Eichener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang M5 » Dienstag, den 19. Mai Nummer §9 Weitzer Meder. Äon Freiherr Borries von Münchhausen, Naß war der Tag, die schwarzen Schnecken krochen, Doch als die Nacht schlich durch die Gärten hei', Da war der weiße Flieder ausgebrochen, Und über alle Mauern hing er schwer. Und über alle Mauern tropften leise Don bleichen Trauben Perlen groß und klar, Hiii) war. ein Duften rings, durch das die Weise ; Der Nachtigall wie Gold geflochten war. Alfred Kudin. Don Professor Dr. S. W. Dredt, München. Maler und Zeichner haben wir'genug — es sind auch einige -wahrhafte. Künstler unter ihnen die späteren Geschlechtern sehr gewissenhaft überliefern, wie unser Leben sich abgespielt, wie wir uns gekleidet, unterhalten, Mehrt, wir wir gearbeitet, gespielt, gekämpft... Aber, wird das alles für die Späteren gar so interessant sein, und wird man dann nicht die viel zuverlässigere Photographie und Kinomatographie befragen — viel seltener die Kunst? Wird das Abspiel unseres Lebens für spätere Jahrhunderte etwas sein, was sie dauernd beschäftigen könnte? Gelegentlich vertiefen wir uns wohl gern in die Bilder -früherer "eilen, in Mode: also Chroniken, Zeitschriften — auf die Dau. - aber und immer wieder fesseln uns doch nur jene B-löer, in denen großer Geister reiche Innenleben, ihr Sehnen, Träumen und Schauen ins Diesseits, Zwischenseits und Jenseits künstlerisch freien Ausdruck gefunden hat. Das Erfülltsein von Unruhe fast aller Gestalten Michelangelos, der Mona Lisa rätselhaftes Lächeln, Breughels und noch mehr Bosches gespenstig lächerliche Gestalten, die Szenen des jüngsten Gerichts und der Frauen-Welt in den düsteren Domen des Mittelalters fesseln uns alle stärker, häufiger und vielseitiger denn all die realistisch gegebenen Realitäten früheren Levens. Und wenn heute Künstler und Dichter rätselhafter, imaginärer und visionärer Art vor so viel anderen bevorzugt werden, wer nröchte da lange zaudern, den wahren Grund der Abwendung vom Häßlichen aller Gegenwart zu verkennen? Ein einziger Künstl-er ganz rätselhafter Art und Größe in unserer Zeit ist Alfred Kubin: und ich bin überzeugt, daß er die allermeisten Künstler unserer Zeit überragen wird in den Augen derer, die nach uns kommen, und die suchen werden, sich über unsere ganze geistige Weit, über alle Uebersättigung und Sehnsucht, die unsere Gesellschaft beherrschte, ein einigermaßen klares und anziehendes Bild zu machen. — Kubin gehört jedenfalls zu den geheimnisvollsten, tiefsten und reichsten- Phantasten unserer Zeit, und er ist doch gerade als graphisch und malerisch schaffender Künstler von solche Kraft und Bestimmtheit, er ist als Künstler von so ausgeprägt persönlicher Sprache: seine Bilder find so voll großen persönlichen Stils, daß das große Heer seiner Nachahmer unser Auge nur immer schärfer macht für die unbewußte Reinheit und Klangfülle seiner künstlerischen Sprache und Welt. — Man kann von allerlei Seiten an Kubin und sein Werk herantreten. — Man mag ihn von seinem ersten, noch recht unbeholfenem, mehr gemalten als gezeichneten Blättern (wie dem Krieg) bis zu den letzten geistreichen Aquarellen verfolgen — man mag nur seine Phantastik in ihren Wandlungen und. ihrem bleibenden Gehalt an exzessiver Freude am Grausigen. und Rätselhaften durch die Jahrzehnte seines Schaffens begleiten,_ er ist immer einer, der mit jedem Schutt ein Ganzes, eine Fülle gibt bleibender Werte. Wenn ich aber hier einmal versuche, mit nur ganz wenigen Werken Kubins, die in allen größeren Sammlungen zu finden sein dürften, einen Weg zu dem zu bahnen, der bisher dem Künstler irgendwie hilflos gegenüberstehen mochte, so werde ich mich nur freuen, wenn andre gern von dem engen Wege abspringen, um noch ganz andere Werke des Künstlers heranzuholen, von denen hier nicht die Rede ist. — Erreicht doch, wenn ich nicht irre, die Zahl der von Kubin geschaffenen Duchwerke schon fast ein halbes Hundert! Die Zahl seiner Zeichnungen und Aquarelle wird der Künstler selbst kaum zu nennen wissen. Kubin fing als vollkommen selüstschöpferischer Phantast an, und diese seine freischöpferische Seite blieb bis heute die stärkste und unerschöpflichste. .Und freischöpferisch ist er auch als Landschafter, als der er einen Rang behauptet, ber meines Erachtens noch längst nicht genug gewürdigt ist. Bier große Werke nenne ich an erster Stelle dem, der von anderen künstlerischen Weisen und Welten her Kubin kennen und lieben lernen möchte: Die Mappe „Sansara", die 40 Blätter brachte und 1913 bei Georg Müller, Verlag in München, erschien. Dann die Mappe „Am Rande des Lebens", mit 20 Federzeichnungen, die 1921 bei Piper in München erschien. Endlich, die zwei Mappen, die 1923 erschienen: „Kubin", mit 50 Zeichnungen (Verlag Langen, München), und „ Filigrane", mit 20 Zeichnungen (Berlag Georg Müller, München). Ich möchte den kennen, der diese vier Mappen durchgeschaut hat und nicht für alle Zeiten ein Bewunderer und Freund unseres Künstlers geworden wäre. — In diesen Mappen lernen wir (ab« gesehen vom Illustrator) den ganzen reichen Phantasten, Menschen, Künstler, Könner, den Spötter und Träumer, den Humoristen imd Landschafter, den Künstlerpsychologen von Mensch und Tier in einer Weise kennen, die nur noch übertroffen werden kann durch die Besichtigung seiner Originale. Die drei letztgenannten Mappen sind jedoch schon so vortrefflich faksimiliert, daß ein Unbefangener immer wieder vergessen darf, daß er nicht die Originale, sondern nur Faksimile vor sich hat. Don den Buchwerten Kubins, die einen engeren Kreis seiner Erfindungen, also seiner eigentümlichen Welt umfassen, möchte ich denen, die Kubins Art erst mal kennen lernen wollen, vor anderen folgende drei Werke empfehlen: Die „Kritiker", 18 Blätter, bei Georg Müller, München, 1920. Dann „Wilde Tiere", Hhperion-Derlag, München, 1920. Und „Der Prophet Daniel", eine Felge von 12 Zeichnungen, Georg Müller, München, 1918. Alle diese Werke haben das Gemeinsame: sie sind echte Werke eines allergrößten Phantasten und^ Sehers. Immer kommt die unverwüstliche Lust am Absonderlichen, Grotesken, 'Erschrecklichen, Wunderbaren, Unfaßbaren zum Ausdruck. In den Kritikern sind . koboldhafte Gestalten von beißender, burlesker Laune und Lust an dieser merkwürdigen Spezies unserer Zell. Noch nie find wohl die lieben und bösen Kritiker so närrisch, so hilflos verzerrt gezeichnet worden, wie hier von einem Spötter, der doch kein Feind, von einem Erkenner, der doch nicht blasiert und müde geworden. — Die „Wilden Tiere" bringen vielleicht die glänzendsten Bilder der Tiergestalt. und der Sier« feele, die wir überhaupt besitzen. Die Klassizität Kubins als Darsteller der wirklichen Welt könnte mit einigen Blättern dieser Mappe ganz allein schien erwiesen werden. Die Bilder zum Propheten Daniel sind nur äußerlich vielleicht irgendwie verwandt mit Dors. Nur ist ihre Leidenschaft viel reiner, unbewußter. ursprünglicher afö die Dorös. Ich halte dies biblische Buch Kubins für viel geeigneter, weiteren Kreisen vorgelegt zu werden, als die eben erschienene Bibel Kubins, die für die Freunde und Sammler des Künstlers unentbehrlich, bei Fremden aber den Verdacht aufkommen lassen könnte, Kubin wolle die heiligsten Gestalten travestieren und verspotten. Dor solchem Mißverständnis möchte ich das, ganz aus menschlichen und freien künstlerischen Tiefen geschaffene Werk unseres größten Phantasten bewahren! Ungern beschränke ich die erste Auswahl aus dem großen Wexk Kubins auf diese wenigen Bücher. — Don der Fülle illustrierter Werke würs am leichtesten, ganz zu schweigen, -och nenne als erste Wege zum Illustrator Kubin nur drei: Seme Zeichnungen zu Dostojewskis „Doppelgänger", vielleicht das erste und stärkste Meisterwerk unseres Illustrators., in dem er den Dichter, meines Erachtens, an packenS-grauendem Humor noch übertrifft: dann die Jllustrattvnen zu Kubins Roman „Die andere Seite",, der schon viele Auflagen erlebt hat, und in dem wiederum der Dichter fast vom Künstler übertroffen wird, — endlich das kleine Märchenbilch, baS Bruno Cassrerer, Derlm, herausgegeben hat. — Sei's damit genug! Wer die genannten Werke nur einmal genau in freier Stunde betrachtet und genossen hat, vergißt diesen Künstler niemals: er wird sich nie begnügen an dem, was er von ihm gesehen, er wird immer noch mehr von ihm zu sehen vuüangen, denn die einfachste Welt der alltäglichen Rsalität.m macht dreser Künstler wie kein anderer vor ihm. zu etwas Wunlerbaranu etwas, was nur er vermochte zu wandeln.. Er bereichert uns unerhört, wie nur irgendeiner der gewaltigsten L-.chler, und deshalb ist er ein unsterblicher deutscher Künstler Gr macht das Geheimnis unserer Zeit wirklich, — er erhebt cau Banale, und Wirkliche ins Wundervolle. *— 158 -e* erhielten 21 Führer Lis traurige und gefährliche Aufgabe, die Leichen zu bergen. Das abgerissene Seil ist im alpinen Museum in Zermatt aufbewahrt. Zwei Tage später gelang es Carrel, eine Partie von der italienischen Seite hinaufzuführen. Eine der markantesten Erscheinungen unter den Alpinisten war Hermann von Barth, der Apostel der Führerlose und Alleingeher. Seine Losung war: „Man kommt überall durch." Ohne Seil, nur mit Stock und Steigeisen bewaffnet, führte ihn fein Siegeszug um die siebziger Jahre von den Gipfeln des Allgäu bis zu denen des Berchtesgadener Landes. Beun Ab. stieg vom Oefelekopf im Wetterfteingebirge brach unmittelbar unterhalb des Gipfelt ein Griff aus und - wir zitieren seine eigenen Worte — „dahin geht der Sturz. Zweimal schlage ich auf Stufen der Kluft, noch «lfrecht, Gesicht gegen die Mauer, dann werde ich gedreht, der Breite nach auf den Trümmer- gürtel hingeschmettert, überschlage mich dort ein- oder zweimal, komme aber wieder auf den Rücken zu liegen und Hände und Füße alsbald spreizend, noch rechtzeitig zum Aufenthalt Zwei Schritte weiter, und ein neuer Steilwandabsturz hätte mich unfehlbar ins Bergleiiplattach hinunterbefördert.'' Zerschunden, mit lahmen Händen und Füßen, von brennendem Durst gequält, schon an der Rettung verzweifelnd, gelang es dem kühnen Bergfahrer doch, unter unsäglichen Anstrengungen das Tal zu er- tcicßcn Die Bergfahrten der Brüder Emil und Otto Zsigmvndy im Berein mit Ludwig Purtscheller (1879-1885) bilden, den letzten großen Markstein in der Entwicklung des Alpinismus. Sie dehnten zuerst das führerlose Gehen auch auf das v^gletscherte Hochgebirge aus. Don den schwierigsten Klettereien bis zu den gefürchtetsten Eistouren durchzogen sie führerlos die gesamten Alpen: durch sie wurde die früher so viel umstrittene Frage ..mit Führer oder führerlos?" im Prinzip einwandfrei gelost, sie konnte von da an nur mehr individuell gestellt werden: „Ist der betreffende Alpinist der Aufgabe, die ec sich stellt, gewachsen, besitzt er die Befähigung zum führerlosen Gehen? Das Ideal des sportlichen Alpinismus war mit dem grundsätzlichen führerlosen Gehen erreicht. Die Erstersteigung des Feldkopfs, der kühnsten Felsgestalt der Zillertaler Alpen im Jahre 1879 durch Emil und Otto Zsigmondh nimmt in der Entwicklungsgeschichte des Alpinismus einen hervorragenden Platz ein, denn sie war weitaus die bedeutendste führerlose Unternehmung. die bis dahin in den Ostalpen unternommen wurde. In furchtbarer, abweisender Steilheit baut sich das stolze Fels- gerüfl auf und am Fuße des Gipfelbaus gab Otto jede Hoffnung auf: aber Emil, der vorauskletterte, packte mit frischem Mute an und der Sieg lohnte die Ersteiger. Beim Absteigen, als die Schwierigkeiten schon überwunden waren, fuhr Emst auf einem Firnfelö ab, kam aber zu Fall und fand erst am End« des Firns auf weniger geneigtem Terrain, an den Händen aus zahlreichen Wunden blutend, Halt. Am Col du Gßant in der Mont-Dlancgruppe ragt eine, einer Riesenfäule gleichende, herausfordernde Felszinne, die „Dent du Gßant" (4013 Meter) empor. Ihre Ersteigungsgeschichte ist wohl die abenteuerlichste von allen Hochgipfeln. Im Jahre 1878 versuchte man mit einem eigens hierzu konstruierten Raketenapparat ein vierhundert Meter langes Seil über den Gipfel zu schleudern, mit dessen Hilfe man diese Zinns zu erklettern hoffte. Alles funktionierte vorzüglich, aber der über den Gipfel wehende Rordwind warf das Seil im letzten Augenblick zurück und bei den folgenden Versuchen erging es nicht besser. Rach verschiedenen weiteren Versuchen wurde der Berg endlich mit Hilfe von zahlreichen Eisenstiften, Holzzapfen, eingehauenen Tritten und Leitern bewältigt. Als die einheimischen Alpen erforscht waren, suchten die großen Alpinisten neue Schauplätze, die ihnen Aufgaben boten, die sie in den heimischen Gebirgen nicht mehr fanden. Damll begann die Aera der Bergfahrten in den außereuropäischen Gebirgen. Schon vorher hatte indessen die wissenschaftliche Forschung zu alpinen Unternehmungen angeregt, von denen die Besteigungsversuche des Chimborazzo und Cotopaxi durch A. von Humboldt im Jahre 1802 epochemachend waren. Hiebei bezwang der Gelehrte die größte von Menschen bis dahin erreicht Höhe von 5810 Metern. , Die alpinen Unternehmungen in den außereuropäischen Hocy- I alpen tragen schon deshalb äußerlich einen ganz anderen Eyw> ratter, weil an Stelle der „Tour" die „Expedition tritt. I Von allen Erstersteigungen in diesem Gebiete ist vielleicht ou I interessanteste die Eroberung des Uschba (4698 Meter) im Kaukasus. Seine Besteigungsgeschichte ist fast so dramatisch, wie ou des Matterhorns. Der Berg des Schreckens heißt er in oer Sprache der Eingeborenen. Der Rordgipfel wurde 1888 von I. G. Cockin bezwungen: der Südgipfel schlug gegen Zwanzig Versuche ab, wobei die besten Alpinisten Deutschlands uno Englands in die Schranken traten. 1903 gelang es Wmy Rickmers, eine Expedition erprobter deutscher führerloser -aip nisten, fast alle Mitglieder akademischer Sektionen, zu organisieren. Beim ersten Ansturm stürzte einer der Teilneyme zwanzig Meter tief ab, konnte aber noch am Seil ff2«0' n und zu Tal gebracht werden. Man war geschlagen, aber^rn hatte dem furchtbaren Berg sein Geheimnis entrissen uno einzig mögliche Angriffsroute gefunden. Vier Tage später der Gipfel unter den Füßen der kühnen Desteiger. Vierz v Tage später wurde das Problem der äleberschreitung des dopp Berühmte Bergerstetgungen. Von Alfred Stetnitzer.*) Dis früheste Bergbesteigung, die als Selbstzweck unter» «mmmen wurde war die des Aetna durch Hadrian im Jahre 126 n Ehr.; der' Wißbegierige römische Kaiser wollte den Sonnenaufgang w>n der Höhe aus betrachten. Wir haben also m Lieser Bergfahrt die erste historisch beglaubigte ..touristische Ersteigung, wie der technische Ausdruck lautet, zu sehen. D erste Vorläufer des Alpinismus ist Leonardo da Dmc^ der einen etwa 3000 Meter hohen Gipfel im G^iete dÄs Monte Rosa erstieg getrieben von dem Verlangen, die Gebirgsnatur kennen -ta lernen. Die Eroberung der Alpen und damit die Aera des eigentlichen Alpinismus wurde nut Ar Destmgung des Mont Blanc durch H.B. von Saussure tat Satire 1787 ein geleitet Einer der ersten Alpinisten war Goethe, der 1775, §779 und 1797 die Alpen besuchte und zum bewußten Gemeßen Ler großartigen Bergnatur gelangte. Er keimt schon fast alle Gefühle des modernen Alpinisten, auch das! Gefühl. des. Kraft Überschusses, das zur Lleberwindung der Schwerkraft reizt, also Las, was wir heute mit „sportlich" bezeichnen. Von den vereinzelten Besteigungen, die in.der^ersten Hälfte Les 19. Jahrhunderts unternommen wurden, hat vielleicht tetne größeres Aufsehen erregt, als die des Mont Blanc durch Mademoiselle d'Angeville im Jahre 1838. Es war tae egte Besteigung, die die schon 44iahrige Dame unternahm Sie war von sechs Führern und ebensovielen Tragern begleitet, an Proviant wurden zwei Hammelkeulen, zwei Ochsenzungen, vierundzwanzig Hühner, achtzehn Flaschen Bordeaux, em Fäßchen gewöhnlichen Weines und noch vieles andere mitgenommen. Dor der Besteigung machte sie ihr Testament und einmal glaubte sie unterhalb des Gipfels wirklich zu sterben. »Tragt , meine Leiche hinauf und laßt sie oben," sagte sw zu dm Führern. Aber sie überwand sich doch und erreichte den Gipfel. Für die Ostalpen hatte die Besteigung des Groß-Glockners die gleiche Bedeutung, wie diejenige des Mont Blanc für dir Westalpen. Es war der Fürstbischof von Gurk, der 1799 eme große Expedition zur Bezwingung des Berges ausrustete. Es gelang jedoch trotz wiederholter Versuche erst dem spateren Bischof von Linz, Siegmund von Hohenwart, mit einigen De- gleitern den Gipfel des Klein-Glockners zu erreichen; die früher berüchtigte Scharte zwischen diesem und dem Hauptgipfel wagte man trotz mitgeführter Leitern nicht zu überschreiten. Im folgenden Jahre wurde eine neue Expedition ausgerüstet, doch erreichte von ihr nur der Pfarrer Horasch von Dölsach mit einigen Zimmerleuten den Gipfel. Der planmäßige Angriff auf die Hochgipfel begann erst nut der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, und zwar in den Westalpen durch die Engländer. Kein Berg der gesamten Alpen hat eine gleich dramatische Besteigungsgeschichte wie das Matterhorn. Den ersten ernsthaften Angriff unternahm der berühmte Physiker John Thndall im Jahre 1860. Dann begann Eduard. Whhmper 1861 seine denkwürdige Belagerung. Im Jahre 1862 machte er fünf erfolglose Angriffe, worunter zwei allein, wobei er einmal an der Tete du Lion abstürzte, und nur dem Am- stanöe, daß er an einigen Felstrümmern hängen blieb, sein Leben verdankte. 1863 machte er seinen siebenten, 1865 seinen achten Versuch. Am 14. Juli 1865 fiel ihm endlich der Sieg zu. Der Abschluß des Unternehmens war nicht nur höchst spannend, sondern er endete auch tragisch. Whhmper hatte die Besteigung mit dem italienischen Führer Carrel beabsichtigt, aber dessen Lebensziel war, dem heimatlichen Tal den Sieg zu gewinnen und den Berg von der italienischen Seite zu erobern. Whhmper, der den Berg von Zermatt, also von der Schweizer Seite erobern wollte, war von der Angst gequält, daß die Italiener den Gipfel vor ihm erreichen würden, und so sand ein Wettlauf statt, wie er in der Besteigungsgeschichte der Alpen einzig dasteht, ihn dreiviertel zwei Ahr nachmittags betraten Whhmper und sein Führer Croz als die ersten den Gipfel. Dis zur letzten Minute waren sie ungewiß, ob sie die Italiener nicht oben treffen" würden. Auf der anderen Seite sahen sie die Partie noch ziemlich weit entfernt. Sie schrien, wurden aber nicht gehört. Run rollten Whhmper und seine Gefährten Felsblöcke hinunter. Die Italiener machten kehrt und flohen. Später erzählten sie, böse Geister hätten sie bedroht. In Breuil herrschte große Begeisterung über oen Sieg, als man mit Fernrohren die Fahne bemerkte, die Whhmper aufpflanzte. Als die .Unterlegenen zurückkamen, herrschte tiefe Rieder- geschlagenheit. Aber das Matterhorn rächte sich noch grausam an seinen Besiegern. Die Partie bestand aus Whhmper, den Führern Croz, Taugwalder Vater und Sohn, F. Douglas, CH. Hudson und Hadow. Beim Abstieg, den alle mit dem Seil verbunden antraten, glitt Hadow aus und fiel auf Croz, wodurch auch Hudson und Douglas aus ihren Stellungen gerissen wurden. Whhmper und die beiden Taugwalder stemmten sich mit aller Kraft, so daß der Ruck sie wie einen Mann traf; das Seil riß und die vier vorderen fielen etwa 1300 Meter tief auf den Matterhorngletscher hinab. Die Taugwalder waren vor Schreck unfähig, weiter abzusteigen, fo daß man in 4100 Meter Höhe biwakieren mußte. Auf Befehl der Walliser Regierung *) Mit gütiger Erlaubnis des Verlages R. Pieper & Co. in München, dem neuesten Heft des „Pieperboten" entnommen. gipfeftgen Berges In Angriff genommen. Am dritten Morgen toar der Nordgipfel erreicht, am Abend stehen die kühnen Best eiger am Fuße der Wand des Südgipfels. Fast einen Tag hatte die Aeberwindung der Scharte gekostet. Am vierten Tag wird der Südgipfel überschritten, am fünften abends nach vier Freilagern in den eisigen Höhen waren sie glücklich „dem Aschba entronnen", wie einer der Teilnehmer schrieb. Wenn H. Pfann K äußerte, „es war eine Bergfahrt, die in Bezug auf Länge, »Hurtigkeit und Bedeutung kaum ihresgleichen hat", so ist er im vollen Recht. An der ersten Berennung des Südgipfels nahm auch eine Dame, Fräulein Zenzi von Ficker, teil, der der Fürst von Mazeri, in dessen Gebiet der Aschba liegt, den Berg urkundlich schentte. Ob die Aschbaherrin nach dem Umsturz ihr Besihrecht, das ohnehin nur ideellen Wert hat, noch behauptet, weiß ich nicht zu sagen. Der Kampf um den Höhenrekord mußte schließlich zu dem Versuch führen, den höchsten Gipfel der Erde, den Mount Everest, zu erobern. Die Geschicke der Vor-- und der beiden Haupt- expediiionen in den Jahren 1921, 1922 und 1924 sind bekannt. Zwei Teilnehmer gelangten bei der letzten Expedition auf weniger als 300 Meter unterhalb des Gipfels. Dann wurden sie nicht mehr gesehen. Ob sie den Gipfel erreichten und beim Abstieg im Schneesturm umkamen, ob sie vorher abstürzten, wird das Geheimnis des Berges bleiben. Im Jahre 1926 wirb der Ansturm wiederholt werden. Das kalte Herz. Don Wilhelm Hauff. (Fortsetzung.) „Mein Herz," sprach Peter, indem er die Hand auf die pochende Brust preßte; denn es war ihm, als ob sein Herz sich ängstlich hin und her wendete. „Du hast, nimm es mir nicht übel, du hast viele hundert Gulden an schlechte Bettler und anderes Gesindel weggeworfen; was hat es dich genützt? Sie haben dir dafür Segen und einen gesunden Leib gewünscht; ja, bist du deswegen gesünder geworden? Um die Hälfte des verschleuderten Geldes hättest du einen Arzt gehalten. Degen, ja, ein schöner Segen, wenn man ausgepfänbet und ausgestohen wirdl And was war es, das dich getrieben, in die Tasche zu fahren, so oft ein Bettelmann seinen zerlumpten Hut hinstreckte? — Dein Herz, auch wieder dein Herz, und weder deine Augen noch deine Zunge, deine Arme noch deine Beine, sondern dein Herz; du hast dir es, wie man richtia sagt, zu sehr zu Herzen genommen." „Aber wie kann man sich denn angewöhnen, daß es nicht mehr so ist? Ich gebe mir jetzt alle Mühe, es zu unterdrücken, und dennoch pocht mein Herz und tut mir wehe." „Du freilich," rief jener mit Lachen, „du armer Schelm, kannst nichts dagegen tun; aber gib mir das kleine, pochende Ding, und du Wirst sehen, wie gut du es dann hast." „Euch, mein Herz?" schrie Peter mit Entsetzen, „da müßte ich ja sterben auf der Stelle! Nimmermehr!" „Ja, wenn dir einer Eurer Herren Chirurgen das Herz aus dem Leibe operieren wollte, da müßtest du Wohl sterben; bei mir ist dies ein anderes Ding; doch komm herein und überzeuge dich selbst!" Er stand bei diesen Worten auf, öffnete eine Kammer- türe und führte Peter hinein. Sein Herz zog sich krampfhaft zusammen, als er über die Schwelle trat; aber er achtete es nicht; denn der Anblick, der sich ihm bot, war sonderbar und überraschend. Auf mehreren Gesimsen von Holz standen Glaser mit durchsichtiger Flüssigkeit gefüllt, und in jedem dieser Gläser lag ein Herz, auch waren an den Gläsern Zettel angeklebt und Namen darauf geschrieben, die Peter neugierig las; da war das Herz des Amtmanns in F., das Herz des dicken Ezechiel, das Herz des Tanzbodenkönigs, das Herz des Oberförsters; da waren sechs Herzen von Kornwucherern, acht von Werbevssizieren, drei von Geldmaklern — kurz, es war eine Sammlung der angesehensten Herzen in der Amgegend von zwanzig Stunden. „Schau!" sprach Holländer-Michel, „diese alle haben des Lebens Aengsten und Sorgen weggeworfen; keines dieser Herzen schlägt mehr ängstlich und besorgt, und ihre ehemaligen Besitzer befinden sich wohl dabei, daß sie den unruhigen Gast aus dem Hause haben." „Aber was tragen sie denn jetzt dafür in der Brust?" fragte Peter, den dies alles, was er gesehen, beinahe schwindeln machte. „Dies," antwortete jener und reichte ihm aus einem Schubfach — ein steinernes Herz. „So?" erwiderte er und konnte sich eines Schauers, der ihm über die Haut ging, nicht erwehren. „Ein Herz von Marmelstein? Aber, horch einmal, Herr Holländer-Mi^l, das muß doch gar kalt sein in der Brust." „Freilich aber ganz angenehm kühl. Warum soll denn ein Herz warm fein? Im Winter nützt dir die Wärme nichts, da hilft ein guter Kirschengeist mehr als ein warmes Herz, und im Sommer, wenn alles schwül und heiß ist. — du glaubst nicht, wie dann ein solches Herz abkühlt. And wie gesagt, weder Angst noch Schrecken, weder törichtes Mitleiden noch anderer Jammer pocht an solch ein Herz." „And das ist alles, was Ihr mir geben könnet?" fragte Peter unmutig; „ich hoff' auf Geld, und Ihr wollet mir eir-sn Stein geben!" „Nu, ich denke, an hunderttausend Gulden hättest du fürs erste genug. Wenn du es geschickt umtreibst, kannst du bald ein Millionär werden." „Hunderttausend?" rief der arme Köhler freudig. „Nun, so poche doch nicht so ungestüm in meiner Brust, wir werden bald fertig fein miteinander. Gut! Michel; gib mir den Stein und das Geld, und die Anruh könnet Ihr aus dem Gehäuse nehmen!" „Ich dachte es doch daß du ein vernünftiger Bursche feist," antwortete der Holländer-Michel, freundlich lächelnd, „komm, laß uns noch eins trinken, und dann will ich das Geld auszahlen." So setzten sie sich wieder in die Stube zum Wein, tranken! und tranken wieder, bis Peter in einen tiefen Schlaf verfiel. Kohlenmunkpeter erwachte beim fröhlichen Schmettern eines Posthorns, und siehe da, er saß in einem schönen Wagen, fuhr . auf einer breiten Straße dahin, und als er sich aus dem Wagen bog, sah er in blauer Ferne hinter sich den Schwarzwald liegen. Anfänglich wollte er gar nicht glauben, dast er es selbst sei, ber in diesem Wagen sitze. Denn auch seine Kleider waren gar nicht mehr dieselben, die er gestern getragen; aber er erinnerte sich doch an alles so deutlich, daß er endlich sein Nachsinnen aufgab und rief: „Der Kohlenmunkpeter bin ich das ist ausgemacht, und kein anderer." Er wunderte sich über sich selbst, daß er gar nicht wehmütig werden konnte, als er jetzt zum erstenmal aus der stillen Heimat, aus den Wäldern, wo er so lange gelebt, auszog. Selbst nicht, als er an seine Mutter dachte, die jetzt wohl hilflos und im Elend saß, konnte er eine Träne aus dem Auge pressen oder nur seufzen; denn es war ihm alles so gleichgülttg. „Ach freilich," sagte er Bann, „Tränen und Seufzer, Heimweh und Wehmut kommen ja aus dem Herzen, und Dank dem Holländer-Michel, — das meine ist kalt und von Stein." Er legte feine Hand auf die Brust, und es war ganz ruhig dort und rührte sich nichts. „Wenn er mit den Hunderttausenden so gut Wort hält wie mit dem Herz, so soll es mich freuen," sprach er und fing an, seinen Wagen zu untersuchen. Er sand Kleidungsstücke von aller Art, wie er sie nur wünschen konnte, aber kein Geld. Endlich stieß er auf eine Tasche und fand viele lausend Taler in Gold und Scheinen auf Handlungshäuser in allen großen Städten. „Jetzt hab ich's, tote tch's wollte," dachte er, setzte sich bequem in die Ecke des Wagens und fuhr in die weite Well. Er fuhr zwei Jahre in der Welt umher und schaute and seinem Wagen links und rechts an den Häusern hinauf, schaute, wenn er anhielt, nichts als den Schild seines Wirtshauses an, lief dann in der Stadt umher und lieh sich die schönsten Merkwürdigkeiten zeigen. Aber es freute ihn nichts, kein Bild, kein Haus, keine Musik, kein Tanz; fein Herz von Stein nahm an nichts Anteil, und seine Augen, seine Ohren waren abgestumpft für alles Schöne. Nichts toar ihm mehr geblieben als die Freude an Essen und Trinken und der Schlaf, und so lebte er, indem er ohne Zweck durch die Welt reiste, zu seiner Unterhaltung speiste und aus Langeweile schlief. Hie und da erinnerte er sich zwar, daß er fröhlicher, glücklicher gewesen sei, als er noch arm war und arbeiten mutzte, um sein Leben zu fristen. Da hatte ihn jede schöne Aussicht ins Tal, Musik und Gesang hatten ihn ergötzt, da hatte er sich stundenlang auf die einfache Kost, die ihm die Mutter zu dem Meiler bringen sollte, gefreut. Wenn er so über die Vergangenheit nachdachte, so kam es ihm ganz sonderbar vor, datz er jetzt nicht einmal lachen konnte, und sonst hatte er Über den kleinsten Scherz gelacht. Wenn andere lachten, so verzog er nur aus Höflichkeit den Mund, aber sein Herz — lächelte nicht mit. Er fühlte dann, datz er zwar überaus ruhig fei; aber zufrieden fühlte er sich doch nicht. Als er von Straßburg herüberfuhr und den dunkeln Wald seiner Heimat, erblickte, als er zum erstenmal wieder jene kräftigen Gestalten, jene freundlichen, treuen Gesichter der Schwarzwälder sah, als sein Ohr die heimatlichen Klänge, stark, tief, aber wohltönend, vernahm, da fühlte er schnell an sein Herz; denn sein Blut wallte stärker, und er glaubte, er müsse sich freuen und müsse weinen zugleich, aber — wie konnte er nur so töricht sein, er hatte ja ein Herz von Stein. And Steine sind tot und lächeln und weinen nicht. „ ., ., Sein erster Gang toar zum Holländer-Michel, der ihn mit alter Freundlichkeit aufnahm. „Michel", sagte er zu ihm, „gereist bin ich nun, und habe alles gesehen, ist aber alles dummes Zeug, und ich hatte nur Langeweile. Aeberhaupt, Euer steinernes Ding, das ich in der Brust trage, schützt mich zwar vor manchem. Ich erzürne mich nie, bin nie traurig; aber ich freue mich auch nie, und es ist mir, als wenn ich nur halb lebte. Könnet Ihr das Steinherz nicht ein wenig beweglicher machen? Oder — gebt mir lieber mein altes Herz! Ich hatte mich in fünfundzwanzig Jahren daran gewöhnt, und wenn es zuweilen auch einen dummen Streich machte, so toar es doch munter und ein fröhliches Herz." Der Waldgeist lachte grimmig und bitter. „Wenn du einmal tot bist, Peter Munk", antwortete er, „dann soll es dir nicht fehlen; dann sollst du dein weiches, rührbares Herz wieder haben, und du kannst dann fühlen, was kommt, Freud oder Leid. Aber hier oben kann es nicht mehr dein werden! Doch, Peter! gereist bist du wohl, aber so wie du lebtest, konnte es dir nichts nützen. Setze dich jetzt hier irgendwo im Wald, bau ein Haus, heirate, treibe dein Vermögen um, es hat dir nur 160 -3 an Arbeit gefehlt: weil du müßig warst, hattest du Langeweile, und schiebst jetzt alles auf dieses unschuldige Herz." Peter sah ein, daß Michel recht habe, was den Müßiggang beträfe, und nahm sich vor, reich uird immer reicher zu werden. Michel schenkte ihm noch einmal hunderttausend Gulden und entließ ihn als seinen guten Freund. Bald vernahm man im Schwarzwald die Märe, der Kohlen- munkpeter oder Spielpeter sei wieder da und noch viel reicher als zuvor. Es ging auch jetzt wie immer: als er am Bettelstab war, wurde er in der Sonne zur Türe hinausgeworfen, und als "er jetzt an einem Sonntag nachmittag seinen ersten Einzug dort hielt, schüttelten sie ihm die Hand, lobten sein Pferd, fragten nach seiner Reise, und als er wieder mit dem dicken Ezechiel um harte Täler spielte, stand er in der Achtung so hoch als je. Er trieb jetzt aber nicht mehr das Glashandwerk, sondern den Holzhandel, aber nur zum Schein. Sein Hauptgeschäft war, mit Korn und Geld zu handeln. Der hawe Schwarzwald wurde ihm nach und nach schuldig: aber er lieh Geld nur auf zehn Prozente ans oder verkaufte Korn an die Armen die nicht gleich zahlen konnten, um den dreifachen Wert. 'Mit dem Amtmann stand er jetzt in enger Freundschaft, und wenn einer Herrn Peter Munk nicht auf den Tag bezahlte, so ritt der Amtmann mit seinen Schergen hinaus, schätzte Haus und Hof, verkaufte es flugs und trieb Dater, Mutter und Kind in den Wald. Anfangs machte dies dem reichen Peter einige Unlust; denn die armen Ausgepfändeten belagerten dann bautonweise seine Türe, die Männer flehten um Nachsicht, die Weiber suchten das steinerne Herz zu erweichen, und die Kinder winselten um ein Stücklein Brot. Aber als er sich ein paar tüchtige Fleischerhunde angeschafft Hatte, hörte diese Katzenmusik, wie er es nannte, bald auf. Er pfiff und hetzte, und die Bettelleute flogen schreiend auseinander. Am meisten Beschwerde machte ihm das „alte Weib". Das war aber niemand anders als Frau Mrmkin, Peters Mutter. Sie war in Not und Elend geraten, als man ihr Haus und Hof verkauft hatte, und ihr Sohn, als er reich zurückgekehrt war, hatte nicht mehr nach ihr umgefehen. Da kam sie nun zuweilen, alt, schwach und gebrechlich, an einem Stock vor das Haus. Hinein wagte sie sich nicht mehr, denn er hatte sie einmal weggrjagt: aber es tat ihr wehe, von den Guttaten anderer Menschen leben zu müssen, da der eigene Sohn ihr ein sorgenloses Alter hätte bereiten formen. Aber das kalte Herz wurde nimmer gerührt von dem Anblicke der bleichen, wohlbekannten Züge, von den bittenden Blicken, von der welken, ausgestreckten Hand, von der Hinfälligen Gestalt. Mürrisch zog er, wenn sie Sonnabends an die Türe pochte, einen Sechsbätzner hervor, schlug ihn in ein Papier und ließ ihn hinausreichen durch einen Knecht. Er vernahm ihre zitternde Stimme, wenn sie dankte und'wünschte, es möge ihm Wohlergehen auf Erden: er hörte sie hüstelnd von der Türe schleichen, aber er dachte weiter nicht mehr daran, als daß er wieder sechs Batzen umsonst ausgegeben. Endlich kam Peter auf den Gedanken zu heiraten. Er wußte, daß im ganzen Schwarzwald jeder Vater ihm gerne seine Tochter geben werde: aber er war schwierig in seiner Wahl, denn er wollte, daß man auch hierin sein Glück und seinen Verstand preisen sollte: daher ritt er umher im ganzen Wald, schaute hier, schaute dort, und keine der schönen Schwarzwälde- rnnten deuchte ihm schön genug. Endlich, nachdem er auf allen Tanzböden umsonst nach der Schönsten ausgeschaut hatte, hörte er eines Tages, die Schönste und Tugendsamste im ganzen Wald sei eines armen Holzhauers Tochter. Sie lebe still und für sich, besorge geschickt und emsig ihres Vaters Haus und lasse sich nie auf dem Tanzboden sehen, nicht einmal zu Pstngsten oder Kirchweih. Als Peter von diesem Wunder des Schwarzwaldes hörte, beschloß er, um sie zu werben, und ritt nach der Hütte, die man ihm bezeichnete. Der Vater der schönen Lisbeth empfing den vornehmen Herrn mit Staunen und erstaunte noch mehr, als er hörte, es sei dies der reiche Herr Peter, und er wolle sein Schwiegersohn werden. Gr hesarm sich auch nicht lange: denn er meinte, all seine Sorgen und Armut werde nun ein Ende haben, sagte zu, ohne die schöne Lisbeth zu fragen, und das gute Kind war so folgsam, daß sie ohne Widerrede Frau Peter Münkm wurde. Aber es wurde der Armen nicht so gut, als sie sich geträumt hatte. Sie glaubte, ihr Hauswesen wohl zu verstehen, aber sie konnte Herrn Peter nichts zu Dank machen: sie hatte Mitleiden mit armen Leuten, und da ihr Eheherr reich war, dachte sie, es sei keine Sünde, einem armen Dettelweib einen Pfennig oder einem alten Mann einen Schnaps zu reichen: aber als Herr Peter bieS eines Tages merkte, sprach er mit zürnenden D«en und rauher Stimme: „Warum verschleuderst du mein Vermögen cm Lumpen und Straßenläufer? Hast du was mit- gebracht ms Haus, das du wegschenken könntest? Mit deines Vaters Bettelstab kann man keine Suppe wärmen, und du wirfst das Geld aus wie eine Fürstin. Noch einmal laß dich betreten, so sollst brr meine Hand fühlen!" Die schöne Lisbeth weinte I? Mer Kammer über den harten Sinn ihres Mannes, und sie wünschte oft, lieber daheim zu sein in ihres Vaters ärm- $utle’ ,ats bei dem reichen, aber geizigen, hartherzigen Peter zu hausen. Ach, hatte sie gewußt, daß er ein Herz von -lllarmor lx-be und weder sie noch irgendeinen Menschen lieben tonne, so hatte sie sich wohl nicht gewundert. So oft sie aber jetzt unter der Türe saß, und es ging ein Bettelmann vorüber und zog den Hut und Hub an feinen Spruch, so drückte sie die Augen zu, das Elend nicht zu schauen, sie ballte die Hand fester, damit sie nicht unwillkürlich in die Tasche fahre, ein Kreuzerlein herauszulangen. So kam es. daß die schöne Lisbeth im ganzen Wald verschrien wurde, und es hieß, sie sei noch geiziger als Peter Munk. Aber eines Tages saß Frau Lisbeth wieder vor dem Haus und spann und murmelte, ein Liedchen dazu; denn sie war munter, weil es schönes Wetter und Herr Peter ausgeritten war über Feld. Da kommt ein altes Männlein des Weges daher, das trägt einen großen, schweren Sack, und sie hört es schon von weitem keuchen. Teilnehmend sieht ihm Frau Lisbeth zu und denkt, einem so alten, kleinen Mann sollte man nicht mehr so schwer aufladen. Indes keucht und wankt das Männlein heran, und als es gegenüber von Frau Lisbeth war, brach es unter dem Sacke beinahe zusammen. „Ach, habt die Barmherzigkeit, Frau, und reichet mir nur einen Trunk Wasser!" sprach das Männlein: „ich kann nicht weiter, muh elend verschmachten!" „Aber 2hr solltet in Eurem Alter nicht mehr so schwer tragen“, sagte Frau Lisbeth. „Sa, wenn ich nicht Boten gehen müßte, der Armut halber ■ und um mein Leben zu fristen", antwortete er; „ach, so eine reiche Frau wie Ihr weiß nicht, wie wehe Armut tut, und wie wohl ein frischer Trunk bei solcher Hitze." Als sie dies hörte, eilte sie in das Haus, nahm einen Krug vom Gesims und füllte ihn mit Wasser: doch als sie zurückkehrte und nur noch wenige Schritte von ihm war, und das Männlein sah, wie es so elend und verkümmert aus dem Sack saß, da fühlte sie inniges Mitleid, bedachte, daß ja ihr Mann nicht zu Hause sei. und so stellte sie den Wasserkrug beiseite, nahm einen Decher und füllte ihn mit Wein, legte ein gutes Roggenbrot darauf und brachte es dem Alten. „So, und ein Schluck Wein mag Euch besser frommen als Wasser, da Ihr schon gar so alt seid", sprach sie; „aber trinket nicht so hastig und esset auch Brot dazu!" Das Männlein sah sie statmend an, bis große Tränen in feinen alten Augen standen; es trank rmd sprach dann: „Ich bin alt geworden, aber ich hab wenige Menschen ersehen, die so mitleidig wären und ihre Gaben so schön und herzlich zu spenden wüßten wie L'hr, Frau Lisbeth. Aber es wird Euch dafiir auch recht wohl ergehen auf Erden; solch ein Herz bleibt nicht unbelohnt." „Nein, u.nd den Lohn soll sie zur Stelle haben", schrie eine schreckliche Stimme, und als sie sich umsahen, war es Herr Peter mit blutrotem Gesicht. „Änd sogar meinen Ehrenwein gießest du aus an Bettelleute, und meinen Mundbecher gibst du an die Lippen der StraßenlSuser? Da, nimm deinen Lohirl" Frau Lisbeth stürzte zu seinen Füßen und bat um Verzeihung; aber das steinerne Herz kannte kein Mitleid, er drehte die Peitsche unt, die er in der Hand hielt, und schlug sie mit dem Handgriffs von Ebenholz so heftig vor die schöne Stirne, daß sie leblos dem alten Manne in die Arme sank. Als er dies sah, war es doch als reute ihn die Tat auf der Stelle; er bückte sich h»rab zu schauen, ob noch Leben in ihr sei, aber das Männlein sprach mit wohlbekannter Stimme: „Gib dir keine Mühe, Kohlenpeier; es war die schönste und lieblichste Blume im Schwarzwald, aber du hast sie zertreten, und nie mehr wird sie wieder blühen." _.„,E>a wich alles Blut aus Peters Wangen, und er sprach: »Also Ihr seid es, Herr Schcchhauser? Nun, was geschehen 0*, geschehen, und es hat wohl so kommen müssen. Ich ^osi^aber, Ihr werdet mich nicht bei dem Gericht anzeigen als Mörder! " , »Elender!" erwiderte das Glasmännlein. „Was würde es mcr frommen, .wenn ich deine sterbliche Hülle an den Galgen brachte? Nicht irdische Gerichte sind es, die du zu fürchten hast, sondern andere und strengere: denn du hast deine Seele an den Bosen verkauft." . »-Und hab ich mein Herz verkauft", schrie Peter, „fo ist niemand daran schuld als du und deine betrügerischen Schätze; du tückischer Geist hast mich ins Verderben geführt, mich getrieben, daß ich hei einem andern Hilfs suchte, und auf dir liegt die ganze Verantwortung." Aber kaum hatte er dies gesagt, so wuchs und schwoll das Glasmännlein und wurde hoch und breit, und seine Augen sollen so groß gewesen sein wie Suppenteller, und sein Mund war wie ein geheizter Dack- ofen, und Flammen blitzten daraus hervor. Peter warf sich auL^e. Knie und fein steinernes Herz schützte ihn nicht, daß mcht ferne Glieder zitterten wie eine Espe. Mit Geierskrallen Waldgeist im Staden, drehte ihn um, wie ein ^rrbelwmö dürres Laich, und warf ihn dann zu Boden, daß ihm alle Nippen knackten. „Erdenwurm!" rief er mit einer Stimme, die tote der Dörner rollte; „ich könnte dich zerschmet- ^erm E tooITte, denn du hast gegen den Herrn be3 Edes gefrevelt. Aber um dieses toten Weibes willen, das 2Jt getränkt hat, gebe ich dir acht Tage Frist. Bekehrst du dich nicht zum Guten, so komme ich und zermalme detn Gebern, und du fährst hin in deinen Sünden." (Schluß folgt.) ßArifftpffunri. Wilb. Sanas. - Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Buch, und Steindrnckerei, N. Lange, Gießen.