Eichener zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang 1925 Samstag, den 25. Juli Nummer 59 Gedicht. Sieh, die Sonne sinktl Eh sie sinkt, eh mich Greisen ergreift im Moore Rebeldust, entzahnte Kiefer schnattern und das schlotternde Gebein — Trunkener vom letzten Strahl, reih mich, ein Feuermeer mir im schäumenden Äug', mich Geblendeten, Taumelnden, in der Hölle nächtliches Tor. In der Postchaise am 10. Oktober 1774 geschrieben von Wolfgang Goethe. Der geschichtliche Ulrich von Hutten. Von Dr. WilhelmDersch, Staatsarchivrat in Marburg. Als vor zwei Jahren der Todestag Lllrichs von Hutten zum vierhundertsten Male begangen wurde, waren Zeitschriften und Tageszeitungen voll von Ruhm und Lob für diesen heldenhaften Mitstreiter Luthers und unerschrockenen Vorkämpfer der Freiheit und ‘ des Rechtes. Dieses Urteil ist heute noch. Gemeingut der überwiegenden Mehrheit des protestantischen Volkes und griindet sich im wesentlichen auf die 1858 zum erstenmal erschienene Hutten- Viographie des Dr. F. Strauh, die zuletzt (1914) durch O. Clemm im Jnselverlag neu aufgelegt wurde und dadurch erneut weite Verbreitung gefunden hat. Richt immer dachte man so wohlwollend über Hutten. Erst Wiftand und Herder brachten ihm wärmere Teilnahme entgegen, und Strauh schätzte ihn als Menschen wie als Politiker gleich hoch ein, während den Zeitgenossen der unbändige Draufgänger und Agitator bald unbequem geworden war. Melanchthon traute ihm Schlimmes zu, und Luther sprach von dem „stolzen, frechen frevlen Menschen", der seine Kunst mihbrauch.t und das Voll zum Aufruhr verleitet habe. Auf dem Wormser Reichstag 1521 konnte man die höhnenden Worte hören: „Hutten bellt nur, er beisst nicht; er droht, aber er schlägt nicht". In der schonen Literatur blieb der mit dem Dichterlorbeer gekrönte Ritter, man denke an C. F. Mever, ein gern verherrlichter Stoff. Seine schriststelle- rischen Fähigkeiten waren lange unbestritten. Und doch, hat schon A Vilmar in seiner Geschichte der deutschen Rattonalliteratur hart geurteilt, wenn er schreibt: ... Hutten, dessen weltberühmte (Satiren kaum der deutschen Literaturgeschichte anheimfallen, da sie ursprünglich lateinisch geschrieben waren und sich also, tote die epistolae obscurorum virorum gar nicht übersetzen lassen, vder, wie die Gespräche in der von Hutten selbst besorgten älebersehung das beste Salz verlieren. Auch ist seine Klagrede weit mehr eine Strafschrift als eine Satire, so dah eine Eharak» teristik dieses merkwürdigen Mannes fast ganz aus unserem Gebiete heraus und dem der deutschen Kulturgeschichte zufallen mutz." Später hat Vilmar fein Urteil über Hutten noch einmal zusammengefaht in den bitteren Worten, die ziemlich vergessen sind: „1523 August 31 starb Ulrich von Hutten, gewöhnlich als ein Held der evangelischen Freiheit angesehen, muh sich die evangelische Kirche diesen Helden ernstlich verbitten, welcher Nichts anderes vertrat als das zügellose Hinausstürmen in das Ziellose und Grenzenlose, das wüste Leben des auf seine Unabhängigkeit trotzenden niederen Adels, den Witz und die Dar- ftellungsfäbigkeit, aber auch die älnstätheii und Lockerheit der neuen philologischen Gelehrten, dagegen aber von dem Inhalte der evangelischen Lehre keine Ahnung hatte." Auch die Historiker des 19. Jahrhunderts, nicht nur die katholischen, fanden bisweilen Worte scharfer Verurteilung. W. Maurenbrecher schreibt (1880): „Hutten war bei allem literarischen Talente, bei allen schriftstellerischen Leistungen ein Mann ohne Charakter". Reuerdings ist Professor Paul Kalkoss in Breslau auf Grund eindringender Forschungen über die Entscheidungsjahrs der Reformation und ihrer Persönlichkeiten zu einer Charakteristik Huttens gekommen, durch welche das unter romantischen Einflüssen übermalte Vild schonungslos in seiner Ursprünglichkeit xnthüllt wird. Der wilde Knabe hatte von seinem rauhen Vater eine älnruhe geerbt, die ihn schlechterdings für das Klosterleben, zu dem er bestimmt war, unfähig machte. Seine Lehrmeister in Fulda waren nichts weniger als nachahmenswerte Vorbilder. Ein Mönchs- gelübde hat Hutten wohl nie abgelegt. Die ehrwürdige Bücher- sammlung der Abtei verlockte den Leichtfuh, einige Handschriften sich anzueignen. In Erfurt und Italien lernte er die Fertigkett, lateinische Verse zu schmieden. Sein Oheim, der mainzische Marschall und Hofmeister Frowin von Hutten, „der Heckenreiter" und Freund Sickingens, der in der Pfarrkirche zu Grohsteinheim begraben liegt, verschaffte ihm beim Kurfürsten von Mainz ein Jahresgehalt, dem die tatsächlichen Leistungen des unsteten, pflichtvergessenen Humanisten nicht entsprachen. Er und Sickingen waren beteiligt an den schmählichen Ränken, durch welche die Wahl Kurfürst Friedrichs des Weisen von Sachsen zum deutschen König am 27. Juni 1519 wieder rückgängig gemacht wurde. Welche Hoffnungen für den deutschen Protestantismus knüpften sich an dieses dreistündige Königtum des Ernestiners, bis Friedrichs Verzicht den spanischen Karl V. den Thron freimachte! Richt Hutten, sondern der Westfale Hermann von dem Busche hat auf dem Wormser Reichstage Luthers Schutz gegen die Spanier übernommen. Lange galt Hutten als der Verfasser der Flugschrift „Reu-Karsthaus", durch welche die Bauern für das Evangelium gewonnen werden sollten, jetzt wird die Verfasserschaft Martin Dutzer zugeschrieben. . Gleichwie Hutten politisch versagte, so fand er auch ber- evangelischen Bewegung gegenüber nicht die innere Anteilnahme und das rechte Verständnis, weil er eine unkirchliche, ja unreligiöse Matur war. Daher mutz er als Schädling der evangelischen Sache gelten, hat er doch selbst Luther in wichtigen Lebenslagen vreisgeaeben und den eigenen Vorteil gesucht. Rachdem er Ende August 1520, vom Papst gebannt, aus Mainz hatte fliehen müssen und auf der Ebernburg Unterkunft gefunden, scheute er sich nicht, während des Wormser Reichstages mtt Luther eine Verbindung anzubahnen, die, wenn sie durchgeführt worden wäre, dem Reformator den Schutz des sicheren Geleites aekostet hätte. Geradezu verbrecherisch, war der von Hutten verkündete „Psaffenkrieg", der sich in gemeinen Erpressungen und Stratzenräubereien äußerte. Daß dabei die eigenen teeren Taschen deS immer gelSbedürftigen Vaganten gelegentlich gefüllt werden sollten, ist sehr wahrscheinlich.. Sickingens Ende bedeutete zugleich Huttens Ausgang. Alm der Reichsacht zu entgehen, wandte sich Hutten nach der Schweiz, wo er auf älfnau im Züricher See den Folgen der Lustseuche,. die seinen Körper aufgezehrt hatte, erlag. Luther hatte den Zudring- ling schon längst abgeschüttelt. Beider Verhältnis zueinander ist stark überschätzt worden. Don einer Abhängigkeit Luthers kann erch recht keine Rede sein. Hutten war ein führender Geist, ein Mitläufer". „Bei der Verblendung, mit der Hutten auch den reichspolitischen Fragen seiner Zeit gegenüberstand, bei der Sprunghaftigkeit seines Wesens, die den Pfaffenstand mehrfach nach Versorgung an bischöflicher Tafel streben lietz, eignet er sich kaum zum Wortführer der Deformation ats einer nationalen Lebensfrage. Rur datz in der schwärmerischen Zeit der Romantik wie in den dumpfen Tagen der Reaktion die Rainen Deutschland" und „Freiheit" von den Machthabern verpönt waren, konnte diesem Eintagsschriftsteller den Ruhm eines nachhaltig wirkenden nationalen Helden verschaffen. (Kalkoff m den Schlesischen Jahrbüchern für Geistes- und Raturwlssenschaften, Jahrgang 2, Rr. 4, Breslau 1924.) Das Rheinische Theater auf der Kölner Iahrtaufendausstellung. Von Otto Klein. Das Theater, von jeher getreues Spiegelbild der bunten, vielgestaltigen Welt, ist als Kulturfaktor erst in neuerer Zeit in seiner weiftpannigen Bedeutung richttg erkannt, und wissenschaftlich gewürdigt worden. Auf den „Brettern, die die Wett bedeuten", beschwören wir das Vergangene herauf und beschauen uns selbst im Spiegel heutigen, gestalteten Lebens. Vergangenheit wird im knisternden Rampenlicht und tm Trugbilo der Kulisse zu lebendiger Gegenwart; am Gegenwärtigen aber bilden wir uns zu wissenden Werkleuten einer besseren Zukunft. Was uns sonst toter Buchstabe, individuelle Schau eineS Einzelnen tm Ausschnitt eines gemalten oder gezeichneten BtldeS, was uns sonst unentwirrbares Chaos erschien — tm ^eater toirb e3 lebendige Gestalt, der Geist erlebt seine immer toteberfe&wwa Menschwerdung und der gordische Knoten des chaotischen WAt- bildes wird zu kosmischer Einheit, zu sFbstveritaMichem Sinn bild des Daseins. Aus dieser Wesenhaftigkeit leucytet die große menschheitliche Sendung des Theaters als kulturfordernde 2IW sichtbar hervor. In der Erkenntnis dieser Deutung und Be- deiitung ist das rheinische Theater auf der Kölner c ahr- 234 — Ausstellung gleichfalls mit reichem und viel- itgem AnschauungSmater!al umfassend dargestellt worden. Das für Theater-Wissenschaft an der Universität Köln unter des verdienten Privatdozenten Dr. Carl Messen hat in bindung mit den rheinischen Theatern, Archiven und Stcunm- ehte ungemein fesselnde und wirkungsvolle Schau geschaffen, hie alle Beachtung und jedes Interesse verdient. Welch archi- «ktmrische Wucht spricht doch aus den kleinen, in Holz fein aus- gearbeiteten und kolorierten Rekonstruktionen der Renaissance- Dühne: des nach Holzschnitten alter Drucks hergestellten „Bade- hellen"-Typus der „Terenz-Dühire", ferner die auf Kölner Boden gewachsene,, Laurentiusbühne" von 1581, in der sich das Prinzip der Terenzbühne (Hintergrund mit verschiedenen, bestimmte Hnnenraume andeutenden Eingängen) mit der mittelalterlichen Spielplatzgestaltung des „Nebeneinander" zu wirkungsvoller Einheit ergänzt. Außerdem ist eine alte „Marktbühne" im Modell wu sehen, auf der früher die fahrenden Quacksalber ihre „Reklame- Dramen" aufführten. Das Vorbild zu der Nachbildung dieser Duhnenart lieferte ein Gemälde, das die Marktbühne vor dem Poppelsdvrfer Schloß aus dem 18. Jahrhundert darstellt. Die historische Entwicklung des rheinischen Theaters geht auf die Zeit der Römersiedlungen am Rhein zurück. Aus dem 10. Jahrhundert künden Texte liturgischer Osterf eiern von der Existenz des Theaters, das nun ganz in geistlichen Händen ist. Im 16. Jahrhundert erst trugen bürgerliche Spielgemeinschaften in den am Rhein gelegenen Städten zur Entwicklung des neuen Dramas bei, das sich nunmehr ganz unter humanistischen und religiösen Einwirkungen entfaltet. In diese Zeit fällt die Ausbildung des Prinzips der „Terenzbühne". Die Ausstellung zeigt hier außer einem Modell dieser Äühnenart auch zahlreiche Original-Dokumente, die auf die Tätigkeit der als Wandertruppen über Holland ins Rheinland gekommenen „Englischen Komödianten" Bezug haben. Außer der „Laurentiusbühne", erinnert eine reiche Auswahl von Texten und Programmen an das bedeutsame Theater der Jesuiten, die in der Verwendung des Dramas als Dildungsfaktor die theatralischen Darstellungsmittel zu immer höherer Ausdrucksfähigkeit emporsteigerten und damit die wesentlichste Entfaltung des barocken Theaters am Rhein herbeiführten. Jedoch wurden die Vorbilder des barocken Theaters in Italien, Wien und München weder von den Jesuiten, noch von den glanzvollen Hofhaltungen in Heidelberg und später in Mannheim und Düsseldorf erreicht. Nichtsdestoweniger haben die Theater an den Fürstenhöfen des 17. Jahrhunderts, die zumeist Opern, Ballette und dramattsche Turniere zur Aufführung brachten, einen nicht unbedeutenden Anteil an den fortschrittlichen Errungenschaften italienischer Bühnenkunst. Besonders interessant ist auch eine Reihe von Ausstellungsgegenständen, die das Freilicht-Theater in Schwetzingen veranschaulichen. Texte von Schäfer- ssüelen, Pantomimen, die Partitur des ältesten deutschen Singspiels Günthers von Schwarzburg, geben einen Begriff von dem stofflichen Gehalt der höfischen Theater-Aufführungen jener Zeit. Aeußerst reizvoll ist auch ein Gemälde aus dem Brühler Schloß, das ein höfisches Maskenfest im kurfürstlichen Theater zu Bonn darstellt. Bereits in dieser Zeit, der die bisher erwähnten Ausstellungsgegenstände angehören, strebte man überall in Deutschland und nicht zuletzt auch im Rheinland, nach einem deutschen Nationaltheater. Außer den „englischen Komödianten" erschwerten auch niederländische, italienische und französische Truppen &er zaghaft aufblühenden deutschen Schauspielkunst das Leben. Erst in Mannheim gewann die Idee des Nationaltheaters seine früheste Verkörperung. So bilden insbesondere die Schätze aus dem Mannheimer Theaterarchiv allgemeinste Anziehungspunkte, über denen der Name Friedrich Schiller und die Jahreszahl 1782 Nach dem Original-Theaterzettel erlebten am 13. Januar 1782 „Die Räuber" in Mannheim ihre älraufführung. Außer dem Porträt des verdienten Intendanten von Dalberg fesselt insbesondere das getreue Szenenmvdell der damaligen Aufführung, das den Saal im Hause Moor darstellt. An diesem Modell wird auch die Ausstattungstechnik jener Zeit sinnfällig vor Augen geführt: Ein oft bis ins Einzelne realistisch gemalter Hintergrund-Prospekt, die reich behängte Wand einer Gemäldegalerie und perspektivisch bemalte Kulissen. Pläne des Hoftheaters aus der Schillerzeit, Grundriß und Aufrisse, Pro- gramnie, Dildnisse von Schiller und den Mannheimer Schau- ^vollständigen die an jeden Deutschen sich wendende Ausstellungskoie. Charakteristisch für die Theatersitte jener Zeit or r+'rf« ®Wer,. der „die Schaubühne als moralische ";JrV cFi<’.J-ft auch die Rückseite des erwähnten Theater- f111? der sich der Verfasser mit einer erläuternden Charakteristik der Hauptpersonen an das Publikum wendet und gleichzeitig auf die moralische Nutzanwendung htnweist, die der Tra- godie zu entnehmen sei. Aus der zweiten Hälfte des 18. Jahr- vMderts stammen auch die Theaterzettel reisender Schauspiel- gesellschasten, die in Köln Gastspiele gaben. In den Jahrzehnten nach der französischen Revolution werden alle Versuche, die Schauspielkunst im Rheinland zu pflegen, durch die franzoslsche Kulturpropaganda an ihrem Aufleben verhindert. Einheimische Theatervereine suchten trotz alledenr mit viel idealem i->plermut den deutschen Wandertruppen ein eigenes Heim zu So entstanden um das Jahr 1825 in Köln unter Ringel- Hardts Duhnenleitung bemerkenswerte Formen der Abonnent en- vrganisation. Aber erst das Jahr 1840 wurde zum Markstein der rheinisch-deutschen Theatergeschichte. Bedeutsam gestaltet« sich die kurze Blütezeit der Jmmermannschen Musterbühne in Düsseldorf. Ihres und Jmmermanns ehrenvollem Andenken ist mit Recht im der Ausstellung besonders gedacht worden. Die Ausstellung zeigt außer dem von der Hand deS ehemaligen Düsseldorfer Akademie-Direktors Wilhelm von Schadow gemalte Porträt Jmmermanns auch Briefe und di« Totenmaske des großen Theaterleiters. Vor allem ist hier das Modell der Jmmermann- fchen Shakespeare-Bühne zu erwähnen, auf der eine Szene mit plastischen holzgeschnittenen Figuren aus der berühmten Oluf» führung von „Was Ihr wollt" dargestellt ist. Im weiteren Verlauf des 19. Jahrhunderts nun werden die Leistungen immer schwächer. Ab und $u erreichte man im Rheinland auf dem Gebiet der Oper noch Bedeutsames, das Schauspiel aber trat immer mehr zurück. Bon der Düsseldorfer Theaterkunst um die Wende des 19. Jahrhunderts sprechen die Zeichnungen zu den „Malkasten-Spielen", sowie Szenenbilder aus den Festspielen des seit 1890 bestehenden Rheinischen Goethevereins, die im allgemeinen über das historisierende Meiningertum nicht hinauskamen. Einen Fortschritt zu neuer, vereinfachter Szenenkunst brachte erst das von öoulfe Dumont und Gustav Lindemann begründete Düsseldorfer Schauspielhaus. Das Werden dieses ernsthaft wollenden Theaters zeigen Szenenbilder der älteren Zeit und drei groß« Modelle der Treuesten, wie: Kaiser und Galiläer, Manfred und Herodes und Marianne. Bemerkenswert für die moderne Düsseldorfer Theaterkultur ist auch das Freilicht-Theater, in dem viele Hunderte von Kindern allsommerlich durch gute Aufführungen für gute dramatische Kunst erzogen werden. Daneben spielt das Freilicht-Theater auch für Erwachsene und gewinnt so die Bedeutung eines ungemein wertvollen Kulturfaktors, der vielen anderen Städten noch zu wünschen wäre. Auch das Kölner Theater ist auf der Ausstellung äußerst eindrucksreich vergegenwärtigt, Die Bühnenmodelle von Kölner Theateraufführungem die im einzelnen geschmackvoll durchgearbeitet sind, werden durch eine fabelhafte Beleuchtungskunst zu höchster Jllusionswirkung emporgesteigert. Die bedeutsame, stilbildende Wendezeit der Inszenierungen in den Jahren der Intendanz Martersteig lebt in den Modellen zu Herodes und Marianne und den Nibelungen wieder auf. Aus dem Gebiet der Oper werden die Aufführungen des „Rheingold" von 1902 und 1912 veranschaulicht. Aus der neueren Zeit sind die Operninszenierungen zu Händels „.Julius Cäsar" in der Wiedergabe von 1925 sowie das Bühnen- modell zur Aufführung der „Königin Tamara" von 1924 zu erwähnen. Die übrigen rheinischen Theater sind gleichfalls durch Modelle ihrer besten Inszenierungen vertreten. So wird in zwei Räumen der „Karfreitagszauber" und der „Gralstempel" des Duisburger Stadttheaters stimmungsreich und prachtvoll in der szenischen Aufmachung vorgeführt. Gin Höhepunkt der Theater- ausstellung ist der „Fliegende Holländer" des Essener Stodt- theaters, der den Sturmhimmel und das Geisterschiff in Bewegung darstellt. Hier interessiert insbesondere der technische Dühnenapparat. Die Schattenprojektion von der Hinterbühne aus befreit die Erscheinung des Geisterschiffs von der illufions störenden Stofflichkeit. Das Staatstheater Wiesbaden zeigt u. g. Szenenbilder aus „Nathan der Weise", „Der Schatzgräber", „Figaros Hochzeit" und Erinnerungen an die Maifestspiele der kaiserlichen Zeit. Das Dtadttheater Hamborn ilst mit Inszenierungen des „Woyzek", „Gas" und der „Bajadere" vertreten. Auch die jüngeren Theater von Remscheid und M-Gladbach haben im der Ausstellung ihren gebührenden Platz erhalten, Insbesondere verdient das Stadttheater in M.-Gladbach erwähnt zu werden, das unter der Intendanz von Johannes Heinrich Brauch und unter Mitwirkung des Bühnezeichners Werner Schramm einen bemerkenswerten künstlerischen Aufschwung in ganz kurzer Zeit genommen hat. Hervorragend ist auch die boot Fritz Richard Werkhäuser redigierte Zeitschrift „Die rheinifche Schaubühne", die als Theaterzeitschrist und Programmheft des M.-Gladbacher Dtadttheaters geradezu ein Vorbild für viele andere Theaterzeitschriften sein kann. Alle Einzelheiten dieser bedeutsamen Theaterschau im Rahmen der Kölner Jahrtausendausstellung, die auch das Bolks- theater und das Puppenspiel eingehend berücksichtigt, anzuführen, ist unmöglich. Das eine aber wächst aus der Gesamtheit alles Einzeleindrücke: Die ungemein starke Verknüpfung mit der gesamtdeutschen Theaterkultur wie das Rheinland nach dem Kriege zu einer wichtigen Theaterprovinz eigener Prägung geworden ist Mitternacht. Bon Anna Maria Tilschova. Wie schön der Knabe im Samtkleidchen auf vergilbter altmodischer Photographie, deren Rückseite bedruckt ist: „Weltausstellung, Wien". Die schweren Lider über verschleiertem Blich das weiche Kinn und das zuckende Mündchen. Die seinen Züge sind beinahe mädchenhaft und die schönen schwarzen Augen bückest für ein Kind fast allzu traurig. Alles im Hause schläft. Ernst« nachdenkliche Mitternacht liegt über dem Zimmer und leise spricht der Knabe: „Weiht du noch — wie ich in die Schule ging?" „Ja!" Aber weißt du auch, wie ich errötete, wenn man mich lobte? Weiht du noch wie ich nicht wollte, daß der Vormund mir für ein gutes Zeugnis Geld gab? Wie ich nicht zu ihm gehen wollte, die Großmutter mich zwang und ich deswegen => 288 Immer weinte? »Ist denn das so schrecklich für einen Knaben — einen Dulden zu bekommen für daS Zeugnis?“ „Rein, das nicht. Aber weißt du — ich wollte keine BezahlungI „Mer Ferdi- nanB!“ entgegnete schnell die wunderschöne Frau vom anderen Dildchen her, deren viele und Viele zerstreut bei der Lampe liegen. Äeber weiten Röcken der faltige Mantel, die weiße Halskrause gekreuzt, das runde Hütchen in der Hand, so steht st« nachdenklich bei der Säule. Schon als kleiner Knabe wolltest du immer anders sein als die andern. Warum mußte ich so sung sterben und dich der Großmutter überlassen? Ach, — ich habe es nicht erlebt I Es war mir nicht beschieden, dich zum schönen stattlichen Manne aufwachfen zu sehen — geschweige beim die Gnkelchen in den Schlaf zu wiegen, du mein Süßer, Einziger!" „Rein, Mutter!" Die Augen des Knaben scheinen noch trauriger unter den schweren Lidern. „Ich war wirklich anders. Vergebens wünschte ich mir und bemühte ich mich wie die anderen zu sein. Immer quälte es mich, daß mir Geld keine Freude machte, auch nicht Lob oder Stellung, Anerkennung Md all die andern Dinge, um die sich die andern raufen texte durstige Tiere beim Brunnen! Ich setzte immer zu allem em kritisches Rufzeichen oder ein sentimentales Fragezeichen. An federn Ding hinderte, störte mich oder fehlte mir irgendetwas — H welche unglückselige Sehnsucht nach den Gefäßen ohne Aehle trüg ich mein Leben lang im Herzen! Meine arme gute Mutter _ wie gerne wäre ich den andern gleich gewesen — ich hatte freudiger gelebt und leichter geendet!" So hätten wir dich noch, immer nicht genug geliebt, ich und die Großmutter? Jung und schön war ich und hab doch! nie wieder geheiratet, — nur um dir nicht den Stiefvater ins Hans zu Oh Mutter — tvie du dich betrügst, auch heute noch ! Ihr beide habt mich nur gequält mit dem Aebermaß eurer ängstlichen Liebe. Immer dachte ich daran, daß ich dies alles nie werde ver- E'ten können und dann — eure Liebe war ein Zugel für das ge Pferd, das am liebsten frei gestürmt wäre über amen- ische Prärien! O, warum quälen sich die Menschen gegenseitig aus Liebe, statt daß ihre Liebe große Schwingen hatte, daß sie Flug wäre und Befreiung?" . „ r ‘ Oh, mein Sohn, mein Sohn! - tote tief Ent mich betrübst! Verzeih', daß ich dies tat, Mutter. Aber jetzt liegt alles Brett” enthüllt vor mir, tote ein entkleideter Körper — ganzs anders Äs vorher im Leben!" , ' „ Sag' mir also wenigstens, wie du nach meinem Tode lebtest. Darnach frage lieber nicht, Mutter! Ich starb so tvie du - in voller Gärung ivilder junger Kräfte! Ein junges Weib und unversorgte Kinder verlieh ich und ein begonnenes Werk! „Mein armer unglücklicher Junge!" Ach, nur das nicht — nur bedauere mich mcht. Als Lebender ertrug ich es nicht, bedauert zu werden, und selbst jetzt von Nr, meiner eigenen Mutter, tväre es mir unerträglich Die Enttäuschungen. durch unlautere, selbstsüchtige Seelen, das Sieden, Wirbeln und Kreisen unaushörlich fliehender Gedankm, Sehnsucht nach dem unendlichen Frieden auf der festen Erde, den Durst nach keuschem Glauben, vH! dies alles verschloß ich vor den Menschen im Herzen fest tote mit sieben Schlössern! Damit der fremde Blick neugierig oder mitsiihlend meine menschliche Armseligkeit nicht sähe, meine Schmerzen nicht entweihe! Me habe ich um etwas gebeten, um nichts gebettelt und alles mir selbst erkämpft ohne fremde Hilfe. And du - willst du lemaiiden bemitleiden und ihm eine liebende Träne schenken, so gedenke der kleinen Wesen, die ich dort zurücklieh, einsam ohne Stutze dem schrecklichen Leben preisgegeben texte schwache, haltlose Brunn» chen inmitten flutender Wellen!" „Sag, mein Sohn: und sie - die Mutter deiner Kinder, hast du doch geliebt?" „Geliebt!" „So warst du also doch glücklich? „Ach! — niemals Mutter! Ich — habe im Leben immer mehr und tiefer gesehen als die andern, ich sah die Wurzeln und wahren Ansuchen jeglichen Handelns — welch eirt Kein Lächeln konnte mich täuschen. Schmeichelei durchschaute ich wie einen dünnen Schleier, Ehrgeiz, Berechnung, Streberei, Kleinlichkeit, Geiz, Bosheit, jene grausame rohe Bosheit von Mensch zu Mensch die um des Vorteils willen tötet. And ich sah auch jene schreckliche Anzuverlässigkett und .Unbeständigkeit der Liebe Und Freundschaft und daß das Menschenherz nicht mehr ist als ein armseliges Blättchen im wahnsinnigen Wirbel des herbstlichen Windes, Mutter, Mutter! - An nichts zu glauben und sich dabei dennoch zu sehnen nach dem wahren, reinen Menschen! „And dein Weib?" „Arme, arme Marie! Rur so texte im Winter die Sonne ins Fenster, so fiel auch das Glück in unsere armen vier Wände. Oft weinte sie nächtlich vor der Geburt des ersten Kindes! Jch hörte sie, litt mit ihr und verwünschte mich aber helfen konnte ich ihr Nicht, svtexie ich, mir von mir selbst nicht helfen konnte! > Glück! Wer kann ettexas geben, was er selbst nicht hat? And wie . fürchterlich sich selbst nicht lieben, das Begrenzte feiner Gedanken, die eiserne Schranke seines Ich zu fühlen, zu wissen, bis Hierher geht es und nicht texeiter!" „And hattest du keinen Freund?" „Mich", sprächt plötzlich mit der schwachen Stimme des Schlindsüchtigen, der junge Mann vom anderen Bilde. And aus hem hübschen hageren Gesicht des ehemaligen Donvivanten und Lebemanns leuchten unter dem modischen Hut mit kranken Glanze die großen eingefallenen Augen eines Menschen, den der Tod gezeichnet hat. __ „Und du — wer bist du?" lächelt ihm die Mutter entgegen mit jenem traurigen, aber zugleich schon ausgeglichenen Lächeln eines längst Gestorbenen, das nur ein Schatten des lebendigen Lächelns ist. , „ „Ich?" entgegnet ebenso der Schwindsüchtige. .„Solaiige ich gesund war, noch das ganze letzte Jahr bevor ich in Davos starb — war ich einer der lustigsten Burschen. Aeppig und mis- schtoeifend durchlebte ich einige Jahre. Ich leerte viele Decher, durchschtexelgte manche Rächt und küßte viele Lippen! Aeberall sand ich Genossen, aber Freund war mir nur dein Ferdinand! „Hörst du es — mein geliebter Junge?" . „Ja!" entgegnete den beiden der Sohn. „Ich öxar dir in Wahrheit ein Freund — nur du warst nicht der meine! Jeder kannte mich nur ein wenig, mancher gelangte in das erste Gemach mancher in das Vierte, aber niemand in das letzte, um dort Schrecken und Verwüstung zu schauen!" „Ferdinand, warum habe ich dies alles nicht gesehen. -3a., ich war damals leichtsinnig, oberflächlich wild und ausgelassen, alles verlachte ich, war witzig, jagte dem Vergnügen nach verführte Mädchen und verführte Frauen in Alkoven. Jetzt erst sehe auch ich mit jenem nackten Blicke, den du schon im Leben hattest!" , , . „Ach jetzt, jetzt ist alles schon anders, wir haben keine Wünsche, keine Begierden! Aber leben und allem btS auf den Grund sehen, das ist, als gingest du inmitten Lebendiger niemand sieht es dir an, und nur du allein trägst den Tod tin Hn^Und doch warst du auch ein fröhlicher Genosse?" , "Weiht du nicht, daß die Lustigsten oft die Allertraurigsten sind? Hört mich an, ihr Beide, du mein lachend«: Gefährte dessen grünes Lebensband Krankheit so schnell Durchschnitt und du Mutter, die junge Witwe, die liebelos Dag und Rächt für die Chimäre der konventionellen Pflicht verbrachte. Ihr beide habt an etwas geglaubt, du an deine reine Mutterliebe und Du texieder dem lauten Ruf und den Fanfaren des Lebens, nur ich — ich allein irrte zwischen Leben tote eine hypnotiswms Leiche. An nichts glaubend, sah ich um den höchsten und teu.erfl.en Preis, um den des eigenen Lebens, mehr als die andern und sah doch nicht tief genug und das Ganze! Ich ergab mich ferner falschen Lehre, stand hoch Über allem texte auf einer ragenden, spitzigen und kalten Pyramide, und sah unter mich hinab auf das Rackern und Wimmeln, ähnlich dem Amelsenhugel mtt seinen künstlichen Gehängen! O, diese Erbärmlichkeit meines stolzen ungestillten Herzens! Was habe ich nur, gesucht, wonach Tag und Rächt mich gesehnt, nach etwas Deinem, WMW von dieser staubigen Erde ist. Welches Wagnis, welcher Ehrgeiz, etwas in seine Hände schließen zu wollen, was noch niemand fangen könnte! Niemals bat ich um etwas, niemandem wollte ich Dankbar sein und immer wartete ich nur, daß alles so gefällig zu mir kommen möge, wie der Morgenstrahl, der michrtm Bette auf weckt! Mutter — mein peinigeiider Anglauben , war doch nichts - als ein großer Glauben! Mutter! So wie der Selbstmörder seine rasende Liebe zum Leben durch seinen,, am heftigsten bezeugt, so habe auch ich verachtend, ungläubig und sehnsüchtig, auch ich analytisch skeptisch und wieder streng texte der Ketzer Savonarola, auch ich das Leben geliebt und, den Menschen, diesen kristallenen Menschen, der weder sich noch einen an6<@g Ist ßtilleunl Mitternacht. And alle die drei Augenpaars blicken aus den ausgeblaßten Photographien wieder mit lenem eigentümlichen Blick hervor, dem staunenden, ausgekühlten, iitter effierten, entsetzten und furchtlosen, aber vor allem wissenden Blick der Menschen, die schon lange tot sind. Der Schutz von der Kanzel. Von Conrad Ferdinand Meyer. (Fortsetzung.) Der General plauderte in der hallenartig gebauten md zur jetzigen Herbstzett nur allzu lustigen Veranda, deren se^ hohe Säulen ein prächtiges ausländisches Weinlaub umwand, gemütlich mit seinem Rachbar, dem Krachhalder, einem der Kirchenaltesten von Mythikon, die der Kandidat texährend feines Dikantts all- sonntäglich im Chore hatte fitzen sehen und di« ihm bekannt warenwie die zwölf Apostel. Mit aufgestützten Ellenbogen ritt Wertmüller auf einem leichten Sessel und zeigte l^ue schürfe Habichtsnase und das stechende Kinn im Profil, wahrend der schön? alte schlaue Kopf des Krachhalders einen ungemein ""^Wtt^ind^vxtt hie Blume des Feldes." sühtte der Alle in «baulicher Weise das Gespräch, „und es trifft Wertmüller, daß wir beide in diesen Tagen miser Haus be» Mlen Ich mache Euch kein Geheimnis daraus: Drei Pfund vergäbe ich zur neuen Deschindelung unserer KirchtuilnspitzL ^Jch wil? mich auch nicht als Lump ettveisen ' versehte der General, „und werfe testamentarifch ebensoviel aus zur Der goldung unseres Gockels, daß sich das Tier nicht schämen muß, mif fyet neu befchinbeltcn SAHe fit)en. Der Krachhalder schlürfte bedächtig aus dem vor ihm^Men^ den Glase, dann sprach er: „Ihr seid fein kirchlicher Mann, aber i- 23« Ihr seid ein gemeinnütziger Mann. Erfahret: Die Gemeinde erwartet etwaZ von Euch." „ilnb was erwartet die Gemeinde von mir?" fragte der General neugierig. „ , _ „„ „Wollt Ihr es wissen? And werdet Ihr es nicht zürnen? „Durchaus nicht." .„ Der Krachbalder machte eine zweite Pause. ..Vielleicht ist Euch eine andere Stunde gelegener," sagte er. „Es gibt keine andere Stunde, als die gegenwärtige. Be- nÜ5t„3[>r werdet Euch ein schönes Andenken stiften, Herr General, bei Kind und Kindeskind"... , „ r , Ich unterschätze den Nachruhm nicht, sagte der General. Dem Krachhalder, der den wunderlichen Herrn so aufgeräumt sah, schien der günstige Augenblick gekommen dem lange genährten Wunsche der Mhthikoner in vorsichtigen Worten Ge- ftaIt„@uCT65orft im Wolfgang, Herr Wertmüller," begann er zögernd. Der General verfinsterte sich plötzlich und der alte Bauer sah es wie eine Donnerwolke aufsteigen, „floßt feine ... „ ' Wohin stößt er seine Spitze?" fragte Wertmüller grimmig. Der Krachhalder überlegte, ob er vor- oder rückwärts wolle, ungefähr wie ein mitten auf dem See vom Sturm Aeberraschter. Er entschied sich für das Dorrücken. „ ... mitten durch unsere Gemeindewaldung" ... ~ . Jetzt sprang der General mit einem Satze von seinem Sessel auf, faßte ihn an einem Dein, schwang ihn durch die Lüste und setzte sich in Fechtpositur. . . Wollen mich die Mhthikoner plündern?" schrie er wütend, ,bm"ich unter die Räuber gefallen?" Dann fuhr er, seine hölzerne Waffe senkend, gelassen fort: „Daraus wird nichts, Krachhalder. redet das den Leuten aus. Ich will Euch nicht noch von lensetts des Grabes eine Aase drehen." „Nichts für ungut," versetzte der Alte mit Ruhe, ,,-ohr werdet es bedenken, Herr Wertmüller." Auch er hatte sich erhoben und nahm von dem Generale mit einem treuherzigen Händedruck den landesüblichen Abschied. Wertmüller geleitete ihn ein paar Schritte, dann wandte er sich und vor ihm stand fein Leibmohr Hassan. Der Schwarze macht- eine flehentliche Gebärde und bat, das Deutsche wunderlich radbrechend, um einen Urlaub für morgen nachmittag; denn fein» Seele zog ihn zu seinen neuen Freunden in Meilen. Bist du ganz des Teufels, Hassan!" schalt ihn der General. ,Sie" haben dir letzten Sonntag drüben arg genug mitgespielt." „Mitgespielt!" wiederholte der Mohr, der das Wort mißverstand. „Schön, wundervoll Spiel!" „Hast du denn gar kein Ehrgefühl? Die Berührung mit der Zivilisation richtet dich zugrunde, — du säufst wie ein Christ!" „Nicht saufen, Gnaden! Schön Spiel, einzig Spiel! I—ah!" (Iah, ein am Zürichersee beliebtes Kartenspiel.) Er riß eine • solche Grimasse und verdrehte die Augen mit so leidenschaftlicher Inbrunst, daß Pfaimenstiel, der, wie oft die unschuldigen Menschen, viel Sinn für das Komische und überdies jetzt etwas gespannte Nerven hatte, in ein vernehmliches Gekicher ausl-rach, welches er mit aller Gewalt nicht unterdrücken konnte. Seine Gegenwart verraten sehend, trat der Kandidat, da et nicht wie eine überraschte Dryade in die Eiche hineinschlüpfen konnte, verschämt hinter derselben hervor und näherte sich dem General mit wiederholten verlegenen Bücklingen. „Was will denn Er hier?" fragte dieser gedehnt und maß ihn vom Wirbel bis zur Zehe: „Wer ist Er?" „Ich bin der Vetter... des Vetters... vom Vetter.. .* stotterte der Angeredete. Der General runzelte die Stirne. „Mein Vater war ein Pfannenstiel und meine Mutter ist eine selige Rollenbutz.. „Will Er mir seinen ganzen verfluchten Stammbaum explizieren? Was Vetter? Mein Bruder ist Er — alle Menschen sind Brüder! Scher' Er sich zum Teufel!" und Wertmüller wandte ihm den Rücken. Pfannenstiel regte sich nicht. Der Empfang des Generals hatte ihn versteinert. „Fannen-stiel —" buchstabierte der Schwarze das ihm noch unbekannte Wort, als wolle er seinen deutschen Sprachschatz bereichern. „Pfannenstiel?" wiederholte auch der aufmerksam werdende General, „6er Name ist mir bekannt — halt, Gr ist doch nicht der Autor," und er kehrte sich dem Jüngling wieder zu, „der mir gestern feine Dissertation über die Symbolik der Odyssee zugesendet hat?" Psannenstiel neigte bejahend das Haupt. „Darm ist Er ja ein ganz liebenswürdiger Mensch!" sagte Wertmüller und ergriff ihn freundlich bei der Hand. „Wir müssen ■ uns kennen lernen." Viertes Kapitel. Er trat mit dem Gaste in die Veranda, drückte ihn auf einen Sitz nieder, goß ihm eines der auf dem Schenktische stehenden Gläser voll und ließ ihn sich erholen und erquicken. „Der Empfang war militärisch," tröstete er ihn dann, „aber Ihr werdet im Soldaten keinen unebenen Hauswirt finden. Ihr nächtigt heute auf der Au — ohne Widerrede! — Wir haben manches zu verhandeln. — Seht, Lieber, Eure Abhandlung hat mich ganz angenehm unterhalten," und Wertmüller langt« nach Sem Buche, welches in einer Fensternische des die Rück- wand der Veranda bildenden Erdgeschosses lag und zwischen dessen Blätter er die zerlesene Dissertation des Kandidaten eingelegt hatte. „Zuerst eine Vorfrage: Warum habt Ihr mir Euer Weck nur mit einer Zeile zugeschrieben, statt mir es coram populo auf dem ersten weißen Blatte mit aufrichtigen, großen Druckbuchstaben zu dedizieren? Weil ich mit den Fassen, Euern Kollegen, gespannt bin, he? Ihr habt keinen Charakter, Pfannenstiel; Ihr seid ein schwacher Mensch." Der Kandidat entschuldigte sich, seine unbedeutende Arbest habe den Namen des berühmten Feldherrn und Literarkenners nicht vor sich her tragen dürfen. , „Durchaus nicht unbedeutend," lobte Wertmüller. „Ihr habt Phantasie und seid in die purpurnen Tiefen meines Lieblings- gedichtes untergetaucht, wie nicht leicht ein anderer. Freilich um etwas Absurdes zu beweisen. Aber es ist einmal nicht anders: wir Menschen verwenden unsere höchsten Kräfte zu albernm Resultaten. Dachtet Ihr daran, mich rechtzeitig zu Rate zu ziehen, ich gab Eurer Dissertation eine Wendung, die Euch selb«, Eure säffifchen Examinatoren, das ganze Publikum in.Erstaunen gesetzt hätte. Ihr habt es gesuhlt, Pfannenstiel, daß die zweit« Hälfte der Odyssee von besonderer Schönheit und Größe ist Wie? Der Heimgekehrte wird als ein fahrender Bettler