Eichener Zamilienblatter Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger Jahrgangs Samstag, den lr. Januar Kummers Spruch. Von Joseph Freiherr von Eichendorff. Drüben von dem felgen Lande Kommt ein feltfam Grützen her, Warum zagst du noch am Strande? Graut dir, wett im falschen Meer Draußen auf verlornem Schiffe Mancher frische Segler sinkt? sind von halbversunknem Riffe Meerfei nachts verwirrend singt? Wagst du's nicht, draufhin zu stranden Wirst du nimmer drüben landen! Aus dem Leben eines deutschen Klinikers. Don Dr. Adolf von Strümpell f. Der berühmte Leipziger Kliniker Adolf von Strümpell. den vor wenigen Tagen eine tückische Lungenentzündung plötzlich hinweggerafft hat, hat die kargen Mußestunden seiner letzten Altersjahve dazu benutzt, seine Lebenserinnerungen aufzuzeichnen. Das Buch, das wenige Wochen vor feinem Tode bei F. C. W. Vogel in Leipzig erschien, gibt nicht nur dem Fachmann interessante Aufschlüsse über die Entwicklung der klinischen Wissenschaft in den letzten 50 Fahren, sondern gewährt auch Einblicke in ein schicksalreiches Getehrtenle^n, das Strümpell mit vielen bedeutenden Menschen der Wissenschaft und Kunst zusammengeführt hat. Ein besinnlichheiterer Humor durchzieht das Buch, aus dem wir mit Erlaubnis deö Verlages im folgenden einige Schilderungen aus der Leipziger Studentenzeit Strümpells herausgreifen. (1401) Ende September 1872 traf ich in Leipzig ein. Meine Eltern hatten am Eingänge der Bayrischen Straße in einem hübschen gartenumgebenen Hause eine freundliche Wohnung gefunden, in der ich ein geräumiges Zimmer erhielt, das durch die Aufstellung eines mit Farbenband und bunter Mütze geschmückten menschlichen Skeletts seine Signatur als Medizinerbude bekam. Die Universität Leipzig konnte sich damals wohl als die erste Universität Deutschlands bezeichnen. Sie hatte unter den deutschen Universitäten die größte Anzahl von Studierenden: Ausländer, die in Deutschland studieren wollten, wählten mit Vorliebe Leipzig zu ihrem Studienvrt. Der medizinischen Fakultät gehörte eine so große Zahl ungewöhnlich hervorragender Männer an, wie man sie nur selten in einer Fakultät vereinigt findet.---- Der Direktor der chirurgischen Klinik war Carl Thiersch ein Mann, dessen hervorragende geistige Bedeutung sich schon in.seinem Aeutzeren kundgab. Eine große Gestalt mit langsamen, gemessenen Bewegungen, der Kopf meist leicht nach vorn geneigt. Das Gesicht, an einen griechischen Weisen erinnernd hätte zum Modell für einen Hippokrates oder Aristoteles dienen können. — — — Eine besondere Vorliebe hegte Tiersch für die Ausführung aller sogenannten plastischen Operationen. Hier kam gewissermaßen seine Künstlernatur — Tiersch gehörte einer bekannten Münchener Künstlerfamilie an — zur Geltung. Es war bewunderungswürdig. mit welcher Sorgfalt und unermüdlichen Ge- ^rld er die Operationen der Hasenscharten. Gaumenspalten. Epi- und Hypospadien u. a. ausführte und die erzielten Erfolge immer noch weiter zu verbessern bestrebt war. Eine besondere E'swrschaft hatte er auch in der Herstellung künstlicher Rasen @ret7^ ^cßen Personen, die ihre Aase durch zerstörende «der Verletzungen zum großen Teil eingebützt hatten, freilich stand dle Zufriedenheit des Chirurgen über den erzielten ünmer in Aebereinstimmung mit den Hoffnungen »C‘ltTO ÖU1 rIlie Eklige Wiedererlangung seiner früheren Elchen Nasenplastik erzählte »ns Thiersch einmal folgendes Geschichtchen. Ein Kranker mit fast völligem Verlust der Rase war zu ihm gekommen und 'hn dringend um künstlichen Ersatz gebeten. Sein Zu- stand sei ihm deshalb so besonders Peinlich, tveil überall, wo er sich sehen laste. die Jungens ihm nachliefen mit dem Rufe »Da geht der Mann ohne Rase!" Thiersch tat sein Möglichstes und machte dem Mann aus dessen Stirnhaut eine ''einer Ansicht nach wohlgelungene. neue Aase. Einige Zeit darauf begegnete Thiersch seinem Patienten am der Straße und fragte ihn. ob er nun zufrieden sei. Dieser aber entgegnete: „Wh, mein lieber Herr Geheimrat. es ist noch genau so wie früher. Wo ich mich jetzt sehen lasse, rufen die Jungens: Da geht der Mann mit der Aase.'' — In die Reihe der plastischen Operationen gehört auch die von Thiersch erfundene, noch jetzt häufig angewandte Methode der Äeberhäutung großer Wundflächen, wie sie namentlich durch ausgedehnte Verbrennungen Vorkommen, durch aufgesetzte flache gesunde Hautstückchen, deren Anwachsen auf die Wundfläche von Thiersch zuerst festgestellt wurde. Bei den Studenten war Thiersch ungemein beliebt, obwohl Praktikanten und Staatsexaminandmr manchmal unter seinem sarkastischen Witz zu leiden hatten. Im Grunde seines Wesens war er eine durchaus gütige Aatur. Dies zeigte sich schon in der zarten Fürsorge, die er allen Schtvrrkranken widmete, und ebenso auch in seiner Liebe zu Kindern. Darum tönte es ihm mich jedesmal, wenn er bei der Vormittagsvisite die chirurgische Kinderbaracke betrat, von all den Kinderstimmchen im Chor fröhlich entgegen: „Guten Morgen, Herr Geheimrat!" Meinen ersten Perkufsionskurs im Wintersemester 1872/73 hakte ich bei Dr. Robert Dahrdt. Dahrdt wurde später der beliebteste und meist beschäftigte praktische Arzt in Leipzig. Er genoß mit Recht die Achtung und das volle Vertrauen vieler der angesehensten Leipziger Familien, die ihn zu ihrem Hausarzt genommen hatten. Leider wird die hausärztliche Tätigkeit infolge des anwachsenden medizinischen Spezialistentums unmer seltener, was meines Erachtens sehr zu bedauern ist. Em guter Hausarzt ist immer zugleich ein guter Freund der samilie, der in vielen wichtigen, das Familienleben betreffenden Fragen oft allein den besten und entscheidenden Rät geben! kann. — — Ganz unzureichend war leider der Unterricht in der Augen- Hellkunde. Direktor der Augenklinik war Professor Evccius. ein, wie ich glaube, sehr tüchtiger und erfahrener Ophthalmologe, der sich mit Helmholtz sogar um die Priorität der Erfindung des Augenspiegels streiten konnte, der aber leider durchaus nicht die Fähigkeit besaß, eine Reihe einfacher Gedanken in narer, verständlicher Weise auszudrücken. Man hatte stets den Eindruck, als wenn sich bei ihm mehrere, zum Teil weit auseinanderliegende Gedanken in einem Sah zusammendrängten. Auf diese Weise entstanden oft Aeutzerungen von so unwiderstehlicher, unfreiwilliger Komik, daß das ganze Auditorium aus dem Lachen nicht herauskam. 3a, nicht selten kamen sogar Studierende anderer Fakultäten einmal in die Augenklinik, um an dieser seltsamen Belustigung teilzunehmen. Die älteren Assistenten der Augenklinik hatten ganze Sammlungen von Coccius- fchen Aussprüchen angelegt, die abends im Kollegenkreise vor- getragen wurden und dann stets die größte Heiterkeit erregten. So schloß z. B Evccius eine an sich schon von uns Studierenden unverstandene Auseinandersetzung Über die Dioptrik des Auges mit den Worten: „So daß wir also sagen können, daß der Schwerpunkt der modernen Physik in der vorderen Augenkammer gelegen ist.' Das Hauptmittel für die äußerliche Behandlung der Augenkrankheiten waren Lleberfchläge mit einer „Lösung von 0,48 Plumbum aceticum auf 120 Agua destillata, o." Mit nicht viel mehr als mit der Kenntnis dieses Rezeptes ausgerüstet, gingen die Studenten ins Staatsexamen. Cvccius hegte übrigens selbst von den Erfolgen seines Unterrichts keine großen Erwartungen und war der mildeste Examinator, den man fick» wünschen konnte. Außer der Abfassung einer Krankengeschichte, von deren Ausfall man aber nie etwas erfuhr, bestand das Examen fast nur noch in der Prüfung der sogenannten „Dexte- rität“. Seine Dexterität hatte der Kandidat dadurch zu er» weisen, daß er während einer von Cvccius ausgeführten Augenoperation ein Tablettchen mit den nötigen Instrumenten Hatter: mußte. Verlief diese Hilfeleistung ohne besonderen Unfall, so erhielt der Examinand die Rote II. Rur einmal, als ein Examinand das Tablettchen mit allen Instrumenten zu Voder, fallen ließ, erhielt er die Aote III.. Ein Durchfallen in Her vphthalmologischen Prüfung gab es nicht. Cvccius hatte einmal gesagt: „Ein Kollege, der einen Kollegen durchfallen läßt ist überhaupt kein Kollege." Cvccius war Junggeselle, ging elegant gekleidet und trug stets einen Zylinderhut. Er aß täglich im feinsten Restaurant Leipzigs zu Mittag, was uns Studenten besonders imponierte. Den nachhaltigsten Eindruck für mein ganzes Leben macht« mir aber die Vorlesung von Earl Lu dwig über PhysivloAe, - 18 — i < Me ich zwei Semester lang mit nie nachlassendem Interesse regelmäßig besuchte, und von der ich noch jetzt ein vollständiges, zu Hause ausgearbeitetes Kollegienheft besitze, das vielleicht mal einen gewissen historischen Wert haben könnte, Ludwig war kein glänzender Redner im gewöhnlichen Sinn wie etwa Dubois-Reymond, er sprach einfach, gleichmäßig, nicht sehr laut, aber die vollendete Klarheit des Vortrags, die immer hervvrtretende Beherrschung des Gegenstandes, die ost eigenartige Ausdrucksweise machten seine Vorlesung für jeden empfänglichen Zuhörer zu einem wahren Genuß. Gelegentlich konnte Ludwig auch einen guten und treffenden Witz machen. Einmal war in der Vorlesung einem Frosch das Großhirn größtenteils entfernt, um die reflektorischen Leistungen des vom Gehirn abgetrennten Rückenmarks zu zeigen. Plötzlich machte der ent* hirnte Frosch einen unerwarteten Sprung ins Gesicht eines der zunächst sitzenden Zuhörer, der hierüber natürlich nicht wenig erschrak. Das ganze Auditorium brach in ein -lautes Gelächter aus, Ludwig aber sagte ruhig: „Sre sehen, meine Herren, wie wenig Gehirn dazu gehört, um ein ganzes Auditorium zum Lachen zu bringen." Außer Ludwig war damals noch ein anderer bekannter Physiologe in Leipzig, der aus Prag gebürtige Professor 3. 01. Ezermak, der aus einem mir nicht bekannten Grunde seine, Professur in 3ena aufgegeben hatte und nach Leipzig uberge* siedelt war, wo er zum Honorarprofessor ernannt wurde. Ezermak war ein sehr reicher Mann und baute auf seins Kosten einen großen amphitheatralischen, für Demonstrationen besonders eingerichteten Hörsaal. Er hielt seine lehrreichen Vorlesungen in populärer Form vor einer zahlreichen, buntzusammengesetzten Zuhörerschaft. Ich erinnere mich namentlich eines Vortrags von ihm über die Leistungen be8 Herzens. Ezermak zeigte das stark vergrößerte Projektionsblld eines isolierten schlagenden Kaltblüterherzens. Der nur noch ungewohnte Anblick des in so wunderbarer Kraft und Regelmäßigkeit arbeitenden Organs machte auf mich einen solchen Eindruck, daß nur die Tränen in die Augen traten. 3ch schäme mich dessen nupt. Denn Staunen und Ehrfurcht vor der rätselhaften Gesetzmäßigkeit, der unendlichen Mannigfaltigkeit und der ineinander greifenden Einheitlichkeit in der Welt des Organischen müssen denjenigen beseelen, der sich dem Studium der Lebenserschelnungen widmen will. , r •, . Wie wohl an jeder Universität, so gab es damals auch in Leipzig, namentlich unter den älteren auherordenruchen Professoren, eine Anzahl von Sonderlingen und Originalen, die in der Studentenschaft allgemein bekannt waren, und deren Vorlesungen, wie'ich leider bekennen muß, hauptsächlich, nach dem stundentischen Ausdruck, joci causa besucht wurden. Einer dieser Sonderlinge, der Professor der 'Geburtshilfe und Kinderheilkunde Hennig war besonders berühmt wegen seiner sogar für einen Professor ungewöhnlich großen Zerstreutheit von der man sich zahlreiche komische Beispiele erzählte. So soll er einmal während einer Operation fortgegangen fein, um etwas in einem Buche nachzuschlagen. Da er aber nicht wiederkam, wurde der Assistent unruhig und ging, um zu sehen, was aus seinem Chef unterdessen geworden sei. Er fand ihn in seiner Blbtw- thek, auf der obersten Stufe der Dücherleiter sitzend und so vertieft in seine Lektüre, daß er darüber Patientin und alles andere vergessen hatte. Da Hennig der zweite Examinator in der geburtshilflichen Prüfung war, so mußten wir Studenten uns vor der Prüfung über seine Art zu examinieren und über die von ihm besonders häufig gestellten Fragen unterrichten. Zu den letzteren gehörte zum Beispiel die Frage nach dem Einfluß der verschiedenen Suppenkräuter auf das Wohl- uno älebelbefinden der Wöchnerinnen. Eine andere Frage von ihm betraf einmal den Einfluß der Erdbeben auf die Schwangerschaft^ Wenn Hennig im Sommer seine Serienreife antrat, so hatte er zwei Hüte, einen leichten Strohhut und einen wärmeren schwarzen Filzhut übereinander auf den Kops aufgesetzt. So war er später nach Bedarf für alle Eventualitäten der Witterung vorbereitet! ülebrigens war Hennig ein grundgelehrter Mann, der im Anfänge seiner Laufbahn auch mehrere gute wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht hatte. Eine andere in Leipzig damals allgemein bekannte Persönlichkeit war der a. v. Professor C. Bock, der Gartenlauben-Bock genannt, weil er für das damals am meisten verbreitete Familienblatt „©ie Gartenlaube" als ständiger Mitarbeiter .zahlreiche populäre, geschickt abgefahte medizinische Aufsätze schrieb. Dock war auch der Verfasser des damals in ganz Deutschland vielgelesenen „Buches vom gesunden und kranken Menschen", das ihm eine gewisse medizinische Berühmtheit verschafft hatte, ©ein Aeußeres erinnerte an die demokratischen Gestalten von 1848, besonders wenn der große, breitschultrige, vollbärtige Mann im wallenden Havelock, einen großen Schlapphut auf dem Kopf, nachmittags durch die Grimmasche Straße schritt. Seine Vorlesungen wurden namentlich im Sommer von Studierenden verschiedener Fakultäten besucht, weil man wußte, daß Dock an heißen Tagen stets geneigt war, mit seinem ganzen Auditorium nach Eutritzsch zu ziehen und den Hörsaal mit der Eutritzscher Gvsenschenke zu vertauschen. Roch eine dritte merkwürdige Persönlichkeit aus jener Zeit will Ich erwähnen, den Professor Johannes M i n ck w i tz, einen gelehrten Literarhistoriker, nicht talentlosen Dichter und guten Äebersetzer der griechischen Tragödien. Allgemein unter den Studenten bekannt war aber auch feine Eitelkeit und außerdem eine ganz besondere Vorliebe für den Dichter Platen. 3n einer Vorlesung über Poetik und Metrik drängten sich Studierende aller Fakultäten, und wenn er denn dm fdjpn längs erwarteten Satz aussprach: „Meine Herren, es gibt überhaupt nur drei große deutsche Dichter, Goethe, Platen und — den dritten verbietet mir meine Bescheidenheit zu nennen", dann brüllte das ganze Auditorium: „Das ist Minckwitz! Unter Minckwitz!" worauf der also Gefeierte sich verschämt lächelnd vorstellte, wird immer Kreise der Professoren der Typus des „altert Verbindungen im Zuge marschieren sollten, zu langen Erörterungen und Streitigkeiten. Ganz unlöslich schien aber die «jrage, Wer an der Spitze des Zuges mit der deutschen Fahne voranreiten sollte. Da hierin keine Einigkeit unter den Verbindungen erzielt werden konnte, so wurde die Führung des Zuges schließlich einem mir schon von Dorpat her bekannten, durchaus nativnalistifch geh nuten— Esten, namens Weske, itber- tragen, der schon in den Vorverhandlungen vielfach das große Wort geführt hatte. So ritt also an der Spitze des deutsch- patriotischen Festzuges auf einem Schiinmel, die deutsche Fahne schwenkend, ein Este! Als mein Vater dies hörte, rief er empört aus: „O diese Deutschen mit ihrem Mangel an Rationalstolz! Lassen sie ihren deutsch-patriotischen Zug von einem Ausländer anführen!" Ich erzähle dies kleine Erlebnis hier als trauriges Beispiel dafür, wie schwer oft unter den Deutschen Einigkeit zu erzielen ist, und wie leicht sie sich, was wir auch in letzter Zeit wiederholt erlebt haben, von redegewandter« Ausländern imponieren und leiten lassen. Während der großen Herbstferien des Jahres 18h, vor meinem letzten Studiensemester, habe ich zum erstenmal während einiger Wochen selbständige ärztliche Praxis ausgeübt m dem kleinen preußischen Städtchen Freyburg an der Unstrut, etwa Wo Stunden von Raumburg entfernt, anmutig im Unstruttale gelegen. Meine Eltern waren mit meiner Schwester und mir dorthin zur Sommerfrische gegangen und hatten in dem Hause des Sanitätsrats Staritz eine angenehme und freundliche Unterkunft gefunden. In Dr. Staritz lernte ich zum erstenmal Ben Typus des guten alten Landarztes Lennen, der Tag stir Tag mit feinem kleinen Wägelchen von Dorf zu Dorf fuhr, die ganze Bevölkerung persönlich kannte, die meisten Kinder schon von ihren ersten Atemzügen an, der in allen Zweigen! der Medizin, in der Geburtshilfe und einfachen Chirurgie ebenso praktisch erfahren war wie in der Behandlung der innerm Krankheiten und sich im Städtchen und dessen Umgebung überall der größten Beliebtheit erfreute. Das Staritzsche Ehepaar war kinderlos. Dem alten Doktor und seiner Frau machte es dah^ besondere Freude, abends mit uns allen zu plaudea und sich von mir und meiner Schwester Vorspielen zu laffen, wobei der 'alte sehr musikliebende Herr mit seinem saft haarlosem Kopfe ganz glückselig lächelnd den Takt nickte. Mir war er bald sehr zugetan, und ich durfte ihn täglich auf seinen ärztlichen Fahrten begleiten, wobei ich mancherlei sehen und lernen konnte. Ramentlich lernte ich bei ihm eine Menge praktische Rezepte kennen. Staritz war ein Schüler vom alten Krukenoerg in Halle und schrieb jedes Rezept mit ganz besonderer Sorgfalt und Freude. „Da setzen wir nun noch ein bißchen Liquor Ammonit anisatus zu und dann noch ein Syruvchm, damit es besser schmeckt, und vielleicht auch noch etwas Morphium gegen den Husten oder ein bißchen Tinktura Ehinae für den Appetit, Mit solchen und ähnlichen Worten weihte er mich in die ®c* Heimnisse feiner Aezeptierkunst ein, und noch ,etzt muß tcy manchesmal, wenn ich ein Rezept, namentlich stir eine schone Einreibung, verschreibe, an meinen freundlichen alten Lehrer denken. Wenn er in seinem Wägelchen auf Praxis fuhr, hatte er meist feine alte Flinte bei sich, da er zugleich ein Passw- verbeugte. Die Originale sind jetzt aus dem so gut wie ganz verschwunden. Auch Professors", wie man ihn sich früher v seltener. Die Unterschiede der Gewohnheiten und Lebensformen! zwischen den einzelnen Ständen verwischen sich immer mehr und mehr, auch die äußeren Lebensumstände der Professoren haben sich gegenüber früher gebessert. So kommt es, daß der alte, schlichte Gelehrtentypus unter den Universitätsprv- fessoren bald ganz der Vergangenheit angehören wird, und daß man jetzt sogar von einem neuen Typus des eleganten, weltmännischen und gesellschaftlich gewandten Professors sprechen kann. Ich weiß nicht, ob man diese Veränderung des Prv- fessorentums loben oder bedauern soll. Jedenfalls waren die alten Originale die kleinen bunten Lichter auf dem sonst etwas eintönigen akademischen Gesamtbilde.— Von dem eigentlichen studentischen Leben hielt ich mich tn Leipzig fast vollständig fern. Rur eines von mir miterlebten Vorganges will ich Erwähnung tun, weil er bezeichnend ist für einen besonderen, freilich wenig erfreulichen Zug des deutschen Volkscharakters. Aus einem patriotischen Anlaß, toenn ich nicht irre, am Gedächtnistage der Reichsgründung, sollte abends ein großer allgemeiner studentischer Fackelzug statt- finden. Bei den Vorbereitungen hierzu führte schon die Feststellung der Reihenfolge, in der die einzelnen studentischen Derbindunaen im Zuge marschieren sollten, zu langen Erörts- 19 — ein flottes Fischerboot. Alle Hagel! Steh mal, Wie schlau! dein« alte Zante „Rosalia" da vor Anker liegt!" Der plumpe Leichter lag an Backbvrdseite verankert. Eine ganze Strecke abseits vom Fahrwasser. Dahin hatte Schis-er Baukhage ihn mit Absicht bugsiert. Seine „Rosalia" tag da außer Schußbereich, wenn die Kriegskähne wirklich gegen die Stadt und die beiden Kanonenboote im Hasen lvsöallern sollten. Wäsche flatterte von der Leine auf Deck des Leichters. Wilm Peters und der schwarze Adriano hatten den Ruhetag benutzt und die Seife nicht gespart. . , 0(, „Ihr habt wohl Flaggenparade auf eurer „Rosalia", Hein? fragte Lührs. Schiffer Baukhage hörte nicht darauf. „Du solltest lieber mal die Köhmbuddel aus dem vchapp langen, Lührs. So'n kleiner Schluck in der Morgenkühle hat noch keinem Seemann geschadet." , „Da magst du recht haben, "Hein. - He, Eyprrmw! > rief Lührs den schwarzen Steward an, der über Deck schlenderte. „Dring mal die Dudde! rauf!" Der Schwarze brachte die Kümmelslasche, Sie war Mr Hälfte gefüllt, aber der Kork war frisch gelackt. „Rann!" staunte Daukhage. »Seit wann kommen die Flaschen nur halbvoll aus Hamburg?" . Lührs lachte vergnügt. „Du willst doch so n wchlaufuchs sein, Hein, ilnö bist doch fetzt mit dem Dummbeutel geklopft. Meinst du, mein schwarzer Cypriano soll auch an meiner Dudde! lutschen, wenn ich abends an Land gehe? Gestern war die Buddel noch gestrichen voll. Ich mache aber jeden Abend, wenn ich meinen letzten Schluck genommen habe, frischeii Lack üser den Kork und drücke mein Petschaft daraus. Das habe ich immer an kette. Und mein schwarzer Cypriano kann sich den Schnabel ' Das leuchtete Daukhage ein. „Man lernt kwch alle Lage was Neues! Ra, bei mir patzt Wilm Peters auf. Der ist noch besser Dw ttwke Schlepper dampfte die gewundene Fahrrinne entlang. auf den hohen Leuchtturm zu. Schwimmende Tonnen und schwarzgeteerte Baken bezeichneten das Fahrwasser. Vom weihen Flaggenturm wehten die Signale, die beiden Seeleute veE"sden sie auch ohne Buch. Die Flaggen meldeten die Hohe des Wasserstandes auf der Darre. . „Wasser genug! Plenth!« sagte Lührs. „Wir kriegen unseren Norweger glatt herein. Wenn er nur erst in Sicht wäre! Schimmernde Dünen säumten den Ozeanstrand. Kern Strauch, kein Halm weit und breit zu sehen. Man kriegt gleich Durst, wenn man so viel tränen Sand sieht," sagte Daukhage und langte sich die Kümmelstasche noch einmal. Er tat einen sehr langen Zug. .. Junge, komm wieder i" lachte Lührs, „Ra, nun brauche ich die Buddel nicht mehr zu lacken." Ree das brauchst du nu mch mehr. Schiffer Daukhage warf gleichmütig die teere Flasche über Bord. Auf den Sandsäcken der Darre stand schaumende ©ec. Die Dünung rollte gegen den Strand. Der kleine Schlepper stanrpfte nicht schlecht, als er über die Darre ging. Aber in wenigen Minuten war er über die gefährliK- Stelle hinweg und dampft« in den offenen, schwarzblauen Ozean hinein. Kapitan .Lührs handhabte den Kieker. . , Der verdammte Norweger ist noch immer nicht zu fetzG», Hein" Änd er hat doch feines Wetter gehabt!' ,Er hat vielleicht Angst vor der Revolution hiev und ist nach Montevideo gegangen. Oder Kapitan Moreira hat mal Flibustier gespielt und läht das schone Weizenmehl für seine Piraten verbacken." , , „Da würde der norwegische Gesandte grohen Krach machen, Kann er ja gern. Dann muh die RegierunA das Mehl bezahlen, und Kapitän Moreira hat billiges Wechbiwt auf iljrc Kosten. Er bezahlt ja auf keinen Falk. Die Regierung mutz Daukhage erzählte mit vieleui ^agen, wie manchs Fremde im Lande ganz gern ein paar Hun^rt Sack Mehl k^ Zucker zu Darrikadenbauten in der Revolution requirieren ließ VCU .Aen/Ue^Geschichte vorüber ist, muh das ja fein bezahlen. Du kannst das nicht machen, Suhrs, denn ^Wenn ^''verdammte Norweger doch endlich »»Hwig möchte, Hein! Aber da sehe ich Rauch. Wolkermal anmorsen. Bielleicht hat er den Norweger gesehen und gibt "^Zpktän Lührs rief dem Rn^rgast ein ^.Ämnmo^o zu. Der Dampfer nahm neuen Kurs. Gerade auf Die Sein« dunkle Rauchfahne zu, die in der Kimme stand. „Am Ende ist das die verflixte „Gloria - sorgte sich Hem Naulbaae Da kämen wir schön in Deubels Küche. „Röstens siehst du noch den fliegenden HoWnder, Llnd wenn das wirklich Kapitän Moreira nckt fesi,«M°^ wäre — was geht uns das an? Er kann mir Den Hobt» MtH- blasen." nieder Jagdliebhaber war. Freilich jagte es nur fetten auf edles Wild, zumeist waren es nur die zahlreichen Karnickel jener Gegend, die unter seiner Jagdlust zu leiden hatten, und von denen er abends manches Stück für die Kiche seiner Frau als einen von ihm sehr geschätztm Dratm heimbrachte. Auch ich habe öfters des Abends mit ihm aus dem Anstand gesessen Und gelegentlich sogar einen Hasen als -Jagdbeute heimgebracht Staritz war viele Jahre lang nicht aus seinem kleinen Städtchen herausgekommen und faßte nun den großen Entschluß, einmal eine kleine Reise zu machen und mir ferne Der° tretung in der Praxis für drei bis Wo^r anzuverckrauen. Nicht ganz ohne Bedenken, aber schließlich doch gern Sing ich auf den Vorschlag ein, und so war ich denn für kprze Zeit zum erstenmal selbständig ärztlich tätig und kutschierte nun ebenso in dem kleinen Doktorwäzelchen ganz stolz tn den umliegenden Dörfern umher. In der dortigen Bevölkerung Herrschte damals eine ziemlich ausgedehnte Ruhrepidemie. Ich behandelte die meisten Fälle in der von Dr. Staritz erlernten Weise mit gutem Erfolg und habe später fast immer, wenn ich über Dysenterie in der Klinik zu sprechen hatte, an metnq ersten Freyburger Erfahrungen über diese Krankheit denken müssen. Schwierige chirurgische oder geburtshilfliche Falle kamen glücklicherweise während der Zeit meiner ärztlichen Vertretung nicht vor, so daß ich Herrn Dr. Staritz bei seiner Mrckkehr mit gutem Gewissen über alles in seiner Praxis Srwbte und Vollbrachte Bericht erstatten konnte. Als ich später schon Professor der Medizin geworden war, schrieb mir der alte Dr. Staritz noch manchmal einen freundlichen Dries, worin er feiner gveude darüber Ausdrua 'gab, was aus seinem ehemaligen Schüler alles geworden war. Die Flibustier. Eine Erzählung von der Küste Brasilien». Don Dr. Alfred Funke. (Fortsetzung.) Franke sträubte sich zwar, aber Kapitän Lührs und Schisser Daukhage, die am Tisch sahen, zogen ihn sanft auf feinen gewohnten Stuhl, und Schifter Daukhage klopfte ihm gemütlich auf die Schulter: „Sei kein Frosch, Franz! Wienn sie dir morgen ein Loch durch den Bauch schießen, was ich dir md}- gönnen will, kannst du keinen Schoppen mehr im Magen behalten. Also versorge dich heute noch!" , Mach doch unserem Bäcker feine Angst. Daukhage! wehrte Kapitän Lührs. „Die ganze Revolution ist ja dummes 3eug. Wir gehen morgen früh in See und holen dw norweg^che Dar? herein, die mit Mehl von Buenos Aires kommt. SW muh morgen vor der Barre sein. Ich weih wohl, daß Kapitan Moreira mit seinem kleinen Kreuzer „Gloria" unterwegs ist und dem General hier gern eine Granate m den Bvhnentops Wersen will. Aber wie will er über die Barre kommen, wen» wir die Seezeichen wegnehmen? Dann bleibt er auf den Danken kleben und kann da alt werden. Geht mir doch mit dem ganzen Zauber!" , „ . .... Die anderen Gäste am Tifch machten bedenkliche Gesichter. In Porto Seguro hatte ein Boot gemeutert und tatsächlich ein paar Schüsse abgegeben. Die „Patria" konnte jeden Tag vor Rio do Dugre erscheinen imb mit Kapitän Moreira gemeinsame Sache machen. Aber Kapitän Lührs lieh sich nicht beirren. Wir gehen jedenfalls morgen früh in See und verdienet» uns ein bübsches Schkeppgekd. Was fasst du, Hein Baukhage? „Natürlich! ttnd wenn eine ganze Flibustierflotte vor der Darre läge! Wollen mal sehen, Freunde, der Norweger hat viel- keicht ein Paar Flaschen guten Korn an Bord. Das Bier aus Kristiania ist auch nicht schlecht. Vielleicht bringe ich ein Fäßchen Heringe mit an Land. Dann hätten wir alles, was zu entern gemütlichen Abend gehört." Kapitän Lührs dampste tatsächltch aus seinem „Dom Pedro beim ersten Sonnenstrahl aus dem Hasen. Die Kormvrane und Sägetaucher, die ihre Fische kröpften, reckten die Hälse hinter dem slinken deutschen Dampfer unter der grüngoldenen Aagge Brasiliens. , „Wie viel Fische so 'n Beest wvll per Tag fressen mag? überlegte Schiffer Daukhage, der neben dem Kapitän auf der Drücke des „Dom Pedro" stand. „Was geht uns das an. Hein?" „9a, das sagst du wvll. Aber bedenke mal, wieviel Geld wir verdienen könnten, wenn wir die Beefter hier abfchössen und die Fischerei selber in Betrieb nähmen. Den Fang wollte ich woll besorgen, denn ich bin früher ein richtiger Fvhvensmann auf der Nordsee gewesen, und du könntest die Räucherei übernehmen. Du bist das ja von deinem Smeukewer*) her gewöhnt.' Einem anderen hätte Kapitän Lührs das übelgenommen, aber er kannte seinen alten Freund Daukhage. Der muhte den Dampserkapitäneu immer mal etwas Pulver in den Pfeifentabak mischen. Also lachte Lührs gemütlich und meinte: „Du kannst ja deine „Rosalia" als Blankeneser Ewer auftakekir. Das wäre *) Smeukewer (Qualmkahn) ist eine spöttische Bezeichnung für Dampfer. — 20 - Lkhrs gebrauchte eine brasilianische Redensart, an der Kapitän Moreira wohl faum Gefallen gefunden hätte, falls er sie gehört haben würde. Aber Lührs glaubte nicht an die „Gloria". Die gondelte wohl irgendwo im Rorden herum, vor Bahia oder Pernambuco. Was wollte der Kriegskahn auch hier im Süden, wo er höchstens auf dem Sande kleben und wrack werden könnte! War nicht erst vor zwei Jahren die „Rio Apa" elend auf der Barre zerschlagen worden wie ein alter Topf? Wenn hier die See grob auf den Bänken stand, war an Hilfe in Seenot nicht zu denken. Das wußte auch Moreira ganz genau. „Moreira hat ja noch vor zwei Jahren hier die beiden Kanonenboote unter sich gehabt, ehe er nach Rio versetzt wurde," sagte Lührs. Hein Daukhage spuckte über Bord. „Ja. weil er die Gegend hier genau kennt, kommt er am Ende mit Absicht her zu uns. In den großen Häfen könnten ihn die Regierungsschiffe vor das Rohr nehmen. Hier könnte er fein unterschlüpfen. Wie ein Karnickel im Dau. wenn der Fuchs hinter ihm ist." „Oder auch wie der Hecht im Garn, Hein." Jedenfalls hielt Kapitän Lührs gerade auf das. fremde Fahrzeug zu. Er nahm das Signalbuch und klamüserte sich die Flaggen zusammen zu einer Frage: „Habt ihr norwegischen Segler auf Fahrt hierher gesehen?" Währenddessen beobachtete Daukhage den fremden Dampfer. Aach einer guten halben Stunde lief) er sich nicht weiter beireden von Lührs. „Das ist ein richtiger Manowar*), Lührs! Oder ich habe meinen letzten Köhm getrunken." Lührs bekam einen Schreck. „Da soll doch rein heiliges Aber da half kein Fluchen und Wettern mehr. Der Fremde kam in großer Fahrt auf. Deutlicher und deutlicher war die weihe Dugwelle zu unterscheiden. Aach ihr zu urteilen, fuhr der Kasten nun äußerste Kraft auf den „Dom Pedro" zu. .Und nun----— richtig! Da gingen die Signalwimpel hoch: „Drehen Sie bei und erwarten Sie mich!" Dazu hatte Kapitän Lührs nun durchaus keine Lust. „Ich bin hier auf Fahrt, um ein gutes Schleppgeld zu verdienen," schimpfte er. „Ich habe mit Revolution nix. zu tun. und mit ihren Kommandanten erst recht nir! Die sollen ihren Schiet- kram allein ausmachen. Wir dampfen weiter, Hein." Aber Daukhake machte ein kritisches Gesicht. „Der Hase will auch weiter, wenn der Fuchs ihm an den Nähten ist. Aber der Fuchs läht ihn nicht aus." Bum! — — An Dvrd des Kriegsschiffes blitzte es auf. @in kleines Weihes Wölkchen strich von der Geschützpforte. Eine Granate heulte an B.rckbordseite des „Dom Pedro" vorbei und schlug ins Wasser, dah eine gewisse Gischtsäule aufspritzte. „Achtung!^ sagte Hein Daukhage unwillkürlich. „Die Sache wird diesig, Hein, der verdammte Manowar hat uns klargekriegt. And ich Schafskopp bin ihm geradezu in den Rachen gelaufen. Ich könnte mir sämtliche Haare ausreihen, und zwar jedes einzeln." „Zuviel Arbeit hättest du ja damit nicht." „Du kannst mit deinem Sardellenbrötchen auch nicht zuviel Staat mehr machen. Hein. Aber was nützt die Kabbelei? Wir müssen beidrehen, oder der verdammte Kasten jagt uns eine Granate in den Kessel, daß unserem „Dom Pedro", die Puste binnen zwei Minuten ausgeht." Lührs rief sein „Stop!" in den Maschinenraum und erwartete den Brasilianer. An der Stellung der Mafien erkannte man das Kriegsschiff. Die Geschütze lugten aus den Pforten und auf der Brücke handhabten die Offiziere den Kieker. Bald war auch der Rame zu entziffern. „Hols der D'ubel, Hein — es ist die „Gloria"! Kommandant Moreira. Na, ich kenne ihn ja und habe manche Partie Dillard mit ihm gespielt und manchen Schnitt Portwein mit ihm getrunken, als er noch bei uns im Hafen lang. Run wird er wohl den Größenwahn gekriegt haben, seitdem er Fregattenkapitän geworden ist und unter Admiral Severiano seine Flagge führt. Ich bin ja neugierig. Sieh mal, wie die schwarze Kru über die Reeling lugt! Vielleicht ist der schwarze Olympiv auch wieder bet Moreira an Bord." „Das war ein dolles Stück damals, Lührs, was?" Während der „Dom Predo" ruhig vor dem Steuer lag und sich von den langen Wogen des Ozeans gemächlich heben und senken ließ,, redeten die deutschen Seeleute von den; Fall Olym- pio. Der Matrose Olympia dos Santos hatte eines farbigen Mädchens wegen Streit mit einem Polizisten in Rio do Bngre bekommen und dem Rebenbuhler sagen lassen, er möge sich hüten, ihm, Olhmpiv, zu begegnen, wenn er nicht in den Stiefeln sterben wolle. An einem stillen Sonntagnachmittag, als die liebe Sonne recht schön auf Plätzen und Straßen brütete, rekelte sich der Polizist recht behaglich in einer schattigen Ecke am Hahnen- zirkus in der Aua Direita, als plötzlich der schwarze Olympia vor ihm atlftauchte und ihn einfach niederschoß wie erneu tollen Hund. Olhmplo ging ruhig zum Hafen hinab, während auf den Schuh und das Geschrei auf der Aua Direita die Polizei zum Hahnenzirkus rannte. Olympto kam daher unangefochten an Bord feines Kanonenbootes „Salvador" und meldete seine Angelegenheit dem Kommandanten, dem damaligen Kapitänleutnant Alfredo Moreira. „Das hast du ganz recht gemacht, Olhmpio," lobte ihn der Vorgesetzte. „Wenn der Polizist dir ins Gehege gekommen ist, und du ihn noch obendrein gewarnt hast, hat er den Revolver verdient. Mache dir also keinen Kummer deshalb! Du bleibst an Bord, bis ich dir erlaube, das Schiff zu verlassen. Verstanden?" „Zu Befehl, Herr Kommandant!" Eine Stunde später kam ein Boot mit Polizisten längsseits der „Salvador". Der farbige Bootsmann Miguel, der das Ruder führte, hatte die Polizei zwar dringend gewarnt, sw möge nicht zu nahe an das Kanonenboot heranpulen, denn et kenne die Gewohnheiten der Mariner gegen die Polizei. Aber der Staatsanwalt Alcibiades Fonseca selbst war ins Doot gegangen und wollte diesen „Seemvlchen" an Bord der „Salvador" einmal zeigen, was ein richtiggehender Staatsanwalt zu bedeuten habe. Er stand also auf und rief aus dem Doot zur Reeling des Kanonenboots hinauf, das Fallreep solle nieder gefiert werden, denn er verlange die Auslieferung des Matrosen Olhmpio dos Santos wegen Mordes. Der Kommandant erwiderte sehr gemessen, er werde das Fallreep niederfieren lassen, sobald ihm selber das angebracht erscheine, der Staatsanwalt aber habe an Bord der „Salvador" nicht das geringste zu suchen. Zur Gerichtsverhandlung solle der Matrose, der übrigens in seinem guten Rechte sei, erscheinen. Aber ins Untersuchungsgefängnis schicke er ihn nicht. Aebrigens gebe er dem Boot den guten Rat. sich schleunigst davonzumachen, denn die Besatzung der „Salvador" mache gerade Reinschiff, und dabei fliege leicht allerlei über Bord. Der Bootsmann riet dem Staatsanwalt sehr dringend, den Rat des Kommandanten zu befolgen. Er kenne die Sache. Aber der Herr Alcibiades Fonseca war nicht gesonnen, so schnell die Flagge seiner Würde zu streichen, und begann eine längere Gegenrede, die jäh unterbrochen wurde durch eine Pütze Spülwasser, die gerade auf den Seidenhut des Herrn Alcibiades niederplanlschte und ihn in einen rieselnden Regen hüllte, de» nicht gerade nach Ambra oder Kölnischem Wasser duftete. Run legten sich die Polizisten denn doch mit Macht in die Riemen und strebten dem sicheren Hafenkai zu. Aber ehe sie das Boot außer Wurfweite gebracht hatten, ging ein Hagel von Grüßen aus sie nieder, für die sie nicht dankten. Leere Konservenbüchsen, mit Asche gefüllt, Küchenabfälle, faule Orangen, Bananenschalen, Töpfe, die mit chinesischen Stinkbomben verdächtige Gemeinschaft hatten, alles hagelte auf die schwarzen Lederkäppis der Pvli- zisten und auf den protestierenden Redner Alcibiades nieder, der heilige Rache schwur, einstweilen aber aussah, als sei er in Spülwasser getaucht und dann in eine Müllgrube gesteckt worden. Der Bootsmann fluchte das ganze Register herunter, das er in langjähriger Hebung gesammelt hatte. Telegramme an den Präsidenten und den Marineminister forderten Genugtuung für die arg blamierte Staatsgewalt und Polizei. Sine Depesche kam zurück, die den Kapitänleutnant Moreira einstweilen zur Disposition stellte. Aber kein Bote wollte das Telegramm an Bord bringen. Also kommandierte Moreira ruhig weiter. Er ließ fragen, wann der Verhandlungstag gegen Olympiv sei, und als dieser kam. ging er persönlich mit dem Matrosen vor Gericht. Das Schwurgericht tagte in einem Saal zu ebener Erde. Auf dem Platz vor dem Gebäude sammelten sich die Blaujacken des Kanonenbootes, und keiner hatte sein Messer oder seinen Revolver vergessen. Der Staatsanwalt hielt eine fulminante Rede gegen den Angeklagten und auch gegen die Marine, denn er hatte den üblen Empfang noch nicht verschmerzt und sein Seidenhut war nicht mehr aufzubügeln gewesen. Endlich wurde das Urteil gefällt: zwanzig Jahre Kerker. Im gleichen Augenblick gab es auf der Anklagebank ein heftiges Gepolter. Die beiden Polizisten, die den Matrosen bewachten, ließen die Gewehre fallen und krümmten sich wie Fragezeichen, denn jeder von ihnen hatte einen Faustschlag auf den Magen weg. Olympiv, den Revolver in der Faust, bahnte sich einen Weg durch die Zuhörer zum offenen Fenster, jumpte hinaus und wurde von den Kameraden mit Hurra wieder an Bord der „Salvador" gebracht. Als der Staatsanwalt, der sich im ersten Schreck hinter einem umgestürzten Tisch verkrochen hatte, den Flüchtling wiederhaben wollte, gestattete der Kommandant bereitwilligst die Durchsuchung der „Salvador". Da fand sich aber kein Olympiv. Der war am Abend vorher in aller Stille als Heizer mit dem Pvstdampfer nach Montevideo gegangen. — „Wahrhaftig. Hein!" staunte der Kapitän Lührs, „dvr achtem grient Olhmpio öwer de Reeling. — Sieh mal, der schwarze Galgenvogel winkt sogar! Ja, winke man, du schwarzer Hannake! Du fehlst hier noch!" (Fortsetzung folgt.) *) Kriegsschiff, kochristleitüng: Dr. Stiebt- Will». Lange. — Druck und Verlag der Brübl'schen Univ.-Büch- und Stetndrnckerei. R. Lange. Gießen.