Gießener Hamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, den 22. Dezember Nummer O2 Weihe-Nacht. Don Sophie 9ebeter*@6en. Stirn brennen meine Weihnachtsterzen -Unbeweglich — Wie stille, feierliche Ssslem Die gen Himmel steigen. Draußen flockt ein Reigen Taumelnder Sterne, und Wolken flieht — Und Stunden... Del mir ist Wärme, Äst Ruh für dich in der Zeit! Und — wie in einem Schrei«, von Sandel duftend, Stell' ich mit tantg zärtlicher Gebärde, In meinem Herzen still deckt Bildnis auf, Du stille — feierliche — Du zärtliche — o du erles'»» Seele — Und meine Hände find so blaß und schlank, Als bergen sie Zerbrechlichkeit — unendlich kostbar — Sind hingegebsn an ein Allerletztes, Das schlicht tote Einklang ist. — Christrosen, die geheimnisvoll erblüht 3 m Schnee der Einsamkeit, Im Glanz und Zauber dieser heil'gen Aach! Häuf ich zu Fußen dir, wie Märchemvildnis: Mit leis erschloss'nen schmerzlich schönem Wunden Duften sie dir. Und ihre Miste steht wie Opferhauch -Utz feierlicher Lust, Sind rot und tief .tote Herzens munde» Und bluten, dir zu Füßen, sich in Frieden. AliiS nieine Kerzen brennen Wie Traumesstmlen... Sie überbremven Seele, deckt Gesicht Und meins, — und rücken dich und mich Dem Sterne zu — der über Bethlshem Verheißung strahlt, — und hoch ins Leben weist! Weihnachten. Bon Walther Rithack-Stahu. Da hist du wieder, Fest der Feste, holdester Tag des Jahres! Das wäre kein Mensch, der sich deiner stillen Gewalt entzöge. Auch die dich umgehen, ja, dich bespötteln — wenn es solche gibt — tun es nur, um eine Sehnsucht nach dir zu betäuben. Es liegt etwas unendlich Rührendes in dem Bilde der heiligen Rächt, was alle Kuirst begnadeter Maler und Dichter nimmer ausschöpft. Richt, daß dort eine arme Mutter in dürf» tiger Herberge ein Kind zur Welt bringt und sich dessen in reiner Liebe freut; sondern daß gerade dieses Kind so ins Leben tritt, heimlich in der Nacht, versteckt vor aller West, in einem elendem Lande, in entlegenem Dorfe; daß die obdachlose Mutter keinen Raum in der Herberge ftndet, daß sie ihr Neugeborenes in den Futtertrog der Tiere betten muh. Welch ein ungeheuerlicher Gegensatz zwischen der äußeren Tatsache und ihrer geisttgen Bedeutung! Wahrlich, hier triumphiert das alte Gesetz, daß kleine Ursachen große Wirkungen haben, vielmehr das Gesetz des Geisteslebens, daß die edelsten Blüten am Baume der Menschheit sich füll und anspruchslos entfalten. Lieber Nacht, ungeahnt springen sie auf und überraschen die Welt, die sie oft erst damr würdigt, wenn ihre Erdenzeit längst vorüber ist. Wie not tut es uns Heutigen, im Zeitalter der breiten und flachen Oeffentlichteit, der geräuschvollen Selbstempsehlung, daß wir Schein und Wesen unterscheiden, und die blaue Blume der Wahrheit nicht an den Allertoeltsstratzen suchen, sondern int fernsten, tiefsten Tal! Und mögen die Neunmalklugen einer mißver- standeinen „wissenschaftlichen Weltanschauung" über das alte Evangelium wie über Ammenmärchen urteilen — es bleibt doch ewig wahr; das Höchste, Beste, was wir in unseres Hedems Tiefe erleben, kommt als ein Wunder zu uns. Aber nicht nur auf Gegensatz zwischen Schein und Wirtlichkeit ergreift uns vor dem geheimnisvollst Bilde von Bethlehem. Der Gesang der himmlischen Boten bedeutet, daß in dieser Geburt eine Weltenstunde schlägt. Sie ist die Erfüllung uralter Hoffnungen. Endlich! Endlich! So hallt es durch alle Himmel! Unsägliche Freude in allen Sphären der Schöpftmg. Das ist keine überstiegene Schwärmerei, das ist einfach Glaube. ®ewn dieses Menschenkindes Geburt ist wie jede Geburt das Ergebnis einer unendlichem Entwicklung. Ist doch auch unseres Wesens Ursprung nicht Vater und Mutter allein, die Ewigkeit hat ums geboren. Alles, was ist, hat Teil an uns und wir an ihm. Lind hinter diesem unermeßlichen Ganzen, aus dem wir hervor- tauchen, wenn unsere Zeit erfüllt ist. steht der große Wille, der auch uns gewollt hat. Im Kink» der Weihnacht aber leuchtet es auf: dieser ewige Schöpferwille ist Liebe! Darum freuen sich Himmel und Erde der Geburt dieses Knäbleins. Zwar, ist solche Geburt immer ein Anlaß zur Freude? Ach, wenn man vorausfehen könnte, was dermaleinst entern Kinde bevorsteht, das in natürlichem Lebensdrange sich zum Lichte streckt! Gin Frommer Altisraels verfluchte in schwerer Stunde den Tag seiner Geburt, und unter den Griechen, die als lebensfroh galten, ging das Wort um: „Gut ist's, zu leben, aber besser, nicht geboren zu sein." lind das Kind der Weihnacht? Schwebt nicht um feine zarte Stirn ein Dornenkranz, sind diese Heitwnl Hände nicht schon mit Wundenmalen gezeichnet? Und doch: et hat es gewagt zu glauben und darauf zu sterben: Liebe regiert die Welt; Darum ist Weihnachten das hohe Fest der Liebe. Das fühlten auch die Weihnachtslosen, die sich mit einer gewissen Anstrengung um Festfreude bemühen, viel Geld dafür aus geben, schenken und sich beschenken lassen. Denn der Mensch ist einmal so geschaffen, dah er Liebs braucht und ohne sie erstarrt und verknöchert. Woher aber stammt diese heiligste Regung unseres Herzens? Schon die Wissenschaft lehrt uns. daß dieselben Kräfte und Gesetze, die auf unserer Erde wirken, Äs hinein in den Organismus unseres Körpers, auch im übrigen Weltall gelten. Sollte unsere Seine Erde eine Oase in einer grenzenlosen Wüste der Lieblosigkeit fein? Sollten die tiefsten, hetligsten Empfin» Bungen unseres Herzens aus einer Zufallmischung der Atome i hervorgegcmgsn fein? älnd wenn nur ein einzigeSmal in dieser Well das Wunder der Liebe mt8geboren ward, die altes trägt und alles hofft und alles duldet — wahrlich von diesem Punkte aus muh sich die Welt äus den Angeln heben lassen! Hier muß der Schlüssel zu dem großen Rätsel fein, was die Welt im Innersten zusammenhält. Gott ist Liebe — diesen größten 'Gedanken der Religion stellt unS das Bild von Bethlehem in tiefsinnigem Gleichnis dar. Gewiß, es ist kein leichter Glaube für einen Menschen, der die Kinderschuhe aus gezogen Hat. Wer einmal die Grausamkeit des Schicksals gefühlt, das scheiitbar blinde Spiel des GlückÄk erlebt und auf scheiterndem Schiss seiner Ideale gestanden hat, dem klingt der Liebesglaube vielleicht wie Ironie. Und doch gerade er ist in Nacht und Todesgrauen geboren worden. Zwischen Krippe und Kreuz verläuft das GrdenwallM des SohiteS der Maria — ein Leben der Niedrigkeit und Schmach und eben dadurch voll welterschütternder Gröhe. Seine Lebenslinie ist eine gewaltige Kurve, aus der Ewigkeit komntt sie, vom HimmÄ steigt sie herab, senkt sich in der heiligen Rächt auf die Erde und durch Jammer und Rot bis hinunter ins Grab. Dann aber steigt sie von neuem himmelan tmd verläuft in der Ewigkeit. „Richt ein enger Ring begrenzt sein Leben", sondern ein unendlicher. Wir anderen Erdsnkinder aber, die wir uns von diesem größten unserer Brüder emporziehen taffen, finden im Bilde der Weihnacht das Geheimnis unseres eigenen Lebens wieder, das menschliche Abbild imfereS Ursprunges und Zieles. So ist uns diese Rächt geweiht zu heiliger, welttunfassender Freude! Dis ältesten Weihnachtsdilder. Bon Walter Appelt. Die alte Kunst war mehr auf das Bildhafte als auf Verinnerlichung angelegt. Der Künstler wollte nicht so sehr ein Motiv packetch erfassen und künstlerisch d. h von innen her leuchtend, gestalten, — als vielmehr erzähle,t, was er selbst oder ein Auftraggeber als Thema gestellt hatte. So entstand«, jene Werke, auf denen im unmöglichsten Nebeneinander der ganze Ablauf eines Gvamgelteickapitets geschildert wird. Darin tmd in äußerem Ursachen — der Auftrag ging oft dahin, einen Sarkophag mit bildlichen Darstellungen zu schmücke« — mag eS begründet fein, daß in der frühchristlichen Kunst neben der Malerei das Relief übertotegt. Die ausgesprochen figürliche Plastik leistete zuviel Widerstand gegenüber dem, waS jene Epochen für eine Bereicherung halten mochten, was jedoch wir als verwirrende Zusammenziehung von zeitlich auseimmder- liegendem Evisoden empfinden. Ms alle chri piche Kunst, st» geht auch fite VmcktÄdmg des Veihuachtsevangeliums, Dom der tote own wollen, bis auf die römischen Katakomben zurück, jene unterirdischen De» Wölbe, in denen di« Bedrängten sich wenigstens einigermaßen vor Derfolgimgen sich« wußten. Daß die Oertlichkeit des Stalles recht handgreiflich deutlich §ererbergSn>irt, der schließlich zu einer komischen Figur wurde, die Geburt Christi, die Szene zwischen Maria und Joseph (Kindelwiegen), die Verkündigung der Hirten auf dem Felde, die Anbetung der Könige — innerhalb dieser Szenen hat sich das Weihnachtsspiel bis zum sechzehnten Jahrhundert hin gleichmäßig in ganz Deutschland entwickelt und so ist es uns überliefert worden. Die letzten Jahrhunderte brachten einige Versuche, das alte Weihnachtsspiel für Me Allgemeinheit neu zu beleben, — so m a. die Aufführung der weihnachtlichen Szenen im Deutschen Theater zu Berlin, mit Else Heims als wunderlieblicher Maria, und einer gar süßen, seligen Weihnachtsmusik von Bernhard Stavenhagen. Die Versuche scheiterten. Im Zeitalter des Dampfes unb der Elektrizität mußte die schöne alte Uebertieferung sich in wettfremde Täler, nach Steiermark, Kärnten, Tirol, Oberbayern, Schlesien zurückziehen. Möge ihr dennoch eine Wiedergeburt im Geiste Johann Sebastian Dachs und Beethovens befchäeden sein, wenn unser Voll triebet stark und gesammelt genug sein wird, hinabzutauchen in die Tiefe jener Zcmberqnelle sriner Kraft: Die deutsche Seel», . ~ «fi - Unter dem Lannenbaum. Bo» Lh«»d»r Storm. Stu« DLmmerftunbe. GH was bo£ Arbeitszimmer eines Beamten. Der Sigentümer, M, IBdtsi V den Vterzige«, mit scharf ausgeprägten Gesichw- Azeeft, ober milden, lichtblauen Augen unter dem schlichten, hell> h^Mtsn Haar, sich an einem mit Büchern und Papieren be°> hecktss Schreibtisch; damit beschäftigt, «imzeLne Schriftstücke zu Gnterzeichrmn, welche der danebenstehende alte AmtSbot« ihm tbo^ie. Di« Aachmittagssonne des Dezembers beleuci^ete t6en mtt ihrem letzten Strahl das große schwaiA« Tintenfaß, de das « dann und wamr die Feder tauchte. Endlich war alles „Haben Herr Amtsrichter sanft noch etwas?" fragte der Botze, indem er die Papiere zusammenlegte. .Mein, ich danke Ihnen." ,„6o habe ich di« Ehre, vergnügte Weihnachten zu wünschen. »Auch Ihnen, lieber Grdmaim." Der Bote sprach einen der mitteldeutschen Dialekte; in dem £tme deS Amtsrichters war etwas von der Härte jenes nörd- stchstem deutschen Dollsstammes, der vor wenigen Jahren, und diesmal verglich, in einem seiner alten Kämpfe mit dem keuchen Rachbarvolke geblutet hatte. — Als sein Untergebener LH entfernte, nahm er unter den Papieren einen angefangenen Brief hervor und schrieb langsam daran weiter. Die Schatten im Zimmer fielen immer tiefer. Er sah nicht bte schlanke Frauengestalt, di« hinter ihm mit leisen Schritten durch die Tür getreten war; er bemerkte es erst, als sie den Arm um seine Schulter legte. — Auch ihr Antlitz war nicht »ehr jung; aber in ihren Augen war noch jener Ausdruck von Mädchenhaftigkeit, den man bei Frauen, die sich geliebt wissen, auch noch wach der ersten Jugend findet. .Schreibst du an meinen Bruder?" fragte sie, und in ihrer Stimme, nur etwas mehr gemildert, war dieselbe Klangfarbe wie in der ihres Mannes. Gr nickte. „Lies nur selbst!" sagte er, indem er die Feder fortlegte und zu ihr empor scch. Sie beugte sich über ihn herab; berat es war schon dämmerig Geworden. So las sie, langsam wie er geschrieben hatte: »Ich bin wieder gesund und arbeitsfähig, — glücklicherweise; berat das ist die Rot der Fremde, Satz man den Boden, worauf man steht, stch in jeder Stunde neu erschaffen mutz. So schlecht es immer sein mag, darin habt ihr es doch gut daheim; unb wer wäre nicht gern gebReben, wenn er nur ein Estück Brot und jenes unentbehrliche »sanfte Ruhekissen" des alten Sprichworts sich hätte erhalten können." Sie fegte schweiget die Hand auf seine Stirn, während er. der ihren Augen gefolgt war, das Blatt umnxrrtbie. Dann las fle weiter: » Der gutem und Lugen Frau, die du vorige Weihnachten bei un8 hast tarnen lernen, bin ich so glücklich gewesen, durch 6te Vermittlung eines Vergleichs mit ihrem Sutsnachbarn einen wirklichen Dienst zu feisten; der schöne, so sehr von ihr begehrte Wald ist seit Ltrzem endlich in ihren Besitz gelangt. Hätten tote morgen für deinen Freund Harro nur eine Tanne aus diesem Walde! Denn hier ist viele Meilen in die Runde lein Nadelholz zu finden WaS aber ist ein Weihnachtsabend ohne jenen Baum mit seinem Duft voll Wunder und Geheimnis? .Aber du", sagte der Amtsrichter, als seine Frau gelesen hatte, .du bringst ht deinen Kleidern den Duft des echten Weihnachtsabends!" Hi« langte lächelnd im den Schlitz ihres Kleides und legte ebt großes Stück braunen Weihnachtskuchsn von ihm auf den Tisch. »Sie sind «den vom Bäcker gÄomrnen", sagte sie, »prob nur; deine Mutter backt sie dir nicht besser!" Gr brach einen Brocken ab und prüfte ihn genau; aber er fand altes, was ihn als Knaben daran eirtzückt hatte; die Waffe war glashart, die eingerollten Stückchen Zucker wohl vergangen und kandiert. »Was für gute Geister aus diesem Kuchen steigen", sagte er, stch in seinen Arbeitsstuhl zurücklehnend; »ich sehe plötzlich, tote es daheim in dem alten, steinernen Hause Weihnacht wird. — Die Messingtürklinken sind womögstch noch blanker als sonst; di« große gläserne Flurlampe leuchtet heute noch heller auf die Stückfchnörkel an den sauber geweißten Wänden; ein Kinderstrvm um den anbem, singend, und bettelnd, drängt durch die Haustür; vom Keller heraus auS der geräumigen Küche zieht der Duft der Gebäckes in ihre Rasen, das dort in dem großen kupfernen Kessel über dem Feuer prasselt. — Ich sehe alles, ich sehe Vater und Mutter — Gott fei gedankt, ste leben beide! — aber die Zeit, in die ich hinabblicke, liegt in so tiefer Ferne der Vergangenheit! - Ich bin ein Knabe noch! — Sie Zimmer zu beiden Seiten des FlurS sind erleuchtet; rechts ist bte Weihnachts stube. Während ich vor der Tür stehe, horchend, tote es drinnen in dem Knittergold und in den Dannenzweigem rauscht, kommt von der Hostveppe herauf der Kutscher, eine Stange mit einem Wachslichtchen in der Hand. — .Schon an» B Thoms?" Gr schüttelt schnnnrzelnd den Kopf und Der» et in der Weihnachtsstube. — Wer wo bleibt denn Onkel — Da kommt es taauhen die Treppe 6inauf; bte Haustür wird «mfgerissen. Rein, «S ist im feht Lehrling, der bte fange Pfeife des »Herrn Raisverwandters" bringt; chm noch quillt ein neuer ©trom von Kindern; zehn Beine Kehlen auf einmal stimmen an .Born Himmel hoch, da komm ich her!" ■Hnb schon ist meine Großmutter mitten zwischen ihnen, die alte, geschäftige Frau, den Speisekammerschküffel am kleinen Finger, einen Teller voll Gebäckes in der Hand. Wie blitzschnell das verschwindet! Auch ich erwische mein Teil davon, und eben kommt auch meine Schwester mit dem Kindermädchen, festlich gekleidet, bte langen Zöpfe frisch geflochten. Ich aber halte mich nicht auf; ich^vinge drei Stufen auf einmal die Treppe nach dem Hofe Gs war allmähsich dunkel geworden; di« Frau des Amtsrichters hatte leise einen Aktenstoß von einem Stuhl entfernt unb stch an di« Veite ihres Mannes gesetzt. »Drüben in dem Seitengebäude ist das Arbeitszimmer meines Vaters. Auf die Vordiele dort fällt heute kein Lichtschein aus dem Türfenster der Schreiberstube; der alte Tausendkünstler ist von meiner Mutter drinnen bei den Weihnachtsgeheimnissen! angestellt. Aber ich tappe mich im Dunkeln vorwärts: denn gegenüber in feinem Zimmer höre ich die Schritte meines Vaters. Gr arbeitet schon nicht mehr. Ich öffne leise die Tür; wie deutlich sehe ich ihn vor mir, ihn selbst und das große, verräucherte Gemach, in dem der hart« Schlag der alten Wanduhr Pickt! Mft einer feierlichen Unruhe geht er zwischen den mit Papieren bedeckten Tischen umher, in der einen Hand den Messingleuchter mit der brennenden Kerze, bte andere vorgestreckt, als solle jetzt alles Störende fern gehalten werden. Gr öffnet die Schublade seines Keinen Stuhpults und nimmt die große goldene Sabotiere aus der Fischhautkapsel, einst ein Geschenk der Urgroßmutter an ihren Bräutigam, dann nach des Urgroßvaters Tode eine Ghren- und Vertrauensgabe an ihn. Aber er ist noch nicht fertig; aus dem Geldkörbchen werden blanke Silbermünzen für die Dtenste boten hervorgesucht, eine Goldmünze für den Schreiber. »Ist Onkel Erich schon da?" fragt er, ohne sich nach mir umzusehen. »Roch nicht, Vater! Darf ich ihn holen?" — »Das könntest du ja tun." Und fort renne ich durch das Wohnhaus auf die Straße, um die Ecke am Hafen entlang, und während ich drunten aus der Dämmerung das Pfeifen des Windes in den Tauen der Schift« höre, habe ich das alle Giebelhaus mit dem Vorbau erreicht. Die Tür wird aufgerissen, daß die Klingel weithin durch Flur und Pesel schallt. — Vor dem Ladentisch steht der alte Kommis, der das Detailgeschäft leitet Er sieht mich etwas grämlich an. .Der Herr ist in seinem Kontor", sagt er trocken; er liebt dl« wilde naseweise Range nicht. Aber, was geht's mich an. — Fort mach ich hinten zur Hoftür hinaus, über zwei kleine finstere Höf«, bann in ein uraltes seltsames Rebengebäude, in welchem sich das Allerheiligste des Onkels befindet. Ohne Anfall komm« ich durch den engen dunkeln Gang und stopfe an eine Tür . .Herein!" Da sitzt der Heine Herr m dem seinen braunen Tucyrock an feinem mächtigen Arbeitspult; der Schein der Kontorlampe fällt auf seine freundlichen kleinen Augen und auf die mächtige Familiennase, die über den frischgestärkten Vatermördern hinausragt. — »Onkel, ob du nicht kommen wolltest!" sage ich, nachdem ich Atem geschöpft habe. — „Wollen wir uns noch «inen Augenblick setzen!" erwidert er, indem seine Feder summierend über das Folium des auf geschlagenen! Hauptbuches hinabgleitet. — Mir wird ganz behaglich zu Sinne, ich werde nicht ein bißchen ungeduldig; aber ich setze mich auch nicht; ich bleibe stehen und besehe mir die Englands-- und West« inbtenfafjrer des Onkels, deren Bilder an der Wand hängen. Es dauert auch nicht lange, so wird das Hauptbuch herzhaft zugeklappt, das Schlüftelbrmd rasselt und: »Sieh so", sagt der Orckel,, „fertig wären wir!" Während er sein spanisches Rohr aus der Ecke langt will ich schon wieder aus der Tür; aber er halt mich zurück. »Ah, wart doch mal em wenig! Wir hätten hier wohl noch so etwas mitzunehmen." Und aus einer dunkeln Ecke des Zimmers holl er zwei wohlversiegelte, geheimnisvolle Päckchen. — Ich wußte es wohl, in solchen Päckchen steckte ein Stück leibhaftigen Weihnachtens; denn der Onkel hatte einen Bruder in Hamburg, unb er trat nicht mit leeren Händen an den Tannenbaum. So nie gesehenes, märchenhaftes Zuckerzeug, wie er mitten in der Bescherung noch mir und meiner Schwester auf unsere Weihnachtsteller zu legen pflegte, ist mir später niemals wieder vorgekvmmen. »Bald darauf steige ich an der Hand des Onkels die breite Steintreppe zu unferm Hanse hinauf. Gin paar „ Augenblicks verschwindet er mit seinen Päckchen in bte Weihnachtsstube; es ist noch nicht angezündet aber durch die halbgeöffnete und rasch wieder geschloffene Tür glitzert es mir entgegen aus der noch drinnen herrschenden ahnungsvollen Dämmerung. Ich schließe bte Augen, berat ich will nichts sehen, und trete in das gegenüberliegende, festlich erleuchtete Zimmer, das ganz von dem Dust der braunen Kuchen und des heute besonders sein gemischten Tees erfüllt ist Die Hände auf dem Rücken mit langsamen Schritten geht mein Vater auf unb nieder. »Run, seid ihr da?" fragt er stchenbleibend. — Und schon ist auch Onkel Erich bei unS; mir scheint die Stube wird noch einmal so hell, da er eintritt. Gr grützt bte Großmutter, den Vater; er nimmt meiner Schwester bte Tasse ab, bte ste ihm auf dem gelblackierten Brettchen präsentiert. »Was meinst du", sagt er, indem er seinen Augen einen bedenklichen Ausdruck zu geben sucht, »es wird wohl heute nicht viel für uns abfalten!“ Aber er lacht habet — «8 so tröstlich, daß diese Worte tote eine goldene Verheißung Hingen. Dann, während in dem blanken Messingkomfort der Teekessel saust, beginnt er eine seiner kleinen Erzählungen von den Begebenheiten der letzten Tage, seit man sich nicht gesehen. War es nun der Ankauf eines neuen Spazierstocks oder das unglückliche Zerbrechen einer Mundtasse, es floß alles so sanft dahin, daß man ganz davon erquickt wurde, And wenn er gar eine Pause machte, um das bisher Erzählte int behaglichsten Gelächter nachzugenießen, wer hätte da nicht mitgelacht! Mein Vater nimmt vergeblich seine kritische Prise; er muh endlich doch mit einstimmen. Dies harmlose Geplauder — es ist mir das erst später klar geworden —- war die Art, wie der tätige Geschäftsntann von der Tagesarbeit ausruhte. Es klingt mir noch lieb in der Erinnerung und mir ist, als verstände das jetzt niemand mehr. — Aber während der Onkel so erzählt, steckt plötzlich meine Mutter, die seit mittag unsichtbar gewesen ist, den Kopf ins Zimmer. Der Onkel macht ein Kompliment und bricht seine Geschichte ab; die Tür und die gegenüberliegend« Tür werden weit geöffnet. Wir treten zögernd ein; und vor uns, zurückgestrahlt von dem großen Wandspiegel, steht der brennende Baum mit feinen Flittergoldfähn-chen, feinen weißen Netzen und goldenen Siern, die wie Kinderträume in den dunkeln Zweigen hängen." --- „Paul", sagte die Frau, „und wem- wir ihn noch so weit herbeischaffen sollten, wir müssen wieder einen Tannen bäum haben. Der arme Junge hat sich selbst einen Weihnachtsgarten gebaut; er ist nur eben wieder fort, um Moos aus dem Eichenwäldchen zu holen." Der Amtsrichter schwieg einen Augenblick. — „Es tut nicht gut, in die Fremde zu gehen," sagte er dann, „wenn man daheim schon am eigenen Herd gesessen hat. — Mir ist noch immer, als fei ich hier nur zu Gaste, und morgen oder übermorgen sei die Zeit herum, daß wir alle wieder nach Hause müßten!" Sie faßte die Hand ihres Mannes und hielt sie fest in der ihrigen, aber sie antwortete nichts darauf. „Gedenkst du noch an einen Weihnachten?" Hub er wieder an, „ich hatte die Studentenjahve hinter mir und lebte mm noch einmal, zum letztenmal, eine kurze Zeit als Kind im elterlichen Hause. Freilich war es dort nicht mehr so heiter, wie es einst gewesen; es war Llnvergetzliches geschehen, die alte Familiengruft unter der großen Linde war ein paarmal offen gewesen: meine Mutter, die unermüdlich tätige Frau, lieh oft mitten in der Arbeit die Hände sinken und stand regungslos, als habe sie sich selbst vergessen. Wie unsere alte Margret sagte, sie trug ein Kämmerchen in ihrem Kopf, drin spielte ein wies Kind. — Nur Onkel Erich, freilich ein wenig grauer als sonst, erzählte noch seine Keinen freundlichen Geschichten, und auch die Schwester und die Großmutter lebten noch Damals war jener Weihnachtsabend; ein junges schönes Mädchen war zu der Schwester au? Besuch gekommen. Weißt du, wie sie hieß?" „Ellen," sagte sie leise und lehnte den Kopf an die Brust ihres Mannes. Der Mond war aufgegangen und beleuchtete ein paar SWerfäden in dem braunen seidigen Haar, das sie schlicht gescheitelt trug, schmucklos in einer Flechte um den Schildpattkamm gelegt. Er strich mit der Hand über dies noch immer selten schöne Haar. „Ellen hatte auch beschert bekommen," sprach er weiter: „auf Dem kleinen Mahagonitische lagen Geschenke von meiner Mutter und was von ihren Eltern von drüben aus dem Schwesterlande herübergeschickt war. Sie stand mit dem Rücken gegen den brennenden Baum, die Hand auf die Tischplatte gestützt; sie stand schon lange so; ich sehe sie noch"; — und er li«H seine Äugen eine Weile schweigend auf dem schönen Antlitz feiner Frau ruhen; — „da war meine Mutter unbemerkt zu ihr getreten; sie faßte sanft ihre Hand und sah ihr fragend in die Augen. — Ellen blickte nicht um, sie neigte nur den Kopf; plötzlich aber richtete sie sich rasch auf und entfloh ins Nebenzimmer. Weißt du es noch? 'Während meine Mutter leise den Kopf schüttelte, ging ich ihr nach; denn seit einem Keinen Zank am letzten Abend waren wir vertraute Freunden Ellen hatte sich in der Ofenecke auf einen Stuhl gesetzt; es war fast dunkel dort; nur eine vergessene Kerze mit langer Schnuppe brannte in dem Zimmer. „Hast du Heimweh, Ellen?" fragte ich. — „Ich werft es nicht!" ■— Eine Weile stand ich schweigend vor ihr. „Was hast du denn da in der Hand?" — „Willst du es haben?" — Es war eine Börse von dunkelroter Seide. „Wenn du sie für mich gemacht hast," sagte ich; denn ich hatte die Arbett in den Tagen zuvor in ihren Händen gesehen und wohl bemerkt, wie Ellen sie, sobald ich näher kam, in ihrem Nähkästchen verschwinden lief). — Aber Ellen antwortete nicht und gab mir auch nicht ihr Angebinde. Sie stand auf rmd putzte das Acht, daß es plötzlich ganz hell im Zimmer wurde. „Komm", sagte sie, „der Daum biennt ab, und Onkel Erich will noch Zuckerzeug bescheren!" Damit wehte sie sich mit ihrem Schnupftuch ein paarmal um die Augen und ging in die 'Weihnachlsstube zurück, und als wir dann später am Pochbrett saßen, war sie die Ausgelassenste von allen. Bon meinem Weihnachtsgeschenk war weiter nicht die Rede. ---Aber weiht du, Frau?" — und er* ließ ihre Hand los, die er bis dahin festgehaltem — „die Mädchen sollten nicht fv «gemsmmtg fleht, das hat mir damals Seine M <*. taffen; ich mußte doch die Börse haben, und darüber „Darüber, Paul? — Sprich nur dreist heraus!" „Nun, hast du beim von der Geschichte nichts gehört? darüber bekam ich nun auch noch das Mädchen in den Kauf" „Freilich," sagte sie, und er sah bet dem Hellen Mondschein in ihren Augen etwas blitzen, das ihn an das übermütig Mädchen erinnerte, das sie einst gewesen, „freillch weift 66 hon der Geschichte, und ich kann sie dir auch erzählen; aber es war ein Jahr später, nicht am Weihnachts- fpnbern am Reu» lahrsabend, und auch nicht hüben, sondern drüben." Sie räumte das Tintenfaß und einige Papiere betseite und fetzte sich ihrein Manne gegenüber auf den Schreibtisch. „Der Detter war bei Ellens Eltern zum Besuch, bei dem allen präch- "gen Kirchspielvogt, der damals noch ein starker Nimrod war, ~ Ellen hatte noch niemals einen so schönen und langen Brief bekommen, als den, worin der Detter sich bei ihnen mtgemelM; «wer so gut wie mit der Feder wußte er mit der Flinte nicht umzugehen, -lind dennoch, tat es die Landluft oder der schöne Grävehrschrcmk im Zimmer des Kirchfpielvogts. es war nicht anders, er mußte alle Tage auf die Jagd. Und wenn er damt abends durchnäßt mit leerer Tasche nach Hause kam und die Mute schweigmd in die Ecke setzte wie behaglich erging« sich da die Stichelreden des alten Herrn. — „Das heißt Malheur, Detter; aber die Hafen sind heuer alle wild geraten!“ — »beet «Mein Herzensjrmge, was soll die Diana einmal von dir d-nS-nk" Am meisten aber — du borst doch, Paul?" „Sch höre, Frau." „Am meisten plagte ihn die Ellen; sie setzte ihm hetmttch etnen Strohkranz auf, sie band ihm einen Gänseflügel vor den Flintenlauf; eines Vormittags — weiht du, es war Schnee gtr fallen — hatte sie einen Hafen, den der Kn«ht geschossen, aus der Speisekammer geholt, und eine Weile darauf saft er noch einmal auf feinem alten Futterplatz im Garten, als wenn er lebte, ein Kohlblatt zwischen den Vorderläufen. Samt hatte Re den Detter gesucht und an die Hoftür gezogen. „Siehst' du ihn Paul? da hinten im Kohl; die Löffel gucken aus dem Schnees — Gr sah ihn auch; sei« Hand zitterte. „Still, Ellen! Sprich nicht so taut! Sch will die Flinte holen!" Aber als kaum di» Tür nach des Vaters Stube hinter ihm zuklappte, war Ellen schon wieder in den Schnee hinauSgelaufen, und als er endlich mit der geladenen Flinte heranschlich, hing auch der Hase schrm wreder an seinem sicheren Haken in der Speisekammer. -- Aber &er ,JRe& sich geduldig von ihr plagen." „Freilich, sagte der Amtsrichter unv fegte feine Ofcme behaglich auf die Sehn» feines Sessels, „er hatte ja die Börse noch Immer nicht!" „Drum auch! die tag noch unangerührt droben in der Kommode, in Ellens Giebelstübchen. Aber — wo die Ellen war, S« war der Vetter auch; heißt das, wenn er nicht auf der Sagd war. Sah sie drinnen an ihrem Nähsisch, so hatte er gewiß irgendein Buch ans der Polterkammer Molt und las ihr daraus vor; war sie in der Küche und backte Waffeln, so stand er neben ihr, die Ahr In der Hand, damit das Eisen zur rechten Zeit gewendet würde. — So kam die Deujahrsnacht. Am Nachmittage hatten beide auf dem Hofe mit des Vaters Pistolen nach goldenen Eiern gefchossen, die Ellen vom Weihnachtsbaum ihrer Geschwister abgeschnttlen; und der Vetter hatte unter dem Händeklatschen der Kleinen zweimal das goldene Ei getroffen. Aber war's mut weil er am andern Tage reisen mußte, oder war'S, weil Ellen fortlief, als er sie vorhin allein in ihrem Zimmer ausgesucht hatte — «S war gar nicht mehr der geduldige Detter — er tat kurz und unwirsch und sah kaum noch noch ihr hin. — DaS blieb Sen ganzen Abend so; auch als man später sich zu Tische fetzte. Ellens Mutier warf wohl einmal einen fragenden Blick auf die beiden, aber sie tagte Nichts darüber. Der Kirchspielvogt hatte auf andere Dinge zu achten, er schenkte den Punsch, den er eigenhändig gebraut hatte; und als es drunten im Dorfe zwölf schlug, stimmte er das alte NsujahrÄied von Soharm Heinrich Botz an (Des Sahres letzte Sturze), das nun getreulich durch äße Verse abgefungen wurde. Dann rief man „Prost Neujcchrfe und schüttelte sich die Hände, und auch Ellen reichte dem '-Bettet ihre Hand; aber er berührte kaum ihre Fingenspitzen. — So war's auch da man sich bald darauf gute Nacht sagte. — Ms das Mädchen droben allein in ihrem Giebelstübchen war — und nun merk auf, Paul, wie ehrlich ich erzähle! — da hatte sie keine Nuh zum Schlafen; sie setzte sich still auf die Kante ihres Bettes, oh« sich auSznkleiden und ohne der Kürzenden Kälte - in der ungeheizten Kammer zu achten. Denn ss kränkte sie doch; sie hatte dem Menschen ja nichts zu Seid getan. Freilich, er hatte sie gestern noch gefragt, ob sie den Hasen nicht wieder hu Kohl gesehen; und sie hatte dazu den Kopf geschüttelt. — War es etwa das, und wußte er denir, daß er den .Hrsen schon vor drei Tagen selbst hatte mit verzehren helfen? — — Sie wollte dem schönen Brief deS Vetters einmal wieder lesen. Aber als sie in die Tasche taugte, vermißte sie den Kommodsn- schlussel. Sie ging mit dem Lichte hinab in die Wohnstube, und von dort, als sie ihn nicht gefunden, in die Küche, wo Re voshin gewirtschaftet hatte. (Fortsetzung folgt.) Schriftlrittmg: Dr. Friede. Mich. Lange. — Druck und Verlag d« BrLhrMm AKiv,«Buch- M,d SteindrnckerÄ- A. Zange, Dietz«!.