Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1925 Samstag, den 20. Juni Hummer 49 Grabschrift für viele Tage unseres Lebens. Von Paris von Gütersloh. Manchmal deutet eine mahnende Gebärde Zwingend auf mein schwaches Herz und auf ein verblassendes Bild, Mer zwischen den Zusammenhängen stehn die Pferde Angefattolt, während die Entfernung schwillt. Johannisnacht. Don Friedrich Griese*). Ein armes Kind, das weise ist. ist besser denn ein alter König, der ein Darr ist und Weitz sich nicht zu hüten. . (Bibelspruch) In der Johannisnacht ereignen sich die wunderlichsten Dinge, böse und gute; meistens sind es böse. Aber das war früher so. Heute ereignet sich nichts mehr. Der alte Küster Stöwefand gehört zu denen, die davon mit« reden können. Er hat einmal eine Johannisnacht erlebt, die er nicht vergessen kann, und wenn er so alt wie Abraham werden sollte. Es war sehr bunt und lustig, was er in dieser Dacht sah; aber es ist ihm doch sehr ungemütlich dabei gewesen. And das Lachen kam erst, als er zu Hause im Bett lag und alles in Gedanken noch einmal sah. Küster Stöwesand hatte am Dachnittag eine Beerdigung gehabt. Er bekam für jede Leiche, die ihm das Dorf eintrug, vier Semmeln, sechs Eier, zwölf Pfennig und einen halben Pegel Branntwein. So war es natürlich auch diesmal gewesen. Er war Johannis, der vierundzwanzigste Juni, und Stöwesand hatte im Dachbardorfe etwas abzumachen. Die Flasche mit dem Branntwein steckte er in die hintere Rocktasche, um auf dem Wege doch einen Tropfen gegen den Durst zu haben. Er trank sie auf dem Hinwege leer. Als früherer Schiniede- geselle, der eines Deinschadens wegen hatte Lehrer und Küster werden inüssen, ging er forsch auf alles los, was bewältigt werden muhte. So machte er es auch mit der Flasche. Als sie leer war, warf er sie übermütig gegen einen Stein. Aeber eine Leiche ging doch nichts. , , , _ Bei den Dauern im Dachbardorf gab es ebenfalls einen guten und ausreichenden Schluck. And als Küster Stöwesand wieder nach Hause ging, war es spät. Es war ein langer Weg; er spürte es. Dubelelement, war das ein Weg. Alle Augenblicke mutzte er an einem Baum oder auf einem Stein ausruhen. Zuletzt ging es querfeldein. Er wollte nicht mehr auf diesem einsamen Weg mit all seinen Haken und Krümmungen bleiben. Aeber einen Kleeschlag ging er, durch ein Roggenfeld, über eine Wiese. Auch hier war es ein schweres Gehen, wahrhaftig. Warum wird einem armen Schulmeister, der autzerdem am Dachmittag schon eine Leiche gehabt hat, das Leben so schwer gemacht? Es war unrecht. Jetzt kam ein breiter Graben. „Petrus Paulus," seufzte der Küster und sammelte seine Gedanken, „wo tiimmt bei denn her?" Der war doch sonst nicht hier. Dies war doch — oder wessen Feld war dies denn eigentlich? Wo kamen denn die Bäume her? Die standen ja auch erst seit heute abend. Was war das überhaupt für ein hinteÄistiger Graben? Bald wurde er schmal und schmäler und verschwand sogar ganz; dann wurde er wieder breit und breiter und dehnte sich immer mehr in die Breite; er floh auseinander wie ein zu dünner Teig. Was war das? Dem Küster tat der Kopf weh. Hexenwerk war es, Späukkram. Das war gewiß. Er wollte den richtigen Augenblick abwarten und über den Graben springen, wenn er ganz schmal geworden war. Aber jedesmal, wenn er zum Anlauf ansetzen wollte, ward der Graben so breit — der Küster legte sich am Rande hin und wollte auf alle Fälle die Geschichte erst einmal überdenken und abwarten. Etwas mutzte schließlich dabei herauskommen. Das Wasser blänkerte zu ihm herauf, und ihm war es, als stünde der Herr Pastor plötzlich vor ihm mit blanken Stiefeln. Er erschrak. „Gott bewvhr, Herr Pastor, Sei? An *) Der Sammlung „Das Korn rauscht", Erzählungen aus Mecklenburg, entnommen. (Verlag Fr. Lintz, Trier.) niidden in't Water?" Wer der Pastor blieb da und stand wie heute nachmittag bei der Beerdigung. Das war überhaupt etwas gewesen bei der Beerdigung. Was für einen deftigen Tropfen hatte es gegeben. Dichts für ungut, er hatte manchen tüchtigen Schluck hinter sich gebracht. Der Pastor stand noch immer da. „Herr Pastor," sagte Stöwesand, „ick möt spiegen. Gahn's weg, süß spieg ick an Ehre blanken Stäweln." Der Pastor aber ging nicht. And so mußte der Küster sich mächtig zusamniennehmen, daß er dem Pastor keine Angelegenheiten machte. „Dicks för ungaut, Herr Paster, äwer dit wir för en starken Mann tau väl hüt nahmiddag." Zur selben Zeit, als der Küster es sich angelegen sein läßt, dem Herrn Pastor gegenüber den Respekt zu wahren, setzt die alte Klrchenuhr im Dorf, in dem der Küster zu Hause ist, zum Schlagen an. Das ist nicht ganz einfach; denn jedesmcql ehe der erste Schlag ertönt, gibt es ein großes Rauschen und Rattern und Brummen und zuletzt ein Helles Singen in dem alten Gehäuse, daß einem angst und bange werden kann. And dann erst kommt der erste Schlag. Die alte Kirchenuhr setzt also zum Schlagen an. „Terrr — 0 Gott," sagt sie, „nun soll ich schon wieder schlagen; und keiner kümmert sich darum; das ist das schlimmste. Rrrrr — wieviele Jahre ich nun wohl schon so umrütze Arbeit leiste, ich kann es nicht mehr ausdenken. Trrrr — und nun sollen es gar wieder zwölf Schläge sein, und ich bin noch ganz schwach von den elf. Bumm — mir tut die Seele im Leibe Weh; aber es hilft nicht — ssssing — tangl" Da schlägt sie. Zwölfmal schlägt sie unter vielem Gestöhn und Gebrumm. Zwölfmal — Johannisnacht. Ein Ruck geht durch die Datur. Die Menschen schlafen; was sollen sie Besseres tun können? Mer Tiere und Dinge, die fühlen den Ruck. Der eiserne Fuchs, der als Wetterfahne über dem Giebel des Bauernhauses links neben der Kirche steht, schwenkt sich ein paarmal herum und nickt dann dein eisernen Pferde zu, das über dem andern Giebel steht. „Wir haben wieder Glück gehabt feit der Dacht vom letzten Mal. Wir stehn beide noch. Es war eine lange Zeit. Ich habe hier auf meinem Ende manches erlebt." „Das kann ich nicht sagen. Rechne es dir einmal heraus. Du siehst nach der Straße, aber ich stehe nach dem Hofe zu; was soll dabei herauskommen? Ich sehe Pferde und Kühe und Schweine und in der Dacht die Knechte, die zu ihren Mädchen wollen. Das ist alles." Huiiii — dreht der Fuchs sich herum. „Aachts ist es auch mir langweilig. Das einzige Leben urrter mir ist dann die Ahr, die in ber Stube an der Außenwand hängt. Sie ist gerade unter mir, und aus dem Mauerwerk herauf fühle ich jeden Schlag. Das ist meine ganze Anterhaliung. Dis spät in die Dacht hinein sitzt die alte Frau neben dem Ofen. Sie hat eine große Drille vor den Augen und liest in einem dicken Buche und in alten Schriften, die schon ganz gelb und grau vor Alter sind. Sie weint viel. Im Bett tvacht sie noch lange und spricht mit sich selbst. Sie hat den Mann und die Kinder verloren und ist allein übrig geblieben. Sie will gerne sterben. Aber was soll das? Dann ist das Zimmer ganz leer, und niemand zieht die hat, werden wir frvy.' Ahr auf." Wir werden alt und hängen schon an alten Frauen und Büchern und Ähren," sagt das Pferd, „und freuen uns, wenn wir uns um uns selbst drehen dürfen. Ansere Gedanken werden rostig wir quietschen, wenn der Wind uns herumschlägt. Wenn ich die andern sehe — „Ja, seit man meine Seele in dieses Eisen gepreßt kenne ich mich kaum wieder." „Das Leben am Sonntag in der Koppel, wenn man das Lederzeug los war und nicht zu arbeiten brauchte." „Das Amherstreifen im Wald, das Schleichen durch die Kornfelder, das Liegen vor dem Baum im Sonnenschein, die Kinder um sich herum." . .. , And jetzt dieses Leben," klagt das Pferd, „nein, diesen Tod, dieses ewige Hinaufstarren in die Dust m Schnee und Regen! Waim werden unsere Seelen erlöst? And traurig schwenkt es sich langsam herum. „Sieh, da, da!" ruft der Fuchs, „da kommen sie, genau wie beim vorletzten Mal. Wir dürfen mit; für eine Stunde i Ob NoMmye yevad kommt ein langer wunderlicher Zug. Olle kommt er, ohne Detrachp und Deknarve und Getrampel. 6t zieht wie die Wolkenschatten über die Felder. QO&er an hem Haus« dorübergezogen ist, lösen sich Fuchs und Pferd letfe txxt der Tiebolecke los und ziehen mit, hinter den andern her. Ammer mehr kommen hinzu, änd alle ziehen leise die Dorf- strahe hinab, auS deren Höfen und Häusern es hervorqurllt, «ber die Felder. Hanna Frank ist die erste gewesen, die es im Do^e aufgebracht hat, daß auch die Tiere eine Seele haben und daß pte toten Sachen zuweilen lebendig werden. „Was ist das für eine Lede?" sagen die Leute, „was sagt der Pastor dazu?' Hanna Frank ist nicht zu trauen. Es kann geschehen, dah ihr beim Stricken das Wollknäuel vom Tisch läuft. Wenn sie aufsteht, um es wiederzuholen, sitzt ein altes Mütterchen in der Ofenecke und lächelt sie an. Hanna Frank hat keine Angst; sie kennt das schon. Sie geht dreist zum Ofen, das Mütterchen verschwindet; und in der Ecke liegt das Wolkknäuel. Zuweilen besucht der Teufel sie. Aber sie geht ruhig und eben mit ihm um und weih ihre Seele in guter Hut. Als sie noch jung war, ging er oft lange Stunden hinter oder neben ihr und sprach leise zu ihr; nachts stand er vor ihrem Bett und wollte sie zu etwas überreden, das sehr schlimm war. Jetzt wird sie ihn schon leichter los. Aber wenn er zuweilen gar nicht weichen will wie am letzten Sonntag, als er sich beim Kartvffel- aufnehmen immer auf den Bülten stellte, den sie gerade auf* nehmen wollte, dann spricht sie nur den Spruch ihrer Großmutter. „Alle gauden Geister lawen Gott den Herrn." Anna Frank wohnt im Armenhaus und strickt Strümpfe für das ganze Dorf. Wenn sie ein Paar fertig hat, bringt sie es selber und bekommt Brot, Butter und wohl auch ein Stück Speck dazu. Jede Katenfrau freut sich, wenn sie wieder aus der Tür ist; denn jede weih, dah Hanna Frank überall Gesichter sieht. Ihre Mutter war auch so; die ging mit dem Teufel uni wie mit einem Bruder. Als Hnana den letzten Winter sehr ans Sterben denken muhte, da ängstigte sie sich vor sich selber und bat den alten Küster Stöwesand um Trost. Er verwies ihr ihren Taterglauben kurz und barsch und sagte ihr in lauten Sprüchen, wie der Pastor in der Kirche, die 'Wahrheit. Jetzt sieht er, dah Hanna Frank mit ihren wirrigen Redensarten über Gott und den Teufel und die toten Dinge recht gehabt hat. Denn über den Bohberg auf der andern Seite des Grabens kommt es im Mondschein herüber, wie es in den alten gruseligen Geschichten immer über den Berg kommt: gries und schnell, und leise. Es ist ein langer Zug, der da näher kommt. Der Küster hört ein Runscheln, ein Schleifen, ein Streichen durch Klee und Gras, älnd jetzt sind sie alle dicht am Graben. „Ihr kommt nicht hinüber," denkt der Küster. Es ist nicht zu verstehen, was das in der Aacht zu bedeuten hat; denn der erste am Graben ist ein alter klapperiger Pflug, der auf einem Rad herangehumpelt kam und in allen Gelenken leise quiekte und knarrte. Er hat angehalten und pliert jetzt mit schiefem Kopfe in den Graben. „Du kommst nicht herüber." denkt der Küster. Er kommt doch hinüber. Humpelnd und schief auf der Seite liegend, schiebt er sich von einem Grabenrand' zum andern uird dann weiter an Stöwesand vorüber in die Wiese hinein. Hinter ihm drein ziehen frisch und jugendlich ein neuer Haken und eine neue Egge. Hell blinkt das Holz im Mondschein, schwarz glänzt der polierte Eisenbeschlag. Dahinter kommen alle die andern aus dem Dorfe, die am Tage in Schuppen, Stall und Scheune stehen oder auf dem Felde bei der Arbeit gebraucht werden. In der Mitte der Wiese stellen sie sich auf und ziehen dann im Zuge ringsherum, am Küster vorüber. Vorauf humpelt wieder der Pflug. Dann kommen Haken und Egge von vorhin. Sie brückt sich zärtlich an ihn. Stöwesand weiß von Anits wegen in solchen Dingen Bescheid und sieht, daß bas ein junges Paar ist. Metzwagen und Kutschwagen folgen dichtauf, ein Pflug und eine Walze klappern hinterdrein, und dann wieder Haken, Pflüge, Eggen, Stadtwagen und Ackerwagen; dazwischen das Kleinvolk: Spaten, Hacke, Harke und Meßhaken. Zuweilen schrammt ein Pflug gar zu dicht an dem Küster vorbei. Der zieht dann die Deine an und kriecht zuletzt in das Dunkel eines Weidenbusches. Eiserne Hähne, Füchse und Pferde, die am Tage als Wetterfahnen auf den Bauernhäusern stehen, sind die Letzten im Zuge; aber sie sind auch die Lustigsten. Auf die Wiese fällt ein Schatten. Hinter dem Voßberg richten sich ein paar Händevoll weißer Wolken auf, über denen dunkle Zacken aufragen. Das tote Gelichter, das in dieser Rächt lebendig wie ein Mensch ist, zieht und jagt humpelnd und springend und schleifend immer schneller durch das hohe Wiesengras. Plötzlich hält der Alte vorn im Zuge an. Gin heller Hahnen- ruf erschallt. Alles ist still. Der Alte steht aus dem einen Rad nicht sicher. Er wackelt von einer Seite auf die andere. Ein zweiter Pflug schiebt sich dicht an ihn heran und stützt ihn. Der Alte redet. „Liebe Brüder und Schwestern, Herr«, und Knechte, Lust» gucker und Krauthacker, WeHbieters und Jrdrieters, eine fröhliche Stunde sieht uns wieder zusammen; eine Hochzeit soll gefeiert werden; un ji söln bei Brutlüd tat Bett helpen. Haken und Egge, unsere beiden jungen Freunde, stad gestern von dem schwarzen Mann, der ihren Gliedern mit seinem Eisen Stärke und Festigkeit gegeben hat, zu uns gekommen und begehren Aufnahme, wie wir alle sie einmal vor vielen Johannisnächten begehrt haben. Sei weiten noch nicks von Meß und Matsch, von Rust und Lägen. Lustig wollen sie ins Leben, und lustig sollen sie hinein. Liebe Freunde, Klaukschieters und oll Lüd! Mich haben die ■ jungen Leute gebeten, ihnen in die Ehe zu helfen. Denn eine Ehe wollen sie führen und werden sie halten müssen, ob es regnet oder ob die Sonne scheint. Die Menschen glauben, nur sie freien; von uns wissen sie nichts. Aber wir leben; Dank sei der Johannisnacht. Alles lebt heute, nur der Mensch schläft. Liebe Freunde, Räsewaters un ehrwürdige Ergraute, seid still und andächtig, solange die heilige Handlung währt. Herr Haken und Jungfrau Egge! Ihr seid gekommen in Ehrhaftigkeit Und jugendlicher Wehrhaftigkeit Und habt begehrt, mit Lachen und Beten In den Ehestand zu treten. So haben wir uns in Gnaden entschlossen, Euch beide flink und unverdrossen Mit unferm Segenshü und -hott Dau smieten mit'nanner in einen Pott. Tretet, herzu!" Haken und Egge richteten sich auf und traten dicht vor den Alten hin. Sie verneigten sich vor ihm, und. der Alte streute ihnen mit feinem ©teert ein wenig Erde auf den Kopf. „Ihr werdet stets beieinander fein uird euch nicht im Stiche lassen; folge ihm treu, und du gehe nicht von ihr. Die Erde wird euer Bett sein und euer Arbeitsfeld; möge sie leicht für euch sein, so leicht wie diese. Tretet zurück! Ji siind nu Mann un Fru." Dem Küster wurde es schlecht, als er dies hinter feinem Busche hörte. Er hat später immer erzählt, dah alles andere nicht so schlimm gewesen wäre, dah es ihm aber einen Stich ins Herz gebe, toeitn er sehen müsse, dah Unvernunft sich in heilige Dinge mische. 1 Der alte Pflug drehte sich um und humpelte ein Ende in die Wiese hinein; dort blieb er stehen. Haken und Egge werden von den übrigen umringt, das eigentliche Fest beginnt. Sie werden mit Klee und Gras und Hundskamillen geschmückt; roten Mohn und Kornblumen wirft man vor ihnen her; und daim geht es im tollen Zuge über die Wiese. Huschend, fliegend, streichend wie Käuze im Mondschein, leise, mit schnellen, schattenhasten Bewegungen jagen und fliehen und suchen sie sich. Die toten Dinge haben ihr Leben wieder. Lachen und Jubeln, unhörbar unb doch zu hören, lautlos und doch die Rächt erfüllend, liegt über der Wiese. Auf dem Bohberg stehen Hase und Reh und sehen herüber. In der alten Buche am Soll sitzt ein Kauz, rund und still; der Igel unter dem Dornbusch hört zu. „Hochtied! Hochtied!" Wer hat den Auf schon einmal auf einer handfesten mecklenburgischen Bauernhochzeit gehört? Wer war mit dabei? Die Bänder fliegen, die Blumen im Knopfloch nicken, der Bursche hat sein Mädchen um den Leib gepackt, daß die Rippen knacken, und alle rufen, nein, brüllen sie, dah das Blut kocht. Haken unb Egge stehen, bedeckt von Mohn und Klee, beieinander. Sie hat sich eng an ihn gedrückt. „Morgen ist Sommerwetter," sagt sie. „Bald ist Herbst," denkt er nach, „zwei gute Pferde, der Knecht, ich hinterher unb reiße die Erde auf, daß es knirscht. Was kommt da alles zum Vorschein: Käfer, halbfertige Maikäfer, lange, dicke Regenwürmer. Mäuse, Hamster, Steine, Glas, alte Stiefel, mit dem vorjährigen Dung untergepslugt, wohl gar ein alter Topf mit Goldstücken, die Alten erzählen davon, großmächtige Steine, die ich mit hochreihe ; der Knecht pfeift — im Herbst — „Rnd ich immer hinter dir her. Ich verlasse dich nicht und glätte, was du rauh gemacht hast." „Wir sind uns angetraut; du und ich, Haken und Egge, solange, bis unsere festen Glieder grau und brüchig geworden sind; bann gehts in den Schuppen." Auf der Wiese geht das Fest weiter. „Hochtied! Hochtied!" Fuchs und Pferd springen über den Busch, hinter dem der Küster liegt. Sie schlagen ihm den Hut dabei ab. Stöwesand fällt vor Angst und Entsetzen fast in den Graben. . plnd immer noch die Lust, die unhörbare und doch die Rächt erfüllende Freude am Leben. Grau, schattenhaft, streichend, fliegend — hopp hopp — rsch rschsch - sssing sssing — „kumm! kumml" — „griep mi! griep Mil." „Riinschen? Minschen? Dämliches Pack! Ji? 2a; ätoer wi? Wi ok!" murmelt der alte Pflug vor sich hin. Er mag nicht mehr stehen. Ihm ist auch, als ob es bald, wieder heimzugehen mühte. Streicht nicht schon ein kühles Lüftchen über ben Voßberg? „Hochtied! Hochtied!" Pferd und Fuchs springen von oben her tn den Dusch, der den Küster deckt. Sie spinngen ihm gerade auf den grauen Kopf. Da ist es vorbei — plumps liegt der alte StSwesand im Draben- wasser. I 3m Wasser? Petrus, Paulus, was war denn heute abend los? Wo war er? Er ritz die Augen auf. Das war doch — war das nicht—? Ist das nicht — ? Das ist doch Sievers Kolk. And dort geht der Weg. Dübelelement, dies sollte der Herr Pastor wissen, daß sein Küster bei Nachtzeit vollgetrunken hinter dem Zaun schläft. Gr sucht seinen Hut, seinen Stock; drüben ist der Weg. Hastig schiebt der Küster nach Haufe. Klingt daS nicht wie Hahnenruf? Der Küster läuft. Mit langen unsicheren Schritten keucht er durch Gras und Korn. lieber den Voßberg aber zieht ein langer, grauer Streif, wie der Wolkenschatten über die Sommerfelder zieht. Tausend unsichtbare Füße streichen durch den Klee. 3vhannisnacht. — „Gute Nacht," sagt der Fuchs zum Pferd, das ihm wieder gegenüber auf dem anderen Ende des Hausgiebels steht; „es wird wieder eine lange Nacht werden. Denn was haben wir vom Sonnenschein ?“ „Wie ich gesprungen bin!" sagt das Pferd, „es ist doch ernt Lust zu leben, auch wenn es nur eine Stunde ist." Der Fuchs will noch antworten; aber er kann nicht mehr. Denn unter ihm an der Stubenwand sagt es: Ting! Die Ahr schlagt eins. Steif und fest starrt der Fuchs in die Lust, ein Stück altes Eisen. Die alte Frau In der Kammer nebenan hört die Ahr auch „Eiirs erst," dentt sie und dreht sich seufzend auf die andere Seite. Am nächsten Morgen steht auf den Höfen manches Hoftor, mancke Schuppentür offen. Der Dauer schilt. Knecht und Mädchen sagen, daß sie am Abend vorher alles richttg verwahrt Haben. Aber der Bauer weist, datz jede Sache nur halb gemacht wird, wenn er nicht selbst das letzte Auge über alles hat. Auch das Geschirr ist nicht an dem Platz, an den es gehört. Beim Schulzen liegen der Haken und die Egge, die erst am Donnerstag neu vom Schmied gekommen sind, nicht unter dem Schuppen, wie gestern abend, sondern auf einem Haufen Stroh neben dem Kuhstall. „Dei seihn ut, as wenn's sich antrugt fünd," sagt der Knecht der sie an ihren alten Platz bringt, zu dem Melkmädchen, das die Kälber in die Koppel treibt. Der Schatz. Bon Eduard M ö r i k e. (Fortsetzung.) Josephe hatte soeben geendigt. 3rt der Mrinui^, ein Fuhrwerk vom Tal her zu hören, sprang sie mit Leichtigkeit aufs nächste Mäuerchen und horchte, den Ast eines Ahorns er» greifend, ein Weilchen in die Luft. Noch einmal verschlang ich ihr liebliches Bild - Ach so, dacht' ich, in eben dieser Stellung, aber mit freudiger bewegtem Herzen, -wird sie nun bald ihren Liebsten erwarten! Ich muhte das Gesicht abwenden, ich dtangte mit Mühe die Tränen zurück. Ein Zug von Naben strich jetzt über unfern Häuptern hinweg, man hörte den kräftigen Schwung ihrer Flügel; es ging der Landesgrenze zu; der Anblick gab mir neue Kraft. 3a, ja — sprach ich halblaut: mit Tagesanbruch morgen wanderst du auch du hast hier doch nichts zu erwarten als neue Täuschungen, neuen Derdruh! Ich fühlte plötzlich einen namenlosen Trost/als wenn es mögliche wäre, mit Wandern und Laufen das Ende der Welt zu erreichen. , ,Sie sind es nicht! des Müllers Esel waren s! lachte Josephe und griff nach meiner Hand zum Niedersteigem Sie sah mich an. „Mein East ist ernsthaft worden — warum?" — Ich antwortete kurz und leichtsinnig. Sie aber forschte mit sinnenden munteren Blicken an mir und begann: „So wie wir uns hier gegenüberstehen, sollte man doch beinah meinen, wir kennten uns nicht erst von heute. Ja, aufrichtig gesagt, ich selbst kann diesen Glauben nicht los werden, und, meiner Sache ganz gewiß zu fein, war ich gleich anfangs unhöflich genug und fragt’ Euch um den Namen; glaubt mir, ich brauch' ihn jetzt nicht mehr. Am Euch indes zu zeigen, daß man bei mir mit faulen Fischen nicht ausreicht, fo kommt, ich sag' Euch was ins Ohr: — Männlein! wenn du ein Schneider bist, will ich noch heut' Frau Schneidermeisterin heihen, und, Männchen! wenn du nicht der kalte Michel bist, Heiht das Franz Arbogast aus Eglosssbronn, bin ich die dumme Deth von Jünneda" — hiermit kniff sie mich dergestalt in meinen linken Ohrlappen, daß ich laut hätte aufschreien mögen, ■■■■ zugleich aber fühlte ich auch so einen herzlichen, kräftigen Kuh aus die Lippen, daß id)> wie betrunken dastand. „Für diesmal kommt Ihr fo davon!" rief sie aus: „Adieu, ich muh jetzt kochen. Ihr bleibt nur hübsch hier und legt Euch in Zeiten auf Buhe." Nachdem ich mich vont ersten Schrecken ein wenig erholt, empfand ich zunächst nur die süße Nachwirkung des empfangenen Kusses. All meine Sinne waren wie zauberhaft bewegt und aufgehellt; ich blickte wie aus neuen Augen rings die Gegenstände an, die ganz in Rosenlicht vor mir zu schwanken schienen. Wie gern wär’ ich Josephen nachgeeilt, doch eine sonderbare Scham ließ mir's nicht zu. Dabei trieb mich ein heimliches Behagen, die angenehmste Neugierde, wohin dies alles denn noch führen möchte, unstet im Hofe auf und ab. Denn dah die unvergleichliche Dirne mehr, als ich denken konnte, von mir wisse, datz sie, vielleicht im Einverständnisse mit ihren Leuten, irgendetwas Besonderes mit mir im Schilde führe, soviel lag wohl am Tage, ja mir erschien auf Augenblicke, ich wußte nicht warum, die fröhlichste Gewißheit: alle mein unverdientes Mißgeschick sei seiner glücklichen Auflösung nahe. Leider fand sich den Abend keine Gelegenheit mehr, mit dem Mädchen ein Wort im Berttauen zu reden. Die Asien kamen unversehens an, schwatzten, erzählten und packten Taufschmausbrocken aus. Dazwischen konnte ich jedoch bemerken, daß mich Josephe über Tisch zuweilen ernst und unverwandt, gleich als mit weitentferntem Geist, betrachtete, fo wie mir nicht entgangen war, daß sie gleich bei der Ankunft beider Alten von diesen heimlich in die Kammer nebenan genommen und eifrigst ausgefragt wurde. Es mußte der Bericht nach Wunsch gelautet haben, denn eines nach dem andern kam mit sehr zufriedenen Gesicht zurück. Später, beim Gutenacht unter der Tür, brückte Josephe mir lebhaft die Hand. „Ich wünsche," sagte sie, „daß Ihr Euch fein bis morgen auf etwas Guts besinnen mögt." — Lang grübelte ich noch im Bett über die Worte nach, vergeblich mein Gedächtnis quälend, wo mir denn irgend einmal in der Welt diese Gesichtszüge begegnet wären, die mir bald so bekannt, bald wieder gänzlich fremde deuchten. So übermannte mich der Schlaf. Es schlug ein Ahr vom 3ünnebaer Turm, als ich, von heftigem Durste gepeinigt, erwachte. Ich tappte nach dem Wasserkrug; verwünscht! er schien vergessen. Ich konnte mich so schnelle nicht entschließen, mein Lager zu verlassen, um anderswo zu suchen, was ich brauchte. Ich sank schlaftrunken ins Kissen zurück, und nun entspann sich zwischen Schlaf und Wachen der wunderlichste Kampf in mir: Stehst du auf? bleibst du liegen? Ich suche endlich nach dem Feuerzeug, ich schlage Licht, werfe den Aeberrock um und schleiche in Pantoffeln durch den Gang, die Treppe hinab... ob ich dies wachend oder schlafend tat, das, meine Wertesten, getraue ich mir selbst kaum zu entscheiden; es ist ein Punkt in meiner Geschichte, worüber ich trotz aller Mühe noch auf diese' Stunde nicht ins reine kommen konnte. Genug, es kam mir vor, ich stand im untern Flur und wollte nach der Küche. Die Aehnlichkeit der Türen irrte mich, und ich geriet in ein Gemach wo sich verschiedenes Gartengerät, gebrauchte Bienenkörbe und sonstiges Gerümpelwerk befand; auch war an der breitesten Wand eine alte, riesenhaste Landkarte von Europa aufgehängt (wie ich denn dieses alles den andern Tag gerade so beisammen fand). Schon griff ich wieder nach der Türe, als mir auf einem langen Brett bei andern Gefäßen ein dosier Essigkolben in die Augen fiel. Das löscht den Durch doch besser als bloßes Wasser, dachte ich, Hub den Kolben herab und trank in unmenschlichen Zügen; es wurde mir gar nicht genug. Auf einmal rief nicht weit von mir vernehmlich ein äußerst feines Sümmchen: „He! Landsmann, zünd’ Er doch ein klein bißchen hierher!" 3ch sah mich allenthalben um, und es rief wieder: „Da! daher, wenn's ge- fätlig ist." So leuchtete ich gegen die Karte hin, ganz nahe, und nehme mit Verwunderung ein Männlein wahr, auf Ehre, meine Damen, nicht größer als ein Dattelkern, vielleicht noch kleiner! Natürlich alfo ein Elfe, und zwar der Kleidung nach ein simpler Bürgersmann aus dieser Nation; fein grauer Nock etwas pauvre und landstreichermätzig. Er hing, vielmehr er stand wie angesiebt auf der Karte, just an der südlichen Grenze von Holland. „Noch etwas näher das Licht, wenn ich bitten darf!" sagte das Kerlchen, „möchte nur gelegentlich sehen, wie weit es noch bis an den Pas de Calais ist, und -unter welchem Grad der Länge und Breite ich bin." Michdem er sich gehörig orientiert hatte, schien er zu einigem Diskurs nicht übel aufgelegt. Bevor ich ihn jedoch weiter zum Worte kommen lieh, bat ich ihn um den einzigen | Gefallen, er möchte sich von mir doch auf den Boden nieder- 1 setzen lassen, „denn," sagte ich in allem Ernst, „mir schwindelt. Euch in dieser Stellung zu sehen; habt Ihr doch wahrhaftig weit über Mückengrötze und -Gewicht und wollt so, mir nichts, dir nichts, an der Wand hinauf taufen, ohne zu stürzen! Hier ist meine Hand, seid so gut.“ — Statt aller Antwort machte er mit hellem Lachen drei bis vier Sätze in die Höhe oder vielmehr, von meinem Standpunkt aus zu reden, in die Quere. „Versteht Ihr nun," rief er aus, „was Schwerkraft heißt. Anziehungskraft der Erde? Ei Mann, ei Mann, habt Ihr fo wenig Bilduiig? Seht her!" Er wiederholte feine Sprünge mit vieler Selbstgefälligkeit. „Indessen, wenn’s Euch in den Augen weh tut, auf ein Mertelstündchen kommt mir 8 nicht an. Nur nehmet die Karte behutsam hüben und drüben vom Nagel und laßt sie allgemach samt mir aufs Estrich herab: denn dies Terrain zu verlassen ist gegen meine Grundsätze. Ich tat sofort mit aller Vorsicht, tote, er’s verlangte. Das Blatt lag ausgebreitet zu meinen Füßen, und ich legte mich, — 196 — — „Recht „Mas? zwischen den Füßen? ein Felleisen, nicht toaßr?' um das Wichtlein besser vor Augen zu haben, gerade vor ihm nieder, so daß ich ganz Frankreich und ein gut Stuck vom Weltmeer mit meinem Körper zudeckte. Das Licht Uetz er hart neben sich stellen, wo er denn, ganz bequemlrch an den untern Rand des Leuchters gelehnt, sein Pfeiflein füllte und sich von mir den Fidibus reichen ließ. „Ich war nämlich," fing er an, „vormals Feldmesser in königlichen Diensten, verlor durch allerlei Kabalen diesen Platz, worauf ist eine Zeitlang bei den Breitsteihlern diente. Bei dieser Gelegenheit ließ ich mir sagen, daß es mehrte Elfenvolksstämme gebe, die sich durch Lelb^große gar sehr unterscheiden; die kleinsten wären die Jappelfußler, zu denen sich mein wackerer Feldmesser bekannte, bann kamen Heu- schreckenritter, Breitsteißler und so fort, zuletzt die Waidefeger, welche nach der Beschreibung ungefähr die Lange eines halben Rlannsarms messen mögen. „Run, fuhr der kleine Prahlhans fort, „treib' ich aber meine Kunst Privatim aus Liebhaberei. mehr wissenschaftlich, reise daneben und verfolge noch einen besondern Zweck, den ich freilich nicht ledern unter die Rase binde." „Ihr habt," bemerkte ich, „bei diesen wichtigen Geschäften doch immer hübsch trockenen Weg." All gut," versetzte er, „aber auch immer trockene Kehle. Den'Mittag schien die Sonne so warm dort in dem Strich über Trier herein, daß ich beinah' verschmachtet war. — Apropos, guter Freund, füllt doch einmal da meine Wanderflasche! „Unser Wein ist aber stark," sagt' ich, indem ich ihn mit eurem Tropfen aus meinem Essigkrug bediente. „Hat kerne Rot, sprach er und soff mit Macht, wobei er das Mundlem em wenig verzog. „Was übrigens," fuhr er nun fort, „den Weg betrifft, zum Exempel bei Rächt, ja lieber Gott, da ist einer kemen Augenblick sicher, ob er auf festem Erdreich emyergeht oder im Wasser; das wäre zwar insoweit einerlei, man macht ja keinen Fuß hier naß; hingegen ein Gelehrter, seht, es ist so eine Sache, man will sich keine Blöße geben, nicht einmal vor sich selbst. Ich lief unlängst bei Hellem Tag nicht weck von der Stadt Andernach und sah so in Gedanken vor mich nieder und dachte an nichts - auf einmal liegt der grüne breite Rhein wie'n Meer vor meinen Füßen! Am em kleines wär' ich hineingeplumpst, so lang ich bin — wie dumm! und stand doch schon eine Viertelstunde davor mit ellenlangen Buchstaben deutlich genug geschrieben: Rhen u s. Bor schrecken fiel ich rückwärts, nieder, und dauerte zwei Stunden, bis ich mich wieder besann und erholte." — „Aber," fragt ich, „habt Ihr denn das Rauschen dieses Stroms nicht schon von fern gehört?" — „Gehorsamer Diener, Mosje! so weit habens Eure Herren Landkartenmacher noch nicht gar gebracht; all die Gewässer da, wie hübsch sie sich auch krümmen, machen nur stille Musik." Der Feldmesser schwieg eine Zeitlang und schien etwas zu überlegen. Hört!" fing er wieder an, „ich muß jetzt doch mit meiner Hauptsache heraus. Ihr könntet mir einen Gefallen erweisen. — Recht gern." — „So sagt einmal, es gibt ja sogenannte Osterkinder unter euch Menschen; wißt Ihr mir wohl Bescheid, wie solche ungefähr aussehen?" — „Gewiß," versetzte ich. Der Feldmesser hüpfte vor Freuden hoch auf. „Jetzt will ich Euch, denn gleich vertrauen" sprach er weiter, „um was es mir eigentlich ist. Merket auf. Euch ist bekannt, wo Jünneda liegt; unweit vom Jrmelschloh. Run haust in diesein Gau der Waidefegerkönig, ein Holzer, habgieriger Fürst, allzeit auf Raub und Plünderung bedacht, bestiehlt sogar das Menschenvolk nächtlicherweis und schleppt, was,er von Gold erwischen kann, nach seinem alten Schatzgewölb — was glotzt Ihr mich so an? es ist doch wahr; die Waidfeger wittern das Gold. Da ist neulich erst wieder so ein Streich passiert, daß die Koken (ein sonst nicht zu belegender und noch nirgends erklärter Ausdruck) sich hinter ein Fuhrwerk machten und einem reisenden Kaufherrn den Goldsack zwischen den Füßen ausleerten!" „Ja, oder dergleichen. Die haben ihre Pfiffe, Herick Wie der Blitz kommen die einem Wagen von untenher bei, ei^paar setzen sich auf die Langwied (Langewiede ist das lange Holz zwischen Vorder- und Hintergestell eines Leiterwagens), durch- -graben den Boden und schütteln den Dotter heraus — das Gelbe vom Ci, wie sie sagen —, was Weißes ist, Silbergeld, lassen sie liegen." „Wo aber tragen sie's denn hin, um's Himmels willen? wo hat der König seinen Schatz?" „Beim Sixchen, ja, das sollt' ich eben wissen. Versteht, es hat damit so seine eigene Bewandtnis. Der Grundstock ist von Menschenhand gelegt, vor etlich hundert Jahren; von der bösen Frau Jrmel habt Ihr gehört. — Ich kenn' sie wohl und sie mich auch, mir tut sie nichts zuleide. Gut also, die soll noch, zu ihren Lebzeiten eine Kiste mit einem braven Sparpfennig wo eingemauert haben — das war noch zu Havelocks Zeiten, des ältesten Waidfegerkönigs. Richt lange stand es an, so kam auch schon das Waidheer dahinter. Der König legte gleich Beschlag darauf und machte das Gewölb' zu seiner heimlichen Schatzkammer, wo man sofort alle kostbare Beute verwahrte, darunter auch die große Jrmelskette, die Hadelock der Andere mit erstaunlicher Arbeit und Mühe in zweien Stücken aus dem sandigen Bette der Sichel herausschaffen lassen. Der Jrmel-Geist hat seitdem keine Ruhe und sucht diie Kette und kann sie nicht finden. Run geht im Volk eine uralte Sage: ein Menschenjüngling würde dereinst das Kleinod ans Tageslicht bringen und wiederum zusammenfügen, dann wäre auch der Geist erlöst; der Jüngling aber müsse als ein Osterkind geboren fein, die seien äußerst rar, und käme ost in einem Säkulo kaum eins zur Welt. Doch, unter uns gesagt, ich denke schon den rechten Mann wo aufzugabeln, und wär' es am Ende der Welt. Ich habe mich deshalb hier auf die Dahn gemacht, vorläufig einmal die Wege einzulernen und die Strapazen einer solchen Reise, Hunger und Durst in etwas zu gewöhnen. Mein Glück ist gemacht auf zeitlebens, wofern es gelingt, und Euch soll's nicht gereuen, wenn Ihr mir Rat und Beistand leisten mögt." Ich wollte ihm eben antworten, als er, das Köpfchen schnell zur Seite drehend und in die Ferne horchend, mir Stillschweigen zuwinkte. „Der Waidekönig gibt heute ein Fest; ich höre sie von weitem jubeln." „Wo beim?" Er deutete links in die Ecke der Karte hinauf. Dort waren nämlich, wie man es auf älteren Augsburger Blättern gewöhnlich bemerkt, zu Verzierung des Titels verschiedene Schildermen angebracht, gewisse Symbole der Kunst, Zirkel und Winkelmaß, an den mächtigen Stamm einer Eiche gelehnt, hinter dem ein Stück Landschaft hervorsah, ein Tal mit Rebenhügeln und dergleichen, im Vordergrund eine gebrochene Weinbergmauer: das Ganze fabrikmäßig roh koloriert. „Seht Ihr noich nichts?" „Wo denn, zum Henker?" „Anten im Tal!" „Richt eine Spur!" „So seid Ihr blind, in's Kuckucks Rainen! Jetzt kam «s mir wahrhaftig vor, als wenn die Landschaft Leben aimähme, die matten Farben sich erhöhten, ia alles schien sich vor mir auszudehnen, zu wachsen und zu strecken, der Lange wie der Breite nach; die Formen schwollen und rundeten sich, die Eiche rauschte in der Luft, zugleich vernahm ich em winziges Tosen, Schwirren und Klingen von lachenden, jubelnden, singenden Stimmchen, das offenbar aus der Tiefe herkam. Stellt Euer Licht weg!" rief mir der Feldmesser zu, „ober löschet es lieber gar aus! der Mond ist ja schon lang herauf. Ich tat, wie er befahl, und da ließ freilich alles noch hundertmal fchöner. Als ich aber vollends den Kopf übers Mauerchen streckte^- o Wunder! sah ich das lieblichste Tal sehr artig und festlich erleuchtet, mit taufend geputzten, gepützelten Leutchen bedeckt, die immerhin eine ziemlich ansehnliche Gröhe hartem sehr schlank und wohlgebaute Puppen. Es war ein unendliches Drängen. Der meiste Teil bestand aus Landleuten, welche mit Kübeln und Butten geschäftig zwischen den Kufen umsprangen. Eine Weinlese also, und eine königliche zwar! Denn vorn sah man in bunten geselligen Gruppen die Vornehmen vorn Hose, nach hinten zu eine gedeckte Tafel; vor allem stach ein Zelt hervor, es schien aus blendendweißen Herbstfäden gewoben, mit grünen Atlas-Draperien behängt, welches im Mond- und Fackelschein aufs herrlichste erglänzte. Der Feldmesser war neben mir auf einen untern Ast der Eiche geklettert, wo er kommode alles übersah. Ich hatte gerade den König entdeckt, und meine Augen suchten just die Königin, da ruft mir mein Begleiter zu: „Seht! Seht!" und deutet in die Luft nach einer neuen Erscheinung, welche zugleich von der ganzen kleinmach- tigen Menge mit Jubelgeschrei und aufgeworfenen Mützen be- grüßt wird. Wie mutz ich .erstaunen, wie hüpft mir das Herz vor kindischer närrischer Freude, als ich den goldnen Hahn vom Jünnedaer Kirchturm mit der großen Ahrtafel in seinen zwei Klauen daherfliegen sehe! Der arme Tropf flog sichtbar angestrengt, seine Flügel klirrten erbärmlich Indessen merkt ich bald, was daraus werden sollte: ein Festschietzen galt es, und hier kam die Scheibe. Der Vogel erreichte die Erde, fetzte die Tafel inmitten eines länglicht umfchränkten Platzes und lieh zugleich zwei Eisen fallen (die Zeiger der Ahr ohne Zweifel), die alsbald von mehreren Edlen betrachtet, in der Hand gewogen und, wie es schien, verdrießlich als ein paar unförmliche Wurfspieße wieder weggelegt wurden. Die Schützen zogen dagegen ihre silbernen Bogen hervor, alles ordnete sich, das Ziel war gerichtet, der Hahn amtspslichtlich stellte sich darauf. Gr krähte hell bei jedem Schuß die betreffende Zahl nach den Ringen. Die Majestät selber verschmähte nicht, die Armbrust einmal zu versuchen, und ob sie gleich ganz abscheulich fehlschoh. ja sogar den Rufer blutig verletzte, so schrie derselbe doch, anständig feinen Schmerz verbeißend, mit lauter Stimme: „3tooif in die Minut'!", was diesmal ausnahmsweise noch höher als das Schwarze galt. Anmäßiger Beifall erscholl aus _ den Reihen, derweil der Göckel sich insgeheim den Pfeil aus seinem Schwänze zog. Ich konnte mich des Lachens nicht enthalten. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlich: I, V.: Thrhard Evers. — Druck der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steinbrudierei. R. Lange, Gießen.