Gießener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, Öen 23. Mai Hummer U Schwermut. Von Bertha Rohfahl-Manker. Schwermut, zarte Blume, blühst nur im Mondenschein, in einem dunklen Tale wiegst du dein Krönelein. Dein Krönlein glänzet silbern, besprüht von nächtlichem Tau, die Weißen Blätter schimmern im Nachtwind lind und lau. Ich steh' am Band des Tales, Nachtnebel wogt um mich her, mein Fuß geht zögernd hinunter, ich seh' die Blume nicht mehr. Ich hör nur ein feines Klingen, wie Singen in der Luft... der Nachtwind wehet herüber nur einen zarten Duft. Ein Vogel schicket leise, angstvoll seinen Auf in die Nacht, — ich fröstele und lausche — niemand hat auf ihn acht... Die deutsche Kunst und das deutsche Leben. Bon Nein hold Braun. Die Hände wollen wir breiten auf dich, deutsch Leben und Gut und deine Heiligkeiten umhüten mit Seele und Blut. Wir wollen gerne vergehen, nur daß du gerettet seist, dein herrlich segnendes Wehen, der heilige deutsche Geist! Mehr denn je haben wir zur Erhebung aus grauem Alltag, zur Weckung seelischer Kräfte der Kunst nötig. Deutsch sein wollen und Straßen ziehen, die fernab den heiligen Quellen deutscher Kunst liegen, ist ein Widerspruch. Denn Kunst will zum Lebensmittelpunkte führen und die deutsche Kunst dementsprechend zum Mittelpunkte deutschen Lehens. In diesem Mittelpunkte bewußt zu ruhen, heißt, das Leben meistern, auf höherer Warte stehen, und was das Wichtigste ist: Da nach Fichte der Mittelpunkt des Lebens allemal die Liebe ist, so vertieft die Kunst unsere Liebe, und wir leben und erleben diese Liebe aus unerschöpflichen Quellen. So sind wir trotz der Härten des Alltags, trotz vieler Enttäuschungen, die uns die Menschen bereiten, immer die Liebereichen und wandeln in der uneirdlichen Kraft der Liebe! „Was du liebst, das lebst du!" Da wahre, deutsche Kunst Erhebung ist, Glanz der höheren I Welt, Tröstlichkeit und Freude, Sieg ins Licht, das heilige ! Erleiden der höheren Ebene unseres Lebens, da sie Sehnsucht j ist. Weite, Klarheit, höchste Lebendigkeit der Seele, Deutsch- | und Weltinnigkeit sondergleichen, da sie Sammlung ist und - Festlichkeit, so leben wir das alles, weil wir es in ihren j Gebilden lieben lernen! So wird die Königin Kunst seelenvolle, göttliche Dienerin i am Leben, an unserm Leben, so wird sie Gottesdienst int höchsten Sinne und offenbart ihre hohe Geschwisterlichkeit mit der Religion. „In der Religion besteht das Ewige als Ahnung, Traum, _ Hoffnung, die Kunst schenkt ihm Wesenheit und Gestalt. Sie ist die große Ermöglicherin und Erlöserin des Lebens!" Die deutsche Kunst muß uns innigste Wegbegleiterin auf den harten Straßen deutschen Lebens sein. Ohne ihr Kraftspenden, ihre feine, wunderbare Verinnigungsarbeit an uns ist ein Emporkommen gar nicht möglich. Sie muß uns Helferin zum Gipfel sein. Wenn unser Volk wieder erfaßt werden soll von einem starken, großen Gefühl ins Licht, so kann es die Gefühlswelt deutscher Kunst, darin alles kristallen und edel sich uns schenkt, einfach nicht entbehren. Mit Paragraphen und Verordnungen wird allein keine Volkserneuerung geschaffen. Von innen her! das mutz immer wieder gesagt werden, And dieses Von-innen- her schenkt eben die deutsche Kunst, die große, herrlich sichtbar gewordene deutsche Inbrunst! Kunstliebe eines Volkes ist der Maßstab für feine innerste Kraft und seinen innersten Wert. Freude an seinem Genius ist der beste Ausdruck seines Lebens und der beste Beweis für seine Lebensfähigkeit. Kunst und Leben! Strom zu Strom! Wille zu beiden ist der Wille des wahren, unbesieglichen Empor! Goethe und die Dichter des Dämons. Von Stefan Zweig. Stefan Zweig, der feine Dichter und nachfühlends Ergründer der Dichterseele, gestaltet in seinem soeben im Insel-Verlag erscheinenden Werk „D e r Kampf mit dem Dämon" den Typus des vom Dämon überwältigten Künstlers in den drei Bildnissen von Hölderlin, Kleist und Nietzsche. In der Einleitung stellt er Goethes Natur als Gegenpol dieser dichterischen Wesenart auf und schafft so einen eindrucksvollen Gegensatz der beiden Gefühlswelten, in denen das Genie sich entfaltet. Was, zunächst an Hölderlin, Kleist und Nietzsche sinnfällig wird, ist ihre Anverbundenheit mit der Welt. Wen der Dämon in der Faust hat, den reißt er vom Wirklichen los. Keiner der drei hat Weib und Kind (ebensowenig wie ihre Blutsbrüder Beethoven und Michelangelo), keiner Haus und Habe, keiner dauernden Beruf, gesichertes Amt. Sie find nomadische Naturen, Vaganten in der Welt, Außenseiter, Sonderbare, Mißachtete, und leben eine vollkommen anonyme Existenz. Sie besitzen nichts im Irdischen: weder Kleist, noch Hölderlin, noch Nietzsche haben jemals ein eigenes Bett gehabt, nichts ist ihnen zu eigen, sie sitzen auf gemieteten Sesseln tmd schreiben an gemietetem Tisch un6 wandern von einem fremden Zimmer in ein anderes. Nirgends sind sie verwurzelt, selbst Eros vermag nicht dauernd zu binden, die sich dem eifersüchtigen Dämon vergaltet haben. Ihre Freundschaften werden brüchig, ihre Stellungen zerstieben, ihr Werk bleibt ohne Ertrag: immer stehen sie im Leeren und schaffen ins Leere. So hat ihre Existenz etwas Meteorisches, etwas von unruhig kreisenden, stürzenden Sternen, indes jener Goethes eine klare, geschlossene Dahn zieht. Goethe wurzelt fest und immer tiefer, immer breiter greifen seine Wurzeln aus. Er hat Weib und Kind und Enkel, Frauen umblühen fein Leben, eine kleine, aber sichere Zahl von Freunden umsteht jede seiner Stunden. Er wohnt im weiten, wohlhabenden Haus, das sich mit Sammlungen und Seltenheiten füllt, er wohnt im warmen, schützenden Ruhm, der mehr als ein halbes Jahrhundert seinen Namen umfängt. Er hat Amt und Würde, ist Geheimrat und Exzellenz, alle Orden der Erde blitzen von seiner breiten Brust. Bei ihm wächst die irdische Schwerkraft im Maße tote bei jenen die geistige Flugkraft, und so wird fein Wesen immer seßhafter, sicherer mit den Jahren (indes jene immer flüchtiger, immer unsteter werden und wie gejagte Tiere über die Erde rennen). Wo er steht, ist das Zentrum seines Ich und zugleich der geistige Mittelpunkt der Nation: von festem Punkte, ruhendtätig umfaßt er die Welt, und seine Verbundenheit reicht weit hinweg über die Menschen, sie greift hinab zu Pflanze, Tier und Stein und vermählt sich schöpferisch dem Element. So steht der Herr des Dämons am Ende seines Lebens mächtig im Sein (indes jene zerrissen werden wie Dionysos von der eigenen Meute). Goethes Existenz ist eine einzige strategische Weltgewinnung, während jene in heldischen, aber niemals Planhasten Kämpfen abgedrängt werden von der Erde und ins Anendliche flüchten. Sie müssen sich gewaltsam über das Irdische hinausreißen, um dem Aeberweltlichen , vereint zu sein — Goethe braucht nicht mit einem Schritt die Erde zu verlassen, um die Anendlichkeit zu erreichen: langsam, geduldig zieht er sie an sich. Seine Methode ist derart eine durchaus kapitalistische: er legt jedes Jahr ein gemessenes Teil Erfahrung als geistigen Gewinn sparend zurück, den er am Jahresende als sorgfältiger Kaufmann dann ordnend in seinen „Tagebüchern" und „Annalen" registriert, sein Leben trägt Zins wie der Acker die Frucht. Jene aber wirtschaften wie Spieler, immer werfen sie, in einer herrlichen Gleichgültigkeit gegen die Welt, ihr ganzes Sein, ihre ganze Existenz auf eine Karte, Anendliches gewinnend, Anendliches verlierend — das Langsame, das Sparbüchsenhafte des Gewinns ist dem Dämon ver- 162 ;icr't. Erfahrungen, die einem Goethe das Wesenhafte des Da- ei S bereutem, haben für sie keinen 'üSeri: so lernen sie nichts an ihren Leiden als verstärktes Gefühl und gehen als Schwarme, als heilig Fremde sich selber verloren., Goethe aber rst der ständig Lerrrende, das Wich des Lebens für ihn eine unab- lässig aufgeschlagene Aufgabe, die gewissenhaft, Zeile um Zeile, mit Fleiß und Ausdauer bewältigt werden will, ewig fühlt er sich schülerhaft und spät erst wagt er das geheimnisvolle Wort. „Leben hab ich gelernt, fristet mir, Götter, die Zeit." Sie aber finden das Leben weder erlernbar noch lebenswert: ihre Ahnung höheren Seins ist ihnen mehr als alle Appm- zeption und sinnliche Erfahrung. Was ihnen der ®emUä nicht schenkt, ist ihnen nicht gegeben. Aur von seiner strahlenden Fülle nehmen sie ihr Teil, nur von innen, von dem aufge- hitzten Gefühl lassen sie sich steigern und spannen So tote Feuer ihr Element, Flammen ihr Tun, und dies Feurige, das sie erhebt, zehrt ihnen das ganze Leben weg. Kleist, Hölderlin, Nietzsche sind verlassener, erdfvemder, einsamer am Ende ihres Daseins als am Anbeginn, indes bei Goethe zu jeder Stunde der letzte Augenblick der reichste ist. Aur der Dämon in ihnen wird stärker, nur das Anendliche durchwaltet sie mehr: es ist Armut an Leben in ihrer Schönheit und Schönheit in ihrer Armut an Glück. 2lus dieser durchaus polaren Einstellung ins Leben ergibt sich bei innerster Verwandtschaft im Genius ihr verschiedenes Weltverhältnis zur Wirklichkeit. Jede dämonische Natur verachtet die Realität als eine Unzulänglichkeit, sie bleiben — Hölderlin. Kleist und Nietzsche, jeder in einer anderen Weise — Rebellen. Aufruhrer und Empörer gegen die bestehende Ordnung. Lieber zerbrechen sie, als daß sie nachgeben: bis ins Tödliche, bis in die Vernichtung treiben sie ihre unbeirrbare Intransigenz. Dadurch werden sie (prachtvolle) tragische Charakters, ihr Leben eine Tragödie. Goethe dagegen — wie deutlich war er über sich selbst I — vertraut Zelter an, er fühle sich nicht zum Tragiker geboren, „weil seine Natur konziliant sei". Er will nicht wie jene den ewigen Krieg, er will — als „erhaltende und verträgliche Kraft", die er ist — Ausgleich und Harmonie. Er unterordnet sich mit einem Gefühl, das man nicht anders als Frommheit nennen kann, dem Leben als der höheren, der höchsten Macht, die er in allen , Formen und Phasen verehrt („wie es auch sei, das Leben, es ist gut“). Nichts nun ist diesen Gequälten. Gejagten, Getriebenen, den vom Dämon durch die Welt Gerissenen fremder, als der Wirklichkeit solch hoheii Wert oder überhaupt irgendeinen zu geben: sie kennen nur die Anendlichkeit und als einzigen Weg, sie zu erreichen, die Kimst. Darum stellen sie die Kunst über das Leben, die Dichtung über die Realität, sie hämmern sich wie Michelangelo durch die tausend Steinblöcke blindwütig, finster- glühend, in immer fanatischerer Leidenschaft durch den dunklen Stellen ihres Daseiits dem funkelnden Gestein entgegen, das sie tief unten in ihren Träumen fühlen, indes Goethe (wie Leonardo) die Kunst nur als einen Teil, als eine der tausend schönen Formen des Lebens fühlt, die ihm teuer ist wie die W'ssenschast, wie die Philosophie, aber doch nur ein Teil, ein Heiner wirkender Teil seines Lebens. Dann werden die Formen der Dämonischen immer intensiver, jene Goethes immer exensiver. Sie verwandeln ihr Wesen immer mehr in eine großartige Einseitigkeit, eine radikale Anbedingtheit, Goethe das seine in eine immer umfassendere Universalität. Durch diese Liebe zum Dasein zielt alles beim antidämonischen Goethe auf Sicherheit, auf weise Selbsterhaltung. Durch diese Verachtung des realen Daseins drängt alles bei den Dämonischen zu Spiel, zu Gefahr, zu gewaltsamer Selbsterweiterung und endet in Selbstvernichtung. Wie bei Goethe alle Kräfte zentripetal, also vom Aeuhern zum Mittelpunkt hin sich sammeln, so wirkt bei jenen der Machtdrang zentrifugal, aus dem innern Kreis des Lebens herausdrängend und ihn unvermeidlich zerrretßend. And dies Ausfließen, dies Aeber- fließenwollen ins Gestaltlose, in den Weltraum, sublimiert sich am sichtlichsten in ihrer Neigung zur Musik. Dort vermögen sie ganz uferlos, ganz formlos sich auszuströmen in ihr Element gerade im Untergang geraten Hölderlin und Nietzsche, ja sogar der harte Kleist in ihre Magie. Verstand löst sich vollkommen in Ekstase, die Sprache in den Rhythmus: immer (auch bei Genau) umbrandet Musik den Einsturz des dämonischen Geistes. Goethe dagegen hat eine „vorsichtige Haltung" zur Musik: er fürchtet ihre verlockende Kraft, den Willen ins Wesenlose abzuziehen, und dämmt sie in seinen starken Stunden (selbst Beethoven) gewaltsam zurück: nur in der Stunde der Schwachheit, der Krankheit, der Liebe ist er ihr offen. Sein wahres Element aber ist Zeichnung, ist Plastik, alles, was feste Formen bietet, was Schranken stellt gegen das Vage, das Gehaltlose, alles, was das Zerfließen, Zergehen, Entströmen der Materie hemmt. Lieben jene das, was entbindet, in eine Freiheit führt, ins Chaos des Gestühls zurück, so greift sein wissender Selbstbewahrungstrieb nach allem, was die Stabilität des Individuums fördert, nach Ordnung, Norm, Form und Gesetz. Aus Abessinien zurück . . . Wir lesen in einer Berliner Zeitung einen Bericht über die Rückkehr von Dr. Lutz Heck, des SohnÄ des langjährigen Leiters des Berliner Zoologischen Gartens: Ein Maientag im Zoo ist ohnehin ein Genuß. And wenn gar noch Neuerwerbungen da sind und diese eine so sachgemäße Erläuterung durch denjenigen finden, der die neu hinzugekom- menen Tiere selbst gefangen hat, nämlich Dr. Lutz Heck, dann ist der Genuß um so größer. Am Stadtbahneingang des Zoologischen Gartens sammeln sich die Herren und Damen, die geladen sind. And bewundern die Somalstranße, die in urwüchsiger Kraft hinter dem Gitter herumturnen und immer und immer wieder Kieselsteine aufnehmen. Man kann sich eigentlich wundern, was die langhalsigen Kerle mit dem unverdaulichen Zeug anstellen. Aber es scheint ihnen ein Lebensbedürfnis zu sein. And eins von unseren neuen 10-Pf.-Stücken, das doch so etwas wie blinkenden Glanz hat, verschwindet sofort int Schnabel der gierigen Fresser. And dann kommt Lutz Heck in schilfgrüner Kleidung mit hohen gelben Reitgamaschen, tropengebräunt, aber frisch und kräftig wie immer. Der alte Herr, Geheimrat Heck, der Leite« des Zoologischen Gartens, kann stolz auf seinen Sohn fern, dem es vergönnt war, das in Wirklichkeit durchzUführen, was der Wissenschaftler Heck in Wort und Schrift schon immer vertreten hat. And hinter Lutz Heck die beiden braunen Somali, sein Gewehrträger mit der 8,4-Büchse und den Halbmantel-Patronen int Gürtel um den Rücken, und fein treuer Diener, die sich nicht gescheut haben, das Sonnenland mit dem kalten nordischen Klima zu vertauschen. Dr. Heck hat im allgemeinen, wie er erzählt, trübe Erfahrungen mit den braunen Jungen gemacht. Abdullah, der früher im Berliner Zoo em „Liebling der Damen" war, wurde von ihm bei fernem Scheiden mit einem Messer beschenkt. And im Bergland von Habesch befiel den braunen Jungen die Tobsucht; als Amokläufer stach er fünf Personen nieder und wurde von den abbessinischen Polizisten kurzerhand niedergeknallt. Lutz Heck erzählt: Die Hinfahrt war kurz und ruhig, nur im Roten Meer wirkt sich denn doch die Hitze stark aus. And in der Höhenluft von Direh Dana an machen sich denn doch Herzbeklemmungen bemerkbar. Das Volk in Abessinien, übrigens ein Volk, das feit Jahrtausenden eine eigene Kulturstufe erreicht hat, ist absolut deutschfreundlich und Ras Safari, der Herrscher Aethiopiens, ein feingebildeter Mann mit edlen,. beinahe zu feinen Gesichtszügen, war der Ankunft der Expedition in Adis Abeba überaus freundlich gesinnt. Es war vielleicht ein guter Gedanke Dr. Hecks, dem exotischen Herrscher nicht ein Gastgeschenk zu Bieten. Der Herrscher Aethiopiens konnte vermuten, baß hinter dem Geschenk gewisse Wünsche verborgen waren. Das war nicht der Fall. So konnte Ras Safari, übrigens einer der reichsten Herrscher unserer Zeit, unabhängig von irgendwelchen Wünschen der deutschen Expedition ein Entgegenkommen zeigen, das von uns Deutschen nur dankbar begrüßt werden kann. And die Anerkennung war für Dr. Lutz Heck die Einladung zur Regententafel und die Aeberreichung einer jungen prachtvollen Löwin, die heute hinter den Gitterstäbeir im Zoologischen Garten voll Sehnsucht nach den äthiopischen Dergwäldern mit langen Schritten umherwandelt. So mancher stellt sich unter afrikanischen Gefilden Oedland und wüste Steppe vor. Die Landschaft um Adis Abeba ist ein Kulturgebiet ersten Ranges. Tausende von Hektar sind hochkultiviert und die Hauptstadt Adis Abeba dürfte dem Amfange Groß-Berlins kaum etwas nachgeben. And in den Steppengebieten Abessiniens weiden Zehntausende von Rindern. Die Zahl ist leicht genannt. Sich eine Vorstellung davon zu machen, was zehntausend Rinder bedeuten, wird für einen Deutschen, der höchstens Herden von 30 bis 40 Stück zusammen gesehen hat, sehr schwer sein. Wenn jemand vermutet hat, daß Lutz Heck auf Abenteuer ausging, so ist er schwer im Irrtum. Das war nicht feine Sache, und Abenteuer hat er auch nicht erlebt. Aber Arbeit und Sorge waren mit seiner Expedition verknüpft. Es galt vor allem den Gebirgsaffen, den Dschelladas, eine Art von Mantelaffen, die in großer Anzahl mit nach Berlin gebracht worden sind. Die Dschelladas sind in ihrer Heimat überaus vertraut. Sie kennen den Menschen und seine Arbeit und wissen, daß keine Feindschaft zwischen ihnen besteht. And doch kann das alte Männchen ein gefährlicher Gegner werden, die starken Eckzähne des Dschellada übertreffen bas Leoparbengebiß an Kraft, und der ganze Körperbau mit dem blutroten Brustfleck läßt auf eine Kraft schließen, die nicht zu unterschätzen ist. Wenn das starke Dschellada-Männ- chen die ganze Oberlippe nach oben umklappt und fein starkes Gebiß zeigt, so ist das gewiß ein Schreckmittel, das einen nicht leicht zu vergessenden Anblick bietet. Nur eins: Die Dschelladas als Hochgebirgsaffen verhalten sich in ihrer Geselligkeit — eine derartig gesellige Schau ist in Europa zum ersten Wale gezeigt — überaus ruhig im Gegensatz zu den Mantelpavianen, oder Hamadrhas, bei denen immer so etwas wie Zank und Streit los ist. Der Vorfall am Freitag abend, als einige Dschelladas es .vorzogen, auf den Dächern ihres Pavillons und auf den benachbarte» Bäumen herumzuturnen, war nicht so sehr erregend. Das 163 — Geselligkeitsgefühl der Affen sorgte schon dafür, daß sie bald zu ihresgleichen in den Käfig zurückkehrten. Es ist zu begrüßen, daß Dr. Lutz Heck feinen treuen Gefährten auf der Afrikafahrt, dem Löwenwärter Olesen, so treue Kameradschaft auch in der Heimat bewahrt. Wenn man monatelang nebeneinander im Zelt ausgehalten in Freud und Leid, Strapazen und Gefahren geteilt hat, so ist die Kameradschaft verständlich. And der Praktiker Olesen mit seiner Bärenkraft war für Dr. Heck jedenfalls eine große Stütze. Wenn er auch mit einem blauen Auge und einigen angebrochenen Rippen nach Deutschland zurückgekehrt ist als Folge eines Schiffsunfalls im Roten Meere, bei dem er nur durch seine Körperkraft das Ausbrechen der wilden Gefangenen verhindern konnte. And tote Dr. Heck selbst sagte, gelingt es selbst einer Hyäne, die Olesen einmal im Genick gefaßt hat, nicht mehr, sich aus seiner Pranke zu befreien. ~ Was hat nun Dr. Heck von seiner Expedition mitgebracht? Die Somalistrauße und die seltenen Hochgebirgsaffen, die Dscheb ladas, sind schon erwähnt. Aber ein sonderbares Gefühl erweckt es doch, wenn Olesen den zahmen Gepard, ein Mittelding zwischen Hund und Panther, zwischeii uns hineinführte und als Zeichen dessen, daß er ganz vertraut sei, ihn in seine Arme nahm. And der junge Leopard spielte mit seinem anders gearteten Detter so drollig, daß man glaubte, Hauskatzen vor sich zu haben. Rur eins: Der kleine Räuber darf kein frisches Fleisch bekommen, dann bricht eben seine wilde Ratur durch, und es dürfte für Hände und Beine derer, die ihm nahekommen, nicht gerade angenehme Folgen haben. Dann brachte Dr. Heck eine ausgewachsene Leopardin mit, die natürlich nichts von ihrer afrikanischen Wildheit verloren hat, weiter den kleinen Wüstenluchs. Tibetkatzen, Ginsterkatzen, Ichneumons und andere Keine Raubtiere. Auch Lösfelhunde, ein Kleinfuchs, der an sich weniger als Raubtier, sondern als Heuschreckenfresser gilt, sind vielleicht zum ersten Male mitgebracht worden. And hochinteressant sind die afrikanischen Ameisenfresser, die Erdferkel, die mit ihren starken Dorder- schaufeln fich blitzschnell in die Erde bohren und so dem Beschauer in der Wildnis kaum je zu Gesicht kommen. Die Vögelabteilung zeigt wiederuni reichlich Zuwachs. So die Schmarotzermilane, die als kleinere Aasvögel für Sauberkeit in den Straßen und im freien Gefilde sorgen. Glanzstare und Pfefferfresser waren ja früher schon vertreten, doch ist eine ganze Reihe neu hinzuge- kominen. Aber ein prachtvolles Bild bieten vor allem die schimmernden Geier-Perlhühner und die mit einer Federbürste versehenen Pinsel-Perlhühner, Perlhühner find an sich die Hauptnahrung da unten im afrikanischen Steppengebiet. And man kann es schließlich auf dem Schiffe ausgebrochenen Raubtieren nicht verdenken, wenn sie nach altgewohnter Manier sich einige Perlhühner als Beute zu Gemüte zogen. And der alte Sekretär, ein Kranichgeier, hat eine Gefährtin erhalten. Man muh es wenigstens daraus schließen, daß der alte Herr, der seit über 16 Jahren dem Zoo angehört, den neuen recht ruppig aussehenden Zuwachs überaus liebevoll begrüßt hat. Es ist für uns Berliner eine Freude, das Wachsen unseres Zoo zu verfolgen. Herz und Gemüt geht dem auf, der aus den Steinmauern hinauswandelt und unter dem schattigen Grün der alten Kastanien im Zoo so etwas aufwachsen sieht, wie ein Stück Ratur. Rach Stellinger Muster - übrigens ist der zweite Sohn des Geheimrats Heck als Praktiker bei Hagenbeck in Stellingen tätig. And wenn so hervorragende Fachleute an der Spitze des Zoologischen Gartens stehen, tote es die „Dynastie Heck' ist, so ist ein Erfolg nicht nur für den Berliner Zoologischen Garten verbürgt, vor allem aber auch,' wie Professor Baumgart betonte, für die deutsche Wissenschaft. Forschungsmöglichkeiten sind nicht jedem deutschen Zoologen im Auslande gegeben, dafür muß der Zoologische Garten herhalten. And was heute im Berliner Zoo unter verständnisvoller Leitung geschehen ist, ist sowohl im wissenschaftlichen Jnterefse zu begriißen, als auch im Interesse der Gesamtbevölkerung, die draußen im grimm Gelände im Zoo Erholung und Erfrischung sucht. Das kalte Herz. Von Wilhelm Hauff. (Schluß.) Es war schon Abend, als einige Männer, die vorbeigingen, den reichen Peter Munk an der Erde liegen sahen. Sie wandten ihn hin und her suchten, ob noch Atem in ihm sei; aber lange war ihr Suchen vergebens. Endlich ging einer ins Haus und brachte Wasser herbei und besprengte ihn. Da holte Peter tief Atem, stöhnte und schlug die Augen auf, schaute lange um sich her und fragte dann nach Frau Lisbeth; aber keiner hatte sie gesehen. Er dankte den Männern für ihre Hilfe, schlich sich in sein Haus und suchte überall; aber Frau Lisbeth war weder im Keller noch aus dem Boden, und das, was er für einen schrecklichen Traum gehalten, war bittere Wahrheit. Wie er nun so ganz allein war, da kamen ihm sonderbare Gedanken; er fürchtete sich vor nichts, denn sein Herz war ja kalt; aber wenn er an den Tod seiner Frau dachte, kam ihm sein eigenes Hinscheiden in den Sinn, und wie belastet er dahinfahren werde, schwer belastet mit Tränen der Armen, mit tausend ihrer Flüche, die sein Herz nicht erweichen konnten, mit dem Jammer der Elenden, auf die er seine Hunde gehetzt, belastet mit der stillen Verzweiflung seiner Mutter, mit dem Blute der schönen, guten Lisbeth; und konnte er doch nicht einmal dem alten Manne, ihrem Vater, Rechenschaft geben, wenn er käme und fragte: „Wo ist meine Tochter, dein Weib?" Wie wollte er einem andern Frage stehen, dem alle Wälder, alle Seen, alle Berge gehören und die Leben der Menschen? Es quälte ihn auch nachts im Traume, und alle Augenblicke wachte er auf an einer süßen Stimme, die ihm zurief: „Peter, schaff dir ein wärmeres Herz!" And wenn "er erwacht war, schloß er doch schnell wieder die Augen; denn der Stimme nach mutzte es Frau Liesbeth sein, die ihm dtefe Warnung zurief. Den andern Tag ging er ins Wirtshaus, um seine Gedanken zu zerstreuen, und dort traf er den dicken Ezechiel. Er setzte sich zu ihm, sie sprachen dies und jenes, vom schönen Wetter, vom Krieg, von den Steuern und endlich auch vom Tod, untz wie da und dort einer so schnell gestorben sei. Da fragte Peter den Dicken, was er denn vom Tod halte und wie es nachher sein werde. Ezechiel antwortete ihm, daß man den Leib begrabe, die Seele aber fahre entweder auf zum Himmel oder hinab in die Hölle. „Also begräbt man das Herz auch?" fragte der Peter gespannt. „Ei freilich, das wird auch begraben." „Wenn aber einer sein Herz nicht mehr hat?" fuhr Peter fort. , Ezechiel sah ihn bei diesen Worten schrecklich an. „Was willst du damit saget,? Willst du mich foppen? Metnst du, ich habe kein Herz?" „Oh. Herz genug, so fest wie Stein", erwiderte Peter. Ezechiel sah ihn verwundert an, schaute sich um, ob es niemand gehört habe, und sprach dann: „Woher weiht du es? Oder pocht vielleicht das deinige auch ntcht mehr?" „Pocht nicht mehr, wenigstens nicht hier in meiner Brust! antwortete Peter Munk. „Aber sag mir, da du jetzt weißt, was ich meine: wie wird es gehen mit unfern Herzen?" „Was kümmert dich dies, Gesell?" fragte Ezechiel lachend. „Hast ja auf Erden vollauf zu leben, und damit genug. Das ist ja gerade das Bequeme in unfern kalten Herzen, daß uns keine Furcht befällt vor solchen Gedanken." „Wohl wahr; aber man denkt doch daran, und wenn ich auch jetzt keine Furcht mehr kenne, so weih ich doch wohl noch, wie sehr ich mich vor der Hölle gefürchtet, als ich noch ein kleiner, unschuldiger Knabe war." „Run — gut wird es uns gerade nicht gehen", sagte, Ezechiel. „Hab mal einen Schulmeister darüber gefragt; der sagte mir, daß nach dem Tode die Herzen gewogen werden, tote schwer sie sich versündigt hätten. Die leichten steigen auf, die schweren sinken hinab, und ich denke, unsre Steine werden ein gutes Gewicht haben." „Ach freilich," erwiderte Peter, „und es ist mir oft selbst unbequem, daß mein Herz so teilnahmlos und ganz gleichgültig ist, wenn ich an solche Dinge denke." So sprachen sie; aber in der nächsten Rächt hörte er fünf- oder sechsmal die bekannte Stimme in sein Ohr lispeln: „Peter, schaff dir ein wärmeres Herz!" Er empfand keine Reue, daß er sie getötet, aber wenn er dem Gesinde sagte, seine Frau sei verreist, so dachte er immer dabei: „Wohin mag sie wohl gereist sein?" Sechs Tage hatte er es so getrieben, und immer hörte er nachts diese Stimme, und immer dachte er an den Waldgeist und seine schreckliche Drohung; aber am siebenten! Morgen sprang er auf von seinem Lager und rief: „Run ja, will sehen, ob ich mir ein wärmeres schaffen kann; denn der gleichgültige Stein in meiner Brust macht mir das Leben nur langweilig und öde." Er zog schnell seinen Sonntagsstaat an, setzt« sich auf fein Pferd und ritt dem Tannenbühl zu. Im Tannenbühl, wo die Bäume dichter standen, saß er ab, band fein Pferd an und ging schnellen Schrittes dem GipfÄ des Hügels zu, und als er vor der dicken Tanne stand, Hub er seinen Spruch an: „Schatzhauser im grünen Tannenwald, Bist viele hundert Jahre alt, Dein ist all Land, wo Tannen stehn. Läßt dich nur Sonntagskindern sehn." Da kam das Glasmämllein hervor, aber nicht freundlich und traulich wie sonst, sondern düster und traurig; es hatte ein Röcklein an von schwarzem Glas, und ein langer Trauerflor flatterte herab vom Hut, und Peter wußte wohl, um wen es trauere. „Was willst du von mir, Peter Munk?" fragte es mit dumpfer Stimme. „Ich hab noch einen Wunsch. Herr Schatzhauser", antwortete Peter mit niedergeschlagenen Augen. „Können Steinherzen noch wünschen?" sagte jener. „Du hast alles, was du für deinen schlechten Sinn bedarfst, und ich werde schwerlich deinen Wunsch erfüllen." „Aber Ihr habt mir doch drei Wünsche zugesagt; einen hab ich immer noch übrig." „Doch kann ich ihn versagen, wenn er töricht ist", führ der Waldgeist fort; „aber wohlan, ich will Horen, was du willst. 164 - „So nehmet mir den toten Stein heraus und gebet mir mein lebendiges Herz!" sprach Peter. „Hab ich den Handel mit dir gemacht?" fragte das Glasmännlein. „Din ich der Holländer-Michel, der Reichtum und kalte Herzen schenkt? Dort, bei ihm muht du dein Herz suchen." „Ach. er gibt es mir nimmer zurück", antwortete Peter. „Du dauerst mich, so schlecht du auch bist", sprach das Männlein nach einigem Nachdenken. „Wer weil dein Wunsch nicht töricht ist, so kann ich dir wenigstens meine Hilfe nicht versagen. So höre: dein Herz kannst du mit keiner Gewalt mehr bekommen, wohl aber mit List, und es wird vielleicht nicht schwer halten; denn Michel bleibt doch nur der dumme Michel, obgleich er sich ungemein klug dünkt. So gehe denn geradeswegs zu ihm hin und tue, wie ich dir heiße!" And nun unterrichtete er ihn in allem und gab ihm ein Kreuzlein aus reinem Glas: „Arn Leben kann er dir nicht schaden, und er wird dich freilassen, wenn du ihm dies Vorhalten und dazu beten wirst. And hast du dann, was du verlangt hast, erhalten, so komm wieder zu mir an diesen Ort!" Peter Munk nahm das Kreuzlein, prägte sich alle Worte ins Gedächtnis und ging weiter nach Holländer-Michels Behausung. Er ries dreimal seinen Aamen, und alsobald stand der Niese vor ihm. „Du hast dein Weib erschlagen?" fragte er ihn mit schrecklichem Lachen. „Hätt' es auch so gemacht; sie Hat dein Vermögen an das Dettelvolk gebracht. Wer du wirst auf einige Zeit außer Landes gehen müssen, denn es wird Lärm machen, wenn man sie nicht findet; und du brauchst wohl Geld und kommst, es zu holen?" „Du hast's erraten", erwiderte Peter, „und nur recht viel diesmal; denn nach Amerika ist's weit." Michel ging voran und brachte ihn in seine Hütte; dort schloß er eine Truhe auf, worin viel Geld lag, und langte ganze Nollen Gold heraus. Während er es so auf den Tisch hinzählte, sprach Peter: „Du bist ein loser Vogel, Michel, daß du mich belogen hast, ich hätte einen Stein in der Brust und du habest mein Herz!" „Llnd ist es denn nicht so?" fragte Michel staunend. „Fühlst du denn dein Herz? Ist es nicht kalt tote Eis? Hast du Furcht oder Gram, kann dich etwas reuen?" „Du hast mein Herz nur stillest eh en lassen, aber ich hab I es noch wie sonst in meiner Brust und Ezechiel auch, der Hat | es mir gesagt, daß du uns angelogen hast; du bist nicht der I Mann dazu, der einem das Herz so unbemerkt und ohne Gefahr j aus der Brust reihert könnte; da müßtest du zaubern können." | „Wer ich versichere dich", rief Michel unmutig, „du und ' Ezechiel und alle reichen Leute, die es mit mir gehalten, haben | solche kalte Herzen wie du, und ihre rechten Herzen habe ich f hier in meiner Kammer." „Ei, wie dir das Lügen von der Zunge geht!" lachte Peter. „Das mach du einem andern weis! Meinst du, ich hab auf meinen Reisen nicht solche Kunststücke zu Dutzenden gesehen? Aus Wachs nachgeahmt sind deine Herzen hier in der Kammer. Du bist eilt reicher Kerl, das geb ich zu, aber zaubern kannst du nicht." Da ergrimmte der Riese und riß die Kammertüre auf. „Komm herein und lies die Zettel alle, und jenes dort, schau, das ist Peter Munks Herz; siehst du, wie es zuckt? Kann man das auch aus Wachs machen?" „sind doch ist es aus Wachs", antwortete Peter. „So schlägt ein rechtes Herz nicht; ich habe das meinige noch in der Brust. Nein, zaubern kannst du nicht!" „Aber ich will es dir beweisen!" rief jener ärgerlich. „Du sollst es selbst fühlen, daß dies dein Herz ist." Er nahm es, riß Peters Wams auf und nahm einen Stein aus feiner Brust und zeigte ihn vor. Dann nahm er das Herz, hauchte es an und setzte es behutsam an seine Stelle, und alsobald fühlte Peter, wie es pochte, und er konnte sich wieder darüber freuen. „Wie ist es dir jetzt?" fragte Michel lächelnd. „Wahrhaftig, du hast doch recht gehabt", antwortete Peter, indem er behutsam sein Kreuzlein aus der Tasche zog. „Hätt I ich doch nicht geglaubt, daß man dergleichen tun könne!" »Richt wahr? And zaubern kann ich, das siehst du; aber romm, jetzt will ich dir den Stein wieder hineinsehen." »Gemach, Herr Michel!" rief Peter, trat einen'Schritt zurück und hielt ihm das Kreuzlein entgegen. „Mit Sveck fängt man Mause, und diesmal bist du der Betrogene." And zugleich fing er an zu beten, was ihm nur beifiel. Da wurde Michel kleiner und immer kleiner, fiel nieder und wand sich hin und her wie ein Wurm und ächzte und stöhnt» und alle Herzen umher fingen an zu zucken und zu vochen, daß es tonte wie in der Werkstatt eines Ahrmachers. ' Peter aber fürchtete sich, es wurde ihm ganz unheimlich zumute, er rannte zur Kammer und zum Haus hinaus und ftimmte, von Rügst getrieben, die Felsenwand hinan; denn er hörte, daß M-Hel sich aufraffte stampfte und tobte und ihm schreckliche ünuche nachschickte. Als er oben war, lief er dem Tannenbühl zu; em schreckliches Gewitter zog auf, Blitze fielen links und rechts an -.hm nieder und zerschmetterten die Bäume, aber er ram wohlbehalten in dem Revier des Gkasmännleins an. Sein Herz pochte freudig, und nur darum, weil es pochte. Dann aber sah er mit Entsetzen auf fein Leben zurück wie auf das Gewitter, das hinter ihin rechts und links den schönen Wald zersplitterte. Er dachte an Frau Lisbeth, sein schönes, gutes Weib, das er aus Geiz gemordet; er kam sich selbst wie der Auswurf der Menschen vor, und er weinte heftig, als er an Glasmännleins Hügel kam. . Schatzhauser saß unter dem Tannenbaum und rauchte aus einer kleinen Pfeife; doch sah er munterer aus als zuvor. „Warum weinst du, Kohlenpeter?" fragte er. „Hast du dein Herz nicht erhalten? Liegt noch das kalte in deiner Brust?" »Ach Herr!" seufzte Peter. „Als ich noch, das kalte Stein- herz trug, da weinte ich nie, meine Augen waren so trocken als das Land im Juli; jetzt aber will es mir beinahe das alte Herz zerbrechen, was ich getan! Weine Schuldner habe ich ms Elend gejagt, auf Arme und Kranke die Hunde gehetzt, und Ihr wißt es ja selbst — wie meine Peitsche auf ihre schöne Stirne fiel!" „Peter! Du warst ein großer Sünder!" sprach das Männ- lein. „Das Geld und der Müßiggang haben dich verderbt, bis dein Herz gu Stein wurde, nicht Freud, nicht Leid, keine Reue, kein Mitleid mehr kannte. Aber Reue versöhnt, und wenn ich nur wüßte, baß dir dein Leben recht leid tut, so könnte ich schon noch etwas für dich tun.“ „Will nichts mehr", antwortete Peter und ließ traurig sein Haupt sinken. „Mit mir ist es aus, kann mich mein Lebtag mcht mehr freuen; was soll ich so allein auf der Welt tun? Meine Mutter verzeiht mir nimmer, was ich ihr getan, und vielleicht hab ich sie unter den Boden gebracht, ich Angeheuer l And Lisbeth, meine Frau! Schlaget mich lieber auch tot, Herr Schatzhauser; dann hat mein elend Leben mit einemmal ein Ende." erwiderte bas Männlein, „wenn du nicht anders willst, so kannst du es haben; meine Axt habe ich bei der Hand.' Er nahm ganz ruhig fein Pfeiflein aus dem Mund, klopfte es aus und steckte es ein. Dann stand er langsam auf und ging hinter die Tannen. Peter aber setzte sich weinend ins Gras, sein Leben war ihm nichts mehr, und er erwartete, gebuldig den Tvdesstreich. Rach einiger Zeit hörte er leise -Sritte hinter sich und dachte: „Jetzt wird er kommen" . »Schau dich nodj einmal um, Peter Munk!" rief das Mann- lein. Er wischte sich die Tränen aus den Augen und schaute fta) um und sah — feine Mutter und Lisbeth, feine Frau die ihn freundlich anblickten. Da sprang er freudig auf: So bist du nicht tot, Lisbeth? And auch Ihr seid da, Mutter, und habt mir vergeben?" „Sie wollen dir verzeihen", sprach das Glasmännlein, „weil du wahre Neue fühlst, und alles soll vergessen sein. Zieh letzt heim in deines Vaters Hütte und sei ein Köhler wie zuvor; bist du brav und bieder, so wirst du dein Handwerk ehren, und deine Nachbarn werden dich mehr lieben und achten als wenn du zehn Tonnen Goldes hättest." So sprach das Glas- männlein und nahm Abschied von ihnen. Die drei lobten und segneten es und gingen heim. Das prachtvolle Haus rä reichen Peter stand nich' mehr; der Blitz hatte es angejündct und mit all seinen Schätzen niedergebrannt; aber nach der väterlichen Hütte war es nicht weit; dorthin ging jetzt der Weg, und der große Verlust bekümmerte sie nicht. Wer wie staunten sie, als sie an die Hütte kamen! Sie war zu einem schönen Bauernhaus geworden, und alles darin war einfach, aber gut und reinlich. »Das Hat bas gute Glasmännlein getan!“ rief Peter K . »Wie schön!“ sagte Frau Lisbeth. ' „And hier ist mir viel heimlicher als in dem großen Haus mit dem vielen Gesinde." Von jetzt an wurde Peter Munk ein fleißiger und wackerer Mann. Er war zufrieden mit dem, was er hatte, trieb sein Zandwerk unverdrossen, und so kam es, daß er durch eigene Xraft wohlhabend wurde und angesehen und beliebt im ganzen JSald. Er zankte nie mehr nut Frau Lisbeth, ehrte seins Mutter und' gab den Armen, die an seine Türe pochten. Als nach Jahr und Tag Frau Lisbeth von einem schönen Knaben genas, ging Peter nach dem Tannenbühl und sagte sein Svxiich- lein. Wer bas Glasmännlein zeigte sich nicht. „Herr Schatz- hauser! rief er laut. „Hört mich doch; ich will ja nichts anderes, als Euch zu Gevatter Bitten bei meinem Söhnlein!" Aber er gab keine Antwort; nur ein kurzer Windstoß sauste durch die Tannen und warf einige Tannenzapfen herab ins Gras. „So will ich dies zum Andenken mitnehmen, weil Ihr Euch doch nicht sehen lassen wollet", rief Peter, steckte die <5aBfen in die Tasche und ging nach Hause; aber als et zu Hause das Sonntagswams auszog und seine Mutter die Taschen umwandte und das Wams in den Kasten legen wollte, da sielen vier stattliche Geldrollen heraus, und als man sie öffnete, waren es lauter gute, neue badische Taler, und kein einziger falscher darunter. And das war das Patengeschenk des Männleins im Tannenwald für den kleinen Peter. Ao lEktten sjg still und unverdrossen fort und noch oft nachher, als Peter Munk schon graue Haare hatte, sagte er; „Es ist doch besser, zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter haben und ein kaltes Herz." bchriftleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. - Druck und Verlag der Brühl-schen Aniv.°VuchH Steindruckerei, RLange, Gießen.