Eichener jamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, -en 22. September Nummer 76 lieber die Heide. Don Theodor Storm. Heber die Heide hallet mein Schritt; dumpf aus der Erde wandert es mit. Herb-st ist gekommen Frühling ist weit — gab es denn einmal selige Zeit? Brauende Nebel geisten umher, schwarz ist das Kraut, und der Himmel so leer. Wär ich hier nur nicht gegangen im Mai! Leben und Liebe — wie flog es vorbei! Mein MeisterstüÄr. Don Munkepunke. Ich habe es niemals geschrieben, älnd ich werde es . auch jetzt nicht schreiben können, da mich die Erinnerung mit einem Erlebnis bedrängt, dessen Gestaltung doch einmal mein journalistisches Meisterstück hätte werden können. Wer aus der Erkenntnis heraus, daß über dem besten Feuilletonismus immer der größere, geheimnisvollere Reichtum des Lebens steht, aus dem man sich allenfalls ein paar Rosinen herauspicken darf, dem Leser zur Vergnügung oder gar Belehrung, gibt sich der ganz große Ehrgeiz bald und man tröstet sich schon mit der Genugtuung, wenn einem letzten. Endes noch so etwas wie eine halbwegs schmackhafte Himbeerfoße zu dem Rosinenkuchen gelingt, älnd so kann man höchstens von einem Erlebnis erzählen, das mit dem ersten journalistischen Auftrag zusammenhängt und dessen man mit einem wehmütigen und einem heiteren Auge gedenkt. Da ich zu der traurigen Einsicht gekommen war, daß die Fabrikation von grotesken Geschichten auf die Dauer zu einer Pleite führen muß, insofern nämlich die Rachfrage nicht ganz dem Angebot zu entsprechen pflegt, hielt ich es für angebracht, meinem Dasein einen gefestigteren Grund zu geben, indem ich beschloß, mein so üppig aufschietzendes Taleyt in die sanfte Kandare des Feuilletonismus $u spannen. Leider erhielt ich auf verschiedenen Redaktionen den melancholisch stimmenden Bescheid, daß Jungdeutschland just auf diesem Gebiet so überreichlich mit hoffnungsvollem Rachwuchs gesegnet sein, daß man mir nur jede andere Betätigung meines gewiß sehr regen Geistes wohlwollend ans Herz legen könne; wenn ich es vorläufig einmal mit de» Berichterstattung im lokalen Teile versuchen wolle, so stände solcher Absicht nichts im Wege. Und somit saß ich an einem großen Tisch, von dessen anderer Seite mir zwei, ganz entschieden ebenfalls rein lyrische Augen entgegenblickten, diejenigen des nunmehr schon verstorbenen Dichters Victor Hadwiger nämlich, der gleich mir hinsichtlich seiner weiteren Lebensführung auf einen sogenannten toten Punkt gekommen war.. Die Derhaftung eines Schwerverbrechers beförderte ihn bald in eine finstere Kneipe von Berlin N, allwo er sich aus dem Wann, Wie und Wieso den Stoff für sein allererstes journalistisches Meisterstück zusammenklauben sollte. Mir dagegen ward der nicht wenige» wichtige Fall einer großen Unterschlagung zur Erforschung zugeteilt, alldieweil nämlich der Rendant einer Reichsbehörde mit ganzen vierzigtausend Mark über Nacht verschwunden war. „Die Sache ist für Sie ganz einfach und wahrhaftig ein fetter Dissen, mit dem Sie sich beim Publikum aus den ersten! Schlag einen Rainen machen können," sagte zu mir der Chef der Reportage, wie so etwas in meiner frühen Äugend noch hieß. „Sie gehen zu her Familie hin, stellen sich vor, sagen, daß Sie im Auftrag unserer bekannten und beliebten Zeitung kämen — hier ist für alle Fälle Ähr Ausweis — und fragen dann frisch von der Leber weg, wieso denn der gute Gatte auf diese schiefe Dahn des Lebens gekommen, ob er vielleicht Sklave einer Spielleidenschaft sei, ob er und seit wann etwa Beziehungen zur Halbwelt unterhalten, oder was ihn sonst veranlaßt hätte, ausgerechnet diesen schweren Kummer seiner gewiß sehr achtbaren Familie zu bereiten. Sie werden es schon machen! Die Sache ist sehr einfach, eine richtige Anfänger-Aufgabe, mit der Sie Ihre Fähigkeit oder Unfähigkeit im Journalismus beweisen werden." Indessen ich das Adreßbuch nach dem unglücklichen Ramen hastig und nervös durchblätterte, stand es für mich bereits fest, daß nur der Beweis gänzlicher Unfähigkeit dabei herauskommen w:rde. Wie konnte man so zudringlich, so indiskret, so brutal ' stenwollend in eine fremde Familie eindringen, die, vom C r.-rz über diesen harten Schicksalsschlag niedergebeugt, von Scham und Tränen hingestreckt, gewiß jeden Besuch ablehnen würde! Wie — wenn man die Hintertreppe leise hinauffchleichen und die Köchin vorsichtig ausfragen würde! Rein, dann gestaltete sich der Bericht ganz von selbst noch hintertreppenhafter, als er sowieso vielleicht schon ausfallen mußte. Jede heroische Geste, vom psychologischen Standpunkt begreiflich gemacht, fehlte hier; die schnödeste Prosa des Alltags grinste mich schon jetzt an. War es nicht feige, ihr aus dem Weg gehen zu wollen? Halt — hier war ja die Adresse: Albert Krull, Rendant, Brüder- straße 2341. Wie einen militärischen Befehl empfand ich plötzlich meinen Auftrag. Ich würde alle Delikatesse in mir zusammen- nehmen die Sonde der Berichterstattung in die frische Wunde zu stoßen und dabei von mir aus irgendein geheimes Betäubungsmittel, über dessen Art ich mir freilich noch nicht klar war, mitleidigst anzuwenden. Mit einem unangenehmen Gefühl im Magen — ja, richtig, das Frühstück hatte ich wegen fehlenden Mammons ausfallen lassen, der mir, nach glücklich abgeliefertem Bericht, erst abends die siegerhafte Wiederherstellung meines inneren Menschen erlauben sollte — stieg ich eine dunkle Treppe empor. Verruchte Schatten griffen höhnisch nach! mir und ließen mich« stolpern. Mein rechtes Hosenbein wies just am Knie einen nicht zu kleinen Riß auf. Ich würde umkehren, zu einem Schneider gehen — wenn ich Geld gehabt hätte. Ich mußte also meine Zudringlichkeit gleich mit einer unangenehm verdoppelten Entschuldigung beginnen.' Meine Verlegenheit war von dem Gipfel einer Schnee- koppe zu dem eines Montblanc emporgewachsen. Fiebernd zählte ich an den Knöpfen meines Mantels ab, ob ich- den Mut aufbringen solle, überhaupt zu klingeln. Das Schicksal entschied feixend: Ja! Hnb so gab ich meinem hämmernden Herz einem verzweifelt gewaltigen Stoß und zog die Glocke. Die war wie das Wimmern verhallenen Schluchzens. Fassung, daß sich jetzt meine Augen nicht nähten! Für aufrichtige Anteilnahme würde noch immer die Zeit kommen... „Laß nur, Anna — ich gehe schon selbst öffnen!" tönte mir eine fröhliche, jetzt gar singende Stimme entgegen. Eine ältere, will sagen mit jüngerem Anhauch versehene, in schwarzer Seide rauschende Dame bat lächelnd, doch näherzutreten, und half mir freundlich über meine erste Stotterei hinweg. „So, so — von der Zeitung sind Sie? Sehr liebenswürdig, uns mit Ihrem Besuche zu beehren! Sie haben also auch! bereits von dem fabelhaften Glück gehört, das uns widerfahren ist? Ditte, treten! Sie näher! Ein Glas Wein und ein Stückchen Kuchen wird für Sie auch noch übrig fein. Solchen Tag muß man doch feiern!" Gar manches war mir schon von Herzensroheiten der Frauen! berichtet worden. Hier schien sich vor mir die letzte Gemeinheit im frechsten Frevel übertrumpfen zu wollen. Der Gatte, nach Unterschlagung von sage und schreibe vierzigtausend Mark über alle Berge, von der Polizei gesucht — hier die Gattin bei Wein und Kuchen, int Festtagsgewand, lachend und feiernd — und da redete ich noch etwas von zerrissener Hose daher, anstatt ihr meine Verachtung in das gepuderte Antlitz zu schleudern — jaja, ich sah es wohl, daß es gepudert war, vielleicht um die Weinröte der sinnlichen Nasenflügel zu verheimlichen. Ein Nomankapitel war mir da vom Schicksal aufgeschlagen, eine seelische Benommenheit, aus der ich! über den bloßen Tatsachenbericht hinaus eine Derbrecherstudie schöpfen konnte, deren geistiges Niveau weit über den Rahmen eines Zeitungsfeuilletons greifen würde. Wahrhaftig nicht meines Wagens wegen, de» bei den Worten Wein und Kuchen knurrend aufgehorcht hatte, sondern aus reinem schriftstellerischen Ehrgeiz heraus konnte, mußte ich diese verruchte Einladung annehmen, selbst auf die Gefahr hin, daß die Kosten für diesen üppigen Aufwand gewiß von den gestohlenen Geldern bestritten würden. Was ging mich da noch meine zerrissene Hose an, die mir eben so überaus wichtig vorgekommen war! älnd doch war diese Angelegenheit nun einmal so sehr mit meiner Person verknüpft, daß die Mutter, indes sie mich in den Salon geleitete, sogleich nach Faden und Nadel und nach ihrer Tochter Marie rief, die sich! — ach, zu denken, daß dieses entzückende blonde Etwas von achtzehn Jahren Sprößlrng eines Verbrechers sein konnte! — nach lachender Dorstellerei sogleich niederkniend daran machte, meinen kleinen Schaden zu bei tert, um bald darauf mit mir anzustoßen, daß auch mir einmal noch solch Glück zuteil werden möge, und loszuplaudern: „Ja, wenn wir das vorgestern geahnt hätten! Schreiben Sie nur recht nett über uns in Ihrer Zeitung! So etwas passiert einem ja nicht alle Tage, daß man in die Zeitung kommt! Auch Papa wird sich sicherlich sehr freuen!“ Der Bienenhonig in Völkerglauben und -gebrauchen. Don Jng.-chem. H. A Kirsch. In allen Zeiten und bei allen Völkern ist Honig als Räh» rungs- und Genußmittel hoch geschätzt worden. Es gibt kaum ein zweites Erzeugnis der Tierwelt in der Kulturgeschichte, das un Glauben und Brauche der Völker eine gleich wichtige Rolle gespielt hätte. — Das älteste urkundliche Zeugnis für die Verwendung des Honigs ist ungefähr 4000 Jahre alt. Es flammt aus Indien, wo die sagenumwobene Lotosblume ihren Honigschatz darbietet und das Heimatland unserer Honigbiene ist. Rach jener Ärkunde war bei den alten Indern die erste Rahrung des Säuglings Bienenhonig. Dort in Indien ist die Honigbiene als Haustier domestiziert worden. Der indische Bauer ist ein geborener Bienenzüchter; neben der primitiven Dambushütte „Sicherlich!" stotterte ich echoend nach und sah mein Weinglas bereits wieder gefüllt. Er mutz übrigens jeden Augenblick kommen. Er wollte sich nur rasieren lassen. Hoffentlich haben Sie noch etwas Zeit, damit er Ihnen die ganze Geschichte selbst erzählen kann!" schob mir die Mutter noch ein Stück Torte zu. „Essen Sie nur! Heute dürfen wir uns das leisten!" , Also — der Schwerverbrecher hatte sogar die Stirn, noch einmal zu seiner Familie zurückzukehren, obgleich er sich doch sagen mußte, daß sein Haus wahrscheinlich längst von der, Kriminalpolizei umstellt sei, ihn, den großen Defraudanten, abzufangen und schleunigst hinter Schloß und Riegel zu bringen. And dann die hohnlachende Llnverschämtheit hier, die Tat noch festlich zu begehen! Wich schauderte vor solchen: teuflischen Liebermut; und schnell trank td} mein Glas noch einmal aus, um dieses Schaudern nicht so merken zu lassen, um klaren Sinnes für die kommenden Enthüllungen zu bleiben, die mir aus dem authsw tischen Munde selbst werden sollten... auf die Gefahr hrn, daß man mich als Hehler mitverhaften würde. Da rasselte auch schon ein Schlüssel in der Wohnungstür. Der frischrasierte Rendant, im feierliche Gehrock, trat ein und reichte mir schmunzelnd d:e Hand, nachdem er von seiner Frau schnell in den Grund meiner Anwesenheit eingeweiht war. „ „ .Ist das wirklich so ein Fressen für Ihre Zeitung? Ra, denn man los!" schüttelte er mir noch einmal die Hand, wobei mich das Wort „Fressen" persönlich traf, von wegen der verzehrten drei Stücke Torte. Ich redete irgendetwas Rebensachliches daher und zog me Zeitung hervor, in der die erste kurze Rottz über die große Unterschlagung stand. „Hier - hier - wenn Sie lesen wollen — mein Bericht soll es ausführlich ergänzten, erklären, Sie en.schuld:gc^iht &a entschuldigen, junger Freund? Ditte, geben Sie mir doch einmal Ihre Zeitung!" Und der Rendant, der ehemalige, für mich wenigstens schon, nahm mir das Matt aus der Hand, um sogleich in das Sofa zu fallen. „Herr, Herr — ist Ihre Zeitung — jetzt verstehe ich Ihre Jammermiene da soll ich, Albert Krull, Rendant Kleinigkeit von v:erz:g- tausend Mark unterschlagen haben? Leider handelt es sich nur um den vierten Teil —“ r < ,.< „Am den vierten Teil — nur — o, dieser Gemütsmensch! flüsterte ich unhörbar in meinem Zwerchfell. „Den ich in der Lotterie gewonnen habe! Der uns s» fröhlich gestimmt hat! Don dem diAer Wein, diese Torte hier bezahlt ist! Herr - Herr - Ihren Albert Krull müssen Sie Mj schon gefälligst wo anders suchen! Ich — ich verbitte nur Ihre Zudringlichkeiten, Ihre —“ Wie schnell ich. damals aus dem Zimmer auf den Korridor, von dort wieder auf die Treppe gekommen bm, weih ich heute noch nicht. Rur das ist mir in Erinnerung geblieben: daß im Zimmer noch - bei Gott, rem aus Verseh«! - mein Weinglas umwarf, daß es zerbrach - immerhin Scherben bedeuten ja Glück! —, daß ich auf der Treppe, rn der Dunkelheit, aus der wiederum verruchte Schatten höhmsch noch nur griffen, nochmals stolperte und mir nun auch noch das link Hofenb^n zerriß, daß ich also beschädigt nach einer Strmde auf d«c Redaktion eintrudelte und statt des erwarteten Berichtes dem Herrn Chef der Reportage nur die peinlichst verlege,« Ditte um Mitleid entgegenbrächte, um alsdann im Adreßbuch leid« zu spät die überraschende Feststellung zu machen, daß eS to dem großen Berlin ausgerechnet zwei Rendanten namens -albert Krull gab — weswegen ich seit dieser Zeit stets im Adreßbuch alle Menschen gleichen Ramens überfliege, in der Hoffnung, in dubio doch vielleicht den richtigen mir herauszufischen. Muß ich wirklich noch einmal versichern, daß mein erstes journalistisches Meisterstück ungeschrieben blieb? Lind Ana ich es heute allmählich im Laufe von Jahren doch etwas über dM Gesellen hinaus gebracht habe, so danke ich diesen llmstand weniger meinen Fähigkeiten, denn dem großen, unendlich reichen Leben selbst, das bisweilen so liebenswürdig ist, mich auf einige ernste oder komische Rosinen aufmerksam zu machen. Die picke ich mir dann heraus, backe sie in Hefeteig der Worte, und gieße meine feuilletonistische Himbeersohe darüber. Wie auch dieses Beispiel belegen mag ... fehlen selten die aus Rohr gefertigten Bieneirwohnungen; sie gehören in vielen Gegenden Indiens nach den Berichten der Daturforscher zu dem sonst sjv bescheidenen landwirtschaftlichen Inventar. Aber auch die in wildem Zustande lebenden Dienen^ die in diesen Dreitegraden kein nördlicher -Winter mit dem Erstarrungstode bedroht, .gedeihen vortrefflich und sammeln reiche Schätze von Honig und Wachs, auf die von den sogenannten Honigjägern förmlich Jagd gemacht wird. Besonders Ceylon und die Insel Timor sind wegen ihres Honig- und Wachsreichtums berühmt. Roch heute spielt der Honig in den Zeremonien de« Hochzeitsfeierlichkeiten dort eine wesentliche Rolle. Richt nur Stirn und Mund, sondern auch Augenlider und Ohren der Braut werden unter althergebrachten Segenswünschen mit Honig bestrichen. Diese Sitte dürfte wesentlich darauf begründet fein, daß die Diene, die Spenderin des Honigs, das Attribut des indischen Liebesgottes Kama oder Kamadeva ist. Aus dem Orient stammt die Anwendung des Honigs zum Konservieren des Leichnams — Einbalsamievsn —. Die Aeghpter überzogen ihre Leichen zunächst mit Wachs und legten sie dann auf Honig. Lleberhaupt gehörte der Bienenhonig bei den alten Aegyptern zu den nötigsten Lebensbedürfnissen. Das beweisen zwei aufgefundene Inschriften, die eine von einem Graböenknral der Rekropolis Abydos in Mittelägypten, mit folgendem Wortlaut: „Der König bestimmt, daß eine Summe von 3i/2 Pfund Silber von der Schatzkammer des Osiristempels alljährlich zu leisten sei, um den täglichen Bedarf von 1 Hin (Matz) Honig für den Tvtenkultus seines Schatzes Raromantha zu decken." Hieraus ergibt sich zugleich der Tarif des Honigpreises in Altäghpten: Da 3V2 Pfund (gleich 362/3 ägyptische Lote) ihrem Silberwert nach 66,70 Mk. entsprechen, so kostet das Hin (ist s/i Liter Rauminhalt) die Summe von Vio äg. Lot 18 Pf. Die andere Inschrift befindet sich auf einem beschriebenen Kalkstein des Britischen Museums und gibt an, daß 5 Hin Honig für 4 Pfund Kupfer gekauft worden seien. Lleberhaupt scheint der Honig bei den allen Aegyptern unter den Nahrungsmitteln eine ganz hervorragende Stellung eingenommen zu haben. Drugsh teilt einen Ehekontrakt mit, in dem es heißt: „Ich nehme dich zum Weibe... und verpflichte mich., dir alljährlich... 12 Krüge Honig zu liefern." Das Dienenprodukt des Honigs wurde bei den Aegyptern auch als Opfergabe verwendet, fo am großen! Feste des Gottes Thoth. Das hieroglyphische Zeichen für Honig ist eine wagrechte Linie über einer Schale. In der für den Vergleich nut den Alt- Aegyptischen wichtigen, weil verwandten Optischen Sprache, bezeichneten Eheb und Chab die Diene und Ehabiu die Honigpflanze. Bon den Gestaden des Alls wenden wir uns zu den Ufern des Jordans, von den Aegyptern zu den Hebräern. Das Land Kanaan wird in der alttestamentlichen Literatur mit Vorliebe als das Land, wo Milch und Honig fließt, bezeichnet. Zumal während des langen und beschwerlichen Wüstenzuges weiß der große Gesetzgeber und Führer Moses die unzufriedene Dolks- masse, die sich zuweilen nach den Fleischtöpfen Aegyptens zurücksehnte und bis zur offenen Empörung widersetzlich wurde, mit der lockenden Aussicht auf Milch und Honig, die im gelobten Lande in Strömen fließen, zu beruhigen. Ein Schlaraffenland war deshalb Palästina noch lange nicht, der alte Hebräer muhte, fo gut tote sein ägyptischer Rachbar, das tägliche Brot dem Acker .im Schweiße seines Angesicht" abringen. Immerhin läßt die sprichwörtliche Hervorhebung des Honigreichtums mit Sicherheit den Schluß zu, daß das Land außerordentlich bienenreich war, da die noch heute dort wildwachsenden Honigpflanzen, eine Fülle aromatischen Honignektars boten. Dristram bemerkt, daß gegenwärtig noch die größere Quantität Honig, der im südlichen Palästina auf den Markt kommt, von wilden Schwärmen gewonnen wird. In den zahllosen Spalten und Klüften des Kreidekalks finden die Bienen passende Stellung genug zur Ansiedelung. „Israel saugte Honig aus den Felsen und mit Honig aus dem Gestern sättigte Gott des gehorsame Volk." Auch an Bäumen kleben die wilden Schwärme ihre Wohnungen an, wobei es dann vorkommen kann, daß ein Stock wegen der Fülle des Honigs in den Waben zu Boden stürzt und von den Bienen verlassen wird. Einen solchen Stock fand Jonathan, als er einst während eines Feldzuges durch den Wald marschierte. Auf wilden Honig deutet auch der Prophet Jesaja hin, wenn er verkündet, daß im verwüsteten, mit Dornengestrüpp überwuchertem Lande die geringe Zahl der das Kriegselend Lleberlebenden „Rahm und Honig" essen werde. — Der Honig fand im Leben des hebräischen Volkes die mannigfaltigste Verwendung als Speise, als Arznei, als Mettrank und in Krügen gesammelt, als passendes Geschenk. Am so mehr mutz es auffallen, daß der so hoch geschätzte Honig durch das mosaische Gesetz von den Opfergaben ausgeschlossen war. Der Koran, der sehr häufig das Dun und Treiben des Bienenvolkes allegorisch verwertet, enthält ein ganzes Kapitel (Sure 16) mit der Lleberschrift „Die Mene". In ihm heißt es: „Auch in den Tieren habt ihr ein belehrendes Beispiel, denn wir trinken auch von dem, was in ihren Leibern die Mitte hält, zwischen Kot und Blut, nämlich von der reinen Milch, die für den Trinkenden so angenehm zu schlürfen ist. Von der Frucht der Palmbäume und der Reben erhaltet ihr berauschende Getränke und gute Rahrung. Wahrlich hierin liegt ein Zeichen für verständige Menschen! Der Ewige und Allbarmherzige lehrte auch die Mene, indem er sagte: .Baue deine Häuser in die Felsen -er Berge und in die Bäume der Wälder, mit solcher Kunst, tote die Menschen zu bauen gewohnt sind. Wiege aus zu allen Blüten und Früchten, welche der Herr dir angewiesen! Aus ihrem Leib ekommt nunmehr der köstliche Honig, verschieden an Farbe, oder eine wahre Arznei für den Menschen, Wahrlich", so heißt es in der zitierten Sure weiter, „auch in ihnen ist ein Zeichen für nachdenkende Menschen!" — Als einst ein Mann dem Propheten Mohammed klagte, daß der Honig, den dieser Gottesdienev seinem kranken Bruder verordnete, keine heilsame Dienste geleistet habe, antwortet« Mohammed: „Gehe hin und gib ihnen mehr Honig, denn (Stott sagt die Wahrheit und deines Bruders Körper lügt." Als Sinnbild des Heiles konnte der Honig auch Symbol des Glückes und Wohlergehens werden. Daher bezeichneten die Deduinenaraber das Glück eines Reichen durch das Sprichwort: „Er schlafe, den Mund an einen Honigschlauch gepreßt". Wie bei den alten Griechen Nektar und Ambrosia, die andere DezeickZiungen für Honigseim und Honigtrank sind, die. Lieblingsgetränke der griechischen Götter waren, und Dionysos vor Ein- sthrung des Weinbaus in Hellas und Thrakien ein Gott des Mets war, so wurde auch jedes Opfertier des höheren Gottes Griechenlands mit Milch, Wein und Honig begossen. Groß war auch der Honigverbrauch, in den Mysterien, wo er die Bedeutung der ersten Lebensspeise hatte. Zu den Todesopfern gehörte auch Honig. Diese Verwendung begegnet uns schon im homerischen Zeitalter. Bei der Leiche des Hektar und Achilles stehen mit gonig gefüllte Gefäße bei dem Scheiterhaufen. Gleich wie den öttervater Zeus als Säugling Dienen mit Honig nährten, ebenso wird von großen und berühmten Männern berichtet, daß sie als Kinder von Dienen genährt und mit der Gabe der süßen Rede beschenkt worden sind. So geschah es dem Dichter Pindar, als man ihn außerhalb des Hauses seines Bakers äus- setzte und als die Amme des kleinen Plato einst, itim ihrer Herrin beim Opfer zu helfen, den Säugling in ein Whrrthen- gebüsch legte, kam ein Dienenschwarm und legte hymettischen Honig auf seine Lippen, ihm damit die Gabe der süßen Rede verleihend. Plato selbst vergleicht den Dichter mit einer Diene, dem leichtgeflügelten heiligen Wesen, der Gottheit voll uiw so ist auch „honigsüßer Don" wohl nichts anderes als die wörtliche Ülebersetzung von Melodie. Den Griechen standen die Römer in der Wertschätzung des Honigs nicht nach Auch bei den Bewohnern Italiens wurde vielfach der Honig im Kult verwendet Größer aber war noch der hauswirtschaftliche Verbrauch Die Römer aßen sehr gern versüßte Speisen; sie kannten aber natürlich keinen krlstallim- schen Zucker. Das, was von ihnen „Saccharum" genannt wird, ist nicht unser Kristallzucker, sondern nach Plinius ein Honigsaft, der sich auf gewissen Rvhrstauden Arabiens und Indiens, wo auch die Qualität besser ist, sammelt, weiß wie Gummi aus- flcht, zwischen den Zähnen knirscht und zerspringt und von der Größe einer Haselnuß ist. (Manna vrient.?) Er wurde nur medizinisch gebraucht. Honig war daher das einzige Mittel, Speisen und Getränke zu süßen. Ausvnius hat Recht, wenn er von den Alten sagt daß bei ihnen „müsamer Weiß der Menen" bei Speis und Trank beliebt war. Honig durfte im römischen Haushalt so wenig fehlen, wie bei uns heute der Zucker. Speisen, die auf den HerventiM kommen sollten, versüßte der Koch mit Honig und machte damit die Soßen schmackhafter. Er fand seinen Platz auf jeder Tafel, als Rachtisch wurde entweder purer Honig oder Honig mit geröstetem Mohn oder Honigkuchen, wegen der Figuren, welche die Konfektbäcker dem Teig« gaben, ehe er gebacken wurde, aufgetragen, wenn der Wein nicht süß genug war, wurde nach dem bereitstehenden Honignopf gegriffen, welcher den lautersten, süßesten, heilsamsten Saft enthielt. Reiche ließen ihren Tafelhonig aus Attika in Sizilien kommen, die Bienenzüchter aber, ihren Gästen zu Ehren, den Honig aus den besten Gefäßen der Blumen, gesammelt und gesondert, aus den Stöcken nehmen. Bei solchen Mahlen mag man so köstlichen Honig Ambrosia und wahrhaftigen Nektar genannt haben. Auch im der Küche wurde viel Honig verbraucht- Quitten, Datteln, Pflaumen, Feigen, Aepfel, die sich lange halten sollten, in Honig eingelegt, wodurch di« Früchte «inen lieblichen Geschmack Und eine magenstärkende Kraft «Hielten. So gab man sie wie die Kukumern, die auch Poponen, Melonen hießen, und die iman geschält mit Oel eingekocht hatte, als Delikatesse zum Nachtische. Zwiebel und Honig aber wurde solchen verabreicht, die an Verstopfung litten. Außer der Verwendung des Honigs zu Gebäck, Ko-nfttüven und Backobst versetzte der Römer fast alle feine Tischweine, selbst die mildesten, tote den Falermer, mit „der Menen mühsamen Fleißei"; er bereitete daraus eine Menge Getränke und nützliche Flüssigkeiten für seinen Haushalt (Di« ausgedehnteste Verwendung fand aber der Honig in der Medizin. Die alten Aerzte betrachteten ihn fast als ein Amverfalrnittel gegen äußere und innere Krankheiten; besonders der Sommerhoirig, der nach dem Aufgange der größten Gestirne oder nach eenem Regenbogen, dem fein Siegen folgte, sondern ein von der Sonne erwärmter Dau gesammelt wird, oder wenn Jupiter, Venus und Merkur an einem Sage aufgehen, war nach den damaligen Begriffen ein Mittel, selbst gegen den Tod. Honig bewahrt die Körper vor Fäulnis, in anderer Weise aber als das Salz. Leichname, die vor Verwesung geschützt werden sollten, legte man in Honig und nur aus Mangel an Honig mußte man di« Leiche des Königs Agefllaus, als er auf dem Rückwege aus Aegypten starb, in Wachs einlegen. — Am liebsten wurde der abgescheibts und ungeräucherte Honig gebraucht, weil er nicht blähen sollte, besonders in Verwendung mit anderen Stoffen und Säften. Folgend, um den ausgedehnten medizinischen Gebrauch, einigermaßen darzustellen, eine wenn auch unvollständige Zusammenstellung von Rezepten: Honig Heilt innerlich in Pillen von getrocknetem Eoloquinten-Pulver Magenbeschwerden, vertreibt mit Essig Eingeweidewürmer, mit Knoblauch Dlutspucken, mit Dübensaft, durch die Nase gezogen, reinigt er den Kopf, ver- tteibt mit Dill und Pfeffer den Schlucken, mit Mohn die Luft- röhrenschwrndfucht, mit Malve Flechten und Mundgeschwüre, mtt Thymian und Essig Brustschäden, Blähungen und Gicht- schmerzen, mit gerösteten Erbsen schweren Harn, Leberschaden, Stuhlzwang, mit Lorbeerblättern Engbrüstigkeit usw. usw. — Weit. ausgebreiteter war die Honigverwendung in der Wundarzneikunde. So gebrauchte man dieses göttliche Produtt mit Rettig gegen Eiterschäden in der Brust und mit Retttgschalen gegen Stoß- und Schlagwunden, mit Meerzwiebel gegen Lenden- schanerz, mit Raute und Salz gegen den Mß tollwütiger Hunde, mit Pfefferminze gegen rauhen Hals, mit Anis gegen ubrt- riechenden Odem, mit Mohnblumen gegen Karfunkel und fressende Beulen usw. Wenden wir uns nun schließlich zu den Germanen — von den slavischen Völkern, bei denen sich- an die Mene und deren Produtte manche schöne Sitte und Vorstellung knüpft abgesehen, so ist bekannt, daß das an Leib und Seele frisch-gesunde Volk reiche Menenschwärm« unterhielt und vorzüglich Honigwein oder Met zu bereiten verstand. Die Bewohner mancher Küstenstriche aßen Honig zu ihrem Brot«, in Moricum und Kärnten, der Heimat der als tüchtig« Menenrasse bekannten Kärntner Bienen, waren Honig und WachsprodEe des Tausch-Verkehrs und -Handels mit Italien. Plinius erwähnt es als Wunder, daß er einmal eine dunkelgefärbte Honigscheibe aus Germanien gesehen habe, Me eine Länge von über acht Fuß hatte (wahrscheinlich eine Riesenwabe aus einem hohlen Baumstamm). Aber erst mit Einführung des Christentums wurde di« DienenzuM ein lebensfähiges Stück in der nationalen Landwirtschaft und besonders die Klöster haben sich mit großem Erfolg der edlen Kultur gewidmet. In der Regierungsperiode des großen Königs Friedrich II. von Preußen -sowohl, als in Oesterreich unter Maria Theresia ließen sich die Staatsoberhäupter die Bienenzucht sehr angelegen fein. Friedrich II. erließ unterm 1. Mai 1752 den Befehl: Die Beamten, Schulzen und Gerichte haben darauf zu achten, daß an den Orten, wo die Menen Futter haben, jeöet Landwirt eine gute Anzahl Stöcke hätt. Freudiger ©tunmimg über den Erfolg fchrieb er später an Voltaire: „Wir haben die Menenstöcke in diesem Jahre um ein Drittel vermehrt. — Maria Theresia erließ unterm 8. Aprrl 1775 erneu Schutzbrref für die Menenzucht, dessen ®ingang lautet: „Die Nutzbarkeit der Menenzucht, bei der manch fleißiger Untertan die reinste und sicherste Quelle seiner Kontributionen für di« Erfordernisse des Staates findet, hat Unfete landesmütterliche Sorgfalt rege gemacht, und haben Wir Ans „entschlossen, diesen wichtigen Nahrungszweig durch besondere Aufmerksamkeit und Anterftut- zung in unseren Großprovinzen nach und nach! zu fordern und zu verbreiten." , r , Der alte Florinus, ein Administrator des Pfalzgrafen zu Rhein, hat in einem 1702 zu Nürnberg erschienenen Buche: „Kluger und unverständiger Hausvater" dargelegt, wie namentlich an den Hosen zu Ende des 16. und 17. Jahrhunderts sich ein be- sonderes Interesse für die Menenzucht kundgab, weil me Beherrscher Deutschlands in ihr ein Mittel zur Förderung des Volkswohlss erblickten. And heut«, wo wir durch'di« Dervoll- kommnung der Technik eine rattonelle Menenzucht mit Hilfe unserer modern ausgebauten Menenstände und sonstigen Apparaturen für die Gewinnung und Aufbereitung der Jmkerewrzeug- nisse durchführen können, und der Staat neuerdings durchs «nen entsprechenden Gefetzesfchutz an sich schon die Wichtigkeit dieses idealen Erwerbszweiges kennzeichnet«, dürfen wir um so mehr und kühn behaupten, daß die Menenzucht nmEhr in unserem heimischen deutschen Gau erst recht gedeihen und im landwirtschaftlichen wie voWwirtschaftlichen Jnteveff« sich zu einer ungeahnten Blüte entwickeln wird. Die Dritte. Eine heitere Erzählung aus dem Künstlerleben. Don Heinrich Sienkiewirz. (Fortsetzung.) Schon tat Vorzimmer vernehme ich di« Sttmme des Detter Jaczkowicz, der über di« Frag« der Aebervölkerung redet Detter Jaczkowicz redet nämlich immer über dieses Thema — es ist eben seine ganze Weisheit. Kazia gleicht in ihrem Musselinkleidchen einem WÄklein — einfach entzückend! Suslowski ist im Frack, die Verwandten tat Frack, die alten Tanten in seidenen Kleidern. Der Eintritt Swiateckis macht Eindruck. Wan mustert uns nüt einer gewissen Anruhe... Swiatecki blickt mürrisch um sich und erklärt dem Vater Suslowski, daß er wahrhaftig die Herrschaften nicht inkommodieren würde, „wenn es nicht wäre, daß Wladek heiratet oder dergleichen". — 304 Dieses „dergleichen" übt eins ganz fatale Wirkung. Sus- fotoffi reckt sich würdevoll und fragt, was denn Herr Swiatecki eigentlich unter „dergleichen" verstehe... Herr Swiatecki erwidert, daß dies alles ganz egal sei, daß er aber für Wladek.sogar fähig wäre, sich lackieren zu bissen, namentlich, wenn er wüßte, daß Herrn Suslowski daran gelegen sei... Mein kiinftiger Schwiegervater sieht seine Frau, Kazia und mich mit einem Mick an, in dem Befremdung und Erbitterung um die Oberhand kämpfen. Glücklicherweise gelingt es mir, die Situation zu retten, indem ich mit einer bei mir seltenen Geistesgegenwart meinem künftigen Schwiegervater bitte, mich denjenigen Mitgliedern der Familie vorzustellen, mit denen ich noch nicht bekannt bin. Wir werken vorgestellt und alle setzen sich. Kazia setzt sich zu mir und legt ihre Hand in die meine. Im Zimmer ist es voll von Menschen, aber alle sind steif und schweigsam. Die Luft ist schwül und Metern. Detter Saczkowicz kommt wieder auf das Thema jer Ueber- völkerung. Mein Swiatecki blickt unter den Tisch. Sn der Stille hallt immer vernehmlicher die Stimme des Detters, welcher, da ihm ein Dorderzahn fehlt, jedesmal, wo er ein „sch" auszusprechen hat, einen pfeifenden Ton hervorbringt... „Die fürchterlichsten Liebel können mit der Zeit für ganz Europa daraus entstehen," sagt Saczkowicz. „Emigration..." meint jemand von den Danebensitzenden. „Die Statistik beweist, daß auch die Emigration nicht die Uebervölkerung verhindert." Plötzlich erhebt Swiatecki den Kopf und richtet seine Karpfenaugen auf den Sprechenden. „Dann mühte man eben bei uns chinesische Bräuche einführen," brummt er im verdrießlichen Baß. „Mit Verlaub, wie meinen Sie das: chinesifche Bräuche?" „Sn China nämlich haben die Eltern das Recht, schwachsinnige Kinder zu erdrosseln. So mühten denn nun bei uns die Kinder das Aecht haben, schwachköpfige @ttern. aus der Welt zu schaffen." Es ist vollbracht! Der Blitz hat eingeschlagen, das Sofa erstöhnt unter den Tanten, und ich glaube, vergehen zu müssen. Suslowski schließt die Augen und verliert für einige Zeit die Sprache. Allgemeines Stillschweigen. Dann ertönt die vor Wut bebende Stimme meines zukünftigen Schwiegervaters: „Mein Herr, ich hoffe, daß Sie als Christ...“ „Warum soll ich denn ein Christ sein?" ° unterbricht Swiatecki mit unheilverkündendem Kopfschütteln. Zweiter Blitzschlag! Das Sofa mit den Tanten beginnt wie im Fieber zu zittern und verfällt in einen Asbgrund. Ich fühle, daß sich auch unter mir die Erde auftut. Alles ist verloren, alle Hoffnungen sind zu Nichte! Plötzlich erklingt gleich einem Silberglöcklein das Lachen Kazias, nach ihr bricht, ohne zu wissen weshalb, auch Beiter Iaczkowicz in Lachen aus, und seinem Beispiele folgend, beginne auch ich laut zu lachen, ebenfalls ohne dafür einen Grund zu haben. „Papachen!" ruft Kazia, „Wladek hat dir ja im voraus gesagt, daß Herr Swiatecki ein Original ist. Herr Swiatecki treibt Scherz, und ich weih, daß er eine Mutter hat, für die er der beste Sohn ist!" Ein Schelm und kein Mädchen, diese Kazia! Sie erfindet nicht bloß, sondern sie errät; denn Swiatecki hat auch wirklich eine Mutter und ist ein guter Sohn. Kazias Lachen und ihre Worte bilden eine gewisse Ablenkung, eine noch größere verursacht das Eintreten des Dieners mit Wein und Backwerk. Es ist derselbe Hausknecht, der mir neulich meine letzten drei Rubel abgenommen hat; jetzt hat man ihn in einen Frack gesteckt und er tritt würdig auf, wie ein Lakai. Er hält die Augen fest auf das Präsentierbrett gerichtet; die Gläser flirren, dabei schiebt er sich langsam vorwärts, als trüge er ein bis zum Rande gefülltes Wasserglas. Ich fange an zu fürchten, er würde das ganze Brett zur Erde fallen lassen; 'glücklicherweise jedoch erweist sich meine Angst als grundlos. Rach einer Weile sind die Weingläser gefüllt. Wir schreiten zum Derlobungsakte... Eine halberwachsene Cousine hält einen Porzellanteller, auf welchem zwei Ringe liegen. Die Augen treten ihr vor Reu- Zierde aus dem Kopf und die ganze Zeremonie versetzt sie sichtlich in solches Entzücken, daß sie mit dem Teller und den Ringen hochhüpft. Suslowski steht auf, alle erheben sich, man vernimmt das Geräusch der zurückgeschobenen Stuhle. Tiefe Stille tritt ein. Ich höre eine der Matronen flüsternd die Bemerkung machen, sie hätte erwartet, daß mein Ring „anständiger" sein würde. Trotz dieser Bemerkung ist die Stimmung so feierlich, daß die Fliegen von den Wänden fallen... Suslowski ergreift das Wort.....Meine Kinder! Empfanget den elterlichen Segen." Kazia kniet nieder, ich knie neben ihr... Was für ein Gesicht mag nur Swiatecki jetzt machen, du lieber Himmel, was für ein Gesicht! Aber ich wage es nicht, zu ihm hinüberzublicken. Ich sehe auf Kazias Musfelinkleid, das auf dein fahl gewordenen roten Teppich einen sehr schönen Fleck bildet. Die Hände der beiden; Eltern werden auf unsere Köpfe gelegt, dann spricht mein künftiger- Schwiegervater: „Meine Tochter! Du hattest im Elternhause das beste Beispiel von dem, was die Frau dem Wanne sein soll, ich halte es daher nicht für nötig, dich über deine Pflichten zu belehren, zu welchen dich ja dein Mann (ich will es hoffen!) .anletten wird!... Aber ich wende mich an Sie, lieber Herr Wladislaw..." Hier erfolgt eine Seine Rede, während welcher ich bis hundert zähle und sodann wieder mit eins anfange. Der Bürger Suslowski, der Beamte Suslowski, der Vater Suslowski, der Römer Suslowski hat hierbei Gelegenheit, seine ganze Seelengröße zu zeigen... Die Worte: Kind, Eltern, Pflichten, Zukunft, Segen, Dornen, Gewissensreinheit und dergleichen summen mir in den Ohren wie ein Schwarm von Wespen, belagern meinen Kops, stechen mich ins Genick, ins Gesicht, in den Schopf. Sch muß wohl die Krawatte zu eng gebunden haben, denm es wird mir ganz schlecht. Sch vernehme das Weinen der Frau Suslowski, das mich tief rührt, denn sie ist eine grundbravs Srau;_ ich höre das Geklirr der Ringe, die auf dem Teller von der tänzelnden Cousine gehalten werden. Sesus Maria! was muß jetzt Swiatecki für ein Gesicht machen! Endlich stehen wir auf. Die Cousine schiebt mir den Teller dicht unter die Augen. Sch wechsle mit Kazia die Ringe... Lif! Sch bin verlobt! Sch glaube nun, wir seien fertig, doch nein! Suslowski fordert uns auf, die Tanten um ihren Segen zu bitten. Wir tun's. Sch küsse fünf Hände, die wie Storchfühe aussehen ... Alle Tanten hoffen, daß ich ihr Vertrauen rechtfertigen werde. Welches Vertrauen, zum Henker, mögen die nur in mich setzen? Der Vetter Saczkowicz schließt mich in feine Arme. Sch muß entschieden die Krawatte, zu eng gebunden haben... Aber das Schlimmste ist vorüber. Es dämmert... Man bringt den Tee. Sch sitze neben Kazia und tue, als sähe ich Swiatecki nicht. Der Kerl jagt mir nochmals einen Schrecken ein, indem er auf die Frage, ob er etwas Arrak zum Dee wünsche, antwortet, er trinke Arrak nur flaschenweise... Sm garyen endet der Abend glücklich. Wir kommen auf die Straße hinaus; ich atme die Luft in vollen Zügen, ein. Ganz bestimmt ist meine Krawatte zu eng gebunden gewesen. Sch und Swiatecki gehen schiveigend nebeneinander her. Das Schweigen fängt an, mir lästig zu werden und wird mir schließlich unerträglich. Sch fühle, daß es passend wäre, Swiatecki etwas zu sagen, von meinem Glück, tote alles so glänzend gegangen fei, und wie ich Kazia liebe... Sch nehme mich zusammen, doch es geht nicht! Endlich, als wir beinahe am Atelier sind, sage ich: „Gestehe, Freund, das Geben ist doch schön!" Swiatecki bleibt stehen, sieht mich tief an und sagt: ..Affe!" An diesem Abend sprachen wir kein Wort mehr miteinander. 8. Sine Woche nach! dem Verlobungsabend kommen meine „Süden" in die Ausstellung. Das Bild wird in einem separaten Saal ausgestellt und die Verwaltung erhebt für die Besichtigung desselben ein besonderes ' Eintrittsgeld. Die Hälfte des Reinertrages ist für mich bestimmt... Auf der Ausstellung soll von früh bis abends ein Menschengewühl herrschen. Sch war nur einmal da; da man aber mehr auf mich blickte als auf das Bild, so gehe ich nicht mehr hin: denn wozu mich unnütz ärgern. Wäre auch mein Bild ein Kunstwerk von bisher ungeahnter Bedeutung, so würde das Publikum es doch nur mit derselben: Reugierde besichtigen, mit welcher es sich „Krao" oder einem Hottentotten, der lebende Tauben verschlingt, ansieht. Ein solcher Hottentotte bin im Augenblick ich... Es würde mir dies Spaß machen, wenn ich wirklich, wie Swiatecki behauptet, ein Asse wäre. Sch bin aber zu sehr Künstler, als daß mich nicht ein« solche Herabsetzung der Kunst, zu Gunsten einer in Mode gekommenen Persönlichkeit, recht ärgern müßte... S. Vor drei Wochen hat noch! kaum jemand etwas von mir gewußt, jetzt aber erhalte ich Dutzende von Briefen, zumeist Liebeserklärungen. .Unter fünfen beginnen gewiß vier mit den Worten: „Sie werden vielleicht ein weibliches Wesen verachten, welches usw."... Sch werde sicherlich das weibliche Wesen nicht verachten, wenn es mich nur in Frieden läßt. Wenn nicht Kazia wäre, so würde ich, offen gestanden, diese Gefühlsergüsse kaum gänzlich unbeachtet lassen. Was mich dabei besonders empört, ist: tote nur eine solche „Unbekannte" erwarten kann, daß ein Mann, der sie vorher nicht gesehen, ohne weiteres, bloß auf ihre Aufforderung hin, ihr entgegenkommen würde. Entschleiere dich erst, o schöne Unbekannte! und nachdem ich dich gesehen habe, werde ich dir erst sagen. . Au weh! ich werde nichts sagen, denn Kazia!... (Fortsetzung folgt.) Schriftleitung: Dr. Friedr. Wich. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.