Gießener zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gietzener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, den 25. April Nummer SZ Heimkehr der Schwarbe«. Bon Ernst Toller. Bon den Ufern des Senegal, vom See Omandaba Kommt Gr, meine Schwalben, Bon Afrika- heiliger Landschaft. Was trieb euch zum kalten April deS kalten Deutschland? Auf den griechischen Inseln habt ihr gerastet, Sangen nicht heitere Kinder euch heiteren Brust? Warum nicht bautet ihr Tempel in des ArchipelagoS Ehrwürdigen Locken? Zu welchem Schicksal kämet ihr? O unser Frühling Ist nicht mehr Hölderlins Frühling, Deutschlands Fröhling wird tote fein Winter, Frostig und trübe Und bar der wärmenden Lieb' Den Dichtern gleichet ihr, meine Schwalben. Leidend am Menschen, lieben sie ihn mit nie erlöschender Inbrunst? Sie, die den Sternen, den Steinen, den Stürmen tiefer verbrüdert sind als jeglicher Menschheit. Den Dichtern gleichet ihr, meine Schwalben. Das Winterle. Von Elisabeth Hensel. Wenn ich von unserm Berg herunter zur Stadt gehe, dann komme ich unten bei den Wiesen am Fluh bei einem kleinen alten Häuschen vorbei. Es steht geduckt zwischen seinen mehr städtischen Aachbarn, den Giebel nach der Straße gekehrt. An dem kleinen Fenster am Giebel bleiben dann immer meine Augen haften, ich sehe ein schmales faltiges Gesicht mit zwei rührend guten dunklen Augen herunterschauen. Und im Geiste grüße ich sie jedesmal so recht von Herzen, die Eigentümerin dieser Leben Augen und des winzigen Zimmers unterm Giebel, unser Winterle. Es war wohl Ende des JahreS 1919, da muhte ich mich nach einer Putzfrau umsehen. Die meinige wollte wieder heiraten, doch versprach sie mir, sich nach einer neuen Hilfe für mich umzusehen. Und eines Tages schickte sie mir ihre Kusine, ob die nicht die Stelle bei mir bekommen könne. Du guter Gott, was für ein jämmerliches Stückchen Menschenleben war daS. was da vor mir stand! Don der Große eine- zehnjährigen Kindes und nicht nur mit einer schiefen Schulter, sondern mit einem regelrechten Buckel, das Händchen, daS sie mir gab. wie ein kleines welkeS Blatt. Das sollte also die „Zusprtn- gerin" sein, tote man in dieser. Gegend die Putzfrau nennt; nun, von „Springen" würde woht bei diesem Persönchen nicht die Aede sein. Ich wollte gerade eine absagende Antwort in rnöglichst schonender Form hervorbringen, da sah ich in ihre Angen. Vor diesen großen, demütigen und zugleich unendlich gütigen Augen konnte ich nicht Dein sagen, vielmehr hatte ich das Gefühl, einen besonders lieben Menschen in unser Leben mit hineinnehmen zu dürfen. Und auf ihr schüchternes Fragen: „Wollten Sie's nicht mal mit mir versuchen?" sagte ich freudig 3a. Sie hieß Marie Winter, unsere kleine Fanny machte aber bald aus meiner Anrede „Fräulein Winter" Winterle, und bei dieser Anrede blieb es bann. Sie hatte einen rührend guten Willen, eS dauerte auch gar nicht lange, so hatte sie sich in ihre Arbeit eingewöhntz Und wenn ich manchmal Sorge hatte, daß ihr z, D. das Putzen der Fußböden zu viel werden würbe, so sagte sie immer freundlich: „Dein, gar nicht, ich tu rs ja so sehr gern." Bald sollten wir Aufklärung darüber erhalten, weshalb sie auch so mühsame und schwere Arbeit mit solch«: Freudigkeit tat * _l*üi«Ssei6iü ■tfl'i1"'* i -.fnfri1 ahiuri uJ -n Eines Abends war sie dabei, alS Fanny betete. Danach ging sie noch mit Lisbeth, unserm netten Mädchen, di« Fanny inS Bett gebracht hatte, in die Küche. Ganz unvermutet fragte) sie: „Lisbeth, glauben Sie an GebetSerhörungen?" Ehe dies» noch antworten konnte, sprach Winterle weiter: „Ich glaub' dran, ganz fest! 3ch hab' eS ja selbst erlebt. Sehen Sie, schon vom neunten Jahre an hab' ich müssen Handschuhe nähen — Sie kennen ja auch die großen Handschuhsabriken unten neben der Altstädter Kirche. Arg kräftig bin ich ja nie gewesen, aber doch nicht so krumm wie jetzt. Das kommt von dem vielen gebückt Sitzen. So gings durch viele, viele Jahre, jetzt bin ich 58. Da hab' ich daS Gefühl gehabt, ich haltS nimmer so aus, die Augen langten auch nicht mehr zu der feinen Näherei und der Doktor sagte, ich sollte mir mehr Bewegung machen. Ich wußte mir gar fernen Rat. Da hab' ich den lieben Gott so von Herzen gebeten, er mochte mir doch helfen. Und, sehen Sie —" hier leuchteten ihre Augen — „da hat er mich wirklich erhört, er hat mir die Stelle als Aufwartung Hier beim Herrn Professor gegeben. Und das ist Gebetserhörung, das laß ich mir nicht ausreden. Und jetzt, wo ich herumgehen darf bei der Arbeit, gehts mir so gut, wie lange nicht." Wie janrmervvll dieses arme Leben gewesen war, sah man erst aus diesem Bekenntnis: eine Stelle als Putzfrau als Gegenstand der Gebetserhörung! Seit wir dies wußten, versuchten wir noch mehr, etwas Freude in ihr Leben zu bringen. Es war ja so leicht. Ein Äpfel — sie hatte in diesem Winter noch feinen gehabt. Ein Stück Kuchen — so guten hatte sie noch nie gegessen. An Weihnachten war sie wie verklärt, denn seit Jahren hatte sie keinen Bäum mehr gehabt. Bald hatte sie noch einen anderen Namen bei uns, nämlich Hausgeistchen. Unhörbar huschte sie durchs Haus: ehe man fic&S versah, war die Arbeit fertig. Allmählich sah ich auch, daß dies Leben nicht arm war. Sie hatte zwei Dinge, auf die sie sich immer freute. Ihr« Sonntage in der Kirche, das war daS eine. Und ihr Zusammensein mit unserer kleinen Fanny, das war das andere. Die Kleine hatte eine große Fußbank, auf der sie besonders gern saß, um ihre Bilderbücher zu besehen. Di« rückte ein bißchen beiseite, dann hatte das Winterle noch bequem Platz, und so schauten sie sich zusammen die Bilder an. Zum Dor- lesen reichten zwar die Augen nicht mehr, aber das machte nichts, das Winterle dachte sich allerhand Keine Geschichtchen zu den Bildern aus. Es war ein eigentümlicher und zugleich rührender Anblick; das blühende blonde Kind und das alte gebückte und verwachsene Weiblein. Ab und zu sahen sie sich vergnügt an, und jeder schien dem andern zu sagen: „Ich bin dir gut." Dann kam ihr sechzigster Geburtstag und wir feierten ihn richtig, wie bei einem Familienmitglied. Natürlich Kaffee und Kuchen, Fanny sagte ein Derschen und führte sie zum Geburtstagstisch. Winterle konnte es gar nicht fassen: ein neues schwarzes Kleid! Ihre Kleider waren sicher viele Jahre alt, verschossen und geflickt, aber blitzsauber. AlS mein Mann ihr dann in herzlicher Weise Glück wünschte, meinte sie etwaS wehmütig: sechzig Jahre seien doch eben schon ein rechtes Alter, wer weiß, wie lange sie's noch schaffen würde. Auf meines Mannes Antwort: „Aber Fräulein Winter, so dürfen Sie nicht sprechen, was soll denn aus uns werden, wenn wir Sie nicht hätten —" strahlten ihre Züge und sie sagte: „Dann wünsche ich mir wirklich, noch recht lange zu leben, denn daß Sie mich brauchen können, das ist doch gar zu schön." Wer es wurde anders, wir sollten unser Winterle nicht mehr lange behalten. In einem andern Hause ist sie kurz« Zeit darauf die dunlle Kellertreppe hinabgestürzt und war gleich tot. Fanny konnte es gar nicht begreifen, daß ihr Winterle nte mehr kommen sollte. Nur daS tröstete sie etwas, daß daS Winterle beim lieben Gott, bei den Dngelein und — wie daS sangesfreudige Mädelchen immer hinzufügte — Bet der Musik sei. Denn daß die Gngelein am liebsten schön singen und spielen, ist ihr gewiß. Wenn sie mit mir am Häuschen am Fluß vorbeigeht, sieht sie nach dem Keinen Fenster: „Geltz Mutterte, die Engele wollten eben das Winterle auch für sich! gern haben, damit eS ihnen schön« Geschichten erzählt?" Und dann nickt sie hinauf und sagt: „Mutterle, unser Winter!« pehtS doch sicher, daß ich ihm guten Tag gesagt habe?" „ , — 130 SelbsterlsbLes Lei Kindertransporten. / Bon Martha Wunderwald. Der Aufsatz über Kindertransporte in Qlr. 86 des Tieher.er Anzeigers hat in mir Erinnerungen ausgelöst, die vielleicht auch für manchen Leser und manche Leserin von Interesse fern dursten, und die bezeugen werden, dah Kindertransporte zwar für den- jenigen, der das rechte Verständnis für die Notwendig.eit der-- selben besitzt, eine schöne, ihn befriedigende Aufgabe darstellen, dah dabei aber auch eine Fülle von Schwierigkeiten überwunden sein will, von denen der Fernstehende keine Ahnung hat. Im Februar 1923 setzte die Ruhrhilfe ein, und nächst der eifrigen Sammlung an Geld und Lebensmitteln, stellte sich der Reichslandbund die Ausgabe, 50 000 Kindern aus dem besetzten Gebiet auf dem Lande unterzubringen. Auf unseren kleinen Landkreis in der Provinz Sachsen entfielen 1200 Kinder. Es begann die Pionierarbeit, einmal die Herzen der Dauern für die gute Sache zu gewinnen suchen, zum andern die Verteilung der Kinder zunächst auf dem Papier, d. h. entsprechend der Mvrgenzahl, nach der Grobe des Besitzes des einzelnen Landwirtes, vorzunehmen. Die Bereitwilligkeit der Dauern, Kinder in Pflege zu nehmen, war überaus grob. Mit brennender Ungeduld wurde der erste Transport erwartet, der endlich Mitte April angekündigt wurde, und zwar aus Essen. Die betreffende Behörde hatte uns geschrieben, dah die Kinder i/27 Mr abends auf unserer Station eintrefsen würden, dah wir aber mit Verspätung rechnen mühten, da es den Herren Franzosen beliebe, die Züge an- und aufzuhalten. Drei volle Stunden haben wir geduldig gewartet, bis endlich der Zug in die Bahnhofshalle einlief. Ihm entstieg eine Schar von 176 Arbeiterkindern der Kruppschen Werke, die, alle Müdigkeit vergessend, begeistert in die vaterländischen Weisen ein- flimmte, die die Musikkapelle, die sie empfing, ihnen spielte. Die Transportsührer waren bewegt von dem Empfang und meinten: „Wie lange haben wir das entbehrt!". In einem am Bahnhof gelegenen Saal sollten die Kinder zunächst bewirtet, ihnen durch Ansprache des Geschäftsführers des Landbundes ein feierlicher Empfang bereitet werden. Der vorgerückten Stunde wegen konnten die Kleinen an dem Abend nicht mehr an ihren Bestimmungsort gelangen, wir hatten ihnen die Nachtfahrt im offenen Wagen ersparen wollen. Darum hatten wir mit Hilfe der vaterländischen Frauenvereine uns etwa 200 Familien in der Stadt gesichert, die bereit waren, die Kinder eine Nacht zu beherbergen. Wer beschreibt unser Staunen, als wir unter dem Vorantritt der Musikkapelle in dem Lokal anlangten, den von jungen Mädchen mit gedeckten und geschmückten Tafeln vorbereiteten Saal von Menschen angefüllt vorfanden — die Fenster belagert! Kaum, dah es möglich war, die Kinder an ihre Plätze zu führen. Die Anteilnahme der Bürgerschaft war überwältigend. 200 Kinder waren gemeldet, 176 gekommen, und etwa 1000 Menschen rissen sich förmlich darum, sich der Kleinen anzunehmen und mit Liebe für sie zu sorgen. Sofort war der Kontakt zwischen ibnen und den Kindern geschlossen. Man bestürmte mich mit Bitten und Betteln: „Geben Sie mir die Kleine," oder, „ich möchte die Kinder alle drei mitnehmen — sie find Geschwister," usw. Gin Elternpaar, das sein einziges Kind, einen blühenden Jungen, verloren hatte und noch in tiefer Trauer war, bat inständig, „diesen Jungen möchten wir mitnehmen, er sieht unferm Werner ähnlich — wir haben zwar keine Quartierzettel, aber bitte, bitte, geben Sie uns das Kind!" Alle unsere Vorbereitungen, die in der Theorie so schon durchdacht waren, wurden über den Hausen geworfen — es kam zu keiner Begrüßungsansprache — kaum dah die Kinder ihren Kakao trinken konnten. Fühlten sich doch die Familien gekränkt, dah wir die Kinder noch beköstigen wollten, wo zu Hause das Abendbrot, das Bad, das Bett ihrer wartete. Andere, die ohne einen kleinen Gast abziehen muhten, vertrösteten wir auf den nächsten Transport. Es würde ihnen noch mehr als einmal Gelegenheit gegeben werden, ihre.Hilfsbereitschaft in die Tat irmzusehen. Nie werde ich den Eindruck dieses Abends vergessen! Die einfache Gemüsefrau, der Fabrikbesitzer, der General a. D. wetteiferten, deutsche Not zu lindern. Wenn es noch soviele Mütter gibt, die sich mit warmem Herzen fremder Kinder an- nehmenf dann wird Deutschland nicht untergehen! Am nächsten Morgen folgte die Verteilung auf das Land. Auch die Bauern brachten den Kindern die gleiche Liebe entgegen. Dörfer, die diesmal nicht berücksichtigt werden konnten, warteten mit Ungeduld auf den zweiten Transport. Sie wollten nicht zurückstehen hinter denen, die ihre Schützlinge bereits hatten holen dürfen. Mit der Zeit wurden alle befriedigt. Im Laufe des Sommers nahmen wir sechs Transporte in Empfang, die unter mehr oder weniger schwierigen Verhältnissen aufgeteilt wurden. Es kam vor, dah ein' großer Transport durch ein Versehen der Eisenbahnbehörde falsch gemeldet worden war. Während die Bauersleute mit ihren Wagen am Sonntag in aller Herrgottsfrühe sich auf den Weg gemacht hatten, Ruhrkinder abzuholen, wurde bekannt, dah der Transport erst Montag zu erwarten sei. Nun begann ein Telephonieren, Depeschieren, 216= bestellen des Mittagessens, der Musik usw. Plötzlich Anruf durch die Polizei: Die Dahn meldet „Transport unterwegs, bereits in Erfurt". Welcher Schreck und welche Verwirrung im ersten Augenblick! Doch bis der Zug an seinem Reiseziel war, war alles geschafft. Niemand der Ankommenden bemerkte, dah da etwaL nicht gestimmt hatte. Nudeln mit Spargel mundeten vortrefflich, und die herzliche Aufnahme lieh bald alle Strapazen der Reise vergessen. Nur die Landleute konnten nicht alle wieder zurückgerufen Werken. Da geschah es, dah ein Rest von etwa 20 bis 30 Kindern für die Nacht kein Unterkommen hatte. Ich machte den Vorschlag, die Kinder auszuklingeln. Er fand den Beifall des Polizei» Ober-Jnspektors. Unter seiner und anderer maßgebender Persönlichkeiten Führung zogen wir zum Marktplatz, gaben bekannt, worum es sich handelte, und innerhalb einer guten Viertelstunde hatten wir unsere kleine Schaar an nach Hause zurückkehrends Spaziergänger abgegeben, denen wir sie ohne Sorge anvertrauen konnten. Ein festes Band hat sich seit dem Sommer 1923 zwischen: der Provinz Sachsen und dem Rheinland geknüpft. Die späteren Transporte kamen aus dem Landkreis Solingen. Der Sommer 1924 brachte zwar eine bedeutend verminderte Zahl von Pfleglingen, doch kamen nun die sogenannten „Wunschkinder" — solche, die sich zu ihren Pflegeeltern, bei denen sie es so gut gehabt hatten, zurücksehnten, und solche, die von feiten Oer Gastgeber wieder angefordert wurden. Sie waren gegenseitig in Fühlung geblieben. Beide konnten oft die Zeit nicht erwarten, dah sie einander wiedersahen. War es anfangs für beide Teile nicht ganz leicht, sich miteinander einzuleben, so geschah es da, wo die Kinder heimisch wurden, um so inniger. Ich könnte manches Beispiel anführen, das geradezu rührende Beweise liefert, wie die Dauern die Kinder lieb gewonnen haben wie ihre eigenen, wie die Kinder, denen erst der ihnen vollständig unverständlich« Dialekt und die andere Kost das Ginleben erschwerten, Eltern und Heimat vergaßen. Nur in ganz vereinzelten Fällen sind Klagen vorgekommen, mancher Heranwachsende Junge, manches Mädchen ist im landwirtschaftlichen Dienst geblieben. Dreimal hatte ich Gelegenheit, Transporte in die Heimat zurückzugeleiten. Im Spätsommer 1923 fuhr ich mit 45 Kindern und einer Begleiterin zum ersten Male los. 32 Stunden brauchten wir, um an das Ziel zu kommen. Gleich hinter Schwerte war die erste Kontrolle, und ich höre Noch den Franzosen mich anherrschen. „Madame, votre pah". Ganz willkürlich blieb unser Zug auf freier Strecke stehen — in Vohwinkel lieh man imS drei volle Stunden liegen, ohne Grund, ohne Licht im Zug — bis abends 11 Mr. Die Faust ballte sich in der Tasche — da half keine Unterredung mit dem Herrn Kommandanten, dah es sich um übermüdete Kinder handle, die um 3 Uhr nachmittags ein« treffen feilten. Seit dieser Zeit warteten die besorgten Eltern — endlich, um Mitternacht konnten sie ihre Kinder in die Arme schließen. Das gab ein glückliches Wiedersehen, bei dem sich die Augen mit Freudentränen füllten. Meine Begleiterin und ich wurden zum Landratsamt geführt, wo wir gastlich aufgenommen werden sollten. Niemand hatte uns hier zu so später Stunde mehr erwartet. Hinter einem einzigen Fenster des großen, schönen Gebäudes brannte Licht. Hier wurden die ganze Nacht Scheine gedruckt! Armes Deutschland, wie weit bist du gekommen, war unser Gedanke. 2lls wir auf der Heimreise waren, nahmen die Franzmänner an den Reisenden beinahe Leibesvisitation vor. Einer Dame, die ein Paket in der Hand hielt, dem man deutlich die Butterbrot«! ansah, wurde dasselbe unsanft aus der Hand gerissen und geöffnet, ein Herr wurde mitgenommen in den Pferch, In dem schon 30 Menschen standen. Nach einer Viertelstunde kam er zurück und durfte Weiterreisen. Wie empörte sich unser Inneres gegen solche Behandlung — aber wir muhten schweigen. Vier Wochen später stellte mts die Bahn einen Sonderzug für 600 Kinder, dessen Leiterin ich war. Da gab es Erlebnisse:! Mit Gepäck bis zu Zentnerschwere wurden die Kinder verfrachtet. Obst, Kartoffeln u.a. hatten die Dauern für zu Haufe mit» gegeben. Eine ganze Menagerie fand sich irn Zuge, Tauben, Kaninchen usw. Ehe wir wußten, dah der Morgen graute, krähte der Hahn irn Gepäcknetz! Je näher wir ans Ziel kamen, je lebendiger wurde die Gesellschaft. Heimatlieder verkürzten dis Zeit, und die Mädchen machten Toilette, immer wieder die Zöpfe flechtend und die schönen Haarschleifen ordnend mit bewundernswertem Geschick. Siefen großen Transport liehen die Franzmänner unbehelligt, Gott sei Dank! Und Gott sei Dank, ein jedes Kind hatte seinen Schutzengel gehabt, und es war nichts passiert. Bei allem Gefühl der Verantwortung ist es unmöglich, die Kinder zu hüten. Wenige Tage vor unserem Eintreffen hatte ein Transport in der Nacht ein Kind verloren, das tot von den Schienen aufgehoben wurde. Der dritte Transport bestand aus nur 30 Kindern und drei Erwachsenen. Aber, o Schreck! In Halle tarnen wir auf einen Sammeltransport, der für etwa 600 Kinder nach Essen bestimmt war. Unangemeldet tarnen 300 mit anderem Reiseziel dazu, ebenso wir. In denkenswerter Weise waren Sanitäter bemüht, das umfangreiche Gepäck zu verstauen und für alle Platz zu schaffen, fast Men es unmöglich. Aber nach einigem Durcheinander wurde auch der bewältigt. Der Transportleiter, den wir kannten, wollte uns die Regiebahn ersparen und vermittelte, daß wie kn Hagen vom weiterfahrenden v-Zug mitgenommen L- 181 würben. Das war eine persönliche Liebenswürdigkeit, bei der wir Zeit und Geld sparten, aber fünfmalige^ Amsteigen mit Sack und Pack und lebendem Getier war eine weniger angenehme Zugabe. Von diesem Transport konnte ich mich vierzehn Tage lang nicht erholen. Wenige Stunden nach unserem Eintreffen brachten Pommern ihre Pfleglinge zurück, da gab es einen interessanten Abend des Zusammenseins zwischen Rheinländern und Pommern und Sachsen. Erfahrungen und Erlebnisse wurden ausgetauscht, Hrimatlieder gesungen. Der Gesundheitszustand der Kinder war allgemein der beste — ein Junge, der ein Jahr bei uns in Sachsen gewesen war, schlug den Rekord mit 45 Pfund Gewichtszunahme. Von unserer Jugend erhoffen wir den Wiederaufstieg unseres Vaterlandes. Helfe ein jeder, sie zu erfassen und zu ihrer Erstarkung beizutragen. Den Lohn birgt jede gute Tat in sich selbst. Der Atem der Natur. Von TheodorDäubler. Der Atem der Ratur, die Phantasie der Erde, Erträumt die Götterwolken, die nach Norden wehn. Der Wind, die Phantasie der Erde denkt sich Nebelpferde, And Götter sehe ich auf jedem Berge stehn I Ich atme auf und Geister drängen sich aus meinem Herzen. Hinweg, empor! Wer weiß, wo sich ein Wunsch erkennt! Ich atme tief: Ich sehne mich, und Weltenbilder merzen Sich in mein Jnnres ein, das seinen Gott benennt. Natur! nur das ist Freiheit, Weltalliebe ohne Ende! Das Dasein aber macht ein Opferleben schön! Oh Freinatur, die Zeit gestalten unsere Werkzeughände, Die Welt, die Größe, selbst die Aeberwindungshöhn! Ein Wald, der blüht, das Holz, das brennend, wie mit Hän- Wir alle fühlen uns nur durch das Opfer gut. sden, betet, Oh Gott, oh Gott, ich Mensch habe alleine mich verspätet, Wie oft verhielt ich meine reinste Jnnenglut! Im Tale steigt der Rauch, als wie aus einer Opferschale, So langsam und fast heilig, überm Dorf empor. Ich weih es wohl, die Menschen opfern selbst von ihrem Mahle, Da eine Gottheit sich ihr Herdfeuer erkor! Aus dem literarischen Berlin vor fünfzig Jahren. Von Ernst von Wolzogen. (Schluß. > Wille war für seine Gemeinde ein vortrefflicher Lehrer der Jugend, ein wahrhafter Trostspender an Gräbern. Ihm zufolge besuchte ich in jenen Zeiten vielfach politische Arbeiterversammlungen und erbaute mich ehrlich daran, wie er den andächtig lauschenden Massen das Evangelium des Altruismus predigte: ihm zuliebe auch beteiligte ich mich an dem schönen Bemühen der von ihm gegründeten Freien Volksbühne, den Massen edle Kunstgenüsse zu bermiteltn, und spielte auch mit andern tüchtigen Meisterdilettanten in einem greulichen Dierpalast am Moritzplatz den Arbeitern Deethovensche Kammermusik vor. Ich gebe freudig zu, daß ich selten oder nie aufmerksamere und dankbarere Zuhörer gefunden habe als damals am Moritzplatz oder als einst im Hamburger Konventgarten, wo ich vor 2000 Arbeitern eigne Werke vortrug, oder in zahlreichen andern von der Sozialdemokratie geleiteten Arbeitervereinen; doch kann mich diese freundliche Erfahrung nicht in meiner Meinung irremachen, daß die Kunst eine aristokratische Angelegenheit sei — natürlich nicht In dem Sinne, daß nur die Besitzenden und die Gebildeten zu ihrem Genüsse zugelassen sein sollten, sondern nur in dem Sinne, daß sie nicht zum Volle herabsteigen, sondern dieses zu sich hinaufziehen müsse, nicht zu Parteizwecken sich mißbrauchen lassen, sondern nur ihrem innerlichen hohen Zwecke dienen dürfe, die Sehnsucht edler Gemüter nach Schönheit, nach Harmonie, nach innerer Freiheit zu stillen. Die Kunst ist ein edles Instrument, das nur unter der Hand des Meisters feine Seele rein zum Erklingen bringt, und jeder ächte Meister ist auch ein achter Aristokrat. Es scheint mir tief bedeutsam, daß der Anarchist Bruno Wille seine dichterischen Fähigkeiten später viel reicher zu entfalten vermochte als die anfänglich scheinbar schöpferisch stärker begabten Harts. Aebrlgens konnte dieser stillversonnsne Philosoph und ernste Prediger auch einen köstlich übermütigen Humor entwickeln. Ich habe selten herzlicher gelacht als übe: Bruno Willes Büchlein „Sibirien in Deutschland", worin er seine Erlebnisse als Häftling in Friedrichshagen schildert: Gr war nämllch wegen wiederholter ^Übertretung des Verbotes, in der Freien Gemeinde Anterricht zu erteilen und geistliche Befugnisse zu versehen, zu mehrmonatiger Haft verurteilt worden. Da es aber in FriedrichShagen außer dem Spritzenhaufe kein Haftlokal gab, so wurde er in der Wohnung des Gemeindebüttels einquo-tlert, And sein Kerker wurde alsbald zum Treffpunkt der ganzen befreundeten Zigeunerwelt — ein urfideles Gefängnis! Mit dem Gemeindebüttel schloß der Häftling gute Freundschaft und nahm ihn zur Verhinderung etwaiger Fluchtgelüste zum Fischen und Rudern auf dem Müggelsee an allen schönen Tagen mit. Das Büchlein „Sibirien in Deutschland" gestaltete er zu einer köstlichen Satire auf den preußischen Amtsschimmel, von ebenso beißender Ironie wie Hauptmanns „Biberpelz", aber verklärt durch goldenen Humor. Ob Wilhelm Bö Ische jemals die politische Aeberzeugung seiner Friedrichshagener Freunde geteilt hat, weiß ich nicht, Rachem seine dichterisch durchglühten naturgefchichtlichen Darstellungen ihm außerordentliche Erfolge gebracht hatten, zog er sich immer mehr auf dieses sein Sondergebiet zurück und schied somit aus dem Kreis der literarischen Stürmer und Dränger und politischen Vollsbeglücker aus, wenngleich er in FriedrichShagen wohnen blieb und seinen alten Kampfgenossen treue Freundschaft bewahrte. Der Zauber der Friedrichshagener wirkte auch magnetisch auf die gleichgestimmten Seelen hervorragender Ausländer. Der sanfte blonde Schwede Ola Hansson fiedelte sich mit seiner stiernackigen robusten Gattin Laura M a r h o l m dort an. Ein seltsames Ehepaar! Er ein feiner Novellist, ganz In sich gekehrt und versonnen, nur Künstler: sie eine laute Walkürenhaft wilde Dorkämpferin für Frauenrechte, Emanzipation des Fleisches und ich Weitz nicht was sonst noch für greuliche Begehrlichkeiten. And Hansson wieder zog seinen größeren Landsmann, den gewaltigen August Strindberg, nach sich. Es war Schicksalstücke, daß ich um die Bekanntschaft mit Strindberg kam. Zu wiederholten Malen war ich nach Friedrichs- hagen eingeladen worden ober auch nach der „Klause" In der Dorotheenstraße, einer jener bevorzugten Bier Pfalzburgen, wo Otto Erich Hartleben Hof zu hatten pflegte, mit dem besonderen Hinweise darauf, datz Strindberg anwesend sein werde. Aber es traf sich immer so unglücklich für mich, datz der große Schwede entweder noch feinen Rausch vom vorherigen Abend nicht ausgeschlafen oder bereits einen neuen sich angeschafft hatte, der ihn schon vor der eigentlichen feierlichen Eröffnung der Nachtung zwang, sich in feine Gemächer zurückzuziehen. Einmal wurde ich seiner Leiblichkeit noch ansichtig, als man ihn bei meiner späten Ankunft in der Klause nach dem Theater just als Bierleiche auf kräftigen Freundesarmen hinausschleifte. And schlietzlich begegnete ich ihm noch einmal im Jahre 1893, kurz bevor ich Berlin verließ. Das war in einem Kellerlokal der Dvro- theenstratze, in dem ich ein einsames Nachtessen verzehrte. Der einzige außer mir noch anwesende Gast war Strindberg, der Koloß mit dem eindrucksamen Haupte, der gewaltigen Denkerstirn und dem drollig gespitzten Wulstmündchen. Er war bereits bei der zweiten Flasche Rotspon und ersichtlich in tiefe Gedanken versunken. Da mochte ich ihn durch eine vielleicht unerwünschte Annäherung nicht stören. Der Tempel für die engste Strindberg- gemetnbe war übrigens die flelne Wein- und Delikatefsenstube „Zum schwarzen Feäel" an der Ecke der Linden- und der Neuen Wilhelmstratze. Mit der dort amtierenden Priesterschaft, Deh- m e l und Priebyschewskh, hatte ich wenig Fühlung. In diesem Zusammenhang ist es wohl angebracht, auch meiner Beziehungen zu Otto Erich Hartleben zu gedenken, der ja In der feuchten Ecke der deutschen Literatur den hervorragendsten Platz einnahm. Es dürfte nur unter Germanen möglich fein, daß einer zugleich ein feiner Künstler und ein großer Süffel sein kann. Wir finden wüste Säufer und Zotenreitzer tatsächlich in beschämend großer Zahl unter unseren bedeutendsten Geistern, ja selbst unter den führenden Männern der Tat. Es scheint, daß das Licht des deutschen Geistes ohne alloholischen Ausguß nicht recht leuchten mag. Wer wüßte nicht in seiner Bekanntschaft Männer zu nennen, die im nüchternen Zustand langweilige Pedanten, grämliche Philister, einsilbige Murrköpfe sind, im Zustande der Dezechtheit aber sich zu beschwingten PhiNstertötern, glänzenden Witzbolden und hinreißenden Rednern entwickeln! Run gut, fei ihnen der Rausch vergönnt, wenn er bedeutsame Taten und Werke zeitigt — das Schlimmste dabei ist nur, daß dergleichen Taten und Werke des Rausches doch meistens nur Dlendvxrk der Hölle oder Theaterfeuerwerk zu fein pflegen, daß die ständige künstliche Berauschung also nur eine ungesunde Befruchtung des Genius bedeutet, die sich fast immer durch früh- Äi körperlichen und geistigen Verfall rächt. Hartleben ist rübendes Beispiel für diese Regel. Was hätte dieser feine Geist mit seinem angeborenen Geschmack, mit seiner Stilsicherheit, seiner überlegenen Ironie, seinem Witz u»b seiner lyrischen Zartheit nicht alles ausrichten können, wenn er imstande gewesen wäre, sich noch rechtzeitig aus den Klauen des Teufels Alkohol zu befreien !Was aber Ist das Lebenswerk dieses Lieblings der Grazien geblieben? Ein paar meisterhafte Humoresken, ein paar köstliche Gedichte und ein paar ironische Komödien von Rang. Der große Erfolg seiner meistgespietten Theaterstücke „Rosenmontag" und „Abschied vom Regiment" dürfte mehr auf Rechnung der Mitarbeiterschaft seines militärischen Bruders zu setzen sein. Hartleben war ein Opfer des Korpsstudententums und seines DierkommentS. Die Kneipe war sein Heim und der ausschließliche Turnierplatz seines Geistes. Zu Hause hatte er nur eine Schlafstelle, Auf seinem Nachttisch stand eine Flasche Mosel, damit IBS — r palte er sich beim Erwachen nach der Mittagsstunde den Mund auk Bald darauf folgte die häusliche Mahlzeit, die er mit einer Flasche Rotwein hirrunterspülie, und dann begab er sich ins Kaffeehaus. Dort soll er angeblich, solange seine zahlreichen Freunde seine Einsamkeit nicht störten, bedächtig fetae feinen kleinen Werke ziseliert haben. Die Abende und die ALchte aber gehörten jahraus, jahrein der großen Tafelrunde in der Bierstube. Da entfaltete er als Präses einer bunten Korona von bewundernden Füchsen und stillvergnügten bemoosteren Häuptern den schillernden Psauenfchweif von Wih, Ironie und tieferer Bedeutung. Aber schließlich war, bei nüchternem Tageslicht be^ sehen, die ganze Herrlichkeit doch nur höherer Di-erulk, ein reiches Erbe schnöde vergeudet, ein katzenjämmerllches Endel Da ich selber zeitlebens unfähig gewesen bin, größere Mengen alkoholischer Getränke in mich hineinzupumpen, als ich vertragen konnte, so bin ich niemals betrunken gewesen und hatte deshalb auch wohl niemals das sonst dem richtigen Deutschen zukommenk^ Verständnis für die angebliche Poesie der Detrimkenheit. Eie ist mir immer nur widerlich gewesen. So kam es, daß ich niemals das Ende einer Harilebenfchen Bierreise oder mich eines seßhaften Zechgelages erlebt habe. And dadurch blieb es mir auch erspart, die jämmerliche Kehrseite der trunkenen Gloria dieses Prachtexemplars zu erleben. Ich bin froh, daß meine Erinnerung an ihn fast nur Stunden olympischer Heiterkeit bewahrt. Noch in einem anderen Kreise verkehrte ich in Berlin, freilich nur als seltener Gast, in dem der sogenannte Kutscher, nämlich der saure Mosel, die feuchte Fröhlichkeit zu erzeugen bestimmt war. In einer Weinstube der Potsdamer Straße trafen Johannes Trojan, der Leiter des „Kladderadatsch", Heinrich Seidel, Ludwig Pietsch und dessen Amtsnachfolger Paul Lindenberg. Hans Hoffmann und der Erfinder unserer rauchlosen Schießpulvers Geheimrat Scheibler zusammen. Scheibler pflegte, wenn Pietsch nicht anwesend war, die Kosten der Unter« Haltung ziemlich allein zu bestreiten, denn die übrigen Humoristen hüllten sich in Tabakwolken und Schweigen. Ich habe selten eine stillere Tafelrunde von geistvollen Männern angetroffen. Der liebenswürdige, feinsinnige Poet, Menschen- und Aatur- fermer Trojan gehörte zu jenen gerade in Deutschland häusigen Geistern, denen der Witz nicht auf den Lippen, sondern nur an der Spitze ihrer Feder locker sitzt. Wo er bei Heinrich Seidel saß, habe ich niemals zu ergründen vermocht. In seinen Schriften ist er auch nicht zu finden. And doch ist dieser Mann durch eine einzige Erzählung, das freundliche, aber herzlich langweilige Idyll von .Leberecht Hühnchen", einige Jahre hindurch berühmt gewesen. Seltsam! Ich finde die Msenkonstruktion der Anhalter Bahnhofshalle in Berlin, die ebenfalls sein Werk ist, entschieden nchmwürbiger. Wenn Ludwig Pietsch anwesend war, dann allerdings kam Leben in die Bude. Es ist eine Herzstärknng, zuweilen solchen Sonntagskindern zu begegnen. Dieser fröhliche, stets jugendlich begeisterte Greis hatte wohl niemals in seinem Leben ernsthafte innere Erschütterungen erfahren. Ich Weitz nicht, ob er so geworden ist, weil er Jahrzehnte hindurch Festberichterstatter der Vossischen Zeitung war, oder ob ihn die Vossische Zeitung zum Festberichterstatter machte, weil er von Natur aus festlich gestimmt war und schlechterdings nicht schwarz zu sehen vermochte mit seinen daseinsfroh«: Maleraugen. Jedenfalls kann eS auf eine Weiche Seele nicht ohne starken Eindruck bleiben, wenn ein Mensch von Berufs wegen nur Sonntage lebt und die Mkmschheit nicht anders als im Feierkleide sieht. Ludwig Pietsch war nämlich so ziemlich bei allen festlichen Gelegenheiten der Weltgeschichte seit 1860 dabeigewesen und hatte di? Erinnerung an all den Trubel bunten Bolkerlebens, an bedeutende und unbedeutende Persönlichkeiten, besonders aber an scharmante Damen in feinem glänzenden Gedächtnis treu bewahrt. Als amüsanter Plauderer fand er nur in Paul Lindau seinen Meister. Der blieb allerdings, als der bei weitem originellere Geist, nicht bei der allgemeinen Menschenliebe und leicht begeisterten Divatstimmung des guten Pietsch stehen, sondern bewahrte sich auch unter den festlichsten Amständen sein kritisches Dewutztsein, und seine Ironie entsprang einem fein- geschliffenen, schlagfertigen Geiste. Lindau war wohl überhaupt der interessanteste und witzigste anekdotische Ausmünzer seiner eigenen Erlebnisse, der mir unter den Tausenden von denkwürdigen Bekanntschaften in meinem Leben begegnet ist. Allerdings war er ein Monologist, das heißt ein Mann, der in Gesellschaft immer allein das Wort führte und durchaus nicht zuzuhören vermochte. Ihm aber nahm das niemand übel — außer vielleicht jene fürchterlichen Massenkolporteure von Anekdoten, Zoten, Wortwitzen und sonstigen Späßen, die ein unheimliches Gedächtnis fälschlich für Geist ausgeben und sich in seiner Gesellschaft zum Schweigen verurteilt sahen. Tiefe Seelen waren freilich weder Pietsch noch Lindau, und Lindau blieb als Dramatiker wie als Erzähler schließlich doch nur ein geschickter Macher. Seine Briefe aus Baireuth waren eine -Ungezogenheit, deren er sich in späteren Jahren selbst geschämt hat. Ich hatte sie ihm derart ubetgenommen, daß ich mich mehrere Jahre gegen seine nähere Bekanntschaft sträubte. Als ich aber dann in ihm nicht nur den glänzenden Plauderer, sondern auch den gutherzigen Mensch« und wohlmeinenden Freund erkannte, habe ich jede Gelegenheit, eine Nacht in seiner Gesellschaft zu durchwachen, freudig ergriffest Er war übrigens kein großer Zecher, sondern nur ein nicht tiw zubringender Nachtvogel, Ich möchte nicht vergessen, zu erwähnen, daß von all den Poeten, die an dem ftiffen Kult des sauren Mosels teilnahmen, Hans Hoffmann mit als der Bedeutendste heute noch erscheint. Ich halte ihn für einen unsrer allerersten Novellisten, bet auch mit viel mehr Recht als Scheerbart zu den besten Humoristen Deutschlands gezählt werden darf. An seinem verhältnis- mäßig frühen Ende war wohl auch Dämon Alkohol nicht gmu unbeteiligt, aber er ist doch nie würdelos unterlegen. Sein feines Menschentum verstand die Kunst, den Teufel nach seiner Pfeife tanzen zu lassen, wie es sich für einen echten Dichter schickt. Auch unferm fidelen bemoosten Haupte Otto Erich Hartleben vermochte dieser üble Teufel doch nicht gänzlich den Hals umzudrehen, weil er von Haus aus keine zwiespältige Natur war, sondern eins harmonische Anlage mitbrachte, die sich durch eine bewußte ästhetische Kultur, in seinen letzten freundlichen Lebenstagen wenigstens, zu der von ihm so getauften halkyonischen Heiterkeit verklärte. Strindberg dagegen ist ein tragisches Beispiel dafür, welche Verheerung der Allohol in einem Geiste anzurichten vermag, dem von vornherein das sichere Gleichgewicht fehlt, das eine gute Blutmischung und verständige Erziehung glücklicheren Menschen ins Leben mitgibt. Das Phänomen Strindberg ist nur zu begreifen, wenn man sich gegenwärtig hält, daß er der Sohn der Magd war, der zeitlebens diese Abkunft als einen schimpflichen Makel empfand und der, wie so manche andere hervorragenden! Bastarde der Weltgeschichte, seinen giftigen Geifer wider dis Welt der Wohlgeborenen ausspritzte. Sein gewaltiger Geist fühlte sich nicht wohl in dem gebrandmarkten Leibe, darum tat er diesem Leibe Gewalt an, und der Leib rächte sich wieder an dem Geiste. Es war ein lebenslanges aufreibendes Ringen zwischen den beiden, und das Ergebnis war eine Vergiftung aller Lebenssäfte und damit auch der Quellen, daraus er beim Schaffen schöpfte. So mußte das Weltbild Strindberqs krampfhaft verzerrt werden, so mußte seine wild männische Erotik in einen Weiberhaß umschlagen, der schon nahe an Wahnwitz grenzte Md schließlich doch nur der Wut über seine Ohnmacht gegenüber dem geschlechtlichen Reiz entsprang. Es ist recht, zu der dämonischen Gestaltungskraft dieses überragenden Geistes bewundernd aufzuschauen, aber es ist gefährlich, ihn zum Führer zu erwählen und den künstlerischen Offenbarungen seines Hasses Glauben zu schenken. In jener Zeit hatte ich mit den anderen Friedrichshage». nern auch Gerhart Hauptmann einigemal be irnir zu Gaste Gr sah damals genau so aus, wie sein temperenzlerischer Fanatiker Loth geschildert ist. Die schlanke Jünglingsgestalt steckte in einem langen, bis hoch um den Hals geschlossenen Predigerrock!, und der ausdrucksvolle Kopf mit der Riesenstirn, den versonnenen! Augen und dem großen, schmallippigen Munde stellte schon damals ein seltsames Mittelding zwischen Apostel und Zuchthäusler dar. Gr lebte auch seine Äeberzeugung insofern, als er sich des Alkohols, des Tabaks und aller niedrigen lauten Freuden gemeiner Menschenkinder enthielt. Llebrigens war er damals nichts weniger als ein sprühender Gesellschafter und seine Seel« ebenso zugeknöpft wie sein Priesterrvck. Vermutlich rührte auch fein. schweigsames Lächeln von Menschenscheu und leicht verletzlicher Zartheit her. Er wurde dann zu seinem Schaden noch mehr verzärtelt durch die anbetungsvolle Liebe seiner blutjungen Gattin und der andern Tempeljungfrauen im Dienste seines Genius. Die schleppten ihn aus dem Getriebe der rauhen Welt in eine versteckte Waldkapelle, hüllten ihn in Prunkas- wänder und breiteten Weihrauchwolken unter seine Füße. Ich führe die beklagenswerte Tatsache, daß es Hauptmann niemals gelungen ist, einen männlichen Helden zu schaffen, einen frohen Sat« und Willensmenschen, auf jenen Kult zurück, den ekstatische Frauen in seiner Jugend mit ihm getrieben haben. Als ich ihm ein Dutzend Jahre später auf Hiddensoe wieder begegnete (et hatte damals bereits sein Rautendelein geheiratet), erschien er mir bedeutend frischer und menschlicher als in seiner JünglingS- zert. Er balgte sich mit seinen Söhnen und Neffen, trieb allerlei gesunden Sport, war braungebrannt und ging frisch fröhlich auS sich heraus. Mit dem Dichter Hauptmann bin ich eine gute Strecke Wegs freudig mitgegangen, bis mir seine allegorische Geheimniskrämerei und seine immer schlapper werdenden Mannsgestalten allmählich den Geschmack an seinem Genius verleideten. Mit dem Menschen bin ich kaum mehr zusammengs- trosfen, seit er als großer Herr und Sybarit zu Agnetendorf Hof hält. Meine schönste und stärkste Erinnerung an Gerhart Haupb» mann wird immer der Abend in Otto Brahms Junggesellen- m , X.civn’ Km er einem ganz kleinen Zuhörer kreis, in dem P"ul Schlenther und ich die einzigen Deutschen waren, seinen „Kollegen Crampton" vorlas — und zwar sehr gut, denn et gebürte zu den wenigen deutschen Dichtern, die sich durch den Vortrag rhrer eignen Werke nicht um allen schuldigen Respekt bringen. -öchristleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. - Druck und Verlag der Brühl'fchen Univ-Buch. und Steindruckerei, R, Lange, GietzE