Gießener ZamilieMütter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang K925 _______________ Dienstag, den 25. August Nummer 68 Vereinsamt. Don Friedrich Dietzsche. Zu seinem 25. Todestag«. M« Krähen schvein und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es fchnein — wohl dem, der jetzt noch Heimat hat! Qlup stehst du starr, schaust rückwärts, ach, wie lange schon I Was bist du, Darr, vor Winters in die Welt entfloh»? Die Welt — ein Tor zu tausend Wüsten stumm und kalt! Wer das verlor, was du verlorst, macht nirgends halt. Dun stehst du bleich, zur Winter-Wanderschaft verflucht, dem Rauche gleiche der stets nach kältern Himmeln sucht. Flieg, Bogel, schnarr dein Lied im Wüstenvogelton! — Bersteck, du Darr, dein blutend Herz in Eis und Hohn! Die Krähen schrein und ziehen schwirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schnein, weh dem, der keine Heimat hat! Nietzsches Zukunftsbild Europas. Bon Dr. Friedrich Spree». Als Friedrich Nietzsche am 25. August 1900 die müden Augen für immer schloß, waren noch kaum die ersten Keime seiner Jdeensaat aufgeschossen. Das Zeitalter, dessen Werke er in einem heldenhaften Riesenkampf des Geistes zertrümmert hatte und an dessen Berständnislosigkeit er selbst zu Grunde ging, bot der Stimme dieses Predigers in der Wüste keinen Widerhall und erst die Borzeichen einer nahenden Katastrophe bereiteten seiner Botschaft den Weg in die Herzen. So ist er in den Jahren vor dem Kriege zum einflußreichsten Denker geworden, mit dem sich jede bedeutende Persönlichkeit, ja alle Kulturdöl^r auseinandersetzen muhten, und seine lebendige Macht erwies sich auch darin, daß man seine Lehre in dein Feldzug des Hasses gegen Deutschland mißbrauchte. Später haben Franzosen und Engländer selbst zugestanden, wie unsinnig es war, diesen Der- künder des geistigen Ringens um die Höherzüchtung der Menschheit zu einein Verteidiger der brutalen und maschinellen Mittel der modernen Kriegführung zu machen. Der Franzose Gabriel Brunet ging sogar so weit, ihn als den Vorkämpfer des Völkerbundes, als den Anwalt der „Vereinigten Staaten von Europa" zu verherrliche. Das Zukunftsbild, das Dietzsche in seinen letzten Schriften von der Gestaltung Europas und der Welt entwarf, darf aber nicht an der Kleinheit unserer heutigen Zustände gemessen werden; es ist eine kühn« und großartige Vision, die weite Entwicklungsspannen überschaut und ihren inneren Wahrheitsgehalt durch die Gewalt der genialen Persönlichkeit erhält. Immerhin hat sich die Gabe der Vorhersage, die er dem echten Philosophen nachrühmt, doch schon insofern an ihm bewährt, daß sich gewisse Voraussetzungen erfüllt haben, die in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts, da der Einsiedler von Sils Maria sein Zukunftsbild entwarf, noch unendlich fern oder unmöglich erschienen. Nietzsche sagte damals, als der Weltbrand noch nicht am Horizont wetterleuchtete, Europa trete in ein neues kriegerisches Zeitalter ein, und er knüpfte diese Epoche an Napoleon an. „Napoleon verdankt man es," sagte er, „daß sich jetzt ein paar kriegerische Jahrhunderte aufeinander folgen dürfen, die in der Geschichte nicht ihresgleichen haben, kurz, daß wir ins klassische Zeitalter des Krieges getreten sind." Aus diesen Erschütterungen, Krisen und.Kämpfen aber hoffte er, würden neue heilsame Werke entstehen. Er glaubte an eine „Vermännlichung Europas" und ersehnte ein tapferes, wagemutiges Geschlecht „vorbereiteter Menschen": „Ich begrüße all« Anzeichen dafür, daß ein männlicheres, ein kriegerisches Zeitalter anhebt, das vor allem die Tapferkeit wieder zu Ehren bringen wird! Denn es soll einem noch höheren Zeitalter den Weg bahnen und di« Kraft sammeln, welche jenes einmal nötig haben wird — jenes Zeitalter, das den Heroismus in die Erkenntnis trägt und Kriege führt um den Gedanken und ihrer Folgen willen." Für diese Entwicklung, die über die nationalen Kriege zu einer „Vernichtung der Nationen" und zu einer Vereinheit- lrchung Europas führen sollte, versprach er sich viel von den Deutschen, diesem „Volk der Zukunft", das seine eigentliche Ausprägung noch nicht gefunden, das „erst wird", „sich entwickelt". Durch diese Fähigkeit des Wandels und Werdens seien sie berufen, Mittelpunkt und Bindeglied des „Einen Europas" zu werden. Diesen „Prozeß des werdenden Europas" hat er immer wieder zu ergründen gesucht. Persönlichkeiten wie Goethe, Beet- »oven, Heme, Schopenhauer, Richard Wagner, deren eigen t- M>e Gesamtrichtung auf eine Synthese der europäischen Grund- rrafte hrndrangte, schienen ihm den „Europäer der Zukunft" vorwegzunehmen, und er beschreibt diesen Typus eingehend in dem Aphorismus: „Renne man es nun Zivilisation oder Vermenschlichung oder Fortschritt, worin jetzt die Auszeichnung des Europäers gesucht wird; nenn« man es einfach, ohne zu loben! und zu tadeln, mit einer politischen Formel die demokratische Bewegung Europas; hinter all den moralischen und politischen Vordergründen, auf welche mit solchen Formeln hingewiesen wird, vollzieht sich ein ungeheurer physiologischer Prozeß, der Prozeß einer Anähnlichung der Europäer, ihre wachsende Los- l° ung von den Bedingungen, unter denen klimatisch und stäw- disch gebundene Rassen entstehen, ihre zunehmende Linabhängig- leit von ledern Milieu — also die langsame Heraufkunft einer wesentlich übernationalen und nomadischen Art Mensch, welche, physiologisch geredet, ein Maximum von Anpassungskunst und -kraft als ihre typische Auszeichnung besitzt." Die kriegerischen Wirren, die Nietzsche vorauSsieht, und aus denen sich, der neue Menschheitsthpus bilden soll, sind von kulturellen Katastrophen begleitet, di« der Philosoph in feinem ”®er Wille zur Macht" als den „europäischen Nihilismus ausführlich dargestellt hat. Das ist der notwendige Zusammenbruch der bisherigen höchsten Wert«, aus dem di« „.Umwertung aller Werte" geboren werden muß. Es ist interessant, daß Nietzsche diesen nihilistischen „Zwischenzustand" mit Rußland in Verbindung bringt, von dein er die schwerste Gefahr str die Einheit Europas Herkommen sieht. Im „Jenseits von Gut und Döse" deutet er an, er erwart« „eine solche Zunahme der Bedroh lichkkit von Rußland, daß Europa sich entschließen müsse, gleichermaßen bedrohlich zu werden, nämlich einen Willen zu bekommen, der sich über Jahrtausend« hin das Ziel setzen könnte! — damit endlich in langgesponnene Komödie seiner Kleinstaaterei und ebenso seiner dynastischen wie demokratischen Vielwollerei zum Abschluß käme." Das Heil für die künftige Neugestaltung der Menschheit erblickt Nietzsche in der „Dernatürlichung" des Lebens. Der Neuaufbau der Kultur muß nach den natürlichen Gesetzen erfolgen, die er unter dem Begriff des „Willens zur Macht" zusamrnen- faßt. Macht aber ist nicht etwa rohe Gewalt, sondern in ihr vereinen sich all« schaffenden, aufbauenden, lebenfördernden, zum Höheren emporführenden Kräfte. Di« Besitzer dieser Macht werden die „Herren der Welt" sein, denn „über den Rang entscheidet das Quantum Macht, das du bist". „Der Anblick des jetzigen Europäers gibt mir viel« Hoffnung", sagt der Prophet. „Es bildet sich da eine verwegene, herrschende Rass« auf der Breits einer äußerst intelligenten Herdenmasse", und er erwartet „eins höhere Art Menschen, die sich, dank ihrem Liebergewicht von Wollen, Wißen, Reichtum und Einfluß, des demokratischen Europas bedienen, als ihres gefügigsten und beweglichsten Werkzeuges, um di« Schicksale der Erde in die Hand zu bekommen, um am „Menschen" selber als Künstler $u gestalten". Doch diese neue Hervenrasse muh aus dem Volk, dem. Boden erwachsen. „Der Dauer ist heute der Deste, und Bauernart soll Herr fein.“ Die zunehmende Lleberfeinerung und Komplizierung der Ver- hältnisse wird zu einer „wirtschaftlichen Einigung Europas" auf einer gesunden naturgemäßen Basis führen. Boller Hoffnung, mit sieghaftem Glauben an ein neues Menschheitsglück, an einen nahenden Menschheitsfrühling blickte Nietzsche in di« Zukunft. Das ist sein hohes Vermächtnis an unsere Gegenwart, die sich durch keine „Llntergangsstimmung" schwächen lassen darf. Ein „Zeitalter der Feste" skizzierte er in einem Blatt, das aus seinem Nachlaß veröffentlicht wurde: „Die Menschheit wird sich im neuen Jahrhundert vielleicht schon viel mehr Kraft durch Beherrschung der Natur erworben haben, als sie verbrauchen kann, und barm wird etwas vom - 270 — Luxushasten unter die Menschen kommen, von dem wir uns jetzt feine Vorstellung machen können. Gesetzt, der Idealismus der Menschen in ihren Zielen bliebe nicht stehlen, so könnte» dann großartige Unternehmungen gemacht werden, tote tour sie jetzt noch nicht träumen. Allein die Lustschiffahrt wirst alle unsere Kulturbegriffe über den Haufen. Statt Kunstwerke hu schaffen, wird man die Matur im großen OKaße verschönern in ein paar Jahrhunderten Arbeit, um zum Beispiel die Alpen ails ihren Ansätzen und Motiven der Schönheit zur Vollkommenheit zu erheben. Ein Zeitalter, der Architektur kommt, wonian wieder für Ewigkeiten, wie die Romer, Baut. Man wird die zurückgebliebenen Völkerschaften Asiens, Afrikas, usw. als Ar- £Xr »XX, die Bevölkerungen des Erdbodens werden anfanqen, sich ßu mischen. Wenn man an die Vergangenheit denkt wird man an den düsteren Trübsinn und die trage Beschaulichkeit derselben denken. Feuer uiid üleberschuß an Krast: »olge der gesunden Art zu leben. Am eine solche Zukunft vorzubevm^n, müssen wir die Trübsinnigen, Griesgrämigen,« Rorgler, Pessimisten separieren und zum Aussterben Bringen. Die Messe des Gottlosen. Von Honvre de Balzac. (Schluß) Ihre Schwächen werden Laster genannt. Ihr Gutes heißt Verbrechen. Haben Sie jemanden gerettet, so war s nur, weil Sie ihn umbringen wollten. Erholt sich Ihr Patient, rechnen Sie nur darauf, daß es heißen wird. Sie hätten ferne vorübergehende Heilung mit seiner ganzen Zukunft erkauft. Tlnd ist er nicht tot, flo wird er doch sterben. Straucheln Sie einmal, und schon lacht die Welt und freut sich, daß Sie gefallen sind. Machen Sie eine Entdeckung, bestehen Sie auf Ihren Rechten, dann, sind Sie em schwer zu behandelnder Herr, der feinen von der jungen Generation emporkommeii läßt. So, mein Lieber, kommt es, daß ich an Gott. zweifle, aber am Menschen verzweifle ich. Kennen Sie nicht in mir einen Desplein, unendlich verschieden von dem andern, über den jeder nur Boses weiß? Aber toir wollen nicht mehr in diesem Haufen Schmutz herumstochern. ' Run, ich wohnte in diesem Hause, ich bereitete mich auf mein erstes Examen vor, und in der Tasche hatte ich! keinen Heller. Sie wissen, wie ich's meine, ich war so weit, so hoch oder so tief, daß ich mir sagte: Alles oder nichts! Ich hatte.eme Hoffnung, ich erwartete von daheim einen Koffer voll mit Wasche, ein Geschenk meiner alten Tanten, die von Paris keine Ahnung haben, anstatt dessen aber führen sie in ihrem Geist Buch über ihre Hemden und mögen dabei auch glauben, daß ihr Herr Resse mit feinen dreißig Franken sich nur von Wachteln und Rebhühnern nähre. Die Kiste kommt an, während ich auf der Hochschule bin. Das Porto hatte vierzig Franken gekostet. Der Portier, ein Deutscher, Seiler von Beruf, der auf einem Hängeboden hauste, hatte den Betrag ausgelegt und bewahrte als Pfand den Koffer. Ich gehe straßauf und straßab und kann doch! keinen Schachzug finden, der mir meinen Koffer wiedergibt, ohne die vierzig Franken, die ich doch, erst zahlen kann, nachdem ich den Inhalt verkauft habe. Meine Begriffsstutzigkeit sagte, mir, daß ich zu nichts anderm taugte als zur Chirurgie. Mein Lieber, die reineren Geister, deren Kraft sich auf edlerem Gebiete entfaltet, sie haben nicht den Kopf für Schliche und Winkelzüge, sie find arm an Hilfsmitteln, verborgene Quellen aufzuspüren ist nicht ihre Stärke, sie kombinieren zu schwerfällig. Ihr Genie ist der Zufall. Sie suchen nicht, aber es kommt ihnen entgegen. Endlich, nachts, kehre ich zurück, und zwar gleichzeitig mit meinem Aachbarn, einem Wasserträger, einem Manne aus Saint» Flour namens Bourgeat. Wir kannten uns nicht besser und nicht schlechter als tausend Mieter, deren Zimmer auf denselben Flur hinausgehen, man hört einander während des Schlafes, beim Husten, beim Anziehen und so weiter und schließlich gewöhnt man sich an das Gesicht. Mein Rachbar ließ mich wissen, daß mich der Wirt, dem ich für drei Monate schuldete, gekündigt hatte.morgen sollte ich ziehen. Ihn hatte man heraus- geworsen seines Berufes wegen. Diese Rächt War die schwerste meines Lebens. Woher einen Dienstmann nehmen, der mein armseliges Gepäck, meine Bücher fortschleppte? Wie ihn bezahlen und wie den Portier? Wohin gehen? Fragen, die nicht zu lösen waren. Ich wiederholte sie mir immer wieder in meinen Tränen, wie ein Irrer, der ewig seine gleiche Litanei herunterbetet. Ich schlief. Ein Gutes hat ja die Misere, einen herrlichen Schlaf mit wunderbaren Träumen. Am nächsten Morgen, als ich mein Mahl aus Brot und Milch einnehme, tritt Bourgeat ein und sagt in seinem schlechten Dialekt: „Mein liebes Herr Studentchen, bin kein reicher Mann, Findelkind aus dem Findelhaus in Saint-Flour, hab nicht Vater noch Mutter und nicht genug Geld, um zu heiraten. Sie haben wohl auch keine rechte Familie und niemanden, der was springen läßt? Ra, hören Sie, ich habe unten mein Handwagerl stehn, kostet mich zwei Groschen die Stunde, unsere Siebensachen haben schon Platz drauf. Wollen wir beide Wohnung suchen, gelt, weil wir schon mal hier herausgeschrniissen sind? Es gibt anderswo auch was Besseres, das Paradies ist noch was Höheres." „Ich weiß es wohk, mein guter Bourgeat, aber so leicht geht das nicht, denn ich habe unten einen Koffer, in dem sind für hundert Taler Wäsche, damit konnte ich dem Wirt zahlen und dem Portier, was ich schuldig bin. Ich habe keine fünf Arm seines Dieser Mann, Franken." „Ach was, man hat schon selbst ein paar Moneten," antwortete mir lustig Bourgeat und zeigte mir seine fettige Lederbörse, „behalten Sie nur Ihre Wäsche". Bourgeat bezahlte also meine Miete für drei Monate, auch meine Schuld, und entlohnte den Portier. Dann brachte er alle unsere Habseligkeiten in den Karren, spannte sich vor und zog ihn durch! alle Gaffen und hielt unweigerlich vor jedem Schild, wo Zimmer zu vermieten standen. Ich stieg hinauf, um die Zimmer anzusehen. Aber mittags irrten wir noch im Quartier latin umher, hatten nichts gesunden. Der Preis war stets das größte Hindernis. Bourgeat schlug nun vor, bei einem Weinhändler zu Mittag zu essen, an dessen Schwelle mir unsere Karre stehen ließen. Gegen Abend bemerkte ich in dem Rohanschen Hofe, in der Passage du Eommerce, oben unter dem Dache, zwei- Zimmerchen, getrennt durch eine Treppe. Da konnten wir beide für je sechzig Franken Miete im Jahr wohnen. Run waren wir untergebracht, mein schlichter Freund und ich. Wir aßen zusammen. Bourgeat, der seine fünfzig Sous im Tage verdiente, hatte ungefähr hundert Taler im Vermögen, und so konnte er bald hoffen, feine Träume in Wirklichkeit umzufetzen, nämlich eine Wasser tonne und ein Pferd zu kaufen. Run lernte er meine Lage kennen, denn er verstand es meisterhaft, meine Geheimnisse herauszubekommen und dabei zeigte er so viel Feingefühl, daß mein Herz jetzt noch zittert, wenn ich mich dessen erinnere. Rein, er verzichtete vorläufig auf die Erfüllung seiner Wünsche. Er war Straßenhändler feit zweiundzwanzig Jahren, nun opferte er das Resultat seines ganze» Lebens, seine hundert Taler für meine Zukunft." Hier drückte Desplein leidenfchaftlich! den Freundes. „Er gab mir das Geld für meine Prüfungen. Dieser Mann, hören Sie, lieber Freund, er allein hatte begriffen, daß ich eine Berufung hatte, daß die Vorrechte meines Geistes den Rang vor den feinen hatten. Er gab sich mit mir ab, nannte mich feinen Kleinen, gab mir das Geld für Bücher, manchesmal kam er ganz leife herein, mich arbeiten zu sehen. Endlich traf er, vorsorglich wie eine Mutter, alle Vorkehrung, meine schmale, schlechte Rahrung durch reichliche, krästtge zu ersetzen. Bourgeat, ein Mann von vierzig Jahren ungefähr, hatte das Aussehen eines Bürgers des Mittelalters, eine gewölbte Stirn, einen Kops, den ein Maler für ein Modell des Lykurg hätte nehmen können. Der arme Kerl hatte das Herz überall von Liebe. Er wußte nicht, wohin damit. Rie war er geliebt worden — nur einmal von einer Pudelhündin, die feit kurzem gestorben war, nun sprach er mir unaufhörlich von ihr und fragte mich, ob es die Kirche wohl gestatte, daß dem Tier Messen für seine Seelen- ruhe gelesen würden. Sein Pudel war, so sagte er, ein wahrer Christ, der ihn während zwölf Jahren immer in die Kirche begleitet hatte, ohne jemals gM bellen, er horte die Orgeltöne an, ohne Laut zu geben, und blieb zusammen gekauert in einen Stellung wie der eines Beters, mit feinem Herrn gemeinsam die Andacht verrichtend. Dieser Mann übertrug auf mich sein ganzes Gefühl. hab, weiß Gott, meine Last, dir alles in Ordnung zu halten — und wo auf die Dienstboten ohnehin heut nicht zu rechnen ist — — 272 — ’ unb ich all die schwerst.- Arbeit allein tun muh unk» feinen Dank baf%^ Karline hörte einen Augenblick auf, um Wem zu '^Der Bauer war ausgestanden und sagtejetzt'rurvier Worte: „Das Kind kommt her." Aber man merkte dem Don an, daß es ihm diesmal bitterernst mit seinem Will« war. Trotzdem wagte die Karlrne noch «nen Anlauf und qao MrSt* ää ’S sä«™ 7chmen wollen - da ist leichter mit umgehn, als mrt den ^-"Knrich Wittfohl setzte sich zum So-mta^nachmcktaMchlaf SÄ SlSft» Ä «OE beinig, - dann war nichts zu machen, als bessere Stunden abzuwarten.^b Äav(ine nichts übrig, als die Schüsseln hm° auszutragen und die Tür knallend hinter sich rns Schloß zu werfen. „ An einem heißen Frühjahrsnachmittag spannte der Äma aleich nach dem Mittagessen die beiden Braunen vor dm Stuhlwagen. Die Karline hatte sich draußen vor dem Kuchea- stnster auf die Holzbank gesetzt, richtete Gemüse und> sah ihm mit mißtrauischen Augen zu. Er sollte um diese Seit schon draußen bei den Knechten im Heu sein. Dewitz steckte das v-rfluchte Ferienkind wieder dahinter, das ihr schon fo viel Aerger ins Haus gebracht hatte und den Bruder ganz auf- ^'^De^Bauer kam zu ihr im Sonntagsrock, die Peitsche in der Hand. „Ich fahr' zum Bahnhof," sagte er. »Die Hamburg« Kinder kommen heute an. Wir sind zum Abholen hinbestellt. Du weißt ja, wie ich's gehalten haben will. Ist die Giebelstube U' O Ich'nlein', so eins kann bei der Stine schlafen. Das spatt Wäsche. And man kann nie wissen, was so Kinder an. sich haben — ich möcht's nicht neben meiner Stube haben. Die Stine hat ohnehin das große, zweischläfrige Bett Das Kind schläft nicht bei der Stine, — sagte der . Bauer, und da war wieder der Blick in ^nen Aug«a und der Ton in seiner Stimme, wogegen die Karlme sich machtlos fühlte Du machst das Bett ordentlich, wie sich s gehört, in der Giebelstube auf und schaust nachts nach dem Kinde, wenn es not tut. Sailer setzte sich aus den Dock und fuhr vom Hof, ohne die Schwester weiter anzusehen. So blieb der Karttne nichts anderes übrig, als das Bett in der Giebelkammer für das fremde Kind zu rüsten. . Gegen Abend wurde sie unruhig vor lauter Neugierde, was der Bruder mit heimbringen würde. Sie sah immer wieder nach dem Wagen aus und hatte keine Ruhe in Küche und Stube Der Bauer fuhr derweil im Abendfrieden langsam durchs stille Land. Reben ihm auf dem Dock satz ein blasses, -Meres, etwa zehnjähriges Mädel, das mit großen Augen um sich sah. Die anderen Dauern waren wählerischer gewesen und hatten gleich zugegriffen und sich die gesunden, arbeitsfähigen Kinder ausgesucht. Als Hinrich Wittfohl auf seine langsame Art heran- kam, war nur noch die Liesbeth Dedekind zu haben gew^en. Ganz verschüchtert stand sie neben dem Pastor, der die Der- teilung der Kinder auf die einzelnen Höfe besorgte, und meinte schon, daß gar niemand sie haben wolle. Aber sie gefiel Hinrich Wittfohl gleich, so wie sie war, mtt den großen braunen Augen und den festen Zöpfen, die ordentlich um den Kopf gebunden waren. So machte er keine weiteren Worte und ließ, den Pastor anschreiben, daß er die Liesbeth Dedekind für zwölf Wochen in sein Haus aufnehmen, gut verpflegen und behandeln wolle. Dann hatte er sie neben sich auf den Bock gehoben und war zufrieden mit ihr durch den schönen Frühlingsabend heimwärts gefahren. Die Braunen waren vom Stehen und den vielen Fliegen unruhig geworden, und der Bauer mutzte zuerst auf die Zügel achten. Als er dann seinen Schützling anschaute, sah er in ein frohes Kindergesicht, „Das ist fein,“ sagte die Liesbeth. „Mit Vater hab ich auch einmal auf dem Bock gesessen. Da war ich noch klein. Da fuhren wir z über Großmutter in Vierlanden. Die hatte auch Kühe und Schweine und lud uns oft ein.“ „Warum gehst du denn jetzt nicht mehr hin?“ fragte der Dauer. „Die Großmutter ist lange tot, und mein Vater im Krieg gefallen. Wir wohnen jetzt unterm Dach und kommen nie mehr aufs Land, — da bin ich ausgesucht, daß ich mich hter erhole» soll. Aber Mutter ist nun ganz allein und hat so geweint, als sie mich heute morgen zum Bahnhof brachte." »Hast 6u denn keine Geschwister, Liesbeth?" Das Kind schüttelte den Kopf. „Weine beiden kleinen Brüder sind gestorben. Mutter näht Soldatenhosen. Aber es ist alles so teuer in Hamburg. And manchmal ist Mutter auch krank." Die Kleine hatte eine andere Sprache als die Kinder hierzulande, es klang feiner und leichter. Das gefiel dem Dauer, und es wurde ihm nicht schwer, ihr zu antworten. Er ließ die Pferdet im Schritt gehen, zeigte dem Kinde die Dörfer, Felder und Wälder am Wege, utro sie wurden gut Freund. Ganz stolz kam der Bauer mit feinem Schützling heim. Die Karline hatte den Wagen kommen sehen, sich aber dann in die Küche zurückgezogen. Jetzt hantierte sie am Herd und tat, als ob sie alles nichts anginge. Hinrich brachte das Kind zu ihr. „Das ist meine Schwester," sagte er. „Sie wird für dich sorgen, Liesbeth. Du kannst fte Tante Karline nennen. — Zeig dem Kind fein Zimmer, Karline — ich muß noch nach den Pferden sehen." — Beim Abendessen satzen die drei schweigend zusammen. Die Karline gab dem Kinde reichlich von der guten Rahmgrütze. aber es war, als ob sie ihm in den Mund gucke und die Dissen zähle. Die Kleine war still und ängstlich geworden und froh, als sie dem Bauer mit einem Knix Gutenacht sagen und in ihrs Kammer hinaufgehen konnte. Die Karline machte sich in der Küche zu tun. Ws sie wieder hereinkam, saß der Dauer im Halbdunkel mit seiner Pfeife am Fenster. „Schläft die Kleine?" fragte er. „Wird schon schlafen," brummte die Schwester. „Vorhin lag sie noch mit so hungrigen Augen im Dett, als ob sie immer noch nicht satt wäre. So ein armseliges, verhungertes Geschöpf! Nichts im Magen, nichts am Leib und nichts Ordentliches in dem alten Handkoffer, den ich eben aus» gepackt habe — lauter verschossenes, billiges Zeug war darin. Du sollst mal sehen, was für 'ein Loch uns das Kind in meine schönen Vorräte frißt, — wo ohnehin alles fo teuer und knapp wird." „Das braucht dich nicht zu kümmern," sagte der Dauer. „Wenn ich selbst Kinder hätte, müßten sie auch essen und satt werden." „Meinswegen kannst du lieber heut als morgen heiraten," fiel die Karline bissig ein. „Ich hab doch nichts als Arbeit und Aerger hier. And wo ich doch die schöne Wohnung im Stift habe und mein Auskommen — und es nicht nötig hätte, mich mit allerlei hergelaufenem Pack herumzuschlagen." „Du kannst jeden Dag gehen — je eher, je lieber. Die Tür steht offen," sagte der Dauer. And dann stand er auf und ging in fein Blumengärtchen und sah die letzten verspäteten Immen heimkommen und sand seine Rahe wieder. Am andern Morgen mußte er früh mit den Knechten aufs Feld. Ms er zum Frühstück heimkam, stand die Kleine am Hoftor, blaß und schmal, ein Butterbrot in der Hand. Er nahm sie mit in die Stube, und sie mutzte sich zu ihm an den gedeckten Tisch setzen. Er legte ihr Bratkartoffeln und Mettwurst auf den Teller unb strich ihr ein paar große Brotscheiben mit dicker, goldgelber Butter. „Schlaf dich nur morgens aus,“ sagte es. „Du kannst dann mitessen, wenn ich zum Frühstück komme — schmeckt's?“ Das Kind nickte. Die Karline saß stumm und verdrießlich dabei. „Kommst mit?“ fragte der Bauer das Kind, als die Mahlzeit beendet war. Die Kleine sprang aus und fahte seine Hand. „Sie kann hierbleiben und Kartoffeln schälen,“ sagte die Karline. „Ihre Arbeit muß sie auch haßen, Heinrich." „Mit den Düffeln und der andern Arbeit seid Ihr doch sonst auch allein fertig geworden", meinte der Dauer. „Das Kind muh an die Lust. Ich nehm's mit auf dem Wagen ins Heu. Das wurde ein wundervoller Morgen für das Serien» lind! — In lauter Sonnenschein und Dlütendust saß die kleine Liesbeth im hohen Gras. And oben auf dem Heuwagen kam sie • am Mittag mit dem Dauer heim. Nach dem Essen schickte er das Kind in die Giebelkammer zum Ausruhen. Später ging's wieder den langen, schönen Sommernachmittag ins Heu. Nach Feierabend saßen die beiden nebeneinander auf der Gartenbank. Der Bauer erzählte von seinen Blumen und Immen und freute sich, daß die Kleine ihn verstand, und meinte, daß sie sich heute schon mehr Farbe und hellere Augen geholt hätte. Die Karline fand diese Freundschaft sehr überflüssig und sammelte in der nächsten Zeit einen rechten Groll in sich an. Sie war nicht schlecht gegen die Liesbeth, gab ihr auch genug Butter aufs Brot, aber kein gutes Wort dazu. Wenn das Kind, das freundlich und gefällig war, ihr seine kleinen Dienste anbot, fuhr sie es an: „Nein, du sollst nicht helfen. Du bist ja nur ein Prinzetzchen, das sich hier erholen soll." ---So gingen ein paar Wochen ins Land. Die Erntezeit ßand vor der Tür. Trotz des regnerischen Frühlings und des yeißen Sommers stand das Korn auf dem schweren Boden gut. und der Dauer war in diesem Jahre besonders dankbar für den so nötigen Erntesegen. (Schluß folgt.) tzchriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv.-Duch- und Steindruckerei. R. Lang:. Gießen.