Gießener Kmilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger Jahrgang <925 Samstag, den \i. Oktober Nummer 85 Der Schild. Von Fritz Asinger. Aus allen früher» Fährden, allen Quaien, Die mir ein dunkeles Geschick beschieden. Will ich mir einen Schild zusammenschmieden. Daraus der Sonne Blitze wiederstraylen. And ringsum in des runde» Erzes Rand Grabe mein Meißel unter Lammerhiebe», Davon die heißen Eisenspäne stieben. Ein breites, untilgbares Bilderband: Rühmlose Tage schwer erkaufter Siege. Wenn Kämpfe rings das heitre Land verheere», will ich, daß durch die Reih'» ihr Bildnis fliege And sie mich schirmen vor der Feinde Speeren. And über mein gewappnet Leben richtet Rur, der mit mächt'gem Streich den Schild vernichtet. Die Richterin. Von Conrad Ferdinand Metzer. (Fortsetzung.) „Wörtlich und zum Beschwören so," bestätigte Graciosus. „Don hundert Zeugen, die den Burghof füllten, zu beschwören! Soviel ihrer noch am Leben sind. And solches ist geschehen nicht im Zwielichte, nicht bei flackernden Spänen, sondern im Angesicht der Sonne zu klarer Mittagszeit. Der Comes dein Baier war rasend geritten, hatte im Bügel manchen Trunk getan" — „And mit fliegender Lunge ins Horn gestoßen, vergiß nicht!" höhnte Wulfrin. „,Er triefte und keuchte" —■ „Er lechzte wie eine Bracke!" überbot ihn Wulfrin. „Er sehnte sich nach seinem Weibe", dämpfte Graciosus. „Trunken und brünstig! unter gebleichten Haaren! pfui! Bst das zu>n Abmalen und an die Wand heften? Was will die Budicatrix? Mich schwören lassen, daß wir Wölfe gemeinhin am Schlage sterben? Was freilich auf die Wahrheit hermisliefe." „Es ist ihr Wille so und man gehorcht ihr in Rätien." „Seht einmal da! ihr Wille!" hohnlachte Wulfrin. „Wein Wille ist es nicht und meine Heimat ist nicht ein Bergwinkel, sondern die weite Welt, wo der Kaiser seine Pfalz bezieht oder sein Zelt aufschlägt. Sage du deiner Richterin, Wulfrin sei kein Laurer noch Argwöhneri Sie rühre nicht an die Sache! Sie zerre den Vater nicht aus dem Grabe! Ich lasse sie in Ruhe, kann sie mich nicht ruhig lassen?" Er drohte mit der Hand, als stünde die Stiefmutter vor ihm. Dann spottete er: „Hat das Weib den Rarren gefressen an Spruch und Arteil? Hat es eine kranke Lust an Schwur und Zeugnis? Kann es sich nicht ersätttgen an Recht und Gericht?" „Es ist etwas Wahres daran", sagte Graciosus lächelnd. „Frau Stemma liebt das Richtschwert und befaßt sich gerne mit seltenen und verwickelten Fällen. Sie hat einen großen und stets beschäftigten Scharfsinn. Aus wenigen Punkten errät sie den Amriß einer Tat und ihre feinen Finger enthüllen das Verborgene. Richt daß auf ihrem Gebiete kein Verbrechen begangen würde, aber geleugnet wird keines, denn der Schuldige glaubt sie allwissend und fühlt sich von ihr durchschaut. Ihr Blick dringt durch Schutt und Mauern und das Vergrabene ist nicht sicher vor ihr. Sie hat sich einen Ruhm erworben, daß fernher durch Briefe und Boten ihr Weistum gesucht wird." „Das Weib gefällt mir immer weniger", grollte Wulfrin. „Der Richter walte seines Amtes schlecht und recht, er lausche nicht unter die Erde und schnüffle nicht nach verrauchtem Blute." Graciosus begüttgte. „Sie redet davon, ihr Haus zu bestellen, obwohl sie noch in Blüte und Kraft steht. Vielleicht sorgt sie, wenn lie nicht mehr da wäre, könntest du deine Schwester in Anglück stürzen" — „In Anglück?" „Ich meine, sie berauben und verjagen unter dem Vorwande etiter unaufgeklärten und ungeschlichteten Sache. Darum, vermute ich, will sie dich nach Malmort haben und sich mit dir vertragen." Wulfrin lachte. „Wirklich?" sagte er. „Sie hat einen schönen Begriff von mir. Meine Schwester plündern? Das arme Ding! Im Grunde kann es nicht dafür, daß es auf die Welt gekommen ist. Doch auch von ihr will ich nichts wissen." Während er redete, Sie sein Blick die Jahresringe der jungen Palme. „Fünfzehn ze?" sagte er, •• > v .. „ Fünfzehn Bahre", berichtigte Graciosus. „And wie schaut sie?" । „Stark und warm", antwortete Gnadenreich mit einem unterdrückten Seufzer. „Sie ist gut, aber wild." „So ist es recht. And dennoch will ich nichts von ihr wissen." „Sie aber weiß von nichts anderm als von den: fremden, reisigen fabelhaften Bruder, der sich mit den Sachsen balgt und mit den Sarazenen rauft. „Wann der Bruder kommt" — .Da» gehört dem Bruder" — „Das muh man den Bruder fragen" — davon werden ihr die Lippen nicht trocken. Bedes Hifthorn jagt sie auf, sie springt nach deinem Becher und damit an den Brunnen. Sie wäscht ihn, sie reibt ihn, sie spült ihn." „Warum, Narr?" „Weil sie dir ihn kredenzen will und dein Vater sich daraus den Tod getrunken hat." „Dummes Ding! Du also wirbst um sie?" Der ertappte Graciosus errötete wie ein Mädchen. „Die Mutter begünstigt mich, aber an ihr selbst werde ich irre", gestand er. „Kämest du heim, ich bäte dich, ein Wort mtt ihr zu reden." Wieder musterte Wulfrin den netten Büngling und wieder klopfte er ihm auf die Schulter. „Sie hält dich zum besten?" sagte er. ■ „Sie redet Rätsel. Da ich neulich auf mein Herz anspielte" — „Schlug sie die Augen nieder?" „Rein, die schweiften. Dann zeigte sie mit dem Finger einen Punkt am Himmel. Bch blinzte. Ein Geier, der ein Lamm davontrug. Anverständlich" „Klar wie der Morgen. „Raube mich" Das Mädchen gefällt mir." „Du willst sie sehen?" „Riemals." Jetzt trat ein Palastschüler mit suchenden Blicken in den Hofraum und dann rasch auf Wulfrin zu. „Du," sagte er, „die Messe ist aus, der König verläßt die Kirche." Der „Kaiser" wollte ihm noch nicht über die Zunge. Wulfrin sprang auf. „Nimm mich mit!" bat Graciosus, „damit ich dem Herrn der Erde nahe trete und ihn reden höre." „Komm", willfahrte Wulfrin gutmütig und bald standen sie neben dem Kaiser, vor welchem ein ehrwürdiger, aber etwas verwilderter Graubart das Knie bog. Gnadenreich erkannt« Audio, den Kastellan auf Malmort, und wunderte sich welche Botschaft der Räter bringe, denn Karl hielt ein Schreiben in der Hand. Er reichte eS dem Abte und Alcuin las vor: „Erhabener, da ich höre. Du werdest von Rom nach dem Rheine ziehen, flehe ich Dich an, daß Du Deinen Weg durch Aätia nehmest. Seit Jahre» haben sich in unfern verwickelten Tälern versprengte Lombarden eingenistet unter einem WittgiS, der sich Herzog nennt. Wir, die Herrschenden im Lande, unter uns selbst uneins und ohne Haupt, werden nicht mit ihnen fertig, ja einige von uns zahlen ihnen Tribut. Gin unerträglicher Zustand. Du bist der Kaiser. Wenn Du kommst und Ordnung schaffst, so tust Du, waS Deines Amtes ist. Stemma, Judicatrtx. „Keine Schwätzerin", sagte der Kaiser. „Meine Sendboten haben mir von der Frau erzählt." Alcuin betrachtete die Handschrift. „Feste Züge", lobte er. „Alcuin, du Abgrund des Wissens", lächelte Karl, „was ist Rätten? Welche Pässe führen dahin?" Der kleine Abt fühlte sich durch Lob und Frage geschmeichelt, wendete sich aber nicht an den Gebieter, sondern, als der Höf» sing und der Schulmeister, welcher er war, an die Palastschule, die schon zu einem guten Drittel, den Blondbart inbegriffen, um den Kaiser »«sammelt stand. „Jünglinge", lehrte er und zog die Brauen in die Höhe, „wer feinen Weg durch das rätische Gebirge nimmt, hat, ohne den harten aber in Stücke zerrissenen Damm einer Aömerstraße zu zählen, die Wahl zwischen mehreren Steigen, die sich alle jenseits des Schnees am jungen Rheine zusaimnenfinden. Diese Wege und Stapfen führen im Geisterlicht der Firne durch ein beirrendes Retz verstrickter Täler, das die Fabel mit ihren zweifelhaften Gestalten und luftigen Schrecken bevölkert. Hier ringelt sich die Schlangenkönigin, wie verlockt von einer Schale Milch einem blanken Wasser zu, gegenüber, aus einem finstern Borne, taucht die Fei und wehklagt." „Lehrer, was hat sie für Gründe dazu? fragt« der Rotbart wißbegierig. e „ ., _ „ . Sie ahnt das ewige Gut und kam, nutzt selig werde,». Dahinter, zwischen Schnee und EiS, in einem grünen Winkel, ~ 380 weidet «ine gltxfentok Herde und ein kolossaler Hirt«, halb Firn halb Wolke, neigt sich über sie. Liefer unten, bei den ersten Stapfen, verliert die harmlose Fahrt ihre Kraft und menschliche Schuld findet ihre Höhlen und Schlupfwinkel. Hier raucht und schwelt eine gebrochene ‘Burg, dort starrt, von Raben umflattert, ein Mörder in den zerschmetternden Abgrund." Wen hat er hinuntergeworfen?" fragte der Rotbart spöttisch. „Ehen!" jammerte der Abt, „bist du es, Liebling meuter Seele, Peregrin, mein bester Schüler, dessen Knochen in der rätischen Schlucht bleichen?" Er trocknete sich eine Tratte. Dann schloß er: „Gegen beides, Fabel uttb Sünde, halt Bischof Kltx in Eur beschwörend seinen Krummstab empor." * „In schwachen Händen", scherzte der Kaiser. Er ist sehr schön gearbeitet", rief Graciosus nut der schallenden Stimme eines Chorknaben, „und in feiner Krümmung neigt sich der Verkündungsengel mit der Inschrift: Friede auf Erden und an den Menschen ein Wohlgefallen." Karl gönnte dem Dischofsnefsen einen heueren Blick und wendete sich gegen die Schule: „Stammt eurer von euch aus Wulfrin trat vor. „3d), Herr. Jung bin ich ausgewandert, doch kenne ich Sprache und üteige.“ „So reite und berichte." ., „ . Dir zu Dienste. Herr", verabschiedete sich Wulirin, wurde aber" von bem hartnäckigen Gnadenreich gehalten, der sich seiner bemächtigte und ihn vor den Kaiser Huruckbrach^. „DMchlauch- tigster", verklagte er ihn, „er soll auf Malmort bet der Bichfteri^ seiner ©tiefmutter, erscheinen, keiner andern alv dte vir dMi Vries geschrieben hat, und er will nicht. Sie besteht darauf sich vor chnt zu rechtfertigen über das jähe Sterben ihres Gemahles, des Lomes Wulf." _ , , . s u „Jener?" besann sich der Kaiser. „Er hat mir tnw choii meinem Vater gedieiit unb verunglückte im rätischen Gebirge. „Vor dem Kastell und zu den Füssen seines Weibes Stemm«, die ihm den Willkomni kredenzt hatte" erinnerte Gnadenreich. Karl verfiel in ein Nachdenken. „(Sbeii babe id} fut. bte Seele meines Vaters gebetet", sagte er. .Kindliche Bande wichen in das Grab. Mich dünkt, Wulfrin, du darfst bet der Richterin nicht ausbleiben. Drt bist es deinem Vater schuldig. ' Wulfrin schwieg trotzig. Jetzt griff der Kaiser rechts nach dem Hifthorn, um die ganze Schule zusammeiizurufen und ihr leine Befehle zu geben. Er hatte es tm Palaste vergessen oder absichtlich zurückgelassen, um der Messe als ein ^riebfeitiger bettuwohnen. „Deines Trotzkopf!" geoot er und Wulfrui hob sich sein Hifthorn über das Haupt. Karl betrachtete «S et te Weile Es ist von einem Elk", sagte er, hob, es an den Mund und stieß darein. Da gab das Horn einen so gewaltigen und grauenhaften Ton, daß nicht nur die Höflinge aus allen Ecken und Enden des Kapitols hervorstürzten, sondern auch, wav sich ringsum von römischem Volke gehäuft hatte.erstauntuiider- schreckt die Köpfe reckte, als nape ein plötzliches Gericht. ,,arl aber stand wie ein Cherub. , «u« 3m Gedränge des Aufbruchs machte sich der Bischofsneff^. noch einmal an den Höfling: „Auf Wiedersehen in Malmvrt. du gehorchst?" „Olein", antwortete Wulfrut. Zweites Kapitel. Innerhalb der dicken Mauern eines wie aus dem Fellen gewachsenen rätischen Kastells sprudelte ein Quell in klöstetttcher Still».' Durch die Zacken bemooster Ahorne rauschte der Abendwind mächtig über den Hof weg unb schon rückte das Spatrot hinau? an dem klotzigen Gemäuer. Am Brunnen aber stand ein junges Mädchen und ließ den heftigen Strahl in einen Becher springen, aus dessen von Alter geschwärztem Silber er schäumend empor unb ihr über die bloßen Arme spritzte. Berg und Wetter find gut", murmelte sie. „Mir brannten die Sohlen von früh an, ihm entgegenzurennen. Kommt er heute nßch? oder erst morgen? oder übermorgen zum allerfpatesten! Graciosus verschwor sich, der Bruder ziehe mit dem Kaiser — nein, er reite ihm weit voraus! -Unb der Kaiser ist nahe, was flüchteten sonst die Lombarden Hals über Kopf? Dum! machte sie und ahmte den duntpfen Schlag einer Laue nach, dem bald ein zweiter und noch der dritte folgte, denn im Gebirge, das in Gestalt eines breiten blanken Firns über die Firste blickte, hakte es heute in einem fort gerieselt unb geschmolzen. Die ihr auf weihen Stürzen in den Abgrund schlittet, seid ihm ’ hold, bärtige Zwerge! Berberget ihm nicht den Pfad verschüttet ihm nicht die Hufe des Rosses! Sprudle, Flut! Spul aus den Hauch des Todes! Lust und Leben trinke der Bruder! und sie streckte den schlanken Arm. Dann hob sie den gebodeten Äecher in di« Höhe der Augen unb buchstabierte den Glben- spruch, welchen sie sich deutlicher in bas Herz schrieb, als er mit erblindeten Lettern in das Silber gegraben stand. Der Spruch aber lautete folgendermaßen: Gesegnet seiest du! Leg' ab das Schwert unb ruh! Genieße Heim und Rast Als Herr und nicht als Gast! Den Wulfenbecher hier Dreimal kredenz' ich dir! Erfreue dich am Wein! Willkomm......“ Hier schloß entweder der zaubertüchttge Spruch oder dann kam noch etwas gänzlich Unleserliches, wenn es nicht zufällige Male der Verwitterung waren. Eigentlich wußte sie ihn schon lange auswendig. Sie sagte ihn vorwärts, das ging, rückwärts, das ging auch Dann sah sie ihn darauf an — zum wievielten Malek — ob er ihr mundgerecht sei und von der Schwester dem Bruder sich sagen lasse, denn Graciosus hatte es erraten: sie liebkoste den Wunsch, mit dem Wulfenbecher dazustehen und ihn Wulfrin zu kredenzen. Ob es die Mutter erlaube? Diese machte sich mit dem Becher nichts zu schaffen, sie ließ ihn, wo er langeher seinen Platz hatte. Der Spruch gefiel dem Mädchen und es malte sich die Ankunft. „Das Horn klingt! Oder wäre es möglich bah er mich still beschliche? mit heimlichen Schritten? Aber nein, er will ja nichts von mir wissen — wenn Graciosus nicht seinen Scherz mit mir getrieben hat. Das Horn dröhnt! Ich ergreife den Decher, fliege der Mutter voran — oder noch lieber, sie ist verritten und ich bin Herrin im Hause — jetzt naht er! jetzt kommt er!" Ihr Herz pochte. Sie begann zu zittern und zu zagen. „Er ist da! Er ist hinter mir!“ Sie wendete sich zögernd erst, bann plötzlich gegen das Burgtor. In bet niebern Wölbung desselben stand kein junger Held, aber lauernd drückte sich dort ein armseliger Pickelhering. Das Mädchen brache in ein enttäuschtes Gelächter aus und trat beherzt der Fratze entgegen. Es war ein Lombarde, das erriet sie aus den ziegelroten Aesteln seiner schmutzig-gelben Strümpfe. In die schreiendsten Farben gekleidet, wie sie Armut und Zufall zusammenwürfeln, trug der Kleine einen langausgedrehten pechschwarzen Spitzbart, der mit den gezackten Brauen unb dem verzerrten Gesichte eine possierliche Maske schuf. „Wer bist du unb was willst du?" fragte das Mädchen. „Rur nicht gerufen, kleine Herrin, oder vielmehr große Herrin, denn, bei meiner katholischen Seele! du hast die Mutter dreimal handbreit überwachsen. Wo ist sie?" Er schaute sich ängstlich um. Sein Blick fiel auf etwas Graues. In der Mitte des Hofes und im Schatten der Ahorne stand ein breiter Steinsarg, auf dessen Platte ein gewappneter Mann neben einem Weibe lag, das die Hände über der Brust faltete. „Ei, da hält ja unsere liebe Frau neben ihrem Alten stille Andacht", spaßte der Lombarde, „und trübt kein Wässerchen, während sie zugleich in ihrer grünen Kraft bergauf bergab reitet und hängen und köpfen läßt." Er blickte bedenklich zu dem prächtig gebildeten leuchterförmigen Aste eines Ahorns empor. „Hier würde ich ungerne prangen", sagte er. „In Kürze: ich bin Rachis der Goldschmied unb habe ein Geschäftchen mit dir. Liebst du deinen Bruder, junge Herrin?" Diese plötzliche Frage setzte das Mädchen kaum in Erstaunen, das sich heute und gestern mit nichts anderem als nur mit diesem selben Gegenstände beschäftigt hatte. „Wie mein Leben", sagte sie. „Das ist schön von dir, aber wenig fehlt, so liebst du einen Toten. Wulfrin der Höfling ist in unsere Gewalt geraten." „Er lebt?" schrie das Mädchen angstvoll. „Zur Rot. Herzog Witigis zielt auf sein Herz — aber wird uns die Richterin nicht überraschen?" „Rein, nein, sie ist nach Eur bet ritten. Rede! schnell!" „Run, ich habe ein feines Ohr und weiß auch ein Loch in der Mauer, denn ich bin hier nicht unbekannter als der Marder im Hühnerhof. Also: dein Bruder ist in einen Hinterhalt gefallen. Er schlug um sich wie ein Rasender unb unsere Sechse wichen vor ihm, die einen verwundet, die andern, um es nicht zu werden. Doch sein Pferd rollte in den Abgrund und er selbst verirrte sich auf eine leere Felsplatte, wo wir ein Treiben auf ihn anstellten und ihm hinterrücks ein langes Jagdnetz über den Kopf warfen. Denn der Herzog wollte ihn lebendig fangen, um ihn über die Wege des Franken, unseres Verderbers, auszufragen. Der Trotzkopf aber verschwieg alles, auch den eigenen Namen. Da legte der Herzog den Pfeil auf den Bogen und —" Rachis tat einen grausamen Pfiff. „Du lugst! er lebt!" rief das Mädchen mutig. „Vorläufig. Der Herzog drückte nicht ab, denn — jetzt wird die Geschichte lustig das junge "Weib eines der Unfrigen, eine freigegebene Eigene der Richterin, wenig älter als du" „Mein Gespiel Brunetta, das Kind Faustinens" — „Gerade diese sprang dazwischen. „Bei der durchlöcherten Seite Gottes", heulte sie, „der arme Herr trägt das Wulfenhorn und ist kein anderer als der Sohn des Cvmes, der im Steinbild auf Malmvrt liegt. Seine leibliche Schwester, Herrin Palma, hat mir von ihm erzählt, von klein an und in einem fort ohne Aufhören. Du darfst nicht sterben," wendete sie sich an bett Gebundenen, „das wäre ihr ein großes Leid und tötete ihr bas Herzchen. Denn wisse, du bist ihr Herzkäfer, wenngleich sie dich noch nie mit Augen gesehen hat. Sende hin und sie löst dich mit ihrem ganzen Geschmeide. Es find köstliche Sachen. All ihr Kleinod hat die Richterin dem Kinde, sobald es seinen Wuchs hatte, gespendet und dahingegeben." So erfuhr Herzog Witigis den Namen seines Gefangenen und die blonde Rosmunde, die er um fich hat, das Dasein eines herrlichen Schatzes. Sie umhalste den Herzog und erflehte sich Geschmeide von Malmort. Ihr Stirnband habeseine Perlet: und ihr elfenbeinerner Kamm die Hälfte seiner Zähne verloren. ~ Ws HerWgold. 3>»r Bertha Kohfahl-Mü nker*). Gur Qolbrter Dom wölbt sich der 'Wald, ein Schimmern, Flimmern ist in seinen Räumen, ein Rauschen, Raunen von ihm widerhallt, — ein Flüstern von vergangnen Traumen. Rotbraun der Teppich, der Len Boden deckt, golden durchwirkt von Sonnenfäden. Rur ab und zu ein Blatt vom Baume schrecct, leise zitternd, — als wollt es fallend reden voir Liebe, Glück, Vergangenheit.--— Ich nahm das goldne Blatt in nreure Hande, schmerzlich bewegt von altem Leid und ohne Hoffnung, daß es jemals ende. Doch leise, leise raunt das Blatt von golddurchwirkten Stunden, wo Mund zu Olinnb sich gefmrde-n hat,--— von niemals geheilten Wunden. — — — Fahl liegt es plötzlich auf meiner Hand, fahl ist der Himmel, der herrlich blaute, schwarzgrau ragt eine Wolkenwand. — — — Well' ist alles, was ich golden schaute. ----- Truggold, — — Herbstgold. Das „schlechte Haar." Aus amerikanischen Quellen; nacherzählt von Friedrich Ai Whneken. Erst als Don Jnocencio Quintana Minister wurde, sing er an, Haaröl zu gebrauchen. Früher kümmerte er sich nicht darum, daß sein Haar verdächtig kraus war. Aber jetzt muhte man der öffentlichen Meinung Konzessionen machen. Das sagte wenigstens *) Aus dem bei Julius Emil Gauiin Hamburg erschienenM Gedichtsband „Franenseolck'. Kurz, Goldschmied Rachis wurde an dich geschickt und bietet dir den Lausch 'Wähle: Schmuck oder Bruder I Ehe noch der Lombarde geendigt hatte, stürzte das Mädchen «gen di« Burg, die steile Treppe hinauf, verschwand in der Pforte und kam atemlos wieder, Schimmerndes und Klingendes in dem zur Schürze gefaßten hellen Oberkleide tragend. Dieses hielt sie mit der Linken, während die Rechte Stück um Stuck wie aus einem Horte emporhob und den gekrümmten Fingern des Goldschmieds überantwortete. Spangen, Stirnbänder, Gurtei, Perlschnüre verschwanden in dem Sacke, welchen Rachis geöffnet hatte, auch für die blonden Flechten Rodmundens ein kunstvoller Kamm von Elfenbein mit dem Heiland und den Aposteln in erhabener Arbeit. Jedes durch seine Hände wandernve stuck begleitete der Goldschmied mit dent Lobe des Kenners, nicht ohne Sn bißchen Bosheit, die dem begeisterten Mädchen seine Der- lüfte fühlbar machen wollte. Sie zuckte nicht einmal mit denn Wunde, sie leuchtete vor Freude bei der Hingabe alles chres Da kam ihr denn doch ein Zweifel. „Du bist redlich?" sagte j fle. „Du schickst mir den Bruder? Es ist besser, ich begleite dich! und sie machte sich wegfertig. „Unmöglich Herrin," widersprach der Lombarde das geht nicht! Du entdecktest unsere Schlupfwinkel und gefährdetest mit dem Leben des Bruders auch das deinige. Die Dichterin ober Würde dich von uns geraubt glauben. Sei nicht unklug uno gib dich nicht in fremde Gewalt!" Er belud sich mit dem Sacke. „Ein Schlummerchsn, Fräulein! und wenn du die Augen toieber öffnest, hast du den Bruder, der dich Gold und Gut kostet. Das schwöre ich dir!" Er senkt die drei Finger mit «nem grimmigen Blicke gegen den Erdboden. „Ber dem da unten, ge- lobte ct. »Ein glaubhafter Schwur!" sprach eine weibliche Stimme. Rachis wendete sich erschrocken un LSog das Knie vor einer behelmten Frau mit strengen Zügen, die den Speer, den sie in der Hand getragen, einem bewaffneten Knechte reichte. Die Dichterin mochte auS Schonung für ihr ermüdetes, Tier den steilen Bergweg zu Fuß erklommen haben. Sie faßte Palma schützend am Arm und blickte geringschätzig auf den Lombarden. .Schwürest du bei Gott und seinen Heiligen', sagte sie, „so schwürest du falsch; eher schwörst du die Wahrheit bei deal Ba-w: der Lügen. Habet ihr euch nicht bei allem Göttlichen verpflichtet, ihr Lombarden, nie mehr in Ratten zu rauben und zu brennen / Und jetzt, da ihr, tote alles Böse, vor den Augen d^ Kaisers flüchtet, schleudert ihr rechts und links verheerende stammen Ich komme von Eur und weiß um eure Taten, Eidbrüchige! Sage du deinem Witigis, die Richterin würde ihm nachtzrgM tknd ihn züchtigen, wenn nicht ein Höherer käme, und er ist 1 Hon da, dessen Hand ihn erreicht, flöhe er an die ®nben der Erde! Jetzt fielen ihre Augen auf den Sack des Goldschmieds. „Was trägst du da weg, Dieb?" fragte sie verächtlich. (Fortsetzung folgt.) Sr. Exzellenz, her Präsident. Demi in Venezuela war das .schlechte" Haar, das dort fo viele Personen haben, denselben bei Erlangung einer gesellschaftlichen Stellung hinderlich. Selbst di« vielsagenden dunkelblauen Halbmonde an der Basis der Fingernägel, oder eine etwas zu dicke Unterlippe, und selbst jener bläuliche Schinimer über den weihen Augäpfeln sind weniger verräterisch als das „schlechte" Haar. Denn was diesen Punkt betrifft, kann die Statur keine» Irrtum begehen. So kam es, bah das Pomadengeschäft in Caracas schnell zu einem blühenden Industriezweig wurde, an dessen fernerem Gedeihen nun auch Do» Ssocencio arbeitete. Fortan lag das Haar so glatt am Kopfe des Ministers, wie Vas seines indischen Kammerdieners Juan. Die Gesellschaft von Caracas geriet darüber in nicht geringes Erstaunen. „Qtber, warum denn?" „Roch in dem Alter?" „Ms ob es nicht ohnedies jedermann wüßte. Der arme Mann! Es ist wirklich schade!" „Wahrscheinlich ist es in den Vereinigten Staaten Mode geworden, schlichtes Haar zu tragen. Er Hält so viel von Ben Vankees, obwohl wir sie alle nicht leide« «lögen. Auch behauptet er immer, ihr Land sei das einzige auf der Well, nr welchem gänzliche Gleichheit herrsche. Pobrecrto! Don Jnocencio beachtete das Achselzucken, das Geflüster der Gesellschaft nicht, wie er ähnlich geräuschlose Demonstrationen seit vierzig Jahren ignoriert hatte. Das vwtrug sich mtt r«n sprichwörtlich gewordenen Familienstolz der Qinntana allerdings sehr ^^Eencios Großvater war nämlich der durchaus wasch^ echte Kasttlianer Mckrquis de la Quintarm gewesen, der Äs General die Armee von Venezuela zu brillante« liegen geführt hatte. Wer aber Don Jnocencivs Großmutter «e Wi W£u, das wußte man nicht. Um so mehr wußte man ledoch, daß fern Vater. Don Beltrön, eines Tages von einer Expedition aus dem Inneren des Landes mit einer jungen F^u »uruLehrte, die bei jeder passenden und unpassenden Gellgenhett Handschuhe trng, und deren Haar, rote man nur zu bald entdeckte, „schlecht "^Elvira, die junge Frau, schenkte ihrem in dem, wie es sich im Laufe der Jahre herausstellte, alle Vom Mae des Großvaters vorhanden waren. Dazu war er liebens- würdig und sanft wie eine kleine Mutter. Dcm den ^MMten Vorfahren der letzteren hatte Don Jiioceneweinvielsa^ndes Gefickt geerbt. Die Form desselben war entschiede« afEmsch. die Farbe dunkel, sehr dunkel, wenn auch nicht ganz schwär», — und nun gar das Haar, das „schlechte Haar!. ■ Don Belträn soll, wie man damals behaftete, Eck» aussehenden Sohnes wegen an gebrochenem «erzen ge- storben fein. Seine Witwe aber ließ ihrem Sohne eine sorg- fälttge Erziehung angedeihew So kam es, daß ^-Entto als er zum Manne herangewachsen war, Weit E muttgen Augen ins Angesicht blickte und fern Schicksal mit Wurde um @C&®aracaf folgte dem Beispiel der Domra VicMa, ein« vornehmen alten Dame, die gesellschaftlich ^9« S’wfc behandelte Don Jnocencio nebst seiner Gattin würdig und dillS- sam. Man vergaß seine gute Abkunft am väterlicher Seite mch und bemitleidete ihn der schlechten' Haare wegew Es ist schade, zu schade", sagte man. „Ern Mann von sotqren Verdiensten, solchen Kenntnissen^ Dios de "» ataal .Aber wie war es denn möglich, so fragte die Jxäx. ocs englischen Gesandten, „daß der Mann «ne Gatturfand! „Ein Mann findet immer eine Frcm “ Vicenta. „Die fetnige war eine ausgezeichnete Gattin, wennfie auch nicht zu unfern Gesellschaft gehörte. Schade, daß sie nicht mehr am Leben ist. Pobremta!" . j. „Aber seine Tochter? Wie steht es damit? Wer wno tne Heine Rosalita heiraten?" . , s.; tneite Danna Vicenta seufzte und schüttelt« gedankenvoll das Nciv ^aUVAy de mi! Quien sabe? Das ist eine LrageEmMann Hnbrf immer eine Frau; schwer wird cs aber sein, für die wohlerzogene Rosalita den Emr Gatten zu fi nd«i, SoS arme Ding sollte die Welt erst gar nicht teraiert lernen wt& den Schleier nehmen. Ich muß mit ihrem Vater ohne Verzug ^^©0$'tat bie gute Same, taktvoll, toie fie nun einmal war, aber doch sehr deutlich. Einen Augenblick lang vettor D?r Jnocencio seine Selbstbeherrschung. Er vergmib sein äe Hände und schluchzte. „Mein Gottk' .^s er mtt Mer^r Stimme, „ist es denn nicht genug, daß lch.WH«r muh? Sott mein armes, unschuldiges Kind aich noch leidm?' Zärtlich wehmütig antwortete Donna Vicenta. „Wem teurer Freund, so wird es wohl fein." „Ich bin so sehr vereinsamt und sehne mich «ach ihr. Sie wird infolgedessen das Kloster zu Ostern verlasssii „Gott und alle Heiligen mögen sie bchuteni umnnÄte Donna Vicenta, und Don Jlweencio fügte ein dumpfes „ ^men hinzu, indem er sich die Tränen Caballero? Verlangeit Sie. was Sie wollen!" , , , Ohne Zögern antwortete Don Jnocencio: ^Jch habe nur einen Wunsch, nämlich zwei Monate Urlaub und Ihre Erlaubnis, das Land zu verlassen, um mit meiner Tochter eine Reife zu mati©usman war nicht wenig erstaunt über die B^cheidenheit seines Ministers und gewährte dessen Bitte augenblicklich Vierzchn Tage lang verbrachte Rosalita bei den Vorbe- reitungen zur Reise in angenehmster Aufregung, wahrend Jno- cencio selbst der Erfüllung seines Ideals mit Freuden entgegen* sah Erneuerte Zweifel blichen aus den Augen der auten alten Donna Vicenta, als ihr Vater und Tochter zum Abschied die Hände schüttelte. Möge Gott dich behüten, mein süßes Kind, sagte sie. Hier" fügte sie hinzu, Don Jnocencio eine Karte einhändigend, "ist die Adresse unserer gemeinsamen Freundin, Mrs. Dolores Garcia die in Meuyork für unsere Landsleute ein Familienhotel betreibt. Es ist in der Vierzehnten Straße. Ich möchte Ihnen raten, zu ihr zu gehen." ' . Don Jnocencio verbeugte sich höflich „v5ch cher^ nicht verfehlen, der Dame meine Aufwartung zu machen, beabsichtige jedoch in einem der vornehmsten Hotels abzusteigen. Dori dürste Rosalita mehr sehen und zur Geltung kommen." Die Reise war stürmisch, wie immer im Dezember. So fasit es denn, daß Rosalita bleich und schwach war und auch Jnocencio die Folgen der Ueberfahrt nicht gerade angenehm fühlte, als Vater und Tochter eines Machmittags auf der Weist der „Red-D"--Linie zu Meuhork in eine Droschke stiegen. „ Fahren Sie uns, bitte, nach dem ersten Hotel der Stadt. befahl Don Jnocencio. Der Kutscher zögerte einen Augenblick, schlug dann die Wagentür zu und stteg auf seinen Bock. Die Fahrt durch die Stadt war lang, die steine Rosalita litt unter der ungewohnten Winterkälte. Don Jnocencio war froh, als der Wagen endlich still stand und der Kutscher den Schlag öffnete. „Soll ich warten, Mister", fragte der Rosselenker, nachdem et feinen Lohn empfangen hatte. „Warten? Warum denn?" „O, vielleicht sind hier keine Zimmer frei; dann werden Sie toeiterfahren müssen", erwiderte der Kutscher. „Daran habe ich nicht gedacht. In Caracas sind zu jeder Zeit Hotelzimnier frei; hier natürlich gibt es mehr Menschen. Also, warten Sie lieber." Don Jnocencio betrat die pompöse Rotunde deS Hotels. Die funkelnden Lichter, die in Mummtöpfen umherstehmden tropischen Pflanzen, die auf dem teppichbelegten Bodm einhev- schwebendm schönen Frauengestalten muhten dem alten Mann* förmlich dm Atem. Welch' ein brillanter Aufenthaltsort für seine Rosalita! Hoffentlich würdm hier Zimmer zu haben fein. Mber der Clerk hinter dem langm Tisch schüttelte mit dem Kopf, nachdem er Don Jnocencio scharf gemustert hatte. „Mein", sagte er, „totr sind bis unter das Dach besetzt. ®uten Abmd." Don Jnocencio setzte sich wieder in die Droschke und ließ dm Kutscher toeiterfahren. Mach wenigm Minuten hörte Jnocencio in einem gleich großartigen Hotel, daß daselbst ebenfatt» sämtliche Zimmer vergeben waren. Ebensowenig Gastfrmnfchaft fand der Marineminister tu dem dritten Hotel. Es war inzwischen dunkel geworden, ei« .eisiger Wind fegte durch die Straßen, eine Schneewolke schlug dem altm Manne ins Gesicht, als er wieder auf die Straße trat und den Wagenschlag öffnete. .„Ich friere so sehr", klagte Rosalita. Der Kutscher verstand ihr spanisch nicht, aber der klagende , Don der Stimme appellierte an sein gutes irisches Herz. .Annes Mädchen! Es ist eine Schande!" murmelte er und nahm seinen Hut achtungsvoll vor Don Jnocmcio ab. „Ich denke, Sir, Sie erlauben mir, in das Cafe zu gehe« und der jungen Dame etwas Warmes herauszuholm. Dam» werden wir es mit einem besseren Hotel zweiter Klasse ver- suchm, das nicht weil von hier gelegen ist." Don Jnocmcio nahm beide Vorschläge mit Freuden an. Er selbst fror und war müde. Aachdem Rosalita eine warme Tasse Kaffee getrunkm hatte, setzte das Fuhrwerk sich wieder in Bewegung. Rach einer Viertelstunde hielt es vor einem stattlichen! Gebäude, dessen Inneres allerdings mehr gediegen als elegant war, aber dennoch dm Eindruck großer Behaglichkeit hervorrief. Sicherlich war dies etwas altfränkische Haus nicht überfüllt. „Ich wünsche einen Salon, zwei Schlafzimmer nebst einem Badezimmer für mich und meine Tochter." Der grauhaarige Clerk blickte dem Sprecher einen Augmblick lang ins Gesicht; dann murmelte er eine Entschuldigung und näherte sich einem in der Mähe stehenden Mann von behäbigem Aeußerm, — dem Besitzer des Hotels. Mach kurzer Unteredung kehrte der Clerk zurück. „Es tut mir leid", sagte er, „daß totr Sie nicht bedienen' können,,wie Siebes wünschen." v „Vielleicht können Sie mir aber eine kleinere Wohnung zuweisen, zwei einzelne Zimmer, oder wenigstms ein Zimmer für meine Tochter, die nach der langen Reife müde und abgespannt ist. Ich werde schon anderswo ein Unterkommen finden." Aber der grauhaarige Clerk wiederholte: „Ich bedaure, daß wir Sie nicht unterbringen können." Auf dem halben Wege nach der Tür bückte sich der Minister, um ein aufgegangenes Schuh- , band zuzubinden. In dem Augenblick betrat ein großgewachsener Mann das Hotel und begab sich an den Tisch des Clerks. Ein schwarzer Diener folgte ihm. „Guten Abend, Andrew, guten Abend. Mn soeben von Richmond angekommen. Haben Sie ein Zimmer für mich?" f „Natürlich, Herr Oberst, eine ganze Anzahl sind frei“, ertönte die Stimme des Clerks. „Suchen Sie sich das Beste im HauS aus." Don Jnocencio richtete sich erstaunt auf. Also waren hier doch Zimmer frei. Wahrscheinlich war der Clerk erst soeben zur Einsicht gelangt, daß er sich vorhin im Irrtum befunden hatte. Der Minister eilte an den Tisch zurück und rief mit freudig erregter Stimme: „Sie hatten sich also vorhin getäuscht, und es sind noch viele Zimmer frei, wie Sie soeben dem Herrn versicherten. Das freut mich sehr. Dann kann ich also die drei Zimmer nebst Bade- raum haben?" Er ergriff eine Feder, um seinen Manien in das Buch einzutragen. Plötzlich fiel eine große Hand auf seine Rechte. Die Feder rollte auf die offene Seite des Buches und fiel von dort auf den Boden. Zugleich riß der große Herr dem Marineminister das Buch aus den Händen und rief: „Nicht so geschwind, Herr, nicht so geschwind! Ich glaube, Mister Andrew hat sich Ihnen gegenüber nicht deutlich genug ausgesprochen. „Sagen Sie dem Menschen", wandte sich jetzt der Oberst an den Clerk, „sagen Sie ihm doch, daß sich in der Nähe ein Absteigequartier für Neger befindet, wo ich meinen Sambo immer unterbringe. Dorthin sollte er auch gehen." Einen Augenblick herrschte gespanntes Schweigen. Der Clerk errötete sichtbar. Don Jnocencio starrte dem aggressiven Herren stumm ins Gesicht. Endlich aber schlich er mit wankenden Schritten und gesenkten Hauptes zur Tür hinaus, wie ein Mann, der plötzlich alt geworden war. In nichts zerronnen war das Ideal feines ganzen Lebens. DaS also war das Land der Freiheit und Gleichheit?! Er übergab die Karte feinet alten Freundin Donna Vicenta dem Kutscher und ließ sich stillschweigend neben seiner Tochter „Wohin fahren wir?" flüsterte Rosalita. „Zu unserer Landsmännin Dolores Garcia. Ich habe Heimweh!" entgegnete der Marineminister. vchriftleitung: Dr. Friebr. Wilh. Lange. — Druck und Verlag der Drühl'schen Univ.-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, Gießen. k