Nummer 8 Dienstag, de» 27. Aanmr Jahrgang |925 -ende ge- dir eine .Was ist da zu lachen?" rief Gaet-Deh ärgerlich: „was ch da zu lochen, wenn Hairedin speist? Du, Nasich, geh und bmde den ^Fohlen die Sgelfelle über die Schnauzen, daß sie nicht Len Stuten die Milch aus dem Euter saufen: und auch du Alte, scher dich, damit wir Kumis in unseren Schlauch krregea. Etwas widerwillig erhoben sich dre Gescholtenen und uneben aus dem altersschwachen Filzzrit, ,Kvmm Hairedin," sagte Gaet-Deh, sobald wir au< tafelt hatten, „komm heraus in die Sonne: ich m«V . schreckliche Neuigkeit mitteilen: oder hast du schon etwas £>ai>ra gehört? Dun komm nur, gleich werde rch dir erzähle«, was Abdrachim erzählt bat, was die Kosakenbunde sich in den Sta- "^Wir^^trchen vors Seit und liehen uns in der Abendsonne | nieder, Aui einer Dergkuppe unter uralten Tannen hatte der I Muesin für sich und feine Sippe das Lager aufgeschlag«: « mochte nicht im Tal wohnen, er liebte die Hohen, „wo der Wohl» | 9Cttt^unsern^Mhen brach sich ein schäumendesGebirgswaffer I Bahn hart am Ufer, in der Tiefe, da wo der wuchernde Urwald | einige Wiesenslecke sreigelassen hatte, sah man die kuppelsormrgen Murten LeS Daschkirenstammes Absolilovah, Und Gaet-Deh ^richtete die schreckliche Neuigkeit: Die Regierung toolite eine Eisenbahn bauen; nicht gerade hier in dieser Einsamkeit, aber immerhin nur einige hundert Kilometer entfernt: von der asiatischen Grenzstatim, nach Süden, bis zu den Erzfeldern des Wag- netberg.es am Uralstrom. . Ate in seinem fast achtzigjährigen Dasein hatle Gaet-Deh ] eine Lokomotive gesehen, aber er empfand einen dumpfen Widerwillen gegen den „Eisenwsg", ,. , „Was soll aus uns werden," rief er, „wenn diche Hunde ihren Teufelsdreck hier bauen? Wo, frage ich dich, soll unser Dieb spazieren? Wo sollen unsere Söhne reiten und fahren? Unsere Steppe und unseren „Urman" wird man verderben. Alles, Hairedin, sage ich dir, wird hin sein." .. Sv gut es ging, versuchte ich den eifernden Muefi« zu be- rulstgen: „Gaet-Deh, der Himmel ist hoch und der weise Aar ist weit; es hat noch gute Weile mit dem Eisenweg. Wird er aber wirklich gebaut, so seid ihr es, die den Bvrteil davon haben: Sn die 'großen Städte könnt ihr fahren; Zucker, Naphta, Tee werden billiger, euer Zedernholz und euere Ziegenfelle aber teuerer werden. Zu reichen Leuten wird euch die „Zivili- fation" machen." _ „Ach was, reich! Erzähle keine Märchen Harredur, Bl«» mir mit diesem Dreck von Zivilisation vom Leibe, Arbeiten werden wir müssen, und das ist alles." Vergebens bemühte ich mich noch lange, Gaet-Deh vom Nutzen einer Eisenbahn zu überzeugen. Hin und her ging unsere^ Rede und nahm zum Schluß sogar recht unfreundliche Formen an. Und als die Dunkelheit herabsank, krochen wir verärgert in das Zelt und legten uns schlafen. . , Einige Wochen waren nach dieser Unterhaltung verstrichen, «nd wir hatten einen andere« Weideplatz aufgesucht; germde hatte ich mich zu mMem gewohnten Mittagsfchtts wüg einer breitästigen Kieker niedergelassen, da störte mich «-er Muesin sust Jöri Hairedin, kommt mit! Wir wollen zu Abdullah dem Kohlet reiten und srifcker- Mrkentser hol««" . Bafich, der Sohn, fing mit dem Swcüsste zwei Pferde em, legte ihnen hölzerne Docksättel mit schweren neusrlbeE SpEN auf und schnallte über die Sättel weiche Fsderk-.f^n Wir saßen auS und trabten davon. Unser Weg ft'hrte durch den schweigendW Urwald, durch Dome von Ahornimumen und Espen, von Dirken und Linden. Dann wieder kamen lange StreckM von breitästigW Kiefern und ernsten Tannen. B;sw«len versperrte ein gestürzter MeseastamM g^rch einem WGr Le« W«. so Laß wir uns seitlich durch das dicke Unterholz Dahn .chassen mußten. Wald und immer wieder Wald. Nirgends eine Lich- tmig, nirgemds ein Ausblick. t. ÄRe„ Am Aackmittas kamen wir an eure tiefe Schlucht, über die eine Drücke führte. Aber was war das für eine Drucke! Zwei üalbderfaulte Stämme lagen längs, einiges los^ »mrpM- holz quer darüber; und unten brauste ein wildes Wasser, trch wollte absteigen, aber der Muesin lachte. Absteigen wi«st du? Laß «ur Hmredin, die Pferdchen sind klüger als du. Bleib mchig fitzen, sage ick duck' Und er hatte recht. Die sonst so wilden Pferde tasteten sich ganz vorsichtig über das hin- und hersleitende Rundholz. Selbst als ein morscher Kmippei zerbrach, scheute« sie nicht . . .. Als es im Walde schummerig wurde, erreichten wir Abdullahs einsames Tieft. Aus einer kleinen Lichtung hauste er in einem halbverfallenen, würfelförmige!'. Blockhaus, dessen schiefe [ Fentzerosfirungen statt mit Glas mit srischgeg erbten Ziegeichäuten verschlMen waren. , . , Abdullah war gerade damit beschäftigt, feinen gebrechl-chen Wogen mit Daststricken auszubessern. Sobald er uns erblickte, lieft er alles liegen und eilte uns entgegen.^ Die Fetze« .seines I ? legenharigen Gewandes schlottertien ihm «m die dürren Knochen. I Er pAich einem Lumpekchausen, ans dem em braimer, Pocken- narbiger Menschenkopf bercziSsteckte. „Scckem Meitum!" „Aleikum falenri“ „ Mst du es, Gaet-Deh? Wer »st der Fremde? Was wollt I ihr?" Allah schenke euch viel Gesundheit." . Wir reichten uns die Hände, und fuhren uns damit übers I Gesicht. Gaet-Deh stellte mich vor: ...... r „Dieser hier ist Hairedin, ein Germanez: er rst »richt ganz so I ungläubig wie die Kazoppeii (2tUff ar) . . . Er zieht mit tut# I umher und ist ungefähr wie wir . . . Wir sind gefommen, um I " ^Abdullah schaute mich mißtrauisch an. Sn seinen schwsrzm | Augen glomm etwas wie Haß. Er war einer jener Dergbasch- I fiten, die ganz einsam im dicken Walde hausen und nie mtt I Fremöen in Berichrm-g kommen. ... I Gut, gut* murmrite et, „Mo Sucht wollt »hr. I ich werde euch prächtigen Sucht zeigen: nirgends findet ihr typ I besser und bMger als bei mir;" . | Er führte uns zu feinen Bottichen, und wir füllten Die I kleinen Holzfäßchen, die an unseren Sätteln hingen. Inzwischen sank der Abend herab, und der Himmel bedeckte I sich mst drohenden Wollen. Dian merkte, daß ein Unwetter I ®era4§88toir6 Regen geben," sagte Abdullah, „bleibt die Nacht I bei mir; niemand kann"nachts bei Regen durch den Waid reuen. „Nein, niemand," wiederholte Gaet-Deh mit Ueberzengung. Md da schon die ersten Tropfen fielen, traten wir in Ab- dullahS armselige Hütte. Zwei Söhne fanden sich em, m I Gilbert aussehende Burschen und ein breitnasiges hinwud^s | Frauenzimmer, das aus dem aiterssckwarzen Lederschlauch den | Kmnis in unsere Hvlzschalen füllte. Auch ein paar bung^ig- | knurrende, struppige Köter wollten sich «och m den LNMN Raum drängen. Aber mit Fußtritten und Stockschlagen fcheuchw j man sie zurück in den Regen, em Kreise kauerten wir au, den; | -ersetzten Pappas nieder, Abdullah goß eine große Schale voll | Kumis herunter. Daraus eröffnete er &te Umechaliung in i«r I üblichen^Weise: „Wie ist der Weg? Was gibt es Neues, I Und Gaet-Deh verkündete die Geschichte mit Der Eisenbahn. Abdullah wütete. Was? Eine Eisenbahn wvWe die Re- | aieruna bauen? Eine Eisenbahn, damit die Walder zevstori > wurden, damit Nr Steppe verbrämte mrd das Dreh umkam? Gießener Zamilienbiatter Nnterhallungsbeilage zum Giehener Anzeiger Wintertag. Don Conrad Ferdinand Metzer. lieber schneebedeckte Erde blaut der Himmel, Haucht der Wh« ewig jung ist nur die Sonne! Sie allein ist ewig schön! Heute steigt sie spät am Himmel, und am Himmel rückt sie bald — wie das Glück und wie die Liws — Hinter dem entlaubten Wald. Die Eisenbahn» Don Georg Holland. Gaet-Deh griff mit seiner bloßen Hand irr dm riesigen, dampfenden ,AeschPermack"-Kefsel und fischte rin Stück Hammeltalg heraus, das er mir wohlwollend in den Mund stopfte. Ist nur, Hairedin; iß, iß, damit du recht satt wirst. Indem mir der Muesin diese nach Dafchkirenfitte erforderliche Gastfreundschaft erwies, lachte seine Alte; und auch der Sohn Aasich grinste, weil sie sahen, wie ich an dem Fettklumpen würgte 30 — Der Zornesausbruch war Wasser auf Gaet-Beys Mühle. Er schnitt eine Grimasse und fing an verworrene Geschichten zu erzählen von seines Volkes versunkener Herrlichkeit, von den großen Khanen, die die Russenhunde trib-uli.ert und gebrand- schaht hatten, von den blutigen Kämpfen, die er selbst noch in feiner Jugend miterlebt hatte. „Damals," rief er aus, „schossen wir noch mit Dogen und Pfeilen! Das war ein Krieg, sage ich euch! Wie Stroh brannten die Dörfer. Ach, das war noch ein Krieg!" „Aber jetzt? Dörfer haben wir bauen müssen. Dörfer und Ofen; und wenn wir auch nur im Winter drin wohnen; aber es sind Dörfer. Der Teufe! hole diesen Dreck von Zivilisation!" Immer erregter wurde die Stimmung; die Augen der Söhne funkelten böse. Abdullah fuhr herum: „He, du Gernranez, was ist das mit dem Eisenweg? Du sollst wohl Pläne machen für diesen verfluchten Teufelsrnist? He?" „Pläne machen?" riefen die beiden finstern Söhne und richteten sich drohend auf. „Wer hat hier in unserm Land Pläne zu machen?" Ich muß gestehen, daß mir nicht wohl zu Mute war. And wer weih, ob ich Abdullahs Hütte lebend verlassen hätte, wenn nicht Gaet-Deh sich in einem lichten Augenblick zwischen uns geworfen hätte. „Was wollt ihr Geziefer?" krächzte er, „was wollt ihr von Hairedin? Hat er nicht zwei Arme wie ihr? Hat er nicht zwei Deine wie ihr? Ist er nicht euer Gast? Wollt ihr eitern und meinen Gast beleidigen?" Die Gesellschaft beruhigte sich etwas und ließ von mir ab. „Chai, chai," sprach Abdullah' grollend, „Gat-Tay mag recht haben. Man darf nicht jeden Hund !o schlagen, den man totschlagen möchte." Mir aber reichte er eine bis zum Rande gefüllte Holzschale: „Sauf, Germanez, sauf, bis du krepierst!" Mir widerstand die säuerliche Stutenmilch, ich fühlte, daß ich genug hatte und wollte nicht mehr. Aber Gaet-Deh stieß mich in die Seite: „Sauf, Hairedin, sauf aus, wenn dir dein Leben lieb ist. Sie sind wilde D:ester und werden dich töten, wenn du sie beleidigst." And ich trank. Das Gespräch wandte sich nun wieder alltäglichen D-ngen, zu; über Holzkohlen und Bastmatten, über Pferden und Ziegenfellen vergaß man die böse Eisenbahn. Plötzlich w'schte sich Gaet-Deh mit der Hand über den Racken und betrachtete nachdenklich den Handrücken. „Mir scheint/' sprach er gedankenvoll, als ob es sich um eine tiefe Weisheit handelte, „mir scheint, dies ist Regen." Damit drehte er sein Greisenhaupt langsam nach der Fensterwand; auch wir andern schauten uns um. Da sehen wir die Bescherung: Sine Fen.stev- öffnung war ganz leer, in der zweiten hing nur noch ein Fellfetzen, an dem von draußen heftig gezerrt wurde. „Das sind die Hunde, diese Scheitane!" brüllte Abdullah, griff nach einem Prügel und torkelte hoch. Allein es war zu spät. Die Hunde waren niit seinen Fenstern längst über alle 'Berge. Wir suchten nun nach irgend etwas, womit wir die Fensterluken hätten verstopfen können. Doch nicht einmal Heu konnten wir auftreiben. So mußten, wir die Rächt in Kälte und Rässe verbringen . . . Am anderen Morgen traten Gaet-Deh und ich die Heim- leise an. Im hellen Sonnenstrahl ritten wir durch den grünen Wald. Aber wegen der ungemütlich.-» Rächt waren wir beide schlechter Laune. .Und Gaet-Deh Hub an, lästerlich zu schimpfen: „Was ist dieser Abdullah doch für ein Waldbafchkur! Hat noch Ziegenfelle vor den Fenstern, die ihm d'e Hunde auffresfe?.! Lebt wie ein Wilder, lebt, wie man vor hundert Jahren gelebt hast Eine Schande ist das . . . wahrlich, es ist eine Schande!" SprachmuM, gesungene ' Musik. Von Karl R ö t t g e r. Das Thema, das in der üleberschrift formuliert ist, berührt sich mit andern Themen, die ich in meinen theoretischen Schriften erörtert habe. z. D. in dem Buch „Die Flamme" (Go. Müller- Verlag), dem Aufsatz „Lesen und Borlesen", in meinem Buche „Zum Drama und Theater der Gegenwart und Zukunft", das Kapitel über „Das Kchausviel mit Musik", sowie die Untersuchungen über das Dichterische im Drama im ersten Teile des Buches. Was ich aber heute sagen möchte, ist, obwohl es sich mit den angedeuteten Themen berührt, gleichwohl etwas für sich; was versucht werden soll, ist eine reinliche Scheidung dieser drei Dinge, die zum Schaden der Kunst in großer Gefahr stehen, von Menschen, die Kunst — der Dichter, der Künstler — vermitteln wollen, unheilvoll durcheinander gemengt zu werden. Richt nur ist eine große Zukunft am Wei le, uns mit "halber und weniger als halber Kunst des Vortrages zu beglücken, auch die Darsteller, wie manchmal die Sänger, suchen „neue Wege", d. h. andere oder neue, oder vertiefte Ausdrucks Möglichkeiten. Dis werden sie aber, ganz logisch, nur dann erreichen, wenn die erste Einstellung richtig ist, d. H. der Weg!, der gegangen werden soll, nicht von vornherein - schief ist. Es wird wohl nicht nötig fein, zu sagen, was ich mit der ersten! Einstellung meine. Wenn einer aus seiner Stube hinaus will, um die Welt in etwas größerem Umkreis zu sehen, wird es nicht das richtige sein, beim Fenster hinauszusteigen, oder mit den Armen Flugversuche in die Höhe zu machen. And so soll der Darsteller wissen, was er ist. und vermag, der Vorleser, was er ist und vermag, beide aber, wo sie zusammenhangen ober sich berühren, berühren müssen und berühren dürfen; aber auch daß sie nichts, gar nichts sind und vermögen, ohne den Dichter. And mehr noch steht ihnen zu, zu wissen nämlich, was ein Dichter ist, und was dessen eigentliche und spezifische Leistung ist. Das wissen noch verhältnismäßig wenig Menschen; und für dies Problem sich zu interessieren, das stände nicht nur ausübenden! Künstlern an, sondern auch jeglichem Publikum. Run ist es damit eine eigens: Sache. Am Goethe zu zitieren — „wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdets nicht erjagen". Rämlich das Witzen um die Echtheit oder die organische Gefügigkeit eines Sprachwerkes. Man kann es — lernen, ja, aber nicht aus dis übliche Weife; ein so wichtiges Kapitel ist heute ja noch ganz „embryonal"; „Lehrgegenstand" an den Hochschulen; etwa von den kleinen Kreisen des Professors Sievers her, oder aus den Kreisen um Otto zur Linde; aber es sei nochmals gesagt, es handelt sich nicht um „erlernbares Wissen" im üblichen Sinne, sondern um ein Wissen, das in Vertieftester Weise aus dem Gefühl heraus in jedem einzelnen Menschen geboren werden muß. nicht also einfach übernommen werden kann. Es handelt' sich letztlich darum, echtes Sprachkunstwerk von unechtem zu unterscheiden. Es wäre vielleicht interessant darzulegen, wie von verschiedenen Seiten diese Dinge in Angriff genommen worden sind — von der rein gelehrten Seite her durch Professor Sievers von seiner Beschäftigung mit vergangener Dichtung her und der damit verbundenen Textkritik; durch Otto zur Linde von der dichterischen und rein philosophischen Seite her, durch sein Bemühen, sich als Dichter vollkommen echt zu machen. Daneben steht ein reiner Praktiker, der rein physiologisches Interesse hat, Rutz, der das Verhältnis der Körperstellung, speziell der Dauchmuskellage, zum Rhythmus des Gedichtes untersuchte. Damit konnte man natürlich nicht weit kommen; die die von den neueren Wissenschaftlern diefe Dinge in Angriff nahmen, wie Rötemeyer in Frankfurt, suchen Rutz auszubauen, haben aber besonders von Otto zur Linde und Sievers gelernt und tragen deren Gedanken weiter. Das ist nun alles ganz gut und schön, aber ich wiederhole, es handelt sich hier um eine Wissenschaft, die nicht jeder lernen kann; der Mensch mutz etwas dafür mitbringen, nämlich einen Fond von Echtheit, oder zum Mindesten die Anlage zur Echtheit! Wir müssens uns klar werden, daß dem großen und echten Dichter die Dinge, die in solchem Denken — etwa Sievers oder Otto zur Linde's — klar werden, daß sie irgendwie dem echt gestaltenden Dichter schon (toenn auch unbewußt) klar gewesen sein müssen. Es handelt sich also teils um selbstverständliche Dinge, die sichtbar und erlebbar gemacht werden sollen, andererseits um sehr neue und keineswegs selbstverständliche Dinge, denn jährlich sündigen Aniählige gegen Len heiligen Geist der Sprache, der Kunst, der Dichtung. Schaffende tote Publikum. And hier sind wir an dem Punkt, daß der ganze Komplex dieser Frage» ebenso sehr eine Sache des Ethos, sogar des religiösen Ethos ist, wie eine Sache der Kunst und Wissenschaft (die tiefste Einführung in den ganzen Komplex gibt wohl Otto zur Linde in seinem Werke „Arno Holz und der Charon, Anfänge zu einer Psychologie der Dichtkunst", das Buch ist momentan leider vergriffen, wird aber hoffentlich bald neu gedruckt. Den ganzen Komplex sage ich: den der Kunst sowohl, wie den de« Wissenschaft (Metrik, Psychologie usw.) wie des Ethos. ' 1 Aber um zu sagen, was gemeint ist und worauf es ankommt, die Dichtung muß erkannt werden, als das, was sie ist: ein sprache- rhythmischer und sprachphonetischer Komplex, Das geschieht noch viel zu wenig, selbst in der literarischen Kritik. Denn durchweg beschäftigt sich die literarische Kritik Wohl mit dem Inhalt eines Werkes sehr ausgiebig, aber mit dem eigentlich Künstlerischen sehr wenig; d. h. mit der Frage, ob und wie weit es gelungen sei, den Inhalt in die Form zu bringen, die diesem Inhalt gemäß sei oder auch: wieweit die Dichtung eigene persönliche Formgebung habe: eine Betrachtungsweise, die gegenüber der bildenden Kunst selbstredend ist; man kamt aber sage», daß in der Dichtung sehr selten oder fast gar nicht die Spräche, als der eigentliche Träger des Willens des Dichters, Gegenstand einer gleicherweise verständigen tote seslenvollen Betrachtung gewesen sei. Einen sicheren Boden für solche Betrachtung wird nur haben, wer da weiß, was Sprache ist; nämlich ein Lebewesen rhythmischer und phonetischer Art, das (soll es dauern) in sich geschlossener Organismus sein muß. Wir haben vergessen, daß alle Sprache im Anfang, bei allen Völkern, dichterische Sprache gewesen ist; eine Sache, durchaus der Musik verwandt; daß abstrakte, verstandesmäßige Sprache schon eine Gntartungs- erscheinung ist; und. daß der schaffende Dichter immer wieder am Anfang steht, d. h. ein lebendiges Wesen, einen Organismus schafft, der zugleich Bild und Ton oder Rhythmus ist. Die Dichtkunst streckt also nach beiden Seiten Arms aus, nach der ZI — bildnerischen Seite und nach Zer Musikalischen Seite, sie steh! zentral im Mittelpunkt der Künste; sie hat in sich Müsik und Bildkrast. Sie ist aber nicht Musik und nicht bildende Kunst.. Ich will und kann hier nicht darauf eingehen, wie man erkennen kann, was „echte" Sprache ist; das würde mich etwas zu sehr abseits führen; noch auch will ich hier die Grunderfordernlsw für eine neue, auf solchem Boden fußende Literarische Kritik niederschreiben — ich will nur noch kurz darlegen, das) das eigentliche „Geheimnis", das jeder echten Dichtung innewohnt, und welches als ein ganz eigentümlicher, von der Dichtung ausgehender Zauber verspürt wird, eben dies rhythiniscy Bildhafte ist; der Ton, der Klang, die Melodie des Dichters, welche mit dem Bild- gehalt und danrit mit den: Inhalt eins ist. /Woher und wre das kommt, das kann nicht erklärt werden; und auch der Dichwr, der diese Dinge weih — nachdem er die Dichtung vollendet hat —, wird darüber nur aussagen, daß es so richtig sei; daß es so sein und so klingen müsse. Also: eine solche S p r a cy - melodie wohnt jeder sprachechten Dichtung inne, auch z. B. einem philosophischen oder auch sogenannten didaktischen Gedicht, d. h. wenn es sprachecht ist. Zn einer vollendeten Dichtung ist diese Sprachmelodie „etwas", das in ihr lebt uird da ist, unabhängig rion der Außen- und llmwelt; es wäre ein Irrtum, wenn jemand z. B. meinen sollte, die Sprachmelodie „lebe" erst durch einen Rezitator, Derufsvorleser usw. Das ist nicht der Fall, denn hundert, tausend oder zehntausend stille Leser spüren und erleben die Sprachmelodie oder das Geheimnis der Dichtung still in ihrem Kämmerlein; und selbst wenn Las nicht wäre, es würde schon für das Eigenleben der Sprachmelodie genügen, wenn der Dichter selber sie erlebt hat. An dieser Stelle könnte man das ganze Problem des Lesens und Borlesens aufrollen — ob überhaupt ein Berufsvorlesen möglich sei, was das Borlesen des Berufslesers leisten könne, was es leisten will —, ob er überhaupt mit „Mitteln" arbeiten dürfe oder nicht; und ob das Tun des Rezitators etwas anderes wollen dürfe, als die dem Gedicht innewohnende Sprachmelodie — die eine Schöpfung des Dichters ist — in die hörbare Erscheinung zu bringen. Hier rühren wir an ein sehr schwieriges Kapitel, über das bislang noch sehr wenig und auch dann noch sehr vage nachgedacht worden ist. Ich sehe immer wieder, bei einzelnen De- russlesern wie bei Kunstinstituten, eine bedauerliche, um nicht zu sagen verhängnisvolle Verwechslung der Sprachmelodie mit dem. was ich Spreck Melodie nennen möchte; oder besser und verständlicher ausgedrückt, die Sprachmelodie, das urtümliche Wesen des Dichtwerkes — ganz gleich ob Lyrik, Epik, oder Dramatik — wird übersehen — und das, was ich die Sprechmelodie des Ausübenden nenne (als Rezitator oder als Darsteller) wirb ?ür das Wesen und Rätsel der Dichtung genomnwn» Es ist nun schon sehr lange davon die Rede gewesen, dah das dichterische Wort wieder zur Geltung kommen müsse, in die Erscheinung treten müsse, und ich hatte mehr als einmal Gelegew- heit, klar zu legen, dah hier eine bedauerliche Derwechslung von Sprache und Sprechen vvrliege. Es ist nun eine Frage für sich, und könnte eine sehr wertvolle Erörterung abgeben, wie das Sprechen mit der Kunst des Darstellers Zusammenhänge, uird in welcher Weise der Darsteller aus dein Sprachgeist eines urtümlichen Dichters sein Sprechen erneuern könne und wie das seiner mimischen Kunst zugute konunen könne; aber um solche Dinge handelt es sich bei diesem nicht. B>ei Aufführungen ist das sporadisch in die Erscheinung getreten, und es wirkt sich aus in dem, was das Theater „Eprechchöre" nennt. Wir sahen sie und sie rezitierten Dichtungen (Volksdichtungen, Balladen heiteren und ernsten Inhaltes). Ein Dirigent bestieg ein Podium, erhob den Taktstock und lieh — sprechen. Der Chor war genau wie ein Singchor in „Stimmen" eingeteilt, mit genau abgeteilten, Part; hoch und tief, Männer und Frauen, sozusagen „gemischter Chor", die Stücke fast durchweg fugig komponiert, Ginzelstinunen dazwischen, wo wörtliche Rede ist; Stimmen und Gegenstimmen ------- kurz eine ganz und gar dem Musikalischen nachgebildete Darbietung; die — und dies ist nun das Entscheidende — in den Worten der Volksdichtung keine Beran! a ssun g. hat. Ich will hier nicht entscheiden, ob solches möglich ist; es ist vielleicht möglich; dann aber nicht an irgendeiner Ballade, Tanzgedicht, lyrischem Gedicht, sondern nur an etwas, das der Dichter so v o r g e d a ch t hätte. Aber auch dann noch ist es schwer einzusehen, wozu es dienen soll; die Reize, die davon ausgehen, sind verhältnismäßig spärlich; und im Drama ist solches überaus selten zu verwerten; im Moment ist kein modernes Drama gegenwärtig, wo es verwertbar ist. Aber wenn es auch anders wäre, die eigentliche Sprachmelodie des Gedichtes wird durch solche Sprechkunst mit einem grohen und weiten Kleid überdeckt, so dah sie darunter verschwindet. üknd überdies ist dies alles — leider — nur ein Inkonkurrenüreiei^ mit der Musik; ich habe oben angedeutet, in welcher Weise die Eprechchöre sich gaben; da ist alles von der Musik hergeholt, und da wird vergessen, dah, wie die Sprache Zrntralkunst ist (zwischen Musik und bildender Kunst stehend, aber mit keiner von leiden identisch), dah auch solchermaßen d-e ausübende Kunst, welche das Dichterwort hörbar machen will, nicht einfach musikalische Gegebenheiten nachahmen kann. Lind wenn alsbald nach den Sprechchören ein Singchor anhub und in schöner Weise alte schöne Weihnachtsgesänge vvrtrug, da war es — um hier einen verkehrten Ausdruck zu gebrauchen — „mit Händen zu greisen", dah Eprechchöre mit so etwas gar nicht in Wettbewerb treten können. Man muh sich über die Konsequenzen klar sein; und auch das Schauspielhaus muh sich darüber klar sein: Der Singchor ist bescheiden bei der Aufgabe eines solchen Chors geblieben, er hat etwas wiedergeben wollen, was ein Schaffender, in diesem Falle der alte Komponist aus Llrtiefe geboren hat; der Sprechchor aber hat ja gar keine Partitur, er muh ja, wenn er sich produziert, eine Komposition bieten, er muh, er mag wollen oder nicht; wer zeichnet nun für die Komposition, für welche eine Partitur nicht vorhanden ist? Der einzige Fall, dah im Sprachkunstwerk eine Partitur vorliegt, ist int Drama gegeben; und da ist dann der Spielleiter, weitn er ernsten künstlerischen Willens ist, der getreue Ausführer der Partitur mit Hilfe seiner „Stimmen" der Darsteller; aber ein Gedicht hernehmen, es in „Stimmen" auflösen und am Dirigenten- pult dirigieren, das ist Reufchöpfung. für die eine Unterlage, eine Partitur fehlt. Änd damit auch die eigentliche 'Veranlassung fehlt. ____ Die Flibustier. Eine Erzählung von der Küste Brasiliens, Don Dr. Alfred Funke. (Fortsetzung.) Lührs machte ein Gesicht, als habe er aus Versehen dis Essigflasche statt seiner gelackten Köhmbudde! erwischt. Gr hatte durchaus keine Lust, noch länger an Bord der „Glorra zu bleiben. Aber was sollte er machen? Sein Freund Baukhag« war freilich besser daran. Der sah sicherlich schon bei Kneifer und trank trotz aller Schießerei seelenruhig sein Glas Kulmbacher. Lind er, Kapitän Lührs, konnte auf diesem gottverfluchten Kasten auf den Ozean hinausdampfen, soweit er blau warl , _ Lührs fluchte sämtliche Register setnes Hamburger S^- mannslateins ab. Das machte aber alles nicht besser. Er blieb darum doch an Bord der „Gloria" und war richtiger Revolutionär wider Willen. Also war es das Beste, gute Miene zu bösem Spiel zu machen. Irgendeinen Hafen muhte die „Gloria" ja bald anlaufen. Schon der Kohle wegen. Da würde sich schon Gelegenheit finden, an Land zu kommen. Freilich, eine unsichere Geschichte blieb das. Wenn nun ein schwerer Aegierungskasten der „Gloria" über den Hals kam, versackte Lührs mit den anderen Rebellen, die jetzt an Bord den wilden Mann spielten und die mangelnden Granaten durch Brüllen gegen die immer weiter abbleibenden Landbatterien zu ersehen suchten. Wit einem Donnerwetter fuhr Lührs unter die Helden und gab die nötigen Ruderkommandos. Anter dem Krachen der Geschütze dampfte die „Gloria unangefochten aus dem Hafen, die Mannschaft brannte die geliebte Palha schon wieder an und führte große Reden oder lehnte an der Reeling und spuckte zum Abschied' verächtlich ins Wasser. Lührs aber verwünschte aus tiefstem Herzensgrund den Tag, an dem er ein schönes Schleppgeld verdienest wollte und selbst aus dem Hafen geschleppt wurde. IV. Die „Rosalia" hatte während der Beschießung ruhig in ihrem Winkel gelegen, und der Bestmann Wilm Peters hatte mit dem schwarzen Koch Adriano aus sicherer Entfernung die Schießerei angesehen. Er hätte zwar den Schiffer selbst gern an Bord gehabt. Aber wo mochte Schiffer Baukhage wohl stecken? Das war die Frage, auf die Wilm Peters einstweilen keine Antwort wußte. , -Zer schwarze Koch meinte pessimistisch, der Schmer sei wahrscheinlich samt dem Schleppdampfer von den Revolutionären in den groben Grund geschossen. „Der Schiffer ist sicher vor die Haifische gegangen, Senhor Guilherme," urteilte Adriano und machte dabei durchaus kein betrübtes Gesicht. Aber Wilm Peters sah ihn scharf an und sagte mit denr nötigen Rachdruck: „Wenn der Schiffer wieder an- Bord kommt, will ich ihm sagen, was für fromme Wünsche du für ihn gehabt hast. Er kamt dann ja auch mal nachsehen, wo die Buddel mit dem Rest Kümmel geblieben ist, die im Schupp stand. Vielleicht haben die Haifische auch den Kümmel aus- genöselt." Dieses Versprechen stimmte den braven Koch schon bedeutend' trübseliger, und er meinte mit einigem Entgegenkommen: Vielleicht hat man unseren Herrn Kommandanten auch aus dem Wasser ausgesischt und an 'Bord der „Gloria" genommen. Sie brauchen ihn ja nicht gleich ausgchängt zu haben. Sonst tun sie es ja wohl." Die weitere Erörterung dieser Möglichkeit unterblieb, weil der erste Schuß der „Gloria" aufblihte. Adriano bekreuzte sich vor Schreck und schielte nach dem Boot. Aber Wilm Peters hielt ihn fest und donnerte ihn an: „Gehst du ohne meine Erlaubnis von Bord, so hast du deine letzten schwarzen Bohnen — 32 - W M Schrlltleittlng: Dr. Stiebt. 0Sit6. Qanae. — Druck un6 Derlaa bet Brühl'schen Aniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Lanas. Gießen Das Doot war leer. Das Fallreep M K in der Falle. Kisten, die bereits aus dem Raum heraufgeschaff! waren, wurden auf die Planken der Luken geschoben. daß diese dicht war. Dann hielt der Schiffer mit den Janmaaten Kriegs rat. Adriano meldete stolz die Gefangennahme des Piraten im Hühnerläfig. „Dann wollen wir diesen Bogel mal ein bißchen singen lassen," beschloß der Schiffer. „Wir müssen ihn hernach teeren und federn," erklärte ein Maat, der aus einem Petroleumdampfer von Nordamerika gekommen war. „Das macht fix Spaßl" „Wir könnten ihn auch ein bißchen kielholen" schlug ein anderer vor. sFortsetzung folgt.) U wirklich am Platze. . Wilm Peters kam bereits nach einer knappen Viertelstunde mit sechs Janmaaten, die von Herzen gern das Abenteuer mll- machen wollten. Der Schiffer goß jedem zunächst einen ansehnlichen „Köhm" ein. der ihren Mut besonders beleben sollte, spendierte auch den nötigen Priem und belehrte sie dann uaer seinen Kciegsplan. Gr selbst nahm das Außer. Die Schraube ging an, der „Don Pedro" steuerte durch den Hafen und nahm Kurs auf die Jlha, ' " “ wo die „Aosalia" lag. neben dem Leichter festgemacht, aber es war der „Rosalia" toar niedrrgr'iert, zwei Kerle hockten rauchend auf der Luke. Beim Rahen des Dampfers liefen sie in den Laderaum der „Rosalia" hinab. Da kamen zwei andere Galgenvögel heraus und gestikulierten erregt. „Ahn!" sagte Daükhage grimmig. „Run wissen sie nicht, ob wir Frellnd oder Feind sind." Gr steuerte den „Dom Pedro" dicht an die „Aosalia heran mld Wilm Peters schob die Laufplanke hinüber. Ehe die Hafenräuber recht wußten, was vorging, waren Wilm Peters und die Janmaaten an Deck der „Rosalia", und die Piraten tauchten wie Wasserhühner in die Tiefe des Raums und verkrochen sich. Denn Wilm Peters hatte dem ersten, der ihm mit einer Frage in den Weg trat, einen Tritt versetzt, daß er sich jählings auf die Schattenseite setzte: und ehe er wieder hochkam, hatte ein halbes Dichend Püffe und Hiebe weg. daß er am Leben verzagte. Adriano aber gab ihm seinen besonderen Segen mit dem Tauende und haute ihm die Jacke voll, daß der Aeber- raschte „Misericvrdia! Por amor de Deus!" brüllte und um die liebe Seele flehte. Adriano aber sperrte ihn in den Hühnerkoben, sprang in die Kambüse und holte ein langes Wurfmefser. zeigte es dem eingesperrtea Galgenstrick und versprach grimmig und mit Zähnefletschen: „Dich schlachte ich ab wie ein Suppenhuhn! Aber erst morgen früh." Die Janmaaten hatten indes die losgemachten Planken w>e- der aus die Luke geworfen und die Spitzbuben sahen nun hübsch gegessen? Besieh dir den mal!" And er hielt ihm den Revolver ""t^Da^knickte^der Koch zusammen und faßte alle Gefühle in das ein? Wort zusammen: „Pucha diabvl Hol nach der ^echsl! „Wenn er das nur bald tun mochte! ergänzte Wilm Peters freundlich und setzte seine kurze Pfeife in Brand, lehnte sich an die Reeling und spie verächtlich über Bord. , ' Die Kerle mögen was Schönes zusammenballern„ meinte er für sich. „Die treffen auf zehn Schritt noch kem Scheunen- tor,“ sagt Schiffer Daükhage And er hat immer Recht. Aber nun könnte er bei kleinem wirllich kommen! Indes der Schiffer lieb sich einstweilen immer noch nicht sehen. Dafür pulte aber ein Boot heran, auf dessen SMter sonderbare Gäste hockten. Sie kamen langseits der „Rosalia und riefen hinaus, man solle das Fallreep niederfieren, oder sie würden aufentern und mit dem Bestmarm verfahren, daß es ihm kerne Freude sein werde. Doch Wilm Peters li^ sich nicht aus der Aube bringen, und als der schwarze Adriano in seiner Heidenangst Miene machte, die Schiffstreppe zu Wasser zu fieren. Packte er ibn. warf ihn in den leeren Huhnerkafig und schloß die Gittertür zu. Der Schwarze jammerte greulich und flehte um seine Freiheit. Er wolle den Seeräubern da unten einen. Kambüsenkessel Heißwasser auf die Scyadel gießen. Aber Wilm Peters lieh ihn in seinem Bauer und sagte. „Bleibe du nur, wo du bist! Du kannst dich ja em bißchen im Krähen üben." _ „ < . , Dann ging er gemächlich an die Reeung zuruck und rief den ungeduldigen Bvotsgästen zu, das Fallreep bleibe hoch, bis der Schiffer es anders bestimme. Die Leute unten machten etnen Mordslärm und riefen für ihn und seinen Schiffer eine, stattliche Reihe Komplimente hinauf. Wilm Peters wußte auch darauf zu antworten und goß ein paar Putzen Spillwasser hinab, daß es klatschte. Das kühlte die Leute aus den Duchten erheblich ab. Indes ruderten sie noch immer nicht von der .Rosalia" ab, die schwarz und schwer vor ihren Antern lag und tat, als gehe sie der gayze Lärm im Hafen nichts an. Wilm Peters bekam es W) allmählich mit der Unruhe zu tun. als die farbigen Durschi« unten nach dem Schiffer brüllten, der sich immer noch nicht sehen lasse. dann mit den Revolvern, knallten und wüste Drohungen ausstiehen. Den schwarzen Adriano wollte Wilm Peters ihnen auch nicht ans Messer liefern. Dieser schwarze Bogel hatte in seinem Käfig nun genug Strafangst für seine frechen Reden ausgestanden. Wenn die Flibustier wirllich aufenterten, blieb nichts übrig, als von Bord zu springen und an Land zu schwimmen. Sehr weit war es ja nicht b-s zum sandigen Jnselstrande, der sich an Steuerbord der ..Rosalia' aus dem Wasser hob. Gegen die Horde von Seeräubern konnte Wilm allein sich nicht hallen. Aber er konnte vielleicht den Schiffer und andere Leute heranholen. bevor die Spitzbuben die Rosalia" ausgeplündert hatten. Er ging also an den Hühner- Wfig und ließ den schwarzen Koch heraus. Gerade war der erste Hafenpirat an der Ankerkette Hockgekommen und reckte sein freches Mulattengesicht über die Reeling. Da stieß Wilm Peters den schwarzen Koch ins Wasser, nahm ein Stuck Holz und fegte dem Mulatten eins aufs Dach, bevor dieser den Revolver heben konnte und flitzte dann selbst Adriano nach. Gin halbes Dutzend Schüsse knallten hinter beiden, aber keiner traf. Wilm Peters und Ariano stiegen an Land und rannten über die Insel weg. An der Gegenseite lagen immer Kähne der Gemüsebauern. Sie liehen von einem Portugiesen ein Boot und ruderten aus Leibeskräften. Der Portugiese wußte, wo der „Dorn Pedro" lag. Darüber war Wilm Peters froh. Er kümmerte sich den Leusel um die Schießerei im Hafen. Adriano saß allerdings mit weniger H-ldenmut als Angstschweiß an seinem Ruder, und so oft ein Kanonenschuß aufblitzte, verfehlte er nicht sein „Mil bom.basl" dazu zu ächzen. Er duckte sich dann dabei, als sei die Granate für sein teures wolliges Haupt bestimmt gewesen. Den „Dom Pedro" erreichten die beiden Bvotsgäste ohne Havarie. „Käpp'n Daükhage!" schrie Wilm Peters erlöst, als er den Schiffer an Bord währnahm. „£> senhor commandcmte!" brüllte Adriano zur Begleitung. Darm kletterten beide an Bord des „Dom Pedro". Wilm Peters erstattete in fliegender Eile Bericht. Schiffer Daükhage stürzte ans Sprachrohr und donnerte seine Befehle in den Maschinenraum. Der Schlepper hatte zum Glück noch Dampf auf. und das Personal hatte feine Posten noch nicht verlassen. „Dat swarte LäkeWg ward ik mol Wahrschauen, dat em de Sogen öwergahn sollt!" schwor der Schiffer. „So 'ne Röwers und Spitzbauwen! So ’ne entfamten Flibustier und Bukanier! So ein verfluchtes Piratengesindel!" Dann entwarf er rasch einen Kriegsplan. Er schickte Wilm Peters zu einer Hafenschenke, wo immer ein paar handfeste Janmaaten zu finden waren. Sie würden zwar jetzt die Schießerei ansehen, aber Wilm Peters solle nur drei gute Jungens zusammentrommeln und für einige Stunden anheuern. „Du brauchst nur zu sagen: Käpp'n Daükhage braucht euch, Wilm. Das genügt!" „Jawohl, Käpp'n. And eine Buddel Köhm darf tch extra versprechen, ja?“ „Natürlich. Aber nun fix! , Adriano wollte auch die Laufplanke zum Km nehmen. Aber Wilm jagte ihn an Bord zurück. Da gab ihm Biukhage eine .Zigarre und fragte ihn nach den „Flibustiern" aus. Der schümrze Koch versäumte nicht, seinen Heldenmut dabei in das rechte Licht zu rücken. Er habe den ersten Piraten, der aufenterte, einen baumlangen und riesenstarken Gelben, an der Gurgel gewürgt und koppheister über Bord gehen lassen. „Sim. senhor cvmmandante! Bor die Haifische! Den Hühnerkvben erwähnte er indes nicht. Lügen tust du ja, mein Junge, erklärte Daükhage. „Abm es r's man gut, daß ihr mich gefunden habt. Ich habe auch allerlei erlebt." „ ,, Und mm gab Schiffer Daükhage einige Einzelheiten von seiner Fahrt unter den Rohren der „Gloria’ zum Besten, daß Adriano eine Gänsehaut über den schwarzen Buckel lief. „Pucha diabo!" wiederholte er immer wieder und l>ekreuzte sich. ’ „Que barbaridade!" Dann ließ der Schiffer den Dampfschlauch von der Maschine herauflegen. daß er das Mundstück auf der Brücke handlich zur Seite hatte. Sv ein Strahl heißen Wasserdampfs war ein böser Gruß für den E.npfüiiger, und Hem Baukhage hatte seinem Destmann oft genug mit den nötigen Ausschmückungen geschildert, toi» er als Steuermann auf einem Kulidampf-rr tm Chine!«cyrn Meer gefahren sei. Der Dampfer habe immer die Langzopfe m die Tabakpflanzungen nach Sumatra oder in die Zinnbergwerke bringen müssen. Zu den Zinngruben aus Baurn wollten die Kulis nie, und die Anternehmer verschwllaM ihnen daher bet der Anwerbung sorgfältig wenn sie für Minenarbeit geheuert wurden. Wer die Verfrachteten merkten es während der Fahrt doch wenn der Dampfer Kurs auf die Insel Banka setzte, und versuchten dann, die Drücke mit Gewalt zu stürmen und den Dampfer zu wenden, „Aber dann nahmen wir immer den Dampfschlauch, Wilm Peters. And in fünf Minuten war die Sache erledigt." Auch gegen die Seeräuber hatte er den Dampsfchlauch oft genug zischen lassen wie eine gewöhnliche Rafenspritze. wenn man Daükhage glauben wollte. Aber heute war der Dampfschlauch