Gießener HamilienbMer Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrganges Samstag, -en$9.September Nummer 75 Die Heide blüht .4 . Die Sowie lugt blutig rot inS Land, wir wandern über die Heide, ünr stapfen meilenweit im Sand, wir wandern und wandern, wir beide. Schon scheidet der Dämmerschein Sand und Moor, es dreht sich die gräuliche Weite, ein feuchter Drodem steigt empor, — der Rebel schleicht über die Heide. Ammer wieder kehrt auf den Kunstausstellungen das Motiv biiihenden Heidelandschaft wieder. Denn nichts entzückt und beglückt so sehr das Malevauge, wie der Anblick der rotglühenden Heide, wie sie Irt jener Zeit duftet und blüht, die wir als des Sommers Ausgang zu bezeichnen pflegen und in der sich alle die zu Heidewanderungen rüsten, die eine stille glückliche Liebe zur Heidelandschast im Herzen tragen, wie sie ein Künstler vors Auge zaubert und wie wir sie selbst in uns ausgenommen haben, wenn wir vor der roten Heidelandschaft standen und uns nicht sattsehen konnten an diesem prächtigen zauberschönen Anblick, hingerissen und ganz trunken davon. „ Diele Großstädter, deren Heimatsort das Glück hat, eine schöne Heidelandschaft in seiner Aähe zu besitzen, durchwandern diese Wohl, weil es einmal im Jahre genau wie zur Baum- blütezeii Mode ist, einen „Heidebummel" zu machen und sich von den Stimmungen einer solchen blühenden Heidelandschaft bezaubern zu lassen. Viele freilich, die, wenn Ee Heide blüht, hinauswandern, wissen gar nicht Bescheid mit diesem bescheidenen, giftenden Kraut, dem gemeinen Heidekraut, das man als eigene Gattung von der bekannten Erika in der Pflanzengeschichte ab- getrennt hat. Der Botaniker Salisbury nennt diese bekannte Pflanze Calluna, weil ihr Kelch länger als die Dlumenkrons und die Kapsel vierfächrig ist. Sie ist kein Kraut, sondern ein Strauch, der gewöhnlich sehr niedrig bleibt, aber unter günstigen Ortsverhältnissen 1 bis 1,5 Meter hoch wird, wo dann feine Stämmchen bis 2,5 Zentimeter Durchmesser erreichen. Die gemeine Heide hat immergrüne, vierzeilig gestellte Schuppenblätter von lineal-dreieckiger Gestalt, die im Winter eine bräunliche Farbe annehmen. Ihre Blüten, die dem langen, vierteiligen, rot- oder weißgefärbten Kelche ihr schönes Aussehen verdanken, enthalten viel Honig, weshalb in allen Heidegegenden die Bienenzucht mit Erfolg betrieben werden kann. Doch soll der nur aus Heideblüten bereitete Honig der Gesundheit nachteilig sein, weil er narkotisch wißenden Stoff enthält. Die Heide ist eine der verbnitetsten Pflanzen in der Welt, denn sie findet sich fast in ganz Europa, in Aordasien und Nordamerika und auf den Azoren. Dabei ist sie eine so gesellig wachsende Pflanze, daß sie, namentlich in den nördlichen Ländern, iN unserer norddeutschen und mitteldeutschen Tiefebene, ungeheuere Landstrecken fast ausschließlich zu bedecken vermag. Das Heidekraut liebt einen sandigen oder moorigen, mageren Boden und verdrängt auf solchem bald alle anderen Pflanzen. Durch den dichten Wurzelsilz, den seine sich vielfach verzweigen- den Wurzeln im Boden bilden, und den engen Schluß feiner durcheinander wachsenden, vielfach verzweigten Stämmchen absorbiert es fast ausschließlich Dau und Regen und läßt ihn nicht in den Boden gelangen, wodurch die Pflanze mittelbar aus Forstkulturen schädlich einwirkt. Unmittelbar schadet sie durch äleberwachsen und Verdammen der in den Boden gesetzten Holzpflairzen. Dagegen bereitet sie durch ihre Zersetzungsprodukts und Abfälle den Boden für anspruchsvollere Gewächse vor, beschützt die flach verlaufeirden Wurzeln der Bäume, liefert dem Wilde während des Winters eine gute Aesung und wird zur Streu, als Gerbmaterial und Dvennreisig verwendet. Das letztere ist besonders der Fall in unserer Lüneburger Heide. Wir besitzen in Deusschland eine nicht unbeträchtliche Zahl von Malern und Dichtern, die aus der Umwelt der Heidewurzel, ihre schönsten und ttefsten Anregungen empfangen haben. Haben wir doch eine Literatur von Balladen, Rovellen, Skizzen, Stimmungsbildern und ganze Malerschulen, di« mrr Heidemottve ht der verschiedensten Beleuchtung und zur verschiedensten Jahreszeit verwendet haben. Wollte man Ramen von Künstlern nennen, so würde die Liste sehr lang werden, erinnert sei nur an Hebbel, Storm, und den ht seiner Art klassischen Heidedichter Hermann Löns, an den malenden Dichter Hermann Aflmers, an Detlev von Litiencron und Georg Busse-Palma — aber damit ist noch lange nicht die Reihe derer geschlossen, die Jahr um Jahr htnaus- gewandert sind, um das große deutsche Raturwunder zu sehen — wenn die Heide blüht. , Wenn die Aepfel reif find. Bon Theodor Storm. war mitten in der Rächt. Hinter den Linden, die längs dem Plankenzaun des Gartens standen, kam eben der Mond herauf und leuchtete durch- die Spitzen der Obstbäume und drüben auf die Hinterwand des HauseS, bis hinunter auf den schinalen Steinhof, der durch ein Staket von dem Garten getrennt war; die weihen Vorhänge hinter dem modrigen Fensterchen waren ganz von seinem Licht beschienen. Mitunter war's, als griffe eine kleine Hand hindurch und zöge sie heimlich auseinander: einmal sogar lehnte die Gestalt eines Mädchens an die Fensterbank. Ste hatte ein weißes Tüchlein unters Kinn geknotet und hielt erne Keine Damenuhr gegen das Mondlicht, auf der sie das Rücken des Weisers aufmerksam zu betrachten schien. Draußen vom Kirchturm schlug es eben dreiviertel. Änten zwischen den Büschen des Gartens auf den Steigen, und Rasenplätzen war es dunkel und still: nur der stllarder, der in den Zwetschen saß, schmatzte bei seiner Mahlzeit und kratzte mit den Klauen in die Baumrinde. Plötzlich hob er die Schnautze. Es rutschte etwas draußen an der Planke: ein dicker Kopf guckte herüber. Der Marder sprang mit einem Satz zu Boden »und verschwand zwischen den Häusern; von drüben aber kletterte ein uiitersetzter Junge langsam in den Garten hinab. Dem Zwetsch, nbaum gegenüber, unweit der Planke, stand ein gar nicht hoher Augustapfelbaum, die Aepfel waren gerade reif, die Zweige brechend voll. Der Junge mutzte ihn schon kennen: denn er grinste und nickte ihm zu, während er auf den Fuß- spitzen an allen Seiten um ihn herumging; dann, nachdem er einige Augenblicke stillgestanden und gelauscht hatte, band er sich einen großen Sack vom Leibe und sing bedächtig an zu klettern. Bald knickte es droben zwischen den Zweigen, und die Aepfel sielen in den Sack, einer um den anderen in kurzen, regelrechten Pausen. Da zwischendrein geschah es, daß ein Apfel nebenbei zur Erde fiel und ein paar Schritt weiter ins Gebüsch rollte, wo ganz versteckt eine Dank vor einem steinernen Gartenttschchen stand. An diesem Tische aber — und das hatte der Junge nicht bedacht — saß ein junger Mann mit aufgesttitztem Arm und gänzlich regungslos. Als der Apfel seine Füße berührte, sprang er erschrocken auf; einen Augenblick später trat er vorsichtig auf den Steg hinaus. Da sah er droben, wohin der Mond schien, einen Zweig mit roten Aepfeln unmerklich erst und immer heftiger dann hin- und herschaukeln; eine Hand fuhr in den Mondschein hinauf und verschwand gleich darauf wieder samt einem Apfel in den ttefen Schatten der Blätter. Der Untenstehende schlich sich leise unter den Baum und gewahrte nun endlich auch den Jungen wie eine große schwarze Raupe um den Stamm herum hängen. Ob er ein Jäger war, ist seines Keinen Schnurrbart« und seines ausgeschweiften Jagdrockes unerachtet schwer zu sagen; in diesem Augenblick mußte ihn aber so etwas wie ein Jagdfieber überkommen; denn atemlos, als habe er die halbe Rächt nur hier gewartet, um die Jungen in den Apfelbäumen zu fangen, griff er durch die Zweige und legte leise, aber fest, seine Hand um den Sttefel, welcher wehrlos an dem Stamme herunterhing. Der Stiefel zuckte, das Apfel- pflücken droben hörte auf; aber kein Wort wurde gewechselt. Der Junge zog, der Jäger faßte nach; so ging es eine ganze Weile; endlich legte der Junge sich aufs Bitten. „Lieber Herr!" „Spitzbube!" „Den ganzen Sommer haben sie über deit Zaun geguckt!" „Wart' nur, ich will dir einen Denkzettel machen!" älnd dabei griff er in di« Höhe und packte den Jungen in den Hosen- spiegel. „Was das für derbes Zeug ist!" sagte er. „Manchester, lieber Herr!" Der Jäger zog ent Messer aus der Tasche und suchte mit der freien Hand die Klinge aufzumachen. Als der Junge das Einschnappen der Feder hörte, machte er Anstalten, hinabzu- Kettern. Allein der andere wehrte ihm. „Bleib nur", sagte er, „du hängst mir eben recht." Der Junge schien gänzlich wie verlesen. „Herrjemine!" sagte er. „Es sind des Meisters seine! Haben Sie denn gar kein Stöckchen, lieber Herr? Sie könnten es mit mir allein abmachen! Es ist mehr Pläsier dabei; es ist eine Motion; der Meister sagt, es ist so gut wie Spazierenreiten!" Mein — der Jäger schnitt. Der Junge, als er das kalte Messer so dicht an seinem Fleisch heruntergleiten fühlte, ließ den Vossen Sack zur Erde fallen; der andere aber steckte den — 298 — möaefd&nötenen Necken sorgfältig in Sie Westentasche. „Olim fcxmft du allenfalls herunterkommen!" sagte er. Er erhielt keine Antwort. Ein Augenblick nach dem anderen verging; aber der Junge kam nicht. Von feiner Höhe aus hatte . er plötzlich, während ihm von unten her das Leid geschah, vn Hause drüben das schmale Fensterchen sich öffnen sehen. Gn kleiner Fuß streckte sich heraus - der Junge faS öffl » Strumpf im Mondschein leuchten — und bald standetn vott- ständiges Mädchen draußen auf dem Steinhof. Ern Weilchen hielt sie mit der Hand den offenen Fensterflügel; dann gtng fle tansfam an das Pförtchen des Staketenzauns und lehnte sich mit halbem Leibe in den dunklen Garten hinaus. Der Junge renkte sich fast den Hals aus, um das alles zu betrachten. Dabei schienen ihm allerlei Gedanken 8U totnm; denn er verzog den MUick» bis an die Ohren und stellte sich breitspurig auf zwei gegenüberstehende Aeste, wahrend « mit der einen Hand das beschädigte Kleidungsstuck zusammenhielt. „Nun. wird's bald?" fragte der andere. „Es wird schon!" sagte der Junge. „So komm herunter!" , . Es ist nur," erwiderte der Junge und bitz in emen ApfeU daß es der Jäger unten knirschen hörte, »es ist nur, daß ich just ein Schuster bin!" , „Wenn ich ein Schneider wäre, würde ich mir oa» von selber flicken." And er fuhr fort, seinen Apfel zu verspeisen. Der «junge Mann suchte in seiner Tasche nach kleiner Münze, aber ter sand nur einen harten Doppeltaler. Schon toollte er die Hand zurückziehen, als er von unten her ganz deutlich ein Ksinken km der Gartentür vernahm. Auf dem Kirchturm drüben schlug es eben zwölf. — Er fuhr zusammen. „Dummkopf!' murmelte ter und schlug sich vor die Stirn. Dann griff er wieder in die Tasche und sagte sanft: „Du bist Wohl armer Leute Krnd? „Sie wissen schon," sagte der Junge, „'S wird alles sauer „So sang und laß dir flicken!" damit warf er das GÄdstück zu ihm hinauf. Der Junge griff zu, wandte es prüfend im Asimd- schein Hin und wieder und schob es schmunzelnd in dm Tasche. Draußen auf dem langen Seige, an dem der Apfelbaum in den Rabatten stand, wurden kleine Schritte vernehmlich uno das Rauschen eines Kleides auf dem Sande. Der Jäger biß sich in die Appen; er wollte den Jungen mit Gewalt herunterreihen; der aber zog sorgsam die Deine in die Höhe, Äns UnÄ andere; es war vergebliche Mühe. „Hörst du nicht? sagte er keuchend. „Du kannst nun gchen!" „ Freilich," sagte der Junge, „wenn ich nur den Sack hätte! „Den Sack?" „Er ist mir da vorher hinabgesallen. „Was geht das mich an?" „Run, lieber Herr, Sie stehen just da unten! . Der andere bückte sich nach dem Sack, hob ihn ein Stuck vom Doden und lieh ihn wieder fallen. „Werfen Sie dreist zu!" sagte der Junge, „ich wende ihn schon fangen." Der Jäger tat einen verzweifelten Blick in den Daum hinauf, wo die dunkle, untersetzte 'Gestalt zwischen den Zweigen stand, sperrbeinig und bewegungslos. Als aber draußen die kleinen Schritte in kurzen Pausen immer näher kamen, trat er hastig auf den Steig hinaus. Ehe er sich's versah, hing ein Mädchen an seinem Halse. „Heinrich!" . , / , „Am Gottes willen!" Er hielt ihr den Mund zu und zeigte in den Daum hinauf. Sie sah ihn mit verdutzten Augen an; er aber achtete nicht darauf, sonder-, schob sie mit beiden Händen ins Gebüsch. , „ , , „Junge, vermaledeiter! — Aber daß du nur nicht wieder- kommst!" und er erwischte den schweren Sack am Doden und hob ihn ächzend in den Baum hinauf. „Ja, ja!" sagte der Junge, indem er dem anderen behutsam feine Bürde aus den Händen nahm." Das sind die von den roten, die falten ins Gewicht!" Hierauf zog er ein Endchen Bindfaden aus der Tasche und schnürte es eine Spanne oberhalb der Aepfel um dm Sack, während der mit den Zähnen die Zipfel desselben! angezogen hielt; dann lud er ihn auf seine Schulter, sorgsam und regelrecht, so daß die Last gleichmäßig auf Brust und Rücken verteilt wurde. Als dieses Geschäft zu seiner Zufriedenheit beendet war, faßte er einen ihm zu Häupten ragenden Ast um> schüttelte ihn mit beiden Fäusten. „Diebe in den Aepfeln!" schrie er; und nach allen Seiten hin prafselten die reifen Früchte durch die Zweige. .Unter ihm rauschte es in den Büschen, eine Mädchenstimme kreischte, die Gartenpforte klirrte, und als der Junge noch einmal den Hals ausstreckte, sah er soeben das Keine Fenster wieder zuKappen und den Weißen Strumpf darin verschwinden. Einen Augenbsick später saß er rittlings auf der Gartenplanke und lugte den Weg entlang, Wo sein neuer Bekannter mit langen Beinen in den Mondschein hinaus lies. Dabei griff er in die Tasche, befingerte feine Silbermünze und lachte so ingrimmig in sich hinein, daß ihm die Aepfel auf dem Buckel tanzten. Endlich, als schon die ganze Hausgenossenschaft mit Stöcken und Laternen Umherrannte, ließ er sich lautlos an der anderen Seite heruntergleiten Und schlenderte über dem Weg in den Nachbargarten, allwo er zuhaus war. ■ , > Auch eine Reife. Skizze von Else Ebel. Stettin. Dies ist meine Feierstunde. Der TageSlärm verklingt drinnen und draußen. Die Alltagsarbeit ist getan, nun darf die Hmck> zum ersehnten Buch greifen. Genießerisches Behagen umspimrt mich. — Wer sagte doch heute: Sie Aermste? — Ach ja, so war S: „Wohin reifen Sie denn dies Jahr?" — „Sch bleibe sein zu Haus." — „Sie Aermste!" — Da steht sie wieder mit ihrer heißen Forderung vor mir, die Reisesehnsucht. Ach wenn man doch hinaus Bunte tote früher, nicht weit, nicht über die Grenzen hinaus, nicht zu een hohen Schneegipfeln, nicht ins grüne Herz Deutschlands, nicht einmal an die nahe See! Nur irgendwie dem Alltag entfuetyert unö der lastenden Enge der Stadt!--Da summt mir etwas durch» Ohr, ein verwehter Klang. Jst's nur eine halb vergessene Vokabel aus der Kinderzeit, ist's der Titel einer vor langen« gelesenem Novelle? Bohage antour de ma chambre — — — Wundersamer Zauber! Nun reise ich , Ein buntes Stücklein Mosaik liegt vor mtr als Briefbeschwerer, St. Peter steht darauf geschrieben, ein Brieföffner in Gestalt eines Gondelschnabels daneben. Italien, Italien! Ich nein, wir schreiten wie Kinder durchs Märchenland, Brider, Klänge, Düfte umwogen uns. Das sind die Veilchen von die so heimlich duften, das ist der herbe Ruch, des AkanthuS, der den grünen Teppich um PSstums heiter-ernste Tempel breitet Aus Weihrauchwolken tauchen Fra Angelicos fanfte Heuig« auf. Wie Grabesluft umfängt es uns, wenn wir in Ravennas mosaikleuchtende Kirchen hinabsteigen. Wie wohl tut der frische Seewind, der vom Lido her durch Venedigs Gassen weht! Es Hingt so lockend: „Oondula, gondula, signore!“ Nun Glockenschtag, ungewaltig, wie aus der Tiefe des Meeres geboren: wir stehen auf dem Pincio, und uns zu Füßen jauchst die „ewige Stadt aus hundert Mündern ihre Ave gen Himmel. — Die ehernen Stimmen verhallen; Chorgesang und Litanei schweigen- Jetzt redet nur noch die Schönheit selber, wie sie in tausend Farben! von Wänden und Decken strahlt, in tausend Gestalten uns mav- morleuchtend entgegenschwillt, in Türmen und Säulen und breit* gelagerten Fassaden sich dem blauen Himmel vermahlt. VKe Kinder wandeln wir? Nein, wie wissende, schv nheii s uch-eiwe Menschen. Wir sehen jeder im geliebten Antlitz des anderen die Wonne höchsten Erhobenseins sich spiegeln. Anser Schweigen ist ein einziger Dank an den, der seinen liebsten Kindern schenkte, ihre Seele ausströmen zu lassen in Farbe, Form und Gestaltung. Gin Stücklein Mosaik aus St. Peter umschließt meine Hand — ein köstliches Erlebnis umschließt unverlierbar meine Seele. Wohin willst du mich führen, du schlichtes Kästchen mit dem zartgeschnittenen Edelweiß auf dem Deckel? Die 8nge des 3ur£ mers weitet sich, frei schweift der Blick in die Runde. Durch blumige Wiesen geht's hinan, Bergwälder gierten vorüber, Fels- trümmer, Latschengestrüpp, schon winken die weißen Häupter herüber. Wie klopft das He» vor Anstrengung und Daseins- Wonne! Nun stehen wir oben. O uner.neßliches Entzücken! Zuviel, zuviel für's junge Herz. Arme öffnen sich und em tranenuber- strömtes, junges Antlitz verbirgt sich am teuren Vaterherzen. Innsbruck ist auf' dem Kästchen in verblichener Schrift zu lesen. Jugendwonne, Fahrtenlust müßte es heißen. Bildchen birgt es. Für andere sind es mäßige „Amateurphotographien. Für mich sind sie mehr. Ich habe mit ihnen heimgetragen, Was mir geschenkt Ward an vielen genußfrohen Wander- und sturkenb-n Ruhetagen: Sonnenlichter im Duchenlaub an der, Ostsrekuste, die stolze Pracht hochragender Dome, eingefangen rn einem Stückchen zierlichsten Maßwerks, Schwermut, die einen E-Mee umlagert, das Leuchten auf Rotenburgs Mauern zur Abendzeit, die Stille eines efeuumrankten Kreuzgangs, das Gelachter und die kreischende Kampflust, mit der meine Kinder, ihre Burg gegen die anstürmenden Nordseewellen verteidigen, die gleißende Herbstherrlichkeit der Elbufer in der Sächsischen Schweiz, Die keusche Schönheit von St. Elisabeth in Marburg, die liebevolle Sorgfalt, mit der ein Hildesheimer Meister seine Haustur schuf, das Glühen der Alpenrosen hoch oben im ©ngabin--- alles, alles erlebe ich wieder in Träumen, die lange Jahre und weite Räume umsponnen. , ,r Gin leichter Knall weckt mich der Deckel fallt zu, em leises Klirren ertönt von den feingeschliffenen Gläsern, die eine Bowle im Kranze umgeben. Olein, ein Singen ist s. Wohin will es mich führen? „ An den Rhein"--Welch fröhlicher Kreis hat sich auf einmal zu mir gesellt? Wir sitzen in rebenumsponnener Laube, wir fahren auf dem einzig teuren Strom, wir grüßen die Burgen, die Dome, und wir fingen, fingen. Jugendlust klingt hinaus m alle Weite. — Das Lied erstirbt, die laute Schar verschtomdet. Zu zweien wandern wir wieder durchs herrsiche Land am Rhein, Mosel und Lahn. Nicht immer gilt es der Lust allem, oft heißt die Losung Arbeit. Es wird gezeichnet, gemessen, geschrieben. Daheim wird es gestaltet. Oder es reift tongfam in der Seele des Gefährten, die dann Neues schMt und — wenn das gute Glück es gönnt — es sichtbar in die Welt stellen darf- Von der Wänden grüßen mich die Zeugen seiner Tätigkeit tn schlichtgerahmten Bildern und Skizzen. Die schone alte Settmntr birgt die hunderterlei Kleinigkeiten, die das Mnheitsuchende Auge auf den Fahrten durch die weite Welt entdeckte, hier und da, im prunkvollen Antiquitätengeschäft in Wien, zwischen dem — syst — bescheren Hausrat einer alten. lieben Takte hoch oben hinter Königsberg, versteckt« unter dem Gerümpel einer Schmiedewerk- tzatt. die auf blühside, bienendurchsummte Heide hinauSschmit. Sch erlebe sie wieder mit ihm. die streichelnde Freude deS Besitzersreifens, die Lust des Heimtragens und Einfügens in immer veränderte, erweiterte Gruppen im Schränkchen, dessen Spi^el- wände all die Dstüchen Zerbrechlichreiten so liebevoll wider, spiegeln. Was lächelst du fo von deinem hohen Standort herab, fxt toter Schlingel? Dogen und Pfeile hast du verborgen, eins Rose bietet deine ausgestreckte Hand mir dar. Rosen, leuchtendvote fällten einst deinen Köcher, als deine weihe Schönheit mir zuerst entgegenblühte. Sns Rosenland der Sugend tragen mich deine Schwingen — wahrlich eine weite Reise. Doch — brüste dich nicht «, sehr, ich weiß einen, der führt mich noch weiter, mitten hinein he8 Märchenreich der Kindheit. Andachtsvoll fast berührt meine Hand die kühle Glatte eines AShtischchens. Sm Lichtschein blitzte die Mahagoniplatte mit den kunstvollen Perlmuttereinlagen auf. Heute ist es in feiner reizvollen Diedermeierschönheit das Entzücken aller derer, die e8 scheu, besonders, wenn es pveisgibt, was es letzt umschlicht: auf Samt gebettet Miniaturen, Emailledöschen, Plaketten. Wie sie mich locken, ihnen in ihre Heimat zu folgen! Paris, wohl warst du schön, doch der Zauber ist verflogen. Was ich hier halte, spricht mehr zu mir: eine schlichte HSkelbörse, Großmutters Geld-, lasche. And nun sicht mein Nähtisch in einem Stübchen Nicht gar weit von hier. Großmutter strickt, die fleißigen Hände ruhen auch im Alter nicht. And Großmutter erzählt der ältesten, geliebten Enkelin, die, rundbäckig und langgezöpft, sich an sie schmiegt — und das bin ich Richt immer sind s Märchen, die ich von ihr höre. Sie erzählt von ihrer Sugend, in die noch die Nachwehen der Freiheitskriege fielen, von ihrem kurzen Eheglück, von der schweren Witwenzeit. Deutlich klingt s zu mir herüber aus der lang', lang' vergangenen Zeit. Kaufe nicht, was du brauchen, sondern was du nicht entbehren kannst. Mir ist's, als ob unter allen Dingen in meinem Besitz heute nicht zwei so dicht zusammengehörten wie die schmale Börse aus Großmutters Hand und die kostbaren Kleinigkeiten, die von der stolzen Stadt an der Seine prahlen. Paris! Welche Schatten steigen da herauf! Richt nur von fröhlichem Wandern und Reisen sprechen die Dinge um mich her. Mein Auge umfaßt ein Bildchen, auf dem zwei Kinder- köpfe sich eng aneinander schmiegen. Sm ersten Kriegswinter sollte es dem Dater einen Weihnachtsgruß ins Feld bringen. Run fügte sich's, daß ich selber es ihm in die Hand legen durfte. Ich fahre gen Osten durchs winterliche Land, vorbei an Posten, aufgewühlten Schützengräben, wirrem Drahtverhau, zerschossenen Städten, bis hin zum fast zerstörten Grenzort, dessen wenige noch bewohnbare Häuser einem Truppenteil Anterschlupf zu kurzer Ruhe bieten. And in einem von ihnen blüht uns ein karges, schmerzliches Weihnachtsglück auf. Dann gemeßen wir noch einmal die oft geteiltverdvppelte Freude: Oltanenburg unb Danzig sprechen zu uns in der alt-vertrauten Sprache ihrer Kunst, zum letzten Male uns beiden gemeinsam. — Sahre gehen dahin: noch einmal mache ich dieselbe Fahrt. Roch weiter geht sie jetzt, über die Grenze, vorbei an schmutzigen Städten, an elenden Dörfern, über herbstkahle Felder, und das Ziel ist em wallumhegter kleiner Friedhof, auf dem viele, viele Kreuze ragen, und inmitten das eine trägt den teuersten Namen Wohl mir, daß ich auch^ nun nicht allein stehe! Meines jungen Sohnes Hand ruht in der meinen. ., Die letzte Fahrt ist's nicht geblieben Die Dinge um mich her möchten noch manches erzählen von Freuden, die uns ausblühen, wenn wir, den Rucksack geschultert, den Stab in der Hand, hinauswandern, um für uns vier aufs neue zu erobern was der gütige Vater denen schenken will, die offnen Rüg« feine Wunder in Kunst und Aatur schauen Rur — junge Fuße wollen anders laufen als die durchs Leben müd gewoiSMSn Es kommt wohl die Zeit, da sie mir ganz davonsturmen, ©et« drum! Dann will ich lächelnd daheim sitzen und meinen Zaubermantel ausbreiten, der Erinnerung hecht. Er läßt mich die firnüberstrahlte Bergpracht und das lichte Antlitz dersix- tinischen Madonna sehen — und die ganze schone GotteSwelt, die dazwischen liegt. Die Dritte. Eine heitere Erzählung aus dem Künstlerleben. Bon Heinrich Sienkiewicz. (Fortsetzung.) Karminski ist bei uns wegen seiner Dienstfertigkeit bekannt. Gar oft sagt er zu einem von uns: .Kollege, wenn Sie in Verlegenheit sind, dann wenden Sie sich nur an mich ich werde... Auf Wiedersehen!" And dabei ist er reich Sch antwortete ihm, daß, wenn ich sonst nirgends Geld bekommen sollte, ich mich an ihn 'wenden würde. „ . „ Anterdessen kommen andere Freunde, Seelen, treu wie Gold, und erdrücken mich fast durch ihre .Umarmungen. Endlich nähert sich Swiatecki — ich sehe, daß er gerührt ist, er sucht es aber zu verbergen — und sagt barsch: .Obwohl ich sehe, daß du verjichest, gratuliere ich dir doch .Obwohl ich sche, daß du verdummst danke ich dir doch! antworte ich ihm und wir umarmen uns kräftig. . , . Wach Poterkiewicz erwähnt so nebenbei, daß ihm die Kehle ausgetrocknet sei. Sch habe keinen Heller, aber Swiatecki besitzt zwei Rubel, und die anderen haben auch etwas Geld. Es folgt eine Kollekte und Punsch Sie trinken auf mein Wohl, werfen mich wieder in die Höhe, und nachdem sie erfahren, daß die Affäre Suslowfki wieder im Schwange ist trinken sie auch auf das Wohl meiner Kazia. Da kommt Swiatecki auf mich zu und agt: .Glaubst du denn, du Tropf, daß sie die Depesche nicht gelesen hatten, bevor das .Fräulein an dich geschrieben hat?" Mir ist, als hätte ich einen Keulenschlag auf den Kops bekommen! Während sich mir der Horizont auf der einen Seite auf- jetlt, verdüstert er sich ganz teuflisch auf der anderen Seite. Von den Eltern kann man alles? erwarten, daß aber Kaziä solcher Berechnung fähig wäre!... Es ist jedoch sehr wahrscheinlich daß sie früh morgens an der Trirckhalle die Depesche gelesen und mich deshalb sofort zitiert haben. Sm ersten Moment will ich zu Suslowski stürmen, um die Sache klarzustellen. . Doch ich kann die Gesellschaft nicht verlassen. AeberdieS kommt noch Ostrzynski an, elegant, kühl, selbstbewußt, behandschuht, wie gewöhnlich! Der Geist sprüht aus ihm, tote eine Feuergarbe: ein schlauer, geriebener Kerl! Auf der Schwelle schon winkt er herablassend mit bemC mein Teurer? von den Eltern ist es doch nicht zu verwundern: sie muhten doch irgendeinen annehmbaren Grund haben, um wieder einzuwilligen." .Aber du, Kazia!" . „ . ,ilnb ich habe die erste Gelegenheit benutzt — kannst du es mir 'verdenken, Wladek?" . Mir wird heller vor den Augen und eSi kommt mir vor, paß Kazia vollkommen recht hat. Was in aller Welt bin ich wie ein Verrückter hierhergerast? Anterdessen nähert sich mir Kazia Und lehnt chr Kö^chen an meinen Arm. Sch umfange sie halb, fte neigt Hr KöpsHnzn mir herüber, schließt die Augen, wendet ihr rosiges Mündchen mir zu und flüstert: , . . . /Kein, nein, Wladek! nicht jetzt — nach der Hochzeit, ich bütC3nfoIge dieser Bitte drücke ich gerade meine Lippen auf ihren Mund und wir verharren so bisuns der Atem m-sg«^. Kazias Augen nehmen einen hinsterbenden Ausdruck an. Dann verdeckt sie dieselbe, mit der Hand und sagt: Ich habe dich doch so gebeten, daß du nicht... Der Vorwurf und der Blick hinter der vorgehaltE Hand rühren mich dermaßen, daß ich sie zum zweiten Male Wsse. OÖenn man einen liebt, hat man natürlich mchr Lustchn zu küssen, als etwa durchzuprügeln. And ich liebe Kazia ohne Maß und Besinnung, fürs Leben, bis zum Tod und noch darüber! €k KcAa^ömßert *mit^h^lberstickter Stimme -sie würde mm meine Achtung verlieren. GeliebtesteS ®efat! Was sie für Ansinn schwätzt! Sch beruhige sie fo gut ich kann und wir beginnen vernüstig zu sprechen. - - — 300 - ®6 Wird zwischen uns beschlossen, daß, wenn die Eltern vorgeben werden, sie hätten von der Depesche erst später erfahren, ich ihnen nicht zeigen werde, daß ich die wahre Sachlage kenne. Dann verabschiede ich mich von Kazia und verspreche ihr, daß ich abends Wied« kommen werde. 2ch muß noch ins Bureau des Kunstvereins eilen, durch dessen Vermittelung ich mich am leichtesten mit dem Sekretariat des »Salon" in Verbindung setzen kann. 3. Ich sende eine Depesche mit der Erklärung, daß ich Mit der vom Baron Hirsch angebotenen Summe einverstanden bin, daß ich aber beabsichtige, zunächst das Bild in Warschau auszustellen usw. Das zur Versendung der Depesche, sowie für andere Auslagen nötige Geld borge ich im Bureau des Kunstvereins. Wan ' gibt es mir ohne Zaudern. Es geht alles wie geschmiert. 2m „Papierdrachen" und im „Aequator" erscheinen meine Biographien, die übrigens kein wahres Wort enthalten; doch wie sagt nur Ostrzynski: „was kümmert mich das?" 2ch erhielt auch Anerbietungen von illustrierten Zeitschriften: sie wollen mein Porträt bringen, sowie auch die Reproduktion des Bildes. Auch gut! Geld wird's geben wie Spreu. 4. Eine Woche später erhalte ich ein Aufgeld vom Baron Hirsch Die ganze Summe wird ausgezahlt, sobald der Käufer im Besitz der Leinwand sein wird. 2rä>essen bekomm« ich von der Handelsbank fünftauseird Franks in blanken Louisdors auf den Tisch ausgezahlt. So lange ich lebe, habe ich soviel Veld nicht beisammen gesehen. Ich kehre heim, beladen wie ein Maulesel. 2m Atelier ist große Versammlung. Ich streue meine Louisdors auf den Fußboden, und da ich mich bisher noch nie in Gold gewälzt hatte, so beginne ich mich im Golde zu wälzen. Rach mir wälzt sich Swiatecki. Der Wirt kommt dazu und glaubt, wir seien von Sinnen... Wir amüsieren uns kannibalisch! 5. Eines Tages sagt mir Ostrzhnski, er fühle sich glücklich, daß Kazia ihm einen Korb gegeben hatte, denn es eröffneten! sich ihm Aussichten, von denen ich nicht die geringste Vorstellung haben könne. Ich bin darüber sehr zufrieden, oder eigentlich — es ist mir gleichgültig; sicher ist, daß Ostrzynski sich im Leben zu helfen wissen wird. Als er sich um Kazia bemühte, waren die Eltern, hauptsächlich der Vater Suslowski auf seiner Seite. Er übte sogar auf den Alten eine solche älebermacht asts, daß dieser Römer ihm gegenüber seine Gravität aufgah. Dagegen hat ihn Kazia vom ersten Moment an nicht leiden können. Es war eine Art unbewußten Widerwillens, denn, wie ich überzeugt Bin, war er ihr nicht durch diejenigen Züge antipathisch, durch welche er uns, die wir ihn näher kennen, unangenehm ist. Cs ist ein sonderbarer Mensch oder vielmehr ein sonderbarer Literat. Es gibt wahrscheinlich nicht bloß bei uns, sondern auch in allen bedeutenderen Mittelpunkten der Kunst und Literatur Menschen, von denen wir uns unwillkürlich fragen, woher denn ihre Autorität komme. Zu diesen gehört auch mein Freund vom „Papierdvachen". Wer würde es nur glauben, daß das Geheimnis von OstrzhnskiS Bedeutung und der Grund seiner geistigen Existenz einzig darin besteht, daß er Talente und hauptsächlich schriftstellerische Talente weder würdigt, noch achtet — kurz, von deren Unterschätzung lebt. Er hat für dieselben die Verachtung eines Menschen, dem vollständige Korrektheit, ein gewisser treffender Scharfsinn und Geist im gesellschaftlichen Leben stets den Sieg sichern. Man muß ihn nur bei Sitzungen sehen, in Künstler- und Schriftstellerversammlungen, auf 2ubiläumsessen — mit welch nachsichtiger Ironie er Menschen behandelt, die auf dem Gebiete des Schöpferischen zehnmal mehr Können als er, wie er sie an die Wand drückt, mit seiner Logik, mit seinem Verstände in die Enge treibt, wie er ihnen sein literarisches Ansehen an den Kopf .wirft. So oft Swiatecki daran denkt, ruft er nach einem Brett auS dem Bett, um damit Ostrzhnski den Schädel einzuschlagen. Mich aber wundert fein Ansehen gar nicht. Leute von wirklichem Talent sind oft ungeschickt, schüchtern und gerade jeder Schlag- ferttgkeit und jedes geisttgen Gleichgewichts bar. Sobald ab« ein wahres Talent sich allein mit sich selbst befindet, so wachsen demselben Schwingen, Ostrzynski aber würde unter solchen Umständen wohl schlafen gehen, denn er hat stch selbst absolut nichts zu sagen. Die Zukunft wird unter diesen Leuten Ordnung stiften, eilte Rangstellung schaffen und einem jeden den entsprechenden Platz anweisen. Ostrzynski ist einsichtig genug, um dies zu verstehen, doch im Innern setzt er sich spöttisch darüber hinweg. Es genügt ihm, daß er für den Augenblick viel bedeutet und daß man mit ihm mehr rechnet, als mit manchem, an den er eigentlich nicht heranreicht. . Wir Maler stehen ihm weniger im Wege. Doch macht er manchmal auch für literarische Talente Reklame, allerdings bloß dann, weim es das Interesse des „Papierdrachen" verlangt, od« die Konkurrenz mit dem „Aequator". 2m übrigen ist er ein guter Kamerad und ein recht netter Mensch; ich kann sogar sagen, daß ich ihn gern mag, aber... Hol' der Teufel Ostrzhnski — genug von ihm!... 6. Man wird mich noch dazu bringen, daß ich eines schönen Tages die Tür hinter mir ins Schloß werf«. Welche Komödie! Seitdem ich Ruhm und Geld habe, behandelt mich Suslowski gegen alle meine Erwartung geradezu mit Verachtung. Er selbst, seine Frau, alle männlichen und weiblichen Verwandten von Kazia begegnen mir mit Eiseskälte. Gleich am ersten Abend erklärte Suslowski, daß, wenn ich etwa glauben sollte, daß meine neue Lage auf fein Verfahren von Einfluß gewesen sei, oder, wenn ich etwa annehme — tvaS man mir übrigens ansehen könne — daß ich der Familie ein» Gnade erweise, so müsse er doch betonen, daß, wenn er urch seine Frau auch bereit seien, für das Glück ihres einzigen Kinde« vieles zu opfern, dieses Kind es nun und nimmermehr verlangen dürfe, daß sie dabei ihre Menschenwürde einbüßen. Die Mutt« fügte hinzu, daß ihr Kind schon wisse, wo es für alle Fälle eine Zuflucht zu suchen habe. Die gute Kazia verteidigt mich, manchmal sogar sehr aufbrausend, aber die Alten lauern auf jedeS mein« Worte. Sowie ich den Mund öffne, beißt sich Suslowstt in di» Lippen, sieht feine Frau an und nickt, als ob er sagen wollte: „2ch wußte, daß es so kommen wird!" Sv fetzen sie mir von früh bis abends zu! älnd alles das ist bloß Heuchelei und soll dazu dienen, mich im Retz festzuhalten! Denn im Grunde sind sie auf meine fünfzehntausend Franks «picht, und es liegt ihnen an d« ganzen Angelegenheit ebensoviel wie mir, wenn auch aus anderen Gründen. D« Sache muh ein End» gemacht w«den. Man hat es soweit gebracht, daß es mir beinahe vorkommt, als hätte ich dadurch eine Gemeinheit begangen, daß ich die goldene Medaille und fünfzehntausend Franks für mein Bild bekommen habe. — r. Es kommt der Tag unserer offiziellen V«lobung. 2ch kaufte einen wunderschönen Ring im Stile Louis XV., der den Eltern sowie Kazia mißfiel, denn im ganzen Hause dort hat niemand einen Begriff von wahrer Kunst. An Kazia muß ich noch Biet arbeiten, um bei ihr das Spießbürgerliche auszurotten und sie künstl«isch fühlen zu lehren; da sie mich ab« liebt, so hoffe ich das Beste. Zur Verlobung habe ich außer Swiatecki niemand eingeladen. 2ch »«langte, daß er vorher bei Suslowski seinen Besuch mache, « behauptete jedoch,, daß, wenn « auch moralisch und physisch bankerott fei, er doch, noch nicht so ttef gesunken fei, um Visiten zu machen. Döse Geschichte! 2ch muß ab« Suslowski darauf vorbereiten, daß mein Freund ein ganz auSnehmliches Original ist, im übrigen ab« ein genialer Mal« und eine grundehrliche Haut. Als Suslowsski erfuhr, daß mein Freund „Groß"-, „Mittel"» und „Kleinkadav«" male, zog « die Brauen zusammen und erklärte, « habe immer nur mit ordentlichen Leuten zu tun gehabt, auch sei seine ganze Beamtenkarriere makellos gewesen, und so hege « die zuversichtliche Hoffnung, daß Herr Swiatecki die in einem ehrbaren Bürg«hause herrschenden Gepflogenheiten zu respektieren wissen w«de. 2ch gestehe all«dings, daß ich in dies« Hinsicht nicht frei von Befürchtungen bin und seit frühem Morgen mit Swiatecki im Kampfe liege. Gr besteht hartnäckig darauf, in Kniestiefeln hinzugehen. 2ch beteuere, ich bitte, ich flehe. Endlich gibt « nach, indem « erklärt, daß « schließlich keinen Grund sehe, weshalb « sich nicht zum Rarren machen söffe. Leid« «innert sein Schuhwerck an die Fußbekleidung d« Erforsch« von Zentratafrika, denn es hat seine Schwärze schott bald darauf verloren, nachdem es der Schuhmacher auf Kredit ins Haus gebracht hatte. Ab« da ist nicht zu helfen! Roch schlimm« ist es, daß Swiateckis Haupt wie ein wald- bewachsen« Berggipfel aussieht, in toelchem ein Sturmwind arg gehaust hat. Dagegen ist ab« nichts zu tun, da es in d« ganzett Welt Wohl keinen Striegel gibt, welch« diesem Schopf beikommen könnte. Dafür„ ab« zwinge ich Swiatecki statt d« Bluse, die « alle Tage trägt, einen Rock anzuziehen. Er tut es, hat ab« dabei das Aussehen eines sein« Kadaver und verfallt gleichzeitig in eine grabesdüsteve Sttmmung. Auf b« Straße blicken affe Leute auf seinen knorrigen Stecken und seinen riesigen chäbigen Hut, ab« daran bin ich schon gewöhnt... Wir Mngeln, wir treten ein. (Fortsetzung folgt.) tzchrififtikuNg: Dr. Frisör. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühl'schen Amv.-Vuch- und Steindruckerei, R. Lange. Gießen.