Gießener Haimlienblätter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang 1925 __________ Dienstag, den ft» November________________________Nummer 92 Stilles Glück. Von Hugo SaluS. sitzen am Lisch beim Lampenschein und sehn in dasselbe Vuch hinein: und Wange an Wange, und Hand in Han" eine stille Zärtlichkeit uns umspannt. Ich fühle ruhig dein Herzchen pochen: Eine Stunde schon hat keines gesprochen, und keins dem andern ins Auge geblickt. Wir haben di« Wünsche schlafen geschickt. Bücher, die uns nicht erreichten . . . Von Sr. Fritz Adolf Hünich Eine Elegie, eine Klage ist es, was ich hier schreibe, zu» gleich aber auch eine Anklage gegen die zerstörerischen Gewalten und Zufälle des Lebens, di« von jeher aus der urtriebhaftsn Feindschaft der Elemente gegen das Gebild der Menschenhand deren Werke, ohne sich durch G-estalt und -Stof? beirren zu lassen, im Bunde mit Flammen und Fluten und den apokalyptisch«! Mächten der Erde zu vernichten suchen. Kaum vermag die Phantasie die Verluste zu begreifen und zu bemessen, die dainit der Menschheit seit Jahrtausenden im unaufhaltsamen Wechsel der Ereignisse zugefügt worden sind. Ilm die Trümmer vergangener Kulturen kreisen trauernd unsere Einbildungen und suchen darin das Leben, das den Ruinen und Reliquien zu entsprechen scheint, Unzweifelhaft ist es durch die Oekonomi« der Weltordnung bedingt, daß von den Leistungen der Menschen der größte Teil zugrunde gehen inuß, damit an seiner Statt das der jeweiligen Gegenwart Gemäße erstehen kann: trotzdem aber ist der Mensch in seinem oft so aussichtslosen Kampf um seinen und seiner Hände Arbeit Bestand eine Figur von höchster Tragik. Aicht nur, daß alles Aatur geschehen: Feuer, Wasser, Erdbeben, sich gegen ihn verschworen hat, « selbst mit seinen niederen Leidenschaften: Haß, Meid, älnduld» sainkeit, unb den durch sie erregten Zuständen ist immer sein eigener ärgster Feind. Die Aufgabe, den Ursachen des Unter« gangs von Werken des Schrifttums nachzuprüfen, ist für die frühen Zeiträume der Weltliteratur nur summarisch zu lösen. Unübersehbar ist die Meng« und der Umfang des Verschollenen. Jede Aufzählung der verlorenen Schätze würde unvollständig bleiben müssen, well wir von vielen Werken nicht einmal die Titel kennen, obgleich ihr Vorhandensein durch ander« Tatsachen beglaubigt ist. Von des Aischylos etwa 70, nach anderen 90 Dramen sind uns vollständig nur sieben erhalten: dir Zahl der von Sophokles verfaßten Dramen wird aus rund 120 beziffert, von beiten über 100 durch Titel und Bruchstücke, aber ebenfalls irur sieben ganz überliefert sind: dem Euripides werden 92 Dramen zugeschrieben, aber außer Fragmenten haben sich nur 17 Tragödien und ein Satyrspiel auf die Aachwelt gerettet. Auch die griechische Lyrik ist auf große Strecken nur aus Andeutungen zu erschließen: sowohl Alkalos wie die Sappho, um nur zwei der bedeutendsten Beispiel« anzuführen, müssen wir cvls Trümmern wiederherzustellen suchen. Fragen wir uns, welchen älmständen wir den Verlust des weitaus größten Teils dieser unersetzlichen Reichtümer zuzuschreiben haben, so leuchten die großen Brände, von denen Alexandria, der Mittelpunkt der heidnischen Gelehrsamkeit bis ins 4. Jahrhundert n. Ehr., mehrmals vom Krieg überzogen, heimgesucht war, die tragische Antwort. Vergegenwärtigen wir uns, daß di« beiden Bibliotheken des alexcmdrinischsn Museums zusammen 700 000 Rollen stark waren, als im Jahre 47 v. Ehr. Julsiis Cäsar di« Stadt belagerte, bei denen Eroberung die im Stadtteil Brucheivn gelegene größere DiblioiHek mit 400 000 Rollen in Flammen aufging: im Jahre 390 n. Ehr. läßt unter Theodosius d. Gr. der unduldsame Patriarch Theophilos die Bibliothek im Sera» belagerte, bei deren Eroberung die im Stadttoll Brucheion vereinigt Ivar, verbrennen, und im Jahre 642 wird von des Kalifen Omar Feldherrn Amru ben AüäS mit der Stadt Msxan- dria überhaupt als einen Sitz des Christentums auch die Bibliothek bis auf den Grund zerstört. Richt emmal die Kataloge dieser beispiellosen Aufspeicherungen sind uns verblieben. Im Gegensatz dazu besitzen wir für di« arabische Literatur in dem Mrist, d. h. Index des Muharmnod ibn Ishaq aus dem 10. Jahrhundert ein Verzeichnis ihres gesamten Bestandes biS auf die Zeit des Verfassers, „ein Inventar von zum großen Teil verlorenen oder verborgenen Schätzen" (Dyroffs. Wohin sich diese Betrachtung wenden mag: in allen allen Kulturen haben die Dämonen der Vernichtung das Schrifttum, der Art des Materials und der Ueberlieferung entsprechend, am wenigsten verschont. Erst die Verallgemeinerung der Leidenschaft für Bücher durch dorr Geist der Renaissance und. entscheidend, die Kunst des Buchdrucks haben dem Verschwinden von Werken der Litera- tur durch die Einwirkung feindlich gesinnter Mächte Einhalt geboten. Aber noch immer ist die dichterische oder gelehrte Schöpfung, solange sie Handschrift bleibt, Möglichkeiten ausgesetzt, die ihre Ueberllejerung auf die Aachwelt verhindern. Ein Dichter kann in einer reiferen Epoche Jugendarbeiten in die Flammen werken, wie ss Goethe im August 1767 mit einer Anzahl von Dramen und dem Epos „Joseph" tat; oder ein Dichter vernichtet ein satirisches Werk, wie Goethe seine Farce „Das Unglück der Jacobis", weil er sah, daß sie als das Böseste, was er in dieser Art gemacht habe, die Anmüglichkeit ihres Bestehens in sich trug. Die Erklärung, warum er seinen älrfaust" verbrannt«, der gleichwohl durch einen Zufall erhalten blieb, liegt vielleicht in diesen seinen, die gleiche Handlungsweise and) für andere Dichter rechtfertigeirden Versen: „Laß doch, was du halb vollbracht, mich und andere kennen! Weil «s uns nur irre macht, wollen wirs verbrennen." Da wir beim Faust find, so müssen wir Lessings gedenken, defsen denselben Stoff behandelnde Dichtung nicht auf uns gekommen ist, well das Manuskript der aus gearbeiteten Seite im Jahre 1776 mit einer Kiste, in der sich gelehrte Ausarbeitungen bs- fanbeit, in Verlust geriet. Der Änstsrn, unter dem Heinrich v. Kleists Leben verlief und dem gewaltsamem Ende zutrlsb, hat auch das Schicksal seines zweibändigen Romans bestimmt, dessen Handschrift auf unerklärte Weise nun wohl für immer verloren» gegangen ist. Einem Brande im Haufe seiner Mutter siel der größte Teil der Aiederschrift von Heines „Rabbi von Dacharach" zum Opfer, jenes Werkes, das der Dichter selbst als sein uneigennützigstes, aber auch gediegenstes bezeichnet, hatte. Hm Georg Büchners „Pietro Aretino", der schon vollendet vorgelegen haben muß, und über den er sich noch in den Delirien seiner zum Tode führenden Krankheit Mitteilungen zu machen vergeblich bemühte, werden alle trauern, die das Feuer und die Kühnheit des ©elftes in dem Verfasser von „Dawons Tod" bewundert haben. So könnten wir de» Katalog der Bücher, von denen wir meist wenig mehr als nur die Titel kennen, bis zur Gegenwart fortsetzen, etwa bis zu Peter Hill«, dessen Handschriftlicher Aachlatz bereits von der Legende umsponnen ist. Richt minder mamnafaltig als das Schicksal der literarischen Werke, denen es nicht beschieden sein sollte, als Bücher auf uns zu gelangen, ist das der Briefe von geistesgeschichtlich hervorragenden Männern und Frauen, jener Dokumente, in denen das Leben von einst am unmittelbarsten uns berührt. Auch sie sind häufig unter den seltsamsten Vorwänden und Beweggründen, aus Gleichgültigkeit oder Fcchrlässigkeit, der Kenntnis der Rachwelt entzogen worden. so daß über vielen Beziehungen und eickscheidMden Wendungen ein undurchdringliches Dunkel liegt Eine Welt aus Granit. Bon ®. v. Angern--Sternberg. Gigantisch, öde, mit zackigen Felfenfingern krallen sich die Gipfel des Guadarrama in den blauen, wollenlosen Herbsthimmel. Inmitten einer steinigen Hochebene, auf der verdorrt« Bäume zu sterben scheinen, trägt nackter Frls eine Stadt aus Granit — Avila. Die grauen Mauern lassen weder Freude noch Heiterkeit zu, auf dem Boden auS Stein wachsen kerne Blume«, auch selbst der Somumschein scheint grau getönt zu fein. — Avila ist die Stadt der heiligen Therese von Jesus. Seit jenen Tagen des 16 Jahrhunderts, als dl« große Heilige, abgelöst vom Glayz der Erde, hier lebte und in das Meer ohne Ufer der göttlichen Liebe zu versinken trachtet«, hat sich nichts in Avila geäat&ert. Voch sichen dieselben Kirchen und Mauern, dm ihre Ekstasen sahen. Die Zeit ist hier stchengeblisben, nur die Menschen haben sich geändert und sind in ihrem Glauben zu Schwächlingen ge- 'granitene Stadt schlottert gleichsam innerhalb deSMauergürtels, der mit seinen sechsundachtzig Türmen und Toren tnel zu weit geworden ist. Er schließt Wüsteneien und Platze ein, deren Verlassenheit wie eine böse Wunde um sich frißt Durch die leeren Fenster mancher verlassener Paläste schaut der Himmel, und dort, wo einst ein stolzer Adel Kastiliens herrschte, 6trat — 366 — sich scheu äußerste Armut. Das wenige moderne Leben Avilas hat sich vor die Lore der Stadt gefluchtet und dort angesiedelt, den Weg zum Bahnhof reihen freundlichere Häuser, unter denen man einige altertümliche Kirchen bemerkt. Man freut sich, loenn endlich der Eisenbahnzug aus dem Norden in die Station ein» fährt und den Besucher weiter in die Granitwelt des Guadarrama entführt. Es ist Herbst! Aber über die graugelben Flächen und kahlen Felsen schaut immer noch das strahlende Gesicht der warmen Sonne. Der Herbst ist die schönste Jahreszeit in Kastilien, er ist warm und freundlich und selten nur beschattet ein Regenschauer die heitere Erde. Ab und zu taucht am Fahrdamm ein grau und weist getünchtes Gehöft auf, von einer Mauer umgeben und ohne jeden beschirmenden Schatten, den die Bewohner zu meiden sch.inen, weil sie nichts vom blauen Auge des Himmels trennen soll, in den, die Heiligen wohnen. Immer tiefer bohrt sich der Zug in den Guadarrama hinein. Gewaltige Bergspitzen und Kuppeln behindern den Blick, und dann liegt plötzlich links am Abhänge das Schloß des Escorial vor uns. Dort hat sich Philipp II. ein Monument gesetzt, das eine ganze Episode repräsentiert. Ein vornehmes Zurüctziehen in sich selbst. Abwehr jeden hohlen und eitlen Prunkes. Ein Leben ganz in der Herrschaft der katholischen Kirche begründet. Dis zu der Laterne der hohen Kuppel hinaus gewahrt man nichts anderes als Quadersteine, die für die Ewigkeit gebaut sein sollen. Hier gibt es kein überflüssiges Gesims, kein zierliches Schnitz» werk. Heiter Willkür und phantastische Laune haben im EScorial nicht wie in anderen Königsschlössern eine Stätte gefunden. Es herrschen überall großartige, königliche Verhältnisse, in einem überwältigenden Rhythmus, der aber ohne Freude ist und wie ein Wintertag der Kunst anmutet. Zu diesem unvergleichlichen Denkmal der spanischen und der Weltgeschichte führen von der Station ganz moderne Automobile, gelbe Riesenkasten mit Oberdeck die staubige Straße zur Höhe hinauf. 3m Hotel Reina Victoria stehen unter den schattigen Bäumen des Gartens Mah- Vong-Tische aufgestellt, an denen aufgeputzte Herren lind Damen Platz genommen haben. 3m Speisesaal werden hohe Touristenpreise gefordert, moderner Komfort wird angepriesen, und Führer mit goldenen Lettern an der Mütze schnurren in unverständlichem Französich oder Englisch eine auswendig gelernte Lektion ab und bieten ihre Dienste an. Sie finden ihr Publikum, aber man sollte eigentlich beim Betreten des Escorial den Bädeker zu Hause lassen. Man soll die granitene Wunderwelt ohne Führer betreten und vom Staunen zur Bewunderung und dann zur Andacht gelangen 3n der Einsamkeit des eigenen Selbst werden dann die Eindrücke des Escorial zu einem unvergeßlichen Erlebnis. Philipps II. Geist spukt in allen Räumen. Wenn man durch die labyrinthischen Gänge des klösterlichen Schlosses, die aneinander gereiht 132 Kilometer lang sein würdet!, schreitet, so tatet man glauben, überall seinem Gespenst zu begegnen, aber die Kirche von ungeheueren Dimensionen, die den Mittelpunkt des Palastes bildet, ruft ganz besonders die Erinnerung an den König wach. Die Aufmerksamkeit wird durch den Hochaaltar gefesselt. Dort sehen wir Karl V. und Philipp II. in überlebensgroßer Figuren mit ihren Familien das Sakrament verehren. Dort gibt es keine leeren Allegorien, durch die die Herrscher der Erde sonst so gern den Schatten ihrer Größe über das Grab hinaus zu verlängern suchen. Hier ist alles sichere Erkenntnis der Vergänglichkeit alles Irdischen. Vor dem Altar liegen kniend der Kaiser und König zu Füßen des höheren Herrn, und geben so über den Tod hinaus das Dckeimtnis ab, das stets die Richtschnur ihres Lebens war. Das katholische Weltreich war das 3deal Philipps, es sollte ein grandioses Bollwerk sein, an dem die Reformation zu Schanden gehen sollte. Philipp II. glaubte mit eiserner Faust die Zeit aufhalten zu können. Gr stellte sich mit ausgebreiteten Armen, wie ein lebendiges Kreitz, dem Erporstürmen einer anderen Gedankenwelt entgegen, die Wer ihn hinwegging. Der König wollte denmtig nur Gott dienen, aber um seine Demut schlug er den Kaisermantel der Macht und als Wahrzeichen schuf er den Escorial. Aus einem Seitenfenster am Hochaltar Pflegte der todkranke König lange Stunden andächtig auf das Sakrament zu schauen, in seinem Leiden Trost zu suchen und zwischen den Gebeten die Welt zu regieren, die ihm untertan war. Herzöge und Granden, Kardinäle und Erzbischöfe harrten in den Dorräumen auf fein Debet. Sicher war unter ihnen kein Platz für einen Marquis von Posa. — Von Philipps II. Kunstsinn und Kunstliebe kündet die Bildergalerie des Escorial, in der sich einige der kostbarsten Gemälde der Welt befinden. Da ist der heilige Lorenzo von Greev, den der Mal« bereits in halbe Geistesumnachtung verfallen, malte, ein Gemälde, das in der seltsamen Darstellung der Figuren, im Kolorit und in der Gruppierung einzig dasteht. Lleberall trägt daS Genie über den Bizarrerien der Konzeption den Sieg davon. 3m Saal nebenan hängt ein großes Gemälde des Tintorctto, das durch eine wunderbare Perspektive tote ein übernatürlicher Zauber wirkt. Durch steinerne Gänge, in denen seltsame Echos flüstern, marmorne Treppen hinab, führt der Weg zur Gruft der Könige und Königinnen Spaniens. Me Könige, vor denen sich einst die Erde beugte, sind ganz unter sich, denn selbst die 3nfanten sind in einem Sondergewölbe beigesetzt. Sie alle wußten es nicht, daß auch für Königsgräber die Stunde kommen kann, wo sie entweiht werden. Möge es dem Escorial vergönnt sein, die Gebeine feiner Könige besser als dies den Pyramiden Aegyptens gelungen, vor der Entweihung zu bewahren. Auf dem Scheidewege zwischen den KönigsgrWern und denen der 3nfanien kann man durch ein kleines, vergittertes Fenster ruf einen schöngepflegten Hof mit kurzgekappten, grünen Hecken schauen, in dem paarweise Augustinermönche, die im inneren Kloster wohnen, spazieren gehen. Lieber ihnen leuchtet mit goldenen Strahlen die untergehende Sonne. Ringsherum ist tiefer Frieden und Stille. Von den Derghöhen senken sich die Schatten des Abends und eS dämmert schnell. 3n weiter Ferne kann man über Madrid Lichter aufblitzen sehen. Wieder rollen aus dem Norden die Züge an, und wieder warten die gelben Omnibusse auf die Reisenden. Nach dem goldenen Herbsttag leuchten noch die Bergspitzsn golden^ dann bleichen die Tönungen und die sternklare Nacht fällt über die Landschaft Kastiliens. 3n einer Stunde fährt der Zug in die Estacion del Norte von Madrid ein und den Reisenden empfangt das Tosen der Großstadt. Pansch. Eine Geschichte aus der Biedermeierzeit. Von Carl Worms. IFvrtleyung., „Fräulein, wenn ich Bitten darf! Prinzessin — wenn das besser klingt. A votre place, monsieur, der Tanz ist aus." Pikiert schob sie ihr Hutband auf den Arm und schritt stolz voraus mit possierlicher Grandezza, jetzt wieder ganz die vornehme Dame, die ihrer Erziehung etwas schuldig zu sein glaubt. Die Rotgelockte fing Seinen verblüfften Blick auf und flüsterte: „Dorothea, die jüngste Tochter der Herzogin. Aber Sie, mein Herr, haben Sie Erbarmen mit einem armen Mädchen. Wer sind Sie?" „Klavierstimmer, Sie hörten es ja", scherzte Er leichthin und schnürte seinen Ranzen. Da war auch schon Dora wieder zurück. Ihr irrlichterierendes, zigeunerhaftes Temperament hielt es allein nicht länger als zwei Minuten aus. Die braune Wange schmiegte sie an Ritas Schulter und tuschelte: „Wollen sehen, wie wett er es treibt, wie unser Abenteuer endet. 3n den Saal Hinern kann er doch unmöglich." Es war ein hübsches Bild, wie der breitschultrige Mann zwischen den zarten Gestalten hinsch-ritt den Weg abwärts, der sich nun zu einem Paß verengte, daß die Buchenzweige und Haselbüsche geheimnisvoll über ihnen zufammenschlugen. Da erfuhr er beiläufig von der schnell versöhnten Prinzqß, daß jetzt ungefähr sechzig Gäste in Löbichau wären. Wie in der Komödie sei jedes Rollenfach vertreten: Durchlaucht-Mama die Anstandsdame, Schwester Wilhelmine die Heldin, zwei Professoren für Väterrollen, eine französische Gräfin, einst Hosdame ihrer Mama, die Intrigantin. Vetter Peter fei Naturbursche von Profession, Baronin Steinberg aus Dresden die komische Alte, und ihr Sohn Otto der Liebhaber mit wenig Talent. Er fei Öer Llnausstehlichste von allen. Dabei schielte sie zu Rita hinüber, diese krauste finster die Stirne und Er erriet das übrige. Sie feichst, nämlich Dora, wohne eine halbe Stunde weiter in der Villa Tannenfeld, damit sie nicht alles hören sollte, was Erwachsene sprächen Als ob sie nicht schon alles wüßte! Llebrigens werde es nächstens wohl in Löbichau recht langweilig sein. Der Dichter 3ean Paul werde erwartet, der 3ugen& sei eingeschärft, sich sehr fittig zu benehmen Ob Er wisse, wie dies« 3ean Paul aussehe. 3n der Bibliothek hatten sie bisher nur einen Kupferstich austreiben können, worauf er eine Nase wie eine Gurke in den Hundstagen hätte. „Kennen Sie 3ean Paul?" fragte Rita hastig, ein wenig bleicher als zuvor. Sie standen am Parktor. Er hielt die Hand über die Stirn, um das Schloß in Augenschein zu nehmen. „Den Legationsrat von Hildburghausen, meinen Sie den?" fragte et gleichgültig, „bisweilen beschäftige ich mich mit ihm." II. 3n und um Löbichau ging's in den Abendstunden munter her. Wie ein Miniaturbild aus dem Cinquezento war es anzusehen, wie eine Sperre vom Hofe der Medici, nur daß deutsche Gemütlichkeit die Arabesken dazu malte. Aus plaudernden Gruppen flog Lachen, Lautengeklimper und Gläserklang in die weiche Luft hinaus. Lieber die Stufen der doppeltgeschwungenen Freitreppe rauschten seidene Schleppen, lichte Fähnchen wehten vom Säulenbalkon, manch schöner Arm bog sich über die Brüstung desselben, manch Neckwort verhallte hinter Fächern und vorgehaltenen Hüten. Dom Parkteiche aus Buntem Kahn scholl ein deutsches Lied, lustig flogen die Federbälle auf dem Rasenplatz, übermütig spritzten sich junge Mädchen an der Fontäne den Staubregen zu. Dazu die rosafarbenen Abendwolken als passende Folie — dem fremden Manne in der Kastanienallee wurde es ordentlich anheimelnd gumut. Auch ältere Gäste fehlten nicht. Hier in einem lauschigen Basket war man am S pacht sch eben dicht vor dem Schachmatt, dort am Sockel einer efeuumrankten Diana etwas seitwärts saßen einige Herren und Damen um einen Rokokotisch stmd lauschten einem Vorleser, dessen volltönendes Organ sich selbst gern zu hören schien. 367 „Marheineke, Berliner Konsistorialrak Und Professor," flüsterte Dora ihrem Begleiter zu. Gr hatte den linken Arm nachlässig über eine Stuhllehne geworfen und das bepuderte Haupt zurückgelehnt, bah auch sein ausdrucksvolles Gesicht neben dem Organ zur Geltung kam. »Er liest aus dem Titan," ergänzte Rita beklommen, aber mit funkelndem Blick. Eben hatte der Berliner den roten Korduanband zugeschlagen und bchielt ihn spielend in der Hand: »Run?" Er blinzelte seinem langen, hageren Gegenüber zu, dessen gekrümmte Rase fast in einer mächtigen Halskrawatte verschwand- Sh! machte dieser und unterdrückte ein leichtes Gähnen. „Präsident Feuerbach aus Anspach, auch Professor," stellte Dora weiter vor. „Hin es jeanpaulsch zu sagen," klang die groteske Stimme des allbekannten Krimiimlisten, „oft endet im Titan der Jubel einer Lerche auf der schmutzigen Erdscholle, worauf sie sich nieder- läht." „Aber, Herr Präsident, ich bitte Sie... "riefen die Damen unisono. „Feuerbach, Sie sind mein Echo," entschied Marheineke mit pathetischer Handbewegung, Lind erst das Grammatikalische! Hören Sie selbst, meine Damen, dies älebermatz von Metaphern und Anomalien. Wir törichte Menschen wissen uns aus keiner Vergangenheit eine Zukunft zu bereiten, die uns stellt. Wir hacken wie die Steindohle nüch jedem Glanz und tragen di« Glutkohle als Goldstück beiseit und zünden damit Häuser an." „Hier brennt es schon lustig!" unterbrach ihn eine angenehme Stimme, und wie ein Wunder angestarrt, lehnte an einen leeren Stuhl der Mann aus dem Walde. „In Berlin: Herr Pfarrer, sagt man wohl: »Wir törichten Menschen", nicht »törichte"? Oder kennt man in Anspach das Wort gar nicht, Herr Präsident?" Mit leisem Schrei griffen die Damen nach Fächer und Flakon. Rur die Professoren blieben sitzen und steiften den Hals, daß ihre Stühle knackten. Drohend tauchte Feuerbachs Rase aus dem Jabot: »Ist der Herr geladen?" näselte er vornehm. „Kaum," meinte Marheineke spitz. „Man sollte zum mindesten Toilette machen, ehe man feine Meinung unter Menschen trägt. Mit wem haben wir... die Ehre zu sprechen?" beschloß Feuerbach in unnachahmlicher Positur. „Mit einem Manne, hochwürdige Herren, der für die beste Gesellschaftstoilette bescheidene Selbsterkenntnis hält. Wir erscheinen schöner, wenn wir weniger scheinen wollen und nicht wie die Steindohle nach jedem Glanz hacken. Welches Extrem ist besser, meine Damen, freundliche Stills oder exzentrisches Veden?" „Herr---!" Mit einem Ruck fuhren beide Gelehrte auf, was allerdings nur bewies, daß Feuerbach um zwei Kopflängen größer war. — „Inkommodieren sich die Herren nicht. Bitte tausendmal um Entschuldigung — meines voigtländischen Dialekts wegen. Ihren Arm. Prinzeß." Freundlich grüßend Keg er die Schloßtreppe hinan. Dora wurde unsicher, vergebens sah sie sich nach Rita um. An den Klavierstimmer glaubte sie nicht mehr. Auf dem breiten Geländer saß an Stelle einer Statue ein ungewöhnlich langer, hoffnungslos blonder Jüngling, im Arm eine Gitarre an Hauern Bande. Mit aufgesperrtem Munde sah er ihnen nach und griff an seinen Hals, ob fein Halskragen noch da wäre. „Er," lispelte Dora bedeutungsvoll. „2lh," sagte der Fremde mehr enttäuscht als überrascht. — „Aber wo ist sie? — Wahrscheinlich wieder in der Bibliothek bei ihrem Jean Paul." „Ämn^lich, liebste Prinzeß, der ist bet Ihnen." Sprachlos zog sie ihren Arm aus dem seinen. Sie standen auf dein nun menschenleeren Balkon, aus dem hell erleuchteten Saale rief muntere Tanzmusik. Jetzt jubelte sie kindlich auf und griff nach seinen roten Händen: „Sie — Jean Paul! Der große Lean Paul, auf den alle Damen schwören! Ja. können Sie denn auch lustig fern? Li nd ich habe Die gefunden! Run gibt's keine Schelte mehr. Hören Sie? Lalala..." Stürmisch zog sie ihn durchs Vorgemach zur Saalschwelle hin. Von Wachskerzen geblendet, sah er die schweren gelben Damastvorhänge darin, die dunkelroto Tapete, die lange Reihe aufgestellter Paare, denen Prinzeß Wilhelmine munter ausspielte. Denn die schöne Frau am Flügel, das konnte nur sie fein. Unwillkürlich war Dora in den DanzpaS übergegangen, er schien sie zu verstehen. „Dreivierteltakt?" scherzte er leise. Sie lächelt« glücklich. „Wollen Sie?" „Polonäse?" „Gkossaise; aber wir finden uns schon. Rur immer die Hand reichen, wenn ich meine ausstrecke." „And drücken darf ich sie auch?" „Rur nicht zu lang, sonst kommen Sie aus dem Satt" Er wiegte bedenklich den breiten Kopf: „Rein, es geht doch nicht. Die Herzogin..." „Wir tanzen eben zu ihr hin. Sehen Sie dort die mit der Feder, auf der Estrade. Das ist die Mama. Jedes Paar endet die Tour mit einer Huldigung vor ihrem Fauteuil. Geschwind, ehe ein neues Paar antritt, jetzt!" And trällernd flog sie mft ihrem Tänzer voraus. Lalala, scholl ihr Stimmchen hell wie im Walde, lala summte sein gedämpfter Baß dazu. Verwundert hielten die Tänzer inne. Gewiß war mancher darunter, der noch nie ungepudertes Haar, noch nie einen entblößten Männcrhals im Saal gesehen hatte. Dazu der etwas zerknitterte Jabot, die bestaubten Schuhe. War's ein Maskenscherz, eine Scharade? Auch di« Herzogin wurde aufmerksam und berührte mit dem Fächer den Arm ihrer Rachbarin. Jetzt überfliegt ein herzgewinnendes Lächeln ihre vornehmen Züge, sie erhebt sich hastig. „Jean Paul!" Das Zauberwort von ihren Lippen läßt die Herzen schneller schlagen. Die Musik bricht ab, alles macht eine Bewegung nach vorn, die Entferntesten hüpfen auf die Stühle, Damen fassen nach ihren Lorgnetten. „Arc triomphale!" kommandiert Dora stolz. Geschwind ist der Bogen von jungen Händen, Schals und Schärpen gebildet, unter ihm hin Hassiert Dora mit dem Vergötterten auf die Mutter zu. Ein Summen und Surren durchläuft die Reihen. Etwas linkisch, mit dem Tuch sich die Stirne trocknend, steht der große Mann inmitten der Huldigung vor seiner schönen Wirtin. Wahrhaftig, noch immer schön, imposant, trotz gefärbter Haare und geschminkter Wangen, wie es damals eben die Mode forderte, di« natürliches graues Haar für eine Anhöflichkeit gegen die Gesellschaft erklärte. Strahlend neigte sie sich ihm zu: „Sind Sie's denn wirllich? And fürchten die übermächtige Weiblichkeit nicht mehr, wie Sie mir damals in Bayreuth gestanden? O, Sie Böser, Böser, daß Sie uns um die Ehre des Empfangs gebracht! Zur Strafe dafür müssen Sie nun mit meiner Äeltesten vorlieb nehmen. Meine Schwester Recke trinkt Molken in der Schweiz, meine zwei jüngeren Töchter sind auf und davon." „And ich, Mama?" fragt Dora mutwillig. „Was bekomme ich dafür, daß ich Ihren Dichter im Walde fand?" „Natürlich, den Springinsfeld nur nicht vergessen. Run, du sollst morgen deine Feri«: beginnen und heute in Löbichau schlafen dürfen." »Im Walde allein?" fragt eine etwas scharfe Stimme neben der Herzogin, und aus den Polstern des Fauteuils, aus einem Wulst von Seidenfaften und Spitzen entwickelt sich ein zierliches Figürchen mft schwarzen beobachtenden Augen und kecker Stumpfnase, halb Hoszeremoniekl, halb bewußte Raidität, in jenem unbestimmbaren Alter, das die entflatternde Jugend noch gern am Flügel zupft. „Ah, liebste Gräfin, Sie verzeihen. — Die Gräfin Ehassepot, meine Freundin, der Legationsrat Richter." — »Von Dichter?^ „Für Löbichau einfach Jean Paul, teure Freundin." »Sehr angenehm. — Auf ein Wort, Herr Präsident." Mft einem vernichtenden Blick auf des Dichters bloßen Hals rauscht sie auf und hängt sich an Feuerbachs Arm, der Marheineke ahnungsvoll in den Saal gefolgt ist. Dieser hat es geahnt, jener sogar gewußt, daß Jean Paul und kein anderer ihnen den Affront geboten. Schöne Seelen finden sich. Diemstbeflissen sind beide um di« Gräfin herum, beide noch in den Jahren, wo man, wenn auch nicht mehr an Veilchen, so doch noch an Astern zu riechen liebt die bekanntlich nicht duften. In einer Fensternische verschwinden die Mißvergnügten. Die Herzogin läßt sich dadurch nicht stören, sondern weist auf den leeren Sitz: „So, der Platz ist frei. Sie werden müde sein." And Jean Paul, der es bisher nur zu freundlichem Ricken rechts und Reigen links gebracht hat kommt endlich auch zu Wort. Entzückt sieht er vor sich die hellen Kleider schimmern, hört Dorothea sich nach den Seinen erkundigen und läßt seine Fußtour bei der Hitze bewundern. »O, Durchlaucht," protestiert er bescheiden, »diese wie Bilder der Hoffnung vor uns aufgeschlagenen Landschaften, dieses ganze uns überströmende Kon« 6ec Erde, macht es nicht eine Safte unseres Herzens vor de zittern, wenn der Ewige sie mit seiner großen Welt berührt? And dann hatte mich das Schicksal so lieb, daß es lauter hübsche Gesichter statt der Meilenzeiger an meinen Weg gestellt. Sie führten mich zur gütigsten, glücklichsten Fürstin dieser Erde." „Sie übertreiben, mein lieber Poet. Eine entthronte Fürstin und glücklich^' „Glücklich vielleicht eben darum, ohne eine schwere Krone. Sie kann ihr Haupt bequemer niederbücken zu einer Wiesenblume, leichter erheben zu einem hohen Stern." „Wenn Sie unS Blume und Stern deuten, herzlich gern. Aber ich entzieh« Die den Gästen und meine Wilhelmine will auch einige Artigkeiten hören. Die gestatten." An feinem Arm trat sie die zwei Stufen herab von der Estrade, wie ein echtes Herrscherpaar schritten sie die Reihe ab. Hier wollte jemand dorgestellt werden, dort mochte man nur ein Wort, nur einen Blick des Allgefeierten erhaschen. Die Heine Gruppe am Flügel trat auseinander, Jean Paul stand zum erstenmal Prinzeß Wilhelmine, der Herzogin von Dogan, gegenüber. Sie war noch immer die bestrickende junonische Erscheinung, die vor vier Jahren den ganzen Wiener Kongreß zu ihren Füßen gesehen. In der hellgelben Atlasrobe, eine Agraffe mft weißer Reiherfeder im hochfrisierten, blondlockigen Haar, den goldschillernden Stuartkragen um den üppigen Hals, erschien sie wie eine Hofdame des ancien regime. Mit einem koketten Triller brach sie das improvisierte Präludium ab, als Jean Paul aus tiefer Verbeugung sich anfrichtete. Liebkosend tätschelte ihre Linke einen echten King Charles auf ihrem Schoß, während sie nachlässig die Rechte zum Kuh bot — 368 echriftleitung: Dr. Zriedr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lang«, Giehen. „Nun. noch ein Aber?" „Ich weiß Ächt, Duvchlauchl... Er ist ja auch von Adel, von norüdeiltschem, wenn er sich auch schlechtweg Doktor Binzer nennt Aber er trägt den Heindkragen altdeutsch und — einen Dollbart bagti“ „Horreur!" Gräfin Chassepot sand für ihren Abscheu teilt deutsches Wort. 2lber herangetreten war sie doch wieder mit ihren zwei Trabanten, die natürlich ihren hörrcur teilten. „Einfach unmöglich," entschied Feuerbach, als handelte es sich um einen Prozeß, den er nicht übernehmen konnte. Selbst Dorothea sah bedenklich auf ihre Aelteste, diese aber rief lebhaft: „Der Daß aber ist gut? Dun, wenn's weiter nichts ist. Was meinen Sie, Marheineke, s seiender darbend ist doch ein Bart noch nicht?" — „Nein, aber unschicklich" betonte der gekränkte Dat scharf. „Seit Satrhe und Faune ins Fabelreich gebannt si>td, kennt die Zivilisation keine Waldmenschen mehr. älebrigens gewöhnt man uns an Lieber raschungen, wobei mein bescheidenes Urteil wohl unmaßgeblich ist. Ich wette, wir hören von diesem — diesem Doktor — wie hieß er doch? — noch mehr." „Allerdings, "stimmte Jean Paul liebenswürdig bei, „nur fürchte ich jetzt für meinen Kandidaten. Er war in Jena Burschenschafter, er ist Dichter des Liedes: Wir hatten gebauet ein stattliches Haus." Das kam überraschend. Also ein Demokrat! Darunter verstand man damals ein Wesen, das den Dolch nur beiseite legt, wenn es nach Gift greifen will. Schaurig interessant, aber nur in gewisser Entfernung! Selbst Wilhelmine schlug die Augen nieder und fragte unsicher: „Ist das Lied hübsch?" „Und der Dichter schön?" platzte Dora heraus, die sich neben die Herzogin auf ein Fußpolster gesetzt hatte. Erschreckt schloß ihr die Mutter den Mund, denn die Chassepot räusperte sich zum zweitenmal, aber unbeirrt antwortete Jean Paul: „Dichter und Lied, beide unvergleichlich. Eine Professorin hat seinetwegen den Verstand verloren." Das schien den Ausschlag zu geben, denn Wilhelmine klatschte in die Hände und bestimmte: „So mag er auch den unfern auf die Probe stellen. Herr Richter, schaffen Sie ihn her. Wir wollen ihn neugieriger erwarten als der Hof Ludwigs XV. den Republikaner Franklin. Wenn Sie dafür stehen, daß er im Salon den Hui abnimmt und nicht gleich jeden duzt, so mag er kommen." „Turner, Burschenschafter, wohl gar Führer beim Wartburg- sest," wagte Feuerbach noch einzuwenden. Aber Wilhelmine klapperte ungeduldig mit den Fußspitzen aufs Parkett: „Meinetwegen Hexentanzmeister auf den Brocken. Wenn er sonst wohlerzogen ist, was geht's uns an. Nicht wahr, Durchlaucht-Mama, Sie sagen ja?" „Binzer, Binzer," wiederholte die Herzogin nachdenklich. „Sag doch. Helmv, hieß Ritas Kavalier nicht so auf dem letzten Ratsball in Altenburg?" trefflich unterhalten trotz gewöhnen kann." „ O Kinderweisheit!“ Riechfläschchen auf. „Abgemacht!" beschloß „Binzer, natürlich," bestätigte Dora. „Und sie hat sich vor- ' " " seines Bartes, an den man sich ja stöhnte die Gräfin und klappte ihr Wilhelmine und erhob sich energisch. „Sie" sind ein Sauberer, Richter, Sie jagen unsere Gäste aus einer Aufregung in die andere. Hören Sie, wie das summt und surrt, alles in Erwartung des bildschönen Demokraten. And jetzt eine Polonäse zur Abkühlung, oder sind Sie müde?" „Nein, aber hungrig," gestand er ehrlich Hungrig? Gin Dichter, und gar Jean Paul! Das war keinem in den Sinn gekommen. Die jüngeren Damen huschten fort, wie Bienen, die Honig zum Korbe tragen sollten. Die Herzogin entschuldigte ihren säumigen Koch Jean Paul habe ihnen allen de» Hunger benommen und käme nun selbst zu kurz. Die Flügeltüren zum Speisesaale taten sich auf ihren Wink weit auf. Nur die beiden Gelehrten blieben verstimmt mit ihrer duftlosen Aster zurück, die sich geknickt in den nächsten Lehnstuhl hatte sinken lassen. „Begreifen Sie das?" fragte Feuerbach zwei rote Flecken auf den Wangen. ~ Manheineke meinte achselzuckend, daß morgen zum Frühstück die Herren wohl mit bestaubten Schuhen und mittags ohne Kragen erscheinen müßten. „WaS meinen Sie, Komtesse?" Diese ging aus eigener Starrheit in lebhafte Bewegung über. Gs war unglaublich waS diese kleine sensible Dame an Augenauffchlagen und Häüdefaltsn leisten konnte. „Ich meine Herren, ich finde das Leben hier sehr idyllisch. Jean Paul wird vorlesen, Marheineke vergessen werden. Jean Paul wird Bonmots in Stammbücher schreibe^ Feuerbach nicht mehr. Nicht böse werden, Herr Präsident. Sie brauchen nur das Gegengewicht zu finden und Jean Paul flattert auf, trotz seiner Schwere. Aufs Gegengewicht kommt's an. Ich, ich bin zu solchen Scherzen zu alt. — Bitte, keine Fadaisen! Wer wie ich am Hofe der Bourbonen aufgewachfen ist und trotz ihrer Reha- bititatton noch bei der Herzogin von Kurland aushält, um doch noch etwas ben alten Hof zu repräsentieren, der sehnt sich am Ende nach dem Duft bourbonischer Lilien. Sobald der Bart hier Mode wird, reife ich ab.“ (Fortsetzung folgt.) „Endlich!" rief sie in müdem Ton, der komisch mit ihren mutwilligen Augen kontrastierte. „Wissen Sie, Herr Richter, daß ich eben eine Paraphrase begann über das Thema: Iterbenbe Freude, von Sehnsucht darniedergestreckt. Ja, Durchlaucht-Mama, das Amt einer Tapeufe ist ein undankbares Amt. Zum -t-airz aufspielen konnte ich den Poeten, aber mich beachten konnte er nicht." , O Prinzessin, wie ungerecht! Einem gewöhnlichen Sterblichen sollte doch gestattet sein, sich an den Abglanz der Sonne zu gewöhnen. Denn alle 'Frauen kommen aus der Sonne. Daher brennen ihre Augen, ihre Nähe erwärmt das Herz, ihre Zunge sticht wie sie." Als empfinde er diese Sonnennähe, fächelte et mit feinem Tuch die Wangen und trat mit einer Verbeugung zurück. Ein leuchtender Blitz aus ihren dunklen Augen traf ihn sekundenlang. Mit graziöser Wendung hatte sie ihr Flakon ergriffen und sprühte ihm den Parfüm neckend aufs Taschentuch Achselzuckend, das majestätische Haupt zurückneigend, tief sie laut: „Abgeblitzt! Vor Ihnen muß man sich in acht nehmen. Läßt man sich mit dem Sicher der unsichtbaren Loge ein, so bekommt man leicht einen grönländischen Prozeß an den Hals. Sind Sie so kriegslustig. Herr Poet?" „Madonna sind im Nachteil," scherzte er und sog den fußen Duft aus seinem Tuch „Sie stärken den Feind, statt ihn zu entkräften. Ein artiger Krieg, wobei der Besiegte noch lächeln kann. „Rehmen Sie sich in acht, ich führe auch andere Waffen. So zum Beispiel möchte ich meiner Schwester nicht nachstehem Sie hat Ihnen den Siegesbogen bereitet, gestatten Sie mit ein Willkommlied dazu. Wo ist unser Quartett? Marschner. meine kanten, ober nut ix»cnn id) bitten Mrf!** SHÄchtEim drängten sich einige Sängerinnen heran, die ersten Akkorde erklangen, mit ihrer schönen Altstimme intonierte W lhelmin-e der Lady Rowena Gesang vom stolzen England und seinem rittet» licken Kämpen. Jubelnd wurde der Refrain von der Gesellschaft mitgefungen, als plötzlich bei der letzten Strophe wütendes Gekläff die Stimmung unterbrach. Wit gesträubtem Haar war der King Eharles vom Schoß seiner Herrin geglitten und stand einem roten Pudel gegenüber, der knurrend eine dunkle Masse mit den Zähnen heranschleifte. Wilhelmine war aufgesprungen: „Himmel, was ist das?" < „Ein Scherzo als Impromptu," erklärte Jean Paul lachend, mein Kammerherr mit dem Gepäck. Ponto, stelle dich den Damen vor" Der ganze Saal hallte von Gelächter wider. Das gelehrige Tier hol, sich tanzend auf die Hinterbeine, wies aber Bern Lakaien die Zähne, als dieser die Aeiseeffetten entfernen wollte, die Ponto bisher so treu bewacht. . ./Der ist ja salonfähig," entschied die Herzogm, und auch Wilbemine meinte: „Wenn er meinem King nichts tut, mag er bleiben." Den über das «eine Volumen etwas ratlosen Diener tröstete Jean Paul: „Das übrige kommt nach." „Wie Ihr Dank für die Serenade," stachelte Wilhelmine, um deren Tabouret sich die jungen Damen drängten, damit ihnen kein Wort entgehe. „Wie finden Sie unser Quartett, Herr LegationSrat?" „Da Sie fragen, Prinzessin, natürlich meisterhaft. „Wenn aber daheim Ihre Gattin fragen sollte > Dann werde ich sagen: weißt du, Lining, etwas dünn war es doch. Es fehlte eine tüchtige Männerstimme." Ein Bah, nicht wahr? Das ist ja mein Kummer. Durw- laucht-Mama, Löbichau ohne Bah ist ein Karpfenteich ohne den Hxchv Aber was tun? Detter Peter kann, aber will nicht: Baron Steinberg will, aber kann nicht; und Sie, mein Verehrteister, können nickt und wollen nicht." , „Sehr wahr, Prinzeß. Ponto und ich fingen nur im Walde, toeil die Bäume nicht fortlaufen können. Aber abzuhelfen wäre □Sie das? — Einen Augenblick. Durchlaucht-Mama, ich vermisse die Kinder. Ah. Dora!" Sie winkte der Schwester, die eben unauffällig wieder in den Saal trat: „Dora, wo ist Rita? „In ihrem Zimmer. Ihr böser Kopfschmerz../ ;,2lber Baron Steinberg? Ich finbe ihn nicht," fragte fte weniger gleichgültig, mit leichtem Stirnrunzeln. „Der steht Im Dpeisesaal am Fenster und scheint auf den Mond zu warten. Vor neun .Uhr kommt er gewiß nicht, das heißt, der Mond." . „Dora!" Dieser verweisende Aus der Herzogin unterbrach das Kichern der jüngsten Damen. Wilhelmine zerrte nervös an ihrem Fächer: „Latz sie, Mama. Wenn das junge Volk nicht will, meinet toegen. Bitte, hierher, Herr Richter, zwischen meine Mutter und mich. Die kleine Wett geniert Sie doch nicht?" „Aber ich bitte Sie, meine Damen. 3m kleinen Stübchen meiner armen Mutter flogen Tauben girrend um mich her. Ich schrieb dabei an meinem Hes Perus." Entzückend!" zirpte ein seines Sümmchen hinter ihm und auch Wilhelmine bestätigte: „Ei, wie galant. Aber nun der Baß. Ist gefunden, sobald Sie nur wollen. Sn Altenburg sitzt er und ist Mitarbeiter an einer Enzyklopädie. Das große F schmettert er heraus, vielleicht war's auch das D, ich weiß es nickt genau. Etwas Tiefes, sehr Tiefes war es. Beim letzten Thüringer Musikfest hat er zum erstenmal in Schneiders Weltgericht den Satan einfach himmlisch gefangen. Aber...