Gietzener Zamilienblütter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgang (925 Dienstag, den \I. Zebruar Nummer H Das andere Dasein. Von Franz Werfel. Ein dicker Spatz im Nordwind, faß auf meinem Fensterbaum. (O kleiner Atemrauch, silbern, zu sehen kaum!) Auf einem Ast faß er. den Schnabel himmelwärts gewandt, un geheizten Zimmer, hab' ihn friedevvll genannt. Ich. un geheizten Zimmer, sagte laut: Wie wohlig ist dir selbst die Winterwelt und traut! Du schwingst dich auf und ab durch dieses Tages grauen Schein. Weltunbewuht fällt dir. was jetzt mich schauern macht, der Tod nicht ein. Da liest der Bogel plötzlich sein Köpfchen los. Aus schlaffem Halse baumelt und tanzt es blost. Ringsum die Federn stäubten, die schmerzlich ausgesträudtexr. lind nieder sank ein runder Ball , (brausten knackt's leis) langsam und feierlich aufs unbegrenzte Weih. Hugo Wolf. Bon Romain Rolland. Der Dichter Romain Rolland ist zuerst durch seine hervorragenden musikgeschichtlichen Arbeiten bekannt geworden, die alle Vorzüge seiner darstellerischen Kunst besitzen. Auch die Sammlung von Aufsätzen„Musiker von heute", die er jetzt bei Georg Müller in München erscheinen läßt, enthält Meisterwerke tiefdringender Charakteristik, Uns interessieren besonders die Würdigungen deutscher Meister, unter denen neben Wagner und Richard Strauß Hugo Wolf besonders hervortritt. Aus dem ergreifenden Lebensbild, das Rolland ihm gewidmet, seien hier einige Stellen wiedergegeben. s . 2e mehr man in die Geschichte großer Künstler emdringi, desto tiefer wird man von der Größe des Schmerzes erschüttert den rhr Leben in sich birgt. Sie find nicht allein den gewöhnlichen PAifungeir und Täuschungen unterworfen gewesen, die ihre reizbare Empfindlichkeit grausamer treffen, sondern ihr Genie, das ihnen vor ihren Zeitgenossen einen Borsprung von zwanzig' dreißig, fünfzig Jahren — oft von mehreren Jahrhunderten — nchert, läßt eine Wüste um sie erstehen, verdammt sie zu verzweifelten Anstrengungen, nicht einmal um zu siegen, sondern nur um zu leben. Es ist selten, daß diese Naturen, zarter als andere, diesem -mdlosen Kampfe lange Widerstand leisten können. Krankheit und Elend sind die .Ursachen eines frühzeitigen Endes der schönsten Genies gewesen, die gerade würdig waren, glücklich zu fein- eines Mozart, eines Weber, Und trotz alledem siird sie glücklich zu nennen, wenn sie wie jene, in einem von Ermattungen und Entbehrungen untergrabenen Körper die volle Gesundheit der Seele und die Schaffensfreudigkeit bis zum Ende bewahrt haben, die die Nacht erhellt, in der sie ringen! Es gibt aber ein schlimmeres Geschick! Gin Beethoven, der arm, in feiner Liebe betrogen, in sich selbst eingemauert war, ist lange nicht der un- Siucklichste der Menschen gewesen. Nichts blieb ihm, als er sich selbst,- aber er gehörte sich wenigstens, er beherrschte seine innere Welt. Und welches Reich wär je dieser unendlichen Gedankenwelt vergleichbar, diesem weiten Himmel, an dem die -2türme vorbeibrausten! Dis zu seinem letzten Sage bewahrte der alte, an fernen elenden Körper gekettete Promvthens seine eiserne r nichts ihn anfechten konnte. Sterbend war seine •Ix ,-®etoesung die der Empörung: Mitten in einem Gewitter richtete er sich, nut dem Sode ringend, in seinem Bette auf und iDie» mit der saust gen Himmel. Sv ist er in vollem Kampfe von einem einzigen Schlag getroffen, unverletzt gefallen. .. Aber was soll man von denen sagen, die allmählich sterben die sich selbst überleben, die dem langsamen, stückweisen Verfall ihrer Seele beiwohnen! So war es mit Hugo Wolf, dessen tragisches Geschick ihm einen besonderen Platz in dem Fegefeuer der großen Musiker sichert. . Mit 37 Jahren war dies Leben vernichtet. — denn die fünf Jahre vollständigen Wahnsinns lassen sich nicht mitzählen. In oer Kunst gibt es nicht viele Beispiele. eines so schrecklichen Schicksals. Das Unglück Nietzsches kommt ihm in keiner Weise gleich: denn Nietzsches Wahnsinn war gewissermaßen eine schöpfe- Kraft: sie ließ aus seinem Genie Blitze hervorfprühen. di« sich ntemais in einem Zustand des Gleichgewichts und der voll- kommenen Gesundheit gezeigt hätten. Wolfs Wahnsinn war Ber- nichtung. Selbst in der Zeitspanne dieser 37 Jahre kann man übrigens sehen, wie geizig ihm das Leben zugemessen wurde. Dieser Mensch, der wirklich erst mit 27 Jahren zu schaffen begann und dann für fünf Jahre (von 1890—1895) zum Schweigen verdammt war. hat in Wirklichkeit drei oder vier Jahre ge- Aber in diesen vier Jahren hat er intensiver gelebt alö die Mehrzahl der Künstler in einer langen Laufbahn, und er (unterlaßt in feinem Werke den Stempel einer Persönlichkeit, di« keiner je vergessen kann, der sie kennengelernt hat. , Dieses Werk besteht wesentlich aus Liedern: und diese Lieder Und durch die Anwendung der von Wagner für das dramatische aufgestellten Grundsätze in der lyrischen Musik ckarateri- ffert. Es handelt sich hier nicht um eine Nachahmung Wagners. Ster und dort findet man bei Wolf wagnerische Formeln wieder (übrigens nicht weniger als offenbare Reminiszenzen an B>r- tioz). Das ist das unvermeidliche Zeichen der Zeit, und jeder große Künstler trägt seinerseits dazu bei, di« allen geläufige Sprache zu bereichern. Aber der tiefe Wagnerismus von Wolf besteht nicht m diesen unbewußten Aehnlichkeiten, er drückt sich in fernem Willen aus, das Wesen der Musik aus der Dichtung herzulekten. 1890 schrieb er an Humperdinck: „Lasse vor allem die Poesie als die eigentliche Urheberin meiner musikalischen Sprache zu Worte kommen, denn da liegt der Hase im Pfeffer." ® Arlelbe Mensch wie Wagner, zugleich Dichter und Komponist ist, so ist natürlich, daß Dichtung und Musik eine vollkommene Einheit verwirklichen. Wenn es sich aber darum handelt, die Seele anderer Dichter in Musik zu Übertragen, so sind dazu besondere Gaben psychologischer Feinheit und reiche Sympathie nötig. Diese Gaben hatte Wolf im höchsten Grade, Kem Musiker hat je die Dichter besser empfunden und ver- standen G. Ruhl sagt in einer seiner Kritiken: „Er ist der größte Psychologe gewesen, den die deutsche Musik seit - Mozart er- levt hat. Diese Psychologie hat nichts Anerlerntes. Wolf war unfahig, Dichtungen in Musik zu setzen, die ihm nicht begeisterten. ®r NH mehrmals vorlesen, oder er las sich selbst das Gedicht, das er komponieren wollte, abends laut vor. Wenn er sich davon überwältigt fühlte, sonderte er sich mit dem Gedicht bon allem ab, sog seine ganze Atmosphäre ein und träumte lange. Dann ging er schlafen, und am nächsten Morgen schrieb er das Lied in einem Zuge nieder. Manche Lieder jedoch schlummerten jahrelang im ihm. Und plötzlich erwachten sie in Musik umgesiaitst- Dann überkam ihn ein Jubel von Glück. „Wissen ®?c? > er an Müller, „ich habe dabei vor Freude geschrien. Muller sagte, daH er wie eine Henne wäre, die gackert wenn sie ein Ei gelegt hat. Unter den von Wolf ausgewählten Gedichten ist nicht ein einziges mittelmäßiges, was man weder von Schubert noch von Schumann sagen könnte. Und es ist darunter kein Gedicht eines zeitgNwssischen Dichters, obwohl ihm einige von ihnen sympathisch waren — wie Liliencron, der gewünscht hatte, von ihm üßttonf Zu toerben. Qlbcv cv fonrttc c$ nid^L foindnicrt® immer nur das, was ihm in den Werken großer Dichter so vertraut geworden war, daß er es wie sein eigenes fühlte. Auch fällt in seinen Liedern die Wichtigkeit auf, bi- er der Klavierbegleitung beimißt, und ihre Unabhängigkeit hinficht- ilch der Stimme. Gei es, daß Singstimme und Klavier den Gegen- atz ausdrucken, der so oft zwischen Worte und Gedanken tritt- « es wie im Prometheus von Goethe, wo die 'Segleitung den chreckuch drohenden Zeus schildert, während die Singstimme der Interpret des Titanen ist: sei es, wie in der Serenade von Eichen- dvrff, wo er in der Klavierbegleitung einen verliebten Studenten barßellt, während der Gesang einen Greis wiedergibt, der ihr lauscht und sich seiner Jugend erinnert, — immer behalten Kka- bter unö Gesang ihre Individualität. Nichts könnte vom Liede gelost werden, ohne es ganz zu zerstören. Ganz besonders ist dies von den instrumentalen Sähen zu sagen, die die Lieder eröffnen, sie schließen, sie einrahmen und ihre Stimmung kurz zusammenfassen. Die der poetischen nachgebildete musikalische Form — 54 - ist äußerst mannigfaltig: bald ein flüchtiger Gedanke, oald dm Kieze Notierung eines poetischen Eindrucks oder einer kleinen Handlung, bald em großes episches oder dramatisches Gemälde, Müller bemerkt, es komme vor, daß Wolf einem Gedichte eine größere Breite gebe, als der Dichter selbst es getan hat: so in dem italienischen Liederbuche. — Das ist der Hauptvorwurf, den man ihm machen könnte, aber es ist kein unrühmlicher. Wolf hat besonders herrlich die Gedichte vertont, die mit seinem tragischen Geschick übereinstimmten, so daß man sagen möchte, er ahnte es voraus. Niemand hat besser als er die Aengste der betrübten und verzweifelten Seelen in Musik ausgedrückt, wie die des alten Harfner im Wilhelm Meister, oder die erhabene Nichtigkeit in einigen Dichtungen Michelangelos. ♦ Sogleich nach Wolfs Lode wurde fein Genie von ganz Deutschland anerkannt. Seine Leiden riefen eine fast übertriebene Reaktion zu seinen Gunsten hervor. Lieberall bildeten sich Hugo Wolf-Vereine. Heute sind es nur Veröffentlichungen, Driefsammlungen, Erinnerungen, Biographien. Man beansprucht für sich-, die Grütze des unglücklichen Künstlers immer verstanden zu haben und entrüstete sich über feine Lästerer. Denkmäler und Statuen werden bald errichtet werden. . Ich bezweifle, daß für den herben und aufrichtigen Wolf diese verspäteten Huldigungen — wenn er sie hätte vorausahnen können — ein großer Trost gewesen wären. Er hätte zu seinen nachträglichen Bewunderern gesagt: „3br seid Heuchler. Nicht für mich errichtet Ihr diese Statuen; sie sind für Euch selbst. Um Neben zu halten, Komitees zu bilden, um in anderen und in Euch selbst den Glauben zu erwecken, daß Ihr meine Freunde seid. Wo wäret Ihr, als ich Euer bedurfte? Ihr ließet mich sterben. Spielet keine Komödie an meinem Grabe. Blicket vielmehr um Euch, ob es feine andern Wolfs gibt, die gegen Eure Feindseligkeit oder Gleich- oültiakelt ankämpfen. Was mich betrifft, ich bin im Hafen/' Hausmusik. Von EilhardErichPaul»*). 3n dem langen Winter, ehe Jan Jite bei kommendem Frühling geboren wurde, hatte das Pfarrhaus von Burg Schadeleben feine hohe Zeit, denn Frau Mufika blatte in ihm ihren» Wohnsitz ausgeschlagen. Wenn der Vater, der alte Pastor Stephan Steffens, der schon zwei Söhne sein eigen nannte und nun mit stiller Dankbarkeit auf den Spätling wartete, am Sonnabend mit seiner Predigt fertig war, die er zuletzt, mit langen Schritten durch Regen oder klaren Frost lausend, memoriert hatte, dann hatte er es gern, abgelenkt zu werden. Also rief er Frau Musika, die ihm dafür auch manch liebes Mal Worte und Bilder schenkte, viel schöner als alle, die er schon im Kopfe trug. Mr die andern aber, die Schulmeister, war der Sonnabend ja sowieso die Festzeit durch das ganze Jahr-. Daim kamen sie an, einen nach dem anderen, aber zuerst kam doch Kantor Holz und begrüßte Christelmutter', die immer noch junge Frau Pastorin, die in ihrer Sofaecke sah, mit ehrfürchtiger Andacht. Kantor Holz mit seinem runden Gesicht, von kurz geschorenem grauem Bollbart dicht umrahmt, mit freundlichen Augen, die besonders fröhlich lachten, wenn die Brille hochgeschoben von der Stirne herabglänzte; Kantor Holz mit spiegelnder Glatze, über die ein immer eifriges Bürstchen wieder und immer wieder zwei dünne Haarsträhnen links vom Ohr her festlegte; Kantor Holz, in diesen seinen guten Tagen noch mit- einem leisen Ansatz zur leiblichen' Rundung, der sich bann selber mit der Erdkugel verglich, da er wie diese äquatoriale Anschwellung und polare Abplattung zeigte. Von Frohse her kam fast immer einen recht schmutzigen Weg, der nach kleinen Leuten roch, und in hohen Stiefeln bald nach dem Grohfalzer Kantor Meister Johne, von dem damals noch nicht viel zu erzählen war. Denn die Zeit, in der Meister Johne durch halb Mitteldeutschland berühmt wurde, weil er als Konzertspieler überall begehrt war, kam erst ein Jahrzehnt später, und doch besaß et schon seine ganze Kunst. Es war nur um so reizvoller, was später ausverkaufte Konzertsäle mit Beifallsstürmen erfüllte, in ein enges Mahagonistübchen gebannt zu sehen. In ein Mahagonistübchen aber, hatte Kantor Holz gesagt, auf dessen rotem Plüschsosa die Heilige der Musik, die Cäcilie in Person, zugegen war. Das Pfarrhaus von Burg Schadeleben war nicht zu klein für Meister Johne. Er lebte die ganze Größe seiner nachsühlenden Kunst in diesen bescheidenen Quartetten, Er hatte die Noten mitgebracht, die er für die anspruchslose Fertigkeit seiner Mitspieler zurechtschreiben mußte. Er selber dirigierte mit energischem Kopfnicken vom Klavierschemel aus. im Kantor Holz und dem Organisten Zeisig aus Salze waren zwei Geigen vorhanden, deren eine sehr exakt und schulgerecht gespielt wurde, aber der lockere Zeisig war ein Genie. Daß ihnen ein Cello fehlte, war Meister Johnes großer Schmerz. So wurden denn für des Vaters-Part die Noten cellomähig geschrieben, *) Aus „Jan Jites Wänderbuch". (Bücher der Rose des Verlages Wilhelm Langewiesche-Drandt in Gbenhausen bei München f denn der alte Pastor Stessens spielte das Harmonium. Eine Sechzehn-Fuß-Stimme, vielleicht mit einer Aerline vn Bah verknüpft, muhte dann das unentbehrliche Cello ersetzen. Vater Steffens spielte mit Hingebung, aber ohne Gelenkigkeit seiner steifen Finger, woraus Meister Johne Rücksicht zu nehmen hatte, Aber der lockere Zeisig war ein Genie und kam als ein solches an allen Sonnabenden zu spät, was Kantor Holz stets mißbilligte, Christelmutter aber immer entschuldigte. Dann hatten die drei solange nicht spielen können und hatten sich mit Worten genügen müssen. . . „ ..Wir brauchen die Kunst, ;e weiter wir es in der Entwicklung des Menschentums bringen, um so notwendiger," erklärte Vater Stessens. „Wenn ihr im Homer oder im Nibelungenlied nachlest, die Primitiven dürfen lachen und weinen, lieben im r n n d t. XXX. rr! m st ei i- « l- Iräumen gegangen waren, Mckien heraus, alle Pärchen, die in den Torwegen in blühender, heimlicher Liebe sich umschlungen hielten, wagten sich heran, und in der Ferne heulte ein Hofhund, dem die Sehnsucht im Herzen Weh machte. Dann waren die Geiger verschwunden, husch, wie sie herangeschlichen waren, und die Windlichter waren verlöscht, aber die Sterne standen am hohen Himmel, älnd Christelmutter hatte weinend in des Vaters Armen gelegen, weinend nur im Ueberschwall ihres großen Glückes. Das Saalewehr hatte nächtlicherweile hineingerauscht und klang doch nicht anders denn Vater Haydns Menuette. älnd durch das Mahagonizimmer tanzten die Töne, gaben sich die Hände und verschlangen die Arnie und schlossen den Reigen um Christelmutter und ihre lieben Erinnerungen. Mit einem großen Seufzer schlossen die Spieler, legten die Geigen hin, der Vater stand auf und reckte sich, aber Meister Zahne wülte in neuen Roten. Kantor Holz blickte mit feucht verklärten Augen um sich und ließ sich von Christelmutter die Teetasse bis an den Rand vollschenken. Aber der Organist hielt feine eigene Ergriffenheit nicht lange aus, sondern 50g* sich aus ihr heraus, wie Münchhausen sich am eigenen Haarschopf aus dem Sumpfe zog, und rettete sich in eine Ironie. „Das hat also der alte Haydn komponiert," sagte er, „als seine Frau ihn gar zu sehr geärgert ha!tte, oder als er nicht wußte, ob er Mistreh Schröter zu seiner Londoner Geliebten Der Fährmann von Niederhausen. Von Heinrich Vechtolsheimer. (Fortsetzung.) Peter Wenzel hatte Teil an der Duchrother Feldjagd. Wenige Tage vor Weihnachten war dort die alljährlich stattfindende Treibjagd. 3m Feld und im Keller war nichts zu tun, darum sagte der Herr zu seinem Knechte: „Michel, wenn du Lust hast, so kannst du mitgehen." Der junge Mann sagte freudig zu. An einem kalten Wintermorgen — Schnee war noch nicht gefallen —, gingen die beiden zur 3agd. Der Boden war fest gefroren, der Qualm der kurzen Pfeifen, die die beiden rauchten, drang hinaus in die Luft. Die Rahe, neben der sie schütten, hatte nur wenig Wasser, am Rande hatte sich etwas Eis gebildet. Der Himmel war rein und blau, und die Sonne beleuchtete mit mattem Glanze die schöne Landschaft. Bald ragte zur Linken der mächtige Lemberg auf, der mit seinem Fuße dicht an den Fluß herantritt und in östlicher Richtung zu einer Hochebene abdacht. Diese Hochebene senkt sich bei Ebernburg wieder herunter in das Flußtal. Bei Oberhausen wendet sich die Rahe in großem Dogen nach der westlichen Richtung. Hier ließen sich die beiden Säger vom Fährmann Bastjian übersetzen und schritten bergaufwärts durch das Dorf. Hinter den Fensterscheiben tauchten Gesichter auf, das Hühnervvlk marschierte auf der Straße und in den Höfen auf und ab un® >n m n: machen, ihr Holzhacken!" Aber Meister Sohne hatte neue Roten zurechtgelegt und rief. Dann war es vielleicht eins der Sonnenquartette, bei deren Fugen dann Vaters Harmonium kräftig hineinredete. Die Töne quollen und sprangen übereinander. Das war wie das Murmeln des Daches, der aus dem Walde herausgetreten ist, und über Steine hinweg abwärts spielt und eilt und sprudelt. Oder es war das Rachtigallenquartett in O-Dur, bei dem der Organist Zeisig seine erste Geige so engelrein singen, so wehmütig klagen ließ, daß Christelmutter einmal vielleicht den Spieler erstaunt ansah. Dann aber saß sie mit stillem Gesicht und lauschte auf das junge Leben, das in ihr wurde. Oder Schuberts Lieder standen auf den Pulten. Die klagten so süß und machten das Herz schwellen, die sangen so zag und schmeichelten den Sinnen, daß der Vater nicht anders konnte, daß er danach in den Keller steigen muhte, eine verstaubte Flasche Rheinwein zu holen; Dacheracher lag im Kellerbord. Wenn danach und zuletzt der Vater die Gäste alle die Treppe hinunter geleuchtet hatte, dann räumte Christelmutter still Gläser und Teetassen auf, packte die Roten zusammen und schloß das Harmonium. Der Vater geleitete die Gäste durch den Garten und sprach wohl noch ein Abschiedswort an der Gartenpforte unter Rächt und Sternen. Dann zagten vielleicht Christelmutters Finger in der Stille über die Tasten, und vielleicht setzte sie sich an das Klavier und vielleicht sang sie mit ihrem süßen Alt Schuberts Erlkönig oder Beethovens Adelaide, oder sie sang leise und heimlich ihr altes, altes Wiegenlied: Schlaf in süßer Ruh, tu die Aeuglein zu. Hör, wie drauß' der Regen fällt, hör, wie Rachbars Hündchen bellt. Hündchen hat den Mann gebissen, hat des Bettlers Kleid zerrissen, Bettler läuft der Pforte zu. Schlaf in himmlischer Ruh. Denn jetzt sollte ihr Spätling San Site geboren werden. Lühe Rachtigallenlieder zittern durch die Sommernacht, ach, und alte Liebe wieder, längst verklungen, ist erwacht. . X Ach, und altes Weh, und wieder mitten in der Blütenpracht süße Rachtigallenlieder zittern durch die Sommernacht. » Aber Meister Sohne klappte mit den Roten. Sie waren seit einiger Zeit dabei, Vater Heydns Quartette miteinander zu spielen, und die Augen leuchteten ihm. Meister Sohne tippte einmal laut und scharf das a, zwei Geigen wurden in zwei Lebensauffassungen gestimmt, der Pfarrer besah sich ängstlich noch einmal die schwierigste Passage seiner Partie, und fingerte, ohne Luft zu geben. Aber Christelmutter saß in ihrer Sofaecke, aller Erwartungen voll. Eine Stille trat ein,- durch die die Standuhr tickte, dann gab Meister Sohne das Zeichen zum Kaiserquartett. Meister Sohne ließ seine Finger tanzen wie eine leichte Schar- junger Mädchen, die in den Frühling rennen. Kantor Holz hatte die Drille auf die Stirn geschoben und sah dem Gerank seinen lustigen Roten scharf auf die Fähnchen; nur an den liebenswürdigsten Stellen konnte er es nicht lassen, den runden Kopf schief auf die Seite zu legen und nach Frau Christel zu schielen, die lächelnd und verträumt in ihrer Sofaecke saß und das Strickzeug ruhen lieh. Der Organist spielte mit geschlossenen Augen, aber fein Körper wachte, der lange Leib genoß mit anmutigem Tanzbewegungen die Musik. Dann kam das Menuett mit seiner naiven Herzlichkeit, so recht wienerisch leicht, volksmähig, dah es vielleicht beinahe gassenhauerisch war, zum Mitsingen und Mitwiegen zwingend. Da trugen die Wellen Christelmutter über Raum und Zeit, noch einmal sah sie lächelnd von Spieler zu Spieler und lieh ihren vollsten Dlick auf dem Harmonium ruhen, vor dem _ der Vater sich ernsthaft mühte, einmal, da er die Tiefe ihres Blickes fühlte, rasch zunickend, immer in Furcht, die Roten zu verlieren. Einmal schweifte Christelmutters Dlick noch durch das alte Mahagonizimmer, das voller Erinnerungen steckte und alle Musik des Lebens in seinem Schein aufgesogen hatte. Aus einer tiefblauen Glasvase, die wie eine südliche Rächt schimmerte, quollen weiße Rosen, ihre Mädchenzeit in der fernen Heimat. Vor dem Spiegel lächelte wie Vater Haydns Musik durch den stillen Raum die Pracht einer Altfürstenberger Vase in der Schlichtheit ihrer biedermeierlichen Schönheit, die Tändelei der ersten Ehejahre. Auf ihrem Schreibpult wiegte eine Ma Wiener Fayence ihr reizendes Köpfchen und trug eine zierliche Mokkatasse in feinen Fingerchen, bog die Knie im Knix und neigte das Köpfchen, das weiche, süße, verträumte. Das war — ja, das war gewesen, als sie ihre zweite Hochzeitsreise machten, und Vater Haydn war auch dabei. Der machte die Musik, nach der die Fayence-Dame die Knie bog und das Köpfchen neigte. Der erste Sunge war damals geboren, und ein halbes Sahr danach machten Vater und Mutter in all ihrem Glück zum zweiten mal die Hochzeitsreise, an der Vater Haydns Menuett das Allerschönste war. Sie hatten sich einen Wagen genommen und waren mit zwei nickenden Pferdeköpfen ganz allein in die goldene Herbstwelt hineingesahven. Die Sonne lag zuhauf auf ihrem Wege, aber sie verschütteten eine reichere Fülle von Sonnenlicht aus ihrem Herzen. Sn den Apfelbäumen entlang der Landstraße hingen die Früchte, rotbäckig und leuchtend, aber ihre Liebe trug vollere Früchte und zeigte strahlend den Kranz. Mit blauen Astern war der Wagen geschmückt, eine blaue Aster wippte hinter den Ohren der Pferde, eine blaue Aster hing am der Peitsche. Aber hellere Dlumensterne waren ihre Augen. Die lachten und lockten, und alle Lichter tanzten in ihnen. Ein junges Mädchen überholten sie, die bewarf Christelmutter übermütig mit blauen Astern. Ein paar Schuljungens liefen hinter ihnen her, die muhten aussteigen und erhielten einen Kuh. Der Vater pfiff und die Mutter fang, und die Pferde sprangen in, den Sielen. So waren sie nach Bernburg gekommen, einem alten Städtchen, das in seiner altjüngferlichen Einsamkeit nicht vergessen konnte, dah es einmal, einmal jung und Residenz gewesen war. Als Prinz und Prinzessin fuhren sie ein. Sm Dunkel ärgerte sie der Steinkasten des Schlosses, aber irgendwo alt der Saale steckte noch ein Flitter Rokokvherrlichkeit. Warum hatte der Vater sich hinweggeschlichen? Warum hatte er hier auf seiner zweiten Hochzeitsreise, die bewußter genießen wollte, als es die erste gekonnt, warum hatte er feine Frau, Geliebte und Mutter seines ersten Knaben verlassen? Böswillig verlassen, und sie stand allein im langweiligen Gasthauszimmer und lehnte ängstlich, bänglich den schönen Kopf an das Fensterkreuz, und ihr blondes Haar blühte wie die Rächt? Rief sie nicht leise feinen Ramen? Schwamm nicht eine Helle Träne in ihrem Auge? Da schlürften Tritte unter ihrem Fenster. Da flüsterten Stimmen auf der Gasse. Da huschten Windlichter vor ihrel Tür. Und dann jubelte eine Serenade zu ihr hinauf, kletterten Haydns Karnevalsnoten im wilden Weingerank zu ihrem Fenster empor, und unten stand der Vater glückselig inmitten seiner Geiger und dirigierte mit der Peitsche. Die Fenster öffneten sich ringsum, alle Nachtmützen, die schon schlafen und — 56 - suchte nach Äöeitern, die vom Dreschen ,zurückgebliel>en »der vom Müllerwagen abgefallen warm. Es warwr zumeist weihe und braune Hühner mit rotem Kamme, die von dem kollernden Hahne geführt wurden. Der Röhrenbrunnen. der fein Wasser ans zwei Röhren in den danehenstehMden Trog ergießt, rauschte, Schulkinder gingen mit Schiefertafel, Rechenbuch und Katechismus zur Schule, während das Schulglöcklein sein Gebimmel hören ließ. Am Wirtshaus zur „Burg Montfort" trafen die Jäger zusammen. Von den benachbarten Dörfern Obermoschel, Obern- heim, Oberhausen, Riederhausen. Norheim, Waldböckelheim waren sie gekommen, auch einige Kreuzrmcher waren darunter. Alle trugen Pelzkappen, Gamaschen und den Jägermuff rmd hatten das Gewehr über die Schulter hängen. Es gab viel Händeschütteln und Willkommenheitzen. kräftige Männerworte wurden am Wintermorgen geredet. Weniger stattlich sahen die Treiber aus. Das waren arme. Taglöhner, die im Winter kerne Beschäftigung hatten, und halbwüchsige Burschen. Die älteren Männer unter ihnen hatten die Schirmkappen tief in das Gesicht gezogen und den Hals mit dicken Tüchern umwunden. Vielen unter den Jungen waren die Aermel der Jacke zu kurz, sie hatten Stauchen über das Handgelenk gestreift. Einige der Treiber trugen dicke Fausthandschuhe, viele aber hielten den Stock in rotgefrorenen Händen. Als der Wirt mir der 'Branntweinflasche erschien, drängten sich alle herzu. Jeder bekam sein „Genanntes", mit einem kurzen Ruck wurde das Gläschen umgekippt, wobei es die Jungen den Alten nicht nachtaten. Mancher zog ein Stück Brot aus der Rocktasche und kaute daran, während einer der Jäger den Treibern Anweisungen gab. Es wurden zwei Treiben veranstaltet, das erste ging aus südlicher Richtung durch die Ackerfelder nach dem Dorfe hin, Richt weit von diesem waren die Schützen in einem großen Halbkreise ausgestellt, sie hatten sich zum Teil etwas eingegraben, um von den Hasen nicht sofort gesehen zu werden. In die Kette der Treiber waren einige Jäger eingetreten, um die nach hinten ausreißenden Hasen zu erlegen. Als die Aufstellung der Treiber vollendet war, ging ein wildes Geschrei los. Hopp-hvpp schrien die Leute aus Leibeskräften, sie schlugen mit dem Stock auf die Erde, schlugen gegen jeden Baum und Busch. Alsbald zeigten sich die Folgen ihres Gebrülls. Die armen Hasl-ein, die in den Gräben und Ackerfurchen gesessen hatten, liefen ängstlich auf den Aeckern hin und her, hier einzeln, dort zu zweien, wieder an einem andern Orte in ganzen Rudeln, und als die Treiber weiterrückten, sausten sie in der Richtung nach dem Dorfe. Richt weit vom Ortsausgang, hinter einem Baume, stand Peter Wenzel, hinter ihm sein Knecht, Ms dieser die jungen1 Treiber mit ihren roten Händen und blau gefrorenen Gesichtern gesehen hatte, dachte er daran, wie er selbst tm Atter von 16 und 17 Jahren sich als Treiber einige Kreuzer- verdient hatte. Ms das Treiben begann, richtete sich seine ganze Aufmerksaiw- keit auf die Jagd. Gerade hinein in die Schützenlinie liefen die gehetzten Tiere, und nun knallten die ersten Schüsse. Die meisten Hasen schlugen Purzelbäume und blieben auf dem Acker liegen, andere humpelten auf drei Beinen toeiter und sielen dann unter dem Schrotfeuer, das auf sie nieder ging, Wenzel hatte einen günstigen Standort, mehrere Hasen halte er nieder- geknallt, da wollte er feine Pfeife ausklopfen und frisch stopfen, darum reichte er Michel das Gewehr und sagte: „Run zeig du einmal, was du kannst." Michel, der immer einer Jagd gern zugesehen hatte und im Krieg hin und wieder ein Stück Wild erlegt hatte, zitterte fast vor Freude. Er legte, als wieder ein Hase herankam, an, und das Tier purzelte über die hartgefrorenen Schollen. „Das war ein Kernschutz," sagte Wenzel, der dicke Tabakswolken aus der inzwischen angezündeten Pfeife ausstieß, „schieß' nur weiter, Michel, ich seh' der Jagd ein bißchen zu." Rasch lud Michel wieder das Gewehr, er schüttete Pulver aus dem Pulverhorn seines Herrn ein, füllte Schrotkörner nach und setzte einen Papier-Pfropfen auf, den er mit dem Ladestocke fest stieß. Schnell wurde das Zündhütchen aufgesetzt, schon wieder kam ein Schuh aus dem Laufe, und abermals überschlug sich ein Hase. itm elf llivr war das erste Treibeir beendet. Die Jäger sammelten sich unter einem großen Ruhbaume. Bon allen Seiten kamen die Treiber- und schleppten die erlegten Hasen herbei, um sie am Stvatzenrande wohlgeordnet niederzulegen. Manchem lief dabei das Blut über die Kleidung. Zwei alte Treiber standen seitwärts, der eine stieß den anderen mit dem Ellenbogen an und flüsterte ihm zu: „Da hinten liegen zwei Mordskerle, morgen gehen wir hin und holen sie," Das nennt man dort „Hasen stoppeln". Ein Leiterwagen brachte die Deute nach dem Dorfe. Im Wirtshause hielten die Jäger kurze Mittagsrast. Um zwölf Uhr, als die Glocke läutete, begann die Aufstellung zum zweiten Treiben. Das war beschwerlicher als das erste, es nahm seinen Ausgang vom Montforter Hofe und bewegte sich durch Waldparzellen hindurch, Peter Wenzel hatte sich diesmal den Treibern zugesellt, diese hatten einen weiten Umweg zu machen, um an ihren Ausgangsort zu gelangen. Sie begaben sich nach Oberhausen, um von da aus das Tal hinaufzusteigen. Sie kamen an der Muhle vorbei, in der das Mahlwerk schütterte. Mehlstaub lag vor der Gingangstür, ein Spitzhund kläffte di« V o rübergehen den an. Am Fuße des Lembergs, der hoch und steil zur Linken auf ragt, führt die Straße aufwärts. Rechts erscheinen Weinberge, die mit Stützmauern versehen sind, links liegen Aecker und stehen Obstbäume, in der Tiefe fließt ein Bach. An die Aecker schließt sich ei« Wiesengrund an, rmd die Weinberge werden durch Wald abgelöst. In vielen Schleifen führt die Straße aufwärts zunächst und direkt nach dem Dorfe Hallgarten, im Volksmunde „Helgert" genannt. Auch jetzt mitten im Winter offenbarte dieses Stück westpfälzischen Gebirgslandes seine Schönheit. Weiter hinauf wird allerdings die Gegend reizloser und kahler. Sonst waltet dort eine wunderbare Stille, an diesem- Tage machten die Treiber, die durch den vor dem Abmarschs gespendeten Wein lustig geworden waren. Lärm. Auf ziemlicher Höhe fuhrt rechts ein Feldweg nach dem Montforter Hofe. Seinen Damen hat der Hof von einer Burgruine, die dort in der Einsamkeit, weit entfernt von den großen Verkehrsstrahen, liegt. Sie liegt, in alter Zeit schwer zugänglich, auf einem Bergkegel. Das Mauerwerk ist ganz vorn Walde überwuchert. Unrühmlich ist die Geschichte der Burg, Sie war einst von Raubrittern bewohnt, die von ihrem sicheren Waldversteck hinunter nach der Rahe stiegen, wohl auch nach dem Rheine zogen und die Reisenden beraubten. Jahrhundertelang trieben die Besitzer der Burg ihr unsauberes Handwerk, im Jahre 1456 schritten der Bischof von Mainz und der Kurfürst von der Pfalz gegen sie ein und zerstörten das Aäubernest. Beinahe ein halbes Jahrtausend ist die Burg somit eine Ruine. Der Hof besteht heute aus einigen Häusern, die von Bauern bewohnt werden, denen das anliegende Feld gehört. Damals, im Jahre 1813, standen dort zwei Häuser an einer geschützten Stelle, aber das eine Haus stand damals teer, der frühere Besitzer war ausgewändert und ein Käufer hatte sich nicht gefunden. Am Montforter Hofe sammelten sich die Treiber und die Jäger, die sie begleiten sollterr, Auf dem Hofe wohnte des Christoph Raab, in der Umgebung nur genannt „Hennerich- Jakobs Christoph", weil sein Vater Heinrich Jakob Raab geheißen hatte. Er war ungefähr achtundzwanzig Jahre und hauste mit seiner alten Mutter. Als die Treiber und di« Jäger ankamen, trat er aus dem Hoftor heraus und sprach mit den Leuten, die ihn alle kannten. Es gab nun einen sehr beschwerlichen Weg. Hinauf und hinunter ging es. über Höhen und Taleinschnitte, durch Wald und Wiesen und über Bäche, die man überspringen mußte, Die Treiber brüllten und schlugen gegen die Bäume, daß die Hasen, die in ihrem Waldverstecke gelegen hatten, angstvoll dahin rannten, um den Jägern, die vor dem Waldrands standen, geraden Weges in die Flinte zu laufen. ES gab Hafers genug, die die Treiberkette durchbrechen wollten. Michel Klee schoß auf sie und streckte mehrere nieder. Rotglühend und zum Untergehen bereit lag die Wintersonne auf den Höhen des Hunsrücks, als man wieder in Duchroth am Gasthause zur „Burg Montfort" angelangt war. Die bei dem zweiten Treiben erlegten Hasen wurden herbeigeschleppt: denn der Kreuznacher Händler war schon da, um di« ganze Jagdbeute mitzunehmen. Lebhaft ging unter den Jägern die Rede hin und her. Der eine verwünschte sein Mißgeschick, daß er gerade, als die schönsten Hasen auf ihn zuliefen, mit dem Laden beschäftigt war. Der andere rühmte sich, siebzehn Hafen zur Strecke gebracht zu haben, was einen dritten bestimmte, ihm zuzurufen: „Lugner, Halts Maul!" Es fehlte auch nicht an Vorwürfen, die einer dem anderen machte. Da sollte der eine dem anderen im Wege gestanden oder ihm durch unbedachten Reden die schönsten Hasen verscheucht haben. Im Hofe des Wirtshauses drängten sich die Treiber zusammen.. Einer der Jäger zahlte ihnen den Treiberlohn auS. Außerdem bekam jeder seinen Branntwein, dann sagte er „adjes" und ging weg. Peter Wenzel stand mit feinem Knechte mitten unter anderen Jägern auf der Straße, da trat ein junger, linkischer Wann, der auch Gewehr und Jagdtasche trug, auf ihn zu und sagte ganz langsam: „Guten Tag, Vetter Peter, ich bin erst heute mittag gekommen und habe Euch noch nicht gesehen.", „Ei, Hannes, seit wann bist du denn Jäger?" sagt«! der Angeredete. „Seit voriges Jahr, dem Michelstag, mein Vater hat mir ein Gewehr gekauft, und ich habe jetzt Teil an der Obev- rnoscheler Feldjagd." „Er schießt die Satzsteine und die Wegweiser: es ist gut. wenn man sich bei der Treibjagd nicht neben ihn stellt, sonst jagt er einem eine ganze Schrotladung in die Beine", sagte lachend einer der Jäger. (Fortsetzung folgt,) Schriftleitung: Dr. Frtedr. Wilh, Lange. — Druck und Verlag der Brübllcken Univ.-Buck- und Steindruckerei. R. Lange, Gießen.