Jahrgang (925 Samstag, -en 27. Juni Nummer 5| Gießener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Die Buche. Von Theodor Däubler. Die Buche sagt: Mein Walten bleibt das Laub. 2ch bin kein Daum mit sprechenden Gedanken, Mein Ausdruck wird ein Aesteüberranken, Ich bin das Laub, die Krone überm Staub. Dem warmen Aufruf mag ich rasch vertraun, Ich fang im Frühling selig an zu reden, Ich wende mich in schlichter Art an jeden, Du staunst, denn ich beginne rostigbraun! Mein Waldgehaben zeigt sich sommersroh. 2ch will, daß Aebel sich um Aeste legen, Ich mag das Naß, ich selber bin der Regen. Die Hitze stirbt: ich grüne lichterloh! Die Winterpflicht erfüll' ich ernst und grau. Doch schütt' ich erst den Herbst aus meinem Wesen. Er ist noch niemals ohne mich gewesen. Da werd' ich Teppich, sammetrote Au. Ein Ausflug nach Nizaea. Zum 1600jährigen Jubiläum des Konzils. Aizaea im Mai 1925. Aach langer Fahrt auf schlechter Landstraße von Brussa über Jenischehir war endlich die letzte Höhe bezwungen. Ein sarbenglühendes Bild voll unbeschreiblichen Zaubers sollte uns für die Mühe des heißen Tages lohnen. Vom Scheine der Abendsonne vergoldet, lag in saft unübersehbarer Weite ausgebreitet die unbelebte Fläche des Sees von Aizaea tief zu unseren Füßen. In purpurnen Farbentönen glühten die Konturen der hohen Dergeskuppen auf, die mit ihren steilen Hängen da und dort bis hart an das Seeufer herantreten und nur im Westen deutet ein scharfer Einschnitt den Abfluß zum Marmarameere bei Gemlik an. Am Ostrande des Sees hebt sich im Abendlicht deutlich erkennbar der Türme- und Mauernkranz Aizaeas aus dem dunklen Grün der Gärten hervor. War schon der Aufstieg zur Wasserscheide auf oft nur angedeutetem Feldwege beschwerlich, so ist der Abstieg auf schmalem gewundenem Pfade nicht ohne Gefahr. Zwischen kümmerlichem Buschwald, in dessen Geschlinge von dunkellaubigen Aododendron und Buchsbaum und hellgrünem Eichengestrüpp leuchtende Sterne der Heckenrosen blühen, gehts zur dunklen Schlucht hinab: dann Olivenhaine im silbrigen Laub und saftig grünes Maulbeergebüsch. Bald ist die Ebene des Sees erreicht. Kühl weht der Wind über fruchtbare, schwarzerdige Aecker, Maisfelder und feuchte Wiesen im Frühlingsblütenflor und vom See her den Duft des Abends entgegen. Schon dunkelt es, als altes Gemäuer plötzlich drohend sich vor uns austürmt und uns das dreifache Stadttor Aizaeas verschluckt. Wir sind in einer anderen Welt. Stille Gärten, voll Stein- getrümmer mächtiger Marmorquader: dunkle aufwärtsweisende Zhpressenfinger, in deren Schatten die Kuppeln der Moscheen schlummern: klagendes Lied der Aachtigall, leise plätschernde Brunnen: geheimnisvolles Leuchten des Glühwürmchens, — über all den Märchenzauber breitet sich der silberne Schleier des aufgehenden Mondlichts. Aizaea ist Zeuge von mehr denn einer Kultur. Fast alle Volker des Altertums haben um diesen wichtigen Platz gekämpft, bis mit der Römerherrschaft eine längere Zeit der Ruhe und Blüte anbrach, die nur durch eindringende Horden der Gothen und Skythen kurz gestört wurde. Vor genau 1600 Jahren tagte hier im Goldglanze byzantinischer Kaiserherrlichkeit das erste ökumenische Konzil, das 318 Bischöfe aus der gesamten christlichen Welt im Kaiserpalaste versammelte, um die Grundverfassung der Kirche festzulegen und die so überaus große Gefahr der Irrlehre des Artus zu bannen. 1074 brachen Seldschucken- heere in die Stadt ein und 20 Jahre später bei der Wiedereroberung fand auch mancher deutsche Held vor diesen Mauern, fern der Heimat, sein kühles Grab. Mit Sultan Orchan zog um 1330 der Halbmond endgültig in die Stadt, doch nach einem kurzen Dlülenzauber orientalischer Kunst wandte sich der Osmane fernen westlichen Eroberungen zu, und damit brach die große Dämmerung des langsamen Sterbens über di« Stadt herein. Es war ein glücklicher Gedanke, der uns am nächsten Morgen eine der östlichen Anhöhen ersteigen ließ. Hier liegen in halber Bergeshöhe die Trümmer eines gewaltigen Sarkophags, dessen Stirnwand (über vier Meter hoch) noch erhalten ist. Die Türken nennen ihn den Berber-Tasch, da er so groß wie eine Darbierstube ist. Von hier bietet sich ein herrlicher Lieberblick über die Stadt. Die fünf Kilometer lange alte Stadtmauer zeichnet sich als unregelmäßiges Pentagon in ihrer ganzen Ausdehnung deutlich vom grünen Grunde ab. Vier Tore durchbrechen das Fünfeck, die bis auf das Seetor alle noch recht gut erhalten sind. Aur ein ganz geringer Teil des weiten alten Stadtgebietes wird von der heutigen Türkenstadt eingenommen, aus deren Grün weiß getünchte Lehmwände grell hervorleuchten, während zwischen dunklen Zypressen die schlanken Minarets der zahlreichen Moscheen zum Himmel ragen. Im Westen dehnt sich das 40 Kilometer lange Decken des Sees, dessen Wogen bis nahe an di« Stadtmauer heranspülen, der fruchtbare Felder und saftige Wiesen geschaffen hat, in dessen schilfumsäumten Sümpfen jedoch das böse Fieber brütet, in heißen Sommermonaten erschreckend viel Opfer fordernd. Linser Rückweg führt uns die alte Wasserleitung Justinians entlang, auf deren zwei Meter hohen Bogen in gemauerter Rinne klares Dergwafser zur Stadt fließt. Lleppiges Kraut und saftiges Feigengebüsch labt sich an ihrer feuchten Aähe. Aahe der Stadtmauer treten wir unter einem weiten Dogen des Aquädukts hindurch. Vor uns liegt das Osttor. Zu beiden Seiten wuchtig ausladende Rundtürme: nach byzantinischer Art wechseln Schichten gehauener Felssterne mit Backsteinschichten ab. Die Einfahrt wird von gewaltigen, aus einem Stück gehauenen Steinbalken umrahmt und beiderseits von kaum mehr leserlichen Jn- schrifttafeln flankiert. Schattige Kühle umfängt uns und wir bewundern das Gefüge der mächtigen Quadern des römischen Tvrgewälbes, die ohne verbindende Mörtelschicht durch ihr Gewicht so fest in der Rundung zusammenhalten. Ein Fries erzählt uns von den Zeiten der Kaiser Flavins und Hadrian, die öfters in der Stadt weilten. Auch das dritte Jnnentor ist in seinem weiten Bogen noch erhalten und eine uralte Platane reckt seine schattenspendenden Aeste weit darüber hin. Wir rasten beim Tscheschme, dem Bruimen, der uns klares, kühles Wasser spendet. Dauern in weiter, blauer Türkenhose mit roter Leibbinde reiten auf flinken Maultieren an uns vorüber und rufen uns freundlich zum Gruße an. Mit Mühe steigen wir über das Schuttgeröll durch sperrendes Schlinggewächs und Feigengebüsch inmitten der Tore auf die Höhe der Mauer. Die teilweise noch gut erhaltene Jnnenmauer, etwa sieben Meter dick, ragt bis zu zehn Meter Höhe empor, gerundete und eckige mehrstöckige Türme springen aus ihr vor. Zwischen ihr und der niedrigeren Autzenmauer liegt ein breiter Umgang, der Außengraben ist kaum noch angedeutet. Ueppige Frühlingsvegetation wuchert in blütenreicher Fülle überall und Gebüsch siedelte sich in den Spalten des alten efeuumrankten Gemäuers fest. Wir wandern an der Außenseite der Mauern weiter, durch Gärten und Felder. Ost fesselt der Rest eines alten Reliefs, das als Bausteil? mancherorts eingemauert ist, oder das Fundament eines Turmes, das ganz aus antcken Säulenresten aufgebaut ist. An einer Stelle liegen große, fast li/2 Meter hohe, vierkantige Murmorblöcke, die Basen von Säulenschäften, in großer Anzahl hoch oben als Brustwehr auf der Mauer. Sicherlich Reste des verschwundenen alten Kaiserpalastes. Hier hat eine Kultur mit den Kunstwerken der vorhergehenden neue Bauwerke geschaffen. Bald von der Fülle des zu sehenden ermüdet, schreitet man fast achtlos an Resten antiker Kapitale vorbei und achtet kaum des alten Türbgs, das mit seiner grün- überwachsenen Kuppel das Grab irgendeines türkischen Großen deckt. Die vielen, vielen halbverfallenen Türme und leblosen Trümmerveste geben das Bild einer toten Stadt. Durch einen Mvenhain, in dem Kinder ihr fröhliches Spiel treiben, gelangen wir zum Südtor, das weniger gut erhalten, im Aufbau dem Osttor gleicht. Auf dem nahen Felde pflügte ein Dauer mit zwei Düffelochsen, und seine Frau legte behutsam die Maiskörner in die Furchen. 3m dunklen Schatten eines Baumes schlief ein Kind und ein Lämmchen. Meine Frau hatte bald Freundschaft mit der Bäuerin geschlossen, die ihr .Hvsch geldiniS hemschivem" — sei mir willkommen, Schwester — zurief und dann erzählte, was Frauen so zu erzählen pflegen, — das Kind sei krank gewesen und das Lämmchen habe sie deshalb so lieb, weil ein böser Schakal die Mutter gefressen. Sie soll noch recht jung gewesen fein — ich habe sie nicht gesehen. Hier gehen di« Frauen alle noch tief verschleiert, und eine verschleierte Frau erscheint mir immer alt. Die Aachmittagssonne steht glijhend heiß über unS, da finden wir auf einem efeuumrankten Eckturme der Mauer, den — 202 — wir erkletterten, ein kühles Plätzchen unter einem Feigenbäume, der sich hier in der Rähe angesiedelt hat. Rundum blüht roten Mohn, hohe Königskerzen und gelbes Löwenmaul im verfallenen Gemäuer. Vor uns zieht sich die weite Zeile der Stadtmauer zum See. Flimmernde Hitze liegt über den Gärten mit duftenden Rosenhecken. Die Sttlle wird nur durch das eintönige Knarren eines Wasserschöpfrades unterbrochen und hier und da schreit ein Esel gräßlich laut und langgedehnt. In den nahen Gärten bilden die Ruinen des römischen Theaters einen grünüberwachsenen Trümmerhügel. Wir kriechen durch die heute als Keller benutzten alten .Untergewölbe, die bis zu 15 Meter Länge aus gewaltigen Quadern zusammengefügt sind. Es erscheint begreiflich, daß der römische Stadthalter Plinius seinerzeit über die ungeheuren Baukosten bei den, schlechten Untergründe sv lebhaft Klage führte. Durch eine Mauerlücke gelangen wir zur Seeseite der Stadtmauer. Jetzt gegen Abend hat sich ein heftiger Westwind erhoben und hoch schlaget: die Wellen unermüdlich gegen die Quadern des alten römischem Molo, der ihrem zernagenden Anprall immer noch zu trotzen vermag. Leider ist dieser stille Winkel, der in früheren Jahrhunderten so heiße Kämpfe gesehen, von den kriegerischen Ereignissen der letzten Jahre nicht unberührt geblieben. Da unter den 2000 Einwohnern sich etwa 150 Griechen befanden, suchten diese bei ihrem Einfall in Kleinasien daraus das Recht auf den Besitz auch dieser Stadt abzuleiten. Zu ernsten Kämpfen scheint es jedoch kaum gekommen zu fein, denn nach dem endgültigen Siege der Türken hatten die griechischen Soldaten große Eile, nach Gemlik zum rettenden Meere zu entkommen. Vor ihrem Abzüge habeir sie jedoch alles mit einen: solch gründlichen Vandalismus restlos zerstört, daß auch kein Haus, keine kleinste Hütte stehen geblieben ist. Den: liebenswürdigen türkischen Kaimakam (Landrat) zitterte die Stimme, als er uns durch seine Trümmerstadt führend, die Schrecken jener Tage erzählte. Es haftet als unauslöschlicher Makel an der Geschichte jenes Volkes, daß die blinde Zerstörungswut seiner Soldateska selbst vor den Moschen und kuppelgewölbten Grabkapellen nicht Halt gemacht hat. Die Eschref Rumi Moschee ist bis auf die Grundmauer:: gesprengt, die ®r?Ac5 Stifter sind aufgerissen und durchwühlt. Der alte weißbärtige Imam zeigte mir mit Tränen in den Augen einen großen Haufen kleinster Scherben der zerschlagenen bunten Fahenceplatten, die zu den herrlichsten Erzeugnissen orientalischer Kunst zu zählen waren und das Entzücken aller früheren Besucher Rizaeas erregten. In der Jeschil-Djami, der grünen Moschee, uegen die vielen kleinen Kuppeln des Vorhofs in Trümmern, d:e Säulen sind mutwillig umgesttirzt, das herrliche, aus einem Stuck gearbeitete Marinorbecken ist nur noch in feinen Stücken zu bewundern, und die Reste des kunstvollen Geflechts der Schranken der Vorhalle, aus feinstem Marmor zierlich heraus- geawettet, klagen die rohe Hand des Frevlers an, der sie ruchlos zerschlagen. Die Moschee selbst hat den heute noch sichtbaren Sprengversuchen standgehalten und ist im Innern nur völlig von -auß geschwärzt. Greuel der Verwüstung, wohin man sieht, in ven «enteren Moscheen, alten Türbgs und Jmarets. Auch die einzige bisher gut erhaltene christliche Kirche ist oe: der allgememen Feuersbrunst zerstört und unter den Trümmern liegen wertvolle Kunstwerke aus den ersten christlichen Jahrhunderten begraben. Der Eroberer hatte einst den Christen diese Kirche gelassen und durch all die vielen Jahrhunderts Nlemms angetastet. Heute ist in der Stadt, die in der Geschichte ^s Christentums eine so große Rolle spielt, kein christlicher Bewohner zu finden. In aller Welt wird das nizaeanische Kredo gelungen, doch hier, wo es geschaffen wurde, ist es verstummt. Eme Ruine aus alter christlicher Zeit, die Haghia Sophia, yt allein noch erhalten und ihre Mauern wissen vom zweiten Konzil, das nach langen unerfreulichen Känchfen eine Einigung m der Frage der Bilderverehrung zustande brachte, zu erzählen. Sie wurde später zur Moschee umgewandelt, doch sind im letzten Jahr^mdert d:e Kuppeln eingestürzt und auf den hochaufragenden Mauern wuchern Blumen und Gebüsch, während einige sindiM Storchenpaare sich die Wölbung des Altarraumes und die Kuppel einer noch erhaltenen Seitenkapelle zum Ristplatz gewählt haben. Im Türkenstüdtchen herrscht reges Leben. Die Häuser sind biirfiig aus Lehmwänden im Fachwerkbau errichtet, und Flüchtlinge aus Thrazien sind noch dabei, die Grundmauern neuer Häuschen zu ziehen. Voll Stolz führte uns der Kaimakam durch die neuerbaute Schule, die als erstes Haus fertiggeftellt totxrfyen war und völlig atks festem Stein erbaut ist. Ein Symbol ff* öen Lebenswillen einer neuen Epoche des Landes! Hier sitzen Beine braunäugige Mädchen und üben sich an den krausen arabischen Schriftzeichen und freuen sich, wem: sie zu Hause der staunendem Mutter aus ihrem Buche vorlesen können. Hell auf leuchteten die Augen der Knaben und Mädchen, als sie im geräumigen Vorsaal der blitzsauberen Schule uns das türkische Lied sangen, das Med von Ghasi Mustafa Kemal, der das Land befreite und es einer glücklichen Zukunft entgegenführen soll. Sonnwendnacht in Algier. Von Walter von Rummel. Der längste Tag will sich schlafen legem Das Sonnenjahr hat seinen Höhepunkt erreicht. Jetzt glüht der Sommer auf. Aber bald wieder geht es dem roten Herbste, dem weihen Winter entgegen. Klarer und deutlicher als an anderen Tagen fühlt man, daß alles Menschenleben ein bloßer Klang ist, der einmal, und hat er noch so sehr gejauchzt, spurlos in kalten, schwarzen Rachtweiten verwehen mutz. Heißer alS sonst schlingt unsere Sehnsucht um dies schnell zerstiebende, so sehr zerbrechliche Leben ihre Arme, hört nicht auf den rasch hereinbrechenden Abend, der ihr mit fahlem griesgrämigen Zwielicht von der Vergänglichkeit der Dinge vorpredigen möchte, älnsere Seele will aus der großen Leere, die sie wie ein riesiger Hohlraum rings unheimlich einschlieht, stürmisch hinausflüchten, sucht nach Leben und Leuten, ist schon fast zufrieden, wenn sie sich zur Herde schlagen kann. Denn es ist nicht gut, daß der Mensch in solchen Rächten allein sei... Boghari heißt das algerisch-arabische Dorf, in dem ich die Sonnwendnacht verbringen soll. Bereits südlich des Atlas gelegen, hat es sich hart am Eingang zur Wüste in die Felsen gelagert. Rings gelbes, steiniges, wasserloses, nur Glut und Hitze ausströmendes Land, eine brennende Hölle am Tage. Dann und wann zwischen dürren: Gestrüpp eine Palme. Heber ihre welken, schwarz gebrannten Blätter hat schwerer Staub seinen grauen Mantel geworfen. In leichten Dünungswellen paaren sich kahler Stein und glatter Flugsand, brauner und gelber Tod, zu einem endlos wogenden Meer. Run, wo die stechende Sonne gesunken, freut sich das Auge. Dann :md wann kriecht noch ein müdes Pferd heran; wie erstorben, wie zur Mumie verkohlt, kauert mit hochgezogenen Knien ein regungsloser Reiter im Weißen Wollmantel auf dem Tiere. Ein Trupp Kamele stelzt daher, gelb und verdorrt wie das Wüstenland, aus dem et herausschleicht. Aechzend rasselt ein hochgetürmtes, schwerfälliges, von fünf mageren, abgetriebenen Gäulen gezogenes Fuhrwerk durch.den futztiefen Sand, über und über weihbefleckt, als ob es aus einem dichten Schneetreiben herauskäme, die Post, die aus dem Süden, von Laghuat, eintrrfst. Dann aber wird es bald still auf der Landstraße, laut und lebendig in den engen Gassen; die Menschen kommen auf der Suche nach kühlerer Abendluft aus ihren schwülen Häusern hervor. Schrllle Flötentöne locken mich in eine hellerleuchtete Gaststätte. Der Wirt, ein riesiger Reger, begrüßt mich und bringt mir eine Tasse des stark gesüßten, prächtigen arabischen Kaffees. Ich sitze unter lauter Beduinen, die in beschaulicher Ruhe ihren Kaffee trinken und rauchen. Stundenlang sitzen sie so und schweigen. Aach wenigen Tagen hat man ihnen dies abgelernt, versteht es bald wie sie, sich bei einer Zigarette in wohliges Träumen einzuspinnen, die Märchen aus „Tausend und einer Rächt" vor feinen Augen erstehen zu lassen. Der Wirt greift wieder zu feiner Flöte, entlockt ihr einige hohe Töne, die sich zu einer wiegenden Melodie verbinden. In einer Türe tauchen junge braune Mädchen auf, lllad Mails, Töchter der Wüstenstämme, die Tänzerinnen Südalgeriens. Schlank sind sie wie die Palmen ihres Landes und tiefbraun. Schwarz das Auge und schwarz das Haar. Hochaufgetürmt tragen sie es, vielfach verknüpft und verschlungen. Ihre regelmäßigen, etwas starren und unbeweglichen Züge muten fremd und seltsam an. Fast ist's, als ob ein altes assyrisches Bildwerk plötzlich wieder lebendig geworden wäre. Leichte spärliche Hüllen, dafür aber viel Schmuck am ganzen Körper, an Haar und Haupt, Gold- und Silberketten um die Brrtst und Schultern, Spangen, die Arme und Fuhfesseln umschließen. In langsamen, getragenen und abgemessenen Bewegungen schweben sie aufeinander zu, zögernd und als ob sie schüchtern wären, umschlingen sich und lösen sich wieder. Lauter wird der Ton der Flöte, heißer, lebhafter der Tanz. Ein kleiner Regerjunge schlägt aus allen Leibeskräften dröhnend auf ein Tamtam ein. Lärm und Hitze steigern sich von Minute zu Minute... Eine ausrastende Tänzerin scheint bemerkt zu haben, daß es mir zu laut und heiß werden will, daß ich mich nicht mehr behaglich fühle. „Terrasse", sagte sie lächelnd, „dort ist es stiller und kühler". Sie deutet auf eine im Innern des Hauses steil emporsührende, schmale Stiege, hängt sich einen weißen Burnus um und geht mir voran. Ich folge und stehe einige Augenblicke später auf einem flachen Dache, das rings von einem Steinaufbau und dichten blühenden Oleandern umsäumt ist. Auf Strohmatten und Teppichen, die über den Boden gebreitet finö, sitzen, liegen zwei Paare, zwei ällad Rails mit ihren Freundinnen. Freudig atme ich die leise über das Dach streichende kühlere Luft ein und sehe zu den tausend blitzenden Gestirnen am dunklen Rachthimmel empor. Durch die weichen und buschigen Blüten der Oleander geht der Blick wett und frei in das schweigende Land hinaus. Ein großer leuchtender Mond hat die endlose, wellig sich dehnende Ebene in eine einzige schimmernde und flutende Silbersee verwandelt. Kein Laut da draußen in der tiefen Stille, fein rauschendes Blatt und kein flüsternder Halm. Das alles ist längst gemordet von heißer Glutsonne und grausamem Tag. Aber die Rächt des Südens ist schön wie ein Feen- märchen... And dennoch fühlt man, daß man dicht an einem Abgrund, am Rande ungemessener Räume steht, die den Menschen zu bewohnen verwehrt sind, vor Einsamkeiten, die ohne Ende scheinen. Man fühlt eS und fröstelt. And vom Saum der Wüste sind mit einem raschen Sprunge über Berg und See meine Gedanken zu Hause, wo zu dieser — 203 - Stunde die Bergseuer mit tausend Funkelt zum Himmel emporsteigen, die Holzklötze prasseln, Buben und Möbeln Hand in Hand mit lautem Jauchen über die Lohe springen, biS das letzte Scheit verglüht, das Feuer verglimmt ist. Durch dunkeln Hochwald ziehen sie dann, dem Laufe springender Bäche entlang zu Dal, engumschlungen, zusammengebunden von reifendem Sommer, vom starken Segen der Sonnwendnacht... Wie anders ist das olles hier. Kein Wald und kein Baum, aus dem man einen Holzstotz schichten könnte, kein Laub und kein Gras und kein Moos, kein Bach und kein Quell. Rings umher, wenn das Licht wieder erwacht, grinst der gelbe und braune Tod des Verdürstens und Versengens aus Sand und Gestein. Rur eines ist hier wie dort: SPn der Stille der Verlassenheit der Sonnwendnacht rücken die Menschen zueinander, drängt Herz sich zu Herz, Leib zu Leibe. Wher ziehen die Beduinen auf dem Dache ihre Mädchen zu sich heran. Die zwei Paare erheben sich. Die weihen Burnusse leuchten, tauchen in der Türluke unter, die Schritte der abwärts Steigenden txrklingen. Die Alad Rail, di« mich heraufgeführt, hüllt sich fester in ihren Mantel. „Es wird kalt hier oben," meint sie. „Komm auch du herunter." Sie lächelt, winkt mir und geht. Auf der Stieg« klimpern silbern ihre Spangen und Fußreife. Ich bin allein und mm beginnt es, auch mich zu frieren. Zu Hertz war der Tag. Svnnwendnacht! Es ist nicht gut, in solcher Rächt allein zu sein. Roch ein Mick in die weihe, fast taghelle Mondnacht. Dann wend' ich mich zum Gehen, scheide von Sternen und Licht, steige hinab in die Schwüle und Tiefe, hinunter zu den Menschen, wohin ich gehöre... Zwei Gedichte. Von Lili Ebhardt. Wenn wir abends die Hände falten, gehn die Gedanken im lautlosen Dunkel, weben Wünsche irrs Sterngcfunkel. Ahnen die göttlich geheimen Gewalten, die unser Leben und Schicksal gestalten —- Uns're Gedanken, im lautlosen Dunkel, gehen vereint unterm Sterngefunkel wie Kinder, die an den Händen sich halten. Bleicher Mondschein Drücken baut über abendstille Wasser. Gläsern klar der Himmel blaut und die Sterne funkeln blasser. Weich vom Dunkel ab sich hebt Mondesgold auf schwanker Welle und die Sehnsucht schwebt und bebt lautlos durch die nächt'ge Helle. Der Schatz. Von Eduard M ö r i k e. (Fortsetzung.) Ich hatte mich in kurzer Zeit wieder gesammelt. Es war ein förmliches Gefängnis, worin ich mich nunmehr befand, dunkel und moderfeucht und kalt. Die Sichel, von dem Regen angeschwollen, brauste wild in der Tiefe. Ich überdachte meine Lage schnell. So schrecklich sie auch schien, st« konnte doch unmöglich lange dauern, lind was mich über alles tröstete, fürwahr, ich brauchte das nicht weit in Gedanken zu suchen. Denn wenn es mir auch anfangs nur wie eine dämmernde Er- innerung vorschwebte, datz ich das geliebteste Mädchen vor wenig Augenblicken noch an diese Brust gedrückt, so gab ein nie gefühltes Feuer, das mir noch Mark und Dein heimlich durchzuckte. das seligste Zeugnis, datz dieses Wunder nicht ein eitles Blendwerk gewesen sein könne; ein Aebermatz von Hoffnung und Entzücken ritz mich von« Boden auf und machte mich laut jauchzen. Bald aber, da Stunde um Stunde verging und es schon weit über Mittag geworden war, ohne datz sich ein Mensch um mich bekümmerte, stellten sich Angeduld, Zweifel und Sorge allmählich bei mir ein. Für meinen Hunger hatte man zwar durch ein Stück schwarzes Brot, das ich nebst einem Wasserkrug in der Mauer entdeckte, hinreichend gesorgt, und ich verzehrte es mit groher Gier; doch eben diese reichliche Vorsorge lieh befürchten, datz ich für heute wenigstens aus diesem Loche nicht lvskommen würde, daß ich vielleicht die Rächt hier zuzubringen hätte. Ich leugne nicht, mir war diese Aussicht entsetzlich. Denn, hatte nicht vielleicht jene verruchte 3rm«I ht eben diesen Mauern ihr blutiges Ende genommen? Wie, wenn eS ihr einfiele, diese Rächt ihr altes Quartier einmal wieder zu sehen? Es rieselte mir kalt den Rücken hinunter bei solchen Gedanken. Dabei wird man begreifen, daß es mir unter diesen Am ständen keine sehr angenehme Deversion (Zerstreuung) gewährte, der Frechheit zweier Ratten zuzusehen, welche sich auf den Rest meines Mittagsmahls bei mir zu Gaste luden. Es schlug drei auf dem Schloß; ich wollte fast vergehen. Auf einmal aber rasselten die Riegel. Der Schloßvogt öffnete, Verwirrung und Verlegenheit hn Blick. „Der gnädig' Herr ist angekommen; er schickt mich. Euch zu holen." Ich folgte dem Vogt nach der vordern Hausflur, wo er mich warten hieß. Zu meinem Aerger standen hier verschieden« gemeine Leute herum, die sich ihrem Gebieter zu präsentieren wünschten, der Pächter samt dem Schäfer und dergleichen. Sie gafften mich wie einen armen Sünder an und zischelten einander in die Ohren; ich machte aber ein Gesicht wie ein Pandurenoberst und kehrte ihnen dann den Rücken zu. Es dauerte nicht lange, so kam, gestiefelt und gespornt, vom Stalle her ein kleiner, blasser, ältlicher Herr mit großen blauen Augen in Begleitung einer schneeweißen Dogge, durch deren gewaltige Gröhe die kurze Gestalt ihres Herrn nur desto auffallender wurde. Er sah mich im Vorbeigehn scharf so von der Seite an, sprach mit den andern ein paar gütige Worte, lieh abermals den Blick auf mich herübergleiten und war schon im Begriff, die Leute zu entlassen. In diesem Augenblick gewahrte ich den jungen Mann, der sich am Morgen mit so vielem Eifer meiner Person hatte versichern wollen und den man mir als Aennchens Bräutigam bezeichnet — Aber wo nehm' ich Worte her, um mein Erstaunen, mein Entsetzen auszudrücken, als ich beim zweiten Blick meinen Reisenden aus der Postkutsche in ihm erkannte!--Anfühlend, wo ich stand, und des Respekts vergessend, den ich der Gegenwart des gnädigen Herrn schuldig war, warf ich mich auf den Burschen mit einer Wut, mit einer Schnelligkeit, wie kaum ein Tiger sich auf seine sichere Beute stürzt. „Verinaledeiter Dieb! so hab' ich dich!" und packt' ihn kräftig bei der Kehle. Eine Totenstille entstand. Entsetzen hielt das Gesindel gebmmt. Der alte Herr-sah unwillig verlegen zu dein Auftritt, und einem allgemeinen Murren folgte unmittelbar der wildeste Tumult. Man wollte mir mit Gewalt meinen Feind entreißen, von dessen Gurgel meine Hand nicht loszubringen war, und hätten sie mich in Stücke zerrissen. Die kreischende Stimme des Freiherrn allein war imstande, mich zur Vernunft zurückzubringen. 3n kurzem ward es ruhig. „Faßt Euch, Herr Peter!" sagte der Patron zu meinem Gegenpart, der mich erhitzt und keuchend mit weinerlichem Lachen angrinst« — „Ich hoffe, dieser allzu rasche Jüngling wirb Euch seinerzeit den gröbsten Irrtum abzubitten haben; indes, Herr Schulzensohn, seid Ihr einmal entschieden angeklagt und werdet Euch gefallen lassen, inmitten dieser öeute hier Euch zu gedulden, bis ich mit jenem fertig bin." Der Schlotzvogt führte mich nun auf Befehl des Herrn hinauf in den Saal, wo er mich alsbald wieder verließ. Ich hatte vor lauter Erwartung kaum einige Aufmerksamkeit auf das, was hier mich umgab. Aralie gewirkte Tapeten mit abenteuerlichen Schildereien, zwei lange Reihen von Porträts bedeckten die Wände; ein ungeheures Fenster umfaßte die prächtigste Aussicht. Mir wurde die Zeit unsäglich lang. Endlich ging eine Flügeltür auf, und Herr Marcell von Rochen trat herein, in feierlicher, sonderbarer Tracht. Er war in Reitstiefeln, so wie vorher; sein übriger Einband jedoch erinnerte mich auf der Stelle frappant an mein Schatzkästlein. Gr hatte ein schwarzseidenes Mäntelchen an, darunter ein geschlitztes spanisches Wams von meergrüner Farbe hervorstach. Sein grauer Knebelbart rieb sich an einem steifen Ringelkragen, welcher wie Pergament aussah. Wenn sich der Mann von ungefähr um- dresche, so war etwas Erkleckliches von einem Höcker zu gewahren, ein Merkmal, das gedachter Aehnlichkeit auf keine Weise Abbruch tat. Nichtsdestoweniger hatte sein ganzes Wesen etwas Ehrwürdiges, Anwiderstehliches für mich. Er nahm nunmehr mit Anstand Platz und sprach: „Ihr seid Franz Arbogast aus Egloffsbronn, GvldschmiedsgeseN bei Met- ster Orlt in Achfurth?" „ „ „So ist es, Ew. Gnaden!" versetzte ich mit großer Zuversicht und erzählte sofort auf Verlangen die ganze unglückselige Historie ausführlich und gewissenhaft, wobei er sehr auf- merksam zuhörte. Am Ende zog er die Klingel und ließ mein Felleisen bringen. Hierauf begehrte der Freiherr das Britein zu sehen, das eine so wichtige Rolle in meiner Geschiichte gespielt. Ich überreichte ihm das unschätzbare Werllein ungesäumt. das er mit einem ganz erheiterten Gesicht, ia mit unverkennbarer Rührung, tote eine wohlbekannte Relrq ure, empfing. „Meiner Schwester Hand, bei Gott!" rief er halblaut, blätterte lang und schmunzelte dazwischen, sah mich dann wieder ernsthaft an, ging auf und ab, mtt allen Zeichen stiller, nachdenklicher Verwunderung. Dun trat er sagt ich. .wenn der Goldschmied-Franz auch mitgehff. — -Der kommt Dir nach!' versetzte das Fräulein und lachte. toar ich böllig wiederhergestellt und Wohl in meiner neugewachsenen Haut, so putzte mich das Fräulein so artig heraus, daß ich mich kaum mehr kannte; sie flocht mir mit eigener Hand meine Zopfe, sie stellte Puppen und allerlei Spielwerk vor mich und ging dabei selber mit mir nu rwie mit einer neuen Puppe um. .Hören Sie, Tantchen!- rief sie Der gnädigen embial zu, .ich habe Lust, einen Vertrag mit Ihnen ab- zuschlmßen: hiermit verspreche ich, Shnen nicht nur Den kommen- Den Aionat, wie wir ausgemacht haben, sondern ein ganzes "Ä Syrern verrufenen Schlößchen Gesellschaft zu leisten, , nr„ - -- ------- der Bedingung, daß ich das Kind nach meinem Sinn erziehen Z J Allein tote sehr war er erstaunt, als er I mt> mir es ganz aneignen Darf.' das des Ho.fraumes wahrnehmen mußte, wie sich I -Schon gut', war die Antwort wir wollen sehn wie e? sick von (5Ut emem fremden Gesellen, dessen Person Tang das Dauert wird,- ' ' erji^non der Gramsener Botenfahrt her sogleich ermatte, I (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich. S. V.: Ehchard Evers. - Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch-, und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.