Gießener Zamilienblatter UnterhattungsbeUage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Diemtag, den 2\. April Nummer 52 Oft. Bon Theodor Däu.bl-er. Warum erscheint mir immer wieder Ein Abendtal, sein Dach und Tannen? Es blickt ein Stern verständlich nieder -Und sagt mir: Wandle still von dannen Dann zieh ich fort von guten Leuten Was konnte mich nur so verbittern? Die Glocken fangen an zu lauten. Und der Stern beginnt zu zittern. Aus dem literarischen Berlin vor fünfzig Jahren. Bon Ernst von W o l z o g r n. Ernst von Wolzozen feiert am 23. April feinen 70. Geburtstag. Wolzogen kennt jeder, der einmal etwas von „Äeberbrettl" hörte. Er ist der eigentliche Schöpfer des deutschen „Lieberbrettls", der' ein französisches Tingel-Tangel feines leichten Charakters entkleidete und zu einem künstlerischen Kabarett umgestaltete. Ein liebenswürdiger, vornehmer und doch herzerfrischender Humor kam ihm dabei zu Hilfe. Er ist jedoch grundverkehrt, wenn man Wolzogens literarischen Ruhm lediglich im Zusammenhang mit dem „Üeberbrettt" sieht und den Rom andichter darüber vergißt. Denn gerade der echte Wolzogen in seinem vielseitigen reichen Künstlertum zeigt sich in seinen großen erzählenden Werken. Will man eine Vorstellung von dem Romanschriftsteller von Wolzvgen bekommen, so vertiefe man sich einmal in seinen „Kraft-Mahr", der 1881 herauskam und das nachklassische Weimar Richard Wagners und Franz Liszts porträtierte. Dein vielseitiges Talent zeigt» Wolzogen ferner in Romanen mehr satirischen Charakters; genannt seien „Das dritte Geschlecht", „Die Gloria- Höfe" und die entzückende Geschichte von den „lieben, süßen Mädeln". Ein wertvoller Beitrag zur Geistes- geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist der kürzlich (bei Georg Westermann, Braunschweigs neuerschie- nene Roman „Der Erzieher". Seine Lebenserinnerun- gen legte der Dichter in dem Werke „Wie ich mich ums Leben" brachte" (Westermann, Braunschweig) nieder, dem wir den folgenden interessanten Abschnitt entnehmen. Ich hatte dainals noch gar keinen festen politischen Standpunkt, und auch die großen Weltanschauungsfragen machten mir noch keine Kopfschmerzen. Ich war unreif und oberflächlich und nahm die rein ästhetischen Streitfragen wichtiger als Staat, Gesellschaft und Religion zusammengenomuren. Meine noch unsicheren Instinkte waren aristokrattsch von Bluts wegen, aber mein lebhafter Wissensdurst — oder war es mir Beugierde? — reizte mich, über die gesellschaftlichen Scheidewände mit langgestrecktem Hals hinüberzuspähen in die mir unbekannte Welt hinter dem Bretterzaun meiner ererbten Vorstellungen. Cs war mein Ehrgeiz, mich von allen Borurtellen zu befreien, alle menschlichen Dinge ohne Brille sehen zu lernen und Mitkämpfer für jeden als notwendig erachteten Fortschritt zu werden. Aus diesem Bestreben nahm ich auch Bvlsches Anerbieten, mich in den Friedrichshagener Kreis der politischen und literarischen Umstürzler einzuführen, mit Freuden an. Es waren wohl weniger die dürftigen landschaftlichen Reize des Müggelsees mit dem berauschenden Hintergründe der Dü- dersdorfer Kalkberge als die Möglichkeit, für billiges Geld leidlich zu hausen und zu speisen, was die ersten Vertreter der literarischen und künstlerischen Revolution >rrach jenem sonst nur von Proletariern und Ackerbürgern, Fischern und Spreeschiffern bewohnten Berliner Vorort gelockt hatte. Einer zog den andern nach sich, und so fand sich schließlich eine kleine Gemeinde von Gesinnungsgenossen zusammen, die dem Ramen Friedeichs- hagen den Ton einer Fanfare verlieh, wie ihn einst für die Ämstürzler der französischen Rlalerei Barbizon gehabt hatte, und wie ihn später Worpswede und Schwabing noch ausgeprägter erreichte. Man stellte sich unter den Frirdr-ichsbrgenern allgemein eine Gesellschaft von genialisch veranlagten armen Teufeln vor, die, weit sie selbst zu den Enterbten gehörten, politisch dis Sache des Proletariats zu der ihrigen machten, als schärfste Gesellfchaftskrttiker Mustraten, weil sie selbst zur guten DefÄl«. schäft keinen Zugang sanden und auch die bisherigen Gesetze der Kunst nicht mehr gelten lasten wollten, weil es ihnen bequemer war, zügellos ihrem Temperament zu folgen und ihre Ginbildungskraft wirken zu lassen, statt sich dem strengen Zwangs eherner Regeln zu unterwerfen. Gänzlich grundlos war solche Verdächtigung eines jugendlichen Idealismus nicht, aber wie immer in solchen Fällen entsprang die Mißdeutung daraus, daß die Reuen von den Alten nicht verstanden wurden, weil die Alten einer gänzlich andersgearteten -Umwelt entstammten und folglich ihr Geist sich unter andern Bedingungen entwickelt hatte. Ich für meine Person empfand als den schlagendsten .Unterschied zwischen dem Friedrichshagener Kreis und dem älteren Voetengeschlecht, dem ich mich wesensverwandt fühlte, den. daß bei den Friedrichshagon-rrn der Einfluß der Damen, des Salons der guten Gesellschaft gänzlich ausgeschaltet war. Alle diese jungen Leute, die nicht ausgeschlossen, die sich -einer besseren Herkunft erfreuten, waren beweibte Junggesellen. Einige wenige von ihnen waren sogar richtig verheiratet, sofern man darunter „standesamtlich -anerkannt" verstehe'n will. Aber ihre Lebenstameradivimn waren durch die Bank Mädchen aus den>. Volke, blöde Fremdlinge in ihrer geistigen Welt. Soviel mir bekannt, haben die meisten, vielleicht sogar alle von ihnen eines schönen Tages doch den Weg zum Standesamt angetreten und sich aus wilden zu' zahmen. Ehemännern gewandelt, und aus den kecken Liebchen sind brave Hausfrauen und Mütter geworden. Wenn man Gerhart Haupt- man n, der in dem nahen Erkner wohnte und mit den Fried- richshagenern -enge Beziehungen unterhielt, diesem Kreise zu- rechnen will, so bildete er die einzige Ausnahme, indem er damals schon der jugendliche Gatte einer gleich jugendliche Dame war. Es gehört sehr viel moralischer Mut und die ganze Schwungkraft eines reinen Idealismus dazu, um als jünger Mensch von dunkler Herkunft, blutarm und ohne irgendwelche einflußreichen Verbindungen seine Person und fein Werk inj Getriebe der von der konventionellen Lüge regierten großen Welt durchzusehen. Diesen moralischen Mut und diesen schönen Idealismus hatten aber die Friedrichshagener, zum mindestem deren Führer. Freilich zwang sie die bittere Rot bisweilen zst recht seltsamett Mitteln, sich das nie vorhandene Geld zu verschaffen, doch ihre Lleberzeugung war ihnen niemals feil. Die Aermsten der Armen waren wohl die Brüder Hart, die als Söhne eines mittellosen kleinen Subalternbeamten nut mit äußerster Schwierigkeit ihr Studium durchgesetzt und sich jahrelang als elend bezahlte Redakteure kleiner Provinzblätter durchgehungert hatten. Sie waren einmal, um zu Gelds zu kommen, auf den Einfall geraten, jeder für sich eine Flut von Briefen an gutgestellte Zunftgenossen und bekannte Literaturfreunde ergehen zu lassen, in denen sie zu einer Geldsammlung für einen unverschuldet ins Unglück geratenen hochbegabte» jungen Dichter aufsorderten. Sie erwähnten nur nicht, daß jeder von ihnen für seinen lieben Bruder sammelte. Der. Streich wurde im Kreise der Eingeweihten herzlich belacht. Es hätte sich auch keiner darüber sittlich entrüsten können, der diese siamesischen Zwillinge in ihrer großen Herzensgüte kamlle. als welche der eignen Dürftigkeit zum Trotz für notleidende Mitstrebende immer u.vch eine offene Hand und sogar freien Tisch und Behausung gewährten Hatten sie nicht schließlich auch recht, diese Freiheitsschwärmer, wenn sie die Sippenbande als Ausgangspunkt aller Llnsrerhett betrachteten? , . Ich faßte eine beinah zärtliche Liebe zu diesen Brudern Hart, ick fühlte mich von der milden Apostelart des Cdol- anarchisten Bruno Wille stark ergriffen, ich hätte mit Bopche gern Freundschaft fürs Leben geschlossen — und dennoch gelang es mir nicht, das Gefühl des Fremdseins in diesem Kreise zu überwinden. Ich begriff nicht, wie Menschen mit solch feen«! Köpfen und selbst edelrassigen Gliedmaßen wie die Har.s s» entsetzliche Manieren leiden konnten, mir wurde übel zumute w#ta dem lauten Gejohl ihrer harmlosen Zigeunergelage, und vo allen Dingen ging mir die Weiblichkeit, die in diesem Krege ver kehrte, auf die Nerven. Meine Freunde waren scharfsinnig genug mir mein Unbehagen anzumerken und ließen es an PitmutiM Spöttereien nicht fehlen, während ich bei autr ehrlichen BL — 126 — Wisterung für ihr Schassen und Sympathie für ihre liebenswürdigen Persönlichkeiten mir doch immer wieder sagen muhte: Sure Kritik stimmt nicht, und euer Idealismus ist zu billig, denn ihr seid weltfremde Kinder in vieler Beziehung und scheint nicht zu ahnen, dah die Menschheit, von der ihr Gemeingefühle und Laten erwartet, ein wesenloser, Begriff ist, der wie eine Anhäufung von Bullen erst Wert erhält durch die zählenden Einzelnen, die sie führen. And wenn ihr erst einmal anfangt, vom Balke im Sinne der ungebildeten, besitzlosen Masse gegenüber der Herrenkaste zu reden, und dieses Volk zu Trägern, eurer Ideale zu machen, so seid ihr vollends verraten und betrogen, denn jene Masse der führungsbednrftigen Herdenmenschen um» , saht ja auch neben den zahlreichen Seelen voller Sehnsucht und Entwicklungsinöglichkeiten den rohen Pöbel mit der ungebändigten Kraft seiner niederen Triebe; wenn der erst einmal eure idealen Forderungen zum Feldgeschrei der Gasse macht, so ist eure gute Sache in den Schmutz getreten und das lenksame gutwillige Volk eurer Liebe an die Wand gedrückt. Das ist eine) Behauptung, die die Weltgeschichte allerorten schon unzählige Male bewiesen hatte, bevor noch unsere trostlose Gegenwart sie abermals bekräftigte. Bun, allzu lange haben sich ja die Brüder Hart nicht mit den sozialen Problemen befaßt. Durch ihre scharfsinnigen, glänzend stilisierten kritischen Aufsätze verschafften sie sich einen Ruf, der den klugen Zeitungskönig August Scherl veranlaßte, , sie für seinen großen Betrieb einzufangen. Sie wurden so zu tonangebenden Theater- und Literaturkritikern und kamen dadurch in die Lage, ihr notiges Zigeunerleben gegen ein behagliches, wohlanständiges, gutbürgerliches Dasein zu vertauschen, ohne daß sie nötig gehabt hätten, dafür ihre Aeberzeugung zu opfern. Doch war es nur natürlich, daß in der steten Anspannung ihrer Kräfte durch die Berufsarbeit des Tages ihre zärtlichen Bemühungen; um die „Menschheit" zu kurz kamen und auch ihre dichterische Ader verkalken mußte. Julius Harts goldbesaitete Leier verstimmte, und Heinrich Harts übermütig verkündetes Aiesenepos von 25 Bänden „Das Lied der Menschheit" kam nicht über seinen vierten Gesang hinaus. Die Brüder machten auch einmal mit anderen Gesinnungsgenossen den Versuch, eine kommunistische Siedlung in der Berliner Kiefernheide zu begründen. Sie fand ein tragikomisches Ende, weil von all den hochgemuten Schwärmern niemand etwas von der Landwirtschaft verstand, und weil das dem Anternehmen angegliederte zahlreiche Weibervolk lieber in durchsichtigen Gewändern der göttlichen Frau Sonne zu Ehren anmutige Reigen schlingen als Ankraut jäten und genießbare Mahlzeiten kochen mochte. Bruno Wille war in seinem Wegen weit beherrschter als die Harts. Er hatte eine adlige Mutter gehabt und war als Erzieher in vornehmen Häusern gewesen. Seine guten Manieren und sein reputierliches Auftreten verlor er auch nicht in den Röten seines Ringens um die wirtschaftliche Existenz. Gr glaubte wirklich an die Möglichkeit, Menschen allein durch die Kraft idealer Forderungen aus der dumpfen Enge des Trieblebens zur Freiheit und zum Licht hinaufzuführen" weil er selbst ein «einer Mensch war und seine Ideale nicht nur im Munde führte. (Schluß folgt.) Taraseon. Von Otto Schröder. Die in Rr. 26 der Gießener Familienblätter veröffentlichten „Südfranzösischen Reisebriefe" von Fritz Diettrich Haben in mir die Erinnerung wachgerufen an ein wohl kaum noch bekanntes altes Reisewerk. Aus dem Rachlasse meines Großvaters, eines sehr belesenen Schullehrers, besitze ich einen Band der „malerischen Fußreise durch das südliche Frankreichs und Oberitalien", die im Jahre 1818 im Selbstverläge des Verfassers, des Pfarrers Christ. Friedr. Mhlius in Karlsruhe erschienen ist. Das' Werk bietet eine reiche volkskundliche Ausbeute. Es dürfte für den Leser der Familienblätter von Interesse sein, die von Fritz Diettrich in Rr. 26 erzählte reizende Legende über den Arsprung der Stadt Taraseon in der Gestalt kennen zu lernen wie sie Pfarrer Mhlius vor mehr als ICO Jahren ge« hvrt hat. Mhlius leitet den Namen Taraseon von dem griechischen Wort tarassein == schrecken ab. Hier die Legende; „QSn L-arascon hauste ein Drache, der Tarasque Hieß und in der Gegend zwischen Taraseon und Arles sein Anwesen trieb, Er überfiel die Menschen, die den Fluß hinabfahren wollten und schleppte sie in seine Höhle am Alfer, wo er sie fraß. Zur Zeit der Romer, unter Neros Regierung, zogen ganze Kohorten gegen ihn aus; aber der Anhold fraß Mann und Speer, Schwert und Schild. Schon waren die Einwohner der Stadt im Begriffe aufzupacken und vor dem Drachen zu fliehen, als ein Kahn den Strom herauskam und zwei Fremdlinge darin ans Land stiegen, ein Mädchen, schön wie ein Engel, an der Hand eines würdigen Mannes mit ernstem Blick. Als sie das Glend der Stadt erfahren Hatten, ging das Mädchen hin zu der Höhle des Angeheuers und befahl ihm, hervorzutreten; zitternd kroch das «ngtifim zu den Füßen der Gebieterin, ließ sich geduldig ein Band (oder einen Schleier) um den schuppigen Hals binden unb folgte gehorsam, wohin sie es leitete. Aus dem Markte zu Tä- rascvn stand die fremde Wundertäterin mit dem Drachen stille und befahl den furchtsam herbeischleichenden Bürgern, das An- geheuer ohne Almstände totzuschlagen, was sogleich geschah. Auf diese Tat mutzte die Predigt des Fremdlings eine außerordentliche Wirkung tun; man glaubte und ließ sich taufen. Martha, so hieß die schöne Fremde, und Lazarus, ihr Bruder, wurden schon bei ihrem Leben als Heilige verehrt. Lazarus war der erste christliche Bischof dieser Gegend. In Erinnerung an dieses Wunder trägt man am 2. Pfingst- feiertag ein groteskes hölzernes Bild des Drachens (oder der Tarasque) durch die Stadt; es sieht einer Schildkröte ähnlich; es ist ein hölzernes Gerippe, mit Wachsleinwand überzogen, apfelgrün bemalt, mit vergoldeten Haken und Dornen auf dem Rücken. Acht gewandte junge. Laute, die auf besondere Art gekleidet sind, tragen das Monstrum, unter dem sie. versteckt sind. Bald laufen sie schnell, bald stehen sie still, bald drehen sie sich schnell um; wo ein dichter Pöbelhaufe steht, da fährt das Tier in denselben hinein und wirst ein paar Dutzend auf die Nase. Am den Schrecken zu vermehren, schleudert man aus dem Rachen und aus den Augen desselben Schwärmer unter den Pöbel. Dagegen läßt man am jährlichen Festtage der heiligen Martha den Drachen an der Prozession einen ganz friedlichen Anteil nehmen. Ein junges weißgekleidetes Mädchen führt das Angeheuer an einem langen Bande, das die Farbe des Schleiers hat. mit dem einst die heilige Martha den lebendigen Drachen nach Taraseon brachte. Ist die Prozession in die Kirche eingetreten, so bringt man den Drachen zur Türe des Chores; hier besprengt ihn ein Priester mit Weihwasser, der Drache macht mehrere konvulsivische Bewegungen und fällt zur Seite." * Diese Volksbräuche schildert Diettrich in feinen Reisebriefen nicht; sicherlich sind sie längst in Vergessenheit geraten. Der letztgeschilderte Brauch am Festtage der heiligen Martha dürfte wohl die ,wirkliche Darstellung der Legende sein, während der obm beschriebene Mummenschanz am 2. Pfingstfeiertage an Pfingst- brauche in Deutschland erinnert, die sicher aus heidnischer Zeit herrühren. So ist mir bekannt, daß — wenigstens vor Jahren noch — zu Meder-Weisel (bei Butzbach) in der Gewann „Die Pfaffeneichstücke" (nach dem Grundbuchs „zwischen dem Speck und Guckacksweg" und nach der Karte „Pfaffenweihe") am letzten Pfingstfeiertage „Pfingsten geritten" wurde; es war dies ein Wettrennen, das die jüngeren Burschen der Gemeinde veranstalteten. — Anderwärts wird der sog. „Pfingstlümmel", ein in grüne Zweige eingehüllter Bursche, mit viel Halloh an einen Bach geführt und dort untergetaucht. Bret Harte in Kalifornien. Von Dr. Friedrich A. Whneken. Oestlich von San Franzisko, dicht vor den Fußhügeln der Sierra Nevada, liegt der Flecken Columbia, der heute kaum hundert Einwohner zählt und doch auf eine größere Vergangenheit zurückblickt. Vor mehr als sechzig Jahren wohnten dort wenigstens 20000 Menschen und man sprach davon, den Ort zur Hauptstadt Kaliforniens zu machen. Noch befindet sich daselbst ein großes eisernes Gewölbe, das gegenwärtig der einzige Apotheker des Dorfes zur Aufbewahrung von leeren Flaschen benutzt. Einst freilich beherbergte es Goldstaub im Werte von sechzig Millionen Dollars. Auf der anderen Seite der Straße betrieb ein junger Mann, der als Multimillionär starb, eine Kneipe, in der jedes Getränk mit einer Prise Goldstaub bezahlt wurde, und man behauptet, daß der Wirt deshalb nur solche Schankwärter anstelle, die möglichst Breite Daumen und lange (Zeige-) Finger besaßen. In jener längst vergangenen Zeit schwang Jim Gillis, der Grubenmann, in der Amgegend der erwähnten Stadt am Stanislaus-River seine Hacke, um dem harten Erdreich goldene Schätze abzuringen, als ein junger Mann bei ihm erschien. Er war Wander müde, hungrig, mittellos. Sicherlich gehörte der Fremde seinem Aeutzeren nach nicht in die Gegend, in der E nur muskelkräftige Menschen mit großen Fäusten, Breiter Brust und sonnenverbranntem Antlitz gab. Dagegen war das seine Bleich und fein. Kleine Hände hatte der junge Mensch, und auch die Stirn, Nase und Augen gehörten einem Individuum an, das die Natur zu etwas anderem als zum Bergwerksarbeiter bestimmt hatten. — Es war Francis Bret Harte. 1839 im Staat Neuyork geboren, verlor Bret Harte schon als Knabe seinen hochgebildeten Vater und kam noch während der ersten Zeit des kalifornischen Goldfiebers mit der Mutter nach der Stadt am Goldenen Tor. Dort geriet er in echt amerikanischer Weise anfangs von einem Beruf in den anderen. Als Botenjunge fuhr Francis auf dem Wagen einer Transportgesellschaft durch das Sakramentotal, mit dem Bewußtsein, daß fein Vorgänger Bon Banditen beraubt und niedergeschossen worden war. Dann war er Dorfschullehrer, Avothekergehilfe und Goldgräber, biS den jungen Abenteurer endlich das Schicksal nach San Franzisko zurückführte. Es heißt, da Mm der vorerwähnte gutmütige Jim Gillis das Reisegeld dazu gab. Hier arbeitete Bret Harte zuerst als Schriftsetzer und kam, von Anten auf dienend, so in feine wahre Profession Hinein, in — 127 — Ler er.es. 1868 zum Mitarbeiter und Herausgeber. der Monatsschrift „Overland Monthly" brachte, einer Publikation, --deren Motive programmätzig aus dein Lebeir. Aero-Kaliforniens • mit allen den durch die Entdeckung des Goldes hervorgerufenen! Phrasen entnommen wurden und eine neue west-amerikanische Literatur schaffen sollte. ■ Bret Harte, der ja in dem wilden Dorado so recht durch die Mühle gegangen war, konnte nun fernen schriftstellerischen Talenten, die sich schon vorher in humoristischen Skizzen und Gedichten gezeigt hatten, vollends freien Spielraum gewähren, und so entstand denn zuerst jene prächtige Geschichte „The Luck os Roaring Camp" (Das Gluck des Drüllerlagers). Aus .eigener Anschauung schildert hier der Dichter jene wilden Gesellen, die aus allen Gegenden des großen Amerikas zusammengeströmt waren, — oft schon deshalb, weil der heimatliche Boden ihnen zu heiß geworden war, meist aber angetrieben von dem glühenden Verlangen, schnell reich zu werden. Ein entbehrungsvolles, hartes Leben führen jene Abenteurer in den Ausläufern des wüsten Gebirges, das zwischen Kalifornien und Aevada liegt. Aach schwerer Tagesarbeit bietet sich ihnen als einzige Erholung der böse Whisky und das ebenso schlimme Pokerspiel. Das Recht des Stärkeren, der Revolver und das Bowiemesser spielen dabei oft die entscheidende Rolle. Da tritt ein Ereignis ein, das die ülngezähmten, die zügellos in den Tag Lebenden aufrüttelt, in ihnen die Erinnerung an jene vergangene Zeit wachruft, als sie noch den schmalen Weg der menschlichen Anständigkeit und Ordnung wandelten: Sn dem Lager wird ein Kind geboren, einer armen Indianerin, die zwischen den vielen verkommenen Männern längst auf deren Äiveau herabgesunken ist. — Ülnd da löst sich denn die harte Kruste um das Herz der rohen Burschen, der neu geborene Knabe wird reich beschenkt, nach dem Tode der Mutter von der Männer- gemeinde adoptiert, — und einer der Goldgräber versucht am Ende das Kind aus einer Sturmflut zu retten, in der beide umkommen. Eine gediegene kleine Geschichte, die nicht nur die hohe Kunstfertigkeit, sondern auch bei allem Streben nach Lebens- Wahrheit den festen Glauben des Verfassers an die Güte der menschlichen Aatur verrät, die sich für ihn selbst bei denen noch findet, die am Wege fielen und aus den Kreisen der anständigen Gesellschaft ausgeschieden sind. Diese humane Idee liegt fast allen anderen Erzählungen Bret Hartes zugrunde. Sie erscheint auch in der zweiten Skizze, die kurze Zeit darauf in der genannten Zeitschrift erschien, — „The Outcasts of Poker Flat". Denn auch die Ausgestoßenen von Poker Flat, jene weiblichen und männlichen Geschöpfe, die selbst für die abenteuerlichen Charaktere des Miningkamps nicht mehr gut genug geworden sind, finden in den Einöden der Sierra ihr besseres Selbst wieder und sterben versöhnt mit sich und der Welt, als sie endlich in einem Schneesturm Allmutter Aatur in die Arme schließt und nicht wieder von sich läßt. 'Sie Skizze „Tennessees Partner" ist das hohe Lied der in der Wildnis geschlossenen Männerfreundschaft, die sogar ein an dem anderen begangenes ülnrecht des einen, ja selbst den Tod überdauert, den der Partner, ein Pferdedieb und Strastenräuber, am Galgen findet, und in der Geschichte „Brown of Calaveras" verwandelt sich der professionelle Spieler dem Schwachen gegenüber, dem er sein einziges Gut, fein über alles geliebtes Weib, rauben könnte, in einen Edelmenschen von großmütiger Ent- sagungskraft. Diese und andere Erzählungen erschienen während der kurzen Tätigkeit Bret Hartes an dem „Overland Monthly" in der Monatsschrift. Unter seinen dort veröffentlichten Gedichten zeichnet sich naiiteirtlich „The Heuthen Chinee", der Zopsträger mit dem bescheiden harmlosen Lächeln und den falschen Karten im Aermel durch gesunden Humor aus. die heimlichen Verse von „Dickens in Camp", die kurz nach dem Tode des großen englisches Romanschriftstellers geschrieben wurden, suchen in der Literatur ihresgleichen: -UeBer den Fichten treibt langsam der Mond, beleuchtet den murmelnden Fluß, die Schnee-Minarets der Sierra. Am Lagerfeuer ruht das harte Geschlecht der Goldsucher. Da erhebt sich einer unter ihnen, zieht aus der Tasche ein abgegriffenes Buch und läutert die Seelen der Kameraden, in&em er ihnen Dickens vorliest. — Aoch im Januar 1871 erschienen zwei Beiträge Bret Hartes im „Overland Monthly". Dann aber hörten seine Beziehungen z« der Zeitschrift auf. Der Erfolg seiner Erzählungen und Gedichte im Osten Amerikas und in England hatte sich unmittelbar nach deren Veröffentlichung eingestellt. In England war es kein Geringerer als Dickens, der auf den kommenden Mann im fernen Kalifornien hinwies, und als Bret Harte einem Ruf nach Aeu-- York folgte, um dort Redakteur des „Atlantic Monthly" zu werden, fand er, daß man dort seine in allerlei Zeitungen nachgedruckten Gedichte herausgeschnitten hatte und in der Westentasche trug. _ Doch auch in Aeuyork war seines Bleibens nicht allzulange, wchon 1878 begab sich Drei Harte als Konsul nach Krefeld und Steel Lahre später in gleicher Stellung nach Glasgow. Im Jahre lWö finden wir ihn, ganz der Schriftstellerei lebend, in London, w® er 1902 verschied. Drei Harte gehört zu den Schöpfern einer neuen und - Originellen Dichtungsart - m der amerikanischen Literatur,---der sogenannten „Short Story" (kurzen Geschichte), die heute noch quantitativ in den Vereinigten Staaten "blüht, was aber die. Qualität Betrifft, nur noch sehr wenig Befriedigendes Bietet. Aamenilich „The Luck of Roaring Camp", „The Outcasts of Poker Flar" und „Tennesies Partner" sichern ihm ■ einen Ehrenplatz in der Weltliteratur; denn es ist eine merkwürdige Tatsache, daß Bret Harke später nichts ähnlich Schönes mehr geschaffen hat. Um die Größe dieser drei Kabinettstücke ganz begreifen zu können, .muß man den Boden betreten haBen, auf dem sie spielen, und das, trotzdem sich die Verhältnisse in Kalifornien seit, jener Zeit doch gar gewaltig geäußert haben. Dieser Zauber einer märchenhaft wilden Periode hatte auch den jungen Bret • Harte gefangengenommen, in ihm den Dichter geweckt. Seine Trennung von dem Stück Erde, auf dem er zum Manne, zum . Künstler gereift war, bedeutete für ihn den Verfall. Seine zahl- reichen, nicht in Kalifornien entstandenen Werke weisen des Gediegenen und Vortrefflichen noch genügend auf; ihnen allen fehlt aber die spontane Aaivität, jene ursprüngliche Frische, die ihm ans dem Erdreich der westlichen Heimat zuströmte. Es herrschen heute noch Zweifel über die Motive, welche Bret Harte bewogen, Amerika zu verlassen und in England dauernden Aufenthalt zu nehmen. Von mehreren Seiten wird behauptet, daß der Dichter, trotz guter Einnahmen, in der neuen Welt in beträchtliche Schulden geriet und deshalb das Land seiner Geburt verließ — um nicht mehr dahin zurückzukehren. Wahrscheinlicher Hingt die Angabe, daß es Bret Harte inmitten einer älteren, gefestigteren Kultur besser gefiel, als in dem damals noch recht primitiven und unfertigen Amerika. . Der Abschied von dem Kalifornien jener Zeit wenigstens dürste ihm nicht allzu schwer gefallen sein. Denn während die von ihm in San Franzisko veröffentlichten Geschichten und Verse ■ seinen Ruhm nach dem Osten trugen, erregten sie am Stillen Ozean, viel böses Blut. Man tonnte es dem jungen Schriftsteller nicht verzeihen, daß er die Schattenseiten, die doch schließlich an den Grenzen des weißen Kulturelements, in einem Lande, das noch kaum zehn Jahre alt war, vorhanden sein mutzten, zum Gegenstand feiner Kalifornien schildernden Kunstwerke wählte. Ehe „The Luck of Roaring Camp" erschien, weigerte sich die Bei der Monatsschrift angestellte Korrektorin, die Erzählung zu Ende zu lesen, weil sie dieselbe für unanständig und gottesläster- I lich hielt. Don üBerfrommcn Leuten wurde die Skizze sogar ein Werk des Teufels genannt — und eine gewisse Animosität gegen Bret Harte, den Dicht«', den die ganze Welt mit der Gründungs- zeit des Goldenen Staates, der Stadt San Franzisko, identifiziert, ist heute noch in Kalifornien nicht ganz ausgestorben. Ich habe wenigstens einmal von einem gebildeten jungen Kalifornier den Ausdruck gehört: „Bret Harte is a disgrace to California". Alein die Zeit heilt alle Wunden. Vergangen ist jene Periode, über welche gewisse überempfindliche Elemente in Kalifornien gänzlich unnötigerweise erröten zu müssen glauben. Aoch eine Generation, und Bret Hartes vermeintliche Indiskretionen über Kaliforniens Vergangenheit werden dort vergessen feilt. Gabriele d'Armunzio in der Villa Thode. (Schluß./ Frau Thode schreibt Bries auf Brief. D'Annunzio würdigt sie keiner Antwort. Inzwischen beginnt in Dänemark der Feldzug gegen ihn; die Blätter sind voll davon. Der Schriftstellervereiw schreibt an d'Annunzio einen sehr höflichen Brief. Keine Antwort. Aoch einen, etwas schärfer im Don. Der Dichter ist immer noch allzu groß, um seine dänischen Kollegen einer Antwort zu würdigen. Aber jetzt schreibt er an Frau Thode: „Ich Bin kraick gewesen. Ich Bitte Sie, am Sonnabend das Frühstück mit mir einzunehmen. Wir wollen miteinander reden. Ich Bin Bereit, Ihnen alles zu geben, um was Sie mich bitten. Juni 1921. Gabriele d'Armunzio. Obgleich sie es demütigend findet, geht sie doch. hin. Sie will ihm nicht vor den Kopf stoßen, zuviel steht auf dem Spiel. Bereits bei dem ersten Besuch ist viel verändert. Jetzt ist die Villa kaum wiederzuerkennen. D'Amnmzio spricht von dein Kriege gegen ihn und Bittet Frau Thode, weitere Schreibereien in der Presse zu verhindern. In dem Falle will aüch er sich nicht unwillig zeigen. Ja, er verspricht, ihr alles zu geBen. Sie braucht ihm bloß eine Liste zu senden, und er wird die Sachen zu ihr Bringen lassen. Allerdings hat er das Haus von der ttalienischen Regierung gekauft und es sehr teuer bezahlt. Es tut ihm leid, aber es ist ganz unschuldig. Die verzweifelte junge Frau geht „nach Hause" und schreibt die Liste. Vor allem wünscht sie ihres Mannes fämtllche Manuskripte, Tagebücher, Driefsanrmlungen, kurz gesagt alles, was sich im Schreibtische und in den Schränken in seinem Arbeits- S: befindet; außerdem persönliches Eigentum (von &er Aus- ; endlich einige von den Thomaschen Bildern, die ein gen wert sind. Ja, und eine Warmorvase, die im Parke steht, die sie für' Henry Thodes Grab bestimmt hat. D'Annunzio schreibt; , „ .Ich bin noch etwas leidend. Verzeihen Sie mit. Ich hab- jetzt Ihre Liste gelesen, nicht ohne Verwunderung. Ich habe - 128 — 5k Villa und die Möbel ohne Ausnahme getourt «uf Grund aÄetzmäßigen Kontrakts. und ich habe die Summe rn bte Staacs- taffe ungezählt. Dir Gegenstände aus Ihrer Lrste machrn em Drittel der Gesamtsumme aus, die ich für dm Möbel bezahit habe. -Uebrigens finden sich auf der Liste Dmge aufgefuhrt, vre ich niemals erhalten habe. Ich bin ein guter Arbeiter, prächtig in meiner Armut, und das. was Sie «rreme Großmut nennen, hat leider Grenzen. Deshalb sehe ich mich genötigt me-.n Angebot einzufchranken. umsomehr, als ich während der Arbeit andem Haufe verschiedene Gegenstände auf sme ftabtte nnd.nrWulnge Meise angebracht habe. Ich beklage, daß Ihr besuch, wie rch bereits das letztemal sagte, zu spät kam. 7 Juli 1922 Gabriele d'Annunzio. Die Bestimmung von 1922 lautete dahin, daß deutsche Untertanen ihre Möbel ausgetiefert bekommen sollten. Von der Behörde in Gardone ward Frau Thode auf gefordert, eme Liste einzusenden, worauf sie alles zurückbekommen sollte. Sw sandte die Liste ein. Andere Deutsche bekamen ihr Eigentum zuruck: sie nicht. Die Behörden erKStten: „D'Annunzio Hat si« geweigert. Man riet ihr. an seine Großmut zu appelsieren. Das tat sie. Man sieht, seine Großmut hatte leider Grenzen! Da sie nun weder etwas hörte noch etwas bekam, sandte sie einen Vertrauensmann zu ihm. Dieser wurde wiederholte! Male abgewiesen. Endlich brachte er ein von d'Annunzw geschriebenes Dokument! Wenn das Frau DHode nicht unterschriebe, wäre alles aus und nichts zu erreichen, yn dem Dokumewe stand: Ich erkläre hierdurch, daß ich durch d'Annunzios Gnade (y folgende Gegenstände erhalten habe, die er zusammei^mit dem übrigen Inventar der Billa von der italienischen Regierung gekauft hak , . . , Eine Liste von ungefähr 20 Gegenständen war bmgelegt. Aach schmerzlichen Aeberlegungen unterschrieb die arme Frau Hertha. Auf der Liste standen ja jedenfalls alle „Manuskripte Frau Thode war nicht bloß Henry Thodes Srau, sondern auch feine geistige Mitarbeiterin und Freundin. Sie war mit allem vertraut, was er geschrieben hatte, und mit den Vorarbeiten zu einem großen neuen Werke. Sie wußte, was sich in seinem Schreibtische und in den Schränken befand. Die Gegenstäudo wurden an d'Annunzios Tür von einer Dame artsgeliefert. Der Bote war genötigt, einen Handwagen zu leihen, um die Sachen sortzubringen. Als Frau Thode sie empfing und öffnete, waren glücklicherweise Zeugen zugegen, die zornbebend waren über die unwürdige und beschämende Weise, wie alles zufammengepoltert war. Der Koffer, in dem zufolge der Liste alle „Manuskripte' sein sollten, war zunr größten Teile mit alten Rechnungen uird wertlosen Papierlappen ungefüllt. Zuoberst in dein Koffer, der eigentlich so aussah, als ob mau einen Papierkorb darin ausgeleert hätte, lag ein zerbrochener Regenschirm, ein flachgedrückter Hut und des Dieners von Würmern zerfressene Livre. Von einem Briefpakets, aus das Henry Thode eigenhändig geschrieben hatte: Aach meinem Tode ungelesen zu verbrennen — war der Umschlag abgerissen und der Inhalt umhergestreut. Wo waren die Tagebücher? Wo war die intime Briefsammlung? @in Bild von Henry Thode lag in dem Koffer — aus dem kostbaren Rahmen herausgeriffen —-- Daß d'Annunzio trotz allem nicht ganz wohl zumute war, daraus deutete folgender Bries hin: „Ich war im Begriff, an Sie zu schreiben, als ich Ihren liebenswürdigen, auf italienisch geschriebenen und deshalb doppelt willkommenen Bries erhielt. In Dänemark wird der abscheuliche Feldzug gegen mich, auf eine offenbare Lüge gegründet, fortgesetzt. Ihr großen Dichter Johannes Jörgensen, der sich gegenwärtig in Afflsi aufhält, nennt ihn „abscheulich", und Sie haben nicht gesunden, daß es Ihre offenbare Pflicht war, nur durch ein einziges offenes Wort, die Ungerechtigkeit zu verhindern, die mir zugesügt wird? Alle Briefe und Manuskripte Henry Thodes standen seit Oktober 1921 (?) zu Ihrer Verfügung. Das habe ich zu dem Zwangsderwalter und dem Vertreter der Regierung -gesagt. Ich habe niemals den Koffer oder die Kiste geöffnet. Maar konnte sich nicht korrekter und brüderlicher (!) verhalten. Äebrigens mache ich Ihnen den Vorschlag, Ihnen bald in betreff der Gemälde einen großen Dienst zu erweisen. And ich hoffe. lHnen das Bild zurückgeben zu können, das Rembrandt zugeschrieben wird, und in jedem Falle Ihnen einen Teil der bedeutenden Summe ausbezahlen zu lassen, die ich an die Staatskasse bezahlt habe. Aber wie farm ich mit aufrichtigem Herzen versuchen, Ihnen zu helfen, wenn Sie nicht ehrlich den Versuch machen, die Aiederträchtigkeit zu lindern, die mich nicht berührt, die aber von den Italienern in Kopenhagen schmerzlich empfunden wird. Sie könnten gleich an Jörgensen in Assisi telephonieren, indem Sie ihn über meine brüderliche Handlungsweise Ihnen gegenüber aufklären. Wenn Sie wollen, können Sie mir dm Text geben, und ich werde es für Sie schicken. Sonst wird es mir zu schwierig fein, die Hand nach einer Hand auszustrecken, die ungerechte Steine auf mich wirst. Empfangen Sie meine herzlichsten Grüße und Wünsche. 21. Lult 1922. Gabriels d'Annunzio. Acht Tage darauf folgte wieder ein Brief: „Das Mißverständnis ist nicht gehobm. Sch habe das Aussehen. als wäre ich -Usurpator von Gütern, die denen gehövM, die auf so rohe Weise Friaul und Venetien zerstört haben Während ich der rechtmäßige Besitzer bin, da ich die konfiszierte Villa unter sehr harten Bedingungen von der italienischen Regierung gekauft habe. Versuchen Sie das Ihren Landsleuten begreiflich zu machen und sagen Sie ihnen, daß ich mich wahrhaftig nicht zu fo etwas herabwürdige. Herzliche Grüße und aufrichtige Wünsche. 28. Juli 1922. Gabriele d'Annunzio, Aach Verlauf einer Woche folgt noch ein Brief: „Monatelang habe ich mich mit der Geduld eines Franziskaners beleidigen lassen. Ich glaube, daß die Zweideutigkeit jetzt ein Ende haben muh. Die Kämpfenden Haben eingeschen, daß sich meine Geduld in unerbittlich- Energie verwandelt hat. Jeder gegen mich gerichtete Feldzug ist von vornherein zum Tode verurteilt!!! Sn dieser ganze« Sache bin ich ohne Fleck. Sie wissen das. Sch finde, es wäre Ihre Pflicht gewesen, das Ihrem Volke zu erklären. Ich lasse mir nicht Trotz bieten: aber übrigens bestätige ich hierdurch, was ich einmal früher geschrieben in bezug auf das Versprechen, Ihnen einen Dienst zu erweisen. Die Folgen des Krieges sind grausam, wie der Krieg selbst grausam ist. Aber ich habe mich als übermenschlich erwiesen, und ich werde mich ferner als solcher erweisen (!!!). Reisen Sie mit einem ruhigen und aufrichtigen Herzen. 6. August 1922. Gabriele d'Annunzio." Frau Hertha hat niemals das versprochene Rembrandtbild bekommen, das ja eine ungeheure Summe repräsentierte, puch nicht die ihr von d'Annunzio mündlich verfprochenen Bilder von Thoma. Diese letzten hat der „unbefleckte" Dichter schon vor Jahr und Tag auf einer Auktion in Mailand für ungMhr 300000 Lire verkaufen lassen.--- Im Jahre 1918 ward von der Zwangsverwaltung der italienischen Regierung in Gegenwart von Zeugen eine Liste über das Inventar der Villa Cargnacco aufgenommen. .Unter anderem fand sich da eine versiegelte Kiste. In der Inventarliste steht: Diele Kiste bekommt Är. 4(7 und wird auf der Bank in Salo niedergelegt. Die Kiste enthielt eine Menge sehr wertvoller Gold- und Dilbersachen, Juwelen und Schmuckfachrn. linier anderem ein von Benvenuto Eellini ausgeführtes Medaillon. Kaum hatte sich d'Annunzio in der Billa festgesetzt, so ließ er die Kiste durch einen Boten holen. Von ihrem Inhalt erhielt Frau Thode folgendes: Ein Petschaft, eine goldene Uhr und einen Briefbeschwerer. Und der „übermenschliche" Dichter nennt sich beständig „unbefleckt". Während Frau Thode von den Ufern des Gardasees verzweifelt hinüberstarrte nach ihreni verlorenen Paradies, glitten Boote vorbei, die vor der Villa Eargnacco die Ruder emzoge-i und riefen: „Evvive d'Amniuzio!", und Flieger kreisten über der Vifla und bestreuten das Haus mit Blumen — — — Es würde interessant sein, zu wissen, ob der große Gentleman, Fürst d'Annunzio, dasselbe einem Manne gegenüber gewagt haben würde, was er so furchtlos und in seiner Unschuld sich Frau Thode gegenüber erlaubte. ES gibt, wie wir wissen, für Herrn d'Annunzios „Großmut" Grenzen. Aber es wäre wohl auch denkbar, daß ein Mann mit ihm die Geduld verlöre und durch eine Tracht Prügel zeigte, wofür er den Gentleman d'An- nunzio hält. (D'Annunzio — geborenen Rappaport.) Eine Srau ist schutzlos. Es wundert mich nur als Frau und Künstlerin, daß nicht sämtliche Künstler in Europa und Amerika d'Annunzio durch einen derartigen Protest gebrandmarkt haben, daß er sich öfsent- lich ohne Schleier nicht zu zeigen wagt. Und ich frage hinaus in die Welt: „Gibt es deml nicht einen Mann, der d'Annunzrv zur Rechenschaft ziehen will? — — —“ Er kann aus dieses Schreiben antworten. was er will. Die Tatsachen stehen fest: Mit Wissen -hat er Frau Thode alles dessen beraubt, was sie besah. Er ist in ihre Billa eingebrochen. hat sich ungesetzlich darin festgesetzt. Hat Schreibtisch, und Schränke mit Gewalt aufbrechen lassen. Hat intime Briese aus ihrem .Umschlag gerissen. Hat sich Manuskripte angeeignet, die für bte Aachwelt unersetzlich sind. Hat Henry ThodeS Tagebücher behalten. Hat Wertsachen holen lassen, die auf der Bank aufbewahrt waren. Hat trotz seines Versprechens das 'Bild von Rembrandt zurückbehalten. Hat Henry Thodes kostbare Thvmasche Bilder versteigern lassen. Und dabei — hat er sich „brüderlich . „korrekt", „unbefleckt" und „übermenschlich" genannt. —--- Und wenn nun d'Annunzio seinen hohen Zorn gegen mich richtet, so bin ich bereit! und ich erttäre hiermit, was ich geschrieben habe, Habe ich für eigene Rechnung geschrieben und ohne Aufforderung von Frau Hertha Thode Aur habe ich natürlich das Material entliehen, um die Bri^e in ihrem Wortlaute wiedergeben zu können. Es wird mir sehr lieb sein, wenn große und kleine Lagesblatter aus beiden Seite« des Atlantischen Ozeans diesen Bericht ganz oder teilweise ab- drucken werden. T h urä bei Svendborg in Dänemark. Karin MichasliH Schriflleittmg: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'fchen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange. Diest«.