. . . . . „ < Wulfrin, welcher, er wußte nicht wie, an das eine Ende des andächtigen Kreises geraten war, erblickte sich gegenüber die Schwester. Alles hatte sich niedergeworfen er und die Dichterin ausgenommen. Seine Blicke hingen an Palma. Auf beiden Knien liegend, die Hände im Schoß gefaltet, fang sie eifrig mit den jungen rätischen Mägden. Aber das Freudefest, das sie in der vollen Brust mit dem endlich erlangten Bruder, dem neuen und guten Gesellen feierte, strahlte ihr aus den Augen unb jubelte ißr auf den Lippen, daß die Litanei darüber verstummte. Dw geöffneten gaben durch die Lüfte den Kuß des Bruder» zuruck. And jetzt sich halb erhebend, stteckte sie auch die Arme nach ihm. Nur eine flüchtige Gebärde, doch so viel Gluck und Jugend ausströmend, daß Wulfrin unwillkürlich eine abwehrende Bewegung machte, als würde ihm Gewalt angetan. „Der Wildling! lachte er heimlick. „Aber die wird dem wackeren Gnadenreich zu schaffen machen! Ich muß ihm das wilde Füllen noch zchmen und schulen, daß es nicht ausschlage gegen den frommen ->ung- ling! Warte du nur!“ . , , .. Und um die Erziehung zu Beginnen, wendete er sich, da die Rickterin das Amen sprach und Palma gegen ihn aufsprang, von ihr ab, geriet aber an Frau Stemma, die seine Haiw ergriff, ihn feierlich in die Mitte führte und mit eherner Stimme zu reden begann: „Meine Leute! Wer von euch, Mann oder Weih so alt ist, daß er vor jetzt sechzehn Jahren hier stand wahrrnd ich den Comes empfing, der davon herkam, euren erschlagenen, Herrn, den Judex, zu rächen — wer so alt ist und oabei gegenwärtig war, der bleibe! Ihr Jüngern, lasset uns, aucy, du, ^a(1@ie gehorchten. Palma zog sich schmollend in den äußersten Burgwinkel zurück, eine halbrunde Dastei, die, ein paar Stufen tief« als der Hof, über dem senkrechten Abgrunde ragte, durch welchen die Bergflui i n ungeheurem Sturze zu Dalefie. Sie setzte sich neben die Mauer der Brüstung, blickte, den Arm vorgestützt, in den schneeweißen Gischt hinein, der ihr mit^ seinem seinen Regen die Wange kühlte, und hörte tn dem.Dumulte der Tiefe E wieder den Jubel und die Ungeduld des eigenen Hofe hinter ihr ging inzwischen die rechtliche Handlung ihren Schritt, und Rede und Gegenrede folgte sich, rasch und hoch dein cf feit, nd<6 bem CBMnfe ö-ev Q£id)tcrin. „Hier steht der Sohn des Comes. Ihr seid ihm die Wahrheit schuldig Saget sie. Habet ihr das Bild jener Stunde. „Als wäre es heute" — „Ich sehe den Comes vom Rosse springen“ - „Wir alle" - „Dampfend und keuchend — „Du fre&enjteft“ - „Drei lange Z^e» " „Mit einem „leerte er den Becher" — „Er sank" — „Wortlos — „Er lag. „Bei eurem Anteil am Kreuze?" fragte sie. „So und nicht anders. Bei unserm Anteil am Kreuze! antwortete der vielstimmige Schwur. . „ „Wulfrin, ich bitte dich, du blickst zerstreut! Wo bist du? Nimm dich zusammen!" Hastig und unwillig erhob er die Hand. Die Dichterin faßte ihn am Arm. „Kein Lelchtfinn. a»rnte fie. „ Frage, untersuche, prüfe, ehe du mich freigibst! Du begehs eine’emfte, eine wichtige Tat!" . Wulfrin machte sich von ihr los. Ich gebe die Richter' frei von dem Tode des Comes und will verdammt fein, wenn ich je daran rühre!" schwur er zornig. . , „ Der Burghof begann sich zu leeren. Wulfrin starrte vor sich hin und vernahm, so überzeugt er von der -Unschuld der Richterm war und so erleichtert, mit einer häßlichen Sache fertig zu fein — dennoch vernahm er aus seinem o'nnern einen hätte er den Vater durch feinen Unmut und feine Hast preis- gegeben und beleidigt. So stand er regungslos, wahrend die Richterin langsam aus ihn zutrat, sich an fein erBrust empor- richtete und ihm Kette und Hifthorn leicht über das Haupt hob. „Als Pfand meiner Freigebung und unseres Friedens , sagte sie freundlich „Ich kann seinen Ton nicht leiden Andle törit durch den Hof die Stufen hinunter und hinaus auf bie Bastei und schleuderte das Hifthorn mit ausgestreckter Rechten m die b0'Xn3eM6tarn Wulfrin zur Besinnung und eilte ihr nach, das väterliche Erbe zurückzufordern. Er kam zu spat. In den betäubenden Abgrund blickend, der das Horn verschlungen hatte, hörte er unten einen feindlichen Triumph wie Tuben und Ross^ gewieher. Sein Ohr hatte sich in den Ebenen der lauten Rede entwöhnt, welche die Dergströme fuhren. Als er Meder auf-- schauie, war die Richterin verschwunden. Nur Palma stand neben ihm, die ihn umhalste und herzlich auf den Mund küßte. „Laß mich!" schrie er und stieß sie von sich. Drittes Kapitel. An einem Fenster von Malmort, durch welches der Talgrund mit seinen Türmen und Weilern als duftige tferne herein- — 344 ~ schimmerte, stand die Richterin mit Wulfrin und zeigte ihm die Größe ihres Besitzes. „Das beherrsche ich", sagte sie, „und Palma nach mir. Dich aber, Wulfrin. habe ich schon ehevor dazu ausersehen — wie es auch deine brüderliche Pflicht ist — der Schwester, trenn ich stürbe, dieses weite Erbe zu sichern." „Planvoll, aber ferneliegend", sagte er. „Fern oder nahe. Du bist ihr natürlicher Beschützer. Ich kann mein Kind keinem Mächtigen dieses Landes vermählen, demr sie sind ein zuchtloses und sich selbst zerstörendes Geschlecht. Ich bände sie an den Schweif eines gepeitschten Rosses! Ringsherum keine Burg, an der nicht Mord klebte! Soll mir mein Kind in einem Hauszwist oder in einer Blutrache untergehen? 3a, fände ich für sie einen Gatten und Starken wie du bist, dann wäre ich ruhig und könnte dich freigeben, du hättest weiter keine Pflicht an ihr zu erfüllen. 3ch weih ihr keinen Gatten als allein Gnadenreich, und der besitzt das Land, nach der Der- heihung, als ein Sanftmütiger, kann es aber gegen die Gewalttätigen nicht behaupten, deren Zahl hier Legion ist. Erst seine Söhne werden kraft meines Blutes Mäimer sein. Dis diese kommen und wachsen, wirst du schon deine gepanzerte Hand über Gnadenreich und Palma halten und die Herrschaft führen müssen. Denn ewig reitest du nicht mit dem Kaiser. Vielleicht auch, wer weih, erhebt er dich zum Grafen über diesen Gau, oder dann erhältst du von mir eine Burg, jene" — sie wies auf einen Turm am Horizonte — „oder eine andere, nach deinem Gefallest. Oder du hausest hier auf meinem eigenen festen Malmort." Sie legte ihm vertrauend die Hand auf die Schulter. „Mer, Frau", sagte er, „du lebst!" und sie erwiderte: „Solang ich lebe, herrsche ich." „Dann hat es keine Eile", antwortete er. „Daß der Schwester nichts geschehen darf, versteht sich und gelobe ich dir. Doch jetzt muß ich reiten, heute! in einer Stunde!" „Zum Kaiser? Du hast ihm bereits meinen ortserfahrenen Audio geschickt mit der sicheren Kundschaft, daß die Lombarden sich am Mons Maurus befestigeir und dort noch ein blutiger Sturm wird gegen sie geführt werden müssen. Herr Karl sitzt in Mediolanuin, wie wir wissen. So braucht es dir nicht zu eilen.“ „3ch lag schon zu lange hier, mich verlangt in den Bügel", lagt? der Höfling und die Richterin erwiderte nachgiebig: „Dann schenkst du mir noch diesen Tag. 3ch sähe es gerne, wenn du Palma verlobtest. Warum Gnadenreich sich hier nicht blicken läßt? Er hält sich wohl in seinem Pratum eingeschlossen, der Lombardei! halber, vorsichtig wie er ist, obschon, wie ich glaube, diese hier verstoben sind. Weißt du was? Geh und bring ihn. Ober wüßtest du deiner Schwester einen bessern Mann?" „Mein, Frau, wenn sie ihn mag! Doch was habe ich dabei zu raten und zu tun? Das ist deine Sache und die des Pfaffen, der sie zusammengibt. 3ch will den Rappen satteln gehen, den du mir geschenkt hast." Sie blickte ihn mit besorgten Augen an. „Was ist dir, Wulfrin? Du siehst bleich! Ist dir nicht wohl hier? Und mit Palma gehst du um wie mit einer Puppe, du stöhest sie weg und dann hätschelst du sie wieder. Du verdirbst mir das Mädchen. Wo hast du solche Sitte gelernt?“ „Sie ist aufdringlich“, sagte er. „Ich liebe freie Ellbogen und kann es nicht leiden, daß man sich an mich hängt. Sie läuft mir nach und wenn ich sie schicke, weint sie. Dann muß ich sie wieder trösten. Es ist unerträglich! Ich habe die Gewohnheit breiter Ebenen und großer Räume — auf diesem Felsstück ist alles zusammengeschoben. Das Gebirge drückt, der Hof beengt, der Strom schüttert — an jeder Ecke, auf jeder Treppe dieselben Gesichter! Verwünschtes Malmort! Hier hältst du mich nicht. Hier lasse ich mich nicht einmauern. Lllache dir keine Rechnung, Frau." „Du tust mir wehe“, sagte sie. Die harte Rede reute ihn. „Frau, laß mich ziehen!" bat er. „lind daß du dich zufrieden gebest, hole ich dir heute noch den Gnadenreich und wir verloben die Schwester. Wo haust er?“ „Ich danke dir, Wulfrin. Graciosus wohnt nicht ferne von hier, in Pratum." Sie deutete nach einer zerrissenen Schlucht, über welcher eine grüne Alp hoch emporstieg. „Ich gebe dir einen Führer. Den Knaben hier." Sie zeigte in den Hof hinunter, wo ein Hirtenbube sich damit beschäftigte, eine Sense zu wetzen. Palma stand neben ihm und plauderte. „Gabriel“, rief ihn die Richterin, „du führst deinen Herrn Wulfrin nach Pratum." „Den Höfling? Mit Freuden!" jauchzte der Dube. „Er träumt davon", erklärte die Richterin, „hinter dem I Kaiser zu reiten. Besieh dir ihn." „Darf ich mit?" fragte Palma und hob das Haupt. „Mein", sagte die Richterin. „Bruder!" bat sie und streckte die Hände. „Schon wieder! Zum Teufel!" fluchte er. IHre Augen füllten I sich mit Tränen. „So komm, Märrchen!" Da die dreie barhaupt und reifefertig in dem feuchten Tore I standen, während ringsum die Sonne brannte, sagte die ge- I leitende Richterin zu Wulfrin: „Ich anvertraue dir Palma: I hüte sie!" „Halleluja! Voran, Engel Gabriel!" jubelte das Mädchen. | -Unten am Burgweg sagte der Hirtenbube: „Herr, es gibt I Mei Wege nach Pratum. Der eine steigt durch die Schlucht, I der a-chere über die Alp." Er wies mit der Hand. „Wenn es der und »er jungen Herrin beliebt, so nehmen wir diesen. Oben schaut es ftch weit und lustig und es könnte trübe werden gegen Abend. Es ist ein Gewitterchen in der Luft.“ „Ja, über die Alp, Wulfrin!" rief Palma. „Ich will dir dort mernen See zeigen,“ und leichtgeschürzt schlug sie sich über eure ltdjtc -Hicitte, btc bald zu (teigen begann itnb immer (teilet wurde. _ Leicht wie auf Stügetn, mit frei atmender Brust, ging das Mädchen bergan und blieb unter der sengenden Sonne frisch und kühl wie eine springende Quelle. Der Berg hatte .an dem Kinde seine Freude. Glänzende Falter umgaukelten ihr das Haupt und der Wind spielte mit ihrem Blondhaar. Wulfrin schaute um nach Malmort, das grau schimmernd kaum aus der Morgenlandschaft hervortrat. „Wie geschah mir“, fragte er sich, „in jenem Gemäuer dort? Wie konnte mich dieses unschuldige Geschöpf beängstigen, dieses fröhliche Gespiel, diese behende Gems mit hellen Augen und flüchtigen Füßen?" Ihm wurde wohl und er mochte es gerne, daß der Knabe zu plaudern begann. Gabriel erzählte von den Lombarden, welche er als Späher &er Richterin beschlichen hatte. Sie seien überall und nirgends. Sie nisten in den Pässen, belauern die Boten und plündern die Säumer. Sie berauschen sich in dem geraubten heißen Weine von drüben, prahlen mit besiegten Waffen, fabeln von der Herstellung der eisernen Krone und leugnen oder lästern den Wslt- lauf. Sie beten den Teufel an, der das Regiment führe, „und dock", endigte der Knabe, „sind sie gläubige Christen, denn sie stehlen aus unfern Kirchen alles heilige Gebein zusammen, soviel sie davon erwischen können. Es ist Zeit, daß der Herr Kaiser zum Rechten sehe und ihnen feste Bezirke und 'einem Dichter gebe.“ Da nun Gabriel bei dem Kaiser angelangt war, dessen erneuerte Würde ihren Schimmer bis in dieses wilde Gebirge warf, begeisterten sich seine Augen und er rief: „Diesem und keinem andern will ich dienen! Ich heiße Gabriel und schlage gerne mit Fäusten, lieber hieße ich Michael und hiebe mit'bem Schwerte! Recht mutz dabei sein und der Kaiser hat immer Recht, denn er ist eins mit Gott Vater, Sohn und Geist. Er hat die Weltregierung übernommen und hütet, ein blitzendes Schwert tR 'ch" Sauft, den christlichen Frieden und bas tausendjährige Aun mußte ihm Wulfrin den Kaiser beschreiben, die Spangen seiner Krone, den blauen langen Mantel, das tiefsinnige Antlitz, das kurzgeschorene Haupt, den hangenden Schnurrbart, „den wir Höflinge ihm nachahmen", sagte er lachend. „Wie blickt der Kaiser?“ fragte Palma und Wulfrin antwortete ohne Besinnen: „Milde." Die Kinder lauschten andächtig und bestaunten den Mann, der mit dem Herrn der Welt Umgang pflog; sobald aber die Höhe erreicht mar, wo sich der Rasen breitete, war es mit der Andacht vorbei. Gabriel jauchzte gegen eine ernsthafte Feldwand, die den Knabenjubel gütig spielend erwiderte, und Palma lief, den Höfling an der Hand, einem gründunkelklaren Gewässer entgegen, das die Wand mit ihrem Riesenschatten noch immer vor der schon hohen-Sonne verbarg. Sie umwandelten das mit Felsblöcken besäte Ufer bis zu einem bemoosten Vorsprung, der weiche Sitze bot. Hier zog sie ihn nieder und wie sie so lagerten, sagte sie: „Run ist das Märchen erfüllt von dem Bruder und der Schwester, die zusammen Über Berg und Tal wandern. Alles ist schön in Erfüllung gegangen." „Haust hier unten auch Eine?" neckte Wulfrin den Buben. Gabriel blieb die Antwort schuldig, denn er mochte sich vor dem Höfling nicht blohstellen. „Dumine Gefchichten", lachte dieser, „es gibt keine Elben." „Mein", sagte Gabriel bedenklich und kratzte sich das Ohr. „es gibt keine, nur darf man sie nicht mit wüsten Worten rufen oder gar ihnen Steine ins Wasser schmeißen. Wer, Herr, wo hast du dein Hifthorn? Du trügest es an der Seite, da >du nach Malmort kamst.“ „Es ist in den Strom gestürzt", fertigte ihn der Höfling ab. „Das ist nicht gut“, meinte der Knabe. „Heho, Gabriel!“ rieb es aus der Ferne und ein anderer Hirtenbube wurde sichtbar. „Ein Fohlen hat sich nach Alp Grün verlaufen, kohlschwarz mit einem weißen Blatt auf der Stirn. Ich wette, es gehört nach Malmort.“ Gabriel sprang mit einem Satz in die Höhe. „Heilige Mutter Gottes", rief er, „das ist unsere Magra, der muß ich nach! Lieber Herr, entlasse mich. Du wirst dich schon zurecht» sinden. Ein Mensch ist vernünftiger als ein Vieh. Dort", er deutete rechts, „siehst du dort den roten Grat? Den suche, dahinter ist Pratum. Auch weiß die kleine Herrin Bescheid." Und weg war er, ohne sich um Antwort zu kümmern. „Palma", lachte Wulfrin, „wenn da unten eine Elbin leuchtete?“ „Mich würde es nicht wundern", sagte sie. „Oft, wenn ich hier liege, erhebe ich mich, steige sachte ans Ufer »nieder und versuche das Wasser mit der Zehe. Und dann ist mir, als löse ich mich von mir selbst und ich schwimme und plätschere in der Flut. Aber siehe!" lFortsetzung folgt.) Echriftieitung: Dr. Friede. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.