Gießener jamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, -en 22. August Nummer 67 Abend. Don Nikolaus Lenau. Zu seinem 75. Todestage am 22 August. Der Nacht wind hat in den Bäumen Sein Rauschen eingestellt: Die Dögel sitzen und träumen Am Aste traut gesellt. Die ferne schmächtige Quelle, Weil alles andere ruht. Läßt hörbar nun Welle auf Welle Hinflüstern ihre Flut. Lind wenn die Nähe verklungen, Dann kommen an die Reih Die leisen Erinnerungen. Lind weinen fern vorbei. Daß alles vorüberstrebe, Ist alt und allbekannt. Doch diese Wehmut, die herbe. Hat niemand noch gebannt. Friedrich Stoltze. Eine literarische Skizze von Dr. Karl Neurath. War di« Lyrik der vierziger Jahre, von dem einen vielfach unterschätzten Grafen von Strachwitz abgesehen im wesentlichen liberal oder gar revolutionär gewesen, so galt jetzt Emanuel Geibel, der „Hofdichter" als der größte deutsche Dichter, mindestens aber als einziger, wirklich eigenartiger Lyriker, und die christlich-klerikalen Poeten, meist nur kleine Begabungen, fangen stillvergnügt und gottselig ihre Reime in die Welt/ Besonders bezeichnend für diese Zeit sind aber Scheffels Kneiplieder, denn sie sind nicht, wie meist wohl angenommen wird, ein Zeichen seiner überströmenden Burschenlust, seines seligen Studententums, sondern eines verzweifelten Llmnutes, zähneknirschender Selbsibe- täubung, aber man muß doch Theobald Ziegler beipflichten, wenn er in seinem großen Werk Die geistigen und sozialen Strömungen im 19. und 20. Jahrhundert (S. 255 ff.) meint, daß an diesem Ersaufen einer ideallosen Skepsis in Wein damals doch recht viele auch ihre Freude hatten. Doch haben diese Lieder trotzdem noch einen viel größeren poetischen Wert, als die einstmals hochgefeierte Amaranth mit ihrer süßlichen, verwaschenen Spätromantik, der auch Otto Roquettes Waldmeister und Scheffels Trompeter von Säkkingen zu einem Teil noch angehören. Gerade Scheffels Trompeter ist in seinem unkünstlerischen, konventionellen Schluß ein unverkennbares Zeichen für die „kontrarevolutionäre Tendenz" der Zeit, di« wir noch zwanzig Jahre später in Webers „Dreizehnlinden" Wiedererstehen sehen. Mitten im Getriebe dieser armen, weltfcheuen Zeit aber stand ein Mann, der zu den gefeiertsten Dichtern des rheinfränkischen Gebietes gehört, stand Friedrich Stoltze, der große Demokrat und Freiheitsmann, der in feinen Dichtungen wie kein anderer das Wesen und Wollen seiner Mitbürger getroffen hat. In allem, was dieser rastlos tätige Dichter im Laufe eines langen Lebens geschrieben hat, schlägt das unermüdliche, warm« Herz eines wahrhaft guten Menschen, der sich durch Leid und Rot zu einer Humanität. emporgeläutert hatte und von dieser hohen Warte aus alles mit seinem köstlichen, unverfieglichen Humor verklärte. Wie Hans Sachsen hatte auch ihn die Muse berufen, „fein Sach schwankhaft dem Volk vorzutragen." Friedrich Stolze war am 21. November 1816 zu Frankfurt a. M. als Sohn eines zugewanderten Gastwirtes geboren. Er erhielt eine vorzügliche, für seine damaligen Verhältnisse ungewöhnliche Erziehung, die eine Zeitlang auch, von Dr. Textvr, dem als Verfasser des Prorektor bekannten Neffen Goethes geleitet wurde. Der sonderliche Mann führte ihn auch, ernsthaft in das Studium der Franffurter Mundart ein, indem er ihm. wie Prölß in seinem bedeutsamen Buche „Friedrich Stoltze und Frankfurt a. M." erzählt, eine kleine Grammatik und ein Wörterbuch anlegte. Sogar bei seinen ersten poetischen Versuchen unterstützte ihn der vorbildliche Lehrer, der ihn auch, zu mundartlichen Dichtungen anregte. So entstand bereits 1831 das erste Dialektgedicht Stolhes „Der verliebte junge Altegässer". Nach dem Willen seines Vaters sollte Stoltze Kaufmann werden, wozu er aber wenig Lust bezeigte. Seine Verse hatten schon die Aufmerksamkeit von Marianne von Willemer erregt, in deren Haus« das Geschäft seines Lehrherrn war, und sie gab ihm den Rat, einfach aus der Lehre wegzulaufen. Da starb sein Vater, dessen Gasthaus „Zum Rebstock" jahrelang ein Sammel- platz der „Demagogen" gewesen war, im November 1833, und Stoltze ging nun zunächst auf Reisen. Im Jahre 1841 gab er ein Bändchen hochdeutscher Gedichte heraus, das einen reichen, hochgebildeten Frankfurter Handelsherrn auf ihn aufmerksam machte. Dieser übertrug ihm zunächst ein« Hauslehrerstelle und schichte ihn dann zu Fröbel nach Thüringen, damit er dort das System der Kindergärten studiere. Aber alles das sagte ihm nicht zu, und nach mehrfachen Versuchen, ein eigenes Blatt in Frankfurt zu gründen, wurde er Mitarbeiter an dem Hader- mannschen Dolksfreund. Von 1852 an gab er, angeregt durch feine Frau, „Die Krebbelzeitung" heraus, die in Frankfurter Mundart di« Tagesereignisse besprach und die Zustände Frankfurts und der Nachbarstaaten kritisch beleuchtete, wie es vorher nur von den „Bütten" der Karnevalveveine aus üblich war. Im Jahre 1860 begründete er zusammen mit dein Maler Schalck die dem Kladderadatsch nachgebildete Frankfurter Catern. Hier tote dort waren stehende, aus Lokalstücken entlehnte Figuren die Hauptanziehungspunkte. Rach dem Einzug der Preußen mußte die Frankfurter Latern ihr Erscheinen einstellen; alles, was in Schriftleitung .und Druckerei vorhanden war, wurde eingezogen, darunter sämtliche älteren Jahrgänge, ©eine Sprach« war den Herren aus dem Norden gar zu frei gewesen. Erst 1872 erschien das Blatt wieder und brachte bis zu Stoltzes Tod zahlreiche treffliche Beiträge aus seiner Feder. Heute noch, sind sie nicht alle gesammelt erschienen. Als Friedrich Stoltze am 28. März 1891 nach langem Leiden verschied, starb trotz Goethe Frankfurts volkstümlichster Dichter. Stolhes Bedeutung liegt zunächst in feinen hochdeutschen Ge- ' dichten, die mit den Poesien Freiligraths, Hoffmanns von Fallersleben, Herweghs auf einer Stufe stehen. Auch der Einfluß Berangers, der er in Paris kennengelernt hatte, und Victor Hugos ist unverkennbar, namentlich in der Landschaftsschilderung. Große Schöpfungen gelangen ihm nicht, wie fein Roman „Polen und Studenten" beweist, und auch in seinen Erzählungen ist er oft recht weitschweifig und zerfahren. Dagegen ist er ein Meister in der Kleinarbeit, der sorgsälttgen Detailmalerei, in der scharfen Charakteristik und in der Feinheit der psychologischen Begründung. Dies« Vorzüge zeigen sich vor allem in seinen humoristischen und feinen mundartlichen Schöpfungen. Auf diesen beruht seine eigentliche Bedeutung. Wie feine zahlreichen Briefkastenantworten in der Catern beweisen, war er ein genauer Kenner des Frankfurter Dialektes, und die merkwüMge Tatsache, daß er ihn nicht immer richttg verwandte, läßt sich nur daraus erklären, daß er ihm nichts anderes, war, als ein Stilmittel. Das hat man nicht stets erkannt, denn in den Nekrologen und Gedenkblättern ist feine Bedeutung für die Frankfurter Mmckart meist völlig überschätzt. Neben den lyrischen Stimmungen nehmen die humoristischen und komischen Gedichte, deren Stoffe ihm meist der Tag znbrachte, einen viel breiteren Raum ein. Er griff mit scharfem Blick für das Wirksame vielfach auf die alten volkstümlichen Formen der Schauerballade und der Monologe des Kasperltheaters zurück, deren Wesen er völlig erfaßt hatte. Daneben schöpft er aus dem reichen Dorn der mundartlichen Redewendungen und Floskeln, die der Stammeseigenart zufolge alle mehr oder weniger witzig, schlagferttg und treffend sind. Daher kommt es denn auch, daß wir bet den verschiedensten Mundartdichtern des rheinfränkischen Gebietes immer wieder di« gleichen Bilder, Wendungen, Formeln und Vergleiche finden, und daß ihr bester und reinster Humor der Humor der Straße ist. Die kleinen Szenen von Cangenschwarz find oft nichts anderes als eine gescheite Aneinanderreihung solcher Formeln, und die Fastnachtsdichter ziehen ebenfalls ihre beste Kraft daraus. Die Heimat trägt und nährt sie alle; darum finden wir auch die große Anhänglichkeit zur heimatlichen Scholle, die sich oft recht amnaßlich äußert. Die Hauptursache seiner Erfolge liegt bei Stoltze, wie bei Reuter, in den polittschen Zeitumständen. Im Jahre 1848 folgte als Rückschlag auf das Streben inS Allgemeine nun eine Einwendung zum Besvndern, womit ein Aufblühen der mundartlichen Dichtungen notwendigerweise verknüpft war. Im Gegensatz zu der rhetorischen Lyrik, die von polittschen Idealen fang, gelangte in der Literatur der Sinn für die besondere Wirklichkeit, für das Volkstümliche zur Herrschaft. Auerbach, Gutzkow, Freh- tag, Scheffel. Keller, Otto Ludwig, Schücking, Storm, Spielhagen errangen ihre ersten Erfolge mit landschaftlich bestimmten, ständisch begrenzten Werken. Hebel, Grübel. Bitzius, Kobell, Waltz, Sauerwein und andere Dialektdichter wurden wieder an» Licht — 266 — ■M0OM w» fleißig nachgeähmt. Nadler, Anton Sommer, P..2. ! Fritz Reuter und Klaus Groth kamen rasch nachein- ' Haftet zu Wort und Ehren. ,, . All diese Anregungen und fimstände wrnkien nachhattlg auf ein, zumal er mit Sommer, der in Rudolstadt eine Töchter« leitete, persönlich gut bekannt war. Er schrieb und dichtete ^vermehrtem Eifer, aber schrieb w rnttunterMzug^ bemmt darauf los, bewegt von der Sorge ums tägliche Drot. Jliw- fcröer gingen die Dogen mit nasser Tinte in di« Druckern,^ lwenn d^^auch der firsprünglichkeit seines Humors vielleicht keinen Abtrag getan hat, der mundartlichen Form. der Po^ischM S^iirckbilduna hat es sehr geschadet. Tatsächlich ist kern Gedicht von Friedrich Stoltze vorhanden, das keine ^OTftöße M^ndatt mchieü«. Seine Prosaarbeiten find fast durchweg W L?ch geW und dementsprechend M die Mundart nur in Mem Lautbestand richtig wiedergegeben. Stoche war Meinung, daß der Lautbestand das etnyg Nichtige vxire^De- deutunasvoll ist es dagegen, dah er nur selten auf einen Kernwitz ausgeht, wie Kobell meistens, sondern der Staimnesart ge^u die gesamte Darstellung mit gütigem Humordurchleuchtet. Wie Laming der ihn in der Behandlung der Mundart weit übertrifft ist ihm der Humor kein Stilmittel, sondern recht eigentliche Weltanschauung und darin steht er denn auch über den meisten <^crJ Mundartdichtern unseres mittelrheinischen Gebietes, ia der meisten Dialektdichter, die gewöhnlich nur Spahmacherfind. Der tiefe, seelisch begründete Humor verklart auchseinschones Gedicht zu Schillers 100. Geburtstag, in dem mehr poetisches Gefühl steckt, als in manchem dickleibigen Goldschnittband. Bedeutsam für di« mundartliche Forschung ist sem sicher Sprachschatz: er ging auch ganz bewußt darauf aus die W tümer des Frankfurter Dialekts zu sammeln und festzulegen. Was er gerade darin geleistet hat, ist bis heute nur zu entern klemeu Teil bekannt: vieles liegt noch tn den alten Banden der FrE- furter Latern verborgen, vieles ist überhaupt noch nicht ver- osfentlicht Stoltze ein herzhafter humoristischer Dichter, dem auch mancherlei ernste und gemütliche Gedichte gelungen find aber der klassische Dialektdichter, als der er immer wieder gerühmt wird, ist er nicht. Er bringt eben nicht die reute Mundart. sondern eine literarisch zurechtgemacht« Umgangssprache wie sie in den bürgerlichen Kreisen der alten Reichsstadt üblich - ist. Daher erscheint es denn häufig, als ob er überhaupt nur ein verderbtes Hochdeutsch schreibe. , Zahllos schier ist die Reihe seiner Nachahmer, von denen er vielen neidlos und ost allzu willig ein Plätzchen rn der Frankfurter Latern gegönnt hat. Biele davon sind nur hin und wieder einmal an die Oeffentlichkeit getreten. Sn Asienashs trefflichem Werk über die Frankfurter Mundart und ihr« Literatur find sie fast alle genau aufgeführt. Vergessen ist dort Heinrich Hoffmann, der Verfasser des Struwelpeter, der neben einigen anderen mundartlichen Gelegenheitsgedichten auch eins an Stoltze gerichtet hat. Das Gänsi, das in der Frankfurter Krebbel- und Warme Drödercher Zeitung 1857 Nr. Sicher abgedruckt wurde. Allerdings, keiner der Nachahmer hat Friedrich Stoltze auch nur annähernd erreicht. Es ist meist nur belanglos« Hausmacher- Arbeit, die weder wissenschaftlich noch poetisch in Betracht kommt. Sizilianische Briese. Von Fritz Diettrich V. Eine Bahnfahrt. Caltanisetta liegt im Herzen Siziliens, dort, too es seine heißesten Kammern hat und versandfertiger Schwefel in sqüveren Blöcken auf den Rücken wundgescheuerter Maultiere geduldig transportiert wird. Die Umgebung ist wild zerrissen, wemg fruchtbar, aber nicht uninteressant. Man fühlt sich sozusagen auf der Schaukel eruptiver Gewalten, die stch in den Rissen und Sprüngen vieler Häuser genügend markiert haben. Wir zogen es vor, die Stadt möglichst schnell zu verlassen, um nach Syrakus weiterzufahren, wo das Meer die betäubende afrikanische Gluthitze einigermaßen fernhält. Eine Bahnfahrt in Sizilien im Sommer ist ein Martyrium. Nebenbei aber auch eine kleine Komödie. Was jedem Deutschen sofort auffällt, und, wenn er das Kindliche in der Psyche diese« Menschen nicht versteht, unangenehm berührt, ist die fast aufdringliche Liebenswürdigkeit, Auskunftsbereitschaft, Freigebigkeit seiner Abteilgenossen. Kaum hatten wir den Zug Ealtanisetta— Syrakus bestiegen und mit Mühe Platz gefunden, als stch jeder Abteilgenoffe ungeniert mit uns befaßte. Zuerst tat es jeder stumm, und auch wir verschanzten uns sorgsam hinter dem Wall der Reserviertheit, di« aus der Angst entsprang, die langen Monologe, mit denen man hier gern jeden unterhält, aufmerksam anhören, ausfassen und erwidern zu müssen. Sn der Hitze wird man bekanntlich ökonomisch mit den Worten und Bewegungen! Aber ein Fenster, das wegen einiger Regentropfen, die draußen das ausgedörrte Land düpierten, geschlossen worden war, brachte den Stein der Unterhaltung unweigerlich ins Rollen. Man bedenke: Sechs Personen in einem Raum, in dem sich Kirchenkerzen vor Hitze gebogen hätten, dunstige Polstersttze, zwei Laute rauchend, und immer das bedrückende Gefühl, daß man früher oder später vor diesen Menschen in Szene gehen muß. Sch nahm mir deshalb vor, in solchem Fall tote ein Seemann faustdick zu lügen, um die Rollen der Neugierigen mir zur eigenen Kurzweil möglichst grotesk zu gestalten. Wit einem kräftigen Ruck stieß ich das Fenster herunter in einem Zustand von — sagen wir — Notwehr. Dann bat ich zwei uns gegenüber sitzende Herren, mit uns die Plätze zu wechseln, was auch sehr entgegenkommend geschah, da man aus der berangierteit Haltung und den luftschnappenden Bewegungen! unsere martervolle Lag« erraten hatte. So hatten wir kühlenden Luftzug und von Zeit zu Zeit die Andeutung eines Regentropfens auf der Ras«. Nun fing die Arbeit für uns eigentlich erst an. Man zog und zerrte uns mit neugierigen Fragen in die Arena eines Gesprächs, und trotz unserer Ermattung mutzten wir viel von Deutschland erzählen, vom Papiergeld, von Hungerrevolten, vom ersten und zweiten Reichspräsidenten, von Klima und Vegetation. Sch hatte auch keine Lust, Münchhausensche Schwindelgeschichten zu erdichten und fand, datz es leichter ist, wie ein Telegraphenbureau zu funktionieren, finter dessen hatte man mich schon verpflichtet! Sch hatte ein paar tüchtige Schlucke auS der Wasserflasche eines Reisenden getan. Als einer der vielen Tunnel kam, die die Luft in den Abteilen höllischen Temperaturen nähe bringen, hatte ein anderer Snsasse meiner Frau ein getrocknetes, wohlriechendes Kräutlein überreicht. Und so mutzt« ich beim immerzu Fragen beantworten und mtt meinen Gedanken bald in Frankfurt, München, Berlin, Hamburg oder Leipzig fein. Dabei ist jeder Sizilianer auf den anderen eifersüchtig. Seder möchte sich von seiner Sonntagsseite zeigen. Man fühlt sich schlietzlich wie ein Schulmeister, der oft überlegen schweigen und lächeln muß, um die Meinungsverschiedenheiten: von Schülern untereinander verebben zu lassen. Es gehört ein bestimmtes Geschick dazu, dabei jedem einzelnen sein Rühmchen zu lassen. Während einer kurzen Gesprächsfermate schlief ich plötzlich unerwartet ein. Die Natur ist eben recht unkonventionell. Hilfst du ihr nicht, hilft sie sich selbst! VI. Die Maffia. Ursprünglich war die Maffia (Fehme) ein« staatsfeindliche Einrichtung, ein Selbstschutzmittel gegen di« fortwährend wechselnden Herrschaften auf Sizilien. Neue Bedrücker setzten sich heimlich lwrernden Revolvern und Dolchen aus. Nun aber, da in Sizilien Regierungsform und Volk in gutem Einklang stehen, ist dieser Selbstschutz überflüssig geworden. Doch wie der Pendel- schwung noch weiter geht, wenn selbst der notwendige Antrieb aufhört, so blitzen die Dolche der Maffia noch immer, und ihre Revolver schlagen weiter aus Hinterhälten feindlich gegeneinander. Das Schlimm« dabei ist, dah die Maffia eine selbstmörderische Einrichtung für Sizilien geworden ist. War früher das Sdeal der Freiheit das bewegende Moment zum Selbstgericht, so ist heute gefährliche Liebelei, Konkurrenzneid und a. m. der Anstoß dazu. Während ein Russe aus lauter problematischer Verworrenheit zum Nihilisten wird, wird es der Sizilianer aus Uebereilung und Leichtfertigkeit. Ganze Dörfer haben sich auf dies« Weise ausgerottet. Denn jeder Maffia sieht ein« Gegenmaffia gegenüber. _ , Rehmen wir an, ein Mann habe «men anderen getötet, weil dieser seiner Frau weitgehendste Verehrung entgegenbrachte, so ruht die Sache damit nicht. Die Freunde oder Verwandten des Getöteten verschwören sich gegen den Mörder und bringen ihn in einem günstigen Augenblick um. Mr die Söhne eines Ermordeten ist es sogar Pflicht, den Ermordeten zu rächen. Brandet so die Rache zwischen zwei Parteien hin und her, ist die Kirche und der Staat unfähig, einzugreifen. Weder Polizei noch Gericht dürfen von Mitwissern benachrichtigt werden, da diesen sonst nur eine Kugel übrig bliebe. Da das sizilianische Gericht nicht mit Sndtzienbeweifen arbeitet, geht also jeder noch so Verdächtige unbestraft aus dem Gerichtsverfahren hervor. Es kann ihm der Mord von den Augen abzulesen fein, man wird ihn, wenn er nicht selbst die Tat eingesteht, nie verurteilen! können. .. „ Die Maffia beschlägt wie ein Fluch dieses schöne Land. Sie ist die Fortsetzung unheimlicher Kräfte, die diese Snsel nie los- lassen werden. Wie der vulkanische Ursprung dieses Landes, so ist auch sie ein sich ewig fortpflanzender Erdstoß, ein vulkanisches Element aus dem Glutherd ungezügelter Naturinstinkte. VII. Shrakus. Sm Gegensatz zu anderen Städten Siziliens ist Syrakus eine saubere Stadt, .fieberHaupt ist es manchmal von Fremden wirklich ungerecht, di« Wohnungen der Sizilianer schmutzig zu nennen. Sie sind oft primitiv, eng, niedrig, mit viel am Boden liegenden Kindern gefüllt und erscheinen nur auf den ersten flüchtigen Blick als schmutzig, vor allem dann, wenn ganze iScharen von Fliegen auf Nahrungsmitteln und Gegenständen Herumsitzen. Shrakus hat ein ganz anderes Gesicht als Palermo oder Girgentt. Es liegt viel mehr orientalische Beschaulichkeit, in den Gassen, die sich hier zu wahren Labyrinthen zusammenschlietzen. Trotzdem die Stadt, die in ihrer Blütezeit eine Million Einwohner hatte, nur noch 65 000 Köpfe zählt, spürt man den Hauch des großen griechischen Nachlasses. Die Trümmerstätten selbst - 207 - liegen nicht ft> weihevoll abgeschlossen wie tn Girgentt. Sie find auch viel zu viel überlaufen, als daß ihnen ein feierliches Gnt- rücktsein verbleiben könnte. WS wir zum griechischen Theater fuhren, war es heißer Mittag. Der Staub der Straße hing sich uns an die schwitzenden Stirnen. Die Lust brütete regungslos und sog am Grün der Erde. Männer zogen mit großen Hellen Sonnenschirme ihres Wegs, der ohne diesen. Schutz unpassierbar wäre. Das Theater, welches wahrscheinlich von Hieron I. in der Mitte des S. vorchristlichen Jahrhunderts erbaut wurde, steht ganz im leisen Echo der Tragödie, im Echo einer Szene, eines unsterblichen Worts. Die Schlichtheit der Form gibt dem Schauplatz Würde und Große. Durch die neunmalige 'Zerlegung des Zuschauerteils ist ein bezwingender Ausdruck erreicht, den selbst Roms zivillsatorrsches Trachten nur abschwächen, aber nie verstärken konnte. Unten, wo einst der Chor Szene mit Szene verband, steht die Hitze wie ein silberhauchender kleiner See. Unter den steinernen Banken der Zuschauer wuchern fremde grüne Pflanzen hervor. Ei^chsen kommen aus verwitterten Spalten und jagen wie zarte Schatten die Reihen entlang. Sie sind wie wartende Zuschauer, doch Chöre und Schauspieler sind längst abgetreten. Das römische Amphitheater ist eine zivilisatorische Angelegenheit und hat nichts mit der Geistigkeit griechischen Theaterbaus zu tun. Unten in der Arena sind zwei Löcher, aus denen .die ausgehungerten Löwen einst blutwitternd hervorbrachen. Auf der Gegenfeite ist das Gingangstor für die Gladiatoren, auf die das Los des Kampfes gefallen war. Sa, es gibt noch mehr zu sehen hier, und manchem Besucher wird dieses Theater vielleicht besser gefallen als das griechische. Da ist z. B. ein großes Bassin neben dem Theater, das durch eine Wasserleitung mit der Arena verbunden war. Wenn auf dem Kampfplatz Tier- und Menschenblut zu einem schwarzen Schlamm zusammenrann und widerlich stank, wenn die fetten Römer droben mit gierigem Atem eben das letzte Zucken eines besiegten Sklaven wahrgenommen hatten, öffnete man die Wasserleitung und schickte das reinigende Element in die Arena, das dann alles Blut in sich auflöste und abgeschlagene Glieder sanft zum Meere trug. — Mich ekelte, als ich noch einmal in diese Frevelgrube der Römer hinabblickte, vor diesem Volk, bei dem das Recht so dicht neben dem Unrecht lag. Mich ekelte vor allen Dingen vor diesem Weltreich, das mit der Geste des Parvenüs die griechische Kultur erschachern wollte. Durch die Latomia del Paradiso gelangt man zu dem berühmten Ohr des Dionys, das bekanntlich als Gefängnisraum gedient haben soll. Die in den Stein eingehauene Halle ist so gebaut, daß sie den schwächsten Laut in gleicher Stärks im ganzen Raum verteilt. Oben befindet sich eine kleine Oeff- mtng, durch die man jedes Wort, das unten von den Gefangenen gesprochen oder geflüstert wurde, bequem belauschen konnte. Die Latomien sind ehemalige Steinbrüche, die früher als Kerker benutzt wurden und in denen die versklavten Kriegsgefangenen furchtbare Arbeiten verrichten mußten. Hier war es auch, wo die 7000 athenischen Krieger wie ein einziger Klagelaut vergingen. Heute bilden die Latomien die lebendigen Glanzpunkte der Stadt. Reichster Pflanzenfchmuck steht von blütenberankten Felsen eingeschlossen, denn auf dem Grunde der Steinbrüche sammelte sich die ganze Feuchtigkeit der Umgebung und trieb von Jahr zu Jahr reicheres grünes Leben empor. Ws wir die Katakomben von San Giovanni besuchten, öffnete uns ein Deutscher die Tür, der im Kloster der Franziskaner als Gärtner angestellt war. Es war einer von jenen Menschen, die vor lauter Sehnsucht nie zum Ziele kommen, die den Ekel vor der Materie in sich tragen und keine Lust haben, sie für sich gefügig zu machen. Solche Menschen „kommen nie zu etwas". Sie sind die Stillen, denen die Grundlinien der Erkenntnis genügen, um ihr Leben aus- und hinüberzudauern. Dieser Deutsche führte uns hinab in die Katakomben von San Giovanni, welche die größten christlichen Begräbnisstätten sind, bevor die neue Religion zur Staatsreligion erhoben wurde. Dies ich sehr wohl verständlich, zumal Paulus auf seiner Reise nach Rom drei Tage in Syrakus weilte und durch die Straft seines Wortes erfolgreich unter den Syrakusanern warb. Die Gräber, die alle in Stein gehauen worden sind, wurden durch die Araber aufgebrochen und zerstört. Und so stehen die langen Gänge im Schmuck einer Zufallsarchitektur. Kindergräber wechseln mit Gräbern Erwachsener, manchmal noch einige Stücke Mosaik am Rande zeigend. Jeder kleine Platz ist ausgenützt, um die ganze Wand zu einem Wall des Todes zu machen. Manchmal münden zwei Gänge in einer rotundenförmigen Kapelle, die durch eine kleine Oeffnung in der Mitte der Wölbung spärliches Oberlicht empfängt. Hier versammelten sich die Christen des Anfangs, deren Glaube sich siegreich über einem Martyrium von Verfolgungen wiegte. Hier war der Magmaherd neuer ethischer Triebkräfte, unter deren zwingender Gewalt das Römerreich auseinanderbröckelte. Am Ende eines Katakombenschachtes lag ein Hausen alter Gebeine, die sich in den Felsgräbern gut konserviert hatten. Rachdenklich hob ich einige Schädel auf und bewunderte an ihnen die schöne Wölbung, die Religiosität und starke ethische Kraft verriet. Wie brüchiges Pergament lagen einige Kinderschädel dazwischen. Ich konnte diese zarten Gebilde nur tiefbewegt tn Händen halten. Die Krypta des heisigen Märcian liegt neben den Katakomben. Hier steht auf dem Mar ein breites hölzernes Kreuz, Die Messe des Gottlosen, Von Dianchon wollte Honvre de Balzac. (Fortsetzung.) auch nur den Schein vermeiden, als des ersten Chirurgen des Hotel-Dieu aus, auf das die Gestalt Christi gemalt, ist. Dies Drechen des Gesichts war 16. Jahrhundert, war Renaissance und Mittel- alter zugleich. Ich ahnte auf einmal Meister Grünewald, den großen Anonymen, den Deter in den frömmsten deutschen Farben. diesen Tag Desplein zu einem Diner im Restaurant eingelade» hatte. Zwischen Dessert und Käse kam Dianchon nach sehr geschickten Vorbereitungen auf die Messe zu sprechen, die er als eitlen Mummenschanz hinstellte. „Ein kleiner Scherz, ja" sagte Desplein, „der aber mehr Mut der Christenwelt gekostet hat, als alle mörderischen Schlachten Napoleons und alle blutgierigen Blutegel des famosen Droussais. Die Messe ist eine Erfindung der Päpste, die bestenfalls ins sechste Jahrhundert zurückgeht, und die man auf dem alten Spruch „Hoc est corpus" aufgebaut hat. Mit welchen unermeßlichen Strömen Blut hat man das Fronleichnamsfest bezahlt, nur damit die Kirche mit dieser Einrichtung ihren Sieg dokumentieren konnte, den sie in den Fragen des Dogmas von der Allgegenwart Gottes errungen hat. Und dabei hat dieser Glaubenssatz^nicht weniger als drei Jahrhunderte lang den Frieden der Kirche gestört. Alle Kämpfe zwischen den Grafen von Toulouse und den Albigensern sind die natürliche Folge dieses Schismas. Die Waldenser und die Albigenser hatten sich dagegen gewehrt, die Reuerung anzuerkennen, und mit Recht." Und jetzt machte sich Desplein mit feiner ganzen Freud« und seinem ganzen Temperament des Gottesleugners daran, eine Mlle von Voltaireschem Spott und Hohn über die Dogmen auszuschütten, oder, um es deutlicher zu sagen, er reihte eine Parodie der heiligen Worte an die andere. „Ist es möglich" dachte Dianchon, „wo bleibt der fromme Deter von heute morgen?" Er'schwieg, er zweifelte jetzt daran, ob er wirkliche Desplein in dem Gotteshaus gesehen hatte. Denn 'Desplein hätte sich gar nicht die Mühe nehmen müssen, DiaMon gegenüber zu lügen, dazu kannten sie einander zu gut, hatten auch über ebenso schwerwiegende Materien oft ihre Ansichten ausgetauscht, ganze Systeme des Weltaufbaus durchdacht und durchgesprochen, hatten an alles die Sonde ihrer Vermmft gelegt oder das Seziermesser ihres: „Ich glaube nicht!" Drei Monate vergingen so. Dianchon gab der Sache fein besonderes Gewicht, obwohl die Erinnerung eingeprägt blieb. Run kam eines Tages in diesem Jahr ein Professor der Universität zu Desplein, nahm, in Gegenwart von Dianchon, Despleins Arm und fragte: . , Was hatten Sie denn in Saint-Sulpice vor, mein lieber Meister?" , < Ich habe dort einen Priester zu' behandeln, der an Knochen- fraß des Knies leidet, und den mir die Frau Prinzessin von Angouleme sehr empfohlen hat" sagte Desplein. Der Professor gab sich mit dieser Degründung zufrieden, nicht aber Manchon. „ . „ . „Er will kranke Knie im Gotteshause sehen? Rein. Er war dort, um die Mesie zu hören," sagte der Assistent zu sich. Manchon faßte nun den Plan, Desplein genau zu beobachten. Run erinnerte er sich deutliche des Tages und der Stunde, da er ihn über die Schwelle des Doms hatte treten sehen, und er nahm sich vor, im nächsten Jahre zur selben Stunde desselben Monats und Tages dort einzutreten, um ihn vielleicht mich einmal zu überraschen. In solchem Falle würde die regelmäßige Wiederkehr religiöser Anwandlungen eine wissenschaftliche Untersuchung lohnen, denn bei einem Wanne wie Desplein tonnte es keinen Widerspruch zwischen Gesinnung und Handlung geben. Im Jahre danach,-zur selben Stunde desselben Tages, sah nun Dianchon, der zu jener Zeit nicht mehr Assistent bei Desplein war den Wagen des Chirurgen an der Ecke der Rue de Tournon und der Rue du Petit Lion halten, während sein Freund mit Den vorsichtigen Schritten einen Jesuiten die Mauern des Gotteshauses entlangfchlich m u Dann hörte er die Messe wieder am Altäre der Mutter Gottes. Und es war Desplein! Chefchirurg, Gottesleugner in betto und frommer Beter durch Zufall. Die Mden t^rwirrten sich. Der Wiederholungsfall machte die ganze Verwicklung un- durchsichttg. Als Desplein sich erhoben hatte, nährte sich Manchon dem Sakristan, der die heiligen Geräte der Kapelle in Ordnung hielt und fragte ihn, ob der Herr ,der eben gegangen, oft ^Jch bin zwanzig Jahve hier," sagte der Kü^r, „und seit dieser Zett sehe ich viermal im Jahre Herrn Desptein zur Mesie erscheinen. Er hat sie gestiftet." Er hat sie gestiftet! dachte Manchon voll Staunen, als er sich entfernte. Das ist ein Mysterium, ebensogut wie die unbefleckte Empfängnis, eine Angelegenheit, die, an sich betrachtet, jedem Mediziner als Wunder erscheinen muh. spioniere er das Tun , deshalb ging er feiner Wege. Es traf sich zufällig, daß ihn für — 268 — Es verstrich einige Zeit, ohne baß Bianchon, so befreundet er mit Desplein mar, Gelegenheit fand, mit ihm über diese munderbare Sache zu sprechen, die von seinem sonstigen Leben sich so scharf abhob. Wenn sie einander bei einem Krankenbette oder in der Gesellschaft trafen, Ivar es schwer, die passende Gelegenheit zu einer vertrauten Aussprache unter vier Augen zu finden. Es ist viel leichter für zwei Männer, einander ihre Geheimnisse anzuvertrauen, wenn sie in ruhiger Stunde, die Füße auf dem Eifengitter vor dem Kamine, den Kopf auf die Hände gestützt, oder auf einen Lehnstuhl sanft gebettet, gemächlich miteinander reden können. Endlich, sieben Jahre nachher, nach der Revolution von 1830, als sich der Pöbel gegen den Erzbischof stürzte, und als der Sinn der Republikaner einzig dahin ging, alle vergoldeten Kreuze niederzureißen, die als helle Strahlenfeuer über dem Ozean der Häuser auftauchen, als der Anglauben, treu dem Aufruhr verbündet, sich durch die Straßen wälzte, da überraschte Bianchon seinen Meister noch einmal beim Eintritt in das Gotteshaus Saint-Sulpice. Der junge Doktor folgte ihm dahin, warf sich neben ihm nieder, ohne daß fein Freund ihm das leiseste Zeichen machte oder sonst seine Aeberraschung bezeugte. So hörten beide die Stiftungsmesse, „Mein teurer Meister, wollen Sie mir doch", sagte Bianchon beinr Verlassen der Kirche, „den Grund dieser Frömmigkeitskomödie sagen? Ich habe Sie schon dreimal bei der Messe überrascht, einen Mann tote Sie! Geben Sie mir doch die Er° llärung dieses Rätsels, machen Sie mir den schreienden Wider- svruch zwischen Ihren Lehrmeinungen und Ihrem persönlichen Vorgehen verständlich An Gott glauben Sie nicht, und Sie gehen zur Messe? Mein lieber Meister, daraus dürfen Sie mir die Antwort nicht verweigern." „Ich mag vielen Frommen ähnlich sehen, Menschen, die nach außen riesig fromm tun, aber die im Herzensgründe doch Atheisten sind, wie Sie und ich." And nun folgte eine Sturmflut boshafter Bemerkungen Über gewisse politische Persönlichkeiten, deren bekannteste (jeder weiß, wen ich meine) unserer Zeit eine neue Wiedergeburt der Gestalt des Tartüff von Molisre gegeben hat. „Olein, nach all dem frage ich nicht," sagte Bianchon, „ich wollte bloß das eine wissen, was haben Sie hier getan, und aus welchem Grunde haben Sie diese Messe gestiftet?" „Auf Ehre, mein lieber Freund, ich stehe mit einem Fuße im Grabe, weshalb sollte ich Ihnen die Anfänge meines Lebens verheimlichen?“ In diesem Augenblick befanden sich Bianchon und der große ORann in der Rue des Quatre vents, in einer der übelsten Gassen von Paris. Desplein stieg die sechs Treppen eines Gebäudes empor, bas einem spitzen Obelisken glich. Das kleine Haustor ging auf einen langen, dunklen Flur, an dessen Ende eine Wendeltreppe begann. Sie war notdürftig durch Fenster erhellt, die auf den Lichthof gingen. Es war ein schimmliges Gebäude. Im Erdgeschoß hauste ein Möbeltrödler und in jedem Stockwerke schien eine andere Art Misere ihr Quartier aufgeschlagen zu haben, Desplein hob seine Arme mit einer Gebärde ungeheurer Wucht: „Zwei Jahre habe ich hier gewohnt." „Ich weiß es, d'Arthez hat hier gewohnt, und ich selbst bin tvährend meiner frühen Jugend fast täglich hergekommen, wir nannten das Kabinett unter uns die „Bude der großen Männer", sagte Bianchon. „Die Messe," antwortete Desplein, „die ich eben gehört habe, hängt sehr eng mit Ereignissen zusammen, die sich hier vollzogen haben. Das war zur Zeit, da ich hier wohnte, und zwar im selben Raum, wo auch d'Arthez gewohnt haben wird, und den Sie jetzt daran erkennen, daß vor seinem Fenster Wäsche an einer Leine flattert, und daß im Fensterrahmen-ein Blumentopf steht. Ich habe so wahnsinnig schwer im Anfang zu kämpfen gehabt, daß ich die Konkurrenz um die Palme des tiefsten Elends in Paris aufnehmen kann. Glauben Sie mir, lieber Bianchon, nichts ist mir erspart geblieben. Hunger, Durst, Geldmangel, keine Schuhe an den Füßen, keine Wäsche, am Leibe. Ich habe das Elend mit allen Härten mitgemacht, ich habe in der Bude der großen Männer, die ich jetzt mit Ihnen Wiedersehen will, ost genug auf meine erfrorenen Finger geblasen, ich habe da einen Winter lang geschuftet, daß mir der Schädel rauchte, aber im Ernst, ich sah den Atem vor meinem Munde erstarren, tote Sie es an Frosttagen bei Pferden sehen. Weiß ich es heute, woher ich die Kraft nahm, das alles zu überstehen? Ich war allein. Hilfe hatte ich von keiner Menschenseele zu erwarten, keinen Groschen, um Bücher anzuschaffen, noch auch um die Kosten meiner medizinischen Ausbildung zu decken. Ich hatte feiner. Freund, denn meine Wesensart, düster, zu Zornesaus- l>röchen nur zu sehr geneigt, unruhig und innerlich zerrissen, hielt jeden Freund von mir fern. Kein Mensch wollte durch den Schleier meiner schlechten Launen und trüben Stimmungen meine übermenschliche Anspannung erkennen, deren ich bedurfte, um mich aus der Tiefe der Gesellschaft auf ihre Höhe emporzu- robotien. And so hatte ich. Ihnen kann ich's sagen, vor dem ich kein Mäntelchen umzuhängen brauche, ich hatte doch in meiner Seele den guten Antergrund warmer menschlicher Empfindungen, die zu einem Mann gehören, stark genug, einen Gipfel zu ersteigen, nachdem er. lange genug in den Riederungen der Misere umhergetappt ist. Ich hatte keine Stütze in meiner Familie, noch auch in meiner Heimat, es sei denn das minimale Monats« geld, das man mir sandte. Zu dieser Zeit hatte ich morgewS nichts als ein kleines Brot, das der Bäcker an der Ecke mir billiger abließ, da es altbacken war, und ich versüßte es mir mit einem Tropfen Milch So kostete mich mein Mittagessen nur zehn Centimes. Abendbrot gab's für mich nur jeden zweiten Tag in einer Pension, wo man sechzehn Sous zahlte. Ich gab also im ganzen nur neun Sous täglich aus. Sie können sich wohl selbst denken, welche Sorgfalt ich auf Kleider und Schuhe verwenden konnte. Ich weiß nicht, ob im späteren Leben die Riederfracht eine- lieben Kollegen uns so zu Herzen geht, wie damals, wenn unS, Ihnen wie mit, die Schuhe wie ein grinsender Mund auSeiw andergingen, ober wenn man das ominöse Krachen hörte, daS ein Aeberrock von sich gibt, sobald die Aermelnähte platzen. Ich trank nur Wasser, den Cafes wich ich in weitern Boden aus. Zoppi erschien wie das gelobte Land, das nur die Lukullusse der Stubententoelt erreichen. Bring ich's wohl jemals dazu, dachte ich bisweilen, hier ein Glas Milchkaffee zu trinken, eine Partie Domino zu fbieten? Aber in meiner Mühe und Arbeit setzte ich meine ganze Wut als Wertzeug ein, den ganzen Groll, den mir mein Glend verursachte. Ich wollte alles Wissen erwerben, bas einer gewinnen kann, um alle Macht in ungeheurer Konzentratton in meiner Hand zu sammeln. Ich mußte den Platz oben verdienen. Erreichen würde ich ihn, bas wußte ich sobald ich nur erst einmal aus dem namenlosen Dunkel aufgetaucht. Mich kostete das Oel meiner Lampe mehr als mein Brot. Der Kampf war lang, zäh, ohne Milderung und Pause. Sympathie habe ich mir zu erwerben nie verstanden. Wer Freunde haben will, muß sich mit jungen Menschen gemein machen, man muß auch ein paar Groschen im Sack haben, um mit ihnen einmal einen Tropfen zechen zu können und mit ihnen sich dort zu treffen, wo es Studenten gibt. Ich hatte nichts. Weiß man das noch in Paris, baß nichts eben nichts ist? Sollte ich gelegentlich meine Misere enthüllen, da spürte ich im Halse ein krampfhaftes Würgen, meine Kehle zog sich zusammen mit einem unbeschreiblichen Gefühl, das unsere Kranken kennen, wenn sie glauben, daß eine Kugel aus der Speiseröhre sich erstickend ihnen über den Kehlkopf legt. Ich bin später Menschen begegnet, die nicht einen Heller ihr eigen nannten und doch alles hatten, und für die die alt» berühmte Regel nicht gilt: „Ein junger Mensch verhält sich zum Verbrechen, so tote ein Fünffrankstück sich verhält zu T". Die dummen Glückshänse sagten zu mir: „Ach, warum machen Sie Schulden? Warum gehen Sie schwerwiegende Verpflichtungen ein?“ Sie kommen mir gerade so vor, tote die bekannte Prinzessin, die wußte, baß das Volk vor Hunger krepierte. Da tat sie die Frage: Aber weshalb kaufen Sie sich denn keinen Zwieback? Ich sage Ihnen, ich möchte zu gerne einen von den Reichen, die sich über die hohen Honorare für Operationen aufregen, ich möchte einen solchen Menschen allein in Paris sehen, ohne Geld noch Gut, ohne Freunde, ohne Kredit, und gezwungen, mit feinen fünf Fingern sich das Brot zum täglichen Geben verdien em Was wird er beginnen? Wie wird er feinen Hunger stillen? Bianchon, Sie haben mich sicherlich manchesmal hart und verbittert gesehen, aber das war nur der bittere Nachgeschmack meiner alten Leiden. Ich habe die eiskalte Gleichgültigkeit der Welt, den brutalen Egoismus der Menschen, besonders in der hohen Gesellschaft, zu sehr aus der Rähe gesehen. Kann ich plötzlich alle die Hindernisse vergessen, die mir der Haß, bet Reid, die Eifersucht und die Verleumdung in den Weg gelegt haben, um sich zwischen mich und meinen Erfolg zu stellen? In Paris ist es nicht anders: Sehen die Leute, daß ich einen Fuß im Steigbügel habe, bann wollen mich die einen an den Aufschlägen des Aermels herabzerren, die andern lösen dem Pferde tückisch die Schnalle am Bauchgurt, damit ich stürzen und das Genick brechen soll. Der eine will die Hufeisen ab reißen, der andere mir die Peitsche stehlen. And der aufrichtigste ist noch der, der seine Pistole auf mich abschießt wie auf ein gutes „bewegtes Ziel". Sie haben so viel Talent, mein liebes Kind, nur zu bald werden Sie mitten in dem furchtbaren Kampfe stehen, er endet nie, denn immer ist die Mittelmäßigkeit der Feind des Genies. Verlieren Sie einmal fünfundzwanzig Goldstücke. schon am nächsten Tage schreit man Sie als Spieler aus und Ihre besten Freunde erzählen, Sie hätten Fünfundzwanzig« taufenb im Hasard verloren. Klagen Sie über Kopfschmerzen, und man sagt, Sie leiden an Gehirnerweichung. Gestatten Sie sich ein schnelles Wort, und man sagt, Sie seien der ärgste Störenfried und Rörgler. Wenn Sie' gegen dies Heer von Zwergen Ihre Kräfte sammeln, dann schreien Ihre liebsten Freunde: Seht nur, wie er alles verschlingen will, er hat den Größenwahn, zu herrschen und alles unter feine Ferse zu treten. Was an Ihnen gut ist, wird Ihnen als Fehler angerechnet, (Schluß- folgt.) edjnftleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Aniv.-Buch- und Steinbruderei, R. Lange, Gießen.