Gießener Zamilienblätter Unterhaltungsbeilage zum Siebener Anzeiger Dienstag, öerrP. August Jahrgang 1925 Hummer 66 Balzac. Zum 75. Todestag des Dichters. Von Geheimrat Dr. Oskar Walze l, o. Professor an der Universität Bonn. Heine erwähnt George Sand mehrfach. Er huldigt der schönen Frau, er nennt ihren Stil eine Offenbarung von Wohllaut und Reinheit der Form. Gr hat nur Bedenken gegen den Stoff ihrer Werke. Balzac nennt er nur flüchtig, obwohl Balzac sein Freund war; Balzac hat ihm eins feiner Werke zugeeignet. In „ Lutezia" möchte Heine das Wesen der „femme entretenwe“ feststellen. Der Gegenstand hatte ihn längst gelockt. Sein Buch über Shakespeares Frauen hielt schon das Bild Kleopatras in den Farben dieser Pariser Luxusgeschöpfe, die — wie er sagt — ihre Titulargatten sehr oft mit Liebe und Treue, immer mit tollen Launen plagen und beglücken. Gr nannte Kleopatva eine unterhaltene Königin. 3n „Lutezia" heißt es, Balzac schildere neben Shakespeare diese Gestalten mit der größten Treue, er beschreibe sie, wie ein Raturforscher irgendeine Tierart oder eine Krankheit beschreibt, ohne moralisierenden Zweck, ohne Vorliebe und Abscheu. Balzac also leistet auf einem Feld, das der Deobach- tungsgabe Heines gut lag, etwas Besonderes. Heine huldigt als Sachverständiger dem Freunde, Und er stellt ihn neben Shakespeare. Richt den ganzen Balzac neben den ganzen Shakespeare. Allein an einer einzelnen Stelle erkennt er etwas Verwandtes. Er schafft wohl als erster einen Zusammenhang, der in neuerer Zeit fast selbstverständlich geworden ist und den Ton angibt, wenn Balzac gewertet werden soll. Paul Dourget be- zeichnet Balzac als den erstaunlichsten Magier der Literatur feit Shakespeare. Für Hofmannsthal besitzt Balzac nach Shakespeare die größte, substantiellste schöpferische Phantasie. Sollte jemals einer die Äamen Shakefpeare und George Sand in einem Atem genannt haben? Es ist unwahrscheinlich. £?n jüngster Zeit ist es gewiß nicht geschehen. Längst ja hat sich das Blatt derart gewendet, daß George Sands kaum noch gedacht wird, wenn von Balzac die Rede ist. Er hat — was ihm zu seinen Lebzeiten nicht geglückt war — sie weit überflügelt. Lauter und lauter erklingt das Lied von seiner Dichtergröße. Der letzte Abschnitt von Ernst Robert Cur» tius' tiefeindringendem Werk über Balzac meldet von diesem allmählich, aber ununterbrochen wachsenden Ruhm Balzacs. Das Buch von Eurtius selbst ist bestes und schwerwiegendes Zeichen dieser Tatsache. Wie Curtius können Hanns Heiß, Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig, die vor Curtius vielleicht das Beste über Balzac gesagt haben, ihn nur an den größten Wortkünstlevn messen. Fast drängt so starkes Lob zu Widerspruch. Es lenkt den Blick auf die Grenzen von Balzacs Kunst. Es legt nahe, Einschränkungen, die auch bei den entschiedensten Bewunderern nicht fehlen, etwas stärker zu betonen. Um so mehr, wenn man geneigt ist, na>ch allem, was vom vergangenen Jahrhundert dem Roman nachgerühmt worden ist, zwar nicht je&er Erzählung in ungebundener Rede, doch dem Roman eine minder hervorragende Stelle im Reich der Kunst zuzuweisen. Balzacs Größe liegt im Verneinen. Gr ist nie stärker, er zeigt seine gewaltige Kraft, dem Leben die letzten Geheimnisse abzulauschen, dies Leben zugleich bezwingend zu spiegeln, nie besser, als wenn er die Gnttäuschungen des Lebens öarstellt. „Les illusions perdues" könnte die Reberschrift lauten für die ganze lange Reihe von Bänden, die sich „La comedie humaine" betitelt. Ein junger Dichter liest zum erstenmal einem größeren Kreis seine Verse vor. Rach Balzac sind die traurigen Erfahrungen, die solchem Erlebnis entkeimen, oft genug geschildert worden. Vor ihm hat deutsche Romantik, aber auch sie nicht zuerst, dies Motiv genutzt, hat gezeigt, wie hart die Ideale eines jungen Enthusiasten mit dem Alltag zufammenstoßen können. Doch neben solche rasche oder ironische Beleuchtungen des Vorgangs tritt bei Balzac ein erschütternd echtes Bild der Seelen'oorgänge, die sich Zug um Zug in dem mehr und mehr Enttäuschten abspielen. Von Enttäuschung zu Enttäuschiung geht es dann weiter. Immer ist zu spüren, daß all das ein Dichter erzählt, der Verwandtes tiefschmerzlich an sich selbst erfahren hat. Dieser Idealist Balzac, dem die Welt früh ihre böseste Seite offenbarte, matt mit grimmigem Hohn die Riedrigkeit der vielen, die sich gegen Enttäuschung wappnen, indem sie die niedrigsten Miftel anwenden, die Welt zu betrügen und nach Gutdünken zu gängeln. Auch da ist der Künstler Balzac auf der Höhe. Er hat gleiche Kraft nicht aufzubieten, wo er bejahen will. Die Menschen, die als Träger des Guten in seinen Romanen auftreten, sind romanhaft geraten, vergleicht man sie mit ihren Gegenspielern. Oder es sind Persönlichkeiten von einer Güte, die an Schwäche des Geistes grenzt, etwa fein Ptzre Goriot. Hätte man Goriot doch lieber nicht mit König Lear verglichen. Reben Lear gestellt, könnte Goriot erhärten, daß Balzac recht weit hinter Shakespeare zurückbleibt. Die Geschichte von dem wohlbehüteten jungen Mädchen, das kühn mit einem vielgenannten Dichter in geheimen Briefwechsel sich einläßt, verrät Balzacs Absicht, den Wert einer stolzen unberührten Mädchenseele gegen den Schein wert auszuspielen, den ein Modedichter darstellt. Solange die Erzählung „Modeste Mignon" diese Kämpferhaltung wahrt, bestätigt sich DalzmS Kunst. Sobald aber Modeste Mignon aus ärmlichen Verhältnissen zur Höhe der Gesellschaft emporgehoben wird, sobald Erdenglück des echten guten Menschentums geschildert wird, gewinnt das Ganze nicht nur den Anstrich des Unwahrscheinlichen. Hier wie sonst, wenn Balzac die Kreise des Hochadels zeichnet, grenzt es an Snobbismus. Gegen die Gesellschaft, die er verachtet, spielt er auch den großen Einzelnen mit Verbrecherneigung aus. Bau tri n, der entwischte Galeerensträfling, ist der Anarchist, der den Kampf mit Staat und Gesellschaft erfolgreich aufnimmt. Ein Catilina, der in einer besseren Welt ein Brutus hätte werden können. Aus Pluiarch, auf den schon Rousseau hingedeutet hatte, war dem jungen Schiller der Zauber catilinarischer Persönlichkeiten aufgegangen. Er schuf Karl Moor. Seitdem hatte Dichtung das Lebensrecht großer Verbrecher gern verfochten, voran Byron. Balzac ging über die Vorläufer hinaus, indem er seinen Dautrin in eine wirklichkeitsecht gezeichnete Welt hineinstellte. Allein, wenn eines Tages dieser herkulische Gegner des Staates erliegt und, in eine Falle gelockt, sich tötet, weicht mit einem Schlage der Realismus und an seine Stelle treten die äußerlich spannenden Mittel des rührenden Sensationsromans. Da erweist sich, wie es von Balzac zu Sue weitergehen konnte. Balza chatte in jungen Tagen, immer dank seiner Kämpferstellung, immer empört über das Treiben der Welt, ihr tief ins Herz gesehen. Dann bürdete er nur noch feiner unerschöpflichen Phantasie die ungeheure Aufgabe auf, die er in feinen Romanen gelöst hat. Reben echteste Abbilder starkerlebten Lebens trat Phantastisches. Balzac, der sein Lebtag aus Schulden nicht herauskam, hat als erster Dichter die Bedeutung des Geldes für die Gesellschaft erkannt und dargestellt. Das Treiben der Großkapitals sten zeichnet er zuweilen mit unbeirrbarer Sachkenntnis. Aber daneben wird er oft, wenn von Geldgewinn die Rede ist, ganz so phantastisch wie er es im Leben war, wenn er im Handumdrehen Millionär werden wollte. Ein großer Künstler, ein Menschenschöpfer, ein bannender Erzähler. Doch in dem mächtigen Strom der Geschehnisse seiner Romane geht es oft aus dem Reich erlesener Kunst ins Gewöhnliche über. Das Ganze ist ein gewaltiges Werk. Ein einzelnes höchstes Werk hat er nicht geschaffen. Sief er Franzose hat wenig von der Freude des Romanen an der wohlgegliederten, strenge Tektonik wahrenden Gestalt des Kunstwerks. Kaum in Bücher, vollends nicht in Kapitel geteilt, flutet fein Erzählen hin. Das ist deutschem Formwiften verwandter. Wer neueste Kunstbegriffe anwenden will, muß Balzac den Drang nach Vollendung absprechen. Gr ringt nach etwas Unendlichem. Das rastlose Werden, das sich in seiner ganzen Leistung abspielt, überragt an Wert weitaus das in sich geschloffene Sein der einzelnen Dichtungen Balzacs. Rodins „Balzac". Von Rainer Maria Rilke*). ... Und sv ist auch der Balzac. Rodin hat ihm eine Größe gegeben, die vielleicht die Gestalt dieses Schriftstellers überragt. Gr hat ihn im Grunde seines Wesens erfaßt, aber er hat an den Grenzen dieses Wesens nicht Haltgemacht; um seine äußersten und fernsten Möglichkeiten, um fein .Unerreichtes hat er diesen mächtigen Kontur gezogen, der in den Grabsteinen fernvergangener Völker vorgebildet scheint. Jahre -und Jahre hat er ganz in dieser Gestalt gelebt. Er hat Balzacs Heimat besucht, die Landschaften der Touraine, die in feinen Büchern immer wieder auf« •) Aus Rilke: Auguste Rodin (Insel-Verlag in Leipzig). — 262 — »eigen, er hat Briefe von ihm gelesen, er hat die Bilder studiert, Vie von Dalzäc existieren, und er ist durch sein Werk gegangen, wieder und wieder; auf allen den verzweigten und verschlungenen Wegen dieses Werkes begegneten ihm die Dalzacschen Menschen, ganze Familien und Generationen, eine Welt, die immer noch an das Dasein ihres Schöpfers zu glauben, aus ihm zu leben und ihn zu schauen schien. Er sah, daß alle diese tausend Figuren, mochten sie tun, was sie wollten, doch, ganz mit dem Einen beschäftigt waren, der sie gemacht hatte. Lind wie man vielleicht aus den vielen Mienen eines Zufchauerraumes das Drama erraten kann, das sich auf der Bühne vollzieht, so suchte er irt allen diesen Gesichtern nach dem, der für sie noch, nicht vergangen war. Er glaubte, wie Balzac, an die Wirklichkeit dieser Welt, und es gelang ihm eine Weile, sich ihr einzuordnen. Er lebte, als ob Balzac auch ihn geschaffen hätte, unauffällig gemischt unter die Menge seiner Existenzen. So kam er zu den besten Erfahrungen. Was sonst da war, schien bei weitem weniger beredt. Die Daguer- reothpien boten nur ganz allgemeine Anhaltspunkte und nichts Neues. Man kannte dieses Gesicht, das sie darstellten, schon von der. Schulzeit her. Nur die eine, die im Besitze Stephan Mallarmüs gewesen war und Balzac ohne Nock mit Hosenträgern zeigte, war charakteristischer. Lind dann mußten die Aufzeichnungen der Zeitgenossen helfen. Theophile Gautiers Worte, die Notizen der Goncourts und das schöne Porträt Balzacs, das_ Lamartine geschrieben hatte. Außerdem war nur noch, die Büste von David da in der Comedie-FranMise und ein kleines Bildnis von Louis Doulanger. — Ganz vom Geiste Balzacs erfüllt, ging Rodin mit diesen Hilfsmitteln nun daran, seine äußere Erscheinung aufzurichten. Er benutzte lebende Modelle von ähnlichen Körperverhältnissen und bildete in verschiedenen Stellungen sieben ^vollkommen ausgeführte Akte. Er waren dicke, gedrungene Männer mit schwerfälligen Gliedern und kurzen Annen, deren er sich bediente, und er schuf nach diesen Vorarbeiten einen Balzac, ungefähr in der Auffassung, wie die Naöarsche Daguerreothpie ihn überlieferte. Aber er fühlte, daß damit noch nichts Endgültiges gegeben war. Er kehrte zu der Beschreibung Lamartines zurück. Dort stand: „Er hatte das Gesicht eines Elementes" und: „Er besah so viel Seele, daß sie seinen schweren Körper trug wie nichts." Rodin fühlte, daß in diesen Sähen ein großer Teil der Aufgabe lag. Er kam ihrer Lösung näher, indem er allen den sieben Akten Mönchskutten anzulegen versuchte, von der Art, wie Balzac sie bei der Arbeit zu tragen pflegte. Es entstand hierauf ein Balzac in Kapuze, viel zu intim, zu sehr zurückgezogen in die Stille seiner Verkleidung. Aber langsam wuchs Rodins Vision von Form, zu Form. Und endlich sah er ihn. Er sah eine breite, ausschreitende Gestalt, die an des Mantels Fall all ihre Schwere verlor. Auf den starken Racken stemmte sich das Haar, und in das Haar zurückgelehnt lag ein Gesicht, schauend, int Rausche des Schauens, schäumend von Schaffen: das Gesicht eines Elementes. ®aS_ war Balzac in der Fruchtbarkeit seines Lleberflusses, der Gründer von Generationen, der Verschwender von Schicksalen. 'Das war der Mann, dessen Augen keiner Dinge bedurften; wäre die Welt leer gewesen: seine Blicke hätten sie eingerichtet. Das war der, der durch sagenhafte Silberminen reich werden wollte und glücklich durch eine Fremde. Das war das Schaffen selbst, das sich der Form Balzacs bediente, um zu erscheinen; des Schaffens Lleberhebung, Hochmut, Taumel und Trunkenheit. Der Kopf, der zurückgeworfen war, lebte auf dem Gipfel dieser Gestalt wie jene Kugeln, die auf den Strahlen von Fontänen tanzen. Alle Schwere war leicht geworden, stieg und fiel. So hatte Rodin in einem Augenblick ungeheuerer Zu- fammenfasfung und tragischer Llebertreibung seinen Balzac gesehen, und so machte er ihn. Die Vision verging nicht; sie verwandelte fich. Balzacs Tod. Von Victor Hugo. (Deutsch von Bruno Frank.) Am 18. August 1850 erzählte mir meine Frau, dah Balzac im Sterben liege; sie war untertags bei Frau von Balzac gewesen. Eiligst ging ich hin. Balzac litt seit anderthalb Jahren an einer Herzerweiterung. Nach der Februar-Revolution war er nach Rußband gereist urtb hatte dort geheiratet. Ein paar Tage vor seiner Abfahrt hatte ich ihn auf der Straße getroffen, er Sagte bereits und atmete raffelnd. Im Mai 1850 kam er nach Frankreich, jung vermählt, reich und dem Tod verfallen. Schon waren feine Beine ange- schwollen. Vier Aerzte untersuchten ihn. Einer von ihnen, Doktor Louis, sagte mir am 6. Juli, Balzac habe keine sechs Wochen mehr zu leben. Am 18. August war abends mein Onkel, der General Louis Hugo, bei mir zu Tisch. Gleich nach dem Essen verließ ich ihn, nahm eine Droschke und fuhr nach der Avenue Fortunüe Nummer 14. Hier, auf dem Grundstück, das ehemals dem General- Pächter Beaujon gehört hatte, wohnte Balzac. Er hatte alles angekauft, was vom ehemaligen Palais Beaujon noch stand, ein paar niedrige Baulichkeiten, die aus irgendwelchen Gründen der Zerstörung entgangen waren; diese alte Baracke hatte er wundervoll möbliert und sich so einen entzückenden Wohnsitz geschaffen. Das Einfahrtstor ging nach der Avenue Fortune«, ein Garten gehörte nicht zu Balzacs Besitz, nut ein schmaler, langer Hof, in dessen Pflaster da und dort Blumenbeete ein* gelassen waren. Ich läutete. Wolken zogen über den Mond. Die Straße war menschenleer. Niemand kam von drinnen. Ich läutete noch einmal. Die Tür ging auf. Vor mir stand eine Magd mit einem Licht. „Was wünscht der Herr?" fragte sie. Sie weinte. Ich sagte, wer ich sei. Sie führte mich im Erdgeschoß in einen Salon; dem Kamin gegenüber stand hier auf einem Sockel die überlebensgroße Büste Balzacs, von David. In der Mitt« des Raumes sah ich einen prächtigen Tisch von ovaler Form, den als Füße sechs schöne, vergoldete Bildsäulen trugen; auf dem Tisch stand eine brennende Kerze. Dann kam eine andere Frau herein, die ebenfalls weinte. „Gr stirbt," sagte sie. „Die gnädige Frau ist nach Hause gefahren, in ihre eigene Wohnung. Seit gestern haben ihn di« Aerzte aufgegebeu. Er hat eine Wunde am linken Bein; es ist der Brand. Die Aerzte verstehen gar nichts. Erst haben sie gesagt, feine Wassersucht habe teigigen Charakter, es handle sich um eine Durchsickerung der Gewebe, die Haut und das Fleisch seien ganz wie Speck, und die Punktion sei unmöglich Aber im vergangenen Monat hat sich der Herr abends einmal beim Zubettgehen an einem Möbel mit Metallbeschlägen gestoßen, di« Haut ist geplatzt, und alles Wasser, das im Körper war, ist her- ausgelaufen. „Aha", haben die Aerzte da gesagt. Sie waren ganz erstaunt und haben nun auch die Punktion gewagt. „Wir machens wie die Natur", haben sie gesagt. Aber nun hat sich am Bein ein Geschwür gebildet. Doktor Roux hat es operiert. Gestern hat man den Verband entfernt. Aber die Wunde hatte nicht geeitert, sondern sie war rot und trocken und glühend heiß. Da haben sie gesagt: „Er muß sterben", und sind nicht mehr wiedergekommen. Wir haben nach vier oder fünf anderen geschickt, aber alle haben gesagt: „Da ist nichts mehr zu machen". Die Nacht war schlecht. Seit heute morgen um neun kann er nicht mehr sprechen. Die gnädige Fran hat einen Priester holen lassen. Der Priester ist gekommen und hat imferem Herrn die letzte Oelung gegeben. Linser Herr hatte ein Zeichen gemacht, daß er den Vorgang verstehe. Eine Stunde später hat er Frau von Surville, seiner Schwester, die Hand gedrückt. Seit elf Llhr röchelt er und sieht nicht mehr, was vorgeht. Er wird die Nacht nicht überleben. Wenn Sie wollen, hole ich Herrn von Surville; er ist noch nicht schlafen gegangen.“ Die Frau lieh mich allein. 3<6> hatte ein paar Minuten zu warten. Der Schein der Kerze erhellte schwach die prächtigen Möbel des Salons und die schönen Bilder von Porbns und Holbein, die an den Wänden hingen. Llndeutlich, verschwimmend ragte in diesem Halbdunkel die marmorne Büste auf, als wäre sie der Geist des Mannes, der hier starb. Durch das Haus zog ein Leichen geruch Herr von Surville kam und bestätigte alles, was ich von der Magd gehört hatte. Ich bat darum, Balzac sehen zu dürfen. Es ging durch einen Korridor, dann über eine rotbelegte Treppe, auf der alle möglichen Kunstgegenstände zu sehen waren: Basen, Statuen, Bilder, Tischchen mit Porzellanfachen, und wieder durch einen Korridor. Eine Tür stand offen. Ein lautes, schreckliches Röcheln wurde vernehmbar. Ich war in Balzacs Zimmer. Mitten im Raum stand das Bett. Es war ein Bett aus Mahagoni; am Fuß- und am Kopfende sah ich Riemen und Querhölzer, ein Hängewerk, um den Patienten bewegen zu können. Balzac lag da, den Kopf gegen einen Berg von Kissen: gelehnt, zu dem man auch die roten Damastpolster des SofaS verwendet hatte. Sein Gesicht wat violett, fast schwarz, und mich rechts hin geneigt, er war unrasiert, sein Haar grau und kurzgefchnitten, das Auge weit offen und starr. Ich sah ihn im Profil; so glich er Napoleon. Eine alte Pflegerin und ein Diener standen rechts und links vom Bett. Hinter dem Kopfende brannte auf einem Tisch eine Kerze, eine zweite nahe bei der Tür auf einer Kommode. Auf dem Nachttisch befand sich ein silbernes Decken. Die alte Frau und der Diener standen da, schwiegen tote verängstigt und horchten auf das laute Röcheln des Sterbenden. Die Kerze zu seinen Häupten beschien hell das Bild eines jungen Mannes mit rosigen, frohen Zügen, das neben dem Kamin an der Wand hing. Vom Bett her kam ein unerträglicher Geruch Ich hob dte Decken in die Höhe und nahm Balzacs Hand. Sie war nah von Schweiß. Ich drückte sie. Es kam kein Gegendruck. In diesem gleichen Zimmer hatte ich ihn den Monat vorher besucht. Da war er vergnügt und hoffnungsfroh, er zweifelte gar nicht an seiner Heilung und zeigte mir lachend seine Geschwulst. Wir sprachen damals viel über Politik und stritten un& Er nannte mich einen „Demagogen". Er für feine Person war königstreu, war Legitimist. Er sagte zu mir: „Ich verstehe wirklich nicht, wie Sie so vergnügt auf Ihren Pairstttel haben verzichten können. Pair von Frankreich, das ist der zweitschönste Titel in der Welt! Nur König von Frankreich ist noch! schöner." Ferner sagte er: „Ich habe das Hotel Beaujon gekauft, aber ohne den Garten. Dafür gehört mir der kleine Vorbau, der an die benachbarte Kirche stößt. Hier auf meiner Treppe ist eine Tür, ich brauche — 263 st« nut auszuschließen, und bin in det Moffe. DaS ist mir mehr wert als der ganze Garten." Wie ich damals fort ging, brachte er mich bis an diese Treppe, obgleich er sich nur mühsam fortbewegte, er wies auf die Tür, von der er gesprochen hatte, und rief dann seiner Frau hinunter: „Aber zeige Victor Hugo auch ordentlich alle meine Bilder!" Die Pflegerin sagt«: „Gegen Morgen wird er sterben." Ich ging hinunter, immer dies violette Gesicht vor Augen; im Salon stand die Kolvssalbüste, starr, kalt, erhaben, schwach schimmernd, — und ich matz den Lod an der Llnsterblichkeit. Als ich nach Haufe kam, es war ein Sonntag, fand ich mehrere Besucher vor, unter anderen den türkischen Geschäftsträger Riza Deh, den spanischen Dichter Aavarrete und Graf Arrivabene, einen politischen Flüchtling aus Italien. Sch sagte: „Meine Herren, heute verliert Europa einen großen Geist." Sh der Nacht starb er. Gr war ernundfünfzig Sahre alt geworden. Die Beerdigung war am Mittwoch Gleich nach seinem Tode wurde er in der kleinen Kirche aufgebahrt, neben der er wohnte; man trug ihn durch eben jene Treppentür, deren Schlüssel ihm mehr wert gewesen war als alle Wundergärten des Generalpächters. Am ersten Tage nach seinem Hintritt hatte Giraud ihn gemalt. Man wollte auch die Totenmaske abnehmen, aber es erwies sich als unmöglich, so rasch zersetzte sich der Körper. Am zweiten Tage frohmvrgens kamen die Former, sie fanden das Gesicht bereits völlig entstellt, die Nase war ganz auf die Wange gesunken. Balzac wurde in einen Eisensarg gelegt, der mit Blei ausgefchlagen war. Der Trauergottesdienst fand in Saint- Philippe--du-Roule statt. Wie ich so neben dem Sarge stand, dachte ich daran, daß hier meine zweite Tochter getauft worden war, und daß ich seitdem diese Kirche nicht wieder betreten hatte. Sn unserem Gedächtnis verschwistern sich Tod und Geburt. Der Minister des Srmern, Laroche, wohnte der Feier bei. Sn der Kirche saß er neben mir, vor dem Katafalk, und von Zeit zu Zeit richtete er das Wort an mich. Er sagte: „Das war ein begabter Mann " Sch sagte: „Ein Genie." Der Trauerzug ging quer durch Paris und gelangte über die Boulevards zum Pöre-Lachaife. Als wir die Kirche ver- Heßen, fielen vereinzelte Regentropfen und dann wieder, als wir zum Friedhof kamen. Es war, als wollte auch der Himmel an einem solchen Tag ein paar Tränen vergießen. Sch ging rechts vorn« am Sarge und hielt eine von den Silberquasten des Bahrtuches. Auf der anderen Seite schritt Alexandre Dumas. Das Grab lag ganz oben auf dem Hügel. Eine ungeheure Menschenmenge war versammelt, der Weg war uneben und schmal, die Pferde klommen mühsam empor und konnten den Leichenwagen kaum halten, der immer zurückrollte. Sch geriet in die Enge, zwischen einem Rad und einem Grab. Beinahe wäre ich zermalmt worden. Leute, die auf dem Grabe standen, um den Zug vorüberkommen zu sehen, faßten mich unter den Achseln und hoben mich hinauf. — Wir legten die ganze Strecke 8U Fuß zurück. Der Sarg wurde in das Grab gesenkt; es lag dicht bei den Ruhestätten von Eharles Nodier und Easimir Delavigne. Während ich redete, sank die Sonne zum Horizont. Sm Nebelglanz des Sonnenuitterganges lag in der Ferne ganz Paris vor mir da. älnmittelbar zu meinen Füßen, am Rand der Grube, kam der Boden ins Rutschen, und mich unterbrach Das dumpfe Geräusch der Erde, die auf den Sarg fiel. Die Messe des Gottlosen. Bon Honvrö de Balzac. Doktor Dianchon, ein Arzt, dem die Medizin eine der geistreichsten physiologischen Theorien zu danken hat und der schon als ganz junger Mensch als hohe Leuchte der Gcole de Paris galt (sie ist bekanntlich Mittelpunkt der medizinischen Welt Europas), hatte lange Zeit Chirurgie getrieben, bevor er zur Medizin der inneren Krankheiten überging. Denn seine ersten Schritte auf wissenschaftlichem Gebiete wurden geleitet von dem großen französischen Chirurgen Desplein, einem Mann, der zu seiner Zeit strahlend wie ein Meteor an dem Himmel _ der Wissenschaft aufgegangen war. Selbst Despleins Feinde müssen zugeben, er hätte feine Methode mit ins Grab genommen, deren Geheimnis keinem sonst zugänglich gewesen. Wie alle Genies, starb er ohne Erben. Er trug alles in sich, und so Begrub er alles mit sich. Der Ruhm der großen Chirurgen gleicht dem der großen Tragöden, sie sind nur während ihres wirklichen Daseins große Menschen und ruhmeswert, ihr Genius wandert mit ihnen in die Grube, und niemand weiß nachher, was sie waren, niemand kann es lernen, Schauspieler und Chirurgen, große Sänger, auch Virtuosen, durch deren Kunst die Macht der Musik erst zur eigentlichen blühenden Entfaltung kommt, sie bleiben alle Heroen des Augenblicks. -Desplein ist der. beste Beweis für die Gleichartigkeit der Geschicke solcher Männer, deren hoher Geist wvlkengleich kommt und schwindet. Sein Name war gestern int vollen Glanz der Berühmtheit. Heute ist er fast vergessen; bleiben wird er nur in den Grenzen seines engeren Faches, und sonst nirgends. Aber bedarf es nicht der unerhörtesten Taten und 'Ereignisse, wenn der Name eines Gelehrten aus dem Buch seiner Wissenschaft in Me große# Annalen des menschlichen Geistes übergehen soll? And hatte Desplein das Weltumfassende des Wissens, das aus einem ein» »einen den Wortführer feiner Zeit macht? Wohl war ihm eine unbeschreibliche Schärfe der Beobachtung eigen. Er durchdrang das Wesen des Kranken oder das Wesen des Leidens durch Einfühlung, die ihm, angeboren oder erworben, immer zur Der- fügung stand. Mittels dieser Kraft konnte er nicht nur jede Diagnose mit allen Feinheiten stellen, sondern er hatte auch im höchsten Grade di« Fähigkeit, mit schärfster Präzision den Augenblick anzugeben, in dem man operieren mußte, bis auf Stunde und Minute, denn er ließ weder die geheimen Eigenheiten des betreffenden Patienten, noch die dunkleren Strömungen der Natur und der Atmosphäre außer acht, Lind wenn ein Mensch so tief int Einklang mit der Natur arbeiten konnte, mußte er das unzerreißbar« Band zwischen den lebenden Wesen und den unbelebten Stoffen der Luft aus dem Grund studiert haben, das gegenseitige Verhältnis der Elemente und der Organe klar vor sich sehen wie ein aufgeschlagenes Buch, nur so konnte er seine wichtigen Schlüsse mit untrüglicher Sicherheit ziehen. War dies nun der geistige Prozeß der Ableitung und der Analogie, wie sie der geniale Cuvier geübt? Wie immer es sei, dieser Mann besaß das Geheimnis, den Schlüssel des Fleisches, von ihm ließ er sich mit absoluter Sicherheit in die Vergangen» ßeit leiten und blieb seiner Hilfe gewiß für die Zukunft. Auf diese Mittel stützte er sich im gegenwärtigen Augenblick. Hatte er aber all sein Wissen in seiner Persönlichkeit beschlossen, wie Hippokrates, Galienus, Aristoteles? Hatte er eine ganze Schul« einer neuen Blüte entgegenführen können? Shr einen Ausblick nach unbekannten Welten eröffnet? Nein. Wohl kann man unmöglich diesem tiefen Beobachter der menschlichen Chemie das antike Wissen der Magie absprechen, das heißt, di« Kenntnis und Erkenntnis der Grundkräfte, tote sie miteinander und gegeneinander'agieren; klar waren ihm des Daseins Gründe und Hintergründe, und er sah das Leben vor dem Leben: aber dann darf man, um gerecht zu fein, nicht verschweigen, daß alles in ihm durch die Grenzen seiner Person gebannt war. War er in seinem menschlichen Dasein durch Egoismus gekettet, so hat Egoismus heute seinen Ruhm verschüttet. Lieber sein Grab ragt keine Bildsäule, die ernst kündet, daß hier ein Mensch durch Genie der tiefften Daseinssphäre ihre Geheimnisse auf immer abgerungen hat. Aber vielleicht war die Begabung Despleins eins mit seinem Glauben und folglich sterblich und verweslich. Für ihn war di« Lufthüfte um die Erde ein fruchtbarer Zeugungsraum, er sah die Erde wie ein Ei in ferner Schale, ühb konnte der Gelehrte nicht enffcheiden, wer früher dagewesen, Ei oder Henne, so leugnete der Ungläubige beides. Er glaubte nicht an die Vorexistenz des Menschen, noch an feine Unsterblichkeit. Desplein kannte Zweifel nicht, er war Positivist. Sein reiner, offener Atheismus war der gleiche Unglauben wie bei tausend Gelehrten, wie bei den Spitzen der Gesellschaft; gottlos war er bis zur sichersten Gewißheit, gottlos bis zu einem Grade, den gläubige Menschen nie verstehen werden. Konnte es anders sein? Don frühester Sagend hatte er das Seziermesser nicht aus der Hand gelaffen, alles hatte er mit seinen unzähligen Apparaten durchsucht und niemals den heiligen Geist gefunden, ohne den kein Glaube leben mag. Er kannte eine Gehirnwelt, eine Nervenwell und eine aus Muskelfleisch und Blut. Die beiden ersten fühlt« der Gelehrte so innig ineinander weben, daß er in den letzten Tagen seines Lebens zur Ueberzeugung kam, daß der Gehörsinn nicht unbedingt nötig sei zum Hören, noch auch der Gesichtssinn zum Sehen; denn das sympathische Nervengeflecht konnte beide ersetzen, daran war kein Zweifel möglich So entdeckte Desplein zwei Seelen im Menschen; diese Erkenntnis mußte an seiner Gottlosigkeit zehren und ihr Abbruch tun, wenngleich er noch nicht zu Gott sich bekannt«. Man berichtet, daß dieser Mann bis ans Ende unbekehrt starb, in einem Seelenzustand, worin viele Menschen von Genie enden. Gott aftein wird ihnen vergeben. Das Leben dieses Großen war von kleinlichen Zügen nicht frei, wenn wir seinen Feinden glauben wollen, und sie toerben. nie müde, feinen Ruhm zu schwärzen. Aber es wäre weit mehr ihre Pflicht, das offenbare Gegenteil darzutun, denn di« Neider und Mißgünstigen ahnen nie auch nur im fernsten die geistigen Strömungen, die den Gang eines Genies da oder dorthin letten, sondern sie halten sich einfach an oberflächliche Widersprüche, um auf ihnen ihre Anklageschrift aufzubauen unb das Verdikt auszusprechen. Wenn aber später der Erfolg die angegriffenen Denkresultate bestätigt, indem er den zwingenden Zusammenhang zwischen Vorbereitung und Wirkung, Voraussetzung und Schluß beweist, es bleibt immer noch etwas von der alten Verleumdung von vornherein. Sv wurde in unseren Tagen Napoleon von den Zeitgenossen geschmäht, als er seinen Aar die Flügel über England entfallen ließ-. Man mußte erst 1824 erleben, um 1804 richtig würdigen zu können, und di« Transportschiffe von Doulogne. Man konnte bei Desplein unmöglich seinen Ruhm und fein Wissen zum Ziel eines Angriffs nehmen, und so hielten sich feine Feinde an seinen seltsamen Charakter und an seine Launen. Lind dabei war es doch nur, daß er nicht ganz frei war von dem, was dl« Engländer excentricith nennen. Manchmal ging er in vollendeter Eleganz aus, wie CröbWon der ältere, dann wieder gefiel er sich in einer auffallenden Vernachlässigung — 264 — in bezug aufs Aeußere. Manchmal sah man ihn in der Kutsche, manchmal zu Fuß. Heute war er mild, morgen grob: er erweckte oft genug den äußeren Anschein, er sei besessen nach Geld und furchtbar geizig, aber er war durchaus fähig, sein ganzes Hab und Gut seinen ins Ausland geflüchteten Lehrern anzubieten, die ihm die Ehre erwiesen, es während einiger Tage anzunehmen. So hat kein Mensch Anlaß zu mehr widersprechenden Urteilen gegeben. Wohl war ihm zuzutrauen, miß er, bloß um ein schwarzes Ordensband zu erhalten, dANi die anderen Aerzte vergebens nachjagten, bei Hofe ein Gebetbuch aus feiner Tasche wie zufällig fallen ließ, aber im ®runöe seines Herzens, ich bitte es zu glauben, war ihm alles nichts. Zu tief verachtete er die Menschen, denn er kannte sie vom Scheitel bis zur Sohle, er hatte sie dann gesehn, wenn sie sich nicht verstellen konnten, in den feierlichsten und den niedrigsten Augenblicken ihres Daseins. Bei einem großen Mann ist alles aus einem Guß. Wenn unter diesen gigantischen Naturen einer mehr Talent hat als Geist, so ist immer auch noch fein Geist tausendmal feiner als bei einem Dutzendmenschen, von dem die Rede geht, er sei so fabelhaft geistreich. , Das Genie ist eine Frage der Sittlichkeit. Gewiß kann sich das Ethos auf einem begrenzten Gebiet entfalten, aber wer die Blume erkennt, erkennt gewiß die Sonne. Hat ein Mann aus dem Munde eines aus Lebensgefahr unmittelbar geretteten Höflings die Frage gehört: „Wie geht es dem Kaiser?" und darauf geantwortet: „Der Höfling ist schon wieder da, der Mensch wird folgen", so ist ein Mann Lieser Art nicht bloß einfach Chirurg oder Internist, er ist auch überwältigend geistreich. So wird ein scharfer, aufmerk- samer und stetiger Beobachter des Menschlichen an Desplein den ungeheuren Ansprüchen dieses Mannes ihr Recht nicht versagen können, er wird ihm den Glauben zubilligen müssen, den Desplein auch selbst besah, öah er als Mann des Staates kaum eine weniger überragende Erscheinung geworden wäre, als er in der Chirurgie wirklich gewesen ist. Es gab viele Rätsel im Leben Despleins für die, die ihn gekannt haben, und von ihnen haben wir das Interessanteste aus- gewählt,' weil er den Schlüssel zu allem andern enthält, und weil die Schlußfolgerung meines Berichtes alle Anklagen gegen ihn entkräftet. Don allen seinen Schülern an seinem Hospital war Desplein dem jungen Dianchon am meisten zugetan. Vor ferner Assistentenzeit im Hötel-Dieu war Horaec Bianchon Student, wohnte in einer elenden Pension des Studentenviertels, bekannt unter dem Ramen Pension Vauquer. Hier lernte der arme junge Mann die ätzenden Säuren des wahren Elends kennen, und er ging aus ihnen rein und undersehrbar hervor wie die Diamanten, die allen Einwirkungen ohne Gefahr ausgesetzt werden können. Daran erkennt man große Gaben. 3m hitzigsten Feuer der entfesselten Leidenschaften gewinnen sie unzerstörbare Reinheit und bewähren ihre Redlichkeit, sie stärken sich für die Kämpfe, die dem Genie nie erspart bleiben. Arbeit nennt sich ihr tägliches Brot, Ziel und Ende aller Wünsche. Horace war ein aufrechter junger Mensch: in Fragen der Ehre kannte er weder Vergleiche noch Zugeständnisse: er ging ohne Redensarten aufs Wesentliche: für seine Freunde konnte er sein letztes Hemd versetzen, seine Zeit ganz einer Wache am Bette eines erkrankten Kameraden opfern; er war ein Kamerad, nicht um Dank und Lohn, denn Menschen seiner Art fühlen sich immer beschnitt, selbst wenn sie alles geben. Keiner seiner Freunde konnte sich der Verehrung gegen diese klare Güte ohne Redensarten entschlagen. Viele fürchteten fein Urteil. Aber mft diesen ernsten Eigenschaften war Horace keine Deamtennatur. Weder Puritaner noch Phrasenheld, kannte er keine Angst vor einem kräftigen Fluch mit dem er einen guten Ratschlag gern begleiten mochte, er schnitt sich gern einmal einen Happen vom „Bratenstück des guten Lebens" herunter, wenn die Gelegenheit sich gerade bot. Er war gut Freund, kein Spielverderber, nicht mehr zimperlich als ein Kürassier, frei und frank, nicht gerade ein Seebär, denn die Seeleute von heute sind durchtrieben schlaue Diplomaten, er aber war ein anständiger Zunge, der nichts zu verbergen hat, er ging seines Weges mit erhobenem Haupt und mit lachender Miene: alles in einem Wort gesagt, er war der Pylades, der treue, für so manchen Orest, wobei wir die Gläubiger als die schlimmsten Plagegeister den alten Furien gleichstellen. Sein Elend trug er mit Freudigkeit, darin zeigte er am besten feinen Mut. Wie alle, die nichts ihr eigen nennen, mochte er keine Schulden machen, war nüchtern wie ein Kamel, schnell wie ein Hirsch stetig in seinem Gedankengang und in seiner Stellung zur Welt. Bianchons glückliche Zeit begann an dem Tage, da der berühmte Chirurg alle Fehler und Vorzüge an Dianchon in ihrer Gesamtheit erfaßte und damit auch das, was den Doktor Dian- chon in gleicher Weise für seine Freunde unersetzbar machte. Wenn der Vorstand einer großen Klinik einen jungen Menschen unter seine Flügel nimmt, dann hat der Junge schon, wie man sagt, einen Fuß im Himmelreich Desplein ließ sich's nun angelegen sein, den jungen Menschen zur Assistenz in die reichen Häuser mitzunehmen, wo fast immer etwas auch für die Tasche des Gehilfen abfiel, und vor allem war dies der Ort, wo sich ein unschätzbarer Vorteil, ihm, dem Mann aus der Provinz, die Geheimnisse des Pariser Lebens allgemach entschleierten. Dann ließ er ihn während der Besuchsstunden in seinem Arbeitszimmer, beschäftigte ihn nach Kräften, gab ihm wohl auch den Auftrag, einen reichen Kranken ins Bad zu begleiten. Schließlich bereitete er ihm seine Praxis vor. Konnte es unter solchen ftmständen fehlen, daß nach einiger Zeit der Fürst der Chirurgie einen getreuen Jünger neben sich hatte? Zwei Männer: dev .eine auf der Höhe des Wissens, im stärksten Glanz des Äamens und unermeßlich reich Der andere, das letzte Rad am Wagen, ohne Geld und Ramen. ftnd diese beiden ein Herz und eine Seele. Der große Desplein hatte vor seinem Assistenten keine Geheimnisse. Dem Jungen blieb es nicht verborgen, ob eine Dame auf dem Stuhle neben dem Meister Platz genommen oder auf der berühmten Ottomane, die im Arbeitszimmer stand und auf der Desplein schlief. Dianchon kannte alle Abgründe dieses unheimlichen Temperamentes, in dem sich die Kraft eines StiereS mit dem Mut eines Löwen einten, ftnd dieses Temperament, das in seiner Maßlosigkeit das Innere des großen Mannes sprengte, war der Grund zu feinem Untergang. Er starb an Erweiterung des Herzens. Der jüngere studierte die Widersprüche dieses außerordentlich tätigen Lebens, das System des schmutzigsten Geizes, die Hoffnungen des Politikers, die in der Seele des Arztes lebten, und so konnte er die Enttäuschungen einer Seele vorausahnen, die ihr Metall und ihren Schutz nur außen trug. Eines Tages meldete Dianchon seinem Meister, daß ein armer Wasserträger aus dem Quartier Saint-Jacques eine furchtbare Krankheit an sich habe, die er seinem Elend und seiner Rot verdanke, denn der arme Auvergnat habe feit dem furchtbaren Winter von 1812 sich nur von Kartoffeln erhalten. Desplein ließ im Augenblick alle anderen Kranken sein, eilte, ohne Rücksicht auf seine Pferde, in ^Begleitung von Dianchon nach der Behausung des Annen und ließ ihn in die von dem berühmten Dubois gegründete Heilanstalt im Faubourg-Saint-Denis bringen. Er widmete sich persönlich der Pflege dieses Mannes, gab ihm, nachdem er ihn geheilt, die Summe, die er für ein Pferd un& ein Wasserfaß brauchte. Dieser Auvergnate hatte nun folgenden originellen Zug an sich Einer seiner Freunde wird krank, er bringt ihn sofort zu seinem Wohltäter Desplein und sagt: „Das hätte ich wahrlich nicht geduldet, daß er zur Konkurrenz geht." ftnd Desplein, ein so mürrischer Grobian er sein konnte, schüttelt dem Wasserträger die Hand, mit den Worten: „Recht hast du, bring sie mir nur alle." ftnd er bewirtte die Aufnahme des Patienten im Hötel-Dieu und nahm seiner liebe» voft acht. Run hatte Bianchon bei seinem Chef schon seit langem eine Vorliebe für die Auvergnaten beobachtet, und unter triefen wieder besonders für die Wasserträger, da aber Desplein seins Kuren im Hötel-Dieu immer mit besonderer Vorliebe und Aufmerksamkeit behandelte, sah der Schüler keinen Widerspruch in dieser Eigenheit. Als mm eines Tages Dianchon den Platz Saini-Sulpice überquerte, sah er seinen Chef in die Kirche treten. Es war neun fthr morgens. Desplein, der im übrigen kaum ohne seinen Wagen auf die Straße kam, war zu Fuß, er hatte sich durch die Rue du Petit Lion herangeschlängelt, nicht anders, als hätte er ein schlechtes Haus zum Ziele. Es versteht sich von selbst, daß der Schüler von Meugierde ergriffen wurde, er kannte zu gut die Lehrmeinungen seines Chefs, der Materialist bis aufS i-Tüpfelchen war, (man weiß, daß das i-Tüpfelchen bei allen Teufelsstreichen des Meisters Rabelais die letzte Höhe bedeutet), nun, Dianchon schlich sich ins Innere der Kirche, und es ist nicht leicht, sein Staunen zu beschreiben, als er den großen Desplein, diesen prinzipienfesten Atheisten, der kein Mitleid mit Engeln kannte, es sei denn, es wäre ihnen mtt Messern oder Sägen beizukonnnen und sie hätten ihre Fisteln und Entzündungen wie alles andere Gewürm, nun, als er diesen Mann des weltlichen Genusses und des Ruhmes demütig auf den Knien beten sah, und zwar vor dem Gnadenbilde der Mutter Gottes, wo er eine Messe hörte, in den Klingelbeutel Geld einwarf und den Armen seine Gabe nicht versagte. Dabei blieb sein Gesicht ernst und sachlich, als wäre er bei einer Operation. DianchonS Staunen war grenzenlos. Sicher ist er nicht in die Kirche getreten, dachte er, um die medizinischen Probleme zu lösen, welche die Entbindung der heiligen Jungfrau Betreffen. Hätte ich ihn nur dabei beobachtet, daß er bei feierlichster Prozession eine Quaste des Thronhimmels Über dem Allerheiligsten trug, da wäre ein Lachen Rechtfertigung genug. Aber heute, hier, allein und ohne Zeugen... das gibt zu deicken. (Fortsetzung folgt.) Die Rodelle wurde der ausgezeichneten Gesamtausgabe der Werke Balzacs entnommen, die der 'Berliner Verlag Ernst Rowohlt in mustergültigen ftebersetzungen veranstaltet. 28 geschmackvoll ausgestattete und äußerst handliche Bünde liegen bereits vor. HÄtiMftung: Dr. Frisör. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Brühlfchen ftniv.-Buch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.