Gietzener zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Samstag, -en 18. April Nummer Violette Anemonen. Sie kleinen Anemonen werden sterben -Und niemand anher mir wird um sie trauern. Roch atmen sie verschämt. In Todesschauern Beginnt ihr edel Weiß sich violett zu färben. Und morgen wird Gevatter Tod sie erben Und übermorgen früh fühl ich mit Schauern Das leere Glas auf mein Erwachen lauern, Denn violette Anemonen sterben. Warum sie wohl so schnell von dannen gehen. Sie konnten doch noch lange bei mir wohnen. Ich wollte sie so gerne um mich sehen. Doch ift’8 wohl besser, wenn wir sie verschonen .Uni) lassen sie am stillen Abhang stehen. Sie sind zu zart, die kleinen Anemonen. H. O. R. Wohnung oder Heim. Eine Buchbesprechung. Die Gegenstellung von Wohnung und Heim ist ost genug gemacht worden. Der Mensch braucht einen Ort, an dem er schläft, an dem er seine Mahlzeiten einnimmt "und an dem sie bereitet werden, eine Stätte, die dem geselligen Zusammensein der Familie und deren Gästen dient. Das ist die Wohnung. Sie möglichst zweckdienlich und bequem einzurichten, ist Aufgabe desseit, Der sie erbaut und ausstattet. Man kann in Grohstadtkasernen und Reihenhäusern mit in Fabriken gefertigtem und von Händlern zusammengestelltem Hausrat wohnen, gut wohnen, vorausgesetzt, dah der Architekt etwas konnte und seine Aufgabe ernst nahm, daß die Fabrik gutes Material verwandte und gediegene Arbeit lieferte, daß der Verkäufer Geschmack besah — und nicht zuletzt, Dah der Geldbeutel groh genug war. Der künftige Bewohner! kommt bei der Gestaltung der Wohnung nur bedingt in Frage. Wohl baut man natürlich eine Ärbeiterwohnung anders als die Villa eines Großindustriellen, Wohl ist bei der Wahl und Ausführung der Geräte ihr künftiger Gebrauch von bestimmendem Einfluß, aber im letzten geht es doch allein darum, eine in sich geschlossene und abgestimmte Leistung zu vollbringen, einerlei, ob das nun Wohnküche oder Empfangssaal, Reihenhaus oder Palast heiht. Das Schwergewicht liegt bei dem Bauenden, nicht bei dem Bewohner. Dieser „bezieht." eine Wohnung, „richtet sich ein", D. h. er rückt im Rahmen des Gegebenen noch seine Sonderbedürfnisse an ihre Stelle und hat so schließlich eine „hübsche und praktische Wohnung" bekommen. Aber kein Heim. Dieses kann man nicht „beziehen", sondern nur gestalten. Es hängt lediglich vom Bewohner ab, sich die ihm zugehörige Umgebung zu schaffen. Heim ist etwas Persönliches, gibt Kunde von dem in ihm waltenden Menschen. Es bedarf den Geschmack des Käufers, nicht des Verkäufers. Der Architekt ist lediglich der Beratende und Ausführende, nicht der Gestalter. Das Heim ist einmalig, kann nie nachgeahmt werden, ist „eigen“. Und gerade weil es aus dem Leben des Menschen hervorwächst, ist es oft zweckwidrig und unbequem. Denn es ist traditions- und erinnerungsbehaftet. Die Gegenstände der Pietät häufen sich zu wahren Museen: das Bedürfnis, mit Kleinigkeiten die persönliche Rote des Ganzen zu unterstreichen, verdeckt dessen große Linien. Und in dem Wort anheimelnd steckt die Gefühlsbetonung, die zum Gefühlsüberschwang, zur Sentimentalität sich verdichten kann. Doch es scheint, diese Gegenüberstellung von Wohnung und Heim besteht nicht mehr ganz zu Recht. Eine Umschichtung will sich anbahnen, und zur Erkenntnis dessen sind drei Bücher, die fetzt in kurzen Abständen hintereinander erschienen, bzw. neu aufgelegt worden sind, von Bedeutung. Alle drei befassen sich mit der menschlichen Behausung und sind als Ratgeber für den Laien gedacht, der sich als Bauherr oder in der Einrichtung feiner Wohnräume betätigt. Zuvörderst: Paul Schulze-Raumburg, „Der Bau des Wohnhauses"^. Der jetzt erschienene Band II vollendet das Werk, das den ganzen Bau wie die Inneneinrichtung des Hauses *) Paus Schulze-Raumburg, Der Bau des Wohnhauses, Dd.I 3. Ausl. 223 ©., Bd.II 216 S. München Callwah. 1924. Mit vielen Abbildungen. umfaßt. Der erste Teil gibt die Materialien und Methoden des Aufbaues, die technische Installation, den Organismus des Hauses, d. h. die Gestaltung der einzelnen Räume und ihre Ordnung aufeinander, schließlich Grundrißlösungen und was damit zusammenhängt. Der zweite Teil die Formengebung im Einzelnen, die Inneneinrichtung, Garten, und ein letztes sehr dankenswertes Kapitel „Vom Architekten und Geschäftliches". Eine Unmasse von wertvollen Einzelbemerkungen sind zusammengetragen, wie es nur der schaffende Architekt vermag, der zugleich den Willen zur Aufklärungsarbeit hat. Das zweite Buch von Alexander Koch, „Das schöne Heim"* 2). 2. Ausl., die gegen die erste an manchen Stellen umgearbeitet ist. Es beschränkt sich auf Inneneinrichtung, hat auch mehr grundsätzliche Auseinandersetzungen wie „Quellen des Behagens und Lebensform", ganze Abschnitte, wie „Die bildende Kunst im Heim", „Der Schmuck des Heims", „Geschmack, Qualität, Form". Es sind jeweils kleine Aussätze von verschiedenen Verfassern, die Koch nur zu einem Ganzen verbunden hat. Schließlich: Bruno Saut, D ie neue Wohnung, die Frau als Schöpferin3). Inhalt: Schilderung der heutigen Wohnung, Biedermeier, ein historischer Rückblick, der das Auge für Wesentliches schärfen soll. Die neue Bewegung, die auf schärfste Vereinfachung dringt. Praktische Ratschläge für den Uebergang (Entlastung der Frau, Beseitigung der Ätivismen, der Mensch die Hauptsache). Ratschläge über die Anordnung der Räume, die „Jdealwohnung", („Utopie". „Die neue Schönheit"), der neue Hausbau. Ledes der drei Bücher ist in sich notwendig und man wünschte allen, die bauen und einrichten, die gediegenen Fachkenntnisse Schulze-Raumburgs, den feinen Geschmack Kochs und Tauts frischen Wagemut zu Reuem. Worum es uns hier geht, ist die Haltung der drei Schriften. Keiner der drei Verfasser ist unbekannt. Schulze-Raumburg hat mit seinen Kulturarbeiten wie mit diesem Werk wesentlich reformerische Arbeit geleistet, auf einer Linie, wie sie der alte Kunst- wart vertrat. Vielleicht zeigt der Titel des Buches, das er bei Eugen Dtederichs verlegte, am deutlichsten seine Absichten: „Die Kultur des weiblichen Körpers als Grundlage der Frauenkleidung. Er kämpft zum Teil gegen die Plattheit der Gründerzeit, die den jungen unserer Generation schon als Geschichte erscheint. Alexander Koch ist der Herausgeber der führenden kunstgewerblichen Zeitfchriften. „Kunst und Dekoration" und „Lmrendeko- rativn", in der allzeit das gute Reue zu Wort kam, durch verfeinerten Geschmack von allen Auswüchsen beschnitten. Bruno Taut schließlich ist Baumeister. Sein Buch ist allein Gelegenheits- Werk. Kampfschrift. Seine Bauten und Baupläne haben manchen Skandal hervorgerufen (Magdeburg!), sind manchmal auch in der Tat phantastisch (Alpine Architektur!). Aber er ist ein Reuerer von Können. So stammt jede der drei Schriften aus einer eigenen Welt und in ihrem Inhalt zeigen sie und, wenn auch indirekt und erst aus der Gegenüberstellung erkennbar, das auf, was wir als Umschichtung bezeichneten. Schon die Titel sind kennzeichnend: „Der Bau des Wohnhauses — das schöne Heim — die neue Wohnung, die Frau als Schöpferin". Schulze-Raumburg kommt ganz vom Standpunkt des Baumeisters her. Er muß deshalb, wenn er zum öaiert spricht, notwendig Kenntnisse vermitteln. Sätze wie der: „Der Konstruktionsteil, der einen Baukörper nach obenhin abschließt, heiht Dach... Man unterscheidet..." kehren immer wieder. Diese Kenntnisse sollen dem Käufer und Bauherrn helfen, das Richtige zu wählen, sich eine gute Wohnung zu verschaffen. Koch geht dagegen ganz darauf aus, das Eigenschöpferische, Gestaltende im Menschen zu wecken und ihm Handhaben zu Vdr- mitteln, es auszuwirken. Dabei kann er seinen ästethischen Standpunkt oft nicht verleugnen, ja selbst Gefühlsmomente sprechet häufig ein gewichtiges Wort mit, wo das „Schöne Heim" geschaffen werden soll. Auch ist alles vom. Standpunkt eines gewissen materiellen Reichtums aus gesehen, der Luxus gestattet und so um sich Behaglichkeit breiten kann. ") Alexander Koch, Das schöne Heim, Ratgeber für die Ausgestaltung und Einrichtung der Wohnung. 2. Aufl. Darmstadt 1921 3) Bruno Taut, Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin. Mit 65 Abbildungen. Leipzig, Klinkhardt u. Biermann. 1924. 2 Auflage. 122 — Dagegen ist Laut non nüchternster SaDichkett. Das Notigste i» seiner geeignetsten Form. Die straffe Konzentration unseres Lebens findet treffenden Ausdruck in den Plänen und einzelnen Ratschlägen, die ohiie Bedenken über alle Tradit-.ons Momente Weggehen. «Rundhäuser, Futzbodenbemalung, Bilder ein Graues.) So kchasst er eine neue Wohnung, von letzter Zweckdienlichkeit, in seinen Forderungen oft überspitzt, so daß sie growsk wirken. Schulze-Naumburg sieht sich veranlaßt, bei der Frage der Heizung eine seitenlange Abhandlung über Luftfeuchtigkeit, du. Bor- und Nachteile der einzelnen Heizarten zu schreiben. Koch entscheidet sich aus wesentlich ästhetischen Gründen für Kamine oder" Kachelöfen. Taut kennt überhaupt nur Zentralheizung. Und doch hat das neu in feinem Titel einen .Unterklang, der auf mehr weist, als reinste aus der Not geborene Zweck- mätzlgkeit. Diese Sachlichkeit ist heute wesentlich Form unseres Menschentums. Die Wohnung wird zum Heim. Denn Wohnung wird, auch persönlichkeitsbezogen gesehen, nicht niehr allein als sachliche Aiifgabe: Heim verliert seinen zu gefühlsmäßigen Unterton. Wer aufmerksam in die Zeit horcht, verspürt deutlich diesen Wandel. Die Rot hat viel Schult weggeräumt, so daß der Kern sichtbar werden kann: Nämlich der Wille, sich ein Heim zu gestalten, ganz vom Eigenen her, aber das Persönliche, das Heun- hafte in der Wahl der Formen zu sehen. Alles Schmückende «Kissen, Deckchen, Figürchen) wird als überflüssig und störend empfunden, aber dafür ist eine ausgeprägte Feinfühligkeit für Formwerte und Farbenklänge getreten. Nur das Nötige, Brauchbare, aber dies in einer Art, die von den Menschen zeugt, die es benutzen. Wie das Kelchglas geformt ist, was für eine Decke auf dern Tisch liegt, wie Wandfarbe und Möbel zusammen stimmen, sind wesentliche Dinge der Heimgestaltung geworden, die jenseits altes Luxus, jenseits aber auch aller überspitzten Zweckmäßigkeit liegen. , _____ ... Und in diesem Sinn ist auch „Die ürau als wchopferur zu sehen. Taut hat es ja anders gemeint (Motto: Räume dein Heim), aber wie diese Schrift am stärksten aus der Zeit geboren und doch das Wenigste, sagen kann — da cs Taut als Baumeister tut, so liegt es doch als ein Ahnen darin beschlossen, daß gerade der Frau des Hauses hier eine wesentliche Aufgabe zufällt, aus der Sachlichkeit der Wohnung durch! feines Gefühl für Form rind Farbwerte das Heim zu schaffen. Laternen ein Häschen darstellen, das. nach seiner Rundlichkeit zu schließen, allerdings weniger als das Ebenbild- eines Feld- Hasen denn als das eines wohlgefütterten, schlachtreifen Kaninchens anmutet. Die Hauptieierlichkeit, das Mondopfer, an dem sich vor allem die Frauen beteiligen, findet gleichfalls im Freien statt. In den Höfen sind Tische als Altäre aufgestellt, an denen im hellen Lichte des Vollmondes unter feierlichen Verbeugungen und Zeremonien dem Monde geopfert wird. Die Opfergaben, die auf dem Tische niedergelegt werden, sind, der Gestalt des Mondes entsprechend, sämtlich von runder Form: und haben alle ihre besonderen Bedeutungen, die namentlich auf Wortspielen, aus der Vieldeutigkeit der sie bezeichnenden chinesischen Silben beruhen. Melonen künden die Bitte, daß der Kreis der Familie wie das Rund der Vollmondscheibe geschlossen bleiben möge. Mit Aepfeln, Pfirsichen und- Granatäpfeln wird Friede, langes Leben und Kinderreichtum erfleht. Vor allem fallen unter den Opfergaben die runden Mondkuchen . auf. Betrachtet man diese scheibenförmigen Gebäckstücke genauer, so findet man sie auf der Oberseite nach Art unserer Lebkuchen mit einer bildlichen Darstellung geschmückt. Diese zeigt entweder den „Alten im Monde", der als der göttliche Ehestifter sich der besonderen Verehrung der Frauenwelt erfreut, oder sie gibt ein Häschen wieder, oft in recht gefälligen, stilisierten For-' men, mit dem es, wie wir gleich hören werden, feine besondere Bewandtnis hat. Dieser Mondhase ist nämlich außer auf den Opferkuchen nochmals auf dem Gabentische zu finden, und zwar in einer sehr eigenartigen und auffälligen Darstellung, welche deutlich die Wichtigkeit erkennen läßt, die ihm im Kulte der- Mvndverehrung zukomint. Diese Wiedergabe des Mvndhäschens ist auf einen: größeren Bilde zu bemerken, das mitten unter den Opsergaben steht und dem Monde zugekehrt ist. Allerlei Gottheiten find darauf gezeichnet, dazu ein Kreis, der die Mondscheibe darstellt. Die auffälligste Figur, die es jedoch aufweist, ist eben das Mondhäschen. In einer eigentümlichen Stellung ist es wiedergegeben. Am Fuße eines Baumes steht es auf den Hinterpfoten uird hält in den Vorderläufen eine Keule, mit der es in einem Mörser Drogen zerkleidert und das Zauberqulver der .Unsterblichkeit herstellt. 8 g a X v s r S x t r i s 1 i s < * i i 1 Vsm Morrdfsft und Mondhasen der Chinesen. Von W i l h elm H o lzh aus en. ■ Die Chinesen haben ein 'Fest, daß trotz seiner Gegensätzlichkeit vielfach- an unser Osterfest erinnert und eine ähnliche Rolle wie dieses im Volksleben spielt. Es ist dies das Mondsest oder Mittherbstsest, das am 15. Tage des 8. Monats gefeiert wird. Das Unterschiedliche zwischen beiden Festen, das schon durch ihre verschiedene Lage innerhalb des Jähreskreises bedeutsam uh Ausdruck kommt, sei vorweggenommen. Ostern, die Früh- nngsfeier, ist für uns in mehr als einer Beziehung das Fest der Auferstehung und des siegreichen Lichtes. Das Mond- verehrungssest der Chinesen aber gilt dem dunklen Prinzip, dem Bin, das im Monde verkörpert erscheint, das im Herbste das leichte Prinzip, das Bang, zu überwältigen beginnt, und dem man Opfer und Verehrung zollt, um es günstig zu stimmen. Von diesem Unterschiede abgesehen, wird aber jeder, der einmal das Vergnügen hatte, int fernen China das Leben und- Treiben Ger Bevölkerung am Mondfesttage zu beobachten, an unser Osterfest erinnert worden sein. Gleich diesen: pflegt das Mond-fest der Chinesen jung und alt, hoch und niedrig im Volke hinaus ins Freie zu führen, und gleich diesem ist es von einem besonderen poetischen Zauber umkleidet, den man an den übrigen chinesischen Festen vergeblich sucht. Ein großer Schmaus, zu dem sich der Chinese an diesem Tage mit Verwandten und Bekannten vereint, findet sein Gegen- stück in ähnlichen Osterbräuchen, wie sie namentlich früher vielfach üb.lich waren, und jenes fremde und unser heimisches Fest stimmten darin überein, daß sie vor allem die Kinder auf ihre Kosten komme:: lassen, und daß an beiden Festen, in: fernen ©wen wie in unserer Heimat, der gleiche Vertreter der Tier- Welt, unser hochgeschätzter Freund Lampe, im Mittelpunkte der kindlichen Freuden steht. Mit dem Aufgange des Mondes, den Böllerschüsse und das Geprassel von Feuer fröschen nah und fern ankünden, setzt das Mondfest ein. ütnd wie nun alles aus den Stadttoren drängt, das läßt sich fast wörtlich mit Fausts Worten auf den: Oster- spaziergange schildern, nur daß es der Mond und nicht die Sonne ist, der die Menge in die Felder, auf die Höhen und aufs Wasser lockt. Laternen in allen Formen schmücken die Häuser und die Flußboote, glühen in den Gärten und- an den Derghängen auf und spiegeln- sich tausendfältig in den tagsüber so trüben Fluten der Flüsse und Kanäle. Lärmend zieht die liebe Jugend durch die engen «Sassen und auf den schmalen Feldwegen dahin. Selbst die kleinsten Knirpse tragen Lampions oder zieh«: Laternen hinter sich her, die auf kleinen Rädern laufen, allerlei Tierzeug gleichen und in den buntesten Farben leuchten. Auffällig aber ist, daß viele dieser Vor diesem Häschenbild werden die Kniefälle und Kotaus verrichtet, welche die Sitte vorschreibt. Der Hase gilt nämlich als das Symbol des^ Mondes, eine Auszeichnung, zu der ihm seine rundlichen Formen verholfen haben mögen; denn es ist ausfällig, daß diese auf nahezu allen bildlichen Darstellungen stark hervorgehoben werden. Zum Schluß der Opferfeier wird das Bild mit dem Mond- Hasen verbrannt; die Opsergaben aber werden vom Altar geräumt und beim Festschmause verspeist, der oft bis spät in die Nacht hinein dauert. Nicht minder lang hält das lustige und lärmvolle Getriebe in den Straßen und Gassen an, die im Hellen Vollmondscheine und in: Glanze unzähliger Laternen einen wunderbaren Anblick bieten. Gongs dröhnen, und Zimbeln werden geschlagen. Mit lauten, jedoch melodisch abgestimmten Rufen bieten eilende Händler ihre Waren an. Kleine Tonhäschen werden als Geschenke für die Kinder seilgeboten. „Tscha-chi-dan! Tscha-chi-dan!" — „Tee-Eier! Tee-Eier!" schallt der Ruf des Eierverkäufers. Immer wieder wird der abendländische Fremde, der in diesen Trubel gerät, an heimische Oster- und Kinderfreuden erinnert. Hier sieht er einen kleinen Dreikäsehoch, der sich aus den: brodelnden Teekessel der fliegenden Küche ein hübsch gebräuntes Ei fischen läßt. In den Sprüngen der Schale ist es mit einem seinen, dunklen Marmorgeäder überzogen, und nur mit Mühe könnte es ein deutscher Osterhase schöner herstellen. Dort führt ein Düble in seine Hasenlaterne hinter sich her, und in der Hand trägt er das hübsche Tvnhäschen, das ihm der gute Onkel schenkte. Ein kleines Mädchen überwindet die Scheu vor dem schönen Häschenbild, das seinen Mondkuchen ziert, und beißt herzhaft in das lockere Gebäck. Just wie beim deutschen Osterfest ist es Meister Lampe, um den sich aller Kinderjubel dreht, nur daß er hier Mondhase heißt und ein vorwiegend nächtliches Dasein führt, Gabriele d'Annunzio in der Villa Thode. Den folgenden Artikel hat die dänische Schrist- steklerin Karin Michaelis in der norwegischen Zseitung „Tidens Tegn" Nr. 68 Oslo, Lei: 21. März 1925 veröffentlicht. Wir übersetzen ihn hier, um den Wunsch zu erfüllen, den die Verfasserin am Schluffe ausgesprochen hat. Die VAka Cargnacco am Gardasee wurde 1910 von dem berühmten Kunsthistoriker Geheimen Rat Prof. Dr. Henry Thode erworben. Am 21. Juli 1918 würde die Villa mit ihrer kostbaren Einrichtung, einer Bibliothek von 7000 Bünden, Gemälden und, Kunstwerken von der italienischen Regierung mit Beschlag belegt, ebenso wie anderes deutsches Eigentum. Im Jahre 1921 folgte die Konfiskation. Doch hieß es in dem Dekret, daß deutsche' 123 — Privathüuser unter besonderen Umständen Dem Besitzer zurück- gegeben werden könnten. Mn solcher Ausnahmefall lag hier vor. Denn durch seine Merke: „Michelangelo", Tintoretto", „Franz von Assisi", „Cor- regis" und „Mantegna" hatte sich Henry Thode so um Italien verdient gemacht, daß der König ihm bei seiner Ankunst in Gardone den Orden „Grande Afficiale dell' Orbine di St. Maurizio e Lazarro" verliehen hatte. Als die Billa mit Beschlag belegt wurde, lieh Prof. Thoöe Haushälterin und Gärtner zurückbleiben, um Park und Villa zu bewachen, während er und seine Frau, die dänische Hofdiolinistin Hertha Thoöe sich ins Ausland begaben. Henry Thoöe starb 1920, und seine junge Mitwe ließ sich in Dänemark bei ihren Eltern nieder. Mitten in ihrer tiefen Trauer bekommt sie Bescheid, daß d'Annunzio mir nichts, dir nichts in die Villa Eargnacco eingerückt ist und dort haust! Sie kann es nicht glauben. Aber- Freunde von der italienischen Gesandtschaft bestätigen das Gerücht. Es ist wahr. Sogleich eilt sie nach Gardone. Ja, cs ist wahr! Der Herr, der Dichter, der Fürst ist gekommen! Mit Gefolge, mit Legionären, mit acht Automobilen. Er ist gekommen! Der schöne Gardasee hat es ihm angetan. Hier zu sein, konnte ihm behagen. Aber wo? Henry Thodes Bilka steht leer. Also! Das treue Dienerpaar, das sich als Wächter in der Billa arcf^ült, verweigert dem Dichter den Zutritt mit den Worten: „Die Dilla ist von der Regierung versiegelt; niemand darf hineinkommen!" Worauf der Dichter prompt antwortet: „Für einen d'Annunzio gibt es wohl kein Siegel!" Er bricht das Siegel und dringt in das Haus ein. Die Billa ist wunderbar schön eingerichtet. An den Wänden hängen ungeheure Kunftschätze, ein echter Rembrandt, eine ganze Sammlung Bilder von Thoma; die Möbel find mit ausgesuchtem Geschmacks gesammelt und aufgestellt. Der Park ist ein Traum an Schönheit. So etwas versteht der Dichter zu schätzen; er sagt: „Hier bleibe ich!" und ... er blieb. Eine vorzügliche Art, ein Heim zu bekoinmen in dieser Zeit der Wohnungsnot. Hätte nun die Einrichtung ihm behagt, nicht aber die Billa, so hätte er wahrscheinlich Bilder, Bücher und Möbel auf die acht Automobile verladen, aber nun paßte es so ausgezeichnet, daß ihm alles behagte. Die arme junge Witwe, die während des Krieges ihr ganzes Vermögen verloren hatte, sucht d'Anmmzio auf. Aber einen d'Än- nunzio kann man nicht aufsuchen, selbst dann nicht, wenn dieser Herr sich in einem fremden Hause zurechtgesetzt hat. Sein Kammerdiener, Herr von Dante, ist sehr streng. Rur auf ein schriftliches Ersuchen an den Sekretär wird man empfangen. Frau Thoöe bewaffnet sich mit einem Einführungsschreiben von einem seiner Freunde, und siehe, der edle Dichter schreibt ihr: „Ich danke Ihnen, daß Sie mir Grütze von einem sehr lieben Freunde gebracht haben und ich danke Ihnen für die Ehre, die Sie mir durch Ihren gnädigen Besuch erweisen wollen. Es ist mir sehr peinlich, daran zu deicken, daß ich Sie in dem Hause empfangen soll, das das Ihrige ist, und ich verstehe Ihren Kummer, und ich wünsche Verzeihung. Aber Ihr Heim wird mit größter Sorgfalt bewahrt, und die Rosen im Garten sind geheiligt in der Erinnerung an den, der da gewohnt hat. Erweisen Sie mir die Ehre, morgen am 1. Mai um 5 Ahr nach Eargnacco zu kommen, oder geben Sie mir den Tag und die Stunde an, die zu wählen Ihnen gefallen möge. Bielen Dank. Gabriele d'Annunzio. 30. April 1921." Er schickt eines der acht Automobile und läßt Frau Hertha abholen. Sie fährt hin, hoffend und bebend. Der Dichter empfängt sie besonders herzlich, und versichert: „Ihr Haus ist bei mir in guten Händen. Denken Sie bloß, wenn es jemand wäre, der es nicht zu würdigen verstände." Und kurz darauf: „Was wünschen Sie von mir?" Frau Thoöe antwortet offen: „Wenn Sie selbst fragen, möchte ich gern wissen, wie lange Sie gedenken, sich in meinem Heim aufzuhalten." Worauf der Dichter antwortete: „Ja, mein Leben nötigt mich zu großen Aufgaben... Ich weiß nicht bestimmt, wahrscheinlich so etwa sechs Wochen!" Sie erzählt schüchtern, daß die Billa Eargnacco alles ist, was sie besitzt, und daß sie ausschließlich aus diese angewiesen ist. D'Annunzio sagt: „Ihr Mann ist ein ganz ungewöhnlicher Mensch gewesen. Ich kann das aus seinen Aufzeichnungen sehen, die mir zu großem Ruhen gewesen sind." (Wie er zu diesen Aufzeichnungen gekommen ist, versteht man erst, wenn man weiß, daß er kurz nach, dem Einrücken den Schmied hat holen lassen, und Henry Thodes Schreibtisch mit Gewalt aufgebrochcn und dessen Inhalt durchwühlt hat. Aber davon wußte Frau Thoöe noch nichts.) Raiv vertrauensvoll bittet sie ihn: „Motten Sie nicht so gütig sein, in Rom Ihren Einfluß geltend zu machen, daß ich mein Heim zurückbekommen kann?" Er verspricht das. Frau Thoöe lebt nun in einem Zimmer in einer Pension in dem Dorfe, darauf wartend, Latz d'Annunzio zu seinen großen Ausgaben ausziehen werde. Es geschieht nichts. Dagegen erfährt sie, daß der ritterliche Herr alles tut, was er kann, um die Villa behalten zu dürfen; daß er heimlich einen Agenten nach Rom geschickt hat, um zu erwirken, daß die Regierung ihm die Billa schenkt. Frau Hertha ist bestürzt, reist aber augenblicklich nach Rom ab, wo auch sie gute Verbindungen hat. Wenn alles andere- mißlingt, bleibt doch die Möglichkeit übrig, daß sie ihre eigene Villa von der Regierung kaufen kann. Durch künstliche Machinationen ist diese so niedrig geschätzt, daß jeder Preis ein Geschenk ist. In Rom sieht es aus, als ob sie Hoffnung hätte, die Villa wiederzubekommen. Der Handelsminister ist ihr freundlich gesinnt. Aber da--— geschieht eine sonderbare kleine Palastrevolution, durch die der Handelsminister gestürzt wird und d'Amumzios Freund Belotti Handelsminister wird. Fünf Tage darauf bekommt d'Annunzio die Villa. Gekauft oder verehrt. Der Dichter sendet ein Danktelegramm: „Jetzt will ich den Gardasee italienisieren. Die Barbaren, die ihn früher beherrscht haben, sollen vertrieben werden!" Änd er verkündet: „Jetzt ist die Villa mein!“ Die Haushälterin jammert: „Meine arme Herrin)" D'Annunzio ist großmütig. „Frau Thoöe soll von mir all die Gegenstände bekommen, die sie wünscht, und was mehr ist, ich will die Regierung bewegen, ihr einen Schadenersatz airzubieten!" Frau Thöde sucht d'Annunzio auf zusammen mit ihrem Rechtsanwalt. — Sie wird nicht empfangen. Herr von Dante erktärt: „Wir haben uns heute auch schon vor einem General verleugnen lassen. Aber wenn die gnädige Frau allein käme... so... — — —" (Schluß folgt.) Buhmannsch. Don Charlotte Riefe. Der Winter ging allmählich vorüber. Weihnachten war gekommen und gegangen, und im Armenhaus war auch Bescherung gewesen. Alke hatten etwas erhalten: Kinder und große Leute, nur nach Buhmannsch und ihrer Hütte war der Weihnachtsengel nicht geflogen. An diesem Abend ah die Mir ihre gebratenen Kartoffeln wie fönst, und Paul knabberte nil einem Zuckerherz. Aber das harte Gesicht der Akten war doch nicht mehr so hart, wie es schon gewesen war, und das kam vielleicht von dem kleinen Jungen, der um sie herumspielte. Es war ein zartes Kind: einmal war der -Doktor dagewesen und hatte einen Schein ausgeschrieben, daß Paul noch nicht in die Schule gehen dürfe, und Buhmannsch war sehr zufrieden. „Bleibst bei mich, mein Jung'", sagte sie nachher. „In Schule is es nich gut, da lernst bloß was Slechtes. Und das lernst früh genug ins Leben." And Paul nickte so ernsthaft, als müßte er ihr recht geben: Es kam der Februar. Die Tage wurden länger, und mänH- mal schien die Sonne ganz hell. Besonders an Frosttagen, die das Ufer der Elbe glitzern machten und dem Wasser einen Harten blauen Schein gaben. Buhmannsch war in dieser Zeit gut aufgelegt. Sie hatte wieder begonnen, ein wenig zu wahrsagen und ein wenig zu doktorn; alles mit Vorsicht und nur auf inbrünstiges Verlangen. Aber sie verdiente nicht schlecht dabei, und Paul erhielt einen neuen Anzug. Eines Abends spät kehrte sie von einem Dorf zurück, wo sie einer kranken Kuh geholfen hatte, als sie am Strände, eben vor ihrer Hütte, einen alten Mann sah, der sehr langsam ging. Oft blieb er stehen und blickte dann auf die Elbe, die heute ein graues kaltes Licht zeigte. Einige Fischerewer glitten mit aus- gespannten Segeln der Rordsee zu, zwei Schlepper prusteten durch loses Eis und verursachten ein klirrendes Geräusch, und dazu wurde irgendwo in der Ferne die Harmonika gespielt: Aber Buhmannsch' bekümmerte sich nicht um dach was auf der Elbe geschah. Sie behielt den alten Mann im Auge, der sich nicht umsah und schwerfällig durch den Sand stapfte oder die Hand über die Augen legte und dabei vor sich hinzubrüten schien. Hinter der Kate schoben sich einige Weiden an die Düne. Sie hatten künunerliche Zweige, aber knorrige Stämme. Hierher wanderte der alte Mann, zog etwas Blinkendes aus der Tasche und sah sich scheu um, Da stand Buhmannsch schon neben ihm. „Ra endlich besuchen Sie mir auch mal, Herr Hilscher!" sagte sie vorwurfsvoll. „Mich beuch, Sie hätten woll ein büschen eher kourmen können, von wegen die Freundschaft und von wegen, weil Sie doch auch mit diesen Platz bekannt fein sollten:. Denken Sie noch an Anno öunnemals, wo wir hier saßen und die Leute einbildeten, daß hier Gespensters waren? Ich hab' mich das nich ausgedach, weil ich sor solche Geschichtens viel zo Lumm war, abers Sie hatten so feine Büchers gelesen: wo fowas drin stand, unß dazumal haben die MenschNis all geglaubt, hier liefen die Geislers man so spazieren. And wo wir man bloß einen hatten, La sind nu ein Stricker vier aus geworden, und wenn ich tot bleib, ramenter ich vielleicht auch aufs Dach rum, und lieg' doch ganzen geruhig in mein' Grab. Denn ich glaub' nich, daß uns' Herrgott mich nich die Ruh gonnen sollr, wo er mich hier doch ziemlich rumaeschickt hat. Zwolfmal bin ich ins Kaschvtt gewesen, und ich denk', ich komm' bald wieder Mak rein weil der Betvater vons Armenhaus mir aufn Strich hat und auch der Pollerzei. Alles von wegen, weil ich nicht so dumm bin wie die mehrsten Menschen. And wenn vre ein büschen bei mich eintveken möchten, Herr Hitfcher, so wurd mich Las eine Ehre sein, und wir können ja nioch ein büschen 124 - «chrtstleitung: Dr. Friedr. Wilh. Lange. - Druck und Verlag der BEschen Aniv..Duch. und Steindruckerei. A. Lange, Metzen. müdes Gesicht, und es war zu Traum ging. Dann hob er ben Wetter snacken. Von die Zeiten, da wir jung waren und Sie mich manchmal ein' Kutz gaben. Aber allens in Ehren, Herr Hitscher, Sie haben sich nix vorzuwerfen und ich mich auch nich. Sie waren ja ein fernen kleinen Menschen, und ich war man blotz Line Langbeen, halt' kein' Vater und kein' Mutter und mutzt' dienen, so lang' ich auf diese Welt war. Darum wollt' ich so gern, datz mein Paul ein büschen mehr Spatz von seine Kindheit haben sollt' als seine Grotzmutter. Abers der kommt sicherlich auch noch mal ins Loch, weil er das so gut von mich kennt." Buhmannsch lachte ein wenig. „Kann mich denken. Sie sollen woll auch fitzen. Heutzutage sitzen ja die feinsten Herrschaften. Das würd' ich mich abers nich gefallen lassen, Herr Hitscher, und wenn ich Ihnen wär', denn blieb ich hier bei mich und lauerte auf den Ewer, der von hier nach Terschelling segelt. Er mutz so wie morgen oder übermorgen kommen, und dem Schiffer sein Kind hab' ich den Ausschlag weggebracht, was ein Berg Doktors nich vermocht haben. Der Mann tut mich gern ein' Gefallen." „Ich habe kein Geld zur Reise, und die Leute werden mich auch hier suchen." Buhmannsch lachte noch mehr. „So leicht kommt hier kein ein' hin, da hab' ich gut for gesorgt, besonders nich im Dunkeln, und wenn ein' von der Pollerzei neugierig ist, denn soll er ein Dutzend von die Geislers schreien hören. Und ein büschen Geld hab' ich mich auch verdient, das ich Sie gern geben will von wegen die alten Zeitens, und weil Sie immer so nett gegen mir gewesen sind." Hitscher machte eine ablehnende Bewegung. „Line Langbeen. das kann ich nicht annehmen. Sie haben doch auch einen kleinen Enkel, für den Sie sparen müssen." „Is schon recht." Die Alte sah brütend vor sich hin. „Den wird es nicht mit meine Karrjeer glücken, is zu dumm und hat da auch kein Spaß von. Grad wie sein Mutter, die von mich weggelaufen is, weil sie das schanierre, datz ich mannichmal ins Loch kam. Au ich sie tot, grad wie . mein Mann all lang tot is. der sonstens nich so schanierlich war und sich all mein Verdienst geben ließ, Buhmann hieß er. und ein richtigen Buhmann war er. Aa, nu is er tot, und allens, was mich von meine Familje geblieben is, is der klein Jung; und ich wollt' woll. datz was aus ihn würd', älnd ich denk', wenn Sie nu nach Holland gehn, Herr Hitscher, und rabbeln sich ein büschen zusammen und nehmen mein büschen Geld.mit, denn denken Sie auch nachher an mein' klein' Jungen, und daß er Line Langbeen ihr Enkes is.. Und^ vielleicht helfen Sie ihm noch ein büschen weiter in diese Buhmannsch richtete ihre Augen auf den alten Mann, der ihr nach einer Weile die Hand hinstreckte. „Line Langbeen, du bist die einzige, die noch Glauben zü mir hat. Hoffentlich ist dein Glaube keine Täuschung." Drei Jahre waren vergangen, und Buhmannsch kam wieder einmal aus dem Gefängnis. Denn sie hatte wieder zu zaubern und zu kuren versucht und war dabei erwischt worden. Gleichmütig ging sie die Dorfstraße hinauf; dorthin, wo das Armenhaus lag und wo Klaus Stuhr noch immer seines Amtes wartete. Er stand auch in der Gartentür und sah der alten Frau blinzelnd, entgegen. „Geh du man wieder nach Wöhler seine Kate!" rief er ihr zu, „die wartet all auf dich und was die Geister sind, die schreiens nach dich." „Haben Sie nich meinen kleinen Jung' in: Verwährung?“ fragte die Alte kurz. Er räusperte sich. „Ich hab' ihn gehabt, Buhmannsch. und ich muß sagen, daß es einen klein nüdlichen Dengel war, gav nich,, als ob er mit dich verwandt wär, wo du mich noch damals mein Swarzsauer genommen hast!" „Wo is er?“ Buhmannsch' Augen begannen so zu funkeln, daß der Betvater hastig weiter sprach: „Sei man nich bös, ich sag' es all, und ich hab' da kein' Schuld zu, so daß du mich keine Gespenster auf'n Leib zu hetzen brauchst. Da is doch Herr Hitscher wieder gekommen, derselbige, der hier einmal war, und der denn bankrott machte. Aa, du wirst ihm nich kennen, weil er ein von die Reichen gewesen is und nm auch wieder Geld hatt'. Zum wenigsten hat er mein' Ollsche bezahlt und allens, was er hier noch ausstehen hatt'. Llnd denn is er mit'n Ortsvorsteher ins Armenhaus gekommen und hat sich deinen Jung' geholt. Der soll was lernen und soll was Feines werden. So hat mich der Ortsvorsteher gesagt, abers, wie ich ihn frag', woso der Mann grad auf dein Enkelkind verfallen is, da sagt der Vorsteher, daß mir das nix anginge. Was ich eine greuliche Antwort finde. Abers so sind die Großens, was sie nich patzt, damit kommen sie nich raus. Lind wenn du dem Dersteher mal ein duschen was antun wollst, so soll es mich recht sein, weil, daß er mich ein Snapsbruder genannt hat. was doch einfach gelogen iS." Dem Betvater war der Atem ausgegangen. Jetzt erst be- nierkte er, daß Buhmannsch' ganzes Gesicht zuckte, und daß in ihren glitzernden Augen Tränen.standen. ™ .”®kragte er halb erstaunt, „dann komm man rein. • Ollsch kann dich ein Sluck Kaffee geben, und du kannst mich sagen, was ich mit meine hohlen Zähnens anfangen soll, Du willst mch? Hast was mit die Gesundheit?" buhmannsch schüttelte den Kopf: „Mich fehlt nix, bloß ein bullen Swindel. Morgen bin ich wieder oll reit!" Lind sie ging langsam nach Wöhlers Kate. E n d el Kopf und sah in Buhmannssch' er mit einem halben Lächeln, aufs Feuer. „Oha, wo einmal Sie stellte den Wasserkessel ______ „ ... .. , . lange, Herr Hitscher! is nich zu glauben, abers es is so, und ich freu mir auch nich wenig, datz Sie an mir gedacht haben. Und ich kann noch ebensogiit Kaffee machen wie Anno dunnemals, Buhmannsch schöpfte Atem und drückte ihren Gast auf den besten Strohstuhl dicht vorm Heröfeuer. Denn sie hatte den alten Mann während des Redens in ihre Hütte geführt, wo er jetzt sah- und noch keine Worte gefunden hatte. Er hatte ein merken, datz er noch wie im und wenn Sie mich die Ehre antun und ihn bei mich trinken; wollen, dann will ich den Tag rot anstreichen in mein' Kalender, wo ich nich mehr viel angenehme Tage hab'." Herr Hitscher antwortete nicht viel. Es war lange her, datz er jung und sorglos gewesen war und mit Line Langbeen getollt und gelacht hatte. Er wußte kaum etwas mehr von dem Mädchen, aber er ließ es sich gefallen, daß sie ihm eine große Tasse mit warmem Kaffee hinstellte, die er in kleinen Schlucken austrank, lind während er trank, begann er halb für sich zu sprechen. „Ich habe immer gearbeitet und so viel verdient, daß ich ein gutes Leben haben konnte. Da bin ich heimgekshrt, weil ich hier sterben wollte, älnd nun macht mein Sohn bankerott und reiht mich in sein Verderben. Run kann ich meine Gläubiger nicht bezahlen, und mein ehrlicher Rame ist geschändet. Seit Wochen habe ich nicht schlafen können, und endlich gebe ich den Kampf auf." Buhmannsch schenkte ihm noch eine Tasse ein, und er merkte es nicht, wie sie einige Tropfen in den heißen Trank mischte. „Richt slafen können, du lieber Gott," sagte sie mitleidig. „Was sind das for Geschichten, Herr Hitscher. Das war ehmals nich so; da verzählten Sie, daß Ihr Vater doll war, weil daß Sie nich aus die Posens finden konnten. Mich beuch, Sie sollten sich hier ein büschen aus ruhen und die ganze Geschichte beslafen. Man sollt' nicht denken, was so'n büschen Slaf macht: Denn is der Welt mit einmal anders." Ihre Stimme klang beruhigend, und Jan Hitscher horchte unwillkürlich auf sie. »Was ist eigentlich aus Ihnen geworden, Line Langbeen?" fragte er. »Jetzt weiß ich, wer Sie waren. Sie waren hübsch und lustig, und immer vergnügt." Die alte Frau stieß einen schweren Seufzer aus. „Herr Hitscher, von inich is nich viel Guts zu verzählen. Könnt' ich das, denn hätt' ich Ihnen all mal besucht und hätt' nich gewartet, bis daß Sie an mir dachten. Ich hab' kein Vater und kein' Mutter gehabt, und ich bin in flechte Gesellschaft gekommen und hab' mir nix aus Diebstahl und aus andre Dinge gemacht. Abers, das verzähl' ich Sie, wenn Sie ausgeslafen haben, und nebenan 'hab ich ein' neuen Strohsack und eine gute Wolldecke. Ruhen wie sich man ein büschen aus." Der alte Herr war schläfrig geworden. Er lieh sich ohne Widerspruch in das kleine Rebengelaß bringen und schloß schon die Augen, ehe Buhmannsch die Kammer verlassen hatte. Da konnte sie ihm noch leise den Revolver aus der Tasche ziehen. , Hitscher schlief viele Stunden, und als er erwachte, da Wtorte er erstaunt auf seine einfache Umgebung und auf die alte Frau, die neben ihm stand und ihm eine stärkende Suppe reichte. „Rehmen Sie man, Jan Hitscher, und vermüntern Sie sich. 4tu müssen Sie aufstehen und sich bedenken, was Sie tun wollen." vaben fein geslafen," setzte sie triumphierend hinzu, „nu wird allens wieder gut". Jan Hitscher hatte auch ein anderes Gesicht bekommen, als EierMmecken S ^iner Wirtin erschien und sich einige Hestn" sehr herunter gewesen," begann er mit einem ^n!.™9 Verlegenheit; „letzt aber will ich wieder ins Dorf zurück und meine Sachen in Ordnung bringen. Mehr als bankrott kann ich doch nicht werden. Buhmannsch räusperte sich und sah aufs Wasser, auf dem wieder einige Fischerewer schwammen. *■ ^urd' verreisen," meinte sie bann geheimnisvoll. Herr hn -nB ^g’ in Holland gewesen und haben Sie öa "ich.t em paar Freundens, die helfen könnten?" -rolTÄ tvurde nachdenklich; dann schüttelte er den Kopf fS ®etb® t9CC (affen mi* nicht reifen, und ich habe auch verwitterte Züge. „Line Langbeen," murmelte „Das ist lange her!"