Gießener ZainilieMStter Unterhaltungsbellage zum Siehener Anzeiger Jahrgang (925___________ Samstag, den 21. Sebruar Nummer 16 Müdes Hirn. Don Hugo SaluS. So lang mein Hirn gesund war, frisch und jung. Hat es mit neuen Schätzen sich bereichert Änd -sie im hellen Saal Erinnerung, Bild neben Bild, wohlweislich aufgespeichert. Em jeder Augenblick kam beUtefchwer, Ein jeder Ton wußt' Neues stets zu schildern, Verstand als Ordner ging dazwischen her, Beziehung findend zwischen all den Bildern. Du Saal Gedächtnis, bist du denn schon voll? Wardst du denn müde, Ordner, unterdessen, Daß dich ein anderer verdrängen soll? -Und dieser neue Ordner heißt Vergessen, Win Schleier Leckt die Fenster in dem Saat, Sie leuchten auf in mattem Lichtgefunkel, Sn allen Nahmen schaust du traurig fahl Ein Einzig Bild: die Sehnsucht nach dem Dunkel. Fichte und dee Befrerungsürieg von 1813. Nach Ausbruch des Befreiungskrieges richtete Fichte an die preußische Regierung das Gesuch, als religiöser Redner mit ins Feld ziehen zu dürfen. Welche Erwägungen ihn dabei leiteten, zeigen die nachstehen- den Lagebucheinträge und Briefe, die wir der jüngst erschienenen kritischen Ausgabe von Fichtes Briefwechsel svon H. Schulz, Leipzig, Verlag Haefsel, 2 Bde.j entnehmen (getreu nach dem Original). Sie gestatten uns einen Einblick in Fichtes religiös-sittliches Innenleben. „1813 März—April. Tageb u ch. Entscheidende Berathfchlagung für den grgenwärtigen Zeitpunkt für mein Eingreifen. D-e Neigung ist ganz Wegzubringen: sie weicht aber nur der Pflicht. — Erste Pflicht ist, meine Wissenschaft weiter zu bringen: kann ich dies auch nicht durch Lesen, so kann ich es doch durch einsames Medittren; — aber auch Wohl im Felde! — Aber Pflicht ist es auch, Theil zu nehmen an der großen Bewegung der Zeit, da zu rathen, zu Helsen. — Halt; dies schärfer! — Wenn ich wirken könnte, daß eine ernstere, heiligere Stimmung in den Leitern und Anführern wäre, so wäre ein Großes gewonnen; und dies ist das Entscheidende ..... Heiligen, ernsten Sinn befördern und alles daraus herleiten. (Elend der Menschen, die solchen Aussichten sich verschließen!) .... Nur ist stets der Zweifel, ob es geschehen könne — ob ich eigentlichen Beruf dazu habe, oder nur außer meinem wahren Berufe mich Dazu dränge. — Zu -können, hoffe ich; ob ich solle, hängt vom Schicksale, von den äußern Umständen ab. Da alle bis jetzt, die dabei interessiert sind, meinen Vorsatz gebilligt haben, so scheint darin allerdings der Fingerzeig Gottes zu liegen. Diesem muß ich mich ferner überlassen. — Dies ist ein entscheidendes Argument — die B il l i g u n g: Schuckmann'S*) Widerstreben bedeutet gar nichts. — — Es kommt darauf an — unb dies entscheidet — daß ich der Reinheit meines ersten Anerbretens mir ganz bewußt werde, wenigstens jetzt es herstelle, mit W a h r h eit in Gottes Hand mich ergebe. Deshalb den ehemaligen Entschluß geprüft, und jetzt alles gereinigt, geheiligt ______ Den Isten, 2ten April. Ob ich diesen Beruf auf diese Weise mir geben dürfe, ist die Frage. — Welches ist er? Sn bee gegeiinxKtig?n Zeit und für den nächsten Zweck die höhere Ansicht der Menschen zu bringen, die Kriegführer in Gott einzu- tauchen ..... Alle meine Wirksamkeit ginge also auf Bilden eines neuen Menschen. Gelänge mir nun dies, wäre es gut für das unmittelbare Handeln, für den gegenwärtigen Zweck? Warum nicht? Einige werden bestärkt und ihnen die Sdee gegen- wattig erhalten, z. D. meine Studirenden, andere der Idee näher gebracht. Da Hilft eb«i das unmerkliche Höherstimmen und Heiligen. Die Prediger sind in dem gleichen Falle, und ich weiß „ Friedrich -von Schuckmann, Ehef des Departements für -wuitu« und Unterricht. bwhl, daß ich mein Geschäft eben so gut verrichten werde wie st« alle ...... . Aber ob ich eS solle? — Das Gesagte erkenne ich. Sst's Mir nun nicht Sünde, wenn ich nicht darnach thue? Beruft nicht gerade mich meine Erkenntnis und mein Eifer? — Könnt' lZ etwas Besseres thun? Schreiben über die Zeitbegebenheiten, Dies auch im Felde: kann beides nicht miteinander bestehen, so muß das nicht minder Wichtige weichen. — Täusche ich mich aber tticht in mir? Sch muß es eben versuchen. Es ist schwierig, aber hüte dich vor dem Ergriffenwerden von der Phantasie, Die Menschen pflegen das Unbekannte zu fürchten: so ich, so Nicolovius.für mich. Doch tritt nur kühn hinter den Vorhang! Also auch dies ist gehoben und weicht. Die ratio decidendi") tft: bte Kraft der lebendigen Rede zu versuchen und mir vielleicht diese neue Wirksamkeit zu erwerben. — Dies nur mit göttlichem Sinn gethan; also mir strenge Regeln gesetzt, überhaupt -ein aufmerksames Betragen angefangen, Tagebuch gehalten u. s. f. So kann dies auch zur innern Verbesserung dienen, und zur Niederschlagung der Phantasie. Noch diesen Zweifel! Mißlingt es, verliere ich vielleicht nicht Süc.; ®° gewänne ich wohl andere, von der andern Seite, Meine Grundsätze -finden doch wohl irgendwo Eingang. Unbesonnen werde ich nicht sehn; darauf hin, glaube ich, muß ich eS wagen Die absolute Zurückziehung in die höhere Welt bleibt mir immer übrig. Meine äußern Verhältnisse werden mich nicht reizen. Mißlingt die Probe, so bin ich gerade da. wo ich jetzt bm. Also die Sache ist beschlossen! 1813 Februar 17. Berlin. Fichte an Fouque, Berlin, d. 17. Februar 1813. Sv gehe denn, theurer innig geliebter, und verehrter, wohin Dein Herz Dich ruft. Es ist ein großer Moment gegeben; es geboren Manner, wie Du, dazu, und diese am rechten Platze, um ihn herauszugestalten. Mich hat die rechte Freudigkeit, und Hofnung noch nicht er- grecken wollen; wenigstens nicht, wenn ich die Menschen ansehe. Doch, Gott hat ja gezeigt, daß er noch immer Wunder thue. Sch habe soeben tiefer denn je, in die Wissenschaftslehre mich eingegraben, die ich ununterbrochen für eben so tief ergriffene Zuhörer vvrtrage. Es schwebt ein eignes Schicksal über dieser Wissenschaft. Sm Sabre 6. sähe ich das Licht in welchem die Wahrheit allen einleuchten müßte, vor mir glaubte nur zugreifen zu dürfen. Die Folgen der unglücklichen Schlacht bewogen mich zur Aiiswanderung. Setzt, nach Sahren des Wanderns, und der Krankheit glaubte ich an demselben Punkte zu stehen; aber, es scheint, daß ich wieder werde unterbrochen werden. Dagegen will ich mich wehren, wenigstens so lange, als ich darf. Sch muß mir drum den süßesten Wunsch versagen, Dich noch einmal in Rennhausen zu besuchen — dagegen bitte ich Dich auf folg en den Vorschlag einzugehen. Dein Zug nach Breslau muß Dich ja in der Nähe bei Berlin vorbeiführen; etwa über Spandau, Potsdam — so daß eine Zusammenkunft mir nicht mehr als 1' oder 2. Tag koste. Melde mir Ort u. Zeit, und sch komme. älebrigens hoffe ich, Latz auch ohnedies ich Dich noch vor ausgefochtnem Kampfe gesehen haben würde. Unsere Universität wird warfcheinlich ganz zusammen schmelzen, und ein Oertgen zu einsamer Meditation wird es auch bald nicht mehr geben. Sch Habe auf diesen Fall schon Anträge gemacht, welche auch mich in das Feld der Waffen führen tvürden, und ich erwarte die Antwort auf diese Anträge. Mein Sohn, der jetzt das gesetzmäßige Alter noch nicht hat, wird mich sodann begleiten. Möchte sodann das Geschick uns einander nahe sichren, möchte ich meinem Sohne in Dir einen zweiten Vater, und Führer geben können! Shre eigne innre Grosherzigkeit unterstütze Deine -Gattin, der ich mich ehrerbietig empfehle, und die Deinigen. Meine Frau grüßt, und betet für Dich, und für die gute Sache. Deinen gütigen Antrag an hiesige Freiwillige aus besä Studierenden habe ich unferm Rektor v. Savigny zum "Gebrauche gemeldet. Mas von meiner Bekanntschaft fort wollte, ist schon fort, nach Breslau. Heil und Segen! Aus baldiges Wiedersehen. Ganz dec Deinige. _ Fichte. **) Der Dirmd der Entscheidung. - 58 — 1813 April. Fichte an Nicvlovius. Wie ich es bei' Fassungen aller bedeutenden Entschließungen zu halten pflege, daß ich mit der Feder in der Hand die Gntscher- dungsgründe aus der Liefe alles Wissens heraushebe, so habe ich es seit der mit Ihnen gepflogenen Unterredung und dem schriftlichen Beitrage dazu, für welche beide mein ganzer sittlicher Mensch Ihnen für Zeit und Ewigkeit verbunden bleibt, in Absicht des Ihnen Bewußten gehalten: diesen Morgen erst bin ich zu einem festen Aesultate gelangt. Ihre Teilnahme giebt mir das Recht, Sie für jeden Erfolg zum Zeugen meiner Gesinnungen zu machen. , , r Mein Plan ist, einen Versuch zu machen, die rn letzter x>n= stanz Beschließenden und Handelnden durch Beredtsamkeit rn die geistige Stimmung und Ansicht zu heben, von dem uns vorliegenden Vehikel der geistigen Ansicht heraus, dem Chrrften- thume. Ich thue dadurch freilich nur, was jeder Prediger auch thun soll; ich glaube es nur anders.thun zu können, als die gewöhnlichen Prediger, weil ich eine höhere, und geradezu praktischere Ansicht von Christenthum habe. Da mir diese Aufgabe gerade sich nicht erst seit jetzt gestellt hat, der jetzige Zeitpunkt aber die schrecklichste Gelegenheit ist, sie zu lösen, und ich nach allseitig gepflogenen •UePertegungen jetzt nichts Besseres thun kann; so halte ich es für ein ausdrücklich an mich gestelltes Pflicht- gebvt. Gelingt mir der Versuch, so ist der Gewinn unabsehlrch. MWtngt er mir, so ist er denn doch deutlich ausgesprochen, und er wird irgend einem andern nach mir gelingen. Das Zurückziehen auf den Punkt, wo ich jetzt bin, in die Welt des reinenBe- griffes, steht mir immer offen. Nachtheiliger kann meine Ansicht von der Gegenwart, und vollständiger meine Verzichtleistung auf das unmittelbare Handeln in ihr nicht werden, als sie es jetzt schon ist. Auch befürchte ich kaum eine 'Verschlimmerung! meiner äußern Verhältnisse. . Tie Verabredungen für einen, solchen Versuch waren nun $1. Ich von meiner Seite mache mich anheischig, wirklich Christenthum und Bibel vorzutragen, nicht etwa, was so häufig geschehen ist, eine Bibelstelle nur zum Motto einer moralisch- philosophischen Abhandlung zu machen. Dies liegt in meinem Zwecke. Ich Will in die geistige Welt heben: wo ich dies nicht durch Speeülation soll, da muß ich es durch das Christenthum thun. Daß aber die Stellen dabei oft einen liefern Sinn bekommen dürften, als der ihnen gewöhnlich Bei gelegt wird, muh man mir voraus zugeben. 2. Die Ordination kann füglich unterbleiben. Um so mehr rechne ich auf freiwillige Zuhörer. Bei der Brigade, wo ich stehe, kann neben mir der gewöhnliche Feldprediger predigen, und die Sakramente verwalten. Ich wünsche nur gebildete Zuhörer. Mein Plan wäre darum das Königliche Hauptquartier: bei demselben sind unmittelbar die Garden, und die Freiwilligen der Garde, unter denen die meisten Studenten sind. 3. Ich erbitte mir, unter niemand stehen zu dürfen, als unter dem Könige oder dessen Stellvertreter im Hauptquartiere. Wie es sich versteht, dah man mich sogleich in mein altes Verhältnis zurücktreten lassen kann, falls man meine Anwesenheit nicht zulässig findet, so erbitte ich mir die Erlaubnis zu gehen, sobald ich sehe, dah der Versuch nicht gelingt. Indem ich nur noch hinzusehe: dah ich mir nach genauer Selbstprüfung bewußt bin, dah keine Neigung auf diesen Entschluß mit einfließt, da es mir nach dieser persönlichen Neigung weit lieber wäre, das gewohnte Leben fortzusehen, auch sich mir in diesen Lagen ein anderer Plan aufgeschlossen hat, der mich weit mehr reizt: so lege ich diese Sache in Ihre Hände, fest vertrauend, dah dieselbe durch Sie rein unB klar entschieden werden wird." Im japanischen Teehause. Von Professor G. v o n H u 11 e n. Meine lieblichsten Erinnerungen knüpfen sich an die heiteren Abende, welche ich in den Teehäusern, den Nestaurationen der Japaner, verbrachte. Der bezaubernde Liebreiz der weiblichen Jugend kommt hier zur Entfaltung und verfehlt nie, den europäischen Besucher in Entzücken zu versetzen. In Begleitung des Führers Igntshi, der unseren Besuch bereits vormittags angesagt, erreichten wir das Leehaus. (Sinine zierliche Mädchen begrüßen uns am Eingang, indem sie sich auf die mattenbelegte Flur niederwerfen und den Kopf bis e Boden beugen. Der Schuhe beraubt, werden wir eine ale Hühnerstiege hinauf in einen großen Raum geführt, der im Handumdrehen durch Einsehen von papternen Zwischenwandtüren halbiert ist; unser Zimmer mißt jetzt ungefähr 6 Meter im Geviert. Einige auf meterhohen eisernen Leuchtern brennende Unschlittkerzen erhellen den Raum, der trotz des absoluten Mangels an irgend welchem Möbel behaglich aussieht, durch die blonde Naturfarbe des Holzes und die unvergleichliche Sauberkeit. Einige flache Kissen werden gebracht, und wir hocken, so gut es eben gehen will, auf den elastischen Matteni- boden nieder. Die gewöhnliche Sitzweise ist nämlich, daß man sich mit dem Gesäß auf die Hacken niederlaßt. Jeder von uns erhielt dann ein 20 Zentimeter hohes lackiertes Tischchen vorgesetzt, auf welchem mehrere Gerichte von Fisch, sowohl gebraten und gefüllt, als roh und in Scheiben geschnitten, nebst Sojatunke, wohlschmeckende Fisch- und Reissuppe, gedünsteter Reis, Lotoswurzeln, Omelett, Gerstengericht in Nudelform, Konfitüren und Naschwerk mit feinem Aroma, aber fadem Geschmack, in flehten lackierten Holzkummen oder Porzellantellerchen standen. Schlacht fleisch wird in Japan wenig gegessen, und nur äußerst selten bekommt man Schweinefleisch und Geflügel; dagegen gelten Krebse und Fifche als Nativ na lspeise; denn an der Küste wie in süßen Gewässern, wo der räuberische Hecht fehlt, wimmelt es buchstäblich von Fischen, die daher sehr billig sind. Zwar verbietet der Buddhismus das Abtöten der Tiere, aber der Japaner erklärt den Fisch und Krebs „zur Seelen Wanderung untauglich" und ißt sie ohne Gewissensbisse und ohne Furcht, in diesen Tieren vielleicht den Körper seines eigenen Großvaters zu verspeisen, Im Innern des Landes' und in den Bergen,, wo Wassertiere selten find, leben zahllose Menschen als Vegetarianer, Brot gibt es freilich in Japan nicht; seine Stelle vertreten Reis, Hirse und Gerste. Wir nehmen nun die beiden viereckigen, zierlichen E h st ä b - chen zur Hand und bringen nach dem Borbilde unseres Führers bald ein geschnitten Fleischstückchen, bald ein wenig Gemüse, dann einen Ballen Reiskörner, dann mal wieder ein Stück Zuckerwerk zum Munde, schlürfen ein wenig Fischsuppe, tunken Krebsstücke In das Miniaturtellerchen mit brauner Sauce — nach der Landessitte alles durcheinander. Ein halbes Dutzend allerliebster Puppen — ich meine junge Mägdelein von 12—15 Jahren nebst einigen gesetzteren 17—20jährigen ausdrucksvollen Wesen haben sich dicht vor uns hingehockt, betrachten mit kindlichem Erstaunen und bescheidenem Kichern unsere ungeschickten Finger, die nur mit Mühe die Speisestückchen zwischen die Enden der Eßstäbchen festzuzwicken verstehen, und geraten gleich uns in eine harmlose ausgelassene Stimmung, wozu der Genuß des Sake Beitragen mag, eines aus Reis Bereiteten Weines, welcher heiß oder warm getrunken wird. Wir radebrechen Japanisch nach Herzenslust und erfahren unter Beihilfe unseres Dolmetschers allerlei fremdartige Dinge von unseren liebreizenden Musme's. Die meisten führen Dlumennamen, gemäß der in Japan herrschenden Sitte; alle sind vier, fünf, ja sieben Jahre lang von ihrem Tanzmeister, Gesang- und Schreiblehrer unterwiesen worden, und beweisen durch dezentes zurückhaltendes Benehmen, daß der Unterricht sich erfolgreich auch auf nette Manieren erstreckt hat. Die jüngeren sind Tänzerinnen, Trommel- und Paukenschlägerinnen; die älteren sind schon zum Gesang und Samisen(Gitarrens-Spiel üBergeganqen. Jene gleichen den aufbrechenden. taufrischen Knospen, diese den entfalteten, ausdrucksvollen Blüten. Jede Musme ist mit einem Keinen Täschchen für Puder, Rotschminke und Moschus, mit einigen winzigen Papiertaschentüchern sowie einem Miniaturnecessaire ausgestattet, welches Spiegelchen, Kämmchen, Puderquaste und Pinsel Birgt — unentbehrliche Gegenstände, da das Gesicht stets weih gepudert, die Mitte der Lippe dunkelrot und das Haar in Glätte erhalten fein muß; die öfters erforderliche Nachhilfe wird immer sehr ungeniert vorgenovnmen. Im Gegensatz zu den in graue oder dunkelfarbige Kleider gehüllten soliden Bürgersleuten schmücken sich die Geisha 's oder Tanzmädchen mit prächtig gemusterten bunten Gewändern; zumal der Obi oder Leibgurt, der in einer Rückenschleife von überraschender Gröhe ausläuft, zeigt öfter die köstliche Weberei. Mit Zierat behängen sich die Japanerinnen nicht; nur etwa ein Fingerring und eine Nadel im Haar, deren Spitze zum Nufspießen von Naschwerk dient, sind beliebt. Das pechschwarze, durch Salben und Oel settglänzende und je nach dem Alter verschieden frisierte Haupthaar zieren künstliche Schmetterlinge und Blumen, Gold- und Silberfäden sowie goldene Nadeln, ein glitzernder Schmuck, der besonders bei den Tanzbewegungen zu prächtiger Wirkung kommt. Das sollten wir sogleich erfahren. Es wurde nämlich plötzlich die Zwischenwandtüren zusammen- geschoben, und sechs überaus zierliche, schlanke Mädchengestalten, in schmetterlingsbunte Seidenanzüge gehüllt und mit Fächern in den Händen, erschienen in gemessenem Schritt, verbeugten sich graziös in rhythmischen, weichen und sanften Bewegungen nach dem Takte der Musik einen gemeinsamen, mimischen Tanz auf, anmutig den Fächer zwischen den Fingern und Arme und Hände mit unnachahmlicher Grazie bewegend. Wein, Weib, Gesang oder Sake, Geisha, Samisen gehören auch hier zusammen, als probates Schutzmittel gegen das Murrentum. Nach einer Pause,' welche durch Schwatzen, Essen und Trinken ausgefüllt wurde, führte ein Backfisch, an dessen Wiege zweifellos alle drxi Grazien verweilt hatten, einen lebhafteren pantomimischen Solotanz auf. Sie stellte einen Spaziergang dar; die Borbereitungen zur Strahentoilette. den Ausgang, Gruß zu Bekannten, Kokettieren unter Zuhilfenahme ihrer lang herabhängenden Aermel, Flucht vor dem Regen usw. Jede, auch die kleinste Bewegung geschah in unbeschreiblicher Anmut, und obwohl die Pantomine auf einem Plätzchen von zwei Schuhen Durchmesser dargestellt wurde, entfaltete die kleine Künstlerin eine überraschende Vielseitigkeit und Gewandtheit in den Gesten des charmanten Körperchens und der Glieder. Und als sie nach beendetem Tanze herbeigerufen, sich sittsam neben uns huschelte 59 — gewurzelte confuzianifche „Pietät" gegen die Stiern macht die Kinder zu deren Sklaven. Die größeren Städte Japans besitzen meistens besondere Straßen mit glänzend eingerichteten Häusern, die Vvshiwara, in deren Parterre die Halbwelt, mit bunten Kleidern angetan, hinter Holzgittern den männlichen Besuchern als Ware ausgestellt ist. Da diese Mädchen ein wenig Erziehung genießen, finden sie in der Regel einen Gatten, wenn auch geringeren Standes, und gelten nach der Verheiratung als ehrbare Frauen. und mit zierlichem Stimmchen zu plaudern begann, La glaubte ich wirklich, ein kleines verzaubertes Rixchen vor mir zu sehen. Schwarze melancholische Sternaugen, die aus den knopflochartigen Lidsalten sanft hervorguckten, ein feines Adlernäschen, einMund wie eine kleine Kirsche, Händchen und Füßchen puppig wre dre eines Kindes und biegsam wie Kautschuk, mit unschuldsvvllem Benehmen! . , ■ . Auf der ganzen Welt gibt es nichts Zierlicheres und Ried- licheres als solche jungen Geishas, und man begreift die Vorliebe der Japaner für die Teehäuser, sowie ihre Ausdauer tm Anschauen dieses Spielzeugs. Die Langmut der Ehefrauen, welche ihren Männern den Besuch dieser Häuser wohl oder übel gestatten, wird denn auch oft genug auf eine harte Probe gestellt. Doch geht es in den besseren Techäusern meistens ganz ordentlich zu. Der mimische Tanz von feinsinniger Grazie, der nun folgte, erinnerte lebhaft an die Pygmalion-Sage. Eine schlanke, blaß- gesichtige Tänzerin des vornehmeren Typus in dunkler Kleidung umtanzt mit ausdrucksvollen Gebärden eine zweite kleinere in bunter Gewandung, die regungslos im Hintergrund steht. Es ist, erklären unsere japanischen Freunde, ein berühmter Künstler, der in Liebe für eine von ihm geschaffene Holzsigur entbrannt war und diese zum Leben erweckte. Immer dringender, flehender wird das ausdrucksvolle Gebärdenspiel der Tanzenden: Bald scheint Verzweiflung sie zu peinigen, bald sehnsüchtige Hoffnungen sie zu begeistern, das stumme Spiel der zierlichen Hände und die geschmeidigen Bewegungen, die doch geschickt den männlichen Charakter der Rolle markieren, erzählen deutlich das Gefühl des Künstlers. Da beginnt die bunte Puppe im Hintergrund sich leise zu regen. Das Köpfchen neigt sich zierlich seitwärts langsam; und mit steifen Schritten tritt sie vor und folgt nun den Spuren ihres Schöpfers, unbeweglichen Gesichts, mit lieblicher Ungelenkigkeit jede seiner Bewegungen nachahmend. Denn, das von einem männlichen Geist geschaffene und von männlicher Seele belebte Geschöpf kann doch selbstverständlich nur männlichen Empfinden kennen; so raisonniert die filigranartig ausgearbeitete Logik des japanischen Genius. Der Tanz des Künstlers drückt nun nacheinander Erstaunen, Entsetzen und Kummer über die unerwartete Wendung aus. Was soll er mit dem geistigen Leben seiner selbst in weiblicher Hülle anfangen! Plötzlich mit rascher Gebärde zieht er einen Spiegel aus seinem Gewand und hält ihn dem hinter ihm trippelnden Figürchen vor die Rase. Hineinschauen und — die Weiblichkeit in sich erwachen fühlen, ist für diese nur das Werk eines Augenblickes. Den Spiegel in der Hand, mit reizend koketter Grazie, tanzt iie nun als liebenssehnendes Weib vor ihrem beglückte Verehrer her; in neckischem Spiel wiederholt sich mehrmals durch Fortnehmen und Wiedergaben des Spiegels der Austausch von männlicher und weiblicher Seele, eigentlich nur durch das Gebärdenspiel ausgedrückt, denn die lieblichen Züge in ihrem kindlich unbewußten, halb apathischen Ausdruck blieben säst unverändert. In den nun folgenden Tänzen wurden die Tätigkeit einer Wäscherin, ein Sonnenschirmspiel, ein Fächerspiel usw. mit entsprechenden Pantomimen von einer oder mehreren Geishas unter Musik und Gesang dargestellt. Rach und nach hatte sich eine ganze Reihe von jungen Tanzmädchen, welche die Rachricht von der Anwesenheit fremder Menschen herbeigelockt, «ingefunden. Anfangs ging es noch ruhig zu; es wechselten Tänzchen ab mit musikalischen Produktionen, bei denen die kleine Pauke, zwei Handtrommeln und der Samisen sich hören liehen, bis mein Führer ein Gesellschaftsspiel vorschlug: Mutter und Wolf. Hurtig hoben sich die Geishas auf die Füße, und nun tollten wir alle zum Hasch-Hasch auf dem Mattenboden herum! Es war wirklich reizend, wie die niedlichen Menschenschmetterlinge in gewandten und graziösen Bewegungen umherhuschten und jedesmal in Jubel ausbrachen, wenn sie uns ertappten. Erfreut über die lieblichen Eindrücke, beschenkten wir die munteren Kinder, brachen endlich auf und vielstimmig klang uns ein „Sahonara", Ade, nach. Wenn man den Tanz der Geishas — Wanner finden es unter ihrer Würde, zu tanzen — auch als durchaus dezent bezeichnen muh, so halten es die Geishas doch nicht allzustrenge mit der Moral. Meist niederer Herkunft, verdingen sie sich ihren Lehrern, den Tanzmeistern, um, in die Teehäuser gerufen. Bekanntschaften mit dem männlichen Geschlechte zu machen und mit Zustimmung ihres Herrn, sich an Einheimische oder Fremde durch Vertrag auf einen Monat oder längere Zeit zu vermieten. Darin liegt nach den in den Kreisen herrschenden Begriffen nichts Anstößiges, und die Geishas finden über kurz oder lang einen Mann, der sie los kauft und heiratet. Sie haben ■ ja seines Benehmen, sind hübsch artig, können tanzen und singen. Die Häßlichkeiten, welche in etlichen Teehäufern der Hafenstädte gangbar geworden, sind keineswegs national-japanisch und wurzeln nur in der Gewinnsucht einiger geldgieriger .Unternehmer. Dagegen ist die Schar der professionierien Halbweltdamen in den Städten eine ständige Kaste, sanktioniert durch alte 'Sitte und Gewohnheit, indem unbemittelte Eltern ihre Töchter an Häuser bedenklichen Rufes verkaufen. Ohne Murren fügen sich die armen Mädchen in ihr Geschick, denn die tiefDer Fährmann von Niederhausen. Von Heinrich Bechtolsheim er. (Fortsetzung.) Der junge Mann, dessen Schiehferligkeit so geschildert wurde, war der Hannes Wild aus Obermoschel. Er war entfernt mit Peter Wenzel verwandt. So weit ging die Verwandtschaft schon auseinander, dah niemand sie mehr klarlegen konnte. Die Urgroßväter sollten Schwäger gewesen sein. Hannes Link war sechsunddreihig Jahre alt, aber noch ledig. Er war ein rechtschaffener Mensch, aber man nannte ihn einen „Stoffel" und sagte, dah kein Mädchen ihn haben wolle, obwohl er wohlhabend war; denn, so hieß es, er sei zu überzwerchj, Hannes war von großer Gestalt, ging aber gebückt und knickte bei jedem Schritte in die Knie. Gr sprach wie ein alter Mann, langsam und sehr bedächtig. Die Eltern hielten ihn immer noch in großer Unselbständigkeit. Daß er Jäger geworden war, lag nur daran, dah ein Spahvogel zu seinem Vater gesagt hatte, der Hannes als reicher Männ müsse auch einmal zeigen, dah er Geld habe, dann werbe er auch eins Frau bekommen. Daraufhin kaufte der alte Wild seinem Sohne die Jagdausrüstung, bezahlte für ihn den Jagdwaffenpah und gab ihm auch das Geld für die Jagdpacht. In der großen Gaststube setzten sich die Jäger zum Essen nieder. In der Küche herrschte beim Rüböllichte eine lebhafte Tätigkeit. Die Wirtsfrau hantierte mit ihren beiden Töchtern und einer Magd am Herde, und der Duft der Speisen dr.angj hinaus auf die Straße, wo noch einige Treiber umhergingen, die sich zu Hause mit Quellkartoffeln uird sauerer Milch begnügen muhten. Für das Essen der Jäger touren schon einig« Tage vorher mehrere Hasen geschossen toorßen. Der Wirt holte Elfer aus dem Keller, zum Rachtische gab es Dannenfelser Kastanien. Von allem Möglichen sprachen die schmausenden Jäger, hauptsächlich von Güterkäufen und Versteigerungen; denn die meisten waren ja Landwirte. Man sprach vom Rückzug der Armee Rapoleons, vom Rervenfieber, das sich hier und da auch in den Dörfern zeigte, man äußerte die Ansicht, dah den Kaiser bald wieder ein großes Heer auf die Deine bringen werde, aber es war keiner darunter, der Besorgnis vor den kommenden Zeiten zum Ausdruck gebracht hatte. War man doch seit einundzwanzig Jahren an den Krieg und an un-- ruhige Zeitläufte gewöhnt. Hannes Wild faß in der Ecke am Ofen. Sein Schicksal war es, daß er überall, wohin er nur kam, gefoppt wurde. Er ließ die Spöttereien gutmütig über sich ergehen. „Jetzt hat er ein Gewehr", rief einer der Jäger, „jetzt muh er auch bald heiraten. Hannes, hat dir noch niemals ein Mädchen gefallen?" Hannes lieh die Mundwinkel herunterhängen, als ob er lachen wolle, gab aber keine Antwort. „Cs wird nichts helfen," rief einer von einem anderen Tische her. „als dah wir Jäger mit ihm auf die Freierei gehen. Dann muh er aber uns alle auf die Hochzeit einladen." „Wenn er tanzen könnte," sagte der dicke Duchrother Förster, „so hätte er schon längst eine Frau. Wär- müssen den Kreuznacher Tanzmeister bestellen, daß der ihm den Galopp und den Walzer beibringt." „Und einen neuen Hut muß ihm seine Mutter kaufen," sagte der Wirt, der gerade neue Flaschen auf den Tisch stellte/ „wenn er mit seinem alten Rebelspalter in ein Haus kommt, meinen die Leute, er wäre ein Zeiskamer Samenhändler und fragen: Was kostet der Zwiebelsamen?" Michel Klee faß neben feinem Herrn am Tisch. Eine solche Ehre war ihm noch nicht widerfahren. Keiner der Jäger fand auch etwas dabei, dah der Dienstknecht mit ihnen am Jagd- effen teilnahm, der Umstand, daß er Kriegsdienst geleistet und eine militärische Charge bekleidet hatte, gab ihin ein besonderes Ansehen. Der Wirt, bei dem Michel als Knabe Kegel aufgesetzt hatte, sagte im Vorbeigehen: „'Wenn das dein Vater und deine Mutter erlebt hätten, daß du bei den Jägern! sitzen darfst." , i Die meisten der Jäger hatten einen weiten Heimweg. So brach man um zehn Uhr auf. Hannes Wild wurde von verschiedenen noch ermahnt, bald zu heiraten. Jedem sagte er treuherzig „Adjes", dem Peter'Wenzel sagte er „Adjes, Vetter." Der Vollmond war über dem Lemberg aufgegangen, als Herr und Knecht hinunter nach dem Rahetal schritten. Schwarz und dunkel ragte der Berg auf, fein Luftzug regte sich. In Oberhausen schien alles zu schlafen, die beiden Männer hörten — 60 — tza- Ticken der Turmuhr, da- Rauschen des Röhrenbrumrens und das Weinen eines Kindleins hinter einem Fenster. Die Mühle klapperte immerfort, das Klappern war viel vernehmlicher als am lauten Lage. 1 - Bastian, der Fährmann von Oberhausen, wohnte am linken Ufer rmd betrieb dort eine kleine Wirtschaft, in der namentlich die Fuhrleute -einkehrten. Diesmal schien er zu schlafen. Michel hatte schon wiederholt „Hol über" gerufen, und Wenzel hatte unwillig gesagt: „Der Kerl will nichts hören". Endlich hörte man, wie in dem Hause gegenüber die Tür geöffnet wurde, und eins tiefe Stimme fragte: „Wer ist dort?" „Der Peter Wenzel von Niederhausen mit seinem Knecht, sagte der Bauer. „Bastian, man meint, du hättest zu viel Neuei» getrunken, wir warten hier -schon lange und erfrieren uns die Fütze," „Gleich, gleich, Peter," antwortete der Fährmann, „nicht-. für ungut, ich war gerade im ersten Schlaf." Man hörte das Aufstohen der Stange und der Nachen kam herüber. „Heini Nacht wird es kalt," sagte der das Fahrzeug lenkende Wann, „die Sterns glitzern so. Ihr Männer, ich glaube, es kommt wieder Unheil über die Welt. Bor einer halben Stunde ist ein Schwarm Naben, so grob, wie ich ihn rn meinem ganzen Leben noch nicht gesehen ha^, über di« Nahe geflogen. Er kam vom Nhein, und einen Spektakel haben die Raben gemacht, dab man sein eigenes Wort nicht verstehen konnte. Das bedeutet nichts Gutes, das bedeutet Krieg und Pestilenz." „Krieg und Pestilenz haben wir schon," sagte Michel halblaut. „Und dann," fuhr Bastian fort, „ich bin jetzt schon ein paarmal nachts wach geworden und hörte ein Getrappel auf der Strafte, als ob dort ein Regiment vorüberziehe, eins-zwei, so traten die Leute auf, sie redeten eine Sprache, wie ich sie nie gehört habe. Ich kann etwas Französisch sprechen, Weib von den Spaniern, die in Frankreich gefangen waren, wie das Spanisch klingt, habe voriges Jahr auf dem Kreuznacher Markt auch Italiener singen hören, das aber klang ganz anders, als ob es Leute aus einer anderen Welt wären. Wenn ich dann durch den Ausschnitt im Fensterladen hindurchsah, so war niemand aus der Strabo und alles war stille." Der Rachen stieb am Ufer auf. Peter Wenzel gab dem Fährrnann seinen Lohn, dann setzten Herr und Knecht, die der Tag müde gemacht hatte, schweigend ihren Weg- fort. III, Kurz nach Neujahr wurde das Nahetal von einer gewaltigen Bewegung erfüllt, in breiten Kolonnen zogen preubische Soldaten am Rotenfels und mn Lemberg vorüber. Blücher hatte, nachdem er bei Caub den Rhein überschritten hatte, mehrere Tage zu Kreuznach im Hause des Kaufmanns Herff am Kornmarkt in Quartier gelegen. Unter den Preuhen war viel Landwehr, ältere Männer mit Bärten, lauter Familienväter, die auf die Leute in der Pfalz den besten Eindruck machten. In Niederhausen wurden Quartiere nicht begehrt, unaufhaltsam, in strenger Ordnung, zogen die Truppen durch. Andere Kolonnen marschierten durch den Hunsrück. Mitte Januar war leichter Schnee gefallen. Als Peter Wenzel mit seinem Knechte am ersten Tage, da der Schnee auf dem Lande lag. Wingertspfähle in Sobbernheim geholt hatte und nun zurückfuhr, kamen sie zwischen Staudernheim und Boos ganz unvermutet in eine gewaltige Heeresgruppe hinein. Es waren Soldaten mit breiten Gesichtern, hervorstehenden Backenknochen. lang herabhängenden Haaren und stmtppigen Bärten. Sie nahmen beinahe die ganze Strahenbreite ein. so daß das Fuhrwerk nur mit Mühe vorwärts kommen konnte. Mele traten an den Wagen heran und sagten: „Wodka?" „Das sind Russen, die wollen Branntwein," sagte Michel. „Das sind die Soldaten, die der Bastian von Oberhausen in der Nacht gesehen hat"' meinte Wenzel. Niederhausen war von den fremden Truppen ganz überschwemmt. Es waren Reiter, die auf auffallend kleinen Pferden sahen. Die Reiter waren noch struppiger als die Infanteristen, die vorausmarschiert waren. Eine eigentliche .Uniform hatten sie nicht, sie trugen Röcke und Mäntel von verschiedener' Form und Farbe und waren mit Lanzen bewaffnet. Aber sie hatten auch Gewehre, Säbel, Dolche und Pistolen. „O weh, das sind Kosaken," erklärte Michel seinem Herrn, „das ist eine schlimme Gesellschaft, sie haben uns auf dem Rückzüge von Leipzig viel zu schaffen gemacht." Alle Hof reiten, auch die des Peter Wenzel, waren voll von den Lanzenreitern. Als die beiden Männer ankamen, eilte ihnen Christine händeringend entgegen. „Gott sei Dank, Vater, dab Ihr da selb," rief sie, „diese schrecklichen Menschen toben seit einer Stunde im Hofe herum, niemand kann verstehen, was sie wollen. Die Mutter sitzt in der Küche und weint." Es sah wild genug im Hofe aus. Wjo sie eine Handhabe fanden, um einen Lederriemen daran zu befestigen, da hatten -die Kosaken ihre Pferde angekoppelt, an der Pumpe, an den Riegeln, die die Ställe verschlossen, sogar an der Klinke der Haustür. Aus der Scheuer hatten sie Stroh geschleppt und den Pferden untergewvrsen. Im Hofe selbst hatten einige ein Feuer angezündet, um sich zu wärmen, die Scheuer, die mit Stroh und Getreide gefüllt war, war kaum fünf Schritte von diesem Feuer entfernt. Wieder andere hatten Hühner und Gänse geraubt, die sie am Feuer brieten. Michel als erfahrener Soldat gab den Rat, den Eindringlingen nach Möglichkeit ihre Wünsche zu erfüllen. „Gebt ihnen Brot und Zwiebeln, dann sind sie schon zu- srieden." meinte et. Es war ein Glück, dab man gerade einige Tage vorher gebacken hatte. Christine und ihre Mutter trugen Brot und Zwiebeln herbei, und die struppigen, ungewaschenen Krieger nahmen beides mit Vergnügen in Empfang. Peter Wenzel, der in borau8gegangenen Kriegsjahren immer gefunden hatte, dab die Soldaten aus allen Volksstämmen den Wein, der in Niederhausen wächst, gern tranken, war in den Keller gegangen und brachte ein Stück Zwölfer herauf. Er schenkte das Schoppenglas voll und bot es mit den Worten: „Heda, Landsmann, trink einmal!", dem ersten besten Kosaken an. Der trank das Glas mit einem Zuge Teer, seine Kameraden machten es ebenso. Aber schon der erste, dem das Glas Wein gereicht worden war, sagte beim Zurückgsben: „Nix Wein Kosak, Wodka!" And immer mehr und immer lauter ertönte im Dorfe der Ruf: „Wodka!". Soviel Deutsch hatten die Kosaken auch schon gelernt, dab sie sagten: „Kosak Schnaps!" Es gibt jedoch im Dorfe nicht viel Schnaps, die beiden Gastwirte verzapften nur Wein, zwei oder drei Bauern stellten aus Kartoffeln und Zwet- schen Branntwein her, aber ihre Vorräte waren aufgebraucht. Michel Klee fütterte im Stalle die beiden Pferde, da hörte er vom Hofe her groben Tumult. Er eilte Hinaus und sah, wie eine dichte Horde der fremden Reiter auf Peter Wenzel, der am Kellereingang neben der Haustür stand, eindrang. In einem- fort riefen die Russen: „Wodka, Wodka!" Sie zerrten den erschrockenen Mann an den Kleidern, einer hatte ihn am Barte gefaxt. Die Frau des Hauses und die Tochter, die den Tumult in der Küche gehört hatten und herbeigeeilt waren, schrien laut um Hilfe. Der Kosak, der Wenzel am Barte gefafjt hatte, schlug gleichzeitig mit einer Lanzenstange auf den wehrlosen Mann ein, in der Hand eines anderen blitzte ein Dolch. Dies sehen und die Peitsche, die er an die Stalltür gelehnt hatte, ergreifen, war eins. Im spanischen Kriege hatte er erfahren, dah einige kräftige deutsche Schimpfwörter auf wilde Menschen einer anderen Rasse immer erfolgreich wirkten. So sprang er herbei, schrie einige pfälzische Kernworte in die Gesellschaft hinein, hieb mit dem Peitschenstiel dem, der den Dolch gezogen hatte, und dem, der den Mann mit der Lanzenstange schlug, kräftig auf die Hände. Dann lieb er Schlag für Schlag die Peitsche auf die Köpfe der wilden Menschen nieberfaufen, schlug hin. wohin er gerade traf, und die Folge war, dab die Bande von Wenzel ablieb. Keiner wagte gegen Michel, der mit der Peitsche vor ihnen stand, auszutreten, der Schwarm lief auseinander, die meisten traten aus der Hvfreite hinaus auf die Gasse. Peter Wenzel war seinem Knechte in das Wohnzimmer geführt worden, dort sank er kreidebleich auf den Sessel. Man flöhte ihm Wein ein, da wurde es ihm wieder besser. „Michel, du hast mir das Leben gerettet,“ sagte er mit tonloser Stimme, „das werde ich nicht vergessen.“ „Ja, Michel, wenn du nicht wärst,“ setzte die Frau hinzu, so hätten wir unseren Vater nicht mehr." Der Tochter strömten die Tränen über das Antlitz, ein freundlicher Blick aus ihren Augen flog hinüber zu dem Knechte. Gerade läutete die Feierabendglocke, da schmetterte Troin- petensignal durch das Dors. Die Kosaken machten in aller Eile ihre Pferde los, griffen zu ihren Lanzen und eilten zu ihrem Sammelplatz, dem Zimmerplatze, wo das Fährmannshaus lag. Rasch waren sie aufgesessen, Offiziere eilten herzu und ordneten die Schar, und ehe man es sich versah, trabten die Reiter naheaufwärts. Schneegeriesel, das sich während des Feierabend- läutens eingestellt hatte, hüllte rasch die Kolonne ein. Der Durchmarsch der Truppen der Verbündeten war damit noch nicht zu Ende. Es kamen preuhische und sächsische Freiwillige, Jünglinge von feiner Lebensart und guten Sitten, es kamen auch noch Russen, aber sie wurden in strenger Zucht gehalten. Als der Winter Mitte Januar mit aller Schärfe einsetzte, hörten die Heereszüge auf. Seit 22 Jahren hatten die Bewohner des Nahetals so viel vom Krieg gesehen, dah sie sich für die neuen Kriegszüge nicht viel interessierten. Kamen einmal Einwohner aus Niederhausen nach Kreuznach, so hörten sie, dab die Heere der Verbündeten tief im Innern Frankreichs standen. In diesen Wintertagen kamen junge Männer aus dem Nahetale, die im- französischen Heere gekämpft hatten, aus dem Innern Deutschlands in die Heimat zurück, zerlumpt, krank, voll von Ungeziefer. Die meisten derer, die ausgewogen waren, sahen den heimischen Fluh nicht wieder. (Fortsetzung folgt.) ©c&riftleifung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Bruhl'fchen Llniv.-Buch- und Steindrnckerei, R. Lange, Gissten.