Gießener zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger Zahrgang 1925 Samstag, den 2\. März Nummer 2- „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält. Der späte, kaum mehr erwartete Einzug des Winters in diesem Jahre spendet mit verschwenderischen Minden unS den lang entbehrten Zauber der leuchtenden Schneelandschaft gewährend. 2ns Unendliche dehnt sich die weih« Fläche. . . Daum und Strauch breiten schützend ihre weihen Zelte über Acker und Waldboden. „Trinkt, o Augen, was die Wimper hält, von dem silbern' Ueberfluh der Welt", lösen sich die bewundernden Worte von den Lippen der Erdenkinder. Der weite Ausblick von schneebedeckter Höhe, der einsame Dana oder märchenhafte Ritt durch den beschneiten Tann, das schweigende Wandern durch die schneeverwehten, von den Strahlen der Sonn« kaum erreichbaren Täler lassen Saiten int Herzen des Dichters erklingen, deren Ton zu jubelnder Bewunderung der göttlichen Allmacht anschwellen. Die Äatur sammelt sich Kraft zu neuer Schönheit, neuem Werden, wie es Eichendorff vom Daum mit den Worten ausgedrückt hat: „Er träumt von künftiger Frühlingszeit, Von ®rün und Quellenrauschen, Wo er im neuen Blütenkleid Zu Gottes Lob will rauschen." Wtnterlandschaft — Feldeinsamkeit. Zwei Begriffe, die aufS engste miteinander verbunden, an die Vergänglichkeit alles Schönen mahnen. Zn dem weihen, weiten Schneefelde sehen wir das Sinnbild des Todes, der mit seinem Bahrtuchs die tote Ratur bedeckt hat. -Und doch schlummert unter dem weihen Linnen noch Leben, das dem Frühling und seiner Auferstehung entgegenträumt. Von einem Gange durch die Winternacht erhofft sich Lenau, „es möge der Frost ihm ins Herz frieren, datz einmal wieder Ruhe drinnen sei". Und von den vom Mond beschienenen Fichten sagt er: „Wie feierlich die Gegend schweigt! Der Mond bescheint die alten Fichten, Die, sehnsuchtsvoll, zum Tod geneigt, Den Zweig zurück zur Erde richten." Menschenleerer Hochwald, sich ins Unendliche dehnende Hochflächen, verlassene Heide, einsam wie Märchenzuckerhäuschen auf der Landschaft auftauchende Hütten, schneeverwehte Hänge sind das Echo der poetischen Phantasie, das im Herzen des Lyrikers wtderhallt: „Unendlich dehnt sie sich die weite Fläche, Bis auf den letzten Hauch von Leben leer" zeichnet Hebbel feine Winterlandschaft. Einsame Jäger und Heger, heimkehrende Holzfäller, am Weidenstumpf hockende Häschen, hungrig kreischende Krähen, ein sicherndes Reh sind die einzigen Lebewesen, die das weihe Bild beleben. Besonders die „sich um einen toten Maulwurf" zankenden Krähen, wie sie Scheffel in seinem „Trompeter" den einsamen Reiter schauen läßt, sind die immer wiederkehrenden Sinnbilder der winterlichen Äbgestorbenheit. „Die Krähen schreien Und ziehen wirren Flugs zur Stadt: Bald wird es schneien — Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat," klingt es im Herzen Friedrich Aiehfches. Und Heinrich Heine träumte es von seiner weiten Heide, unter derem weihen Schnee er begraben lag und den einsamen kalten Todesschlaf schlief. Ueberhaupt die Heidel Sie dankt dem Raturfreund im Erikablühen nicht schöner, denn im Weih des Winters. „Die Sonne leiht dem Schnee das Prachtgeschmeide, Doch achl wie kurz ist Schein und Licht. Ein Rebel tropft, und traurig zieht Die Landschaft ihren Schleier dicht." So erscheint die winterliche Heide dem „Heideprinz der Poesie", unserem deutschen Liliencron. Andere Dichter sehen andere Bilder. Ein Mörike erkennt den int Winterboden schlafenden Schmetterling, der „einst um Dusch und Hügel in Früh- lingsnächten den samtnen Flügel wiegt"; Wildenbruch singt: „Die Welt wird kalt, die Welt wird stumm, Der Winter-Tod geht schweigend um; Er zieht das Leilach weiß und dicht Der Erde übers Angesicht —“ 8nd Hermann Linag bezeichnet die Krähen als „vom Tob inausgesandt den stillen Höfen der Heide drohendes Unheil zu verkünden". Weh aber tut der Schnee und bas Gis keinem, meint Max Dauthendeh: „Die Felder schimmern friedlich weih, Als denkt der Schnee im <5onnenglimmern Wie er einst als Wolke im Himmel lag. Die Glocken läuten ins Dlaue hinein Und bei dem zärtlichen Himmelfchein Fällt selbst der Schnee nicht dem Winter. DaS ist Zugendart und frischer Wagemut, die die Jung« hinaustreiben in die winterliche Ratur. Die Gisfreuden, bti Rodelsport und besonders der Schneeschuhlauf bringen die Zügen» in engste Fühlung mit der Schöpfung, regen geheime Kräfte une wecken schlummernde Tugenden. „Frau Sonne sitzt im goldene« Sattel" und „Plötzlich durch den Wald herunter; Zugend jubelnd, fackelkreisend, Rascher Dursch und Mädchen munter, Schwarm im Sturm zu Tals gleisend." (Morgenstern.) Mn Gefühl von Luft und Stärke empfindet auch Mörih, wie er in einem Briefe an seine Braut schreibt. Gr fühlt es fe recht, „welch ein reines Aaturwesen doch der sonst so verpönt« Winter an sich hat, wie er es auch verstehe, einem das Herz weil zu machen". Und das Herz weitmachen ist ja wohl auch der köstlichste Gewinn, den wir von einer Wanderung durch die winterliche Stille in das Getriebe des Alltags tragen dürfen. Rudolf Ableiter. Südfranzösische Reise. Von Fritz Diettrich. Lyon. I. Als ich am frühen Morgen in diese schöne Stadt kam, belagerte starker Rauhreif die Hügel der Umgebung. Es schien, als wären Daum und Strauch und Wiese mit endlosen Zmmor- tellenkränzen geschmückt. Ueberall Grausilber und Weih. Die sonst so vergnügliche Landschaft lag da wie gelähmt. Plötzlich fuhren die Strahlen wie Zauberstäbe nieder, und die Landschaft regte sich. Die Sonne, die anfangs hilflos wie eine Aiesenorange in Rebeln hing, hatte kaum ihr erstes große- Wort gesprochen, und schon rückte die Landschaft, die sich zu beiden Seiten des Rhoneflutztales emporstaffelt, freundlich näher. Zwar sind auch hier in den winterlichen Monaten die grünen Lichter der Landschaft erloschen. Doch hie und da verrät ein immergrüner Strauch, dah der Süden bis hierher seine begnadeten Arme ausstreckt. Zch schlenderte am Quai de la Guillotisre entlang. Es war gerade Markttag. Und wer den Süden ausgewandert hat, der weiß genau, daß hier die Bühne ist, auf der immer neue reizende Szenen gespielt werden. Den ersten Stand hatte eine Dlumenverkänferin inne, die wie ein respektabler Festungsturm hinter Rizzas duftenden Kindern stand. Sie schwenkte als herrlichen Kontrast zu ihrer seltenen Fülle einen Mimofenzweig und fühlte sich durchaus nicht unsicher in ihrer komischen Rolle. Sie pries mit einer rhetorischen Leidenschaftlichkeit, die eines Mirabeau würdig gewesen wäre, ihre Blumen an und streichelte hin und toicbec mit verliebter Geste bald diesen, bald jenen Blütenkelch. Jede Marktfrau ist nun einmal eine Art Kupplerin, gleichviel, ob sie Käufer für Artischocken, Fische oder Käse wirbt. Jeder Markt hat seine Gassenbuben. Hier sind eS Hundert« von Möven, die ihre Stelle ausfüllen. Sie segeln um jeden Dtaich und zerren sich ohne Scheu das Begehrenswerte aus den stinkenden Abfallhaufen. Sie üben scheinbar damit ein Jahrhunderte altes, unverbrieftes RecA aus. Trotz alledem bleiben sie Gassenbuben. Oft treiben sie bis auf Zentimeterhöhe an einen heran, schneiden erst kurz vor der menschlichen Rase eine Ecke in dtß Luft und lachen wie schadenfrohe alte Weiber auf, wenn man zusammenfährt wie vor den Worten eines indiskreten Eon- fsrenciers. II. Am Nachmittag desselben TageS stieg ich nach der Wald- fahrtskirche Rotre Dame de la Fourvitzre hinauf, dte wie eh* Dchutzherrin über der Geometrie bet Häuserviertel Mn LtzeU Hront. lag Me interetfante Stadt restlos vor mir auf- aervllt. @8 liegt entschieden ein heroischer Zug in diesem Stadtbild, zumal die architektonischen Fehlgeburten des ausklingenden IS. Jahrhunderts hier keine Plagiatoren sanden. Das architektonische Stilgesühl des Südländers unterscheidet sich von dem des Nordländers dadurch, daß jener ohne Romantik baut, lediglich vom Zweck der Dache erfüllt, dieser aber nach einem Ausdruck, nach einem gewachsenen Symbol für seine Bauwerke ringt. Wenn allerdings eine starke Kulturepvche fehlt, die das Ringen nach architektonischem Ausdruck erfolgreich stützt, so arten alle baulichen Unternehmungen in lächerliche Stil- vanscherei aus. Lind ein simpler Maurermeister, der mit feinen dürftigen Kenntnissen ein kleines Haus zusammenschustert, kann In Zeiten kultureller Armut stolzer auf seine architektonische Schwergeburt sein, als ein namhafter Baumeister, der an der Fassade eines Postgebäudes ein pompöses Stilpanorama ausrollt. Reben mir stand an der Brüstung eine Schar Waisenkinder. 8s waren Mädchen im Alter von 9 bis 15 Jahren. Em ältliches Mädchen in Ronnentracht hielt wie ein Wachhund diese gedrückten schweigsamen Gesichter eng beisammen. Wie viele Blicke waren hoch mit Fragen beladen! Wie viele Hande hoben sich schüchtern aus ihrem Einerlei und wollten Gesten geben! Doch trotz des blautrunkenen Himmels, trotz all der breiten Schwaden goldenen Lichts, das ihr Waisentum mitleidsvoll verkMrte, Haderte in jedem einzelnen Mädchengesicht eine Aengstlichkeit, 6 Als dne^öer Kleinsten, das die trostlose Ginheitstracht vielleicht erst seit kurzem trug, ein paar zaghafte Plapperwutq hervorstieß, zerschnitt ein kaltes Pst! die neugierige Frage, schlug damit die vielen Herzenstüren, die gerade jetzt einen schmalen Spalt offengestanden hatten, erbarmungslos wieder zu, und zwang die Gesichter in dieselbe Traurigkeit und Verlorenheit zurück, wie wir sie von gefangenen oder gequälten Tieren kennen. Was galt mir nach diesem tragischen Zwischenspiel noch die musizierende Landschaft? Was konnten noch die Arize 6e8 Reuen in mir aufwirbeln? Dieses Pst! hatte die Landschaft vor meinen Augen wieder mit unendlichen Jmmortellenkränzen von Rauhreis bedeckt. Roch einmal blickte ich den armen Kleinen nach, deren Schritte dicht bei dicht den Hügel hinabirrten. Sch hatte aus einmal so viel Angst in mir, so viel Machtlosigkeit. Denn ich sah einen Menschen, der seine eigenen Verbitterungen an eine Schar von Kindern weitergab. Marseille. Hier ist Frühling Trumpf. Aber Schmutz auch Sn weitem Halbkreis drängen sich die hohen Häuserkolonnen um den betriebsamen Hafen. Rach den Borstädten zu lassen sich die Häuser wieder los, und die Landschaft bekommt dann dasselbe Gepräge Sm allgemeinen ist der Franzose ein schlechter Geschäftsmann. Das beweist er schon durch daS zähe Festhalten am Versailler Vertrag, der ihn deshalb in eine finanziell trostlose Lage gebracht hat, weil er sich absolut auf ihn verfietz. Seder Staat, der in finanzielle oder innerpolitifche Schwierigkeiten gerät, muh sich aus ihnen, um sich zu retten, ohne fremde Hilfe herausorganisieren. (Wenn er nicht imstande ist, durch fremde Kredite seine PrvduktionsfShigkeit zu vervielfälttgen, bringen Ihn diese Kredite nur dem Bankrott näher!) Der Provenzale aber ist ein Unikum von Geschäftsmann. Wäre ich ein amerikanischer Milliardär und käme Frankreich zu mir, um Kredite zu haben, so würde ich ihm wegen des Provenzalen welche geben. Wir kennen den Provenzalen in allen öchattterungen. Die französischen Schriftsteller kommen immer wieder auf ihn zurück. Ünb jeden Tag sieht er anders aus. Jeden Tag kann man eine neue Entdeckungsfahrt in das Wuchselbunte seines Wesens machen. Da er mit einer wahren Leidenschaft seine fabelhaften kaufmännische-n Anlagen herauszukristallisieren versteht, tut er des Guten oft zuviel und multipliziert die Tagespreise mit 3, 4, 5... solange, bis man's endlich merkt. Gr ist kein guter Menschenkenner. Er sieht im anderen immer nur sich selbst, er sieht nur, wie weit sich seine eigenen Anlagen mit denen des anderen decken. Zum Menschenkenner fehlt ihm die Kühle und Objektivität, die wir am Engländer bewundern können. Hier gibt es viel weniger Juden als in Roröfrankreich. Der geschäftstüchtige Intellekt des Provenzalen ist ein besseres Austreibemittel als alle judenfeindlichen Bewegungen. Der Provenzale kennt keine Rassenprobkeme. Seine Geschäftstüchtigkeit P seine einzige Klinge, die er hat. Er will nur handeln und überläßt dafür dem Norden die Probleme. Der Jude, der an derartig seltener Geschästsintelligenz zurückvrallt, sucht sich natürlich lieber Länder auf, die schwerer, intensiver und eindeuttger in ihrer Gesinnung sind. Ich sitze in einem kleinen Restaurant am Quai, trinke einen bejahrten Bordeaux und drehe mir einige Zigeratten. Die Sonne erfüllt die Luft mit Lenzlichkeit. Eine warme Brise kommt vom Meere her. Oben auf der Höhe steht in Lichtmusik eingesponnen die berühmte Kirche Rotre Dame de la Garde. Draußen das Meer glänzt wie eine große Verheißung. Wie Scharen junger Katzen spielen dis Wellen aus und nieder. Gin liebes Mädel setzt ein« große Langustenhälfte vor mich hin. O — Muscheln, Austern, Langusten und drei, vier Sm» §rovisattonen auf dem Instrument der Phantafie, das ist ein lusruhen an der warmen Brust des Südens. Gin Ruhen und Warten auf Fülle und Werk. Fischmarkt. Es stinkt scheußlich in der wetten, niedrigen Halle. Fette Weiber reißen mit geübtem Griff die Körbe auf und schichten die groteskesten .Fischvisagen auf ihren Ständen aneinander. Lieber die Abfallhaufen machen sich wilde Hunde und alte Bettelmänner her. Dabei treffen oft ein paar dürre, zittrige Finger mit einer Hundeschnauze zusammen, und dann, wenn keiner von beiden der Klügere sein will, gibt 8 Tritte und Bisse und zerfetzte Hosenböden. Ich verlasse schnell wieder diese Baracke voll Gestank und Geschrei, und gehe, mir ein Motorboot suchen, um eine kleine Rundfahrt durch den Golfe du Lion zu machen. Sn langen Ketten warten hier am Quai die toettergebräunten provenza- lischen Motorbootbesitzer auf ihre - Opfer. Ich trete unter sie, und schon erhebt sich ein wahres Vokalkonzert von leides schastlichen Anpreisungen. Einer hängt sich bei mir ein und will mich nach seinem Doot entführen. Doch diesem schlauen Jupiter tue ich nicht das Vergnügen, und springe dafür m em kleines flinkes Boot, das ungeduldig und graziös am Afer hin- und herhüpft. Der Motor schlägt an und in gerader Lime jagt das Boot aus dem Hafen, fährt unter der riesigen Transportbrücke hinweg (ein frecher Provenzale übt von oben sein Geschick im ZielspuckenI), saust am Fort Et. Ricolas, dem Sammelpunkt der Fremdenlegionäre, vorüber, läßt das Schloß der ebenso geist- wie verhängnisvollen Kaiserin Eugenie im Rucken, und steuert nach Chateau d'Jf, das einst den größten Mann Frankreichs als Gefangenen in seinen Mauern sah: Mlrabeau. Nizza. , , „„ , Der Expreß rollte die französische Riviera entlang. Hauser und Gärten hatten ihren französischen Charatter auf gegeben. Es war Italiens wiegeweiche Luft, die näher kam und Blick und Herz mit Erwartungen beschlug. Die Wiesen schmolzen hm in ihrem ersten zarten Grün, Rosen schaukelten auf langen Stengeln wie Berauschte. Blühende Pfirsichbäume, die mutwilligen Fäuste des Frühlings, langten zwischen dem Astwerk noch schlafender Bäume empor. Hinter la Siotat stürmte der Expreß am Meere entlang, das behutsam wie die Brust eines Schlafenden auf und nieder ging. Wie entzückende Improvisationen hingen Segelboote in der Ferne. Man wußte nicht, ob sie dem Meere oder dem Himmel gehörten. Vor Toulon sah ich die ersten Agaven in den Garten. Graugrün sprangen sie auf, zackig und scharf tote Schwerter. Sie sind genügsam tote Einsiedler und haben etwas tron der Monumentalität sagenhafter Ritter. In der Rühe von Cannes saust« der Expreß wieder vorm Antlitz des Meeres hin. Die Sonne lag magisch in dem braunroten Gestein, das hier vom Meer« zu tausend Inseln und Inselchen wundersam zersägt wird. Unerträglich heiß war's im Abteil. Ich ritz das Fenster herunter und ließ die Düfte der Riviera hereinwirbeln. Draußen, die Küste entlang, promenierte internationale Eleganz. Aus end- losen Rasenplätzen spielten die unvermeidlichen Engländer Golf. Bald rechts, bald links vom Bahndamm tänzelte in graziösen Windungen die Autostraße. Schneller als der Exfweh (wir fuhren ungefähr mit 90 bis 100 Kilometer in der Stunde) flogen die Autos die Cöte d'azur entlang. Endlich kamen die ersten Palmen, die für uns im Rorden das exvttschste Instrument in der Musik des Südens bedeuten. Denn Pinien gab es schon um Marseille genug. Sie, die wie Orgelpfeifen beisammen stehen, sind die sakralen Stützen dieser Landschaft, sind Finger, die eindeutig zum Himmel weisen. Endlich nach ganzen Ketten von Wundergärten, in denen Mimosen gelbe Schleier schwangen und mit ihren Zweigen liebe- brünstig nacheinander langten, rollte unser Zug in Nizza ein. Nizza, Nizza! Langsam und andachtsvoll sprach ich wieder und wieder diesen schönen Namen für mich hin und genoß ihn jedesmal tote einen Schluck köstlichen Weins. ch Nizza ist eine fleißige Stadt — für Genüsse und in Genüssen. Seit 14 Tagen bereitet man sich auf den weltberühmten Karneval vor. Seit 14 Tagen klettern tagtäglich Dutzende von Arbeitern auf hohen Gerüsten herum und spannen zierlich- kitschige Bögen über die Straßen, und schrauben Tausende wn elektrischen Birnen ein. Erst in drei Wochen beginnt das »eit, das von einem Festausschuß bis in die kleinsten Knalleffekte ausgearbeitet worden ist. , Ich quirle bei diesem Gedanken traurig in meinem Absinty- glafe herum. Ich möchte die drei Wochen mit einem tob’1? Ruck zusammenziehen. Doch wir Feuilletonisten sind wie Lauv, das der Wind von einer Ecke in die andere fegt. Wir stehen auf der Bühne des Augenblicks, um für viele zu spielem Deshalb dürfen wir nie unsere tausend Wünsche springen laifim. Meine Hände spielen mit einer Rose. Zwischen Wolken von Parfüm, unverständlicher Wogensprache und Autokouzerien z 9 ich die „Promenade der Vereinigten Staaten" entlang. Drauß — 91 — Weidenbaum geklammert ho nur fest, wir bringen Hilfe!' t igen auf nden unde ürre, iann, ritte mich 3m» ein und und leine ngen mza» : sie, ibert» und auen l ein hin- 2inie :an8» sein irnel- der Iden, Rann beau. i Nehmten > von rrlich- e von Fest, effekte finth- iihnen Laub, stehen Dessen. n von I zieh' außen äuser i. Es und in in Sten» Kgen noch lang, lieber te in dem irten. . Eie lonu» sauste jonne Heere b. enster ußen, enb» Golf, siösen " (wir flogen orben euten. > wie dieser n. denen liebe» izza oiebet Ö ihn Vorerst war diese Hilfe noch fern. Der Fluh drang nun in das Dorf hinein, überschwemmte die tief liegenden Gehöfte, drang in die Keller, rasch hatte er die oberste Treppenstufe des FährmannShauses erreicht und floh in das Innere. Man schaff^ da wo das Wasser in die Gebäude eindrang, Pferde, Kühe uttb Schweine aus den Ställen, trieb das geängstigte Vieh durch das Wasser nach den oberen Ortsteilen. Es schien, als ob im ganzen Gebirge der Schnee mit einem Male zur Schmelze gekommen sei, immer mächtiger und immer reihender rauschten die gelblich-weißen Muten heran, sie brausten und schäumten, sie gurgelten um die Ecken der Häuser, und die Menschen sahen, daß sie der tobenden Mut keinen Widerstand entgegensetzen kvnnt^, toar iaä Hochwasser nicht, das wir im 1784er Jahr hatten," sagte ein alter Mann, „damals toar ich ein Bub von vierzehn Jahren." Mehrere Stunden lang hielt die Mut an, nachmittags um vier Ahr ebbte sie ab, die Strömung verlangsamte sich, das wilde Schieben der Wellen hatte ein Ende erreicht, rasch trat das Wasser aus den Dorfstrahen zurück, die Ufer allerdings waren noch weithin überschwemmt. Zum Glück hatte man den zweiten Nachen, der an der Fährstelle lag, ehe die Aeberschwemmung ihre stärkste Gewalt entfaltete, an das Land gezogen und dort befestigt. Als die Dunkelheit einbrach, fuhren einige beherzte Männer mit ihm nach der Insel. Einer toar unter ihnen, der in einem Pionierbataillon gedient hatte, er gab die nötigen An- toetfungen, wie man fahren sollte. So gelang es, den Fährmann aus seiner gefahrvollen Lage zu befreien. Da fein eigenes Haus unter Wasser stand, so brachte man ihn nach einem Nachbarhause, wo er Glühwein zu trinken bekam, und so mit Federbecken zw- gebeckt würbe, bah ihm bald der wohltätige Schweiß ausbrach. 8. Als Christine Wild aus der Ohnmacht erwachte, befand sie sich in ihrem Hause, und Aachbarssrauen waren um sie bemüht. Es dauerte eine Weile, bis die Frau sich wieder in die Wirklichkeit zurückfand. Niemals war in ihrem Leben so viel auf sie eingestürmt als an diesem 26. Februar 1844, dem Tage der größten Aeberschwemmung der Nahe, die sich im Lichte Der Geschichte abgespielt hat und die denen, die sie erlebt haben, bis an ihr Ende in der Erinnerung geblieben ist. Don der Tochter und den Enkelkindern, von denen das jüngste ruhig in feiner Wiege schlummerte, war sie plötzlich an das Krankenbett des Mannes gerufen worden. Einen mühsamen Weg war sw mit dem Knechte im Trombachtal durch den schmelzenden Schnee gegangen. Als sie am Ende dieses Weges angelangt war, sah sie die Nahe mit gewaltigem Ungetüm vorüberbrausen. In Angst und Sorge hatte sie gewartet, bis der mutige Fährmann sie abholte. Dann kam die gefährliche Ueberfahrt, zuletzt hörte sie die seltsamen Worte des mit feinem Aachen in das Berber den Da sank die Frau ohnmächtig am User nieder, es entstand eine große Verwirrung, wenn auch kaum einer von denen, die am ‘Ufer standen, wußte, was der Mann, der sich dem ^.ode preisgegeben sah, mit seinem Ausrufe gemeint habe. Der Aachen schoh durch die Mut, diese trug ihn geraden Weges nach der Insel, wo noch die Weidenbäume aufragten, und stieß in die Zweige eines der Bäume hinein. Es gelang dem safjrmann, diese zu erfassen und sich in die Höhe zu arbeiten. Der Aachen wurde fluhabwärts gerissen, der Mann toar vorerst gerettet, aber er schwebte in der Gefahr, umzukommen, wenn der Mutz auch die Weidenbäume der Insel überflutet haben würde. Christine Wild war nach Hause gebracht worden. Aach ihr hatte man, als sie das Ufer erreicht hatte, nicht mehr viel gesehen, aller Augen hingen an dem Manne, der sich an den Weidenbaum gefiammert hatte. Man rief ihm zu: „Halte dich mann, auch wenn der Aachen abwärts getrieben wurde, doch immer wieder sich der Strömung anzupassen und den Gegenständen, die im Wasser schwammen, zu entgehen. Einige Männer waren auf der linken Seite bis an die Hüften in das Wasser getreten, um den Nachen zu fassen. Mehrere Male machte der Fährmann den Versuch, sie zu erreichen, aber immer wieder kam eine am linken Ufer gewaltig einherbraufende Mut, die den Nachen wegrih. Da hielt der Knecht den Männern die Stange hin, diese wurde ergriffen, der Nachen schob sich heran, die Männer faßten die Spitze. Der Knecht sprang in das Wasser» hob die beinahe ohnmächtige Frau heraus, starke Arme nahmen sie in Empfang und trugen sie an das Ufer. Der Fährmann toar aufgestanden, um auch das Ufer zu gewinnen, da rih eine starke Woge den Aachen mit solcher Kraft hinweg, daß die Männer, die die Spitze gefaßt hatten, diese nicht mehr zu halten vermochten. Der Fährmann fiel in das Fahrzeug zurück, die Ruder entglitten seinen Händen und verschwanden in den Stuten, der Nachen wurde von den tobenden Wellen weggerissen. Balken und Türpfosten stießen dagegen, jeden Augenblick meinten die Zuschauer, den Wann versinken zu sehen. Entsetzt schrien fte auf; da winkte der Fährmann mit der Hand'Herüber und rief fo laut, daß es das Toben des Elementes und das Schreien der Menschen übertönte: „Leb wohl, Christine, ich bin der Michel Klee von Duchroth!" aus dem Meer lebt sich der blaue Tag zu Ende. Movenschwärme umkreisen neidisch den dahinwanbelnden Reichtum. Doch die guten Tiere können lange warten! Die Nerven der Reichen gehören hier größtenteils dem Spiel, und wen dieser Rausch befällt, der hat kaum noch Zeit für Tiere, Meer und Pflanzen, für Essen, Trinken und Schlafen. Hier blühen sich Vermögen im großen Spielkasino zu Ende. Gestern früh fanb man einen Rumänen mit durchschossenem Schädel auf dem Pflaster. Gr hatte Nerven und Vermögen im Taifun des Spiels verloren. Schon tanzen die Lichter der großen Bogenlampen auf Der klaren Meeresfläche. Sine kleine Römerin ^rfcht sich an mich heran und appelliert an meine Abenteuerlust. Sie sieht sehr elend aus. Sie hustet verdächtig. Sch nehme fte mü in mein Hotel, wo wir soupieren. Ich plaudere lange in ihrer Muttersprache mit ihr. Sie will nach Rom zum h-iligen Jahr. And weil sie kein Geld zu dieser Reise hat, läßt fte sich, aus Sehn- sucht nach der Heimat, von fremden Händen willig schänden. Wir haben Stunden schon verplaudert. Sie wartet auf meinen Wink, der sie in mein Zimmer befiehlt, wartet mit einem Unterton von Schmerz in ihrem Lächeln. Ich stehe auf. gebe ihr einen kleinen Fond zur Reise und begleite das froh-erstaunte kleine Menschenkind die Terrasse hinunter. Der Kellner, der uns bediente, steht oben am Vestibül und betrachtet uns wie ein Psychologe. Wie weit es aber mit seinem psychologischen Können her ist, wird mir nicht schwn zu erraten, denn einige Male flüstert er vor sich hin: „Oeft un Homme trss comtque, trßs comique!“ Der Fährmann von Niederhausen. Don Heinrich Dechtolsheimer. (Schluß., Von Stunde zu Stunde wurden die Wassermassen stärker, Immer höher stiegen sie, und um die Mittagszeit fluteten sie in Niederhausen schon bis dicht an die Landstraße. Immer mehr Menschen sammelten sich in der Nähe des Fährmanns Hauses an. Sonst an schönen Sommertagen floh die Nahe In grau-gruner Färbung einher, oft war der Wasserstand recht niedrig, so daß man an vielen Stellen mit dem Wagen hindurchsahren konnte, nun wälzten sich gelblich-weiße Wassertoogen einher^ Sie gut- gelten um die Büsche, die am Ufer standen, sie überfluteten die Insel die sich etwaS unterhalb der Fährstelle befindet, so daß dort nur noch die Weidenbäume hervorragten. Immer mehr nach der Straße zu hatte der Fährmann die Nachen ziehen müssen, nun befestigte er sie mit den Ketten an zwei Meilen» fktnSa erschienen plötzlich am jenseitigen Äser zwei Menschen, ein Mann und eine Frau, die lebhaft winkten und allerhand riefen, das man jedoch nicht verstehen konnte, da der an- geschwollene Muh stark rauschte. „Das ist dem Hannes Wild seine Frau und sein Ki«cht, riefen mehrere Stimmen. „Wie wollen die jetzt über die Nahe herüberkommen?" . , Allmächtiger Gott, die kann der Fährmann nicht mehr übersetzen. Das Wasser wirft den Nachen um“ schrien andere, „und dabei kann der Wild sterben, ehe ihn ferne Frau noch Immer ^ängstlicher winkten die beiden herüber, immer dringender schien ihr Rufen zu werden. Die Leute die am linken Afer standen, winkten wieder und riefen: „Ihr könnt nicht herüber, geht wieder zurück." . Ohne ein Wort zu sprechen, hatte Seipp dagestanden und die wogende Mut beobachtet. Auf einmal machte er einen Nachen los und sprang hinein. . „Ihr werdet doch nicht überfahren wollen, Ihr seid em Kind des Todes," rief ein Mann und wollte den Fährmann aUrU/3iet 6tr5mung ist noch ruhig," rief dieser, und schon hatte er die Stange ergriffen und den Nachen abgestoßen. Vorsorg- licherweise hatte er am Morgen schon die Ruder, die er sonst das ganze Jahr hindurch nicht brauchte, eingelegt. Angstvoll folgten ihm die Blicke der Leute, die am Afer standen. Sn der Erregung springen sie alle durcheinander. . Es war eine gefährliche Fahrt, denn schon wurden in den Wogen Gegenstände mitgeführt, die das Wasser an sich gerufen hatte: Türen, Bretter, Gartenzäune, entwurzelte Bäume. Aber der^ Fährmann lenkte fein Fahrzeug gewandt hindurch. Mitten auf dem Musse fand er keinen Boden mehr für seine (Stange, da zog er diese heraus, warf sie in den Nachen und ruderte durch die Mut. Die Strömung war so stark, daß er etwas abwärts getrieben wurde, aber er gelangte in die Nähe des Afers, zog, da er hier wieder Boden fand, die Stange herbei und arbeitete sich bis zur Stelle durch, wo die beiden standen. Der Knecht faßte die Spitze des Nachens und zog diesen nach dem Lande. Dann half er der Mau in das Fahrzeug, stieß dieses ab und sprang selbst hinein. . Der Fährmann handhabte die Ruder, der Knecht arbeitete, so lange er konnte, mit der Stange. Die Zuschauer am Afer hielten den Ottern an und erwarteten schreckenbleich, daß das Fahrzeug jeden Augenblick umkippen werde. Aber es gelang dem Führ- hatten nicht eine eiserne Größe einer das Jahres Er fand Gejatlen an — — . Rat lernte ich. obgleich ich beinahe dreißig Jahre alt war, das Wagnergeschäft, und die braven Leute nahmen mich schließlich an Kindesstatt an. So bin ich zu dem Aamen Seipp flammen. Zuerst starb die Pflegemutter, dann der Pflegevater, ich hab« das Haus bekommen, schließlich wurde ich als Gießener Bürg« angenoinmen. Manches Bürgermädchen hat nach ""r gesehen, wenn ich nach Feierabend durch die Straßen ging, aber ichKvottte nicht heiraten. Christine, ich mußte immer an dich denken. Dem Manne liefen die Tränen über das Gesicht, als er bas sagte. Gr hielt einen Augenblick inne und wischte sich mit einem reinlichen bunt gemusterten Taschentuch das Gesicht. »Fünfundzwanzig Jahr," fuhr er fort, ^habe ich in der Fremde gelebt. Ich habe dort viele brave Menschen tennew gelernt und habe mir manchen guten Freund erworbenAis> tch aber fünfzig Jahre alt geworden war, hat mich das Herwweh gepackt. Ich war ein sehr armer Bub. aber an meinen Geburtsort Duchroth, wie er oben auf der Höhe liegt, mußte ich immer denken. Die Rahe schien mir viel schöner zu sein als die Lahn, es tat mir leid, daß ich so lange keinen Wingert mehr gesehen und keine Traubenlese mehr mitgemacht hatte. Und, Christine, ich wollte auch wissen, ob du noch lebtest und wie es dir ginge. So habe ich eines Tages HauS und Geschäft verkauft, habe einem Fuhrmann, der nach Mainz fuhr, meine Möbel und mein Handwerksgerät übergeben und bin nach Kreuznach gekommen. Der Salineneinnehmer in Münster am Stein hat mich als Arbeiter angenommen, und so war ich wieder in beiner Rahe, vinen Dauer aus Aiederhausen, der Trauben nach Kreuznach fuhr, hatte ich nach deinem Wanne und nach dir gefragt und alles erfahren, was ich wissen wollte. An einem Sonntagnachmittag bin ich nach Riederhausen gegangen, habe mich so gestellt, als ob ich Trauben kaufen wolle, und bin auch an eurem Hause voruber- gekommen. Da sah ich dich am offenen Fenster hinter Blumen fitzen, nicht mehr schwarz von Haar wie damals un vierzehner Jahr, sondern grau. Ach. Christine. Altwerden ist ein Los, dem keiner entgeht. Aber es hat mir doch leid getan, als ich sah, daß deine Jugend vorüber war." Michel," sagte die Frau, und Tränen trübten ihre Augen, »unser Pfarrer hat vor ein paar Wochen in der Predigt einart Vers genannt, den ich nicht vergessen kann. Er heißt. Mit iwem Regengüsse ändert sich dein holdeS Tal, ach, und in demselben, Flusse schwimmst du nicht zum zweitenmal. Der Pfarrer hat den Vers so erklärt, daß Vergangenes nicht wiederkehrt und daß der Mensch den Augenblick benützen, im Augenblick sich seine- mlt einer Angelrute an die Lahn gegangen, Wenn ich an das Wasser kam, stand dort meist schon ein alter Wann, der gleich- falls fischte. Lange Zeit hat er nichts mit mir gesprochen, bi» er an einem Sommerabend mich fragte, woher ich sei und was ich in Gießen mache. Als er hörte, daß ich fremd sei und ftetna Eltern mehr habe, lud er mich ein, ihn in seinem Hause zu besuchen. Er war ein Wagner, hieß Seipp und wohnte in der Wolkengasse. Run, ich will eS kurz machen. Der Mann hatte nur noch seine kranke Frau, alle seine Kinder waren gestorben. - - - mir und nahm mich bei sich auf. Auf seinen ich ich beinahe dreißig Jahre alt war, das Ja, Christine, ein Tal ändert sich schnell. Wie schon war das Rahetal immer im Sommer, wenn der Wald grün war, das Wasser leuchtete dann am Abend, wenn die Sonne am Untergeben war, wie flüssiges Gold. Und nun gestern am Himmel die fliehenden Wolken und die breite, wild dahiw rauschende Flut! Jung werden wir nicht mehr, Christine, und das Glück, das deine Eltern uns nicht gönnen konnten, komntt nicht zu uns, aber ich bin froh, daß man mich einmal da begrabt, wo der Lemberg liegt und die Rahe fließt. Als ich gehört hatte, daß der alte Fährmann nach Rorheim zu seiner Tochter gezogen sei und daß der Fährmanns dienst nicht recht ausgeübt wurde, habe ich mich gemeldet. ES ist ein geringes Amt, das ich habe, aber die Rahe hat es mir angetan, seitdem ich beim Rckela SachS am Ufer gesessen und von seinem Aachen aus mit der Stange auf den Fluß gestoßen habe. Ich habe hier seither zufrieden gelebt, konnte ich dich doch fast jeden Tag sehen. Kein Mensch hätte mir mein Geheimnis entlockt, aber als ich gestern meinte, ich wäre verloren, da wollte ich dir doch einen Gruß zurufen. Christine trocknete ihre Tränen und stcmd auf. Dann packte sie ihren Korb aus und stellte ihre Gaben auf den Tisch. Me hatte schöne Aepfel, Wurst und Wein für den Fährmann mit- aebracht. »Es war Gottes Rat," sagte sie, »daß wir nicht zusammen- kommen sollten, aber so lange wir leben, Michel, wollen wir einander beistehen." Sie reichte dem Fährmann die Hand und ging weg. Hannes Wild lebte noch drei Tage, dann nahm das schwer« Röcheln ein Ende, und der Mann, über den trotz seiner Biederkeit viele gelacht hatten, schlief ein. Er, der im Leben so wenig geredet hatte, war nun ganz schweigsam geworden. Zwischen den beiden, die nach langer Trennung einander wiedergefunden hatten, blieb es wie seither. Michel Klee fuhr fort in seinem Fährmannsdienst, und Christine verbrachte ihr - Leben in der Fürsorge für Kinder und Enkelkinder. Hand hinaus gekommen. Der Rachbar, der den Fährmann aufgenommen hatte, hatte nach dein Arzte geschickt. Der kam in der Mittagsstunde, verordnete Lindenblütentee und Bettruhe, dann ging er zu dem kranken Hannes Wild. Gr fand keine Veränderung an dem Kranken und gab der Frau einige Verhaltungsmaßregeln. Dann sagte er ihr: „Ich habe Euch etwas auszurichten. Der Fährmann verlangt nach Euch, Ihr möchtet heute noch zu ihm kommen." Christine packte einige Lebensmittel und eine Flasche Wein in einen Korb und ging mit Herzklopfen aus ihrem Hause. Die Leute, bei denen der Fährmann Aufnahme gefunden hatte, waren damit beschästtgt, das eingedrungene Wasser aus dem Keller zu schaffen. Die Magd, die gerade mit einem gefüllten Eimer in den Stall gehen wollte, wies die Frau nach dem Zimmer, das dem Wohnzimmer gegenüber links vom Haus- cingang tag und dessen einziges Fenster nach dem Hofe ging. Der Fährmann tag in einem reinlichen Bette, Kissen und Ueberzug waren rot gestreift, Im Ofen knisterte ein Holzfeuer. Als Christine eintrat, flog ein Schein von Freude über da« Gesicht des Mannes. „Christine, ich bin es wirklich, der Duchrother Michel," sagte er, „im vierzehner Jahr bin ich arm und zerlumpt zu euch gekommen. Setze dich neben mein Bett, damit ich dir erzählen kann, wie alles gekommen ist." Die Frau nahm auf einem schweren Eichenstuht, 6er neben dem Bette stand, Platz. „Ich muh von vorn anfangen,“ sprach der Mann, »sonst mache ich Durcheinander und du bist so klug wie vorher. Sieh, Christine, als ich damals im Zorn und in Traurigkeit von euch ging, da kam ich zum alten Fährmann Rikela Sachs. Gr hat es gut mit mir gemeint, aber er hätte mich nicht nach dem Montforter Hof führen sollen, wo ich an die Wilddieberei geraten bin. Beinahe wäre es mir dort an den Kragen gegangen, öa habe ich mich auf und davon gemacht. Zuerst habe ich in Bingen bei den Maurern als Handlanger geschafft, bann eine Zeitlang im Frankfurter Hafen beim Gin- und Ausladen der Schiffe. Qtber ich wollte nach Hamburg, um von dort über das Meer zu fahren. Cs ging schon auf den Herbst, als ich nach Aorden wanderte. Eines Tages sah ich zu meinen Füßen eine Stadt liegen, deren Kirchturm hoch hinausragte, links von der Straße, auf der ich ging, sah ich einen Berg mit einer alten Burg, so wie die Montforter Burg, nur größer und besser erhalten. Unten im breiten Tale floß ein Fluß wie die Rahe. Da fragte ich einen feinen Herrn, der auf der Straße ging: Mit Verlaub, was ist das für eine Stadt? Gr sagte: Das ist Gießen, und ging weiter. Run, mir gefiel die Gegend mit den schönen Wäldern und den alten Burgen, und ich beschloß, ein paar Wochen dort zu bleiben. AuS den paar Wochen sind fünfundzwanzig Jahre geworden. Als ich in den ersten Jahren dort war, bauten sie eine Kirche. Die alte Kirche hatten sie abgerissen, nur der Turm war stehen geblieben. Da habe ich an dem Kirchenbau geschafft und schönes Geld verdient. Die Jagd habe ich ganz gelassen, denn ich hatte kein Geld, um eine Jagd zu pachten, und ein Wilddieb wollte ich nicht mehr werden. Dort in Hessen wäre das auch nicht möglich gewesen, denn die hessischen Gendarmen passen scharf auf, und Förster gibt es dort, die es mit dem Leibhaftigen aufnehmen. Dafür habe ich mich an das Fischen gemacht und bin oft abendS treibenden Fährmannes »Leb wohl, Christine, ich bin der Michel Klee aus Duchroth!" Michel Klee! Ach, der mutzte doch schon lange tot fein, seit dreißig Jahren hatte sie nichts von ihm gehört. Hatte sich der Mann einen Scherz mit ihr erlaubt? Wie konnte er der Michel Klee fein, er hieß doch Seipp und war gar nicht aus der Gegend gebürtig. Aber als Christine nachsann, da tarn ihr auf einmal, daß der alte Mann mit dem langen grauen Bart und dem kahlen Schädel doch in vieler Beziehung an den Verschollenen erinnerte. So hatte auch Michel drein- gesehen, offen und ehrlich den Mensen in das Auge blickend, so hatte seine Stimme geklungen Die Gestalt, die Gröhe, die Wesichtsform, der Gang, alles stimmte. Kein Auge schloß die Frau in dieser Rächt. Sie saß, selber schwach und matt, am Bette des Ehemannes, der schwer atmete und ohne Bewußtsein war, sie legte ihm nasse Tücher auf die Stirn und pflegte ihn sorgsam, aber immerfort tönten ihr die Meldung kam auf Meldung am nächsten Morgen von der ver- Worte be8 Fährmanns in das Ohr. Heerenden Wirkung der Ueberfchwemmung. Die Bäche, die in die Rahe einftrÄnen, hatten ungeheure Wassermassen mit sich geführt. So schnell war das Hochwasser gekommen, datz man es nach den flußabwärts gelegenen Orten gar nicht melden konnte. An verschiedenen Stellen des Rahetales waren Gebäude ein- gestürzt, andere waren dem Umsinken nahe und mußten gestützt werden. Menschen waren mit fortgerissen worden. Haustiere hatten nicht gerettet werden können Zu Kreuznach waren die Kuranlagen zerstört worden An einem der Pfeiler der alten Kreuznacher Brücke ragt noch heute in sehr beträchtlicher Höhe Hand hervor, die den Aachlebendem die furchtbare früheren Ueberfchwemmung angeben soll, die Flut 1844 war beinahe einen Meter über die eiserne Vchrifileitung: Dr. Friede. Wiih. Lange. — Druck und Berlaa der Drühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen.