Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, -en 25. Juni . , Nummer so Der Vater. Von Max Brod. Ich bin zu meinem Vater ins Bureau gekommen, Ich sah ihn arbeiten, den alternden Mann, Sein grüner Lampenschirm blickte mich an: „Nun, wann wird ihm die Last genommen?" Lieber Papa, ich kenne dich nur Vom düstern Morgenkaffee, Bei Mahlzeiten thronend, die du seit je Ans lächelnd gewährst wie die gute 31atue. Daß aber hinter so selbstverständlichen Dingen, Hinter so täglichen, dunkel gefühlten, Täglich so brennende Lampen hingen, Ihr Licht in Kolonnen von Ziffern wühlten, Daß, wie ich jetzt dies Zimmer sehe, Tausend Anblicke, mir unbekannt, And deine tausendmal rührige Hand, Das Inselchen schufen, auf dem ich stehe, Daß jeder Bissen, den ich schlucke, Aus Telephonklingeln in dein armes Ohr. Aus Befehl und Gehorchen ging hervor And aus manchem schreckensbleichen Rucke, Datz zu Vorgesetzten Stiegen führen, Die du auf und ab rennst, und daß mit Schrein Untergebene listig dein Knie berühren, Das fällt mir heute zum erstenmal ein. And es tut mir Weh. — Denn du solltest schon lang, Alter Mann, einen Garten haben, Gesunde Beschäftigung, Pflücken und Graben, Obstbänme, jubelnder Enkel Dank. Sind dir aber weite Reisen genehmer, Sollten dich schöne Schnelldampfer entführen - Du dürftest kein bißchen Seekrankheit spüren Oder ein Eilzug, ein ganz bequemer, Mühte mit dir zu den blauen Seen. Wie du willst, nach so mühevollen Jahren, zu interessanten Museen Oder zu Indiens Schätzen rollen. Enttäuschung. Don Heinrich Mann- Aus dem neuesten Roman Heinrich Manns „D e r Kopf", erschienen bei dem Verlag Paul Zsolnah, Berlin-Leipzig, entnehmen wir mit Erlaubnis des Dichters den nachfolgenden Abschnitt, der die ganze Gestaltungskraft und die Wucht der Sprache des Meisters zeigt. Terra ging nach Haus: alle schienen schon zu schlafen: nahm bas Rotwenbigste mit und stieg hinunter in den Garten. Er sah sich nicht mehr um, das Vaterhaus sollte vergessen sein. Durch die Pforte entkam er auf die Wiese, dann an das Fluh- ufer, bestieg das Boot und fuhr zu. Er rechnete auf zwei Stunden Ruderns im sternenlosen Dunkel, barhäuptig und den Wind vom Meer auf der Stirn. Statt dessen wäre er, nahe der Flußmündung, beinahe in einen Zug von Lastkähnen hineinge- fahren. Die Stimme, die ihn anrief, klang bekannt. Dann wird eine Laterne erhoben. „Schlüter?" „Der junge Herri Soll ich vielleicht doch noch umkehren?" „Wohin fahren Sie denn?" „And Sie?" fragte der Lagerverwalter mißtrauisch. „Ich komme zu Ihnen hinauf." — Als er oben war: „Mein Vater schickt Sie fort? Wegen des Konsuls Ermelin? Rur heraus damit!" Er sah die Kähne entlang: „Getreide?" „Wegen des Getreides fahre ich," gestand der Verwalter. „Auch wegen des Herrn Konsuls, damit er in den Reichstag gewählt wird. Aber bei dieser Gelegenheit schaffen wir gleich das Getreide fort, es ist zu billig." „Zu teuer meinen Sie?" „Der junge Herr kennt das Geschäft noch nicht. Das Getreide ist noch vor dem hohen Schutzzoll hereingekommen, und viel billiger als das hiesige, es verdirbt den Preis. Es mutz aus dem Land, ich fahre es hinüber." Der Sohn schwieg hierauf lange im Dunkeln. Als er dies ganz erfaßt hatte: „Sie helfen das Brot zu verteuern, Sie, ein Sozialdemokrat?" „Gerade darum. Ihr Vater £amt zu so etwas nur einen brauchen, der noch mehr auf dem Kerbholz hat. Man will doch wieder zurück dürfen. Ich rede nicht. Sie können beruhigt fein, junger Herr!" „Ich bin es. Aber Sie müssen allein hinausfahren. Ich gehe in mein Boot zurück und lege an." Don unten fragte Terra noch: „Was machen Sie, wenn die Zollwache Sie anhält?" Der Beauftragte seines Vaters rief herab: „Dann kehre ich um und versenke alles." Daraus griff der Sohn noch schneller aus. Er fuhr auf den Meeresstrand auf, und durch das wehende Gras ging er den wohlbekannten Weg in das Dorf, nach dem Wirtshaus, das ihn zu jeder Zeit des Lebens schon ausgenommen hatte, als lachendes Kind mit den freundlichen Eltern, als übermütiger Schüler unter vielen, nicht weniger graben Herzen, als Heran- gewachsenen mit Seinesgleichen, denen es nicht fehlen konnte. Mißverständnisse, dies alles. Riemals war so das Leben gewesen. So war nur die Unwissenheit, die besonnte Oberfläche. Eines Tages erfuhr man eine Wahrheit, sie war ungeahnt und so furchtbar, daß dir für immer Spiel und Lachen verging. Andere Wahrheiten gliedern sich an, die Kette wird schwerer und schwerer. Du trägst sie durch das freieste Leben als Sträfling. In dem schlechten Zimmer unter der niederen Decke stand der Sohn und durchdachte die Miene seines Vaters, seine Miene in großen Augenblicken, seinen Ausdruck, wenn er mit sich allein war, sein Gesicht bei Richtigkeiten, die, wer weih warum, ewig unvergeßlich sind. Die Decke war geschwärzt von der rauchenden Lampe, jetzt prasselte Regen an das Fenster. Das Meer dort hinten Hub Schläge zu rollen an. Das Haus in Wetter und Weite bebte wie ein Schiff. Der Sohn suchte, atemlos und verzerrten Gesichtes, nach dem Gesicht eines schlechten Menschen, der sollte sein Vater sein. Er fand es nicht. Dafür vernahm er in seinem Herzen jenen Tonfall von heute mittag, der wohlwollend, kundig und sogar schüchtern klang. Das war der Freund des Verbrechers Ermelin? Dann wissen wir um unsere eigenen Taten nicht, und eben dies ist das Hoffnungslose. Was weiß wohl die Mutter, vonrehm und kindlich sicher. Aber jener junge Leutnant, den der Sohn, noch halbwüchsig, einst durch alle Räume jagte, bis er ihn im Musikzimmer der Mutter aus einem Vorhang zog? „Ach, ich glaubte, dein Vater sei es," sagte der Leutnant und lachte erleichtert. Das Haus erbebte, den Sohn kam ein Schauder an. Er selbst hatte mit heiterem Mund seine Eltern bestohlen, um zu Weibern zu gehen oder auch um ein Vergnügen, von dem man hätte sprechen können. Er hatte Freunde verleugnet. Feige Handlungen und unreine Beweggründe waren sein menschlicher Gewinn, noch bevor er einundzwanzig Jahre alt war. Auf einem Strohstuhl über sich selbst gebeugt, lieh er die Gesichter heraufsteigen. Anheil und kein Ende, auch die Schwester erschien: in verdächtiger Gasse am Arm seines eigenen Freundes, heimlich fort getrieben unter fallendem Regen. Das Lachen der Frau von drüben! Er weigerte sich nicht länger, es zu verstehen.. Keine der kindlich verehrten Gestalten stand noch fest — und keiner der alten Glaubenssätze! Mit eben dem Freunde, der ihn jetzt verriet, hatte er an stolzen Tagen und in erhitzten Rächten bezweifelt, was irgend Gesetz war. Entfesselter Geist, erhaben über Sitte, Bekenntnis, Menschenfurcht, hingeflogen, wo nicht mehr Welt und auch nicht Gott war, — um jählings niederzustürzen vor die Führ einer Frau. Er fuhr auf, ihm brannte das Gesicht. Die Frau, die er liebte, um deretwillen er floh, alles ab brach, alles wagte! Kommt sie schon? Die verabredete Stunde! Aber daß sie nur jetzt mich nicht ertappt! Jetzt, da ich die Beute meiner Zweifel bin. Erhabenheit des unbequemen Geistes, Empörung, noch unerbittlicher Moral — sollten sie nichts Wetter gewesen fern als Fallstricke der Sinne? Flucht! Aufruhr! — aber wann tn welchen: Zeitpunkt? Als mein Vater mir den abenteuerlichen Verkehr verbot... So ist mein Aufruhr Vermessenheit und Lüge 2m Grunde bin ich wie jedermann. Ich würde zu allem geschwiegen, alles leicht genommen haben, ließ man nur nur die Begehrte. Sie soll nicht kommen, ich schäme mich. Wie aber? Es wird Tag? Er riß das Fenster auf. Rauhe Stille; erstes Grauen ohne Hoffnung auf Sonne, QBoUenbante tief auf glanzlosem Meer. Atmen — wir atmen doch. And hab 198 ich mich belogen, jetzt weiß ich die Wahrheit, auch diese letzte, daß ich ein schlechter Kerl bin. Ich fliehe mit einer schlechten Frau, so ist es, so bleibt es, ich will es nicht anders. Daß sie noch nicht kam, das hat sie gut gemacht. Jetzt mag sie kommen! Er ging zu der Haltestelle der Dahn. Sie sah dann also in dem Frühzug, er sollte gleich einsteigen zu ihr, und fort, aus der Nacht des Erkennens und der Abschiede geradewegs hinein in das Leben, wie es ist. Dur kein Dichtsehen mchr, kerne betrügerische Wohlanständigkeit! Mit der Abenteuerin verbündet, ein großer Mann werden, ein Lump oder ein Tropf — „nur wissen um mich! Die einfachste Menschenivürde verlangt die Befreiung meines Gewissens. Ölkan soll mir in das Gesicht schlagen, nur ich selbst will es nicht tun müssen." ' Der Zug, - da bin ich! Aufgerissen die Türen, sre saß hinter keiner. Er trat zurück, betäubt, ganz ratlos. Es war doch hart, sie hätte kommen sollen. Sie verlieh ihn genau zu der Stunde, da alles ihn verlieh. Jetzt heißt es, ganz allein mit deinem aufgeklärtem Gewissen hinausfahren in das Leben, das, noch soeben Deiz und Zauber gehabt hatte durch sie. Auf einmal war es fahl und leer, wie hinter dem wegfahrenden Zug die morgendliche Meeresfläche. Ziehe deinen Kahn vom Strand, steuere hinaus, kehre nie wieder! Du wirst vom Leben nur den Tod gekannt haben, aber vielleicht hat Mangvlf recht, und er ist der bessere Teil... Auch von der anderen Seite kam ein Zug, Terra stieg ein, ohne zu überlegen, Flüchtling, auch wenn er heimkehrte. Londoner Bilder. W. v. K. London, den 15. Juni 1925. Ein italienischer Himmel, eine tropische Hitze, wie sie fett Jahren nicht in London erlebt wurde, hat das Bild dieser trübsinnigsten aller Weltstädte von Grtmd auf verwandelt. Die Bäume z-eigen ein effcrtanteS Grün, bet Basen fängt hier uno da an, gelblich zu werden, und die Londoner Menschheit weiß nicht recht, ob sie sich freuen, oder jammern soll. Besonders das männliche'Geschlecht. dessen Garderobe auf so sommerliche Hitze nicht zugeschnitten ist. ächzt und transpiriert zum Gotterbarmen. Im Hydeparksee badet zahlloses Volk, auf den Bänken sitzen japsende, erschöpfte Insulaner und haben tropische Erinnerungen, soweit sie in den Tropen gewesen sind. Die Eisfabriken arbeiten mit Dolldampf, in den Restaurationen werden nur noch kalte Sachen gegessen und der Besuch Wembleys nimmt fortgesetzt ab. Dur die flügge und frivole Damenwelt freut sich Endlich ein Sommer! Obwohl Kälte, wie uns die Phhsikftunde lehrte, eine zusammenziehende tmd Wärme eine ausdehnende Wirkung haben soll, zeigt die Beachtung der britischen Mädchen- und Damenwelt eine Schrumpfung der Bekleidung, die schon fast paradiesische Züge trägt. O Tempora, o Mores! Von dem kürzesten Derlinerinnenröckchen kannst du immerhin noch einige Zoll streichen tmd dann hast du Londoner Bilder. Dur ab und zu gewahrst du eine sittenstrenge Puritanerin, die mit böswilligem Gesichte, schwarz marmoriert und schleppend durch die Straßen wandert, die meisten Matronen haben sich, kleibmäßig gesehen, fast ebenso verkürzt wie die Jugend und das Mittelalter. Dach den Badeorten pilgern ungezählte • Völkerscharen. In Brighton Eastbourne, Margate, herrscht Menschenüberschwemmung. Trotzdem ist London nicht verwaist. Hier herrscht Saisvn- betrieb. In dieser Woche steigt das klassische Rennen von Ascot. Die große Welt amüsiert sich, sie tanzt, trotz aller Hitze, weil es das Gesetz der Gesellschaft für diese Zeit des Jahres so vorschreibt. Aber die Theater beklagen sich, denn mit Ausnahme einiger begünstigter Stätten der Halbkunst, wo frivole Stücke leichtbekleidet gegeben werden, ist die Dachfrage nach dramatischer Kost nur gering. Wer es sich leisten kann, geht so lange, so ausgiebig wie nur möglich ins Grüne, ins Freie. Er schläft besi offenen Fenstern auf dein Balkon, im Garten. Eine wackere Pensionsdame, die mit ihren Schutzbefohlenen im Garten ruhte, um Mitternacht, fand plötzlich ein männliches Individuum in gefahrdrohender Dähe, er roch nach Schnaps und konnte auf Anfrage keine befriedigende Auskunft über seine Absichten geben. Er entwich, wurde jedoch gefangen und verknackt. Ja, ja, die Hitze! Das Unterhaus hält Dachtsitzungen ab. Die politische Be- redtsamkeit entfaltet sich bei diesen Temperaturen offensichtlich erst um die Geisterstunde. Obwohl es den Sitzungen offensichtlich an Geist mangelt. Auch leidet die Parteidisziplin. Deulich haben die Liberalen eine Gelegenheit zur Opposition glatt verpaßt, und die Arbeiterpartei hat vorgestern in wüstem Durcheinander gestimmt, so daß heute noch niemand weih, ob sie eigentlich Re- gierungs- oder Oppositionspartei ist. Dabei sagt man, daß Rot eine sonnenstichverhindernde Farbe sei! Sollten die englischen Arbeiter nicht ganz lichtecht in parteipolitischer Wolle gefärbt sein? Diemand wird erwarten, daß unter sotanen .Umständen die hohe Politik gar zu üppig ins Kraut schießt. Wer das Geld und einen Landsitz sein eigen nennt, geht am Freitag aufs Land, kommt höchstens Montag wieder, And wenn er ein guter Geschäftsmann ist, erst am Dienstag. Es soll Menschen geben, bei denen beginnt die Wochenarbeit am Mittwoch und das Wochenende ebenfalls am Mittwoch Da man in London nicht vor 11 Uhr vormittags tätig ist, und der Abend um 3 Uhr nachmittags beginnt, dürsten diese Eingeborenen einschließlich eines Lunches von 11 bis 3 Uhr allmittwöchlich arbeiten. * Die Herren Abgeordneten haben es nicht so gut. Der Einpeitscher der Konservativen kennt seine Pappenheimer. Er hat feine Schäflein in Rotten eingeteilt, oder in Stimmkompagnien. Die Partei zählt 400 Abgeordnete, nach Abzug der normalen Abwesenheitsziffer. Diese 400 Mann sind in zehn Kompagnien eingeteilt. Zu 40 Mann. Sieben Kompagnien haben immer Stalldienst, zum Abstimmen, drei Kompagnien haben Urlaub. Kein Wunder, daß die Opposition den Mut verliert, sie befindet sich stets vor ausgeruhten Truppen. Wie groß müßte nicht das Ansehen einer deutschen Regierung sein, die sich auf eine so bombensichere Mehrheit stützen könnte! Aber wir haben den gesegneten Proporz. Er hat keine Aussichten aus Einführung in England. Die berufsmäßigen Laubfrösche sagen weitere Dauer dieses unerhört angenehmen Wetters voraus. Bisher haben sie recht behalten. Auch die politischen Laubfrösche sind hierzulande guter Dinge. Sie quaken fröhlich über Entwaffnung, Sicherheitspakt und Kölner Räumung. Auf alle Fälle ist man im Augenblicke die Verantwortung los. Briand wird seine Dote bald abgeschickt haben und an der Entwaffnung kaut die deutsche Regierung. Wie angenehm ist das. Diese ungewohnte Sommersonne, diese seltene, so ganz unenglische blankgeputzte, wirklich warme Himmelzentralheizung überglänzt alle gegenwärtigen Sorgen. Sie sind so zahllos wie die Sterne, die nachts auch hier sichtbar sind, wenn die Sonne nicht scheint. Aber wie gesagt, die Sonne hat das Wort. Dachts schläft man. Ganz England handelt nach dem schönen deutschen Gassenhauer: „And so woll'n wir denn noch mal. lustig sein, fröhlich fein, juchhe!" — „Solange der Vorrat reicht", fügt die vorsichtige Berichterstattung hinzu. Denn das englische Klima ist leider so unzuverlässig. Pariser Eindrücke. Don C. Fries. Der Deoutsche geht jetzt nicht gern nach Paris, wenn ihn nicht die Pflicht der Berichterstattung zur Ausstellung ruft, obgleich man sagen muß, daß ihm nirgends mehr unfreundlich begegnet wird. Geht man in ein Kabarett oder Theater, in dem Kouplets gesungen werden, so sindet man häufig Wendungen, in denen sich eine tiefe Skepsis gegen den Siegesjubel und Kriegsgewinn ausspricht, und niemand denkt daran, gegen dergleichen zu protestieren. Man ist im Publikum weit weniger nationalistisch gesinnt, als wir denken, und hält die Deutschen für weit chauvinistischer. Was dem Berliner besonders in Paris auffällt, ist das Dichtvorhandensein von eleganten Deubauten. Man sieht sehr wenige, und diese unterscheiden sich im Sttl kaum von den alten. Sie scheinen alle aus der Zeit um 1860 zu stammen, als Dapoleon III. und Haußmann in ihrer Blüte standen. Aeberall auf den Boulevards findet man die hohen Bauten mit den durchgehenden Balkons und dem gebogenen Dach. Es hat keine Entwicklung stattgefundem. Der Krieg 1870 hat sie gänzlich unterbrochen. Einzelne Ansätze bewirkten keinen wesentlichen Am- schwung. So staunt man über di« rückständige Architektur in der großen Stadt. Man will nicht nachahmen und glaubt sich etwas zu vergeben, wenn man stemde Entwicklung behorcht und auf sich wirken läßt. So entsteht die Stagnation. -Um so imposanter wirst das Historische. Die altfranzösische Renaissance des Louvre übt allzeit herrliche Wirkungen aus. Die im Garten angebrachten Anlagen mit Bosketts, Statuen und Ruheplätzen erfreuen jedes Auge. Wundersam eindringlich spricht das Paris der Scholasttk. Ich traf hier mit dem Kaplan Fahsel zusammen, und er schwärmte nicht nur vom katholischen Standpunkt von den innerlichen Rhythmen dieser Kathedralen und Dome. Di« Silhouette von Dotre Dame, die über die Seine und das ganze Quartier Saint Michel ragt, ist zu oft gemalt und beschrieben worden, als daß wir länger dabei verweilten. Di« Lage der Kirche ist einzig schön. Sie ist der Triumph der Gotik. Ganz aus dem Rahmen fällt die Madeleine mit ihrem griechischen Profil, ein interessantes Experiment wie die gräzisierenden Versuche unserer klassischen Dichter und Schinkels, aber ohne organisches Leben, wie es die wirklich kirchlichen Bauten haben. Das Straßenbild von Paris unterscheidet sich wesentlich vom deutschen. Der amerikanische Einfluß in der Derkehrsregu- lierung ist ersichtlich. Wenn der Agent de Ville mit der weihen Holzkeule winst, hält die unabsehbare Phalanx der Autobusse und Automobile plötzlich an und ein breiter Aebergang für Fußgänger ist vorhanden. Die Chauffeure fahren sehr geschickt, und man hört wenig von Anfällen. Der die ganze Stadt unterwühlende Metro mit feinen vielen Stockwerken und Jrrgängen ist eine mühsame Angelegenheit, die gründliche Ortskenntnis oder vieles Fragen erfordert. Aber er ist auch das schnellste Verkehrsmittel. Merkwürdig ist eine gewiss« Solidität des Pa- risers. Wer sich etwa am Montmartre in einer der langdauerudeu Vorstellungen verspätet, etwa noch eine Tasse Kaffe« getrunken hat und auf Heimfahrt rechnet, kann sich bitter täuschen, Hm ein älhr nachts ist es auf der sonst gewiß nicht ruhigen Place Pigall« ganz still, und kein Wagen holt uns ab. Was aber eine FrchWanderung durch ganz Paris bedeutet, weiß nur der Kundige. Das Straßenbild unterscheidet sich auch durch das Llebermatz von Lichtreklame stark vorn unsrigen. Was der Berliner am Potsdamer Platz davon sieht, dünkt ihm schon ungeheuerliche In Paris überschreien sich die Lichtreklamen gegenseitig so, daß ganze Straßenzüge in Feuer und Glut zu stehen scheinen. Lautes Geschrei dagegen hört man weniger. Trotz lebhaftesten Verkehrs zeigt das Publikum eine gewisse Disziplin, die selten zu Ausschreitungen führt. Das Pflaster ist jetzt fast überall gut; es besteht aus Asphalt oder Holz und bewährt sich sehr. Ein Hauptbestandteil des Strahenbildes aber ist die Pariserin. Paris ist die Stadt der jungen Mädchen. Man sieht sie überall, und überall huschen sie mit ihren schlanken graziösen Figuren und ihren kleinen Hütchen auf dem Bubenkopf umher. Sie sind kleiner als die deutschen Mädchen, auch schmaler und haben fast alle geschminkte Lippen. Im ®afe, im Theater, überall kann man erleben, daß eine Dame ihren Spiegel hervorzieht und mit dem Schminkstist die Matur verballhornt. Denn ein derartig korallenrotes Lippenpaar kann das hübscheste Gesicht verschandeln. älnd das ist nicht auf die Jugend beschränkt. Sonst aber bietet die junge Französin allerdings in ihrer lazertenhasten Beweglichkeit und geschmackvollen Toilette ein ansprechendes Bild. Bon seltsamer Schönheit ist die Umgebung der Stadt. Sie liegt in einem hellgrünen Kranz von Laubwäldern, zwischen denen die Seine sich malerisch hinschlängelt. Die Landschaften von Claude Monet kommen uns ins Gedächtnis. Der Wald von St. Cloud mit seinem Vogelsang und seinen lichten Schatten ist wie für Dichter geschaffen. Der Blick von der Höhe von St. Cloud auf das Panorama von Paris herab ist nur mit dem von Fiesvle über Florenz zu vergleichen. Die Kuppel des Jnvalidendorns, der Eiffelturm, Sacrg-Coeur und der Trocadero ragen in den Dunstkreis über der gewaltigen Silhouette hinein und bilden ein grandioses Panorama. Der Schatz. ' Bon Eduard Mörike. (Fortsetzung.) Mein Feldmesser raunte mir zu, auf die Scheibe sei der König nie glücklich gewesen; vor zwei Jahren sei der gleiche Fall begegnet, und man Wolke wissen, es habe damals der Monarch als ihm sein Hofnarr die wahre Bewandtnis mit dem Meisterschuß ins Ohr gesagt, die edle Delikatesse des Turmhahns so Wohl vermerket, daß er desselben alleruntertänigst Gesuch, ihm feine unscheinbar gewordene Vergoldung erneuern zu lassen, nicht nur ohne weiteres bewilligt, sondern ihm überdies Titel und Rang eines geheimen Wetter- und Kirchenrats gnädigst verliehen habe. Mun aber setzte sich der Hof zu Tische, und da war ich es leider selbst, welcher die ganze Herrlichkeit verstörte. Ich konnte nämlich bei andauerndem, entsetzlichem Durste unmöglich der Versuchung widerstehn, den Arm ins Tal hinab zu strecken und mir eine der größten, mit rotem Most gefüllten Kufen herauf- zulatkgen, die ich auch, unbekümmert um das rasende Zetergeschrei, das in der Tiefe losbrach, geschwinde ausgetrunken! hatte, nur eben wie man einen Becher leert. „Wir sind verloren!“ rief der Feldmesser aus, rutschte vom Baum und war nicht mehr zu sehen. „Heidoh!! Heidoh!" scholl's aus dem Tal, „ein Men- schenungeheuer auf der Höhe! Weh, weh! bei der heiligen Eiche! bei Havelocks Baum!" — „Auf, zu den Waffen, tapfre Recken!" rief eine stärkere Stimme: „Rettet! rettet! dort ist mein Schahgewölbe! des Königs heiliger Schatz!" Gin wütendes Getrappel kam jetzt über Stock und Stein den Berg herauf. Ich dachte an ein großes Hornisheer, lieh schnell den Decher fallen und entfiel). Wie ich auf meine Stube, wie ich ins Bett gelangte, weiß ich nicht. Das weiß ich, daß ich mir die Augen rieb wnd nur geträumt zu haben glaubte. Es war erst eben Heller Tag geworden. Das sonderbare Machtgesicht beschäftigte mich sehr. Der Leuchter stand auf meinem Tisch, die Tür war ordentlich verriegelt, hingegen fehlte der Wasserkrug richtig, und meinen Durst schien ich gestillt zu haben, denn wirklich, er war ganz verschwunden. Auf jeden Fall hat mir in meinem Leben kein Traum einen so heitern Eindruck hinterlassen ■ ich konnte nicht umhin, die glücklichste Vorbedeutung darin zu erblicken. Mein Frohnurt trieb mich aus dem Bette, so früh es auch noch war. Ich zog mich an und pfiff dabei vergnüglich in Gedanken. Von ungefähr kam mir mein leerer Beutel in die Hand, und in der Tat, ich konnte ihn diesmal mit größter Seelenruhe betrachten. An seinem ledernen Zugbande hing ein alter, schlichter, oben und unten offener Fingerhut, den ich als ehrwürdigen Zeugen einer kindlichen Erinnerung seit vielen Jahren aus Gewohnheit, um nicht zu sagen aus Aberglauben, immer bei mir trug. Indem ich ihn so ansäh, war's, als fiel es mir wie Schuppen von den Augen; ich glaubte mit einmal zu wissen, warum mir Josephe so äußerst bekannt vorgekommen, ja was noch sonderbarer — ich wußte, wer sie fei! „Bei allen Heiligen und Wundern!" rief ich aus, und meine Knie zitterten vor Schrecken und Entzücken, „es ist Aennchen! mein Aennchen und keine Josephe!" Es drang mich fort, hinunter: unwissend, was ich wollte oder sollte, schoß ich, barfüßig, wie von Sinnen, den kalten Gang vor meinem Zimmer auf und nieder; ich preßte, mich zu fassen, öie Hand auf meine Augen — „Sie kann's nicht sein!" rief ich, „du bist verrückt! ein Zufall hat fein Spiel mit dir — und doch...“ Ich hatte weder Ruhe noch Besinnung, alle die Wenn und Aber, Für und Wider bedächtig auszuklauben, nein, auf der Stelle, jetzt im Augenblick, durchs Mädchen selbst wollt ich Gewißheit haben; mein Innerstes lechzte und brannte nach ihr, nach ihrem lebendigen Anblick! Ich war die Treppe hinabgeschlichen und hatte im Vorbeigehen einen Blick in das Gemach geworfen, wo die Landkarte hing — allein was kümmerte mich jetzt das Teufelszeug! Ich spürte nach! des Mädchens Kammer: umsonst, noch rührte sich kein Laut im ganzen Hause. Ich konnte doch wahrhaftig nicht, als wäre Feuer im Dach, die Leute aus den Betten schreien, um nachher, wenn ich mich betrogen hätte, als ein Wahnsinniger vor ihnen dazustehn. Ich ging zurück nach meinem Zimmer, warf mich in voller Desperation aufs Bett und begrub mein Gesicht in die Kissen. Doch es ist Zeit, zu sagen, was mir so plötzlich eingekommen war. In meiner Vaterstadt, zu Egloffsbronn, als meine Mutter sich sehr knapp, nach Witwenart, mit mir in ein Oberstübchen hintenn Krahne n zusamrnengezogen (ich war damals zehn Jahre alt), wohnte mit uns im gleichen Haus ein Sattler- meister, ein liederlicher Kerl, der nichts zu schaffen hatte und, weil er etwas Klarinett verstand, jahraus, jahrein auf Dorfhochzeiten und Märtten herumzvg. Sein junges Weib war ebenfalls der Leichtsinn selber. Sie hatten aber eine Pflegetochter, ein gar zu schönes Kind, mit welchem ich ausschließlich Kameradschaft hielt. An einem fchönen Sonntag nachmittag — wir kamen eben aus der Kirche von einer Trauung her — ward von dem Pärchen ernsttich ausgemacht, daß man sich dermaleinst heiraten wolle. Ich gab ihr zum Gedächtnis dieser Stunde ein kleines Kreuz von Glas, sie hatte nichts so Kostbares in ihrem Vermögen, und heute noch kann ich es spüren, wie sie mich dauerte, als sie mir einen alten Fingerhut von ihrem Pfleger, an einem gelben Schnürchen hängend, übermachte. — Allein «s foflte dieses Glück sehr bald aufs grausamste vernichtet werden. Im folgenden Winter nach unferer Verlobung brach in der Stadt eine Kinderkrankheit aus, die man in dieser Gegend zum ersten Male sah. Es war jedoch nicht mehr noch weniger als das bekannte Scharlachfieber. Die Seuche räumte greulich auf in der unmündigen Welt. Auch meine Aime wurde krank Mir war der Zuttitt in die untere Kammer, wo sie lag, bei Leib und Leben untersagt. Run ging es eben in die dritte Woche, da kam ich eines Morgens von der Schule. Weil meine Mutter nicht daheim, der Stubenschlüsfel abgezogen war, erwartete ich sie, Büchlein und Federrohr im Arm, unter der Haustür und hauchte in die Finger, denn es fror. Auf einmal stürmt die Sattlersfrau mit lautem Heulen aus der Stube: soeben hab' ihr Aennchen den letzten Zug getan! — Sie rannte fort, wahrscheinlich ihren Wann zu suchen. Ich wußte gar nicht, wie mir war. Es wimmelte just so dicke Flocken vom Himmel; ein Kind sprang lustig über die Gasie und rief wie im Triumph: „'s schneit Müllersknecht! schneit Müllersknecht! schneit Müllersknecht!" Es kam mir vor, die Welt fei närrisch geworden und müsse alles auf den Köpfen gehn. Je länger ich aber der Sache nachdachte, je weniger konnte ich glauben, daß Aennchen gestorben fein könne. Es trieb mich, sie zu sehn, ich faßte mir ein Herz und stand in wenig Augenblicken am ärmlichen Bette der Toten, ganz unten, weil ich mich nicht Näher traute. Keine Seele war in der Mähe. Ich weinte stift und ließ kein Äug' von ähr und nagte hastig an meinem Schulbüchlein. „Schmeckt's, Kleiner?" fagte plötzlich eine widrige Stimme hinter mir; ich fuhr zusammen, wie trorm Tod, und da ich mich umsehe, steht eine Frau vor mir in einem roten Rock, ein schwarzes Häubchen auf dem Kopf und an den Füßen rote Schuhe. Sie war nicht fehr alt, aber leichenblaß, nur daß von Zeit zu Zeit eine fliegende Röte ihr ganzes Gesicht überzog. „Was sieht man mich denn so verwundert an? Ich bin die Frau von Scharlach oder, wie der liebwerteste Herr Doktor sagen, die Fee Driscarlatina*)!" Sie ging nun auf mein armes Aennchen zu, beugte sich murmelnd über sie, wie segnend, mit den Worten: *) Viele Jahre nachher, als ich diese Geschichte gelegentlich vor einer Gesellschaft erzählte, tat sich ein junger Arzt nicht wenig auf die Entdeckung zugut, daß jene Worte weiter nichts als eine sonderbare Verstümmelung des lateinischen Mamens Febris scarlatina seien. Der nämliche Gelbschnabel setzte mir dabei sehr gründlich auseinander, die ganze Erscheinung sei ein bloßes Phantasma gewesen, der fieberhafte Vorbote meiner bereits erfolgten Ansteckung; auf gleiche Weise pflege sich in ■Ungarn das gelbe Fieber anzuttindigen. Anmerkung des Hvfrats. 200 — „Kurze Ware, Roter Tod: Kurze Rot Und kurze BahreI Wär Aumero Dreiundsiebenzig also!" Sie schritt vornehm die Stube auf und ab, dann blieb sie plötzlich vor mir stehn und klopfte mir gar freundlich kichernd auf die Backen. Mich wandelte ein unbeschreiblich Grauen an, ich wollte entspringen, wollte laut schreien, doch keins von beiden war ich imstande. Endlich, indem sie steif und strack auf die Wand losging, verschwand sie in derselben. Kaum war sie weg, so kam Frau Lichtlein zur Ture herein die Leichenfrau nämlich, ein frommes und reinliches Weib, bas im Rufe geheimer Wissenschaft stand. Auf ihre Frage, wer soeben dagewesen, erzählte ich's ihr. Sie seufzte still und sagte, in dreien Tagen würd' ich auch front fein, doch soll' ich mich nrcht fürchten, es würde gut bei mir vorübergehn. Sie hatte mittlerweile das Mädchen untersucht, und ach, wie klopfte mir das Herz, da sie mit einigem Verwundern für sich sagte: „Ei ja! ei ja! noch warm, noch warnt! Last sehn, mein Sohn, wir machen eine Probe." Sie zog zwei kleine Aepfel aus der Tasche, weiß wie das schönste Wachs, ganz ungefärbt unö klar, daß man die schwarzen Kern' beinah' burchschimmern sah. Sie legte der Toten in jede Hand einen und steckte sie unter die Decke. Dann nahm sie ganz gelassen auf einem Stuhle Platz, befragte mich über verschieden« Dinge: ob ich auch fleißig lernte und dergleichen: sie sagte auch, ich müßte Goldschmied werden. Rach einer Weile stand sie auf: Run last r.'is nach den Aepfeln sehn, ob sie nicht Bäcklein kriegen, ob sich der Gift hineinziehn will!" — Ach, lieber Gott! weit, weit gefehlt! kein Tüpfchen Rot, kein Striemchen war daran. Frau Lichtlein schüttelte den Kopf, ich brach in lautes Weinen aus. Sie aber sprach mir zu: „Sei wacker, mein Söhnchen, und gib dich zufrieden, es kann wohl noch werden." Sie hieß mich aus der Stube geht,, nahm Abschied für heute und schärfte mir ein, keinem Menschen zu sagen, was sie getan. Auf der Treppe kam mir meine Mutter entgegen. Sie schlug die Hände überm Kopf zusammen, daß ich bei Aennchen gewesen. Sie hütete mich nun aufs strengste, und ich kam nicht mehr aus der Stube. Man wollte mir am andern Tag verschweigen, daß meine Freundin gegen Abend beerdigt werden solle: allein ich sah vom Fenster aus, wie der Tischler den Sarg ins Haus brachte. (Der Tischler aber war ein Sohn der Leichenfrau.) Jetzt erst geriet ich in Verzweiflung und war auf keine Art zu trösten. Darüber stürmte die Sattlersfrau herauf, meine Mutter ging ihr vor die Tür entgegen, und jene fing zu lamentieren an, ihr liederlicher Mann sei noch nicht heimgekommen, sie habe keinen Kreuzer Geld daheim und sei in großer Rot. Ich unterdessen, aufmerksam auf jeden Laut im untern Hause, hatte den Schemel vor ein lleines Guckfenster gerückt, welches nach hinten zu auf einen dunkeln Winkel sah, wohinaus auch das Fenster des Kämmerchens ging, in welchem Aennchen lag. Da sah ich unten einen Wann, dem jemand einen langen schweren Pack, mit einem gelben Teppiche umwickelt, zum Fenster hinaus- reichte. Ahnung durchzuckte mich, freudig und schauderhaft zugleich: ich glaubte Frau Lichtlein reden zu hören. Der Mann entfernte sich geschwind mit seinem Pack. Gleich darauf hörte ich hämmern und klopfen, ohne Zweifel wurde der Sarg zugeschlagen. Die Mutter kam herein, nahm Geld aus dem Schranke und gab es dem Weibe vor der Türe. Ich weih nicht, was mich abgehalten haben mag, etwas von dem zu sagen, was eben vor- gegangen war, im stillen aber hegte ich die wunderbarste Hoffnung: ja als der Leichenzug anging und alles so betrübt aussah, da lachte ich heimlich bei mir, denn ich war ganz gewiß, daß Aennchen nicht im Sarge sei, daß ich sie vielmehr Wb lebendig Wiedersehen würde. In der folgenden Rächt erkrankte ich heftig, redete irre, und seltsame Bilder umgaukelten mich Bald zeigte mir die Leichenfrau den leeren Sarg, bald sah ich wie sie sehr geschäftig war, den roten Rock der bösen Fee samt ihren Schuhen in den Sarg zu legen, bevor man ihn verschloß. Dann war ich auf dem Kirchhof ganz allein. Ein schönes Bäumchen wuchs aus einem Grab hervor und ward zusehends immer größer, es fing hochrot zu blühen an und trieb die prächtigsten Aepfel. Frau Lichtlein trat heran: „Werkst du?" sprach sie: „das macht der rote Rock, der fault im Boden. Muh gleich dem Totengräber sagen, daß er den Baum umhaue und verbrenne: wenn Kinder von den Früchten naschen, so kommt di« Seuche wieder aus." Dergleichen wunderliches Zeug verfolgte mich während der ganzen Krankheit, und monatelang nach meiner Genesung Der» ließ mich der Glaube nicht ganz, daß das Mädchen noch lebe, bis meine Muller, welcher ich inzwischen alles anvertraute, mich mit huiidert Gründen so schonend wie möglich eines andern belehrte. Auch wollte leider in der Folge wirklich kein Aennchen meyr zum Vorschein kommen. Mit erneuertem Schmerz vernahm ich nur spater, das gute Kind wäre vielleicht bei einer besseren Behandlung noch gerettet worden, doch beide Pflegeeltern wären $ct ™’?en ÜBaife längst gern los gewesen. Wir kehren zum grauen Schlößchen zurück. for 6iie Vergangenheit vertieft, daß ich " die lebhafte Bewegung, die sich indes unten in der Wohnung des Dorfvogts verbreitete, ganz überhörte. Run sprana ich auf, fuhr rasch in meine Kleider und ging hinab. Schon von weitem vernahm ich die heftige Stimme der Alten im Innern der Stube. Es war ein lamenllerendes Der» wundern, Schelten und Toben, worein der.Vogt zuweilen einen derben Fluch mischte. Ich stutzte, blieb stehn. „Der Spitzbub!" hieß es innen, „der keinnützige Schuft! vierhundert Dukaten! ist das erhört? Drum hat er gleich von Anfang seine Profession verleugnet! Du meine Güte, was sind wir doch Narren ae» wesen!" Jetzt hatte ich genug. Mein Blut schien fttll zu stehen. Am äußern Hoftor stand ein junger, gutgekleideter Mann: er kehrte mir den Rücken zu, indem er einen Buben, der draußen Ziegen hütete, mit eifrigen Gebärden zu sich winkte: er gab ihm einen Auftrag, wie es schien, sehr dringend, und rief dem Knaben £>a er schon im Laufen war, noch halblaut nach: „Sie sollen doch in's Teufels Rainen machen! und ja die Fußeisen mitbringen! hörst vu < — — Man denke sich meine Bestürzung! Besinnungslos klink ich die Tuve auf und trete in die Stube. Bloß beide'Eheleute sind zugegen. Kein rechter Gruß, kein Blick wird mir gegönnt Ein frisches Zeitungsblatt liegt auf dem Tisch, welches der Schloßvogt hurtig zu sich steckt: ich denke mir im Ru, was es enthält. Er geht hinaus, vermutlich dem jungen Manne zu melden, daß ich schon unten fei. r habt Besuch bekommen?" fragte ich, um nur etwas zu reöen, mit erzwungenem Gleichmut die Alte. „Meiner Richte Bräutigam! ‘ versetzte sie kalt und fing mit recht absichtlichem Geräusch, um jedes weitere Gespräch zu hindern, Hanfkörner zu zerquetschen an, dem Distelfinken zum Frühstück. Ich hatte in meiner Verwirrung nach einem Buch gegriffen (ein Kochbuch imxr’«, wenn ich nicht irre): dahinter wühlten meine Blicke sich schnell durch ein Rudel von tausend Gedanken hindurch. Reiß ich aus? Halt' ich stand? Vielleicht wäre ersteres möglich gewesen, der beiden Männer hüll' ich mich zur Rot erwehrt: allein was half mir eine kurze Flucht? Lind in der Tat, ich fiihfte mich bereits durch die Rotwendigkeit erleichtert, endlich ein offenes Geständnis abzulegen. Dessenungeachtet war mein Zustand fürchterlich. Richt die Rähe meiner schmachvollen Verhaftung, nicht die Sorge, wie ich mich in einem so äußerst verwickelten Falle von allem Verdacht würde reinigen können — nein, einzig der Gedanke an Josephe war's, an Aennchen, was mich in diesen Augenblicken fast wahnsinnig machte, der unerträgliche Schmerz, dieses Mädchen, sie sei nun, wer sie wolle, als die Verlobte eines andern zu denken, und eines Menschen zwar, welcher das schadenfrohe Werkzeug meiner Schmach, meines Verderbens werden sollte! Wußte s i e etwa selbst um den verfluchten Plan? Unmöglich! Doch für mein Gefühl, für meine Leidenschaft, indem ich sie mit dem verhaßten Kerl in eins zusammenwarf, war sie die schändlichste Verräterin. Liebe, Verachtung, Eifersucht goren im Aufruhr aller meiner Sinne dermaßen durcheinander, daß ich mich wirklich aufgelegt fühlte, das Mädchen mit eigener Hand aufzuopfern, den Kerker, welchem ich ent- gegenging, durch ein Verbrechen zu verdienen und so mein Leben zu verwirken, an welchem mir nichts mehr gelegen war. Die Alte war inzwischen in die Kammer nebenan gegangen; soeben kam sie wieder heraus, zog die Türe still hinter sich zu und ging nach der Küche. Schnell, wie durch Eingebung getrieben, spring' ich keck auf die Kammer zu und öffne ganz leise. Niemand ist da. Ich sehe eine zweite Tür, ich trete unhörbar Über die Schwelle und bin durch einen Anblick überrascht, vor dem mein ganzes Herz wie Wachs zerschmilzt. Denn in dem engen, äußerst reinlichen Gemach, das ich mit einmal Überblickten, lag die Schöne an ihrem Bett halbkniend hin- gesunken, die Arme auf den Stuhl gelegt, die Stirn auf beide •Sjän&e gedrückt, wie schlafend, ohne Bewußtsein; Gewand und Haare ungeordnet, so daß es schien, sie hatte kaum das Dell verlassen, als jene Nachricht sie betäubend überfiel. Ich wagte nicht, die Unglückliche anzusprechen, ich fürchtete mich, ihr ins Gesicht zu sehn. Aber Sehnsucht und Jammer durchglühten mir innen die Brust, von selber streckte mein. Arm sich aus, von selbst bewegten sich die Lippen — „Aennchen!" sagt' ich — es war kein Rufen, es war nur ein Flüstern gewesen; dennoch im nämlichen Moment richtet die Schlummernde den Kops empor; sie schaut, noch halb im Traum, nach mir herüber, der ich bewegungslos dastehe; nun aber, wie durch Engelshand im Innersten erweckt, steht sie auf ihren Füßen, schwankt — und — liegt an meinem Halse. So standen wir noch immer fest umschlungen, als es im Hofe laut und lauter zu werden begann. Tosende Stimmen durcheinander, ein Eilen und ein Rennen hin und her — das alles hörte ich und hörte nichts von altem. Jeth kommt man heran durch die Zimmer, jetzt reißen sie die letzte Tür auf — ein allgemeiner Ausruf des Erstaunens! Das Mädchen, wie in Todesangst, drückt mich gewaltsamer an sich, dann sinkt sie er» schaudernd plötzlich! zusammen, und fremde Hände fassen die Ohnmächtige auf. Dor meinen Augen wird es Nacht; ich fühle mich unsanft hüben und drüben beim Arme ergriffen und 'tote un Sturm hinweggeführt nach einem finstern Gange, dann abwärts einige Stufen, wo eine Tür sich öffnet und alsbald donnernd hinter mir zuschlägt. (Fortsetzung folgt) Verantwortlich: 3. 03.: Ehrhard Evers. - Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch- 7md Steindruck^ei. R. Lange, Gießern